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Dombey und Sohn ? Band 2

Charles Dickens: Dombey und Sohn ? Band 2 - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn ? Band 2
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Siebenunddreißigstes Kapitel.

Mehr als eine Warnung.

Florence, Edith und Mrs. Skewton waren am andern Tage beisammen, und der angespannte Wagen harrte an der Tür. Denn Kleopatra hatte jetzt wieder ihre Galeere, und Withers, nicht länger der Spindeldürre, stand in taubengrauer Jacke und militärischen Beinkleidern zur Zeit der Tafel hinter ihrem räderlosen Stuhl, ohne fortan die Dienste eines Sturmbocks verrichten zu müssen. In jenen Tagen des Flaums glänzte Withers' Haar von Pomade; auch trug er Glacéhandschuhe und duftete von weitem nach Kölnischem Wasser.

Sie waren in Kleopatras Zimmer versammelt. Die Schlange des alten Nil (wir wollen sie nicht aus Achtungswidrigkeit so nennen) ruhte auf ihrem Sofa, schlürfte um drei Uhr nachmittags ihre Morgenschokolade, und Flowers, die Zofe, legte ihr die jugendlichen Manschetten und Krausen an. Dann verrichtete Flowers an ihrer Gebieterin noch eine Art Privatkrönung vermittels eines pfirsichblütenfarbenen Samthuts, in dem die künstlichen Rosen ungemein vorteilhaft nickten, je nachdem das Zittern des Kopfs gleich einem Lüftchen damit spielte.

»Ich denke, ich bin heute morgen ein wenig angegriffen, Flowers«, sagte Mrs. Skewton. »In der Tat, meine Hand zittert.«

»Ihr wißt, Ma'am«, versetzte Flowers, »daß Ihr gestern abend das Leben der ganzen Gesellschaft ausmachtet, und nun müßt Ihr es eben büßen.«

Edith, die Florence nach dem Fenster gewinkt hatte und eben hinaussah, den Rücken der Toilette ihrer hochachtbaren Mutter zugekehrt, wich jetzt plötzlich zurück, als ob es geblitzt hätte.

»Mein Herzchen«, rief Kleopatra im Tone der Erschöpfung, »du fühlst dich nicht angegriffen. Sage mir nicht, meine liebe Edith, daß du bei deiner beneidenswerten Ruhe gleichfalls anfängst, eine Märtyrerin zu werden, wie deine Mutter mit ihrer unglücklichen Konstitution. Withers, jemand an der Tür!«

»Karte, Ma'am«, sagte Withers, sie Mrs. Dombey überbringend.

»Ich gehe aus«, versetzte sie, ohne danach hinzusehen.

»Meine Liebe«, sprach Mrs. Skewton gedehnt, »wie gar wunderlich von dir, absagen zu lassen, ohne auch nur nach dem Namen zu sehen! Bring die Karte mir, Withers. Himmel, meine Liebe – noch dazu Mr. Carker! Dieser ungemein verständige Mann!«

»Ich gehe aus«, wiederholte Edith in so gebieterischem Ton, daß Withers zur Tür ging, dem Diener, der draußen wartete, die Worte »Mrs. Dombey geht aus. Also fort mit Euch!« zurief und ihm vor der Nase die Klinke zuschnappen ließ.

Nach langer Abwesenheit kam jedoch der Diener wieder zurück und flüsterte Withers abermals etwas zu, der darauf, obschon nur ungerne, aufs neue sich vor Mrs. Dombey präsentierte.

»Mit Erlaubnis, Ma'am, Mr. Carker läßt seine achtungsvollen Empfehlungen melden und bittet, wenn es Euch möglich sei, nur um eine einzige Minute – Geschäfte halber, Ma'am.«

»Wahrhaftig, meine Liebe«, sagte Mrs. Skewton in ihrer mildesten Weise, da das Gesicht ihrer Tochter einen drohenden Ausdruck angenommen hatte, »wenn du mir ein Wort gestatten willst, so möchte ich dir raten –«

»So führ' ihn hierher«, unterbrach sie Edith.

Sobald Withers verschwunden war, um diesen Befehl auszuführen, fügte sie finster gegen ihre Mutter hinzu: »Da es auf Euren Rat geschieht, so soll er auch auf Euer Zimmer kommen.«

»Darf ich – soll ich fortgehen?« fragte Florence hastig.

Edith nickte; aber schon auf dem Weg zur Tür begegnete Florence dem eintretenden Besuch. Mit derselben widerlichen Mischung von Vertraulichkeit und Schonung, mit dem er sie früher angeredet hatte, wandte er sich jetzt in seiner sanftesten Art an sie – hoffte, daß sie sich wohl befinde – brauchte nicht zu fragen, da er schon in dem Aussehen die Antwort las – hatte gestern abend kaum die Ehre gehabt, sie zu kennen, da sie sich so sehr verändert – und hielt ihr die Tür offen, daß sie hinausgehen konnte. Indes vermochte alle Ehrerbietung und Höflichkeit seines Benehmens nicht ganz das geheime Bewußtsein der Gewalt zu verbergen, die er über sie besaß und die sich in ihrem schüchternen Zurückweichen vor ihm ausdrückte.

Dann beugte er sich einen Augenblick über Mrs. Skewtons herablassende Hand und machte endlich Edith seine Verbeugung. Letztere erwiderte seinen Gruß mit Kälte, ohne ihn eines Blickes zu würdigen oder ihm einen Sitz anzubieten, und erwartete stehend seine Anrede.

Bei all ihrem Stolz und der ganzen Verstockung ihres Geistes fühlte sie doch den lähmenden Eindruck der alten Überzeugung, daß dieser Mann von Anfang an sie und ihre Mutter in ihren schlimmsten Farben erkannt habe – daß jede Herabwürdigung, die sie erduldet, vor ihm so offen daliege, wie vor ihr selbst – daß er in ihrem Leben zu lesen verstand, wie in einem schlechten Buch, und daß er in den geringschätzigen Blicken und Tönen, die keiner anders aufdecken konnte, die Blätter vor ihr umschlug. Zwar trat sie ihm stolz entgegen, ihr gebieterisches Gesicht zwang ihn zur Demut, ihre Verachtung ausdrückende Lippe wies ihn zurück, ihre Brust wogte zornig über seine Aufdringlichkeit, und die dunkeln Wimpern ihrer Augen verschleierten düster das darunter weilende Licht, um ihm ja keinen Strahl davon zukommen zu lassen, während er mit der Miene eines Gekränkten, bittend, aber mit vollkommener Unterwerfung unter ihren Willen, vor ihr stand. Trotzdem aber fühlte sie in ihrer tiefsten Seele, wie ganz anders die Sache sich verhielt, als es den Anschein hatte. Eine innere Stimme sagte ihr, der Triumph und die Überlegenheit seien auf seiner Seite und er wisse das recht wohl.

»Ich habe mich unterfangen«, sagte Mr. Carker, »Euch um Gehör zu bitten, und es zugleich gewagt, den Gegenstand meines Besuches als Geschäftssache zu bezeichnen, weil –«

»Vielleicht seid Ihr von Mr. Dombey mit einem Verweise beauftragt«, unterbrach ihn Edith. »Ihr besitzt Mr. Dombeys Vertrauen in einem so ungewöhnlichen Grade, Sir, daß es mich kaum überraschen würde, wenn dies Euer Geschäft wäre.«

»Ich überbringe keinen Auftrag an eine Dame, die einen Glanz auf seinen Namen wirft«, sagte Mr. Carter. »Aber ich bitte diese Dame, einem unbedeutenden, von Mr. Dombey abhängigen Mann, der schon durch seine Stellung zur Demut angewiesen ist, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und zu bedenken, daß es gestern abend nicht in seine Macht gegeben war, der Beteiligung auszuweichen, die ihm bei einem sehr peinlichen Anlaß aufgedrungen wurde.«

»Meine teuerste Edith«, bemerkte Kleopatra in gedämpfter Stimme, indem sie ihr Augenglas senkte, »in der Tat ganz bezaubernd von Mr., wie heißt er doch. Und voll Herz!«

»Denn ich erlaube mir«, sagte Mr. Carter, sich mit einem Blick dankbarer Ehrerbietung auf Mrs. Skewton berufend, »ich erlaube mir, ihn einen peinlichen Anlaß zu nennen, obschon er es nur für mich war, da ich das Unglück hatte, bei ihm zugegen sein zu müssen. Eine solche kleine Irrung zwischen Personen, die sich gegenseitig mit uneigennütziger Hingebung lieben und in einer derartigen Sache gern jedes Opfer bringen würden, ist eigentlich für nichtig anzuschlagen, und ich stimme Mrs. Skewton vollkommen bei, die gestern abend mit so viel Wahrheit und Gefühl das alles auch für nichtig erklärte.«

Edith konnte nicht nach ihm hinsehen, sagte aber nach einer kurzen Pause:

»Und Euer Anliegen, Sir? –«

»Edith, mein Herz«, bemerkte Mrs. Skewton, »Mr. Carter steht diese ganze Zeit über! Mein lieber Mr. Carter, ich bitte, nehmt einen Sitz.«

Er gab der Mutter keine Antwort, sondern heftete seine Augen auf die stolze Tochter, als sei er entschlossen, nur ihrem Geheiß Folge zu geben. Wider Willen setzte sich Edith nieder und winkte ihm leicht mit der Hand, daß er gleichfalls Platz nehme. Sie tat das mit dem kalten Stolz anmaßender Überlegenheit. Aber wie sehr sie auch sogar gegen ein solches Zugeständnis angekämpft hatte, war es ihr doch entrungen worden. Genug für Mr. Carter. Er nahm Platz.

»Habe ich Eure Erlaubnis, Madame«, sagte Carter, seine weißen Zähne gleich einem Lichte gegen Mrs. Skewton hinwendend – »eine Dame von Eurem trefflichen Verstand und Eurem tiefen Gefühl wird mir zuversichtlich Glauben schenken, daß ich gute Gründe dafür habe – das, was mir mitzuteilen obliegt, an Mrs. Dombey zu richten, damit sie sodann Euch darüber Auskunft gebe, die Ihr, außer Dombey, ihrem Herzen am nächsten steht?«

Mrs. Skewton wollte sich entfernen, aber Edith hielt sie zurück. Sie würde auch dem Sprecher Einhalt getan und ihm entrüstet die Weisung gegeben haben, er solle entweder offen oder gar nicht reden. Da er jedoch mit gedämpfter Stimme die Worte – »Miß Florence – die junge Lady, die eben das Zimmer verlassen hat« – hinwarf, unterbrach sie ihn nicht weiter, und sah jetzt sogar nach ihm hin. Aber als er sich, um ihr näher zu sein, mit der Miene des größten Zartgefühls und der Achtung, die Zähne überredend zu einem abbittenden Lächeln geordnet, vorwärts beugte, war es ihr, als hätte sie ihn mit Einem Streiche totschlagen mögen.

»Miß Florence«, begann er, »hat sich in einer unglücklichen Lage befunden. Es fällt mir schwer, das gegen Euch zu berühren, da Eure Zuneigung zu dem Vater natürlich jedes Wort auf die Wagschale legen wird, das sich auf ihn bezieht.« Stets bestimmt und weich in seiner Sprache – keine Zunge vermöchte die Ausdehnung dieser Bestimmtheit und Weichheit zu schildern, als er obige Worte oder andere ähnlichen Inhalts vorbrachte. »Als ein Mann übrigens, der in seiner untergeordneten Stellung Mr. Dombey anhängt und der fast sein ganzes Leben in Bewunderung von Mr. Dombeys Charakter verbrachte, darf ich wohl sagen, ohne Eure Zärtlichkeit als Gattin zu verletzen, daß Miß Florence unglücklicherweise vernachlässigt wurde – von ihrem Vater. Darf ich sagen, von ihrem Vater?«

»Ich weiß es«, versetzte Edith.

»Ihr wißt es?« entgegnete Mr. Carker, der tat, als fühle er sich ungemein erleichtert. »Dies wälzt mir eine Bergeslast von der Brust. Und hoffentlich ist Euch auch bekannt, worin diese Vernachlässigung ihren Ursprung nahm, in was für einer liebenswürdigen Phase von Dombeys Stolz – Charakter, wollte ich sagen –«

»Ihr könnt das übergehen, Sir«, erwiderte sie, »um desto früher mit dem zu Ende zu kommen, was Ihr mir mitzuteilen habt.«

»Ich fühle in der Tat, Madame«, versetzte Carter – »glaubt mir, ich fühle aus tiefster Seele, daß Mr. Dombey Euch gegenüber in nichts einer Rechtfertigung bedarf. Wofern Ihr übrigens mein Herz freundlich nach dem Euren beurteilen wollt, so werdet Ihr mir meine Teilnahme für ihn verzeihen, wenn sie auch vielleicht in ihrem Übermaß irre geht.«

Welch ein Dolchstoß für ihr stolzes Herz, Angesicht in Angesicht mit diesem Mann dasitzen zu müssen, der ihr den Meineid, den sie an dem Altare geschworen, wieder und wieder vorhielt, ihn ihr aufdrängend gleich dem Bodensatz in einer garstigen Tasse, den sie nicht zurückweisen konnte, wie sehr ihr auch davor ekelte. Beschämung, Leidenschaft und Gewissensbisse tobten in ihrem Innern, denn sie mußte sich gestehen, daß sie trotz der aufrechten und majestätischen Haltung, die sie ihm gegenüber bewahrte, im Geiste zu seinen Füßen saß.

»Miß Florence«, sagte Carter, »blieb der Sorge – wenn man anders hier von Sorge reden kann – der Dienstboten und bezahlten Personen überlassen, die in jeder Weise unter ihr standen, während ihr doch ein Führer und Kompaß für ihre Jugend nötig gewesen wäre. In Ermangelung dessen ist sie natürlich unbesonnen gewesen und hat einigermaßen ihre Stellung vergessen. Es begab sich eine törichte Geschichte mit einem gewissen Walter, einem gemeinen Jungen, der jetzt glücklicherweise tot ist. Außerdem unterhielt sie, wie ich mit Bedauern sagen muß, einen sehr unwünschenswerten Verkehr mit einigen Küstenschiff-Matrosen von nichts weniger als gutem Ruf und einem entlaufenen alten Bankerottmacher.«

»Ich habe von diesen Umständen gehört, Sir«, entgegnete Edith, einen Blick der Verachtung nach ihm hinblitzen lassend, »und weiß, daß Ihr sie verdreht. Möglich, daß Ihr selbst nicht gehörig unterrichtet seid. Ich hoffe das wenigstens.«

»Verzeiht mir«, sagte Mr. Carter. »Ich glaube, niemand kann besser davon unterrichtet sein als ich. Eure hohe, warme Seele, Madame, dieselbe Seele, die so edel, so gebieterisch ist in Verteidigung Eures geliebten und geehrten Gatten und denselben völlig nach Würden behandelt, verdient sicherlich alle Achtung, und ich beuge mich in Ehrerbietung davor. Doch was die Umstände betrifft, auf die ich Euch aufmerksam zu machen für meine Pflicht halte, so kann ich keinem Zweifel Raum geben, daß ich nicht in Erfüllung meiner Aufgabe als Mr. Dombeys vertrauter Freund – ich erdreiste mich, ihn so zu nennen – alles vollkommen erkundet habe. Ich bemühe mich, diesem Vertrauen Ehre zu machen, und sorge für alles, was in Beziehung dazu steht. Jedenfalls habe ich mich jetzt beeilt, von dieser treuen Sorge Euch einen Beweis zu bringen; und so habe ich in Person sowohl als durch zuverlässige Werkzeuge geraume Zeit den Tatsachen nachgeforscht, so daß ich mit zahlreichen und ins einzelne gehenden Belegen versehen bin.«

Sie erhob ihre Augen nicht höher als bis zu seinem Mund, sah aber die Mittel zum Unheilstiften prahlerisch in jedem Zahn, den er enthielt, sich zur Schau stellen.

»Verzeiht mir, Madame«, fuhr er fort, »wenn ich mir in meiner Verwirrung herausnehme, Euch um Euren Rat anzugehen und mir Eure Weisungen zu erbitten. Ich glaube, bemerkt zu haben, daß Ihr für Miß Florence große Teilnahme fühlt.«

Was gab es auch in ihr, das er nicht bemerkt hätte, und das ihm nicht bekannt gewesen wäre? Gedemütigt und zugleich bis zum Wahnsinn gehetzt bei dem Gedanken in jeder neuen, auch noch so unbedeutenden Ahnung davon, preßte sie ihre Zähne auf die bebende Lippe, um sie zur Ruhe zu bringen, und verbeugte als Erwiderung abgemessen den Kopf.

»Diese Teilnahme, Madame – ein so rührender Beweis davon, daß Euch alles teuer ist, was mit Mr. Dombey zusammenhängt – veranlaßt mich, zu zögern, ehe ich ihn mit den gedachten Umständen bekannt mache, von denen er bis jetzt noch nichts weiß. Wenn ich es gestehen darf, so erschüttert sie mich insoweit in meiner Dienstpflicht, daß ich sie unterdrücken würde, wenn Ihr mir auch nur im mindesten andeutet, daß Ihr dies wünschen könntet.«

Edith erhob rasch ihren Kopf, fuhr zurück und heftete ihren dunkeln Blick auf ihn. Er begegnete ihm mit seinem mildesten, ehrerbietigsten Lächeln und fuhr fort:

»Ihr sagt, meine Darstellung sei eine verkehrte. Ich fürchte leider das Gegenteil; doch laßt uns annehmen, daß Ihr recht hättet. Die Unruhe, die ich bisweilen in der Sache fühlte, hat ihren Grund darin, daß die bloß öftere Wiederholung eines solchen Verkehrs der Miß Florence, wie unschuldig und vertrauensvoll er auch gewesen sein mag, für Mr. Dombey, der vornweg gegen sie eingenommen ist, maßgebend sein und ihn – ich weiß, daß er schon öfters daran gedacht hat – bewegen würde, sie ganz aus dem Hause fortzuschaffen. Madame, ich kenne und verehre Mr. Dombey fast von Kindheit auf. Habt daher Nachsicht mit mir, wenn ich sage, daß, falls er einen Fehler hat, dieser in einem gewissen Starrsinn besteht, dem wir alle uns unterwerfen müssen. Ich will ihm damit durchaus keinen Vorwurf machen; denn er ist in seinem edlen Stolz und in dem Gefühl der ihm zuständigen Macht begründet; aber eben deshalb kann man ihm nicht so beikommen, wie andern Charakteren, und die erwähnte Eigenschaft steigert sich von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr.«

Ihr Blick haftete noch immer auf ihm; aber mochte sie ihn so fest ansehen, wie sie wollte, ihre stolze Nase erweiterte sich, ihr Atem wurde etwas tiefer, und ihre Lippe warf sich leicht auf, als er in seinem Dienstherrn das schilderte, wovor sie alle sich beugen mußten. Er sah es, und obschon sich der Ausdruck seines Gesichtes nicht änderte, so wußte sie doch sehr gut, daß er es sah.

»Selbst ein so geringfügiger Vorfall, wie der von gestern abend«, sagte er, »wenn es mir gestattet ist, noch einmal darauf zurückzukommen, kann dazu dienen, meine Meinung besser zu belegen, als ein wichtigerer. Dombey und Sohn nimmt keine Rücksicht auf Zeit oder Ort, sondern wirft alles vor sich nieder. Indes ist es mir lieb, daß es so kam, denn ich wurde dadurch ermutigt, mich um des erwähnten Gegenstandes willen Mrs. Dombey zu nahen, selbst auf die Gefahr hin, mir zur Zeit ihr Mißfallen zuzuziehen. Madame, als ich um eben jener Geschichte willen voll Unruhe und Besorgnisse war, wurde ich von Mr. Dombey nach Leamington beschieden. Ich sah Euch dort und erkannte sogleich, welches Verhältnis bald zwischen ihm und Euch stattfinden werde – zu seinem und Eurem dauernden Glück. Damals faßte ich den Entschluß, die Zeit Eures Einzuges hier im Hause abzuwarten und zu handeln, wie ich jetzt gehandelt habe. Ich fürchte in der Tat nicht, daß ich es in meiner Pflicht gegen Mr. Dombey fehlen lasse, wenn ich das, was ich weiß, in Eurer Brust begrabe; denn wo – wie in einer solchen Ehe – zwischen zwei Personen nur ein Geist und ein Sinn herrscht, ist die eine fast für die andere zu nehmen. Mein Gewissen kann mich daher vollkommen freisprechen, mag ich mich nun in diesem Gegenstande Euch oder ihm vertrauen. Aus den erwähnten Gründen habe ich mich an Euch gewendet. Darf ich der mich so auszeichnenden Hoffnung Raum geben, daß mein Vertrauen nicht zurückgewiesen wird und ich meiner Verantwortlichkeit entbunden bin?«

Er erinnerte sich noch lange des Blickes, den sie ihm jetzt zuwarf – wer hätte ihn sehen und vergessen können? – und des inneren Kampfes, der darauf folgte. Endlich sagte sie:

»Ich nehme es an, Sir. Ihr werdet aber die Gefälligkeit haben, diese Sache damit als beendigt zu betrachten und eingedenk zu sein, daß unsere Beziehung nicht weiter geht.«

Er verbeugte sich tief und erhob sich. Auch sie stand auf, und er verabschiedete sich mit aller Unterwürfigkeit. Withers aber, der ihm auf der Treppe begegnete, blieb stehen, um die Schönheit seiner Zähne und sein strahlendes Lächeln zu bewundern. Als Carker sodann auf seinem weißbeinigen Pferd fortritt, hielten ihn die Leute um des blendenden Schauspiels willen, das er bot, für einen Zahnarzt. Sie dagegen hielten die Leute, als sie unmittelbar nachher in ihrer Equipage ausfuhr, für eine vornehme Dame, die ebenso glücklich wie reich war. Freilich – wer sie einen Augenblick zuvor gesehen hätte, als sie in ihrem Zimmer allein war – wer Zeuge gewesen wäre, als sie nur die drei Worte ausstieß: »O Florence, Florence« würde anders gedacht haben.

Mrs. Skewton, die auf ihrem Sofa ruhte und Schokolade schlürfte, hatte nichts gehört, als das gemeine Wort »Geschäft«, das ihr einen tödlichen Widerwillen einflößte. Das Wort war nämlich längst aus ihrem Wörterbuch verbannt und hätte beinahe in bezaubernder Weise und einem ungemeinen Aufwand von Herz, der Seele gar nicht zu gedenken, unterschiedliche Putzmacherinnen und infolge davon auch andere Personen zugrunde gerichtet. Sie stellte daher keine Fragen und zeigte durchaus keine Neugier. Überhaupt gab ihr im Freien der pfirsichblütenfarbige Samthut hinreichend zu schaffen. Da er nämlich nur auf dem hinteren Teil ihres Kopfes festsaß und der Tag ziemlich windig war, so schien er wie wahnsinnig darauf auszugehen, Mrs. Skewtons Gesellschaft zu entlaufen, und wollte sich durchaus nicht zu einem gütlichen Vergleich heranlassen. Der Wagen wurde zugemacht und der Wind ausgeschlossen. Der zitternde Kopf spielte unter den künstlichen Rosen wie ein ganzes Armenhaus voll altersschwacher Zephire. Mrs. Skewton hatte auch so noch genug zu tun, so daß in dem Wagen ein gleichgültiges Schweigen herrschte.

Gegen Abend ging es noch schlimmer; denn Mrs. Dombey wartete, nachdem sie sich angekleidet hatte, schon eine halbe Stunde auf ihre Mutter, und Mr. Dombey stieg mit einem feierlichen Ärger – alle drei sollten nämlich an einem auswärtigen Diner teilnehmen – in dem Besuchszimmer auf und ab, als Flowers, die Zofe, mit bleichem Gesicht in Mrs. Dombeys Toilettezimmer stürzte.

»Ach, Ma'am«, rief sie; »ich bitte um Verzeihung, aber ich kann nichts mit Missiß anfangen.«

»Was meinst du damit?« fragte Edith.

»Ich weiß es selber kaum, Ma'am«, versetzte das erschreckte Mädchen. »Sie macht solche Gesichter.«

Edith eilte mit ihr nach dem Gemach ihrer Mutter. Kleopatra war in ihrem vollen Putze; aber trotz der Diamanten, der kurzen Ärmel, des Rots, der falschen Locken, der Zähne und anderer jugendlichen Zeichen hatte sich der Schlaganfall nicht täuschen lassen, sondern in ihr den Gegenstand seines Suchens erkannt und sie nach dem Spiegel hingeworfen, wo sie zusammengebrochen gleich einer schrecklichen Puppe lag.

Sie beraubten sie des falschen Prunkes und brachten das wenige, was an ihr echt war, auf ein Bett. Man schickte nach Ärzten, die auch bald erschienen. Kräftige Belebungsmittel wurden in Anwendung gebracht und Ansichten darüber abgegeben, daß sie sich wahrscheinlich von dieser Erschütterung erholen, aber einen zweiten Schlag nicht überleben werde. Und so lag sie tagelang da, sprachlos und die Decke anstarrend, bisweilen, wenn sie wußte, wer da war, auf die gestellten Fragen in unartikulierten Lauten Antwort gebend, zu andern Zeiten aber weder durch Zeichen noch Gebärden oder überhaupt eine Bewegung ihres Auges antwortend. Endlich kehrte allmählich das Bewußtsein und einigermaßen auch die Bewegungsfähigkeit, nicht aber die Sprache zurück. Eines Tages, als sie die rechte Hand wieder benützen konnte, zeigte sie diese ihrem Mädchen, das sie verpflegte. Sie schien sehr unruhig zu sein und deutete durch Gebärden an, daß sie einen Bleistift und etwas Papier wünsche. Die Dienerin schaffte das Geforderte augenblicklich herbei, in der Meinung, Mrs. Skewton wolle ein Testament machen oder einen letzten Wunsch aufzeichnen, und da Mrs. Dombey abwesend war, so sah sie dem Ergebnis mit feierlichen Empfindungen entgegen.

Nach vielem peinlichen Gekritzel und Wiederauslöschen, wobei unrechte Buchstaben willkürlich aus dem Bleistift herauszufallen schienen, kam das alte Weib endlich mit nachstehendem Schriftstück zustande:

»Rosenfarbige Vorhänge.«

Das Mädchen hatte allen Grund, kaum ihren Augen zu trauen, und Kleopatra, die ihr Erstaunen bemerkte, verbesserte das Manuskript, indem sie zwei weitere Worte beifügte, so daß es so lautete:

»Rosenfarbige Vorhänge für die Ärzte.«

Der Dienerin dämmerte jetzt der Gedanke auf, daß sie die Vorhänge wünsche, um vor der Fakultät in einem rosigeren Licht zu erscheinen, und da diejenigen im Hause, die Mrs. Skewton am besten kannten, die Richtigkeit dieser Ansicht nicht in Zweifel zogen, so wurde ihr Bett mit dem gewünschten Stoff, der leicht beizuschaffen war, behängt. Von Stunde an ging es mit der Kranken schnell besser. Sie war bald imstande, im Bett aufzusitzen, weshalb denn auch die Locken, eine Spitzenhaube und ein mit Spitzen besetztes Nachtgewand in Anspruch genommen wurden; auch mußte ein wenig künstliches Rot die tiefen Höhlen ihrer Wangen ausfüllen.

Es war ein erschreckender Anblick, wie dieses alte Weib mit dem Tod noch so jugendlich kokettierte, als habe sie es nur mit dem Major zu tun; aber der Schlaganfall hatte auch eine Veränderung in ihrem Geist zur Folge, die ernsten Stoff zu unheimlichen Betrachtungen abgab. Ob sie durch die Schwächung ihres Verstandes schlauer und falscher geworden war, als zuvor, ob eine Verwirrung zwischen dem erkünstelten und natürlichen Ich stattfand, ob dadurch ein Anflug von Gewissensbissen geweckt wurde, der sich nicht recht ins Licht kämpfen konnte, aber doch auch nicht ganz in die Dunkelheit zu drängen war, oder ob – vielleicht die wahrscheinlichste Annahme – das Zusammenbrechen ihrer intellektuellen Fähigkeiten ein Gemisch aller dieser Wirkungen aufgewühlt hatte, das Ergebnis war folgendes: Edith konnte ihr nicht genug Liebe, Dankbarkeit und Aufmerksamkeit erweisen. Ihrem stetigen Eigenlob nach hätte sie die beste und unschätzbarste aller Mütter sein müssen, und namentlich war sie sehr eifersüchtig darauf, in Ediths Zuneigung keine Nebenbuhlerin zu haben. Statt sich an den Vertrag zu erinnern, der zwischen ihnen geschlossen worden war, diesen Gegenstand zu vermeiden, spielte sie beständig auf die Heirat ihrer Tochter als auf den Beweis an, daß sie eine unvergleichliche Mutter sei; und dieses noch obendrein mit der Schwäche und Reizbarkeit eines solchen Zustandes, der stets einen ironischen Kommentar zu ihrer erkünstelten Jugendlichkeit abgab.

»Wo ist Mrs. Dombey?« konnte sie ihre Zofe fragen.

»Ausgegangen, Ma'am.«

»Ausgegangen? Geht sie aus, um ihrer Mutter aus dem Weg zu gehen, Flowers?«

»Aber, Gott behüte, nein, Ma'am. Mrs. Dombey hat nur mit Miß Florence eine Spazierfahrt gemacht.«

»Mit Miß Florence. Wer ist Miß Florence? Sage mir nichts von Miß Florence. Was kann ihr Miß Florence sein in Vergleich mit mir?«

Das Blitzen der Diamanten, der pfirsichblütenfarbene Samthut – sie empfing schon wochenlang in diesem Hut Besuche, noch ehe sie über die Stubentür hinaus konnte – oder irgendein anderer bunter Putz tat gewöhnlich den Tränen Einhalt, die bei solchen Betrachtungen zu fließen begannen, und sie verblieb dann in einem Zustand von Selbstgefälligkeit, bis Edith erschien, um nach ihr zu sehen. Sobald sie die stolze Gestalt ihrer Tochter gewahr wurde, kam wieder ein Rückfall.

»Endlich doch einmal, Edith!« konnte sie mit schüttelndem Kopfe rufen.

»Was gibt es, Mutter?«

»Was es gibt? Ich weiß es wirklich nicht. Die Welt ist so erkünstelt und undankbar geworden, daß ich entschieden glaube, es ist kein Herz – oder irgend etwas der Art – in ihr zurückgeblieben. Withers ist kindlicher gegen mich, als du. Er pflegt mich mehr, als meine eigene Tochter. Es wäre mir fast lieb, wenn ich nicht so jung aussähe – und all dergleichen – dann würde ich vielleicht mehr berücksichtigt werden.«

»Was wünscht Ihr, Mutter?«

»O, sehr viel, Edith«, entgegnete sie ungeduldig.

»Fehlt es Euch an irgend etwas? Wenn das der Fall, so ist es nur Eure eigene Schuld.«

»Meine eigene Schuld«, begann sie zu wimmern. »Was für eine Mutter bin ich dir gewesen, Edith – eine treue Gefährtin von deiner Wiege an! Und dafür vernachlässigst du mich und hast nicht mehr natürliche Zuneigung zu mir, als ob ich eine Fremde wäre – nicht den zwanzigsten Teil der Liebe, die du an Florence verschwendest. Aber ich bin ja nur deine Mutter und könnte sie in einem Tage verderben! – Du machst mir Vorwürfe, daß es meine eigene Schuld sei.«

»Mutter, Mutter, ich mache Euch mit nichts einen Vorwurf. Warum immer und ewig diese Geschichten?«

»Ist es nicht natürlich, daß ich immer wieder darauf zurückkommen muß, wenn ich lauter Liebe und Empfindung bin, dafür aber in der grausamsten Weise verwundet werde, so oft du mich nur ansiehst.«

»Ich beabsichtige durchaus nicht, Euch zu verletzen, Mutter. Erinnert Ihr Euch denn gar nicht mehr, was zwischen uns abgemacht wurde? Laßt die Vergangenheit ruhen.«

»Ja, laß sie ruhen! Laß auch die Dankbarkeit gegen mich ruhen – laß die Liebe gegen mich ruhen – laß mich in meinem von der ganzen Welt abgelegenen Stübchen, ohne Gesellschaft und Aufmerksamkeit, während du neue Bekanntschaften anknüpfst, die auf Erden nicht den mindesten Anspruch an dich haben! Ach, du mein Himmel, Edith, weißt du auch, wie elegant das Hauswesen ist, an dessen Spitze du stehst?«

»Ja.«

»Und jener ritterliche Mann, Dombey? Weißt du, daß du mit ihm verheiratet bist, Edith – daß du eine Versorgung, eine Stellung, eine Ausstattung, und was weiß ich alles, hast?«

»In der Tat, ich weiß dies recht wohl, Mutter.«

»Wie du es gehabt haben würdest bei jener entzückenden, guten Seele – wie hieß er doch? – Granger – wenn er nicht gestorben wäre. Und wem hast du das alles zu danken, Edith?«

»Euch, Mutter; Euch.«

»Dann schlinge deine Arme um meinen Nacken und küsse mich. Zeige mir, Edith, daß du weißt, es habe nie eine bessere Mutter gegeben, als ich dir gewesen bin. Und laß mich nicht dadurch, daß du mich mit deinem Undank quälst, zu einer wahren Vogelscheuche werden, da mich sonst, wenn ich wieder in Gesellschaft gehe, keine Seele kennen wird, nicht einmal jenes abscheuliche Tier, der Major.«

Bisweilen aber, wenn Edith ihr näher trat, das stattliche Haupt zu ihr niederbeugte und ihre kalten Wangen an die ihrigen legte, konnte die Mutter zurückfahren, als fürchte sie sich vor ihr, und unter einem Anfall von Zittern in den Ruf ausbrechen, daß es in ihrem Kopf irre sei. Zu andern Zeiten flehte sie die Tochter demütig an, auf dem Stuhl neben ihrem Bett Platz zu nehmen, und blickte dabei mit einem Gesicht, das sich selbst unter den rosenfarbigen Vorhängen nur scheu und verwirrt ausnahm, nach der düster sinnenden Gestalt hin. Im Lauf der Zeit erröteten die rosenfarbigen Vorhänge über Kleopatras leibliche Wiedergenesung, über ihren Aufzug, der, jugendlicher als je, die Verheerungen der Krankheit gutmachen sollte, über das Rot, die Zähne, die Locken, die Diamanten, die kurzen Ärmel und die ganze Garderobe der Puppe, die vor dem Spiegel zusammengebrochen war. Sie erröteten auch hin und wieder über eine Unbestimmtheit in ihrer Sprache, über das mädchenhafte Kichern, mit dem sie redete, und über ein gelegentliches Nachlassen ihres Gedächtnisses, das sich an keine Regel band, sondern phantastisch kam und ging, wie im Hohn über ihr eigenes phantastisches Ich.

Nie aber erröteten sie über einen Wechsel in der neuen Denk- und Sprechweise, die sich der Tochter gegenüber bei ihr bekundete. Und obgleich diese Tochter oft in den Bereich ihres Widerscheins kam, so erröteten sie nie ob ihrer durch ein Lächeln beleuchteten Liebenswürdigkeit oder ob der durch das Licht kindlicher Liebe gemilderten Strenge in ihrem schönen Antlitz.

 

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