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Dombey und Sohn ? Band 2

Charles Dickens: Dombey und Sohn ? Band 2 - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn ? Band 2
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Sechsundfünfzigstes Kapitel.

Mehrere Personen entzückt und der Preishahn entrüstet.

Der Midshipman war voll Leben. Mr. Toots und Susanna hatten sich endlich eingestellt. Susanna war sogleich wie eine Verrückte die Treppe hinaufgeeilt, während Mr. Toots und der Preishahn in dem Hinterstübchen zurückblieben.

»O meine herzige, liebe, süße Miß Floy!« rief die Nipper, in Florences Zimmer stürzend, »zu denken, daß es so weit kommen sollte und ich Euch hier finden muß, mein Herz, ohne daß Ihr jemanden habt, Euch zu bedienen, und keine Heimat, die Ihr die Eure nennen könnt. Aber nie will ich wieder fortgehen, Miß Floy; denn wenn ich auch vielleicht kein Moos ansetze, bin ich doch kein rollender Stein, und auch mein Herz ist nicht von Stein, sonst würde es nicht brechen, wie es mir jetzt bricht, ach, ach!«

Diese Worte sprudelten ohne Pause unaufhörlich heraus, während Miß Nipper neben ihrer Gebieterin auf den Knien lag und sie mit ihren Armen umschlungen hielt.

»O meine Liebe!« rief Susanna, »ich weiß alles, was vorgegangen ist, ich weiß alles, mein Herz, und es hat mich aufs tiefste erschüttert.«

»Susanna, meine liebe, gute Susanna!« sagte Florence.

»O Gott behüte sie! Ich bin ihre junge Wärterin gewesen, als sie ein ganz kleines Kind war, und nun will sie wirklich und wahrhaftig heiraten!« rief Susanna in einem Ausbruch von Schmerz und Freude, von Stolz und Kummer, und der Himmel weiß, von wie vielen andern widerstreitenden Gefühlen.

»Wer hat dir das gesagt?« fragte Florence.

»O du lieber Himmel, jenes unschuldigste von allen Geschöpfen, der Toots«, entgegnete Susanna schluchzend. »Ich habe sogleich gewußt, daß er recht haben müsse, meine Liebe, weil er es sich so zu Herzen nahm; er ist das aufopferndste und unschuldigste Kind! Und es ist wirklich und wahrhaftig so, mein Herz«, fuhr Susanna mit einer abermaligen Umarmung und einem neuen Tränenguß fort, »daß Ihr heiraten wollt?«

Die Mischung von Teilnahme, Freude, Zärtlichkeit, Hineinreden und Bedauern, womit die Nipper stets wieder auf diesen Gegenstand zurückkam und dabei jedesmal ihren Kopf erhob, um ihre junge Gebieterin anzusehen und zu küssen, dann aber ihn unter schluchzenden Liebkosungen wieder auf ihre Schulter sinken ließ – war so weiblich und in seiner Art so innig, wie man nur je etwas Ähnliches auf der Welt sehen kann.

»So, so«, sagte darauf Florence mit beschwichtigender Stimme. »Jetzt bist du wieder ganz die Alte, meine liebe Susanna.«

Miß Nipper, die sich zu den Füßen ihrer Gebieterin auf den Boden gesetzt hatte, lachte, schluchzte, hielt mit der einen Hand ihr Tuch vor die Augen, während sie mit der andern Diogenes streichelte, der ihr Gesicht leckte, erklärte, daß sie gefaßter sei, und lieferte den Beweis dafür, indem sie noch ein bißchen mehr lachte und weinte.

»Ich – ich – ich habe nie einen solchen Menschen gesehen wie diesen Toots«, sagte Susanna, »nie in allen meinen Lebenstagen.«

»Er ist so freundlich«, bemerkte Florence.

»Und so unterhaltsam«, schluchzte Susanna. »Die Art, wie er im Wagen mit mir fortschwatzte, während dieser respektswidrige Preishahn auf dem Bock saß.«

»Wovon, Susanna?« fragte Florence schüchtern.

»O, von Leutnant Walter und Kapitän Gills und von Euch, liebe Miß Floy, und dem stillen Grab«, sagte Susanna.

»Vom stillen Grab!« wiederholte Florence.

»Er sagt« – Susanna brach jetzt in ungestümes hysterisches Lachen aus – »er wolle jetzt gleich und ganz gemächlich hineinsteigen. Aber Gott behüte Euer Herz, meine liebe Miß Floy, er läßt es wohl bleiben: denn er ist viel zu glücklich, andere Leute glücklich zu sehen; er ist zwar vielleicht kein Salomo«, fuhr die Nipper mit ihrer gewöhnlichen Zungengeläufigkeit fort, »und ich will ihm dieses auch nicht nachsagen; aber so viel behaupte ich von ihm, daß ich nie ein weniger selbstsüchtiges menschliches Wesen kennengelernt habe.«

Miß Nipper lachte nach dieser kräftigen Erklärung über die Maßen und teilte Florence dann mit, besagter junger Mann warte unten, um sie zu sehen. Das werde ihm ein reicher Lohn für die Mühe sein, die er bei dem letzten Ausflug gehabt habe.

Florence trug Susanna auf, Mr. Toots zu bitten, er möchte ihr das Vergnügen gönnen, ihm für sein Wohlwollen danken zu dürfen. Einige Augenblicke später führte Susanna den jungen Menschen herein, der noch immer sehr zerzaust war und mehr als je stotterte.

»Miß Dombey«, sagte Mr. Toots, »daß es mir wieder gestattet ist, Euch – Euch – zu sehen – nein, nicht zu sehen, sondern – ich weiß wahrhaftig nicht, was ich sagen wollte, aber es ist von keinem Belang.«

»Ich muß Euch so oft danken«, entgegnete Florence, ihm ihre beiden Hände reichend, während ihr Gesicht von dem Gefühl der Anerkennung leuchtete, »daß ich keine Worte dafür finde und nicht weiß, wie ich es tun soll.«

»Miß Dombey«, sagte Mr. Toots mit schauerlicher Stimme, »wenn es möglich wäre, wenn es sich mit Eurem engelgleichen Wesen vertrüge, daß Ihr mich verwünschtet, so würdet Ihr mich unendlich weniger – wenn ich mich so ausdrücken darf – bedrücken, als durch diese unverdienten Freundlichkeitsäußerungen. Ihre Wirkung auf mich – ist – aber«, setzte Mr. Toots abgebrochen bei, »ich schweife ab, und es ist von durchaus keinem Belang.«

Da hierauf nicht wohl etwas zu entgegnen war, so dankte ihm Florence wieder und wieder.

»Wenn es mir erlaubt wäre, Miß Dombey«, sagte Mr. Toots, »so möchte ich wohl diese Gelegenheit ergreifen, um ein Wort der Erklärung anzubringen. Es wäre mir wohl lieb gewesen, wenn ich hätte das Vergnügen haben können, mit – mit Susanna früher zurückzukehren. Aber erstens kannten wir den Namen des Verwandten nicht, nach dessen Haus sie sich begeben hatte, und da sie zweitens sich nicht mehr bei diesem Verwandten aufhielt, sondern zu einem andern in größerer Entfernung gezogen war, so glaube ich, daß kaum etwas anderes, als der Scharfsinn des Preishahn sie in dieser Zeit aufzufinden vermocht haben würde.«

Florence war davon überzeugt.

»Das ist es jedoch nicht, was ich meine«, sagte Mr. Toots. »Ich versichere Euch, Miß Dombey, in meinem Gemütszustand ist mir die Gesellschaft Susannas ein Trost und eine Beruhigung gewesen, die sich leichter denken als beschreiben lassen. Die Reise trug ihren Lohn in sich. Doch dies ist es auch nicht, was ich sagen wollte. Miß Dombey, ich habe schon früher bemerkt, daß ich wisse, ich sei durchaus nicht, was man einen schnell fassenden Menschen zu nennen pflegt. Ich weiß dies vollkommen. Ich glaube nicht, daß jemand besser – wenn es nicht etwa ein allzu starker Ausdruck ist – die Dicke seines Kopfes kennt als ich. Gleichwohl aber, Miß Dombey, begreife ich den Stand – der Dinge – mit Leutnant Walter. Wie peinlich mir dieser Stand der Dinge auch sein mag (es ist natürlich von durchaus keinem Belang), so halte ich es doch für meine Pflicht zu sagen, daß Leutnant Walter ein Mensch ist, der würdig zu sein scheint des Segens, der auf sein – seine Stirne heruntergefallen ist. Möge er sich lang seines Glückes erfreuen und es so schätzen, wie ein ganz anderes – ein sehr unwürdiges Individuum, dessen Name von keinem Belang ist, es geschätzt haben würde! Aber das ist übrigens noch immer nicht, was ich meine. Miß Dombey, Kapitän Gills ist mein Freund, und während der Zeit, die nun abläuft, würde es, glaube ich, Kapitän Gills Freude machen, wenn ich hin und wieder hier vorkomme. Auch mich würde es freuen, zu erscheinen. Aber ich kann nicht vergessen, daß ich mir einmal an der Ecke des Squares zu Brighton eine schändliche Blöße gegeben habe, und wenn meine Gegenwart Euch nur im mindesten unangenehm sein sollte, so möchte ich Euch bitten, dies mir jetzt einfach zu sagen. Ich versichere Euch, daß ich Euch vollkommen verstehen und es durchaus nicht für Unfreundlichkeit ansehen werde; denn ich finde stets nur ein Glück und eine Freude darin, wenn ich mit Eurem Vertrauen beehrt werde.«

»Mr. Toots«, entgegnete Florence, »wenn Ihr, der Ihr ein so alter und treuer Freund seid, jetzt von diesem Hause wegbleiben wolltet, so würdet Ihr mich sehr unglücklich machen. Es kann mir stets nur ein frohes Gefühl bereiten, wenn ich Euch sehe.«

»Miß Dombey«, sagte Mr. Toots, sein Taschentuch herausziehend, »wenn ich eine Träne vergieße, so ist es eine Träne der Freude. Es ist übrigens von keinem Belang, und ich bin Euch sehr verbunden. Nach Eurer so freundlichen Versicherung möge mir die Bemerkung erlaubt sein, daß es nicht in meiner Absicht liegt, meine Person länger zu vernachlässigen.«

Florence nahm diese Andeutung mit einem allerliebsten Ausdruck von Verwirrung auf.

»Ich meine damit«, fuhr Mr. Toots fort, »daß ich es als Nebenmensch im allgemeinen für meine Pflicht halten werde, das Beste aus mir zu machen, bis mich das stille Grab abruft, und daß – daß ich meine Stiefel so schön gewichst tragen will, wie – wie es die Umstände gestatten. Dies ist das letztemal, Miß Dombey, daß ich mich mit irgendeiner Privat- und persönlichen Bemerkung aufdränge. Ich danke Euch in der Tat recht sehr. Wenn ich im allgemeinen nicht so gescheit bin, wie meine Freunde mich wünschen könnten oder wie ich auch mich selbst wünschen möchte, so kann ich Euch doch bei meinem Ehrenwort die Versicherung geben, daß ich recht wohl weiß, was die Rücksicht und die Nächstenliebe fordert. Es ist mir«, fügte er in leidenschaftlichem Ton hinzu, »als könnte ich gerade im gegenwärtigen Augenblick in höchst merkwürdiger Weise meine Gefühle ausdrücken, wenn – wenn – ich nur imstande wäre, einen Anfang zu finden.«

Damit wollte es nun freilich nicht gehen, und nachdem Mr. Toots einige Minuten gewartet hatte, ob es nicht doch noch kommen wolle, verabschiedete er sich rasch und begab sich die Treppe hinunter, um den Kapitän aufzusuchen, den er in dem Laden fand.

»Kapitän Gills«, sagte Mr. Toots, »was jetzt zwischen uns stattfinden wird, soll unter dem heiligen Siegel des Vertrauens geschehen. Es ist eine Folge von dem, Kapitän Gills, was eben droben zwischen mir und Miß Dombey vorgegangen ist.«

»Unten und oben, he, mein Junge?« murmelte der Kapitän.

»Jawohl, Kapitän Gills«, versetzte Mr. Toots, dessen Bejahungseifer sehr durch den Umstand erhöht wurde, weil er des Kapitäns Meinung nicht verstand. »Ich glaube, Kapitän Gills, Miß Dombey wird in Bälde mit Leutnant Walter vereinigt werden?«

»Nun ja, mein Junge. Wir sind alle hier Schiffskameraden. Wal'r und das Schätzchen werden sich im Hause des Bundes zusammentun, sobald das Aufgebot vorüber ist«, flüsterte ihm Kapitän Cuttle ins Ohr.

»Das Aufgebot, Kapitän Gills?« wiederholte Mr. Toots.

»In der Kirche da unten«, sagte der Kapitän, mit dem Daumen über die Schulter deutend.

»O! ja!« entgegnete Mr. Toots.

»Und dann«, fuhr der Kapitän in heiserem Flüstern fort, während er Mr. Toots mit dem Rücken seiner Hand auf die Brust klopfte und dann mit einem Blicke ungemeiner Bewunderung zurücktrat, »was folgt darauf? Daß das hübsche Geschöpf, das so zart aufgezogen wurde, wie ein ausländischer Vogel, auf die brausende See geht, um mit Wal'r eine Reise nach China zu machen.«

»O Gott, Kapitän Gills!« rief Mr. Toots.

»Ja!« nickte der Kapitän. »Das Schiff, das ihn aufnahm, als er in dem Orkan verunglückte und so weit von seinem Kurs abgetrieben wurde, war ein Chinafahrer, und Wal'r machte die Reise mit. Da er ein so schmucker und guter Junge ist, wie nur je einer an Bord gesetzt wurde, so kam er bald am Land sowohl als bei seinen Kameraden in Gunst, und als der Oberaufseher zu Kanton starb, trat er, nachdem er zuvor den Dienst des Schreibers versehen hatte, in dessen Stelle ein. Jetzt ist er Oberaufseher am Bord eines andern Schiffes, das den nämlichen Reedern gehört. Und so, seht Ihr«, wiederholte der Kapitän gedankenvoll, »geht jetzt das hübsche Geschöpf mit Wal'r auf die wogende See, um eine Reise nach China zu machen.«

Mr. Toots und Kapitän Cuttle stießen im Einklang einen tiefen Seufzer aus.

»Nun, was liegt daran?« sagte der Kapitän. »Sie liebt ihn treu und er sie gleichfalls. Diejenigen, die sie hätten lieben und für sie sorgen sollen, behandelten sie wie Tiere und gaben sie dem Untergang preis. Als sie, von der Heimat verstoßen, zu mir herkam und auf diese Planken trat, wollte ihr das verwundete Herz brechen. Ich weiß es! Ich, Ed'ard Cuttle, habe es gesehen. Nichts als treue, innige, beständige Liebe konnte es wiederherstellen. Wenn ich dies nicht wüßte, und wenn ich nicht wüßte, daß Wal'r sie aus tiefster Seele liebt, Bruder, und sie ihn in gleicher Weise, so würde ich mir lieber diese blauen Arme und Beine da abhacken lassen, ehe ich sie ziehen ließe. Aber ich weiß es, und was weiter? Je nun, ich sage eben, der Himmel sei mit ihnen beiden, und so wird es auch der Fall sein, Amen!«

»Kapitän Gills«, versetzte Mr. Toots, »erlaubt mir das Vergnügen, Euch die Hand zu drücken. Ihr habt eine Art an Euch, Dinge zu sagen, so daß mir eine angenehme Wärme über den ganzen Rücken hinaufkriecht. Auch ich sage Amen. Es ist Euch bekannt, Kapitän Gills, daß ich gleichfalls Miß Dombey angebetet habe.«

»Hellauf!« entgegnete der Kapitän, Mr. Toots seine Hand auf die Schulter legend. »Halt bei. Junge!«

»Es ist meine Absicht, Kapitän Gills«, erwiderte der begeisterte Mr. Toots, »beizuhalten, so gut es mir möglich ist. Wenn das stille Grab seinen Mund auftut, Kapitän Gills, so werde ich bereit sein für die Beerdigung: früher nicht. Da ich aber im Augenblick meiner Macht über mich selbst nicht ganz sicher bin, so besteht das, was ich Euch zu sagen wünsche und was Ihr vielleicht gegen Leutnant Walter zu erwähnen die Güte haben werdet, in folgendem –«

»In folgendem«, echote der Kapitän. »Losgelegt!«

»Miß Dombey war so unaussprechlich freundlich«, fuhr Mr. Toots mit tränenfeuchten Augen fort, »mich zu versichern, daß ihr meine Gegenwart nichts weniger als unangenehm sei. Da Ihr nun wie jedermann hier nicht weniger nachsichtig und duldsam gegen einen Menschen seid, – der freilich«, fügte er mit augenblicklicher Niedergeschlagenheit bei, »wie es den Anschein hat, durch einen Irrtum auf die Welt gekommen ist, so will ich während der kurzen Zeit, in der wir noch beisammen sein können, abends zu Besuch kommen. Meine Bitte besteht aber darin: wenn ich je vorübergehend finde, daß ich das Glück des Leutnants Walter nicht mehr mit ansehen kann und deshalb hinausstürze, so hoffe ich, Kapitän Gills, daß Ihr und er, ihr beide, nicht eine Schuld von meiner Seite oder einen Mangel an innerem Kampf, sondern nur mein Unglück darin sehen werdet. Sicherlich seid Ihr überzeugt, daß ich gegen kein lebendes Wesen einen Groll trage – am allerwenigsten aber gegen Leutnant Walter –, und Ihr könntet ja dann gelegentlich bemerken, ich sei hinausgegangen, um einen Spaziergang zu machen, oder sehe wahrscheinlich nach, wieviel Uhr es auf der königlichen Börse sei. Kapitän Gills, wenn Ihr Euch auf diese Übereinkunft einlassen und auch für Leutnant Walter Gewähr leisten könntet, so wäre das eine Erleichterung für meine Gefühle, die ich mit Aufopferung eines beträchtlichen Teils meines Eigentums für wohlfeil erkauft halten würde.«

»Mein Junge, sprecht nicht mehr davon«, erwiderte der Kapitän. »Jede Farbe, die Ihr aufziehen werdet, soll von Wal'r und mir Anerkennung und Beantwortung finden.«

»Kapitän Gills«, sagte Mr. Toots, »das Herz ist mir sehr erleichtert. Ich möchte mir die gute Meinung von allen hier bewahren. Ich – ich – meine es gut, auf Ehre, wie ungeschickt ich es auch herausbringen mag. Ihr wißt«, fügte er hinzu, »es ist geradeso wie wenn Burgeß und Co. einen Kunden mit einem ganz außerordentlichen Paar Beinkleidern zu erfreuen wünschten und nicht imstande wären, einen Zuschnitt zu machen, wie sie ihn im Sinne haben.«

Mit dieser sehr passenden Beleuchtung, auf die er ein wenig stolz zu sein schien, sagte er Kapitän Cuttle gute Nacht und entfernte sich.

Der ehrliche Kapitän war jetzt ein von Glück strahlender Mann, da er für die Herzensfreude in Susanna die geeignete Bedienung gefunden hatte. Während nun die Zeit entschwand, wurde sein Gesicht immer leuchtender und glücklicher. Nach einigen Besprechungen mit Susanna, vor deren Weisheit er eine tiefe Achtung hegte und deren tapferes Benehmen gegen Mrs. Mac Stinger er nie hatte vergessen können, machte er Florence den Vorschlag, daß die Tochter der älteren Dame, die gewöhnlich unter dem blauen Schirm auf dem Leadenhall Markt stand, aus Rücksichten der Klugheit und des Unentdecktbleibens ihrer jeweiligen häuslichen Verrichtungen durch eine Person enthoben werden solle, die ihnen nicht unbekannt wäre und der sie ohne Gefahr sich vertrauen könnten. Susanna, die dabei zugegen war, schlug auf einen Wink hin, den sie überdies zum voraus dem Kapitän zugeworfen, Mrs. Richards vor. Florences Antlitz heiterte sich auf bei Nennung dieses Namens, und Susanna, die noch am selben Nachmittag nach der Behausung der Toodle-Familie aufbrach, um Mrs. Richards zu holen, kehrte abends triumphierend mit derselben rosenwangigen, apfelgesichtigen Polly zurück, deren Freudenausbrüche, als sie Florence vorgeführt wurde, kaum weniger innig waren, als die der Susanne Nipper selbst.

Nachdem dieser Feldherrnzug ausgeführt war, von dem der Kapitän, wie überhaupt aus allem, was geschah, eine ungemeine Selbstbefriedigung ableitete, lag es Florence ob, Susanna auf die bevorstehende Trennung vorzubereiten. Dieses erschien eine viel schwierigere Aufgabe, da Miß Nipper ein entschlossener Charakter war und nicht anders glaubte, als sie sei zurückgekommen, um sich nie mehr von ihrer Gebieterin zu trennen.

»Was den Lohn betrifft, liebe Miß Florence, sagte sie, »so tut mir nur nicht weh damit, daß Ihr darauf hindeutet! denn ich habe Geld übrig und möchte in einer Zeit wie diese meine Liebe und meine Dienste nicht verkaufen, selbst wenn die Sparbank und ich nichts miteinander zu schaffen hätten und die Kasse heute noch bankerott würde. Ihr seid ja nie ohne mich gewesen, mein Herz, von der Zeit an, als Eure arme, liebe Mama abgerufen wurde, und obgleich ich mich mit nichts rühmen kann, so seid Ihr doch an mich gewöhnt und meine liebe Gebieterin durch so viele Jahre. Deshalb denkt ja nicht daran, irgendwohin zu gehen ohne mich. Denn das darf und kann nicht sein.«

»Liebe Susanna, ich habe eine lange, lange Reise vor.«

»Nun, Miß Floy, und was dann? Desto mehr werdet Ihr mich brauchen. Gott sei Dank, gegen lange Reisen habe ich durchaus nichts einzuwenden!« versetzte die hartnäckige Susanna Nipper.

»Aber, Susanna, ich gehe mit Walter – und würde mit ihm überall hingehen – überall hin! Walter ist arm, und ich bin sehr arm. Ich muß daher jetzt lernen, mir selbst und ihm zu helfen.«

»Teure Miß Floy!« rief Susanna, aufs neue losbrechend und heftig ihren Kopf schüttelnd, »es ist Euch nichts Neues, Euch zu helfen und andern dazu und dabei doch das geduldigste und treueste von allen edlen Herzen zu sein. Aber laßt mich mit Mr. Walter Gay reden und die Sache mit ihm ins reine bringen. Ich will und kann nämlich nicht zugeben, daß Ihr allein in der Welt herumfahrt.«

»Allein, Susanna?« erwiderte Floren«. »Allein, wenn Walter mich mitnimmt!« Ach, und was für ein strahlendes, entzücktes Lächeln lag nicht auf ihrem Antlitz! – wenn er es nur hätte sehen können! »Ich bin überzeugt, du wirst Walter nicht damit behelligen, wenn ich dich darum bitte«, fügte sie mit Innigkeit bei. »Nicht wahr, meine Liebe?«

Susanna schluchzte ein »Warum nicht, Miß Floy?«

»Weil ich im Begriff bin«, sagte Floren«, »seine Gattin zu werden, ihm mein ganzes Herz zu widmen und mit ihm zu leben und zu sterben. Wenn du ihm sagst, was du eben zu mir sagtest, so könnte er glauben, ich fürchte mich vor dem, was mir bevorsteht, oder du habest irgendeine Ursache, um mich besorgt zu sein. Susanne, ich liebe ihn.«

Miß Nipper war von der ruhigen Wärme dieser Worte, wie auch von dem einfachen, tiefgefühlten Ernst, der das Antlitz der Sprecherin schöner und reiner als je erscheinen ließ, so ergriffen, daß sie sich nur aufs neue an sie anklammern und rufen konnte, ob denn wirklich und wahrhaftig ihre kleine Gebieterin heiraten wolle. Dabei liebkoste sie diese mit mitleidiger, schutzversprechender Miene, wie sie es schon früher getan hatte.

Aber die Nipper war, obgleich weiblichen Schwächen zugänglich, fast ebenso fähig, sich selbst Zwang aufzulegen, wie die furchtbare Mrs. Mac Stinger anzugreifen. Von Stunde an kam sie nie wieder auf den angeregten Gegenstand zurück, sondern benahm sich immer heiter, behend, geschäftig und hoffnungsvoll. In der Tat aber teilte sie Mr. Toots insgeheim mit, daß sie sich nur vorderhand so »aufrecht« halte, denn wenn alles vorüber und Miß Dombey fort sei, so werde sie wahrscheinlich einen erbärmlichen Anblick bieten. Mr. Toots erwiderte darauf, bei ihm sei es der gleiche Fall, und sie wollten dann ihre Tränen gemeinschaftlich strömen lassen. Indessen hing sie ihren geheimen Gefühlen nie in Florences Anwesenheit oder überhaupt unter dem Banne des Midshipman nach.

So einfach und beschränkt auch Florences Garderobe war – welch ein Gegensatz zu den Vorbereitungen für die letzte Hochzeit, an der sie teilgenommen hatte! – gab es doch allerlei zu tun, um sie in gehörigen Stand zu setzen. Susanna arbeitete an ihrer Seite den ganzen Tag darauf los, als ob der Eifer von fünfzig Näherinnen sich in ihr vereinigt hätte. Die Aufzählung der wundervollen Beiträge, die Kapitän Cuttle zu diesem Zweig der Ausstattung geliefert haben würde, wenn man es ihm gestattet hätte, – z. B. der rosenroten Sonnenschirme, der farbigen Seidenstrümpfe, der blauen Schuhe und anderer ebensowenig an Bord nötiger Artikel – könnte schon einen ziemlichen Raum einnehmen. Er ließ sich jedoch durch unterschiedliche betrügerische Vorstellungen bewegen, seine Lieferungen auf ein Arbeitskästchen und ein Toiletten-Etui zu beschränken, die er in so großem Maßstabe, wie sie für Geld zu haben waren, beschaffte. Beinahe zwei Wochen lang saß er während des größeren Teils des Tages vor diesen Geschenken und betrachtete sie mit einer Mischung von Bewunderung und der kleinmütigen Besorgnis, sie möchten nicht prächtig genug sein. Auch huschte er häufig in die Straßen hinaus, um irgendeinen ungereimten Gegenstand, der ihm zu ihrer Vervollständigung nötig schien, anzukaufen. Der Meisterzug aber bestand darin, daß er beide Kästchen eines Morgens plötzlich forttrug, um auf jedem Deckel ein Messingherz anbringen und die zwei Worte »FLORENCE GAY« eingravieren zu lassen. Nachdem dieses geschehen, rauchte er in dem kleinen Stübchen vier Pfeifen hintereinander, und man traf ihn nach Ablauf ebenso vieler Stunden, wie er noch immer vor sich hinkicherte.

Walter war den ganzen Tag über fort und beschäftigt, kam aber jeden Morgen, um nach Florence zu sehen, und brachte stets die Abende in ihrer Gesellschaft zu. Florence verließ ihr Dachstübchen nur, wenn seine Zeit kam. Dann ging sie herab, ihn unten zu erwarten oder ihn, von seinem umschlingenden Arm geschirmt, wieder nach der Tür zu begleiten und bisweilen in die Straße hinauszusehen, Um die Zeit des Zwielichts waren sie stets beisammen. O gesegnete Zeit! O irres Herz, das jetzt Ruhe gefunden! O tiefer, unerschöpflicher, mächtiger Born der Liebe, in dem so viel versenkt lag!

Das grausame Mal war noch immer auf ihrer Brust sichtbar. Es legte Zeugnis ab gegen ihren Vater mit jedem Atemzug und lag zwischen ihr und ihrem Geliebten, wenn er sie an sein Herz drückte. Doch sie hatte es vergessen, dachte nicht mehr daran. In dem Klopfen seines Herzens für sie und in dem Klopfen ihres eigenen für ihn blieben alle rauheren Töne ungehört, alle finsteren, lieblosen Herzen vergessen. Ungeachtet ihrer zarten Gestalt wohnte eine Macht der Liebe in ihr, die aus einem einzigen Bild eine Welt zu schaffen vermochte und auch wirklich schuf – eine Welt, nach der sie flüchten und darin Ruhe finden konnte.

Wie oft traten zur Zeit der Dämmerung, wann sein Arm sie so stolz und so zärtlich umschlang und sie bei der Erinnerung sich dichter an ihn anschmiegte, das große Haus und die alten Tage vor ihre Seele! Wie oft, wann sie des Abends gedachte, als sie nach jenem Zimmer hinunterging und dem unvergeßlichen Blick begegnete, richtete sie nicht ihre Augen zu denen auf, die mit so liebevoller Innigkeit für sie gewacht hatten: und sie weinte dann in dem glücklichen Bewußtsein, einen solchen Zufluchtsort gefunden zu haben. Unter diese Bilder mischte sich auch stets das des lieben toten Kindes. Wenn sie aber ihres Vaters gedachte, so kam sie nie über die Stunde hinaus, in der sie ihn schlafend gesehen und sein Gesicht geküßt hatte.

»Lieber Walter«, sagte Florence eines Tages, als es fast dunkel war, »weißt du auch, an was ich heute gedacht habe?«

»Wohl an den schnellen Flug der Zeit und wie bald wir auf der See sein werden, meine süße Florence?«

»Das meine ich nicht, Walter, obschon ich oft daran denke. Ich machte mir Gedanken, wie teuer ich für dich werde.«

»O, wie überschwenglich teuer, mein Herz! Auch ich denke bisweilen daran.«

»Du spottest, Walter. Ich weiß, daß du öfter daran denkst, als ich: aber ich meine die Kosten.«

»Die Kosten, meine Liebe?«

»In Geld. Alle die Vorbereitungen, die Susanna und mir so viel zu tun machen – ich habe nur sehr wenig selbst anschaffen können. Du warst zuvor schon arm – um wie viel ärmer mußt du nicht durch mich werden, Walter!«

»Und um wie viel reicher, Florence!«

Florence lachte und schüttelte den Kopf.

»Außerdem«, fuhr Walter fort, »wurde mir vor langer Zeit, – ehe ich auf die See ging – eine Börse zum Geschenk gemacht, meine Liebe, in der sich Geld befand.«

»Ach!« entgegnete Floren« mit einem wehmütigen Lächeln, »nur wenig – sehr wenig, Walter! Aber du mußt nicht glauben«, und sie legte ihre leichte Hand auf seine Schulter, während sie ihm ins Gesicht sah, »daß es mir leid tut, für dich eine solche Last zu sein. Nein, Liebster, ich freue mich darüber und bin glücklich. Ich wünsche nicht um eine ganze Welt, daß es anders wäre.«

»Und wahrlich auch ich nicht, Florence.«

»Ich glaube dir, Walter, aber du kannst es nie so fühlen, wie ich. Ich bin so stolz auf dich! Das Herz schwillt mir vor Entzücken bei dem Bewußtsein, daß die, die von dir sprechen, sagen müssen, du heiratest ein armes, verstoßenes Mädchen, das hier Schutz suchte, das keine andere Heimat, keine andern Freunde – mit einem Worte nichts, gar nichts hatte! O Walter, wäre ich in der Lage gewesen, die Millionen mitzubringen, so hätte ich um deinetwillen nicht so glücklich sein können, wie ich es bin!«

»Und du, teure Florence – bist du nichts?« entgegnete er.

»Nein, nichts, Walter. Nichts als dein Weib.« Die leichte Hand stahl sich um seinen Nacken und die Stimme kam näher – näher. »In mir ist gar nichts mehr, was nicht dein wäre. Ich habe keine Erdenhoffnung, die nicht dir gehörte – nichts Teures mehr, als dich.«

O, wohl hatte Mr. Toots an jenem Abend Ursache, die kleine Gesellschaft zu verlassen, zweimal hinauszugehen, um seine Uhr nach der auf der königlichen Börse zu richten, einmal sich plötzlich der Bestellung eines Bankiers zu erinnern, und einmal einen kleinen Spaziergang nach dem Aldgate-Brunnen und zurück zu machen.

Aber ehe er diese Ausflüge antrat, ja, sogar noch ehe er kam und bevor die Lichter hereingebracht wurden, sagte Walter:

»Liebe Florence, unser Schiff ist nahezu geladen und wird wahrscheinlich an dem Tage unserer Hochzeit den Strom hinabfahren. Wollen wir nicht an jenem Morgen nach Kent gehen und dort bleiben, bis wir uns im Laufe der Woche zu Gravesend an Bord begeben können?«

»Wie du willst, Walter. Ich werde mich überall glücklich fühlen, aber – –«

»Ja, mein Leben.«

»Du weißt«, sagte Florence, »wir werden keine Hochzeitsgesellschaft haben, und an unserem Anzug wird uns niemand von andern Leuten unterscheiden können. Da wir am nämlichen Tag aufbrechen, willst du nicht – willst du nicht mich an jenem Morgen irgendwohin bringen, Walter – ich meine früh, ehe wir zur Kirche gehen?«

Walter schien sie zu verstehen, wie dieses von einem so innig geliebten treuen Liebhaber zu erwarten war, und bekräftigte seine Zusage mit einem Kuß – mit mehr als einem vielleicht, ja sogar mit mehr als zweien, dreien, fünfen oder sechsen; und an jenem ernsten, ruhigen, friedlichen Abend fühlte sich Florence sehr glücklich.

Dann brachte Susanna Nipper die Lichter herein. Bald nachdem kam der Tee, der Kapitän und der unstete Mr. Toots, der, wie bereits erwähnt wurde, sehr häufig auf dem Zuge war und einen recht unruhigen Abend verbrachte. Das war jedoch nicht immer so; denn in der Regel lief es ganz gut ab, indem er unter Miß Nippers Beihilfe mit dem Kapitän ein Spiel zu machen pflegte und sich den Kopf mit Berechnung der Möglichkeiten dieses Spiels zerbrach – wie er fand, ein sehr wirksames Mittel, um sich gänzlich zu verwirren.

Bei solchen Gelegenheiten gab das Gesicht des Kapitäns ein Pröbchen des schönsten Ausdrucks von Berechnung und Erfolg, den man nur sehen konnte. Sein instinktartiges Zartgefühl und seine Galanterie gegen Florence belehrte ihn, daß es nicht Zeit sei für eine geräuschvolle Heiterkeit oder eine ungestüme Kundgebung von Freude. Gewisse flüchtige Erinnerungen an die liebliche Peg rangen andererseits beharrlich nach Luft und drängten den Kapitän, sich durch irgendeine nicht wieder gutzumachende Demonstration bloßzustellen. Ja, er wurde von dem Anblick Florences und Walters – wie lieblich nahmen sie sich nicht aus, wenn sie in der vollen Anmut ihrer Jugend, Schönheit und Liebe beiseite saßen – oft so hingerissen, daß er seine Karten niederlegte, ihnen leuchtende Blicke zuwarf und dabei seinen ganzen Kopf mit dem Taschentuch betupfte, bis ihn vielleicht ein plötzliches Fortstürzen des Mr. Toots daran erinnerte, daß er unbewußt ein Werkzeug geworden sei, um diesen jungen Mann elend zu machen. Diese Betrachtung versetzte ihn dann in eine melancholische Stimmung, bis der Flüchtling wieder zurückkehrte, worauf der Kapitän mit vielen Seitwärtswinken und höflichen Schwenkungen des Hakens gegen Miß Nipper, als wolle er ihr andeuten, daß er sich in Zukunft in acht nehmen werde, abermals nach den Karten griff. Der Zustand, der auf solche Vorgänge folgte, war vielleicht sein bester; denn er konnte dann, wenn er sich Mühe gab, sein Gesicht allen Ausdrucks zu entladen, in den Raum starren und alle seine Gefühle, die unter sich um den Vorrang kämpften, in einen einzigen Zug zusammendrängen. Stets aber behielt entzückte Bewunderung bei dem Anblick Florences und Walters die Oberhand und zeigte sich siegreich ohne Maske, wenn nicht etwa Mr. Toots abermals ins Freie hinausstürmte. Dann pflegte der Kapitän wie ein von seinem Gewissen geschlagener Schuldiger dazusitzen, bis der Verscheuchte wieder zurückkam. Dabei ermunterte er sich gelegentlich mit gedämpfter, vorwurfsvoller Stimme zum »Beihalten« oder brummte dem »Ed'ard Cuttle, mein Junge« einen Verweis über den Mangel an Vorsicht zu, der sich in seinem Betragen bemerkbar mache.

Eine der schwersten Prüfungen des Mr. Toots wurde übrigens von ihm selbst herbeigeführt. Beim Herannahen des Sonntags, an dem das letzte Aufgebot in der Kirche stattfinden sollte, drückte er gegen Susanna Nipper seine Gefühle folgendermaßen aus.

»Susanna«, sagte Mr. Tool«, »ich werde mit Gewalt nach dem Gebäude hingezogen, Ihr wißt, die Worte, die mich für immer von Miß Dombey trennen, werden in meinem Ohr wie Grabgeläute tönen, aber auf Ehre, ich fühle, daß ich sie hören muß. Wollt Ihr mich deshalb morgen nach dem heiligen Haus begleiten?«

Miß Nipper drückte ihre Bereitwilligkeit aus, wenn Mr. Toots einen Trost darin finde, redete ihm aber zu, er solle den Gedanken daran aufgeben.

»Susanna«, entgegnete Mr. Toots mit großer Feierlichkeit, »noch ehe mein Backenbart von irgend jemandem außer mir bemerkt wurde, betete ich Miß Dombey an. Ich betete sie an, als ich noch ein Opfer der Blimberschen Knechtschaft war. Ich betete sie an, als mir, vom gesetzlichen Standpunkt aus betrachtet, mein Eigentum nicht länger vorenthalten werden konnte und ich demgemäß in den Besitz desselben kam. Das Aufgebot, das sie dem Leutnant Walter und mich der – der ewigen Finsternis überantwortet«, sagte Mr. Toots nach einigem Stocken, bis er einen gehörig kräftigen Ausdruck gefunden hatte, »mag wohl schrecklich – ja, wird sogar schrecklich sein; aber ich fühle, daß ich es mit anhören muß. Mein Inneres drängt mich zu dem Wunsch, die feste Überzeugung einzuholen, daß der Grund unabänderlich unter mir gesprengt ist und daß mir keine Hoffnung, keine Stütze mehr bleibt, an der ich mich halten kann.«

Susanna Nipper konnte nur die unglückliche Lage des armen jungen Menschen bedauern und sagte ihm zu, daß sie unter solchen Umständen ihn auf seinem Kirchgang begleiten wolle, was auch am andern Morgen geschah.

Das Gotteshaus, das Walter für diesen Zweck gewählt hatte, war eine moderige, von einem Begräbnisplatz umgebene alte Kirche, die inmitten eines Labyrinths von Hintergassen und Höfen selbst in einer Art Gewölbe, von den benachbarten Häusern gebildet und mit hallenden Steinen gepflastert, begraben zu sein schien – eine große, düstere, ärmlich aussehende Gebäudemasse mit hohen, alten Eichenstühlen, unter denen sich jeden Sonntag ein paar Dutzend Menschen verloren, während die Stimme des Geistlichen schläfrig durch die Leere schallte und die Orgel rumpelte und rollte, als ob die Kirche bei dem Anblick einer so kleinen Gemeinde die Kolik gekriegt habe. Aber dafür war diese Stadtkirche so weit entfernt, die Gesellschaft anderer Kirchen zu vermissen, daß sich vielmehr Türmchen darum her gruppierten, wie die Masten einer Anzahl von Schiffen auf dem Flusse. Es waren ihrer so viele, daß man sie von der Spitze des Hauptturms aus kaum zu zählen vermochte. Fast in jedem Hof, in jeder nahe gelegenen Sackgasse befand sich eine Kirche, weshalb denn auch, als Susanna und Mr. Toots am Sonntagmorgen ihren Gang antraten, die Glocken einen geradezu betäubenden Lärm machten. Wohl zwanzig dicht beieinander stehende Kirchen forderten das Volk auf, hereinzukommen.

Die zwei in Frage stehenden verirrten Schäflein wurden von einem Kirchendiener in einen bequemen Stuhl eingepfercht. Da es noch früh war, so blieben sie eine Weile sitzen, zählten die Gemeinde ab, hörten auf die getäuschten Glocken hoch oben im Turm oder blickten nach einem schäbigen alten Männlein hin, das seitwärts vom Portale hinter einem Schirm, den Fuß in einem Bügel, das Seil in Tätigkeit setzte. Nachdem Mr. Toots die großen Bücher auf dem Lesepult gemustert hatte, flüsterte er Miß Nipper zu, er sei doch neugierig, wo das Aufgebot gehalten werde. Aber die junge Dame schüttelte bloß mit Stirnrunzeln den Kopf und wollte sich vorderhand aller zeitlichen Gedanken entschlagen.

Mr. Toots dagegen konnte die seinen nicht von dem Aufgebot abwenden und hatte augenscheinlich während des ganzen einleitenden Teils des Gottesdienstes für nichts anderes einen Sinn. Als die Zeit der Verlesung herankam, begann der arme junge Mann zu zittern, und die Beängstigung seine« Herzens ward nicht gemindert durch das unerwartete Erscheinen des Kapitäns in der Vorderreihe der Emporkirche. Der Küster übergab dem Geistlichen eine Liste. Mr. Toots, der Platz genommen hatte, vermochte sich nicht von seinem Sitze zu erheben. Als aber die Namen Walter Gay und Florence Dombey zum dritten und letzten Male verkündigt wurden, fühlte er sich so angegriffen, daß er ohne Hut aus der Kirche stürzte, hintendrein der Kirchendiener, die Stuhlöffnerin und zwei Herren ärztlichen Standes, die zufälligerweise anwesend waren. Der Kirchendiener kam bald wieder zurück, um das im Stich gelassene Eigentum zu holen, und machte Miß Nipper flüsternd die Mitteilung, sie brauche sich wegen des Gentleman nicht zu beunruhigen, da derselbe gesagt habe, sein Übelbefinden sei von keinem Belang.

Miß Nipper, die fühlte, daß die Augen jenes wesentlichen Bestandteils von Europa, der sich wöchentlich unter den hohen Kirchenstühlen verlor, auf ihr hafteten, würde schon durch diesen Vorfall, obwohl er bereits sein Ende erreicht hatte, hinreichend in Verlegenheit gesetzt worden sein. Das war aber um so mehr der Fall, als der Kapitän in der vorderen Reihe der Emporkirche so deutlich sein Schuldbewußtsein an den Tag legte, daß die Gemeinde notwendig irgendeinen geheimnisvollen Zusammenhang mit dem Ganzen argwöhnen mußte. Jedoch die außerordentliche Unruhe des Mr. Toots erhöhte und verlängerte noch das Verfängliche ihrer Lage. Dieser junge Herr nämlich, der bei seiner Gemütsverfassung nicht imstande war, als Raub seiner trostlosen Betrachtungen allein auf dem Kirchhof zu bleiben und ohne Zweifel auch seine Achtung vor dem Gottesdienst, den er einigermaßen unterbrochen hatte, kundgeben wollte, kehrte plötzlich wieder zurück, trat aber nicht wieder in den Kirchenstuhl ein, sondern nahm seinen Posten auf einem Freisitz des Ganges zwischen zwei älteren Frauen ein. Diese pflegten eine wöchentliche Brotration, die auf einem Sims des Portals ausgestellt war, in Empfang zu nehmen. In dieser Nachbarschaft verblieb Mr. Toots zur großen Störung der Gemeinde, die kein Auge von ihm wenden konnte, bis seine Gefühle aufs neue übermächtig wurden und ihn zwangen, still und plötzlich wieder zu verschwinden. Da er sich jetzt nicht mehr in die Kirche hineinwagte, obschon er einigen geselligen Anteil an dem, was darin vorging, zu nehmen wünschte, so sah man ihn von Zeit zu Zeit mit betrübter Miene durch eines der Fenster hereinschauen. Von außen waren mehrere Fenster für ihn zugänglich, und bei der großen Unruhe des jungen Herrn wurde es nicht nur schwer, sich eine Vorstellung zu machen, wo er nun zunächst erscheinen würde, sondern die ganze Gemeinde sah sich in gleicher Weise genötigt, während der verhältnismäßigen Muße, die ihr durch die Predigt geboten wurde, über die Wahrscheinlichkeiten der verschiedenen Fenster Spekulationen anzustellen. Mr. Toots' Bewegungen in dem Kirchhof waren so exzentrisch, daß er in der Regel aller Berechnung Trotz zu bieten schien und wie die Gestalt des Beschwörers meist da auftauchte, wo man ihn am wenigsten erwartete. Die Wirkung dieser geheimnisvollen Erscheinungen war noch schlagender, weil er nicht gut ins Kirchenschiff hinunter-, jedermann aber recht gut ihn draußen sehen konnte. Dies hatte zur Folge, daß er jedesmal viel länger, als man wohl vermuten mochte, seine Nase dicht ans Fenster drückte, bis er, wenn er endlich die vielen auf ihm haftenden Augen bemerkte, mit einem Male verschwand.

Dieses Treiben des Mr. Toots und die sich so sichtlich kundgebenden Gewissensbisse des Kapitäns machten Miß Nippers Lage sehr peinlich, so daß sie erst beim Schlusse des Gottesdienstes wieder freier aufatmete. Auch war sie auf dem Rückwege gegen Mr. Toots kaum so freundlich wie sonst, als dieser ihr und dem Kapitän mitteilte, er wisse jetzt, daß er keine Hoffnung mehr habe, und fühle sich getrösteter – oder wenn auch nicht gerade getrösteter, so doch ruhiger in dem Übermaß seines Elends.

Die Zeit entschwand schnell, und der Abend vor dem Tag der Trauung kam heran. Alle waren im oberen Stübchen des Midshipman versammelt, ohne eine Störung zu besorgen; denn es gab für den Augenblick keine Mietleute im Hause, und der Midshipman konnte also allein wirtschaften. Der Hinblick auf den morgigen Tag stimmte sie ernst und ruhig, obschon auch die Heiterkeit ihrem Kreise nicht ferne blieb. Florence, an deren Seite sich Walter befand, vollendete eine kleine Arbeit, die sie dem Kapitän als Abschiedsgabe zurückzulassen gedachte. Der Kapitän machte mit Mr. Toots ein Spiel, und dieser ließ sich von Susanna beraten, die mit gebührender Umsicht bei dem Spiel mithalf. Diogenes hörte zu und brach gelegentlich in ein halb ersticktes Knurren aus, dessen er sich nachher halb zu schämen schien, als zweifle er, ob er irgendeinen Grund dafür gehabt habe.

»Ruhig, ruhig!« sagte der Kapitän zu Diogenes. »Was siehst du für Mäuse? Es scheint, als sei es diesen Abend nicht ganz richtig in deinem Kopf, Bürschlein.«

Diogenes wedelte mit dem Schwanze, spitzte aber unmittelbar darauf seine Ohren und stieß wieder ein kurzes Knurren aus, wofür er sich bei dem Kapitän mit einem abermaligen Wedeln entschuldigte.

»Ich bin der Meinung, Di«, sagte der Kapitän, während er gedankenvoll seine Karten ansah und mit dem Haken sich das Kinn streichelte – »es kommt mir vor, Di, als setzest du Mißtrauen in Mrs. Richards. Aber wenn du das Tier bist, für das ich dich halte, so wirst du dich eines Besseren besinnen, denn ihr Gesicht ist ihr Empfehlungsbrief. Na, Bruder«, fügte er gegen Mr. Toots bei, »wenn Ihr fertig seid, so schiebt los.«

Der Kapitän sprach mit aller Fassung und voller Aufmerksamkeit auf sein Spiel. Aber plötzlich entsanken seiner Hand die Karten, sein Mund und seine Augen taten sich weit auf, die Beine spreizten sich in die Luft, und in größtem Erstaunen starrte er nach der Tür hin. Dann sah er sich nach der Gesellschaft um, und als er wahrnahm, daß niemand auf ihn oder die Ursache seiner Überraschung achtete, so keuchte er tief auf, schlug mit Macht seinen Haken auf den Tisch, rief er mit Stentorstimme: »Sol Gills, ahoi!« und purzelte in die Ärmel eines vom Wetter schwer mitgenommenen Lotsenrockes, der mit Polly ins Zimmer gekommen war.

Im nächsten Augenblick war auch Walter von den Ärmeln des verwitterten Rocks umschlungen, und unmittelbar darauf ging ein Gleiches mit Florence vor. Kapitän Cuttle umarmte Mrs. Richards und Miß Nipper, drückte Mr. Toots ungestüm die Hand, schwenkte seinen Haken über dem Kopf und rief: »Hurra, mein Junge, hurra!« worauf Mr. Toots, der sich dieses Benehmen durchaus nicht zu erklären vermochte, mit größter Höflichkeit erwiderte: »Jawohl, Kapitän Gills, wenn Ihr es für passend haltet.«

Der verwitterte Lotsenrock und eine nicht weniger verwitterte Mütze samt dem dazu gehörigen Schal wandte sich von dem Kapitän und Florence wieder Walter zu. Aus dem Rock aber, der Mütze und dem Schal drangen Töne hervor, als ob ein alter Mann darunter schluchzte, während die rauhhaarigen Ärmel Walter dicht umfaßt hielten. Während dieser Pause herrschte ein tiefes Schweigen, und der Kapitän polierte mit großem Eifer seine Nase. Aber als der Lotsenrock, die Mütze und der Schal sich wieder erhoben, ging Florence auf sie zu, faßte sie unter Walters Beihilfe an und schälte so den alten Instrumentenmacher heraus, der jetzt ein wenig schmächtiger und sorgenschwerer aussah als ehemals, aber immer noch die alte welsche Perücke und den alten kaffeefarbigen Rock mit den übersponnenen Knöpfen trug, wahrend die untrügliche Uhr laut in seiner Tasche tickte.

»Randvoll von Wissenschaft«, sagte der strahlende Kapitän, »wie er immer war! Sol Gills, Sol Gills, wo seid Ihr die lange, lange Zeit gewesen, alter Knabe?«

»Ich bin halb blind, Ned«, versetzte der alte Mann, »und fast taub und stumm vor Freude.«

»Auch seine Stimme«, sagte der Kapitän, mit einem Jubel umherschauend, dem sogar sein Gesicht kaum Gerechtigkeit widerfahren lassen konnte – »seine leibhaftige Stimme so randvoll von Wissenschaft, wie sie nur je war! Sol Gills, legt bei, mein Junge, auf Euren alten Rebstöcken und Feigenbäumen, Ihr zäher alter Patriarch, und überholt Eure Abenteuer mit Eurer väterlichen Stimme. Ja, es ist wahrhaftig die Stimme« – fügte der Kapitän nachdrücklich bei, indem er mit seinem Haken andeutete, daß ein Zitat folge – »des Siebenschläfers. Ich hörte ihn klagen: ›Ihr habt mich zu bald geweckt, ich muß wieder schlummern.‹ Zerstreut seine Feinde und schlagt sie zurück!«

Der Kapitän setzte sich mit der Miene eines Mannes nieder, der glücklich die Gefühle jedes Anwesenden ausgedrückt hat, und erhob sich sogleich wieder, um Mr. Toots vorzustellen, der augenscheinlich sehr verwirrt über die Ankunft eines Mannes war, der den Namen Gills für sich in Anspruch nahm.

»Obgleich ich«, stammelte Mr. Toots, »nicht die Ehre Eurer Bekanntschaft habe, Sir, ehe Ihr – ehe Ihr –«

»Dem Gesicht entschwandet, aber doch der Erinnerung teuer«, ergänzte der Kapitän mit gedämpfter Stimme.

»Ganz richtig, Kapitän Gills!« pflichtete Mr. Toots bei. »Obschon ich nicht das Vergnügen Eurer Bekanntschaft hatte, Mr. – Mr. Sols«, sagte Toots, der in der Begeisterung einer glücklichen Idee auf diesen Namen traf, »ehe sich das alles zutrug, macht es mir doch die größte Freude, Euch kennenzulernen. Ich hoffe, Ihr seid so wohlauf, wie man es erwarten kann.«

Mit diesen höflichen Worten setzte sich Mr. Toots errötend nieder und kicherte.

Der alte Instrumentenmacher, der in einer Ecke zwischen Walter und Florence Platz gefunden hatte, nickte der vor Entzücken lächelnden Polly zu und antwortete dem Kapitän folgendermaßen:

»Ned Cuttle, mein lieber Junge, obgleich ich etwas über die Veränderungen hier von meiner angenehmen Freundin da erfahren habe, – es ist wahrhaftig ein so liebes Gesicht, wie nur je eines einen Wanderer willkommen heißen kann!« sagte der alte Mann plötzlich abbrechend und die Hände in seiner alten träumerischen Weise reibend.

»Hört ihr!« rief der Kapitän ernst, »Es ist das Weib, welches das ganze menschliche Geschlecht verführt. Überholt deshalb«, bemerkte er beiseite gegen Mr. Toots, »Eueren Adam und Eva, Bruder.«

»Ich werde es nicht versäumen, Kapitän Gills«, entgegnete Mr. Toots.

»Obgleich ich von ihr etwas über die Wechsel hier erfahren habe«, wiederholte der Instrumentenmacher, indem er seine Brille aus der Tasche langte und sie in der alten Weise auf die Stirne setzte, – »sie sind so groß und unerwartet, und ich bin so überwältigt von dem Anblick meines lieben Jungen und von dem –« da er Florences niedergeschlagene Augen erblickte, so versuchte er es nicht, den Satz zu beendigen – »daß ich heute nicht mehr viel sagen kann. Aber mein lieber Ned Cuttle, warum habt Ihr nicht geschrieben?«

Das Erstaunen, das sich in des Kapitäns Gesicht abmalte, erschreckte Mr. Toots dermaßen, daß er seine Blicke nicht mehr davon verwenden konnte.

»Geschrieben!« wiederholte der Kapitän. »Geschrieben, Sol Gills?«

»Ja«, sagte der alte Mann. »Entweder nach Barbados oder nach Jamaica oder nach Demerara. Dies war es, um was ich Euch bat.«

»Um was Ihr mich batet, Sol Gills?« entgegnete der Kapitän.

»Ja.«, versetzte der alte Mann. »Wißt Ihr es nicht, Ned? Sicherlich habt Ihr's doch nicht vergessen? Ich schrieb Euch das jedesmal.«

Der Kapitän nahm seinen Glanzhut ab, hängte ihn an seinen Haken und strich sich von hinten mit der Hand das Haar zurecht. Dabei starrte er die Gruppe um ihn her wie ein vollkommenes Bild ergebungsvollen Staunens an.

»Ihr scheint mich nicht zu verstehen, Ned!« bemerkte der alte Sol.

»Sol Gills«, erwiderte der Kapitän, nachdem er den alten Mann und die übrigen eine Weile lautlos gemustert hatte, »ich glaube, ich bin völlig triftig gekappt. Laßt ein paar Worte in betreff jener Abenteuer hören, wollt Ihr so gut sein? Kann ich denn nirgends aufkommen? Nirgends?« fügte der Kapitän grübelnd hinzu, während seine großen Augen noch immer umherrollten.

»Ihr wißt, Ned, warum ich von hier wegging«, sagte Sol Gills. »Habt Ihr mein Paket geöffnet?«

»Aber ja, ja«, antwortete der Kapitän. »Natürlich öffnete ich da« Paket.«

»Und habt es gelesen?« fragte der alte Mann.

»Ja, auch gelesen«, versetzte der Kapitän, ihn aufmerksam betrachtend und aus dem Gedächtnis zitierend: »›Mein lieber Ned Cuttle. Als ich London verließ, um nach Westindien zu reisen und Kunde über meinen lieben Jungen einzuholen‹ – da sitzt er! hier ist Walter!« rief der Kapitän, als fühle er sich erleichtert, daß er doch an etwas Wirkliches und Unbestreitbares Hand legen konnte.

»Gut, Ned. Hört mich jetzt einen Augenblick an«, sagte der alte Mann. »Als ich Euch das erstemal schrieb – es war von Barbados – sagte ich, obschon Ihr den Brief lange vor Ablauf des Jahres erhalten würdet, sei es mir doch lieb, wenn Ihr das Paket öffnetet, weil es Euch den Grund meiner Entfernung erkläre. Sehr gut, Ned. In meinem zweiten, dritten und vierten Schreiben – sie liefen von Jamaica aus – teilte ich Euch mit, ich sei noch immer in dem nämlichen Zustand, könne keine Ruhe finden und wolle diesen Teil der Welt nicht verlassen, ehe ich die Überzeugung gewonnen habe, daß mein Junge verloren oder gerettet sei. Als ich das nächste Mal schrieb – ich glaube, es war von Demerara aus – ist es nicht so?«

»Er glaubt, er sei von Demerara aus gewesen!« entgegnete der Kapitän, mit trostloser Miene umherschauend.

»– sagte ich«, fuhr der alte Sol fort, »daß ich noch immer ohne bestimmte Auskunft sei. Ich habe in diesem Teil der Welt viele Kapitäne und andere Personen getroffen, die mir, weil sie mich von früher her kannten, hier und da mit einer Fahrt aushalfen, während ich mit Gegendiensten, wie sie mir mein Handwerk möglich machte, mich dankbar dafür erweisen konnte. Jedermann hat mich bedauert und einigermaßen an meinen Wanderungen Anteil genommen. Auch glaube ich, es werde wohl mein Schicksal sein, nach meinem Jungen in der Welt umherzukreuzen, bis ich sterbe.«

»Glaubt, es sei sein Schicksal, als wäre er ein wissenschaftlicher fliegender Holländer!« sprach der Kapitän mit der früheren Miene und großem Ernst.

»Aber als eines Tags die Kunde einlief, Ned – das war zu Barbados, wohin ich wieder zurückgekehrt war – daß ein heimwärts ziehender Chinafahrer angesprochen worden sei, der meinen Jungen an Bord hatte, Ned, so machte ich im nächsten Schiff eine Überfahrt und bin nun, Gott sei Dank, heute abend hier angekommen, um zu finden, daß die Nachricht keine Lüge war.«

Nachdem der Kapitän mit großer Ehrerbietung sein Haupt verbeugt hatte, starrte er alle Anwesenden, mit Mr. Toots anfangend und dem Instrumentenmacher endigend, der Reihe nach an und sagte dann ernst:

»Sol Gills, die Bemerkung, die ich zu machen im Begriff bin, ist darauf berechnet, jeden Stich Segel, den Ihr führen könnt, rein aus den Bolztauen zu blasen und Euch mit einem einzigen Stoß auf die Balkenenden zu bringen. Nicht ein einziger von Euren Briefen wurde Ed'ard Cuttle überliefert. Nicht ein einziger von Euren Briefen«, wiederholte der Kapitän, um seine Erklärung noch feierlicher und eindrucksvoller zu machen, »gelangte je an Ed'ard Cuttle, englischen Seemann, der da ruhig zu Hause lebt und nur bei schönem Wetter auszugehen pflegt.«

»Und doch habe ich sie selbst auf die Post besorgt und eigenhändig nach Brig-Place Nummer 9 überschrieben!« rief der alte Sol.

Aus dem Gesicht des Kapitäns wich alle Farbe, um im nächsten Augenblick in voller Glut wieder zurückzukehren.

»Sol Gill«, mein Freund, was meint Ihr mit Brig-Place Nummer 9?« fragte der Kapitän.

»Was ich damit meine? Eure Wohnung, Ned«, antwortete der alte Mann. »Mistreß, wie heißt sie doch – ich werde bald meinen eigenen Namen vergessen. Aber ich bin hinter meiner Zeit zurück – Ihr wißt, ich war es stets – und es ist so wirr in meinem Kopf. Mistreß –«

»Sol Gills!« sagte der Kapitän, als lege er den unwahrscheinlichsten Fall von der Welt vor, »der Name, auf den Ihr Euch besinnt, ist doch nicht Mac Stinger?«

»Natürlich!« rief der Instrumentenmacher. »Welcher sonst? Mistreß Mac Stinger!«

Kapitän Cuttle, dessen Augen nun so weit wie möglich offen standen und dessen Gesichtsausbuchtungen eigentlich glühten, stieß ein schrilles, melancholisches Pfeifen aus und betrachtete seine Umgebung in sprachlosem Erstaunen.

»Wiederholt das noch einmal, Sol Gills, wollt Ihr so gut sein?« sagte er endlich.

»Alle diese Briefe«, entgegnete Onkel Sol, indem der Zeigefinger seiner rechten Hand auf der Fläche der linken mit einer Stetigkeit und Bestimmtheit den Takt schlug, die sogar der untrüglichen Uhr in seiner Tasche Ehre gemacht haben würden, »trug ich selbst auf die Post und überschrieb sie eigenhändig an Kapitän Cuttle bei Mistreß Mac Stinger. Brig-Place, Nummer 9.«

Der Kapitän nahm den Glanzhut von seinem Haken, guckte hinein, setzte ihn auf und ließ sich auf einen Stuhl nieder.

»Ach, meine Freunde«, sagte der Kapitän, im Zustand größter Niedergeschlagenheit umherstarrend, »ich bin von dort ausgerissen und davongelaufen.«

»Und niemand wußte, wohin Ihr gegangen waret, Kapitän Cuttle?« rief Walter hastig.

»Gott segne Euer Herz, Wal'r«, sagte der Kapitän, den Kopf schüttelnd, »sie würde mir nie gestattet haben, hierher zu kommen und dieses Eigentum da in meine Obhut zu nehmen. Es blieb mir keine andere Wahl, als auszureißen und davonzulaufen. Ja, Wal'r«, fügte er bei, »Ihr habt sie nur in ihrer Ruhe gesehen; aber betrachtet sie einmal, wenn ihre zornigen Leidenschaften sich erheben – und biegt ein Ohr ein!«

»Ich wollte ihr's geben!« bemerkte die Nipper gelassen.

»Glaubt Ihr, daß Ihr es könntet, meine Liebe?« entgegnete der Kapitän mit einem Anflug von Bewunderung. »Na, das macht Euch Ehre, mein Schatz. Aber was mich betrifft, so wollte ich mich lieber mit dem wildesten Tier einlassen. Es gelang mir nur durch Vermittlung eines Freundes, der nicht seinesgleichen hat, meine Truhe hierher zu bekommen. Ein schlimmer Einfall, Briefe dorthin zu senden: denn unter den obwaltenden Umständen hat sie gewiß keinen angenommen. Ihr habt es da in einer Weise gehalten, daß es nicht der Mühe wert war, ein Briefträger zu sein.«

»Es ist also klar, Kapitän Cuttle«, sagte Walter, »daß wir alle, namentlich aber Ihr und Onkel Sol, dieser Mistreß Mac Stinger viele Sorge zu danken haben.«

Das Gefühl einer derartigen Verpflichtung gegen die entschiedene Hinterbliebene des seligen Mac Stinger drückte sich so allgemein aus, daß der Kapitän keinen Widerspruch dagegen einzulegen geneigt war. Obschon übrigens niemand bei dem Gegenstand verweilte und namentlich Walter, der sich des Gesprächs darüber noch erinnerte, ihn absichtlich umging, so blieb doch der Kapitän beinahe fünf Minuten – für ihn eine außerordentliche Zeit – unter einer Wolke. Dann aber brach die Sonne wieder auf seinem Gesicht hervor und leuchtete allen Anwesenden mit außerordentlichem Glanze zu. Auch geriet er jetzt in eine eigentliche Wut, männiglich wieder und wieder die Hand zu schütteln.

In einer frühen Stunde, aber nicht ehe Onkel Sol und Walter sich gegenseitig über die Dauer und die Gefahren ihrer Reise ausgefragt hatten, räumten, mit Ausnahme Walters, alle Florences Zimmer und gingen nach dem Hinterstübchen hinunter. Dort schloß sich auch bald nachher Walter ihnen an, weil, wie er sagte, Florence sich ein wenig schwermütig fühle und zu Bette gegangen sei. Obschon sie die Ruhende von unten aus mit ihren Stimmen nicht stören konnten, sprachen sie jetzt doch insgesamt in Flüstertönen und drückten in so zarter Weise ihre Gefühle gegen Walters schöne junge Braut aus. Es folgte nun zur Belehrung des Onkel Sol ein ausführlicher Bericht über ihre Geschichte, und Mr. Toots hatte alle Ursache, die Zartheit anzuerkennen, mit der Walter seinem Namen und der Wichtigkeit seiner Dienstleistungen, desgleichen der Notwendigkeit, daß dieser junge Gentleman ihren Beratungen beiwohnte, Gerechtigkeit widerfahren ließ.

»Mr. Toots«, sagte Walter, als er sich von ihm an der Haustür verabschiedete, »wir werden doch morgen früh einander sehen?«

»Leutnant Walter«, versetzte Mr. Toots, seine Hand mit Wärme ergreifend, »ich werde bestimmt da sein.«

»Das ist für lange Zeit der letzte Abend, an dem wir beisammen saßen – vielleicht der letzte für immer«, sagte Walter. »Ein so edles Herz, wie das Eure, muß es wohl fühlen, wenn ihm ein anderes entgegenschlägt. Ich hoffe, Ihr wißt, daß ich Euch aus tiefster Seele dankbar bin?«

»Walter«, versetzte Mr. Toots gerührt, »es würde mich freuen, wenn ich glauben dürfte, ich habe Euch Anlaß dazu gegeben.«

»Florence«, fuhr Walter fort, »nahm mir an diesem letzten Abend, an dem sie ihren eigenen Namen trägt, das Versprechen ab – es geschah erst vor kurzem, als ihr uns gemeinschaftlich verließet – ich solle Euch herzlich von ihr grüßen –«

Mr. Toots legte seine Hand auf den Türpfosten und sein Gesicht auf die Hand.

»– Euch herzlich von ihr grüßen«, fuhr Walter fort, »und Euch sagen, daß sie nie einen Freund haben könne, den sie mehr schätzen werde als Euch. Die Erinnerung an Euer rücksichtsvolles Benehmen gegen sie werde nie aus ihrer Seele weichen. Sie wolle Eurer eingedenk sein in ihren heutigen Gebeten und hoffe, daß Ihr sie nicht vergessen werdet, wenn sie in der Ferne weilt. Kann ich ihr etwas von Euch mitteilen?«

»Sagt ihr, Walter«, versetzte Mr. Toots in ersticktem Tone, »ich werde jeden Tag an sie denken, aber nie ohne die beglückende Überzeugung, daß sie mit dem Mann verbunden sei, den sie liebt und der sie zu schätzen weiß. Habt die Güte, ihr zu sagen, ich sei überzeugt, ihr Gatte verdiene sie – sogar sie – und ich freue mich über ihre Wahl.«

Diese letzten Worte sprach er mit größerer Bestimmtheit, indem er zugleich die Augen von dem Türpfosten aufrichtete. Er drückte dann abermals Walter mit Wärme die Hand – eine Begrüßung, die dieser in gleicher Weise erwiderte – und trat den Heimweg an.

Mr. Toots war von dem Preishahn begleitet, den er in letzter Zeit jeden Abend mitgebracht und in dem Laden gelassen hatte, weil er dachte, es könnten von außen her unvorhergesehene Umstände eintreten, in denen die Tapferkeit dieses ausgezeichneten Mannes dem Midshipman von Nutzen sein dürfte. Der Preishahn schien übrigens an jenem Abend nicht in der besten Stimmung zu sein. Wenn die Gaslampen nicht sehr trügerisch waren, so blinzelte und verdrehte er in gar häßlicher Weise die Nase, als Mr. Toots über die Straße hinüberging und noch einmal nach dem Fenster hinaufsah, wo Florence schlief. Auf dem Heimweg zeigte er gegen die andern Vorübergehenden eine größere Angriffslust, als sich mit seinem Beruf, die friedliche Kunst der Selbstverteidigung zu lehren, vertrug, und nachdem er Mr. Toots nach seiner Wohnung begleitet hatte, entfernte er sich nicht wie gewöhnlich, sondern blieb, mit beiden Händen seinen weißen Hut am Rand haltend, stehen, während er zu gleicher Zeit Kopf und Nase, die ihm oftmal zerschlagen und nur schlecht wieder geheilt worden waren, in der respektwidrigsten Weise aufwarf.

Sein Beschützer, der mit andern Gedanken beschäftigt war, achtete lange nicht darauf, bis der Preishahn, der nicht übersehen werden wollte, mit Zunge und Zähnen verschiedene schnalzende Töne hervorbrachte, um die Aufmerksamkeit des jungen Gentleman auf sich zu ziehen.

»Na, Master«, sagte der Preishahn trotzig, als endlich Mr. Toots' Auge auf ihm haften blieb, »ich möchte einmal wissen, ob die Komödie damit endigen soll oder ob Ihr darauf loszugehen und zu gewinnen gedenkt?«

»Preishahn«, versetzte Mr. Toots, »erklärt Euch.«

»Ei ja, es ist alles beieinander, Master«, sagte der Preishahn. »Ich bin nicht der Mann, der seine Worte wegwirft. Nur soviel – soll einer von ihnen geknickt werden?«

Bei dieser Frage ließ der Preishahn seinen Hut fallen, machte mit seiner linken Hand eine Finte und versetzte mit der rechten einem vermeintlichen Feind einen tüchtigen Schlag. Dann schüttelte er den Kopf und nahm seine frühere Stellung wieder ein.

»Na, Master«, sagte der Preishahn, »soll's Lappalie oder Ernst sein, was von beiden?«

»Preishahn«, entgegnete Mr. Toots, »Eure Ausdrucksweise ist roh und der Sinn Eurer Worte dunkel.«

»Wohlan, so will ich Euch was sagen, Master«, erwiderte der Preishahn. »Rundweg – es ist gemein.«

»Was ist gemein, Preishahn?« fragte Mr. Toots.

»Dies«, versetzte der Preishahn mit einem schrecklichen Runzeln seiner zerbrochenen Nase. »Wie, jetzt, während Ihr hingehen und den Handel abschließen könnt mit dem Steifen«, mit dieser anrüchigen Benennung pflegte der Preishahn Mr. Dombey zu bezeichnen, »und während es Euch frei steht, den Gewinner und seine ganze Sippschaft tot aus Wind und Zeit zu schlagen, wollt Ihr nachgeben? Nachgeben!« fügte er mit verächtlichem Nachdruck bei. »Ja, es ist gemein.«

»Preishahn«, sagte Mr. Toots strenge, »Ihr seid ein wahrhaftiger Geier und habt eine abscheuliche Sinnesart.«

»Meine Sinnesart ist kampf- und regelrecht, Master«, entgegnete der Preishahn. »Ja, so ist meine Sinnesart. Ich kann keine Gemeinheit ertragen. Ich stehe vor dem Publikum, ich führe das Wort in der Schenkstube des kleinen Elefanten, und keiner meiner Prinzipale darf mir durch gemeines Benehmen Schande machen. Ja, 's ist gemein«, fügte er mit erhöhtem Nachdruck bei. »Ich nehme kein Wort davon zurück. Es ist gemein.«

»Preishahn«, sagte Mr. Toots, »jetzt habe ich genug von Euch.«

»Master«, entgegnete der Preishahn, seinen Hut aufsetzend, »wir sind unserer zwei. So hört! Ihr habt ein paarmal mit mir von einem Wirtsgeschäft gesprochen. Gleichviel! Gebt mir morgen eine Fünfzigpfundnote und laßt mich gehen.«

»Preishahn«, erwiderte Mr. Tools, »bei der abscheulichen Gesinnungsweise, die ich an Euch kennenlernen mußte, ist es mir lieb, unter solchen Bedingungen Euch loszuwerden.«

»Top!« rief der Preishahn. »Es gilt. Ein Benehmen, wie das Eure, paßt nicht zu meinem Buch, Master. Es ist gemein«, fügte er hinzu, da er augenscheinlich nicht über diesen Punkt wegkommen konnte. »Ja, dies ist es – gemein!«

So kamen Mr. Toots und der Preishahn miteinander überein, ihre Verbindung auf die Grundlage der Unverträglichkeit ihrer gegenseitigen moralischen Auffassungsweise hin abzubrechen. Mr. Toots legte sich schlafen und träumte glücklich von Florence, die am letzten Abend ihres jungfräulichen Lebens seiner als ihres Freundes gedacht und ihm herzliche Grüße gesagt hatte.

 

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