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Dombey und Sohn ? Band 2

Charles Dickens: Dombey und Sohn ? Band 2 - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn ? Band 2
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Sechzigstes Kapitel.

Handelt hauptsächlich von Hochzeiten.

Das große halbjährliche Fest des Doktors und der Mrs. Blimber, bei welcher Gelegenheit jeder junge Gentleman, der in jenem gentilen Institut seinen Studien oblag, um die Ehre seiner Teilnahme an einer auf halb acht Uhr anberaumten Quadrillen-Partie gebeten wurde, hatte getreulich um die besagte Zeit stattgefunden, und die jungen Gentlemen waren mit nicht unanständigen Kundgebungen von Leichtherzigkeit und in einem Zustande scholastischer Erschöpfung in ihre Heimat zurückgekehrt. Mr. Skettles war ins Ausland gegangen und verdankte zur bleibenden Zierde der Familie des Sir Barnet Skettles den populären Manieren seines Vaters eine diplomatische Anstellung, deren Ehren zur großen Verwunderung und Zufriedenheit ihrer Landsleute besagter Vater und Lady Skettles selbst zu vergeben hatten. Mr. Tozer, jetzt ein junger Mann von hoher Statur in Wellington-Stiefeln, war so vollgepfropft von Altertum, daß er sich in Kenntnis des Englischen nahezu mit einem alten echten Römer messen könnte – ein Triumph, der seine guten Eltern mit der innigsten Rührung erfüllte, und dem Vater und der Mutter des Mr. Briggs, dessen Gelehrsamkeit gleich schlecht geordnetem Gepäck so fest eingestallt war, daß er nie daran kommen konnte, wenn er etwas davon brauchte, Anlaß gab, beschämt ihre Häupter zu verbergen. Die Frucht, die der letztere junge Gentleman so mühsam von dem Baume des Wissens eingeheimst hatte, war so künstlich getrieben worden, daß sie mit einer intellektuellen Norfolker Ananas verglichen werden konnte, der nichts von der ursprünglichen Gestalt und Feinheit geblieben war. Master Bitherstone, auf den das Zwangssystem die nicht ungewöhnliche bessere Wirkung geübt hatte, daß nach Aufhören der Tätigkeit des Nötigungsapparats auch alle Eindrücke verschwanden, fühlte sich weit behaglicher und vergaß, da er sich zu einer Fahrt nach Bengalen an Schiffsbord begeben hatte, alles mit so bewunderungswürdiger Schnelligkeit, daß es wohl zweifelhaft erschien, ob die Deklination der Substantive bei ihm bis zum Ende der Reife aushalten würde.

Statt wie gewöhnlich am Morgen der Partie für die jungen Gentlemen zu bemerken: »Gentlemen, wir wollen am fünfundzwanzigsten des nächsten Monats unsere Studien wieder aufnehmen«, ging Doktor Blimber diesmal von der herkömmlichen Weise ab und sagte: »Gentlemen, als unser Freund Cincinnatus sich nach seinem Landgut zurückzog, stellte er dem Senat keinen Römer vor, den er sich zum Nachfolger gewünscht hätte. Aber hier ist ein Römer!« sagte Doktor Blimber, die Hand auf die Schulter des Mr. Feeder B. A. legend, »adolescens inprimis gravis et doctus, Gentlemen, den ich, ein abtretender Cincinnatus, meinem kleinen Senat als seinen künftigen Diktator vorzustellen wünsche. Gentlemen, wir wollen am fünfundzwanzigsten des nächsten Monats unter den Auspizien des Mr. Feeder B. A. unsere Studien wieder aufnehmen!« Hierauf antworteten die jungen Gentlemen (Doktor Blimber hatte sich nämlich zuvor schon mit sämtlichen Eltern beraten und ihnen höfliche Erklärungen gegeben) mit einem lauten Hurra, und Mr. Tozer überreichte dem Doktor sogleich im Namen der übrigen ein silbernes Tintenfaß, indem er dazu eine Rede vortrug, die nur sehr wenig von der Muttersprache, wohl aber fünfzehn Zitate aus dem Lateinischen und sieben aus dem Griechischen enthielt. Die jüngeren Gentlemen waren damit sehr unzufrieden und neidisch, denn sie meinten, o, o, es sei alles recht gut für den alten Tozer, aber sie seien der Ansicht, daß sie nicht deshalb Geld unterzeichnet hätten, um dem alten Tozer Gelegenheit zu geben, sich breitzumachen. Was ging es den alten Tozer mehr an, als jeden andern? Es war ja nicht sein Tintenfaß. Warum mußte er sich überhaupt mit dem Eigentum anderer befassen?

In dieser und ähnlicher Weise äußerten sie ihr Mißvergnügen und schienen in nichts einen größeren Trost zu finden, als darin, daß sie ihn den alten Tozer nannten.

Den jungen Gentlemen gegenüber fiel kein Wort, kein Wink oder irgend etwas, das auf eine beabsichtigte Verehelichung zwischen Mr. Feeder B. A. und der schönen Cornelia Blimber hingedeutet hätte. Namentlich gab sich Doktor Blimber den Anschein, wie wenn ihn nichts mehr als eine solche Kunde überraschen könnte. Gleichwohl war die Tatsache unter den jungen Gentlemen so wohl bekannt, daß sie, als sie zu ihren Verwandten und Freunden zurückkehrten, mit einer heiligen Scheu sich von Mr. Feeder verabschiedeten.

Die romantischsten Träume des Mr. Feeder waren erfüllt. Der Doktor hatte beschlossen, das Haus von außen anstreichen und im Innern vollständig ausbessern zu lassen; auch wollte er das Geschäft und Cornelia abgeben. Der Anstrich und die Ausbesserungen begannen an demselben Tage, an dem die jungen Gentlemen abgereist waren, und siehe jetzt – der Hochzeitmorgen war gekommen, und Cornelia sah in einer neuen Brille dem Augenblick entgegen, der sie an Hymens Altar führen sollte.

Der Doktor mit seinen gelehrten Beinen, Mrs. Blimber in einem Lila-Hut, Mr. Feeder B. A. mit seinen langen Knöcheln und seinem kurzgeschorenen Haarschopf, und Mr. Feeders Bruder, der ehrwürdige Alfred Feeder M. A., der die Trauungsfeierlichkeit vollziehen sollte, hatten sich im Salon versammelt, und Cornelia, die unter ihrem Orangeblütenschmuck und den Brautjungfern wie sonst auch aussah, ein bißchen zerdrückt, aber doch sehr bezaubernd, war eben eingetreten, als die Tür aufging und der blödsichtige junge Mann mit lauter Stimme die Ankündigung ausrief:

»Mr. und Mrs. Toots!«

Mr. Toots, der außerordentlich kräftig geworden war, trat jetzt ein; er hatte eine sehr hübsche und anständig gekleidete Dame mit glänzenden schwarzen Augen am Arm.

»Mrs. Blimber«, sagte Mr. Toots, »erlaubt mir, Euch meine Gattin vorzustellen.«

Mrs. Blimber war entzückt, sie kennenzulernen; sie benahm sich zwar ein wenig herablassend, aber doch sehr freundlich.

»Und da Ihr mich schon seit so langer Zeit kennt«, sagte Mr. Toots, »so muß ich Euch versichern, daß sie eines der herrlichsten Frauenzimmer ist, die je gelebt haben!«

»Mein Lieber!« stellte Mrs. Toots vor.

»Bei meinem Ehrenwort, es ist so«, sagte Mr. Toots. »Ich – ich versichere Euch, Mrs. Blimber, sie ist eine ganz außerordentliche Frau!«

Mrs. Toots lachte heiter, und Mrs. Blimber führte sie zu Cornelia. Nachdem Mr. Toots auch in dieser Richtung sein Kompliment gemacht und seinen alten Lehrer begrüßt hatte, der mit Anspielung auf seinen ehelichen Stand zu ihm sagte: »Schön, Toots, schön! Ihr seid also auch einer von den Unsrigen!« zog er sich mit Mr. Feeder B. A. in ein Fenster zurück. Mr. Feeder B. A., der sehr aufgeräumt war, machte gegen Mr. Toots eine Boxer-Schwenkung und klopfte ihn geschickt mit dem Rücken seiner Hand auf das Brustbein.

»He, alter Knabe!« sagte Mr. Feeder lachend. »Gut! da sind wir jetzt! Ein- und abgetan, he?«

»Feeder«, versetzte Mr. Toots, »ich wünsche Euch Glück. Wenn Ihr so – so – vollkommen glücklich seid im ehelichen Leben, wie ich, so bleibt Euch nichts zu wünschen übrig.«

»Ihr seht, ich vergesse meine alten Freunde nicht«, sagte Feeder. »Ich bitte sie zu meiner Hochzeit.«

»Feeder«, entgegnete Mr. Toots ernst, »die Sache verhält sich so, daß verschiedene Umstände mich hinderten, vor Vollziehung des Ehebundes Euch eine Mitteilung zu machen. Erstlich hatte ich mich vor Euch wegen Miß Dombey wie ein wahrer Esel benommen, und ich fühlte, wenn ich Euch zu meiner Hochzeit bäte, so würdet Ihr natürlich erwarten, daß ich mit Miß Dombey an den Altar träte. Dies hätte Erklärungen nötig gemacht, die mich auf Ehre bei einer solchen Wendung völlig niedergeschlagen haben würden. Zweitens fand unsere Trauung ganz im geheimen statt, und es war niemand dabei anwesend, als ein einziger Freund von mir und Mrs. Toots, der ein Kapitän ist bei – ich weiß nicht mehr genau, bei was«, sagte Mr. Toots, »aber es ist von keinem Belang. Ich hoffe, Feeder, daß ich die Pflichten der Freundschaft vollkommen erfüllt habe, indem ich Euch schriftlich mitteilte, was geschehen ist, ehe Mrs. Toots und ich unsere Hochzeitsreise ins Ausland antraten.«

»Toots, mein Junge«, versetzte Mr. Feeder, ihm die Hand drückend, »es war nur ein Scherz von mir.«

»Und nun möchte ich wohl gern wissen, Feeder«, sagte Mr. Toots, »was Ihr von meiner Verbindung haltet?«

»Sie scheint mir vortrefflich zu sein!« sagte Mr. Feeder.

»Kommt sie Euch so vor, Feeder?« erwiderte Mr. Toots feierlich. »Wie vortrefflich muß sie dann nicht für mich sein! Denn Ihr könnt nie wissen, welch eine außerordentliche Frau sie ist!«

Mr. Feeder war geneigt, dies für eine ausgemachte Sache anzusehen, aber Mr. Toots schüttelte den Kopf und wollte nicht an eine solche Möglichkeit glauben.

»Ihr seht«, sagte Mr. Toots, »was ich bei einem Weibe brauchte, war – mit einem Wort, war Verstand. Geld hatte ich, Feeder. Verstand hatte ich – hatte ich nicht besonders viel.«

»O ja. Ihr hattet's wohl, Toots«, murmelte Mr. Feeder, aber Mr. Toots entgegnete:

»Nein, Feeder, ich hatte nicht. Warum sollte ich es bemänteln? Ich hatte nicht. Ich wußte, daß Verstand da war«, fügte er hinzu, die Hand nach seiner Gattin ausstreckend, »eigentlich in Haufen. Verwandte sind keine vorhanden, die an der Stellung einen Anstoß hätten nehmen können, denn ich stehe allein. Ich hatte nie einen Angehörigen als meinen Vormund, und diesen, Feeder, habe ich stets für einen Piraten und Korsaren gehalten. Ihr seht daher ein, daß es mir nicht darum zu tun sein konnte, seine Ansicht einzuholen.«

»Nein«, pflichtete Mr. Feeder bei.

»Demgemäß handelte ich ganz für mich«, nahm Mr. Toots wieder auf. »Gesegnet sei der Tag, an dem ich es tat. Feeder, niemand als ich kann sagen, welch einen Geist ich in dieser Frau gewonnen habe. Wenn je die Rechte der Frauen, und was dergleichen mehr ist, gehörig ins Licht gestellt werden sollen, so wird es durch ihren gewaltigen Verstand geschehen. – Susanna, meine Liebe!« sagte Mr. Toots, plötzlich zwischen den Fenstervorhängen hervorsehend, »ich bitte, strenge dich nicht zu sehr an!«

»Ich plaudere bloß«, versetzte Mrs. Toots.

»Laß dir raten, meine Liebe«, entgegnete Mr. Toots. »Du mußt in der Tat vorsichtig sein und dich ja nicht zu sehr anstrengen, meine teure Susanne. Sie ist so leicht aufzuregen«, sagte er beiseite zu Mrs. Blimber, »und dann denkt sie gar nicht mehr an ärztliche Vorschriften.«

Mrs. Blimber legte noch Mrs. Toots die Notwendigkeit der Vorsicht ans Herz, als Mr. Feeder B. A. herankam, um ihr seinen Arm zu bieten und sie nach dem Wagen zu führen, der für den Kirchgang unten wartete. Doktor Blimber geleitete Mrs. Toots, und Mr. Toots führte die schöne Braut, um deren funkelnde Brillen zwei prächtig herausgeputzte kleine Brautjungfern wie Motten herumflatterten. Mr. Feeders Bruder, Mr. Alfred M. A., war bereits vorausgegangen, um sich auf seine amtlichen Verrichtungen vorzubereiten.

Die Feierlichkeit verlief in bewunderungswürdiger Weise. Cornelia mit ihren krausen kleinen Locken »ging ein« – wie der Preishahn sich ausgedrückt haben würde – in großer Fassung, und Doktor Blimber vergab sie wie ein Mann, der eine solche Handlung gehörig erwogen hatte. Die prächtig herausgeputzten kleinen Brautjungfern schienen am meisten zu leiden. Mrs. Blimber gab sich einer sanften Rührung hin und erklärte dem ehrwürdigen Mr. Alfred Feeder M. A. auf dem Heimweg, wenn sie Cicero in seiner Abgeschiedenheit zu Tusculum hätte sehen können, so wären jetzt alle ihre Wünsche erfüllt.

Es gab dann ein Frühstück, das auf dieselbe kleine Gesellschaft beschränkt blieb. Mr. Feeder B. A. entwickelte dabei ungeheure Heiterkeit, die sich auch Mrs. Toots mitteilte, so daß man Mr. Toots mehrere Male über den Tisch hinüber bemerken hörte: »Meine teure Susanna, strenge dich ja nicht zu sehr an!« Das Beste aber war, daß Mr. Toots es für seine Pflicht hielt, eine Rede zu halten – sein erstes Auftreten im Leben, von dem ihn der ganze Kodex telegraphischer Winke, die von Mrs. Toots ausgingen, nicht abzumahnen imstande war.

»Ich muß wahrhaftig erklären«, sagte Mr. Toots, »daß ich in diesem Hause, was auch darin zu – zu geistiger Verwirrung bisweilen geschehen mochte – 's ist von keinem Belang, und ich mache deshalb niemand einen Vorwurf – stets behandelt wurde wie einer, der zu Doktor Blimbers Familie gehört, und daß ich beträchtliche Zeit ein Pult für mich hatte. Deshalb kann – ich – nicht – zugeben – daß mein Freund Feeder – hem –«

»Verheiratet ist«, ergänzte Mrs. Toots.

»Es wird nicht unpassend oder überhaupt uninteressant sein«, sagte Mr. Toots mit entzücktem Gesicht, »bei dieser Gelegenheit zu bemerken, daß meine Frau eine ganz außerordentliche Frau ist und sich weit besser dazu eignete als ich – mein Freund Feeder verheiratet ist – namentlich mit –«

»Mit Miß Blimber«, half Mrs. Toots nach.

»Mit Mrs. Feeder, meine Liebe!« sagte Mr. Toots im gedämpften Ton des Privatgesprächs, »›welche Gott zusammengefügt hat,‹ Ihr wißt, ›damit kein Mensch‹ – wißt Ihr's nicht? Ich kann nicht gestatten, daß mein Freund Feeder verheiratet ist, namentlich mit Mrs. Feeder, ohne ihre – ihre Gesundheit – auszubringen; und möge«, fügte er bei, wie in hohem Fluge der Begeisterung die Blicke auf seine eigene Frau heftend, »möge die Fackel Hymens der Leuchtturm der Freude sein, und mögen die Blumen, die heute auf ihren Pfad gestreut wurden, die – Vertreiber sein – von – von allem Düster!«

Doktor Blimber, der ein Freund von Metaphern war, drückte seinen Beifall in den Worten aus: »Sehr gut, Tools! in der Tat, sehr schön gesagt!« und nickte mit dem Kopf, während er zugleich in die Hände klopfte. Mr. Feeder antwortete in einer komischen Rede, in die er sentimentale Brocken mischte. Mr. Alfred Feeder M. A. fühlte sich später sehr glücklich in der Gesellschaft des Doktors und der Miß Blimber, während die stattlich herausgeputzten kleinen Jungfrauen auf Mr. Feeder B. A. einen kaum weniger günstigen Eindruck machten. Doktor Blimber gab dann mit kräftiger Stimme einige Gedanken in idyllischem Stil zum besten, indem er auf das Binsendach hindeutete, unter dem er mit Mrs. Blimber fortan zu wohnen beabsichtigte, und der Bienen erwähnte, die ihre Hütte umsummen würden. Bald nachher zeigte sich in den Augen des Doktors ein merkwürdiges Blinzeln. Sein Schwiegersohn hatte schon zuvor bemerkt, daß die Zeit nur für Sklaven vorhanden sei, und die Frage gestellt, ob Mrs. Toots singe, weshalb die verständige Mrs. Blimber die Sitzung aufhob und mit aller Ruhe und Gemächlichkeit Cornelia samt dem Mann ihres Herzens in eine Postchaise packte.

Mr. und Mrs. Toots kehrten nach Bedford zurück (Mrs. Toots hatte in alten Zeiten unter dem jungfräulichen Namen Nipper dort gewohnt) und fanden daselbst einen Brief, dessen Durchlesen Mr. Toots so ungemein lange in Anspruch nahm, daß Mrs. Toots darüber eigentlich in Schrecken geriet.

»Meine teure Susanna«, sagte Mr. Toots, »Schrecken ist schlimmer als Anstrengung. Ich bitte, beruhige dich!«

»Von wem ist er?« fragte Mrs. Toots.

»Von Kapitän Gills, meine Liebe«, sagte Mr. Toots. »Laß dich's nicht angreifen. Walter und Miß Dombey werden in der Heimat erwartet.«

»Mein Lieber«, versetzte Mrs. Toots, die bei dieser Ankündigung erblaßte und sich hastig von dem Sofa erhob, »versuche nicht, mich zu täuschen, denn es ist doch unnütz. Sie sind nach Hause gekommen – ich lese es deutlich in deinem Gesicht.«

»Sie ist eine ganz außerordentliche Frau!« rief Mr. Toots in entzückter Bewunderung. »Du hast vollkommen recht, meine Liebe; sie sind nach Hause gekommen. Miß Dombey hat ihren Vater besucht, und sie sind versöhnt!«

»Versöhnt!« rief Mrs. Toots, die Hände zusammenschlagend.

»Ich bitte, laß dich's nicht angreifen, meine Liebe«, sagte Mr. Toots. »Denk doch an den Arzt! Kapitän Gills sagt – nein, er sagt es nicht gerade, aber so viel ich aus dem Schreiben entnehmen kann, will er sagen, Miß Dombey habe ihren unglücklichen Vater aus dem alten Hause geholt und nach demjenigen gebracht, wo sie mit Walter lebt; er liegt dort sehr krank – vermutlich auf den Tod, und sie komme Tag und Nacht nicht von seiner Seite.«

Mrs. Toots begann bitterlich zu weinen.

»Meine teuerste Susanna«, stellte ihr Mr. Toots vor, »denke doch, wenn du anders kannst, an den Arzt! Bist du aber außerstande, – nun, 's ist von keinem Belang – aber gib dir doch Mühe.«

Seine Gattin, die nach ihrer alten Weise schnell wieder hergestellt war, bat ihn so flehentlich, er möchte sie unverweilt zu ihrem Herzchen, zu ihrer kleinen Gebieterin, zu ihrem Liebling und dergleichen bringen, daß Mr. Toots, dessen Teilnahme und Bewunderung von der kräftigsten Art waren, bereitwillig zusagte. Sie kamen miteinander überein, unverweilt aufzubrechen und dem Kapitän die Antwort auf seinen Brief in Person zu bringen.

Die geheime Sympathie der Dinge oder der Zufall hatte den Kapitän, zu dem Mr. und Mrs. Toots eben reisten, an jenem Tage in die blumige Schleppe einer Hochzeit gebracht – allerdings nicht als Hauptperson, sondern nur als Anhängsel. Dies war folgendermaßen zugegangen.

Nachdem der Kapitän bei einem kurzen Besuch bei Florence und ihrem Knaben sich Herzstärkung geholt und geraume Zeit mit Walter geplaudert hatte, machte er einen Spaziergang, weil er die Notwendigkeit fühlte, einsam über die Wechsel in menschlichen Angelegenheiten nachzudenken und mit tiefsinniger Miene den Glanzhut über den Fall des Mr. Dombey zu schütteln, an dem er in dem Edelmut und in der Einfachheit seines Herzens lebhaften Anteil nahm. Das Unglück des armen Gentleman würde in der Tat sehr verdüsternd auf ihn gewirkt haben, wenn ihm nicht stets der Knabe vor Augen geschwebt hätte, der einen so erfreulichen Eindruck auf ihn übte, daß er, während er durch die Straße ging, oft laut lachte und in der Tat mehr als einmal in einer plötzlichen Lustanwandlung zum Erstaunen aller Zuschauer den Glanzhut in die Luft warf und ihn wieder auffing. Der schnelle Wechsel von Licht und Schatten, dem diese beiden widerstreitenden Betrachtungsgegenstände den Kapitän aussetzten, setzte seinem Geist in einer Weise zu, daß er weit gehen mußte, um wieder Fassung zu gewinnen, und da in dem Einflusse harmonischer Ideenverknüpfungen so viel liegt, so wählte er für seinen Spaziergang die alte Gegend unter den Masten, Rudern, Zimmerleuten, Zwiebackbäckern, Kohlenträgern, Teerkesseln, Matrosen, Docks, Aufzugbrücken und andern beschwichtigenden Dingen.

Illustration

Diese friedlichen Schauplätze und namentlich die Gegend um die Lehmgrube her wirkten so beruhigend auf den Kapitän, daß er in stiller Heiterkeit weiterging und in der Tat eben halblaut mit dem Lied von der lieblichen Peg sich unterhielt, als er bei einer Ecke plötzlich durch einen triumphierenden Zug festgebannt und sprachlos gemacht wurde.

Die erschreckende Prozession wurde von jenem entschlossenen Weibe, der Mrs. Mac Stinger, angeführt, die in ihrem Gesicht die Unerbittlichkeit ihres Willens ausdrückte und an ihrem ehernen Busen sehr augenfällig eine ungeheure Uhr samt Anhängseln trug, die der Kapitän sogleich als Bunsbys Eigentum erkannte, unter ihrem Arm keine geringere Person führte als jenen weisen Seemann selbst. Mit der zerstreuten, melancholischen Miene eines Gefangenen, der in ein fremdes Land gebracht werden soll, ließ sich Bunsby demütig fortschleppen und ergab sich ohnmächtig in ihren Willen. Hinter ihnen kam die jubelnde Gesamtzahl der jungen Mac Stingers, und dieser folgten zwei Damen von schrecklich gesetztem Aussehen, die ebenfalls jubelnd einen kleinen Gentleman mit einem hohen Hut zwischen sich führten. Im Kielwasser folgte Bunsbys Schiffsjunge, der Sonnenschirme trug. Der ganze Zug befand sich in guter Marschordnung, und der schreckliche Aufputz, der sich an der ganzen Gesellschaft bemerklich machte, würde, wenn dies auch nicht in den unerschütterlichen Gesichtern der Damen zu lesen gewesen wäre, hinreichend an den Tag gelegt haben, daß es sich hier um eine Opferprozession handelte, und daß Bunsby das Opfer war.

Des Kapitäns erster Gedanke war, Reißaus zu nehmen, und bei Bunsby schien es der gleiche Fall zu sein, so hoffnungslos auch jeder Versuch dazu ausgefallen sein dürfte. Von der Gesellschaft ging jedoch ein Schrei des Erkennens aus, und Alexander Mac Stinger lief mit offenen Armen auf den Kapitän zu, so daß letzterer seine Flagge strich.

»Ah, Kap'tn Cuttle!« sagte Mrs. Mac Stinger. »Dies ist in der Tat eine seltene Begegnung! Ich trage Euch keinen Groll mehr nach, Kap'tn Cuttle – Ihr braucht nicht zu fürchten, daß ich Euch wieder Vorwürfe machen will. Ich hoffe, daß ich mit einem andern Geiste vor den Altar trete.« Mrs. Mac Stinger hielt jetzt inne, warf den Kopf auf, erweiterte sich die Brust mit einem langen Atemzug und fügte mit Hindeutung auf das Opfer hinzu:

»Mein Mann, Kap'tn Cuttle.«

Der unglückliche Bunsby schaute weder nach rechts noch nach links, weder auf seine Braut noch auf seinen Freund, sondern gerade vor sich hin ins Leere. Der Kapitän streckte seine Hand aus und Bunsby tat das gleiche, obschon er auf den Gruß des Kapitäns kein Wort der Erwiderung fand.

»Kap'tn Cuttle«, sagte Mrs. Mac Stinger, »falls Ihr alte Feindschaft zum Heilen bringen und Euren Freund, meinen Gatten, zum letztenmal als ledige Person sehen wollt, so werden wir uns glücklich schätzen, wenn Ihr uns nach der Kapelle begleitet. Hier ist eine Dame«, fügte sie hinzu, sich gegen die Unerschrockenste von den beiden umwendend, »meine Brautführerin, die gern Euren Schutz annehmen wird, Kap'tn Cuttle.«

Der kleine Gentleman in dem hohen Hut, der dem Anschein nach der Gatte der andern Dame war und augenscheinlich über die Versetzung eines Nebenmenschen in eine der seinigen ähnliche Lage jubelte, trat jetzt zurück und überließ die erwähnte Unerschrockene dem Kapitän. Diese faßte sogleich ihren Mann, bemerkte, daß keine Zeit zu verlieren sei, und erteilte in kräftiger Stimme die Weisung, man solle nicht länger säumen.

Die Sorge um den Freund, in die sich anfangs auch einige Sorge um das eigene Ich mischte, – denn ein unbestimmter Schrecken bemächtigte sich des Kapitäns, man könnte ihn mit Gewalt heiraten wollen, bis er sich endlich im Hinblick auf das Ritual erinnerte, daß er persönlich sicher sei, solange er nur auf dem Entschluß bleibe, auf eine jede Frage des Geistlichen mit »Nein« zu antworten – preßte dem guten Mann den Schweiß auf die Stirne und versetzte ihn in eine Stimmung, so daß er geraume Zeit nicht wußte, wie die Prozession, zu der er nun auch selbst gehörte, vorwärts kam oder was seine schöne Begleiterin mit ihm sprach. Nachdem sich seine Aufregung einigermaßen gelegt hatte, erfuhr er von dieser Dame, daß sie die Witwe eines Mr. Bokum, eines vormaligen Zollbeamten, und die wärmste Freundin der Mrs. Mac Stinger sei, die sie für ein Muster ihres Geschlechts halte; sie habe oft von dem Kapitän gehört und hoffe nur, er werde sein vergangenes Leben bereut haben, wie sie der Überzeugung lebe, daß Mr. Bunsby den ihm zugegangenen Segen zu schätzen wisse, obschon sie fürchte, daß die Männer ihr Glück selten früher erkennen, bis sie es verloren haben – und was dergleichen mehr war.

Diese ganze Zeit über entging dem Kapitän nicht, daß Mrs. Bokum kein Auge von dem Bräutigam verwandte, und daß sie, so oft sie in die Nähe eines Hofes oder einer andern schmalen Straßenwendung kamen, die eine Flucht zu begünstigen schien, sorgfältig auf der Hut war, um bei einem versuchten Ausreißen ihn schnell wieder abzufangen. Die andere Dame, wie auch ihr Gatte, der kleine Gentleman mit dem hohen Hut, war infolge eines früher besprochenen Plans gleichfalls auf der Lauer, während Mrs. Mac Stinger den unglücklichen Mann so fest hielt, daß jede Bemühung, sich durch die Flucht zu retten, vergeblich wurde. Sogar der Straßenpöbel schien dies zu bemerken und drückte seine Ansicht durch Geschrei und Spottreden aus, gegen die sich übrigens die furchtbare Mac Stinger mit unwandelbarer Gleichgültigkeit benahm, während Bunsby selbst in einem Zustand von Bewußtlosigkeit sich weiter schleppen ließ.

Der Kapitän versuchte etliche Male, sich mit dem Philosophen, wenn auch nur durch eine einzige Silbe oder durch ein Signal in Rapport zu setzen, verfehlte aber stets seinen Zweck – einesteils infolge der Aufmerksamkeit der Wachen, und dann, weil es Bunsbys eigentümliche Konstitution zu allen Zeiten schwierig machte, seinen Geist durch irgendein äußeres sichtbares Zeichen zu fesseln. So näherten sie sich der Kapelle, einem hübschen, weiß getünchten Gebäude, letzter Zeit unter der Leitung des ehrwürdigen Melchisedek Heuler stehend, der sich auf sehr dringendes Bitten herabgelassen hatte, die Welt noch zwei Jahre bestehen zu lassen – eine Frist, nach der sie übrigens, wie er seine Jünger belehrte, notwendig untergehen mußte.

Während der ehrwürdige Melchisedek aus dem Stegreife einige Gebete sprach, fand der Kapitän Gelegenheit, dem Bräutigam ins Ohr zu brummen:

»Wie geht's, mein Junge – wie geht's?«

Bunsby antwortete darauf mit einer Rücksichtslosigkeit gegen den ehrwürdigen Melchisedek, die durch nichts, als durch seine verzweifelten Umstände entschuldigt werden konnte:

»Verteufelt schlecht.«

»Jack Bunsby«, flüsterte der Kapitän, »tut Ihr dies hier aus eigenem freien Willen?«

»Nein«, antwortete Mr. Bunsby.

»Warum laßt Ihr's dann nicht lieber bleiben, mein Junge?« lautete die nicht unnatürliche Frage des Kapitäns.

Bunsby, der noch immer mit unbeweglichem Gesicht in die Welt hinausschaute, gab keine Antwort.

»Warum schert Ihr nicht ab?« fragte der Kapitän.

»He?« flüsterte Bunsby mit einem vorübergehenden Hoffnungsstrahle.

»Schert ab«, sagte der Kapitän.

»Wozu nützt's«, entgegnete der verkaufte Weise. »Sie würde mich wieder kapern.«

»Probiert's!« versetzte der Kapitän. »Hellauf! Kommt! Noch ist's Zeit. Schert ab, Jack Bunsby!«

Statt übrigens von diesem Rat Gebrauch zu machen, erwiderte Jack Bunsby in kläglichem Flüstern:

»Die ganze Geschichte hat mit jener Truhe von Euch angefangen. Warum mußte ich sie auch an jenem Abend in den Hafen geleiten?«

»Mein Junge«, stotterte der Kapitän, »ich meinte, Ihr wäret über sie, nicht sie über Euch gekommen. Ein Mann, der solche Ansichten hat, wie Ihr!«

Mr. Bunsby stieß bloß ein ersticktes Ächzen aus.

»Kommt!« sagte der Kapitän, ihn mit dem Ellbogen anstoßend, »noch ist's Zeit! Schert ab! Ich will Euren Rückzug decken. Die Stunde drängt. Bunsby, es gilt die Freiheit. Wollt Ihr – zum ersten Mal?«

Bunsby blieb unbeweglich.

»Bunsby«, flüsterte der Kapitän, »wollt Ihr – zum zweiten Mal?« Bunsby wollte auch zum zweiten Mal nicht.

»Bunsby«, drängte der Kapitän, »es gilt die Freiheit! Wollt Ihr – zum dritten Mal? Jetzt oder nie!«

Bunsby wollte nicht und wollte nie, denn er wurde unmittelbar darauf mit Mrs. Mac Stinger zusammengegeben.

Eine der schrecklichsten Beigaben zu dieser Feierlichkeit war für den Kapitän die todbringende Teilnahme, die Juliane Mac Stinger dafür an den Tag legte, und die verhängnisvolle Spannung aller Geisteskräfte, womit dieses vielversprechende Kind – jetzt schon das treue Abbild ihrer Mutter – dem ganzen Verfahren zusah. Der Kapitän bemerkte darin eine endlose Reihenfolge von Männerfallen und halbe Jahrhunderte von Zwang und Bedrückung, die den armen Seefahrern in Aussicht standen. Dies war ein denkwürdigerer Anblick als die wandellose Festigkeit der Mrs. Bokum und der andern Dame, als der Jubel des kleinen Gentlemans in dem hohen Hut, oder sogar als die schnöde Unbeugsamkeit der Mrs. Mac Stinger. Die männlichen jungen Mac Stinger verstanden wenig von dem, was vorging, und kümmerten sich noch weniger darum, da sie während der Zeremonie hauptsächlich damit beschäftigt waren, einander auf die Halbstiefel zu treten, aber der Gegensatz, den diese unglücklichen Kleinen darboten, stach nur um so vorteilhafter gegen das frühreife Weib in Juliane ab. Noch ein Jährchen oder zwei, dachte der Kapitän, und wer mit diesem Kinde in einem Hause wohnt, ist dem Untergang verfallen.

Die Zeremonie schloß mit einem allgemeinen Hinaufspringen der jungen Familie an Mr. Bunsby, den das junge Volk jetzt mit dem zärtlichen Vaternamen begrüßte und um Halbpence anbettelte. Nachdem diese Liebesergüsse vorüber waren, wollte der Zug wieder aufbrechen, wurde aber noch eine Weile länger durch einen unerwarteten Jammererguß von seiten des Alexander Mac Stinger zurückgehalten. Dieses liebe Kind schien sich bei einer Kapelle, die mit Grabsteinen in Verbindung stand, nicht denken zu können, daß sie außer den gewöhnlichen gottesdienstlichen Verrichtungen und den Beerdigungen auch noch andere Zwecke habe, und war der festen Überzeugung, man werde jetzt seine Mutter mit allem Anstand begraben und sie sei für ihn auf immer verloren. In seiner Angst schrie er mit erstaunlicher Gewalt, bis er ganz schwarz im Gesicht wurde. Wie rührend übrigens solche Zeichen zärtlicher Anhänglichkeit für die Mutter sein mochten, lag es doch nicht in dem Charakter dieses merkwürdigen Weibes, ihre Anerkennung derselben in Schwäche ausarten zu lassen. Nachdem sie vergeblich versucht hatte, ihn durch Rütteln, Rippenstöße und Anschreien zur Vernunft zu bringen, führte sie ihn ins Freie hinaus und versuchte ein anderes Mittel, das sich der Hochzeitsgesellschaft durch eine rasche Reihenfolge scharfer Töne, wie wenn jemand Beifall klatschte, und unmittelbar darauf durch den Umstand kundgab, daß Alexander sehr erhitzt und laut wehklagend in Berührung mit dem kühlsten Pflasterstein des Hofes dasaß.

Die Prozession, die sich nun wieder bilden und nach Brig-Place begeben konnte, wo ein Hochzeitsmahl bereit stand, kehrte zurück, wie sie gekommen war, bei welcher Gelegenheit der Straßenpöbel Mr. Bunsby manchen humoristischen Glückwunsch zu seinem neu erlangten Segen zurief. Der Kapitän ging bis zur Haustür mit, wo er sich unter dem Vorwand einer Bestellung und mit der Zusage, sogleich wieder zurückzukommen, von dem Zug und von dem Gefangenen verabschiedete, da ihn das zärtlichere Benehmen der Mrs. Bokum, die ihrer früheren Pflicht der Wachsamkeit nach der glücklichen Verheiratung des Bräutigams entbunden war und jetzt Muße hatte, selbst die Angenehme zu spielen, sehr beunruhigt hatte. Es war auch ein anderer Anlaß der Sorge für ihn vorhanden, denn er mußte sich den Vorwurf machen, daß er, freilich ohne es zu beabsichtigen, durch sein unbegrenztes Vertrauen in den hohen Geist des weisen Bunsby das erste Mittel zu dessen Verstrickung gewesen war.

Es lag nicht in der Absicht des Kapitäns, jetzt zu dem alten Sol Gills im hölzernen Midshipman zurückzukehren, ohne zuvor einen Umweg zu machen und zu fragen, wie es Mr. Dombey gehe, obschon das Haus, in dem sich derselbe befand, außerhalb Londons und am Saume einer frischen Heide stand. Er fuhr daher, wenn er müde wurde, eine Strecke weit und kam in solcher Weise wohlgemut an seinem Bestimmungsort an.

Die Laden waren niedergelassen und das Haus so ruhig, daß der Kapitän sich fast fürchtete, zu klopfen; als er aber an der Tür lauschte, vernahm er drinnen ganz in der Nähe gedämpfte Stimmen, weshalb er leise pochte und von Mr. Toots eingelassen wurde. Letzterer war eben mit seiner Frau angelangt und hatte den Kapitän in dem Midshipman aufgesucht, wo man ihm übrigens nur sagen konnte, wo er zu finden sein dürfte.

Sie waren kaum ins Haus getreten, als Mrs. Toots bereits das Bübchen irgend jemand abgejagt, es in ihre Arme genommen und damit auf der Treppe Platz gefunden hatte, wo sie es küßte und streichelte. Florence stand niedergebeugt an ihrer Seite, und man hätte nicht wohl sagen können, wen Mrs. Toots mit mehr Innigkeit herzte und umarmte, die Mutter oder das Kind; oder wer am eifrigsten seine Zärtlichkeit kundgab – Florence für Mrs. Toots, Mrs. Toots für Florence, oder beide für den Knaben. Mit einem Worte, es war eine kleine Gruppe von Liebe und Aufregung.

»Und ist Euer Papa sehr krank, meine liebe, herzige Miß Floy?« fragte Susanna.

»Er ist sehr leidend«, versetzte Florence. »Aber liebe Susanna, du darfst jetzt nicht mehr mit mir sprechen, wie du sonst tatest. Und was ist das?« fügte sie hinzu, erstaunt Susannas Kleider befühlend. »Dein alter Anzug, meine Liebe? Dein altes Häubchen, die Locken und alles ganz so wie früher?«

Susanna brach in Tränen aus und drückte viele Küsse auf die kleine Hand, von der sie so verwundert berührt worden war.

»Meine teure Miß Dombey«, sagte Mr. Toots, der jetzt vortrat, »ich will alles aufklären. Sie ist ein ganz außerordentliches Frauenzimmer und hat nicht viele ihresgleichen! Sie sagte stets – sagte so vor unserer Verheiratung, bis auf den heutigen Tag – wenn Ihr nach Hause kämet, wolle sie in keinem andern Anzug vor Euch erscheinen, als in dem, in welchem sie Euch zu dienen pflegte, denn sie fürchtete, sie möchte Euch fremd vorkommen und Ihr könntet sie weniger lieben. Diese Kleidung gefällt auch mir vor allen andern«, fügte er hinzu. »Ich bete sie darin an! Meine teure Miß Dombey, sie will wieder Euer Mädchen, Eure Wärterin, kurz alles sein, was sie je war, und noch mehr. In ihr ist keine Veränderung vorgegangen. Aber liebe Susanna«, sagte Mr. Toots, der mit viel Empfindsamkeit und hoher Bewunderung gesprochen hatte, »vergiß mir ja nicht den Doktor und laß dich nicht allzusehr aufregen!«

 

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