Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Dombey und Sohn ? Band 2

Charles Dickens: Dombey und Sohn ? Band 2 - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn ? Band 2
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071026
modified20180709
projectid071392c1
Schließen

Navigation:

Zweiundsechzigstes Kapitel.

Schluß.

Eine Flasche, die lang abgeschieden war vom Licht des Tages und eine dichte Hülle von Staub und Spinngeweben auf sich trägt, ist in den Strahl der Sonne gekommen, und der goldene Wein darin verbreitet einen Glanz über den Tisch.

Es ist die letzte Flasche des alten Madeira.

»Ihr habt vollkommen recht, Mr. Gills«, sagt Mr. Dombey. »Dies ist ein seltener, ein köstlicher Wein.«

Der Kapitän, der gleichfalls von der Partie ist, strahlt von Freude. Eine wahre Entzückensglorie breitet sich um seine glühende Stirn.

»Wir haben uns immer versprochen, Sir«, bemerkt Mr. Gills, »Ned und ich, meine ich –«

Mr. Dombey nickt dem Kapitän zu, der in sprachloser Wonne mehr und mehr erglänzt.

»– daß wir sie eines Tages trinken wollen, wenn Walter wohlbehalten nach Haus gekommen sei, obschon wir nie an eine solche Heimat dachten. Wenn Ihr gegen unsere alte Grille nichts einzuwenden habt, so laßt uns dieses erste Glas Walter und seiner Gattin weihen!«

»Walter und seiner Gattin!« sagt Mr. Dombey. »Florence, mein Kind« – und er beugt sich zu ihr hin, sie zu küssen.

»Walter und seiner Gattin!« sagt Mr. Toots.

»Wal'r und seiner Gattin!« ruft der Kapitän. »Hurra!«

Und der Kapitän zeigt große Lust, mit seinem Glas gegen ein anderes anzustoßen, worauf Mr. Dombey bereitwillig das seine hinhält. Die andern folgen. Es klingt so heiter und schön wie Hochzeitglocken.

Anderer begrabener Wein wird älter, wie der alte Madeira seinerzeit tat, und Staub und Spinngewebe häufen sich auf den Flaschen.

Mr. Dombey ist ein weißhaariger Gentleman, dessen Gesicht tiefe Spuren von Sorge und Leiden trägt; aber sie sind die Reste eines Sturms, der für immer vorübergegangen ist und einen klaren Abend zurückließ.

Ehrgeizige Pläne beunruhigen ihn nicht mehr. Seine Tochter und ihr Gatte sind sein einziger Stolz. Er hat ein ruhiges, stilles, gedankenvolles Wesen angenommen und ist stets um seine Tochter. Miß Tox besucht die Familie häufig, ist ihr sehr zugetan und sehr beliebt. Ihre Bewunderung vor dem einst so stattlichen Gönner war von dem Morgen der Erschütterung auf dem Prinzessinnenplatze an platonisch, ohne übrigens auch nur im mindesten nachzulassen.

Aus dem Schiffbruch seines Wohlstandes ist ihm nichts geblieben als eine gewisse jährliche Summe, die ihm, er weiß selbst nicht wie, mit der dringenden Bitte, daß er nicht nachforschen möchte, und mit der Versicherung zukommt, sie sei eine Schuld und ein Akt der Vergütung. Er hat sich mit seinem alten Buchhalter darüber beraten, und dieser ist der Überzeugung, daß sie mit Ehren angenommen werden könne, denn ohne allen Zweifel rühre sie von irgendeinem vergessenen Geschäft aus den Zeiten des alten Hauses her.

Der braunäugige Junggeselle, jetzt nicht mehr ein Junggeselle, ist verheiratet, und zwar mit der Schwester des grauhaarigen Junior. Er besucht bisweilen seinen alten Prinzipal, aber selten. In der früheren Geschichte des grauhaarigen Junior, noch mehr aber in seinem Namen liegt ein Grund, warum er sich von seinem alten Dienstherrn fernhält, und da er bei seiner Schwester und ihrem Gatten wohnt, so teilen sie diese Zurückgezogenheit. Walter kommt bisweilen zu ihnen – auch Florence – und das heitere Haus ertönt dann von tief aufgefaßten, für das Piano und Violoncello eingerichteten Duetten und von den Anstrengungen fröhlicher Hammerschmiede.

Und wie geht es dem hölzernen Midshipman in diesen veränderten Zeiten? Je nun, er hat es noch immer, den rechten Fuß voran, scharf auf die Kutschen abgesehen und benimmt sich dabei eifriger als je, da er von dem Eckenhut an bis zu den Schnallenschuhen hinunter einen frischen Anstrich erhalten hat. Über ihm liest man in goldenen Buchstaben die funkelnden Namen GILLS and CUTTLE.

Außer seinem gewöhnlichen leichten Geschäft tut der Midshipman keinen weiteren Zug. Aber man erzählt sich in einem weiten Kreise um den blauen Regenschirm auf dem Leadenhall-Markt, daß einige von Mr. Gills' alten Kapitalien wunderbar gut einliefen und daß der Instrumentenmacher, statt wie er gemeint hatte, in dieser Beziehung hinter der Zeit zurückzubleiben, ihr in Wahrheit ein wenig vorgeeilt sei und die Erfüllung derselben noch zu erwarten habe. Es geht das Geflüster, Mr. Gills' Geld habe angefangen zu roulieren, und es rolle immer recht hübsch. So viel ist gewiß, daß es, wenn er in seinem kaffeefarbigen Anzug mit dem Chronometer in der Tasche und der Brille auf der Stirn vor der Ladentür steht, nicht den Anschein hat, als breche ihm bei dem Ausbleiben der Kunden das Herz, denn er sieht recht heiter und zufrieden, wenngleich ganz so neblig aus, wie vor alters.

Was seinen Associé betrifft, so trägt sich der Geist des Kapitäns mit der Fiktion eines Geschäftes, die bei ihm mehr verfängt, als jede Wirklichkeit. Der Kapitän ist von der Bedeutsamkeit des Midshipman für den Handel und die Schiffahrt des Landes so überzeugt, daß er's nicht in einem höheren Grade hätte sein können, wenn jedes Schiff, das den Hafen von London verließ, zuvor den Beistand des Midshipman hätte annehmen müssen. Sein Entzücken über seinen Namen auf dem Schild der Firma ist unerschöpflich. Er geht wohl zwanzigmal des Tags über den Weg hinüber, um ihn von der andern Seite der Straße aus anzusehen, und sagt bei solchen Gelegenheiten unabänderlich: »Ed'ard Cuttle, mein Junge, wenn deine Mutter gewußt hätte, daß du je ein Mann der Wissenschaft werden würdest, wie wäre da die gute alte Kreatur nicht an den Mast zurückgeworfen worden!«

Doch da kommt mit ungestümer Eile Mr. Toots auf den Midshipman herunter und stürzt mit glutrotem Gesicht in das kleine Wohnstübchen.

»Kapitän Gills«, sagt Mr. Toots, »und Mr. Sols. Ich bin so glücklich, Euch mitteilen zu können, daß Mrs. Toots einen Zuwachs ihrer Familie erhalten hat.«

»Das macht ihr Ehre!« ruft der Kapitän.

»Ich wünsche Euch Glück, Mr. Toots!« sagt der alte Sol.

»Danke Euch«, kichert Mr. Toots, »ich bin Euch sehr verbunden. Ich wußte, daß Euch diese Kunde freuen würde, und bin deshalb selbst gekommen. Ihr wißt, es geht bei uns vorwärts. Da ist die Florence, die Susanne, und jetzt kommt wieder ein kleiner Fremdling.«

»Ein weiblicher Fremdling?« fragt der Kapitän.

»Ja, Kapitän Gills«, sagt Mr. Toots, »und ich freue mich darüber. Ich bin der Ansicht, je öfter wir diese außerordentliche Frau wiederholen können, desto besser ist's.«

»Halt!« ruft der Kapitän, sich nach der alten Korbflasche ohne Hals wendend – denn es ist Abend und der Midshipman hat seinen gewöhnlichen mäßigen Vorrat von Pfeifen und Gläsern an Bord. »Ich bringe ihr dies, und mögen noch ebenso viele nachfolgen!«

»Danke, Kapitän Gills«, sagt der entzückte Mr. Toots. »Ich wiederhole diesen Trinkspruch. Wenn Ihr mir's erlaubt, so will ich eine Pfeife nehmen, da dies unter den Umständen niemandem unangenehm sein kann.«

Mr. Toots beginnt zu rauchen und wird in der Offenheit seines Herzens sehr redselig.

»Unter all den merkwürdigen Proben, die die herrliche Frau von ihrem vortrefflichen Verstand abgelegt hat, Kapitän Gills und Mr. Sols«, sagt Toots, »ist meiner Ansicht nach keine merkwürdiger, als die Vollkommenheit, womit sie meine Verehrung der Miß Dombey begreift.«

Beide Zuhörer stimmen zu.

»Denn Ihr wißt«, sagt Mr. Toots, »daß ich meine Gesinnungen gegen Miß Dombey nie geändert habe. Sie sind stets die gleichen. Sie erscheint mir noch immer als derselbe schöne Traum, wie zu der Zeit, ehe ich Walters Bekanntschaft machte. Als Mrs. Toots und ich zum erstenmal zu sprechen anfingen von – mit einem Wort, von der zarten Leidenschaft, wißt Ihr, Kapitän Gills.«

»Ja, ja, mein Junge«, bemerkt der Kapitän, »die uns alle treibt – seht darüber nach in dem Buch –«

»Ich werde es sicherlich nicht versäumen, Kapitän Gills«, sagt Mr. Toots mit großem Ernst. »Als wir zum erstenmal von solchen Dingen zu sprechen begannen, erklärte ich ihr, daß ich das sei, was man eine geknickte Blume nennen kann.«

Der Kapitän zollt dieser Redefigur großen Beifall und murmelt, daß keine Blume, die da blühe, der Rose zu vergleichen sei.

»Aber Gott behüte mich«, fuhr Mr. Toots fort, »sie kannte den Zustand meiner Gefühle gerade so gut, wie ich selbst. Es gab nichts, was ich ihr sagen konnte. Sie war die einzige Person, die zwischen mich und das schweigende Grab zu treten vermochte, und sie tat es in einer Weise, die mir ewige Bewunderung auflegt. Sie weiß, daß es niemand in der Welt gibt, zu dem ich aufblicken könnte, wie zu Miß Dombey. Sie weiß, daß nichts auf Erden ist, was ich nicht für Miß Dombey tun würde. Sie weiß, daß ich sie als die Schönste und Liebenswürdigste, als einen wahren Engel ihres Geschlechts betrachte. Was sagt sie darüber? Ein neuer Beweis von der Vollkommenheit ihres Verstandes. ›Mein Lieber, du hast recht. Ich denke auch so.‹«

»Und ich ebenfalls!« pflichtete der Kapitän bei.

»Ich desgleichen«, sagte Sol Gills.

»Ferner«, nimmt Mr. Toots wieder auf, nachdem er eine Weile nachdenklichst an seiner Pfeife gesogen und in seinem Gesicht das zufriedenste Nachdenken ausgedrückt hatte, »wie aufmerksam meine Frau ist! Welchen Scharfsinn sie besitzt! Welche Bemerkungen sie macht! Erst gestern abend, als wir in der Freude ehelichen Glücks beisammen saßen – auf Ehre, dies ist nur ein schwacher Ausdruck, um meine Gefühle in der Gesellschaft meiner Frau anzudeuten – sagte sie, wie merkwürdig es sei, die gegenwärtige Lage unseres Freundes Walter zu betrachten. ›Er ist hier‹, sagte sie, ›und braucht nach jener ersten langen Reise mit seiner jungen Frau nicht mehr über See zu gehen‹ – Ihr wißt, daß dies der Fall ist, Mr. Sols.«

»Ganz richtig«, sagt der alte Instrumentenmacher, seine Hände reibend.

»›Dessen ist er unmittelbar darauf entbunden worden‹, sagt meine Frau, ›und er hat in demselben Geschäft eine Stelle gefunden, bei welcher ihm viel anvertraut wurde. Er zeigte sich derselben wieder würdig, erstieg mit großer Schnelle die Leiter, ist von jedermann geliebt und wird von seinem Onkel nach Vermögen unterstützt‹ – ich glaube, dies ist der Fall, Mr. Sols? Meine Frau hat immer recht.«

»Nun ja, ja – einige von unseren verlorenen Goldschiffen sind in der Tat wieder angelangt«, entgegnet der alte Sol lachend. »Kleine Fahrzeuge, Mr. Toots, aber doch meinem Jungen nützlich.«

»Ganz richtig!« sagt Mr. Toots. »Ihr werdet meine Frau nie auf einem unrechten Weg erwischen. ›Er befindet sich jetzt in einer solchen Lage‹, sagt dieses höchst merkwürdige Weib, ›und was folgt daraus? Was folgt?‹ bemerkte Mrs. Toots. Jetzt bitte ich acht zu geben, Kapitän Gills und Mr. Sols, wie tief die Auffassung meiner Frau ist. ›Je nun, daß unter Mr. Dombeys Augen ein Grund gelegt wird, auf dem allmählich ein – ein Gebäude‹ – so lautete das Wort, dessen Mrs. Toots sich bediente«, sagt Mr. Toots jubelnd, »›sich erhebt, vielleicht ebenso groß, vielleicht noch größer, als dasjenige, an dessen Spitze er ehemals stand und dessen kleiner Anfang ihm (ein gewöhnlicher, aber sehr schlimmer Fehler, sagt Mrs. Toots) in Vergessenheit geraten war. So‹, sagte meine Frau, ›wird am Ende von seiner Tochter ein anderer Dombey und Sohn entstehen‹ – nein ›ausgehen‹, dies war das Wort, dessen Mrs. Toots sich bediente – ›und im Triumph sich zeigen!‹«

Unter dem Beistand der Pfeife, die Mr. Toots recht gern zu oratorischen Zwecken braucht, weil die gewöhnliche Benutzung derselben in ihm ein sehr unbehagliches Gefühl erregt, läßt er der Prophezeiung seiner Frau so großartige Gerechtigkeit widerfahren, daß der Kapitän im Zustande wildester Aufregung seinen Glanzhut wegwirft und ausruft:

»Sol Gills, Mann der Wissenschaft und mein alter Geschäftsteilhaber, was hieß ich Walter am selbigen Abend überholen, als er zum erstenmal auf das Bureau ging? War es nicht die Zitation: Kehr um, Whittington, Lord-Mayor von London, und wenn du alt bist, wirst du nie mehr daraus weichen. Waren es nicht diese Worte, Sol Gills?«

»Jawohl, Ned«, entgegnet der alte Instrumentenmacher. »Ich erinnere mich ihrer noch gut.«

»Dann will ich Euch was sagen«, erwidert der Kapitän, sich in seinen Stuhl zurücklehnend und seinen Brustkasten zu einem denkwürdigen Gebrüll ausdehnend. »Ich will die liebliche Peg ganz durchsingen, und ihr beide stimmt ein als Chor!«

Eingegrabener Wein wird älter, wie seinerzeit der alte Madeira tat, und Staub und Spinngewebe häufen sich auf den Flaschen.

Die Herbsttage sind schön, und am Seeufer sieht man oft eine junge Frau und einen weißhaarigen Gentleman. Um sie her tummeln sich zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, und ein alter Hund ist in der Regel ihre Gesellschaft.

Der weißhaarige Gentleman führt den kleinen Knaben, spricht mit ihm, hilft ihm in seinen Spielen und schenkt ihm so viele Aufmerksamkeit, als ob dies die ganze Aufgabe seines Lebens sei. Wenn der Knabe gedankenvoll ist, wird es der weißhaarige Gentleman gleichfalls, und bisweilen, wenn das Kind an seiner Seite sitzt, zu seinem Gesicht aufblickt und Fragen an ihn stellt, ergreift er die kleine Hand, hält sie fest und vergißt zu antworten. Das Kind sagt dann:

»Wie, Großpapa, habe ich wieder so große Ähnlichkeit mit meinem armen kleinen Onkel?«

»Ja, Paul. Aber er war schwächlich, und du bist sehr kräftig.«

»O ja, ich bin sehr kräftig.«

»Und er lag auf einem kleinen Bett am Meeresufer, und du kannst umherspringen.«

Und so gehen wir wieder weiter, denn der weißhaarige Gentleman liebt es, wenn das Kind frei sich umhertummelt, und während sie so zusammengehen, umschwebt sie die Geschichte des Bundes zwischen ihnen und folgt ihnen auf dem Fuße.

Aber niemand als Florence kennt das Übermaß, mit dem der weißhaarige Gentleman das Mädchen liebt. Diese Geschichte wagt sich nie ins Freie. Das Kind selbst wundert sich fast über ein gewisses Heimlichtun, das sich dabei kundgibt. Er bewahrt sie in seinem Herzen und kann es nicht ertragen, wenn eine Wolke auf dem Gesicht des Mädchens liegt. Er kann nicht mit ansehen, wenn sie allein dasitzt, und meint eine Vernachlässigung zu bemerken, wo weit und breit von nichts derart die Rede ist. Er schleicht fort, um sie in ihrem Schlaf zu betrachten, und es tut ihm wohl, wenn sie am Morgen kommt und ihn weckt. Am liebevollsten und zärtlichsten ist er gegen sie, wenn sie allein sind. Die Kleine fragt dann bisweilen:

»Lieber Großpapa, warum weint Ihr, wenn Ihr mich küßt?«

Er antwortet nur: »Kleine Florence!« und streicht die Locken zurück, die ihre ernsten Augen beschatten.

 

Ende.

 

 << Kapitel 30 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.