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Dombey und Sohn ? Band 2

Charles Dickens: Dombey und Sohn ? Band 2 - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn ? Band 2
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Zweiundfünfzigstes Kapitel.

Geheime Mitteilung

Die gute Mrs. Brown und ihre Tochter Alice saßen an einem Abend des Spätlenzes stumm beieinander in ihrer Wohnung. Es waren schon einige Tage vergangen, seitdem Mr. Dombey mit Major Bagstock von einer bestimmten Nachricht gesprochen hatte: einer Nachricht eigentümlicher Art und die er auf eigentümlichem Wege erhalten hatte; die vielleicht wertlos war, vielleicht aber auch als richtig sich herausstellte. Die Welt aber sah sich noch immer nicht zufriedengestellt.

Mutter und Tochter saßen geraume Zeit fast regungslos da, ohne ein Wort miteinander zu reden. Das Gesicht der Alten zeigte den verschmitzten Ausdruck ängstlicher Erwartung; auch das ihrer Tochter war erwartungsvoll, obschon dieser Zug weniger scharf hervortrat, und umdüsterte sich zuweilen, als traue es nicht ganz der Erfüllung. Die Alte achtete nicht darauf, obschon ihre Augen sich oft ihrer Gefährtin zuwandten, und sie murmelte in zuversichtlichem Lauschen vor sich hin.

Ihre Wohnung war zwar arm und elend, aber doch nicht mehr ganz so schlecht, wie in den Tagen, als sie die gute Mrs. Brown allein beherbergte. Es zeigten sich einige Versuche von Reinlichkeit und Ordnung, zwar nur nachlässig und zigeunerartig ausgeführt, aber doch so, daß man schon beim ersten Blick die seitherige Tätigkeit Alices nicht verkennen konnte. Die Schatten des Abends wurden immer tiefer, ohne daß die beiden ihr Schweigen störten, bis endlich die dunkeln Wände fast in völlige Finsternis gehüllt waren.

Erst jetzt unterbrach Alice die lange Stille mit den Worten:

»Ihr dürft ihn aufgeben, Mutter. Er kommt nicht her.«

»Der Teufel gebe ihn auf!« entgegnete die Alte ungeduldig. »Er kommt

»Wir wollen sehen«, sagte Alice.

»Wir werden ihn sehen«, erwiderte ihre Mutter.

»Ja, beim jüngsten Gericht«, sagte die Tochter.

»Ich weiß, du meinst, ich sei kindisch geworden!« krächzte die Alte. »Solche Liebe und solchen Dank muß ich von meinem eigenen Mädel erleben. Aber ich bin klüger, als du wohl glaubst. Er wird kommen. Als ich letzthin in der Straße seinen Rock berührte, sah er sich nach mir um, wie wenn ich eine Kröte wäre. Aber mein Himmel, du hättest ihn sehen sollen, als ich ihm ihre Namen sagte und ihn fragte, ob er nicht ausfindig zu machen wünsche, wo sie seien.«

»War er zornig?« fragte die Tochter, deren Interesse im Nu geweckt war.

»Zornig? Frage, ob er nach Blut lechzte. Das ist das passendere Wort. Zornig? Ha, ha! dies nur zornig zu nennen!« sagte die Alte, nach dem Schranke humpelnd und ein Licht anzündend, das, während sie es nach dem Tische brachte, das Arbeiten ihres Mundes in seiner ganzen Häßlichkeit erkennen ließ. »Ich möchte ebensogut dein Gesicht nur zornig nennen, wenn du an sie denkst, oder von ihnen sprichst.«

Es war auch in der Tat ganz anders, als sie so dasaß, mit ihren blitzenden Augen einer sprungfertigen Tigerin ähnlich.

»Horch!« sagte die Alte triumphierend. »Ich höre einen Tritt. Es ist nicht der von jemandem, der in der Nachbarschaft wohnt oder oft hierher kommt. Wir gehen nicht so. Wir könnten stolz sein auf solche Nachbarn! Hörst du ihn?«

»Ich glaube, Ihr habt recht, Mutter«, versetzte Alice in gedämpfter Stimme. »Stille! Öffnet die Tür.«

Während sie ihr großes Halstuch um sich herzog, entsprach die Alte ihrer Aufforderung, guckte hinaus, winkte und ließ Mr. Dombey ein, der, sobald er seinen Fuß über die Schwelle gesetzt hatte, stehen blieb und sich mißtrauisch umsah.

»Es ist nur ein schlechter Platz für einen großen Herrn, wie Euer Gnaden«, bemerkte die Alte mit einem Knix. »Doch ich habe es Euch vorausgesagt, und es kann ja nichts schaden.«

»Wer ist dies?« fragte Mr. Dombey, nach Alicen hinsehend.

»Dies ist meine schöne Tochter«, antwortete die Alte. »Euer Gnaden braucht sich nicht an ihr zu stören. Sie weiß alles.«

Ein Schatten fiel über sein Gesicht, nicht weniger ausdrucksvoll, als wenn er laut gestöhnt hätte: »Wer weiß nicht alles!« Er sah jedoch fest nach ihr hin, und sie erwiderte seinen Blick ohne das mindeste Zeichen einer Begrüßung. Der Schatten auf seinem Gesicht wurde düsterer, als er die Augen von ihr abwandte, obschon er den Blick verstohlen wieder nach ihr zurückgleiten ließ, als ob ihre kühnen Blicke ihn gebannt hielten oder an etwas Bekanntes erinnerten.

»Weib«, sagte Mr. Dombey zu der alten Hexe, die kichernd und schielend an seiner Seite stand, während sie, als er sich umwandte, um sie anzureden, verstohlen nach ihrer Tochter hindeutete, die Hände rieb und wieder deutete. »Weib, ich glaube, daß mein Hierherkommen eine Schwäche ist, und daß ich dadurch meiner Stellung etwas vergebe. Aber Ihr wißt, warum ich hier bin und wozu Ihr Euch erboten habt, als Ihr mich letzthin auf der Straße anhieltet. Was habt Ihr mir über das, was ich zu wissen wünsche, zu sagen, und wie kommt es, daß ich in einem Loche, wie dieses hier«, er schaute verächtlich umher, »freiwillige Auskunft finden soll, während ich doch anderwärts alle meine Kräfte und Mittel vergeblich aufgeboten habe? Ich denke nicht«, fuhr er nach einer kurzen Pause fort, während der er sie finster betrachtet hatte, »daß Ihr so vermessen sein könnt, mit mir ein Spiel treiben oder mich betrügen zu wollen. Wäre das Eure Absicht, so tätet Ihr besser, gleich von Anfang an abzubrechen; denn ich bin nicht in der Stimmung, mich narren zu lassen, und würde es streng zu ahnden wissen.«

»O, ein stolzer, harter Herr!« kicherte die Alte, den Kopf schüttelnd und ihre runzligen Hände reibend, »O, hart, hart, hart! Aber Eure Gnaden sollen mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Ohren hören; nicht mit den unsrigen – und wenn Euer Gnaden auf die rechte Spur gekommen ist, so wird Euch nichts daran liegen, etwas dafür zu bezahlen – nicht wahr, Euer Gnaden?«

»Ich weiß, Geld kann die unwahrscheinlichsten Dinge möglich machen«, entgegnete Mr. Dombey, augenscheinlich durch diese Frage erleichtert und beruhigt. »Es liefert mir vielleicht auch die unerwarteten und nicht sehr verheißungsvollen Mittel, die mir hier geboten werden. Ja. Für jede zuverlässige Mitteilung, die ich durch Euch erhalte, will ich zahlen. Aber ich muß sie zuerst hören, um ihren Wert beurteilen zu können.«

»Kennt Ihr nichts Mächtigeres als Geld?« fragte die Jüngere, ohne aufzustehen oder ihre Haltung zu verändern.

»Hier nicht, sollte ich meinen«, sagte Mr. Dombey.

»Ich dächte, anderswo sollte Euch doch etwas Mächtigeres in den Weg getreten sein«, entgegnete sie. »Wißt Ihr nichts von dem Zorn eines Weibes?«

»Ihr habt eine vorlaute Zunge, Mädchen«, sagte Mr. Dombey.

»In der Regel nicht«, antwortete sie, ohne eine Spur von Aufregung zu zeigen. »Ich spreche jetzt mit Euch, damit Ihr uns besser verstehet und mehr auf uns baut. Der Zorn eines Weibes ist hier so ziemlich derselbe, wie in Eurem schönen Hause. Ich zürne – zürne seit vielen Jahren, und habe einen so guten Grund dafür, wie Ihr. Mein Zorn hat den nämlichen Mann zum Gegenstand.«

Er trat unwillkürlich zurück und blickte sie erstaunt an.

»Ja«, sagte sie mit einer Art Lachen. »So groß auch der Abstand zwischen uns scheinen mag, es ist dennoch so. Es liegt nichts daran, wie das kam; es ist ein Geheimnis, das ich für mich behalten will. Ich möchte Euch und ihn zusammenbringen, weil ich gegen ihn wüte. Meine Mutter ist geizig und arm; sie würde jede Nachricht, die sie auftreiben kann, kurz alles und jedes für Geld verkaufen. Es ist vielleicht nur billig, daß Ihr sie bezahlt, wenn sie Euch zu etwas verhilft, was Ihr zu wissen wünscht. Aber das ist nicht mein Beweggrund. Ich habe Euch diesen genannt, und er würde bei mir ebenso stark und mächtig fortwirken, wenn Ihr auch mit ihr um sechs Pence handeltet und feilschtet. Ich bin fertig. Meine vorlaute Zunge sagt nichts mehr, und wenn Ihr bis zum morgigen Sonnenuntergang hier wartetet.«

Die Alte, die während dieser Rede große Unruhe gezeigt hatte, weil sie davon eine Schmälerung ihres Gewinns fürchtete, zupfte Mr. Dombey sanft am Ärmel und flüsterte ihm zu, er solle nicht auf sie achten. Er schaute dann abwechselnd beide mit einem hohlen Blick an und sagte mit einer Stimme, die tiefer klang, als gewöhnlich:

»Fahrt fort – was wißt Ihr?«

»O, nicht so schnell, Euer Gnaden! Wir müssen zuvor noch jemand erwarten«, antwortete die Alte. »Die Kunde muß von einer dritten Person herausgeholt und ihr mit List entrungen werden.«

»Was meint Ihr damit?« fragte Mr. Dombey.

»Geduld«, krächzte sie, indem sie ihre Hand wie eine Klaue auf seinen Arm legte. »Geduld. Ich kriege es heraus. Ich weiß, es gelingt mir! Wollte er es mir vorenthalten«, sagte die gute Mrs. Brown, und die zehn Finger zuckten ihr, »so würde ich es ihm aus der Seele reißen!«

Mr. Dombey folgte ihr mit den Augen, während sie nach der Tür hinhumpelte und wieder hinausschaute. Dann suchte sein Blick die Tochter, die teilnahmslos, still und ohne seiner zu achten, dasaß.

»Ich muß Euch wohl so verstehen, Frau«, sagte er, als die gebeugte Gestalt der Mrs. Brown mit wackelndem Kopf und Kinn wieder zurückkehrte, »daß Ihr hier noch eine andere Person erwartet?«

»Ja!« sagte die Alte, zu seinem Gesicht aufschauend und nickend.

»Aus der Ihr die Kunde herausholen wollt, die mir nützlich sein soll?«

»Ja«, entgegnete die Alte mit einem abermaligen Nicken.

»Eine fremde Person?«

»Hoho!« sagte die Alte mit einem schrillen Lachen. »Was liegt daran? Doch nein, nicht fremd für Euer Gnaden. Aber er darf Euch nicht sehen. Er fürchtet sich vor Euch und würde nicht reden. Ihr müßt hinter jene Tür treten, damit Ihr Euch selbst ein Urteil bilden könnt. Wir verlangen nicht, daß Ihr eine Katze im Sack kauft. Wie – Euer Gnaden ist mißtrauisch gegen den Raum hinter der Tür? Ach, was für ein Argwohn von euch reichen vornehmen Leuten! So seht selbst nach.«

Ihr scharfes Auge hatte bei ihm eine unwillkürliche Äußerung dieses Gefühls entdeckt, das ihm unter den obwaltenden Umständen niemand verargen konnte. Um ihn übrigens zu beruhigen, nahm sie jetzt die Kerze nach der besprochenen Tür hin. Mr. Dombey schaute hinein und überzeugte sich, daß hier eine leere, elende Kammer war, und winkte dann der Alten, das Licht wieder auf den Tisch zu stellen.

»Wie lange kann es dauern, bis die von Euch erwartete Person kommt?« fragte er.

»Nicht lange«, lautete die Antwort. »Will Euer Gnaden nicht für ein paar Minuten Platz nehmen?«

Er erwiderte nichts, sondern begann in der Stube hin und her zu gehen, als sei er unschlüssig, ob er bleiben oder sich entfernen solle. Ja es schien sogar, als mache er sich im geheimen Vorwürfe, daß er überhaupt hier sei. Aber bald wurde sein Tritt langsamer und schwerer, sein Gesicht gedankenvoller, je mehr er sich den Zweck, weswegen er gekommen war, vergegenwärtigte.

Während er so mit zu Boden gesenkten Augen auf und ab schritt, setzte sich Mrs. Brown, die aufgestanden war, um ihn zu empfangen, wieder auf ihren Stuhl und lauschte abermals. Die Eintönigkeit seiner Tritte oder die Schwäche ihres Alters ließ sie einen Schritt von außen überhören, der dem scharfen Ohr ihrer Tochter nicht entgangen war, und diese schaute rasch auf, um ihre Mutter aufmerksam zu machen, obschon es einige Augenblicke dauerte, bis ihr das gelang. Dann aber sprang die Alte von ihrem Sitz auf, flüsterte ein »da ist er!«, drängte ihren Besuch nach seinem Beobachtungsposten und stellte mit größter Hast eine Flasche und ein Glas auf den Tisch, um Rob dem Schleifer schon auf der Schwelle um den Hals fallen zu können.

»Und da ist mein hübscher Junge«, rief Mrs. Brown. »Endlich! Oho, oho! Ihr seid mir wie mein eigener Sohn, Robby!«

»O! Misses Brown«, stellte der Schleifer vor, »laßt mich los! Könnt Ihr nicht einen jungen Bursch liebhaben, ohne ihm blaue Male zu drücken und ihn zu erdrosseln? Nehmt doch den Vogelkäfig in acht, den ich in meiner Hand habe – wollt Ihr so gut sein?«

»Er denkt vor mir an seinen Vogelkäfig!« rief die Alte, als rede sie die Decke an. »Vor mir, die mehr Liebe zu ihm hat, als eine Mutter!«

»Gewiß, ich bin Euch ja recht dankbar dafür, Misses Brown«, sagte der unglückliche Jüngling mit einer Jammermiene; »aber was braucht Ihr so eifersüchtig zu sein? Ich habe Euch natürlich auch gern; aber folgt daraus, daß ich Euch würgen und ersticken muß?«

Er sprach das mit einem Gesicht, als hätte er gegen ein solches Verfahren nicht allzuviel einzuwenden, wenn sich eine günstige Gelegenheit dazu darböte.

»Und noch dazu von Vogelkäfigen reden!« wimmerte der Schleifer. »Als ob das ein Verbrechen sei. Nun, so schaut selbst her! Wißt Ihr, wem dieses gehört?«

»Eurem Herrn, mein Schatz?« versetzte die Alte mit einem Grinsen.

»Ja«, antwortete der Schleifer und machte einen großen, mit einem Tuch umwickelten Käfig auf dem Tisch frei, indem er die Knoten der Umhüllung mit Händen und Zähnen löste. »Es ist unser Papagei.«

»Mr. Carkers Papagei, Rob?«

»Wollt Ihr's Maul halten, Misses Brown?« entgegnete der gereizte Schleifer. »Was braucht Ihr hier Namen zu nennen? Hole mich der Kuckuck«, fügte er hinzu und raufte in der Aufregung seiner Gefühle mit beiden Händen sein Haar, »wenn sie nicht imstande ist, einen jungen Burschen toll zu machen.«

»Wie, Ihr wollt mir mit Schelten kommen, undankbarer Junge!« rief die Alte mit rasch bereiter Heftigkeit.

»Ach du mein Himmel, Misses Brown«, entgegnete der Schleifer mit Tränen in den Augen. »Hat's da je so ein – –! Wißt Ihr denn nicht, daß ich eigentlich in Euch vernarrt bin, Misses Brown!«

»Ist es wahr, mein lieber Rob? Ist es wahr, mein Schätzchen?«

Mit diesen Worten beglückte ihn Mrs. Brown abermals mit einer zärtlichen Umarmung und ließ ihn nicht los, bis er mehrere ungestüme, obschon vergebliche Anstrengungen mit seinen Beinen gemacht hatte und ihm alle Haare zu Berg standen.

»O!« entgegnete der Schleifer, »es ist was Schreckliches, wenn man so von der Liebe mißhandelt wird. Ich wollte, sie wäre – –. Nun, wie ist es Euch ergangen, Misses Brown?«

»Ach, schon volle acht Tage nicht hier gewesen!« sagte die Alte, ihn mit vorwurfsvollen Blicken musternd.

»Du mein Himmel, Misses Brown«, versetzte der Schleifer, »habe ich nicht das letztemal gesagt, ich wollte in acht Tagen wiederkommen? Und da bin ich. Wie könnt Ihr nur so reden? Nehmt doch ein bißchen Vernunft an, Misses Brown. Ich bin ganz heiser, weil ich so viel zu meiner Verteidigung sagen muß, und das Gesicht brennt mir von Eurer Umarmung.«

Er rieb sich die Backen mit dem Ärmel, als wolle er das Übermaß des fraglichen zarten Feuers ersticken.

»Erquickt Euch mit einem Tröpflein, mein Robin«, sagte die Alte, füllte aus der Flasche das Glas und schob es ihm hin.

»Danke, Misses Brown«, erwiderte der Schleifer. »Eure Gesundheit. Und möget Ihr lang – et cetera!« dem Ausdruck seines Gesichtes nach zu schließen, enthielt dies eben nicht den besten Glückwunsch. »Und auch ihre Gesundheit«, fügte der Schleifer mit einem Blick auf Alice hinzu, die, wie es ihm vorkam, ihre Augen auf die Wand hinter ihm heftete, obschon in Wirklichkeit die Richtung derselben dem Gesicht des hinter der Tür stehenden Mr. Dombey galt. »Ich wünsche ihr das gleiche und noch viel dazu!«

Mit diesen beiden Trinksprüchen leerte er das Glas und setzte es wieder nieder.

»Also, Misses Brown«, fuhr er fort, »um jetzt auf etwas Vernünftiges zu kommen. Ihr seid eine Vogelkennerin, wie ich auf eigne Kosten erfahren habe.«

»Kosten?« wiederholte Mrs. Brown.

»Zu meiner Freude, wollte ich sagen«, versetzte der Schleifer. »Wie Ihr doch gleich einem jungen Burschen jedes Wort auf die Wage legt, Misses Brown. Ihr habt mir alles wieder aus dem Kopf gejagt.«

»Eine Vogelkennerin, Robby?« bemerkte die Alte.

»Ja«, sagte der Schleifer. »Da soll ich nun für diesen Papagei sorgen. Gewisse Dinge kommen zum Verkauf, ein gewisses Hauswesen wird aufgelöst, und da ich vorderhand nicht wünsche, daß man von mir Notiz nehme, so wäre es mir lieb, wenn Ihr den Vogel für eine Woche oder so in Kost und Pflege nähmet. Wenn ich doch einmal ab- und zulaufen muß«, sprach der Schleifer mit niedergeschlagenem Gesicht vor sich hin, »so kann ich ebensogut etwas hier lassen; wegen dessen ich komme.«

»Wegen dessen Ihr kommt?« fragte schrill die Alte.

»Außer Euch, meine ich, Misses Brown«, erwiderte der verschüchterte Rob. »Natürlich nicht, daß ich außer Euch noch eines andern Anlasses bedürfte, Misses Brown. Um Gottes willen, fangt nur nicht wieder so an!«

»Er kümmert sich nicht um mich! Er macht sich nichts aus mir, obschon ich stets um ihn so sehr bekümmert bin!« rief Mrs. Brown, ihre häutigen Hände erhebend. »Aber ich will für seinen Vogel Sorge tragen.«

»Ja, sorgt nur recht gut für ihn, Mrs. Brown«, sagte Rob, den Kopf schüttelnd. »Ich glaube, man würde dahinter kommen, wenn Ihr ihm nur ein einziges Mal die Federn in falscher Richtung strichet.«

»Ah, so scharf also, Rob?« fragte Mrs. Brown hastig.

»Jawohl scharf, Misses Brown!« wiederholte Rob. »Aber nur mäuschenstill darüber.«

Er brach plötzlich ab und füllte, nicht ohne einen furchtsamen Blick durch das Zimmer gleiten zu lassen, das Glas von neuem, trank es langsam aus, schüttelte den Kopf und begann mit den Fingern langsam über die Drähte des Papageikäfigs hin und her zu fahren, um von dem gefährlichen Gegenstand, den er eben in Anregung gebracht hatte, abzulenken.

Die Alte faßte ihn schlau ins Auge, rückte ihren Stuhl näher an den seinen heran, lockte den Papagei herunter und sagte:

»Ohne Stelle jetzt, Robby?«

»Was kümmert das Euch, Misses Brown?« entgegnete der Schleifer kurz abgebrochen.

»Kostgeld vielleicht, Rob?« fragte Mrs. Brown.

»Hübsche Polly!« sagte der Schleifer.

Die Alte warf ihm einen Blick zu, der ihm hätte sagen können, daß seine Ohren in Gefahr seien. Aber jetzt war die Reihe an ihm, den Papagei zu locken, und wie ausdrucksvoll sich auch seine Einbildungskraft ihr Zürnen vergegenwärtigen mochte, blieb es doch seinen Augen verborgen.

»Es wundert mich, daß Euch Euer Herr nicht mitgenommen hat«, sagte die Alte mit einschmeichelnder Stimme, obschon sich in ihrem Gesicht erhöhte Bosheit ausdrückte.

Rob war in Betrachtung des Papageis und in sein Zupfen an den Drähten so vertieft, daß er keine Antwort gab.

Die Alte hatte ihre Kralle fast in seinem Haarschopf, hielt aber wieder inne und sagte im Tone erkünstelten Schmeichelns:

»Robby, mein Kind.«

»Was wollt Ihr, Misses Brown?« versetzte der Schleifer.

»Ich sage, es wundert mich, warum Euch Euer Herr nicht mitgenommen hat, mein Schatz.«

»Geht Euch nichts an, Misses Brown«, erwiderte der Schleifer.

Im Augenblick hatte sich ihre rechte Hand in seinem Haar eingekrallt, während ihre linke an seiner Kehle saß; sie hielt den Gegenstand ihrer zärtlichen Liebe mit so außerordentlicher Wut fest, daß sein Gesicht sofort dunkel anlief.

»Misses Brown!« rief der Schleifer, »so laßt mich nur gehen! Was fällt Euch denn ein? Hilfe, Fräulein! Misses Brow – Brow –«

Das Fräulein jedoch, das sich weder durch Robs unmittelbaren Hilferuf, der ihr galt, noch durch den erstickten Ton seiner Stimme rühren ließ, blieb völlig neutral, bis endlich Rob nach einem langen Kampf in der Ecke sich von seiner Angreiferin losmachte. So stand er, von seinen vorgeschobenen Ellbogen geschützt, keuchend da, während die Alte gleichfalls keuchend und vor Wut mit den Füßen stampfend, ihre Kräfte zu einem abermaligen Sturm zu sammeln schien. In dieser Krisis ließ Alice ihre Stimme ertönen und sprach, freilich nicht zugunsten des Schleifers, die Worte:

»Recht so, Mutter. Reißt ihn in Stücke.«

»Wie, mein Fräulein«, heulte Rob, »seid auch Ihr gegen mich? Was habe ich denn getan und weswegen soll ich in Stücke zerrissen werden? Das möchte ich doch wissen. Warum packt und würgt Ihr einen jungen Burschen, der keinem von euch beiden je etwas zuleide getan hat? Und ihr wollt Damen sein!« fügte der erschrockene und bedrängte Schleifer bei, während er mit dem Rockärmel seine Augen bearbeitete. »Ich wundere mich über euch! Wo ist euer frauliches Zartgefühl?«

»Du undankbarer Hund!« keuchte Mrs. Brown. »Du unverschämter, höhnischer Schlingel!«

»Was hab' ich denn getan und wodurch habe ich Euch beleidigt, Misses Brown?« entgegnete Rob unter Tränen. »Vor einer Minute habe ich ja noch ganz in Eurer Gunst gestanden.«

»Mich so mit kurzen Antworten und trotzigen Reden abzufertigen!« sagte die Alte. »Ein solches Spiel mit mir zu treiben, weil ich ein bißchen über den Herrn und die Lady mit ihm plaudern möchte! Aber ich will nichts mehr von dir, Bursche. Geh' jetzt!«

»Gewiß, Misses Brown«, entgegnete der kriechende Schleifer, »ich habe in keiner Weise angedeutet, daß ich zu gehen wünsche. Redet doch bitte nicht so, Misses Brown!«

»Ich will gar nichts mehr mit ihm reden«, sagte Mrs. Brown, mit ihren gekrümmten Fingern in einer Weise ausholend, daß er sich in der Ecke auf die Hälfte seines natürlichen Umfangs zusammendrückte. »Kein Wort mit ihm soll mir je wieder über die Lippen kommen. Er ist ein undankbarer Hund, und ich sage mich los von ihm. Er kann jetzt gehen! Und ich will diejenigen nachschicken, die nur zu viel reden werden, die sich nicht abschütteln lassen, die wie Blutegel an ihm hängen und wie Füchse hinter ihm dreinjagen. Ja, er weiß wohl, wen ich meine. Er kennt seine alten Kameradenschaften und seine alten Spitzbübereien. Wenn er sie vergessen hat, werden sie ihn schon daran erinnern. Er soll jetzt nur fortgehen und sehen, ob er, wenn ihm eine solche Gesellschaft auf und nieder folgt, das Geschäft seines Herrn besorgen und seine Geheimnisse bewahren kann. Ha, ha, ha, er wird einen ganz andern Schlag in ihnen finden als in dir und mir, Ally, gegen die er so verschlossen ist. Fort jetzt – fort.«

Die Alte umlief den Schleifer zu dessen unaussprechlichem Entsetzen in einem Ring von ungefähr vier Fuß im Durchmesser, wiederholte unaufhörlich diese Worte, wackelte dabei mit dem Kinn und schüttelte ihre Faust über seinem Kopf.

»Misses Brown«, flehte Rob, der ein wenig aus seiner Ecke hervorkam, »besinnt Euch doch; gewiß, Ihr könnt einem armen Burschen nicht mit kaltem Blute etwas zuleide tun.«

»Nichts da«, sagte Mrs. Brown, zornig ihre Kreise fortsetzend, »Fort jetzt – fort mit ihm!«

»Misses Brown«, drängte der unglückliche Schleifer, »ich hatte ja nicht die Absicht, zu – o, was ist es nicht Schreckliches, wenn ein junger Bursche in eine solche Klemme kommt! – Ich habe mich nur deshalb vor dem Reden gehütet, Misses Brown, weil ich es stets tue, da er gleich hinter alles kommt; bei Euch aber hätte ich wissen können, daß es sich nicht weiter verbreitet. Gewiß, es macht mir Freude« – sein klägliches Gesicht drückte das Gegenteil aus – »ein bißchen mit Euch plaudern zu können, Misses Brown. Nur seid so gut, es nicht in dieser Art weiterzutreiben. Wollt Ihr nicht die Barmherzigkeit haben, für einen armen jungen Burschen ein gutes Wort einzulegen?« fügte der Schleifer in verzweifelndem Ton, zur Tochter gewandt, hinzu.

»Hört Ihr, was er sagt, Mutter?« legte sich Alice mit strenger Stimme und einer ungeduldigen Kopfbewegung ins Mittel. »Versucht es noch einmal mit ihm, und kommt er Euch wieder so, so mögt Ihr ihn meinetwegen zugrunde richten, damit man ihn für immer vom Halse hat.«

Mrs. Brown, die durch diese sehr zärtliche Ermahnung gerührt zu sein schien, begann sogleich zu heulen, wurde aber allmählich milder und schlang den sich rechtfertigenden Schleifer in ihre Arme. Letzterer erwiderte die Liebkosung mit einer Jammermiene und nahm als leibhaftiges Opfer den früheren Sitz an der Seite seiner ehrwürdigen Freundin wieder ein. Er gestattete ihr, nicht ohne viel erzwungene Süßigkeit, womit ganz andere sehr ausdrucksvolle Gesichtszüge in seinem Antlitz kämpften, seinen Arm in den ihren zu legen und ihn so festzuhalten.

»Und was macht Euer Herr, mein Schatz?« fragte Mrs. Brown, die nach der Aussöhnung in der erwähnten freundschaftlichen Haltung neben ihm saß.

»Pst! seid doch so gut, ein bißchen leiser zu reden, Misses Brown«, flehte Rob. »Danke Euch, ich glaube, es geht ihm ziemlich gut.«

»Ihr seid also nicht ohne Stelle?« fragte Mrs. Brown in einschmeichelndem Tone.

»Ei, nicht gerade ohne Stelle, obschon ich auch nicht sagen kann, daß ich eine habe«, stotterte Rob. »Ich – ich werde noch immer bezahlt, Misses Brown.«

»Und nichts zu tun, Rob?«

»Vorderhand nichts Besonderes, Misses Brown, als etwa mei – meine Augen offenzuhalten«, versetzte der Schleifer, der die erwähnten Organe verzweifelt umherrollen ließ.

»Der Herr ist verreist, Rob?«

»O, um des Himmels willen, Misses Brown, könnt Ihr nicht mit einem jungen Burschen über etwas anderes plaudern?« rief der Schleifer verzweifelt.

Da jetzt die ungestüme Mrs. Brown aufstehen wollte, hielt sie der gefolterte Rob stammelnd zurück.

»J – ja, Misses Brown«, sagte er. »Ich glaube, er ist verreist. Nach was schaut sie so hin?« sagte er mit Bezug auf die Tochter, deren Augen auf dem Gesicht hafteten, das jetzt hinter seinem Rücken wieder hereinschaute.

»Kehrt Euch nicht an sie, Junge«, entgegnete die Alte, die ihn festhielt, damit er sich nicht umwenden konnte, »Es ist so ihre Art – ihre Art. Erzählt mir, Rob. Habt Ihr nie die Lady gesehen, mein Schätzchen?«

»O, Misses Brown, welche Lady?« rief der Schleifer im Ton der de- und wehmütigsten Bitte.

»Welche Lady?« erwiderte sie. »Die Lady – Mrs. Dombey.«

»Ja, ich glaube, ich habe sie einmal gesehen«, versetzte Rob.

»In der Nacht ihrer Abreise, he, Robby?« rief ihm die Alte ins Ohr, während sie zugleich jede Veränderung in seinem Gesicht aufmerksam beobachtete. »Aha! ich sehe, es war in jener Nacht.«

»Wenn Ihr es schon wißt, Misses Brown«, entgegnete Rob, »wozu nützt es dann, einem armen Burschen die Daumschrauben anzulegen, bis er es sagt?«

»Wohin gingen sie in jener Nacht, Rob? Gerad heraus? Wie reisten sie? Wo habt Ihr sie gesehen? Lachte oder weinte sie? Erzählt mir alles«, rief die alte Hexe, indem sie ihn noch fester hielt, die Hand, die sie in seinen Arm gelegt hatte, mit der andern streichelte und mit ihren Triefaugen jeden Zug seines Gesichts forschend prüfte. »Na, fangt an! Ich möchte die ganze Geschichte hören. Ei, Rob, mein Junge – Ihr und ich, wir beide können doch wohl ein Geheimnis bewahren? Es ist ja nicht das erstemal. Wohin gingen sie, Rob?«

Der unglückliche Schleifer keuchte und blieb stumm.

»Seid Ihr taub?« fragte die Alte zornig.

»Gott behüte, Misses Brown! Aber verlangt Ihr denn, ein junger Bursche solle ein Blitzstrahl sein? Ich wollte, ich wäre selbst Elektrizität«, murmelte der verwirrte Schleifer. »Wie wollt' ich auf gewisse Personen losfahren und ihnen das Handwerk legen.«

»Was sagt Ihr?« fragte die Alte mit einem Grinsen.

»Ich wünsche Euch alles Gute, Misses Brown«, entgegnete der falsche Rob, sich aus dem Glase Trost holend. »Wo sie zuerst hingingen, fragt Ihr? Ihr meint doch ihn und sie?«

»Ja, sie beide«, sagte die Alte hastig.

»Nun, sie gingen nirgends hin – d. h. miteinander«, antwortete Rob.

Die Alte sah ihn an, als habe sie gute Lust, mit ihren Krallen ihm abermals in die Haare und an die Kehle zu fahren, hielt aber inne, da sie ein gewisses störrisches Heimlichtun in seinem Gesicht merkte.

»Das war eben der Kniff dabei«, sagte der widerstrebende Schleifer, »daß sie niemand gehen sah, folglich auch niemand sagen kann, wie sie fortkamen. Sie schlugen verschiedene Wege ein, Misses Brown.«

»Ach so, um an einem zum voraus bezeichneten Ort zusammenzutreffen«, kicherte die Alte nach einem kurzen Schweigen und einer scharfen Musterung seines Gesichtes.

»Nun, wenn sie nicht irgendwo zusammentreffen wollten, so denke ich, hätten sie ebensogut zu Hause bleiben können – meint Ihr nicht. Misses Brown?« entgegnete der Schleifer ungeduldig.

»Was weiter, Rob? was weiter?« sagte die Alte, seinen Arm noch dichter an sich ziehend, als fürchte sie in ihrer Begier, er könnte ihr entschlüpfen.

»Haben wir denn noch nicht genug geschwatzt, Misses Brown?« entgegnete der Schleifer, der im Gefühl der erlittenen Kränkung, der Folter, auf der er lag, und unter dem Einflusse des Branntweins so tränenreich geworden war, daß er bei fast jeder Antwort mit dem Rockärmel entweder das eine oder das andere seiner Augen auswischte, während zugleich ein vergebliches Winseln als Gegenbitte dienen mußte. »Ob sie in jener Nacht gelacht habe, wolltet Ihr wissen? Habt Ihr nicht gefragt, ob sie lachte, Misses Brown?«

»Oder weinte«, setzte die Alte mit bejahendem Kopfnicken hinzu.

»Keines von beiden«, sagte der Schleifer. »Sie benahm sich so ruhig, als sie und ich – o, ich sehe, Ihr habt's darauf abgesehen, alles aus mir herauszukriegen, Misses Brown! Aber Ihr müßt mir zuvor einen feierlichen Eid schwören, daß Ihr es niemandem mitteilen wollt.«

Mrs. Brown ging sehr bereitwillig darauf ein, natürlich mit einem jesuitischen Vorbehalt; denn sie hatte in der ganzen Sache keine andere Absicht, als daß der verborgene Gast selbst Zeuge sei.

»Gut also, sie verhielt sich so ruhig wie eine Bildsäule, als sie und ich nach Southampton hinuntergingen. Am Morgen war es genau so wieder das gleiche, Misses Brown, und ebenso zeigte sie sich, als sie vor Tagesanbruch ohne Begleitung in dem Dampfschiff abreiste. Ich mußte ihren Diener vorstellen und sie sicher an Bord begleiten. Jetzt könntet Ihr doch zufrieden sein, Mrs. Brown?«

»Nein, Rob, noch nicht«, antwortete Mrs. Brown entschieden.

»O, was Ihr doch für eine Frau seid!« rief der unglückliche Rob in einem schwachen Ausbruch von Wehklagen über seine eigene Hilflosigkeit. »Und was wünscht Ihr weiter zu wissen, Misses Brown?«

»Was aus dem Herrn geworden ist – wo er hinging«, entgegnete sie, ihn noch immer festhaltend und das spähende Auge nicht von seinem Gesicht abwendend.

»Bei meiner Seele, ich weiß es nicht, Misses Brown«, antwortete Rob. »Bei meiner Seele, ich weiß nicht, was er tat oder wohin er ging – überhaupt nichts von ihm. Aber noch immer klingt mir in den Ohren, was er mir beim Abschied als Warnung sagte, und ich will Euch als Freund mitteilen, Mrs. Brown, ehe Ihr eine Silbe von dem, was hier gesprochen wurde, über die Lippen gleiten lasset, würdet Ihr besser tun, Euch zu erschießen oder Euch in diesem Haus einzusperren und es anzuzünden. Es gibt nämlich nichts, was er nicht tun würde, um sich an Euch zu rächen. Ihr kennt ihn nicht halb so gut wie ich, Misses Brown, und seid keinen Augenblick vor ihm sicher, kann ich Euch sagen.«

»Habe ich nicht einen Eid geschworen«, erwiderte die Alte, »und werde ich ihn nicht halten?«

»Ich will das freilich von Euch hoffen, Misses Brown«, versetzte Rob etwas zweifelnd und nicht ohne eine geheime Drohung in seinem Benehmen, »um Euretwillen selbst so gut, als um meinetwillen.«

Er sah sie bei dieser freundlichen Warnung an und gab seinen Worten durch ein Nicken mit dem Kopf noch mehr Nachdruck. Da es ihm aber unbehaglich wurde, dem gelben Gesicht mit dem wackelnden Kinn und den ihm so nahen Triefaugen mit ihrem scharfen winterlichen Blick zu begegnen, so schaute er unruhig auf den Boden und rückte mit dem Stuhl hin und her, als versuche er, sich zu der Erklärung zu ermutigen, daß er keine weiteren Fragen mehr beantworten könne. Die Alte, die ihn noch immer festhielt, benützte diese Gelegenheit, um den Zeigefinger ihrer rechten Hand zu erheben, – ein geheimes Zeichen für den versteckten Zeugen, daß er dem, was jetzt folgen werde, besondere Aufmerksamkeit zuwenden solle.

»Rob«, sagte sie in ihrem einschmeichelndsten Tone.

»Ach, lieber Himmel, Misses Brown, was soll es denn jetzt wieder?« erwiderte der aufgebrachte Schleifer.

»Rob, wohin haben sich die Lady und dein Herr bestellt?«

Rob rückte noch mehr hin und her, sah aufwärts und abwärts, nagte an seinem Daumen, zupfte an seiner Weste und sagte endlich, während er einen schielenden Blick nach seinem Quälgeist hinschießen ließ: »Wie sollte ich das wissen, Misses Brown?«

Die Alte erhob wieder wie zuvor ihren Finger und versetzte:

»Unsinn, Junge, wozu auch mich so weit führen und dann plötzlich stille stehen? Ich will es wissen.«

Sie wartete auf Antwort, bis endlich Rob nach einer Pause der Trostlosigkeit plötzlich losbrach:

»Wie kann ich die Namen fremder Orte aussprechen, Misses Brown! Was Ihr doch für eine unvernünftige Frau seid!«

»Aber Ihr habt ihn nennen hören, Robby«, entgegnete sie beharrlich, »und wißt also, wie er klang. Nur heraus damit!«

»Ich habe ihn nicht nennen hören, Misses Brown«, versetzte der Schleifer.

»Dann habt Ihr ihn geschrieben gelesen und könnt ihn buchstabieren«, erwiderte die Alte hastig.

Mit einem ärgerlichen Ausruf, der zwischen Lachen und Weinen mitten innen schwebte – denn Mrs. Browns Schlauheit erfüllte ihn einigermaßen mit Bewunderung, obschon ihn ihre Zudringlichkeit im höchsten Grade reizte – brachte er nach einigem verdrießlichen Suchen in seiner Westentasche ein kleines Stück Kreide zum Vorschein. Die Augen der Alten funkelten, als sie dieses Schreibmaterial zwischen seinem Daumen und Zeigefinger sah, und während sie hastig den tannenen Tisch abräumte, damit er das Wort hinzeichnen könne, gab sie abermals mit ihrer zitternden Hand ein Zeichen.

»Ich will Euch jetzt zum voraus sagen, wie es ist, Misses Brown«, erwiderte Rob. »Es nützt nichts, weitere Fragen an mich zu stellen. Ich werde auf keine mehr antworten, da ich es nicht kann. Wie lang es dauern sollte, bis sie zusammentrafen, oder von wem der Plan der getrennten Reise ausging, weiß ich ebensowenig als Ihr. Ja, ich weiß nichts davon. Wenn ich Euch sagte, wie ich jenes Wort aufgefunden, so würdet Ihr mir das aber schon glauben. Soll ich es Euch sagen, Misses Brown?«

»Ja, Rob.«

»Nun schön, Misses Brown. Die Art – aber wohl gemerkt, Ihr dürft mich jetzt nichts mehr fragen«, sagte Rob, seine Augen, die jetzt schläfrig und dumm wurden, ihr zuwendend.

»Kein Wort weiter«, versetzte Mrs. Brown.

»Also denn, die Art war folgende. Als ein gewisser Jemand die Lady mir überantwortete, drückte er dieser ein Stück Papier mit einer Adresse in die Hand für den Fall, daß sie dieselbe vergessen sollte. Die Lady schien das nicht für nötig zu halten; denn sie zerriß, sobald er fort war, das Blättchen in Fetzen, und als ich den Wagentritt aufschlug, fiel einer der Fetzen herunter; die übrigen streute sie vermutlich zum Fenster hinaus. Es lag nämlich nachher keiner mehr da, obschon ich mich danach umsah. Es stand nur ein einziges Wort darauf, und es war so geschrieben – wenn Ihr es doch einmal wissen wollt und müßt. Aber wohl gemerkt, Ihr habt einen Eid geschworen, Misses Brown!«

Das wisse sie, entgegnete Mrs. Brown, und Rob, der nun nichts mehr zu sagen hatte, begann langsam und mit Mühe Buchstaben auf den Tisch zu zeichnen.

»›D‹«, las die Alte laut, sobald Rob mit dem ersten fertig war.

»Wollt Ihr das Maul halten, Misses Brown?« rief der Schleifer, das Geschriebene mit der Hand zudeckend und sich ungeduldig gegen sie umwendend, »Ich will nicht haben, daß es laut gelesen wird. Seid stille!«

Illustration

»So schreibt groß, Rob«, versetzte sie, indem sie ihr geheimes Signal wiederholte, »denn meine Augen sind nicht gut, sogar bei dem Gedruckten.«

Vor sich hinmurmelnd und ärgerlich sein Geschäft wieder aufnehmend, fuhr Rob in dem Schreiben des Wortes fort. Während sein Kopf niedergebeugt war, trat der Herr, für dessen Belehrung er, ohne daß er es wußte, arbeitete, durch die Tür heraus bis auf einen kurzen Schritt an seine Schulter heran und blickte hastig auf die Linien, die seine Hand langsam auf den Tisch hinmalte. Zu gleicher Zeit gab Alice von dem gegenüberstehenden Stuhle aus sorgfältig acht, wie er die Buchstaben bildete, und wiederholte jeden, sobald er dastand, mit den Lippen, ohne ihn übrigens laut auszusprechen. Nach jedem Buchstaben begegneten ihre Augen denen von Mr. Dombey, als suchten sie eine wechselseitige Bestätigung, und so buchstabierten beide D.I.J.O.N.

»So!« sagte der Schleifer, hastig seine Handfläche anfeuchtend, um das Wort wieder auszulöschen. Und nicht zufrieden mit dem Zusammenschmieren, zerrieb und vertilgte er jede Spur mit seinem Rockärmel, bis sogar alles Weiß der Kreide vom Tisch verschwunden war. »Ich hoffe, Ihr seid jetzt zufriedengestellt, Misses Brown!«

Zum Zeichen der Bejahung ließ die Alte jetzt seinen Arm los und klopfte ihm auf den Nacken. Der Schleifer aber, von dem Ärger, dem Verhör und dem Branntwein ganz überwältigt, kreuzte auf dem Tisch seine Arme, legte den Kopf darauf und schlief ein.

Erst nachdem er eine Weile laut geschnarcht hatte, wandte sich die Alte nach der Tür, hinter der Mr. Dombey verborgen stand, und winkte ihm, daß er jetzt herauskommen und gehen könne. Doch selbst dann noch beugte sie sich über Rob nieder, als wolle sie ihm die Augen zuhalten oder den Kopf niederstoßen, falls er diesen erhob, während der leise Tritt sich nach der Tür hinbewegte. Aber obgleich sie den Schläfer scharf bewachte, verwandte sie keinen Blick von dem Wachenden, und als er ihre Hand mit der seinen berührte, bei welcher Gelegenheit trotz aller Vorsicht ein Klimpern wie von Gold hörbar wurde, funkelten ihre Augen so gierig, wie die eines Raben.

Der dunkle Blick der Tochter folgte ihm nach der Tür, und es entging ihr nicht, wie blaß er aussah, und wie sein hastiger Schritt darauf deutete, daß das mindeste Zögern ihm ein unerträglicher Zwang sei, und daß er vor Verlangen brenne, rasch zu handeln. Nachdem er die Klinke hinter sich zugedrückt hatte, sah sie sich nach ihrer Mutter um. Die Alte kam auf sie zu, öffnete ihre Hand, um zu zeigen, was darin sei, schloß sie aber sogleich wieder in geiziger Eifersucht und flüsterte:

»Was wird er anfangen, Ally?«

»Unheil«, sagte die Tochter.

»Mord?« fragte die Alte.

»Er ist in seinem verwundeten Stolz ein Wahnsinniger, und wer weiß, es kann wohl so weit kommen.«

Ihr Blick war noch funkelnder als der ihrer Mutter, und das Feuer ihrer Augen leuchtete lebhafter. Aber ihr Gesicht zeigte eine Leichenblässe, die sich selbst über die Lippen breitete.

Sie sprach nicht weiter, sondern blieb beiseite sitzen. Die Mutter machte sich mit ihrem Geld zu schaffen, die Tochter aber gab sich ihren Gedanken hin, und beider Blicke leuchteten in dem Düster der schwach erhellten Stube. Rob schlief und schnarchte weiter. Nur der unbeachtete Papagei war in Tätigkeit. Er zupfte und zerrte mit seinem krummen Schnabel an den Drähten des Käfigs, kletterte nach der Wölbung hinauf und an dem Dache hin wie eine Fliege, warf sich wieder köpflings herunter und rüttelte, biß und rasselte an jedem dünnen Stabe, als kenne er die Gefahr, die seinem Herrn drohte, als wolle er sich mit Gewalt befreien, um fortzufliegen und ihn zu warnen.

 

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