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Dombey und Sohn ? Band 2

Charles Dickens: Dombey und Sohn ? Band 2 - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn ? Band 2
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Einundfünfzigstes Kapitel.

Mr. Dombey und die Welt.

Was treibt wohl der stolze Mann, während die Tage entschwinden? Denkt er je an seine Tochter, oder wundert er sich, wohin sie gegangen ist? Meint er vielleicht, sie sei nach Haus gekommen und führe ihr altes Leben in dem verödeten Gebäude? Niemand kann das beantworten; denn er hat ihren Namen seitdem nie wieder ausgesprochen. Sein Haushalt fürchtet ihn zu sehr, um eine Sache zur Sprache zu bringen, über die er ein so tiefes Schweigen beobachtet, und die einzige Person, die ihn zu fragen sich erdreistet, bringt er augenblicklich zum Verstummen.

»Mein lieber Paul!« murmelt seine Schwester, die am Tage von Florences Flucht ihn besucht, »deine Gattin – dieses hochfahrende Weib! Ist es möglich, daß in dem verwirrten Gerücht Wahrheit liegt, und dankt sie dir so die beispiellose Aufopferung für sie; denn du hast ja deine eigenen Verwandten ihren Launen und ihrem Stolze opfern müssen! Mein armer Bruder!«

Während dieser Anrede und in der Erinnerung an die Tatsache, daß sie am Tag der Ankunft des Ehepaars von Paris nicht zum Diner gebeten wurde, macht Mrs. Chick reichlichen Gebrauch von ihrem Taschentuch und fällt Mr. Dombey um den Hals. Mr. Dombey aber macht sich frostig von ihr los und bietet ihr einen Stuhl an.

»Ich danke dir für diesen Beweis deiner Liebe, Louisa«, sagte er, »muß dich aber bitten, für dein Gespräch ein anderes Thema zu wählen. Wenn ich einmal mein Schicksal beklage, oder mir Trost bei dir holen will, so wird es immer noch Zeit sein, ihn mir zu spenden. Habe daher die Güte, Louisa, von andern Dingen zu reden.«

»Mein lieber Paul«, versetzt seine Schwester, die das Schnupftuch vor ihr Gesicht hält und den Kopf schüttelt, »ich kenne deinen großen Geist und will daher nicht bei einem Thema beharren, das so peinlich und empörend ist«, Mrs. Chick legt auf die beiden Beiwörter einen besonders entrüsteten Nachdruck; »aber darf ich dich fragen, – freilich fürchte ich etwas Erschütterndes und Betrübendes hören zu müssen – ob jenes unglückliche Kind, Florence –«

»Louisa«, sagt ihr Bruder finster, »stille! kein Wort mehr davon!«

Mrs. Chick kann nur den Kopf schütteln, ihr Taschentuch brauchen und über entartete Dombeys seufzen, die keine Dombeys sind. Indes hat sie nicht die mindeste Vorstellung davon, ob Florence bei Ediths Flucht beteiligt war, oder gar ihr nachgefolgt ist, ob sie zu viel oder zu wenig, ob etwas oder nichts getan hat.

Unwandelbar verschließt er seine Gedanken und Gefühle in seinem Innern, ohne sie jemandem anzuvertrauen. Nachforschungen nach seiner Tochter werden nicht angestellt. Er wähnt vielleicht, sie sei bei seiner Schwester, oder weile unter seinem eigenen Dache. Ob er oft oder nie an sie denkt – aus den Anzeichen, die er davon gibt, läßt sich weder das eine noch das andere erkennen.

So viel aber ist gewiß, er denkt nicht, daß er sie verloren hat. Keine Ahnung der Wahrheit kommt ihm in den Sinn. Er hat zu lange in seiner Höhe abgeschlossen gelebt, um das geduldige sanfte Geschöpf auf dem Pfad unten zu bemerken, oder etwas Derartiges zu befürchten. Die ihm zugegangene Beschimpfung ist erschütternd gewesen, hat ihn aber nicht zur Erde gedemütigt. Die Wurzel greift in die Breite und Tiefe, und im Lauf der Jahre haben ihre Fasern sich ausgedehnt und aus der ganzen Umgebung Nährstoff gezogen. Der Baum ist getroffen, aber nicht gefällt.

Obgleich er die Welt in seinem Innern vor der Außenwelt verbirgt, – er hält es zunächst für seine einzige Aufgabe, sich auf allen seinen Schritten und Tritten sorgfältig zu bewachen – so kann er doch jene rebellischen Spuren davon nicht verdecken, die sich in den hohlen Augen und Wangen, in der hageren Stirn und in seinem düsteren, brütenden Wesen ausdrücken. Zwar noch immer so unnahbar wie ehedem, ist er trotzdem ein veränderter Mensch, und wenn sein Stolz sich auch nicht gebeugt hat, fühlt er sich doch gedemütigt; denn sonst könnten solche Abzeichen nicht vorhanden sein. Die Welt! Was die Welt von ihm denkt, um was sie ihn ansieht und was sie sagt – das ist der Dämon, der seinen Geist umspukt. Das Gespenst folgt ihm überall hin und, was noch schlimmer, befindet sich auch überall, wo er nicht ist. Es tritt hinaus mit ihm unter seine Dienerschaft und bleibt flüsternd daselbst zurück. Er sieht, wie es auf der Straße mit den Fingern ihm nachdeutet; es harrt seiner im Kontor, schielt über die Schultern der reichen Kaufleute, geht winkend und plappernd unter der Menge umher, kommt ihm an jedem Platze zuvor und ist – er weiß das – stets am geschäftigsten, wenn er sich wieder entfernt hat. Schließt er sich nachts in seinem Zimmer ein, so schleicht es durch das Haus, macht sich hörbar in den Fußtritten auf dem Straßenpflaster, starrt ihn in den Zeitungen auf dem Tisch an, dampft auf den Eisenbahnen und in den Schiffen hin und her und macht sich überall mit nichts anderem zu schaffen als mit ihm.

Es ist kein Phantom seiner Einbildungskraft, sondern in den Köpfen anderer Leute ebenso gut tätig, wie in dem seinen. Zeuge davon Vetter Feenix, der von Baden-Baden ausdrücklich in der Absicht herkommt, um mit ihm zu sprechen. Zeuge davon Major Bagstock, der Vetter Feenix bei seinem Besuche freundschaftlich begleitet.

Mr. Dombey empfängt sie mit seiner gewöhnlichen Würde und steht aufrecht in seiner alten Haltung vor dem Feuer. Er fühlt, daß aus ihren Augen die Welt ihn ansieht, daß sie aus den Gemälden herunterglotzt, daß Mr. Pitt auf dem Bücherschranke sie repräsentiert, und daß sogar in seinem eigenen, an der Wand hängenden Porträt die gleichen Augen sind.

»Ein ungewöhnlich kaltes Frühjahr«, sagt Mr. Dombey – um die Welt zu täuschen.

»Gott verdamm mich«, versetzt der Major in der Wärme der Freundschaft, »Joseph Bagstock ist nicht leicht anzuführen. Wenn Ihr Eure Freunde abzuhalten und ihnen kalt den Rücken zu kehren wünscht, Dombey, so ist J. B. nicht der Mann dafür. Joe ist rauh und zäh, Sir; derb, Sir, derb ist Joe. Seine königliche Hoheit, der verstorbene Herzog von York, erwies mir die Ehre, zu sagen – gleichviel, ob verdient oder unverdient – ›wenn es im Dienst einen Mann gibt, auf dessen Offenheit man sich verlassen kann, so ist dieser Mann Joe – Joe Bagstock.‹«

Mr. Dombey deutete seine Zustimmung an.

»Wohlan, Dombey«, sagt der Major, »ich bin ein Weltmann. Unser Freund Feenix – wenn ich mich erkühnen darf, ihn so –«

»Rechne es mir zu großer Ehre«, versetzt Vetter Feenix.

»– ist gleichfalls ein Weltmann«, fährt der Major mit einem Wackeln des Kopfes fort. »Und Ihr seid ein Weltmann, Dombey. Wenn nun drei Weltmänner zusammentreffen und Freunde sind – wie ich glaube –«, die letztere Bemerkung gilt abermals dem Vetter Feenix.

»Natürlich, die allerbesten«, sagt Vetter Feenix.

»– und Freunde sind«, nimmt der Major wieder auf, »so ist der alte Joe der Ansicht (vielleicht hat J. unrecht), daß die Meinung der Welt über irgendeinen besonderen Gegenstand sich leicht erkunden läßt.«

»Ohne Zweifel«, sagt Vetter Feenix. »In der Tat, sie spricht vollkommen für sich selbst. Ich wünsche nichts sehnlicher, Major, als meinem Freund Dombey mein großes Erstaunen und Bedauern darüber auszudrücken, daß meine liebenswürdige und begabte Verwandte, die jede Eigenschaft besaß, um einen Mann glücklich zu machen, ihre Pflichten gegen – mit einem Wort, gegen die Welt so weit vergessen konnte, um sich in einer so außerordentlichen Weise bloßzustellen. Ich bin seitdem in einem verteufelt schwermütigen Zustand gewesen und habe in der Tat erst gestern abend zu dem langen Sarby gesagt, – Mann von sechs Fuß zehn Zoll Höhe, mit dem mein Freund Dombey wahrscheinlich bekannt ist – daß mir die Geschichte verdammt zusetze und mich ganz gallig mache. Eine solche verhängnisvolle Katastrophe bringt einen auf den Gedanken«, sagt Vetter Feenix, »daß die Ereignisse unter der Leitung einer Vorsehung stehen, denn wenn meine Tante noch am Leben wäre, so glaube ich, das hätte auf eine so verteufelt lebhafte Frau, wie sie war, wie ein Todesstreich gewirkt, und sie wäre wahrhaftig ein Opfer derselben geworden.«

»Wohlan, Dombey! –« nimmt der Major seine Rede mit großem Nachdruck wieder auf.

»Ich bitte um Verzeihung«, unterbricht ihn Vetter Feenix. »Erlaubt mir nur noch ein Wort, Mein Freund Dombey wird mir die Bemerkung gestatten, der höllische Zustand von Schmerz, in dem ich mich bei diesem Anlaß befinde, könne durch nichts mehr erhöht werden, als durch das natürliche Erstaunen der Welt über das Gerücht, daß meine liebenswürdige und begabte Verwandte (denn ich wage es noch immer, sie so zu nennen) sich mit einem Menschen – allerdings Mann mit weißen Zähnen – kompromittiert habe, der ihrem Gatten gegenüber eine so untergeordnete Stellung einnimmt. Aber während ich mit Entschiedenheit meinen Freund Dombey ersuchen muß, meine liebliche und begabte Verwandte nicht anzuklagen, bis ihre Schuld vollkommen erwiesen ist, erlaube ich mir zugleich, meinem Freund Dombey die Versicherung zu geben, daß die Familie, die ich repräsentiere und die jetzt fast erloschen ist (verteufelt trauriger Gedanke für einen Mann), ihm kein Hindernis in den Weg zu legen gedenkt und sich glücklich schätzen wird, jedem ehrenhaften Verfahren, das er im Hinblick auf die Zukunft einzuschlagen beabsichtigt, ihre Zustimmung zu geben. Ich hoffe, mein Freund Dombey wird mir zutrauen, daß ich in dieser sehr betrübenden Angelegenheit von der besten Absicht beseelt bin, und – ein – in der Tat, ich wüßte nicht, daß ich nötig hätte, meinen Freund Dombey mit weiteren Bemerkungen zu behelligen.«

Mr. Dombey verbeugt sich, ohne die Augen aufzurichten und bleibt stumm.

»Wohlan, Dombey«, sagt der Major, »nachdem unser Freund Feenix mit einem Aufwand von Beredsamkeit, wie ihn der alte Joe B. nie gehört hat – nein, beim Himmel, Sir, nie!« sagt der Major mit sehr blauem Gesicht, indem er seinen Stock in der Mitte anfaßt – »den Fall, soweit er die Dame betrifft, auseinandergesetzt hat, werde ich mir im Hinblick auf unsere Freundschaft, Dombey, erlauben, ihn von einem andern Gesichtspunkt aus zu beleuchten. Sir«, fügt der Major mit einem Pferdehusten bei, »die Welt hat in solchen Dingen Ansichten, denen Genüge geleistet werden muß.«

»Ich weiß es«, versetzt Mr. Dombey.

»Natürlich wißt Ihr es«, sagt der Major. »Gott verdamm mich, Sir, ich weiß, daß Ihr es wißt. Ein Mann von Eurem Format kann hierin nicht im unklaren sein.«

»Ich hoffe es«, entgegnete Mr. Dombey.

»Dombey!« sagt der Major, »Ihr werdet das übrige erraten. Ich spreche mich aus – voreilig vielleicht –, weil die Bagstock-Zucht immer offen gewesen ist. Sie hat es zwar damit nie weit gebracht, Sir; aber es liegt im Blut der Bagstocks. Dem Mann gehört eine Kugel. Ihr habt J. B. auf Eurer Seite. Er macht Anspruch auf den Namen eines Freundes. Gott stehe Euch bei.«

»Ich bin Euch verbunden, Major«, erwidert Mr. Dombey, »und werde mich in Eure Hände geben, wenn die Zeit reif ist. So weit ist es übrigens noch nicht, und ich habe deshalb unterlassen, mit Euch zu sprechen.«

»Wo ist der Mensch, Dombey?« fragt der Major, nachdem er ihn eine Weile angestarrt und angekeucht hat.

»Ich weiß es nicht.«

»Keine Kunde von ihm?« fragt der Major.

»Ja.«

»Dombey, es freut mich, das zu hören«, sagt der Major. »Ich wünsche Euch Glück.«

»Ihr werdet entschuldigen, Major«, versetzt Mr. Dombey, »wenn ich vorderhand nicht einmal gegen Euch in weitere Einzelheiten eingehe. Die Nachricht ist eigentümlicher Art und mir in eigentümlicher Weise zugegangen. Möglich, daß sie wertlos, möglich aber auch, daß sie wahr ist. Ich kann zur Zeit nichts weiter sagen und muß deshalb hier abbrechen.«

Obschon das nur eine dürre Antwort auf den purpurnen Enthusiasmus des Majors ist, so nimmt er sie doch gnädig auf und fühlt sich entzückt in dem Gedanken, daß die Welt eine so schöne Aussicht hat, bald zu erhalten, was ihr gebührt. Vetter Feenix wird sodann von dem Gatten seiner liebenswürdigen und begabten Verwandten mit dankbaren Phrasen belohnt, worauf er und Major Bagstock sich entfernen, während der besagte Gatte wieder der Welt überlassen bleibt und Muße hat, über die Ansichten und die gerechten, vernünftigen Erwartungen derselben, wie sie ihm von den beiden dargestellt wurden, nachzudenken.

Aber wer sitzt Tränen vergießend und mit aufgehobenen Händen in dem Zimmer der Haushälterin und bespricht sich in leisem Ton mit Mrs. Pipchin? Es ist eine Dame, deren Gesicht ein sehr enger schwarzer Hut verhüllt, der nicht ihr zu gehören scheint. Es ist Miß Tox, die diese Verhüllung von ihrem Dienstmädchen geborgt hat und so im geheimen vom Prinzessinnenplatz hierher gekommen ist, um ihre alte Bekanntschaft mit Mrs. Pipchin wieder aufzunehmen und über Mr. Dombeys Zustand sichere Auskunft einzuholen.

»Und wie trägt er es, meine liebe Mistreß?« fragt Miß Tox.

»Er ist so ziemlich wie gewöhnlich«, antwortet Mrs. Pipchin in ihrer schnippischen Weise.

»Äußerlich«, deutet Miß Tox an, »Aber was er in seinem Innern fühlt!«

Mistreß Pipchins hartes graues Auge zeigt den Ausdruck des Zweifels, während sie in drei bestimmten Absätzen entgegnet: »Ach! . . . Vielleicht . . . Ich kann mir's vorstellen.«

»Um offen mit Euch zu sprechen, Lukretia«, fährt Mrs. Pipchin fort; sie nennt Miß Tox noch immer Lukretia, weil sie an dieser Dame, als diese noch ein unglückliches, schmächtiges, kleines Mädchen von zarten Jahren war, die ersten Versuche im Geschäft des Kinderquälens gemacht hat; »um mit Euch zu reden, Lukretia, so denke ich, daß wir von Glück sagen dürfen. Ich selbst mag keine so frechen Gesichter hier haben.«

»Jawohl, frech! Das ist ein vollkommen bezeichnender Ausdruck, Mrs. Pipchin«, erwidert Miß Tox. »Ihn zu verlassen! Eine so edle Männergestalt!«

Und Miß Tox gerät ganz außer sich.

»Von edel spüre ich gerade nicht viel«, bemerkt Mrs. Pipchin, empfindlich sich die Nase reibend. »So viel aber weiß ich – wenn den Leuten Prüfungen zugeschickt werden, so müssen sie diese tragen. Du lieber Himmel, ich habe meiner Zeit selbst auch genug zu tragen gehabt! Was macht man da viel Wesens! Sie ist fort, und man kann sich Glück wünschen, daß man sie vom Halse hat. Ich denke, niemand verlangt sie zurück.«

Diese Anspielung auf die peruvianischen Minen bewegt Miß Tox, sich zum Abschied anzuschicken, und Mrs. Pipchin läutet Towlinson, damit er ihr das Geleit gebe. Mr. Towlinson, der Miß Tox seit einem Menschenalter nicht gesehen hat, drückt grinsend die Hoffnung aus, daß es ihr gut gehe, und bemerkt, er habe sie anfangs in ihrem Hut nicht gekannt.

»Ziemlich gut, Towlinson, ich danke Euch«, sagt Miß Tox. »Wenn Ihr mich zufällig hier seht, so habt die Güte, nicht davon zu sprechen. Meine Besuche gelten bloß Mrs. Pipchin.«

»Sehr wohl, Miß«, sagt Towlinson.

»Es ereignen sich schreckliche Dinge, Towlinson«, meint Miß Tox.

»Jawohl, Miß«, entgegnet Towlinson.

»Ich hoffe, Towlinson«, sagt Miß Tox, die sich durch das Unterrichten der Toodle-Familie einen ermahnenden Ton angeeignet hat und nicht gern eine dafür passende Gelegenheit verabsäumt, »die Vorgänge hier werden Euch eine Warnung sein, Towlinson.«

»Danke bestens, Miß, jawohl«, versetzt Towlinson.

Er scheint mit sich zu Rate zu gehen, in welcher Weise diese Warnung auf seinen speziellen Fall anwendbar sei. Aber die essigsaure Mrs. Pipchin stört ihn plötzlich mit einem »was treibt Ihr da? warum geleitet Ihr die Dame nicht nach der Tür?« aus seinem Sinnen, und er führt Miß Tox ab. Wie diese an Mr. Dombeys Zimmer vorbeikommt, zieht sie sich in die innersten Tiefen des schwarzen Hutes zurück und geht auf den Zehenspitzen. Es gibt kein anderes Wesen in der Welt, das ihn so umspukt und so viel Leid und Sorge um ihn trägt, als das, welches Miß Tox unter dem schwarzen Hut in die Straße mit sich nimmt und, vor den neu angezündeten Lampen beschattet, nach Haus zu bringen versucht.

Aber Miß Tox ist kein Teil von Mr. Dombeys Welt. Sie kommt jeden Abend in der Dunkelheit, fügt bei Regenwetter dem Hut noch einen Schirm und Überschuhe bei und läßt bereitwillig Towlinsons Grinsen und Mrs. Pipchins mürrisches Wesen über sich ergehen, bloß um fragen zu können, was er treibt und wie er sein Unglück erträgt. Aber sie hat nichts mit Mr. Dombeys Welt zu schaffen. Bedrückend und quälend, wie immer, nimmt diese ohne Miß Tox ihren Gang, und diese selbst, keineswegs ein glänzender oder besonderer Stern, bewegt sich an dem Ende eines andern Systems in ihrem kleinen Kreise; sie weiß das recht wohl – kommt, weint, geht wieder fort und ist zufrieden. Wahrhaftig, Miß Tox ist leichter befriedigt, als die Welt, um die Mr. Dombey sich so viel Sorge macht.

Im Geschäft verhandeln die Gehilfen das große Unglück in allen seinen Licht- und Schattenseiten und sind namentlich neugierig darauf, wer Mr. Carkers Platz erhalten wird. Sie drücken allgemein die Ansicht aus, die Stelle dürfte wohl in ihrem Einkommen beschnitten und durch neue Beschränkungen unbequem gemacht werden. Diejenigen, die die allergeringste Aussicht haben, meinen, sie möchten sie nicht einmal annehmen, und beneiden den Mann nicht, dem sie vorbehalten ist. Seit dem Tod von Mr. Dombeys kleinem Sohn hat nichts im Kontor solches Aufsehen erregt. Aber die ganze Aufregung schlägt eine soziale, um nicht zu sagen joviale Richtung ein und führt zu Unterhaltung guter Kameradschaft. Bei dieser günstigen Gelegenheit findet sogar eine Versöhnung zwischen dem anerkannten Witzling des Kontors und einem aufstrebenden Nebenbuhler statt, die seit Monaten in tödlicher Fehde miteinander gelebt haben. Zur Feier dieser glücklich wiederhergestellten Freundschaft wird in einem benachbarten Wirtshaus ein Diner abgehalten, bei dem der Witzling den Vorsitz führt und der Nebenbuhler die Rolle des Vizepräsidenten übernimmt. Die Reden, die der Entfernung des Tafeltuchs folgen, werden durch den Vorsitzenden eingeleitet, der seinen Kollegen nicht verbergen kann, daß es jetzt keine Zeit zu Privatzwistigkeiten sei. Kürzliche Ereignisse, auf die er nicht näher einzugehen brauche, die aber in einigen Sonntags-Journalen und Tagblättern – er wolle sie nicht nennen – (jedes andere Mitglied der Gesellschaft führt übrigens mit hörbarem Murmeln die Namen auf) nicht unbeachtet geblieben seien, hätten ihn zum Nachdenken gebracht, und er fühle, daß in einem solchen Augenblicke jeder persönliche Zwist zwischen ihm und Robinson für immer die gute Gesinnung in der allgemeinen Sache beeinträchtigen würde, durch die sich, wie er Grund zu glauben habe und wie er hoffe, die Gentlemen in Dombeys Hause stets ausgezeichnet hätten.

Robinson antwortete hierauf wie ein Mann und Bruder, während ein Gentleman, der drei Jahre unter steter Entlassungsbedrohung wegen seiner mangelhaften Arithmetik in dem Bureau beschäftigt gewesen, in einem vollkommen neuen Lichte erscheint und plötzlich mit einer ergreifenden Rede hervorbricht, in der er sagt: Möge der geachtete Chef nie wieder die Verödung kennenlernen, die seinen Herd betroffen hat! Dann fährt er in unterschiedlichen Dingen fort, die stets mit einem »Möge er nie wieder« beginnen und donnernden Beifall ernten. Mit einem Wort, der Abend vergeht in der größten Herrlichkeit und wird nur durch einen Hader zwischen zwei jüngeren Kollegen gestört, die in einem Streit über die wahrscheinliche Höhe von Mr. Carkers letztem Jahreseinkommen sich mit Flaschen drohen und in großer Aufregung fortgeschafft werden. Am andern Tag ist im Bureau das Sodawasser sehr begehrt, und die meisten, die an der gestrigen Gesellschaft teilgenommen, halten die Wirtsrechnung für einen unverschämten Betrug.

Was Perch, den Boten, betrifft, so ist er auf dem schönsten Weg, für Lebenszeit zugrunde gerichtet zu werden. Man findet ihn unablässig in den Schenken, wo er traktiert wird und fürchterlich aufschneidet. Es stellt sich heraus, daß er überall mit den bei dem kürzlichen Vorfall beteiligten Personen zusammentraf und zu ihnen sagte, »Sir«, oder »Madame«, je nachdem der Fall war, »warum seht Ihr so blaß aus«, worauf die betreffende Person vom Kopf bis zu den Füßen schauderte, in die Worte ausbrach »o Perch«, und davonlief.

Entweder der Gedanke an diese Ungeheuerlichkeiten oder die Rückwirkung des genossenen Branntweins machen Mr. Perch gegen Abend um die Zeit, in der er gewöhnlich in der Gesellschaft der Mrs. Perch zu Balls Pond Trost sucht, sehr bedrückt. Dann ist Mrs. Perch ungemein reizbar; denn sie fürchtet, sein Vertrauen zu dem weiblichen Geschlecht sei jetzt erschüttert und er erwarte sozusagen eines Abends beim Nachhausekommen, daß sie mit einem Grafen davongelaufen sei.

Mr. Dombeys Dienstboten wurden um die gleiche Zeit ganz ausgelassen und für jedes Geschäft untauglich. Sie haben jeden Abend ein warmes Nachtessen und unterhalten sich dabei, während dampfendes Getränk auf dem Tisch steht. Nach halb elf Uhr ist Mr. Towlinson regelmäßig bezecht und fragt, ob er nicht immer gesagt habe, daß bei dem Wohnen in einem Eckhause nie etwas Gutes herauskomme. Man flüstert über Florence und möchte wissen, wo sie sich aufhält. Aber man ist mit ihrem Schritt einverstanden; wenn auch Mr. Dombey nichts darüber wisse, so werde es doch Mrs. Dombey besser wissen. Dies bringt das Gespräch auf Edith, und die Köchin sagt von ihr: »Sie hatte doch eine recht vornehme Art an sich, etwa nicht? Aber sie trug sich zu hoch!« Alle andern stimmen bei, daß sie sich zu hoch trug, und Mr. Towlinsons alte Flamme, die Hausmagd (die sehr tugendhaft ist), bittet, man solle ihr nur nicht mehr mit Personen kommen, die ihre Köpfe so hoch halten, als ob der Erdboden nicht gut genug für sie sei.

Alles, was mit Ausnahme von Mr. Dombey in dieser Angelegenheit gesprochen und verhandelt wird, geschieht im Chor. Mr. Dombey und die Welt sind miteinander allein.

 

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