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Dombey und Sohn ? Band 2

Charles Dickens: Dombey und Sohn ? Band 2 - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn ? Band 2
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Siebenundvierzigstes Kapitel.

Der Donnerschlag

Die Schranke zwischen Mr. Dombey und seiner Gattin wurde durch die Zeit nicht geringer. Unglücklich in ihrem Innern und durch einander, durch kein Band zusammengeknüpft, als durch die Kette, die gegenseitig ihre Hände fesselte, und an der sie so mächtig zerrten, daß sie bis auf den Knochen schnitt, war die Zeit, diese Trösterin im Leid, diese Beschwichtigerin der Leidenschaft, außerstande, dem schlecht zusammenpassenden Paare zu helfen. Ihr Stolz, wie verschieden er auch der Art und dem Gegenstand nach war, blieb stets in der gleichen Höhe, so daß in dem gegenseitigen kieselharten Zusammenprallen Funken aufflogen, die je nach den Umständen still fortglosteten oder in helle Lohe ausbrachen, stets aber alles in ihrem wechselseitigen Bereich niederbrannten und den Weg ihrer Ehe zu einem Aschenpfad machten.

Laßt uns gerecht gegen ihn sein. In der ungeheuerlichen Verblendung seines Lebens, die sich mit jedem Sandkorn im Stundenglase steigerte, drängte er sie vorwärts, ohne daß er sich einfallen ließ, wohin, oder auf die dazu gewählten Mittel Rücksicht nahm; aber dennoch blieb sein Gefühl gegen sie stets das gleiche wie im Anfang. Es haftete an ihr die große Verschuldung, der Anerkennung seines gewaltigen Einflusses und ihrer völligen Unterwerfung unter denselben einen unerklärlichen Widerspruch entgegenzusetzen, und insoweit war es nötig, sie zu bessern und zur Besinnung zu bringen; aber anderseits sah er in seiner kalten Weise in ihr noch immer eine Dame, die, wenn sie wollte, imstande war, seiner Wahl und seinem Namen Ehre zu machen, so daß er sich auf ihren Besitz etwas zugute tun konnte.

Sie dagegen richtete von jener Nacht an, als sie die Schatten an der Wand betrachtend dasaß, bis zu der schnell kommenden tieferen Nacht, mit der ganzen Stärke leidenschaftlichen, stolzen Rachegefühls täglich und stündlich ihren düsteren Blick auf eine einzige Gestalt, die mit Demütigungen aller Art darauf antwortete, und diese Gestalt war die ihres Gatten.

Kann man wohl den Hauptmangel, der so unerbittlich Mr. Dombey beherrschte, einen unnatürlichen Charakterzug nennen? Es dürfte bisweilen der Mühe wert sein, zu fragen, was die Natur ist, wie die Menschen arbeiten, um sie umzuwandeln, und ob bei den hierdurch veranlaßten Verzerrungen das Unnatürlichsein nicht als natürlich erscheint. Man bringe was immer für einen Sohn oder Tochter unserer mächtigen Mutter in eine enge Sphäre, knüpfe sie fest an eine einzige Idee, die man durch kriechende Unterwerfung von seiten der kleinen, schüchternen oder arglistigen Umgebung nährt, und was wird die Natur sein für den freiwilligen Gefangenen, der sich nie mit den Fittichen eines freien Geistes aufgeschwungen hat? Sicher vermag er bald nicht mehr, sie im Lichte ihrer umfassenden Wahrheit zu erkennen!

Ach, gibt es denn so wenige Dinge in unserer nächsten Umgebung, die ganz natürlich höchst unnatürlich sind? Höre man die Ermahnungen der Richter und Magistratspersonen an die unnatürlichen Auswürflinge der Gesellschaft – unnatürlich in ihren tierischen Gewohnheiten, unnatürlich in ihrem Mangel an Anstand, unnatürlich in dem Mangel an Erkenntnis des Guten und Bösen, unnatürlich in Unwissenheit, Laster, Leichtsinn, Schande, Geist, Miene und allem. Folge man nur dem wackeren Geistlichen oder Arzt, der, mit jedem Atemzug sein Leben gefährdend, in ihre Höhlen geht, in denen man den Widerhall von dem Rasseln unserer Prachtwagen und den täglichen Tritt der Menschen auf dem Straßenpflaster hört. Seht Euch um in der Welt voll häßlicher Anblicke – Millionen unsterblicher Wesen haben auf Erden keine andere Welt –, bei deren leisester Erwähnung schon die Menschheit sich empört und die edle Verfeinerung in der nächsten Straße sich die Ohren verstopft; seht Euch um in ihr und sprecht: »Ich glaube es nicht.« Atmet die befleckte Luft, angefüllt mit jeder Unreinigkeit, die die Gesundheit und das Leben vergiftet; denkt Euch jeden Sinn, der unserem Geschlecht zum Glück und zur Freude geschenkt wurde, aufs abscheulichste beleidigt und zu einem Kanal umgewandelt, durch den nur Elend und Tod eintreten kann. Macht den vergeblichen Versuch, Euch eine einfache Pflanze, eine Blume oder ein gesundes Gewächs zu denken, die, in ein so häßliches Beet versetzt, ihren natürlichen Wuchs haben oder ihre Blätter der Sonne zuwenden könnten, wie es Gott beabsichtigt hat. Und dann ruft irgendein leichenhaft aussehendes Kind mit verkümmerter Gestalt und boshaftem Gesicht auf, haltet ihm seine unnatürliche Sündigkeit vor und beklagt, daß es in seiner frühen Jugend schon so weit abgekommen ist vom Himmel – denkt aber auch ein wenig daran, daß es in einer Hölle gezeugt, geboren und erzogen wurde.

Diejenigen, die die physikalischen Wissenschaften in ihrem Verhältnis zur Gesundheit des Menschen zu erforschen bemüht sind, sagen uns, wenn die schädlichen Teilchen, die aus einer verdorbenen Luft aufsteigen, dem Gesicht erkennbar wären, so würden wir sie über solchen Schlupfwinkeln in dichten schwarzen Wolken schweben sehen, die langsam weiterrollen, um auch die besseren Teile der Stadt in ihren Bereich zu ziehen. Aber wenn die moralische Pest, die sich mit ihnen hebt und nach den ewigen Gesetzen der beleidigten Natur von ihnen unzertrennlich ist, gleichfalls dem Auge zugänglich wäre, welche Schrecken müßten sich da nicht offenbaren? Wir würden sittliche Verderbnis, Gottlosigkeit, Trunksucht, Diebstahl, Mord und eine lange Reihe namenloser, gegen die Natur verstoßender Sünden über den unglücklichen Plätzen hängen und sich weiterverbreiten sehen, um die Unschuldigen in ihre feindselige Atmosphäre zu ziehen und auch unter die Reinen Ansteckung zu bringen. Wir würden sehen, wie dieselben vergifteten Quellen, die in unsern Spitälern und Lazaretten springen, die Gefängnisse unter Wasser setzen, die Deportationsschiffe fast zum Versinken bringen, ihre Wellen über die Meere hin entsenden und ungeheure Kontinente mit Verbrechen überfluten. Mit Entsetzen würden wir erfahren, daß wir, wo wir Krankheiten aufkommen lassen, die unsere Kinder wegraffen und sich sogar an ungeborene Geschlechter anheften, durch denselben Prozeß auch eine Kindheit heranziehen, die keine Unschuld kennt, eine Jugend ohne Bescheidenheit oder Scham, eine Reife, die in nichts reif ist als in Leiden und Schuld, und ein hohes Alter, das zur Schmähschrift wird auf die Gestalt, die wir tragen. Eine unnatürliche Menschheit! Wenn wir Trauben sammeln von Dornen und Feigen von den Disteln – wenn der Kehricht an den Straßen unserer verderbten Städte sich zu Getreidefeldern umwandelt und in den von Elend gemästeten Kirchhöfen Rosen aufblühen, dann mögen wir uns auch nach einer natürlichen Menschheit umsehen und ihr Gedeihen nach solch einer Saat erwarten.

O daß doch ein guter Geist, mit mächtigerer und wohlwollenderer Hand als der lahme Dämon im Märchen, die Hausgiebel abnehmen und einem christlichen Volke zeigen könnte, welch schwarze Gestalten von solchen Herden aufsteigen, um das Gefolge des langsam weiterschreitenden Zerstörungsengels anzuschwellen! Könnten wir nur eine einzige Nacht die blassen Gespenster der Szenen sehen, die von uns zu lang vernachlässigt wurden, um dann mit der dicken, schweren Luft, in welcher Verbrechen und Fieber sich fortpflanzen, der schrecklichen Wiedervergeltung Einhalt zu tun, die stets von solchen Plätzen ausströmt und immer qualmender herankommt! Wie heiter und gesegnet müßte der Morgen nach einer solchen Nacht sein; denn die Menschen – nicht mehr durch selbstgeschaffene Hemmnisse aufgehalten, die nur Staubflecken sind auf dem Pfade zwischen ihnen und der Ewigkeit – würden als Geschöpfe einer gemeinsamen Abkunft, die dem Vater einer einzigen Familie dieselbe Pflicht schulden und nach dem gleichen gemeinsamen Ziele ringen, sich dann bemühen, die Welt zu einem besseren Aufenthalt zu machen!

Nicht weniger heiter und gesegnet würde der Tag sein, weil er in einigen, die nie hinausgeblickt haben auf die sie umgebende Welt von Menschenleben, das Bewußtsein ihrer eigenen Beziehung zu ihr weckte und sie in ihren engherzigen Sympathien und Ansichten eine Verkehrtheit der Natur erkennen ließe, die ebenso groß und, wenn ihre Entwicklung einmal angefangen hat, in ihrem Fortschreiten ebenso natürlich ist wie ihre niedrigste Abstufung.

Aber für Mr. Dombey oder seine Gattin, und für den Pfad, den jeder von ihnen eingeschlagen hatte, war nie ein solcher Tag aufgedämmert. Sechs Monate lang nach Mr. Dombeys Sturz mit seinem Pferde blieben sie stets in dem gleichen gegenseitigen Verhältnis. Ein Marmorfels hätte ihm nicht starrer im Wege liegen können als sie, während er so eisig kalt blieb wie die Quelle, die, nie von einem Lichtstrahle erheitert, in den Tiefen einer tiefen Höhle sprudelt.

Die Hoffnung, die in Florence sich regte, als ihr die Aussicht auf eine neue Heimat dämmerte, war jetzt ganz aus ihrer Seele gewichen. Diese Heimat war jetzt beinahe zwei Jahre alt, und sogar ihr geduldiges Vertrauen konnte nicht standhalten gegen den täglichen Mehltau einer solchen Erfahrung. Wenn sie auch im geheimen noch einem leisen Gedanken Raum gab, Edith und ihr Vater könnten vielleicht in einer fernen Zeit miteinander glücklich leben, so war jetzt jeder Funke von Hoffnung erstorben, daß ihr Vater je sie selbst lieben würde. Der kleine Zeitraum, in dem sie sich vorgestellt hatte, er sei etwas milder gegen sie geworden, geriet durch den Hinblick auf seine Kälte vor- und nachher in Vergessenheit, oder erschien ihr nur noch in dem Lichte einer schmerzlichen Selbsttäuschung.

Florence liebte ihn noch, war aber dabei allmählich so weit gekommen, daß sie sich bei ihrem Lieben nicht in der kalten Wirklichkeit, die vor ihren Augen stand, sondern als etwas vorstellte, was der Vergangenheit angehörte oder doch hätte gewesen sein können. Etwas von der milden Trauer, mit der sie das Andenken an den kleinen Paul oder an ihre Mutter liebte, schien sich in ihre Gedanken an ihn zu mischen und sie sozusagen zu einer teuren Erinnerung zu machen. Lag der Grund darin, daß er für sie tot war, oder teilweise in seiner Beziehung zu früheren Gegenständen ihrer Liebe und in dem Rückblick auf die lang genährten zärtlichen Hoffnungen, die durch ihn vernichtet worden waren? – Sie wußte es nicht; aber der Vater, den sie liebte, begann für sie eine unbestimmte träumerische Idee zu werden, die kaum wesenhafter mit ihrem wirklichen Leben verkettet war als das Bild, das sie sich bisweilen von ihrem Bruder heraufbeschwor, indem sie sich dachte, er sei noch am Leben, wachse zu einem Manne heran und werde sie liebevoll beschützen.

Dieser Wechsel, wenn man ihn so nennen kann, hatte sie beschlichen wie der Übergang vom Kind zur Jungfrau, in dessen Gefolge er gekommen. Florence war fast siebzehn, als sie bei ihrem einsamen Grübeln sich dieser Gedanken bewußt wurde.

Sie war jetzt allein, denn auch in ihrem Verhältnis zu ihrer Mama war vieles anders geworden. Nach dem Unfall ihres Vaters, als dieser in seinem Zimmer unten lag, bemerkte Florence zum erstenmal, daß Edith ihr auswich. Verletzt und erschüttert, aber doch nicht imstande, diese Gefühle mit ihrer Liebe in Einklang zu bringen, suchte sie eines Abends wieder einmal ihre Mutter in ihrem Zimmer auf.

»Mama«, sagte Florence, leise an ihre Seite tretend, »habe ich Euch etwas zuleide getan?«

»Nein«, lautete Ediths Antwort.

»Und doch muß ich etwas Unrechtes begangen haben«, entgegnete Florence. »Sagt mir, worin es besteht. Ihr seid so ganz anders gegen mich geworden, liebe Mama. Ich kann Euch nicht beschreiben, wie schnell ich auch nur den mindesten Wechsel fühle, denn ich liebe Euch aus ganzer Seele.«

»Und ich dich auch«, sagte Edith. »Ach, Florence, glaube mir, ich liebte dich nie mehr als gerade jetzt!«

»Warum weicht Ihr mir so oft aus und haltet Euch fern von mir?« fragte Florence. »Und warum seht Ihr mich bisweilen so seltsam an, liebe Mama? Ihr wißt doch selbst, daß Ihr es tut?«

Edith deutete mit ihren dunkeln Augen eine Bejahung an.

»Warum«, entgegnete Florence bittend – »ach, sagt mir, warum, damit ich weiß, wie ich's anfangen muß, um Euch besser zu gefallen. Sagt es mir, und ich werde gewiß allen weiteren Anlaß vermeiden.«

»Meine Florence«, versetzte Edith, indem sie die Hand ergriff, die ihren Nacken umschlungen hielt, und in die so liebevoll zu ihr aufschauenden Augen blickte, während Florence vor ihr auf dem Boden kniete, »warum es so ist, kann ich dir nicht sagen, da es nicht für deine Ohren paßt. Genug, daß ich weiß, es muß so sein. Glaubst du, ich würde es tun, wenn es nicht der Fall wäre?«

»Sollen denn wir einander fremd werden, Mama?« fragte Florence, erschrocken zu ihr aufblickend.

Ediths stumme Lippen bildeten ein »Ja«.

Florence blickte sie mit zunehmender Furcht und Verwunderung an, bis sie unter den sie blendenden Tränen, die auf ihre Wangen niederfielen, nichts mehr sehen konnte.

»Florence! mein Leben!« sagte Edith hastig, »höre mich an. Ich kann es nicht ertragen, dich so bekümmert zu sehen. Beruhige dich. Du siehst, ich bin gefaßt – und meinst du, die Aufgabe werde mir so leicht?«

Bei den letzteren Worten nahm sie ihre gewöhnliche Festigkeit in Ton und Wesen wieder an und fügte dann hastig hinzu:

»Nicht ganz fremd, Nur teilweise – und auch dies nur zum Schein, Florence, denn in meinem Innern bin ich noch immer dieselbe gegen dich und werde es stets sein. Was ich tue, geschieht nicht um meinetwillen.«

»Etwa um meinetwillen, Mama?« fragte Florence.

»Es ist genug, zu wissen, daß es so ist«, antwortete Edith nach einer Pause. »An dem Warum liegt nicht viel. Liebe Florence, es ist besser – es ist notwendig, daß wir weniger häufig miteinander verkehren. Die Vertraulichkeit, die zwischen uns stattgefunden hat, muß abgebrochen werden.«

»Wann?« rief Florence. »O, Mama, wann?«

»Jetzt«, versetzte Edith.

»Für alle künftige Zeit?« fragte Florence.

»Ich will das nicht sagen«, antwortete Edith, »weiß es aber selbst noch nicht. Ebensowenig will ich behaupten, daß eine Freundschaft zwischen uns im besten Falle nur eine unpassende, unheilige Verbindung sei, von der ich hätte vorauswissen können, daß sie zu nichts Gutem führe. Mein Weg hier ging auf Pfaden, die du nie betreten wirst, und welches Ende ihm bevorsteht – Gott weiß es –, mir ist es noch dunkel –.«

Ihre Stimme erstarb in einem Schweigen, und wie sie so dasaß, schauderte sie fast vor Florence zurück, während sie ihr den nämlichen seltsamen, scheuen Blick zuwarf, den das Mädchen schon früher an ihr bemerkt hatte. Dann stürmte derselbe düstere Stolz und Zorn über ihre Züge hin, gleich einer zürnenden Hand über die Saiten einer wild ertönenden Harfe. Keine Weichheit, keine Milde folgte darauf. Sie senkte jetzt nicht weinend ihr Haupt und sagte, daß sie keine Hoffnung habe als in Florence, sondern hielt es aufrecht wie eine schöne Meduse, als wolle sie sie Angesicht gegen Angesicht in Stein verwandeln. Ja, und sie würde es getan haben, wenn sie diesen Zauber besessen hätte.

»Mama«, sagte Florence ängstlich, »es ist eine Veränderung in Euch vorgegangen, größer, als Ihr mir sagt, und ich erschrecke darüber. Laßt mich ein wenig bei Euch bleiben.«

»Nein«, entgegnete Edith, »nein, meine Liebe. Es ist am besten, wenn ich jetzt allein bleibe – auch am besten für dich, wenn namentlich du dich fern von mir hältst. Stelle keine Fragen an mich und glaube nur, – wenn ich, was auch kommen mag, wankelmütig und launenhaft gegen dich erscheine, so geschieht dies nicht mit Absicht und gegen meinen Willen. Obgleich wir jetzt fremder gegeneinander sein müssen, als wir waren, so vertraue darauf, daß mein Inneres gegen dich unverändert ist. Vergib mir, daß ich je deine freudelose Heimat getrübt habe – ich weiß es wohl, ich bin ein Schatten darauf – und laß uns nie wieder davon sprechen.«

»Mama«, schluchzte Florence, »wir sollen uns doch nicht trennen?«

»Damit dies nicht geschehe, müssen wir so handeln«, sagte Edith. »Frage nicht weiter. Geh' jetzt, Florence! Meine Liebe und mein Schmerz begleiten dich.«

Sie entließ Florence mit einer Umarmung und sah der sich Entfernenden mit einem Blick nach, als weiche in der lieblichen Gestalt ihr guter Engel von ihr, um sie den stolzen, zürnenden Leidenschaften zu überlassen, die sich ihrer bemächtigt und ihr Siegel auf ihre Stirne gedrückt hatten.

Von dieser Stunde waren Florence und Edith einander nie mehr, was sie sich gewesen. Es vergingen Tage, ohne daß sie anders als bei Tisch und in Mr. Dombeys Gegenwart zusammentrafen. Edith saß dann gebieterisch, stumm und unbeugsam da, ohne nur nach ihr hinzusehen.

Nahm Mr. Carker an dem Mahl teil, was im Laufe von Mr. Dombeys Genesung und nachher oft geschah, so benahm sie sich sogar noch abgemessener gegen das arme Mädchen als zu anderen Zeiten. Trafen sie sich aber allein, so schlang sie Florence ebenso liebevoll in ihre Arme wie vordem, obschon nicht mit demselben Milderwerden ihres stolzen Aussehens, und oft, wenn sie spät nach Hause gekommen war, konnte sie wie früher im Dunkeln sich nach ihrem Zimmer hinaufstehlen, um über ihrem Pfühl ein »gute Nacht« zu flüstern. Florence, die in ihrem Schlummer nichts von solchen Besuchen ahnte, erwachte bei diesen leisen Worten zuweilen wie aus einem Traum, und es war ihr, als fühle sie ihr Gesicht von Lippen berührt. Doch kam dies im Laufe der Monate weniger und weniger häufig vor.

Und nun begann die Leere in Florences Herzen abermals eine Öde um sie her zu breiten. Wie das Bild ihres Vaters, den sie liebte, unbewußt zu einem bloßen Gedanken geworden war, so verblich auch Edith, das Schicksal aller übrigen teilend, an die sich ihre Liebe gekettet hatte, mit jedem Tage mehr in der Entfernung. Ganz allmählich wich sie von Florence zurück, gleich dem entschwindenden Geiste dessen, was sie gewesen; allmählich schien die Kluft zwischen ihnen weiter und tiefer zu werden; allmählich erstarrte die Innigkeit, die sie an den Tag gelegt hatte, mehr und mehr in dem kecken, zornigen Trotz, mit dem sie, ohne daß Florence eine Ahnung davon hatte, sich dem Rande eines tiefen Abgrunds näherte und in denselben niederschaute. Der schwere Verlust, den Florence in Edith erlitten, wurde nur durch eine einzige Rücksicht gemildert, und obschon ihr schwer belastetes Herz nicht viele Beruhigung darin fand, so versuchte sie doch, sich zu überreden, daß einiger Trost für sie darin liege. Nicht länger in ihrer Zuneigung und ihrem Pflichtgefühl gegen die Eltern geteilt, konnte sie jetzt beide lieben, ohne einem davon unrecht zu tun. Waren sie doch nur Schatten in ihrer warmen Einbildungskraft, und sie konnte ihnen in ihrem Herzen einen gleichen Platz anweisen, ohne daß sie zweifelhaft an ihr werden mußten.

Sie versuchte es so. Bisweilen, ja sogar oft konnten sich ihr verwunderte Mutmaßungen über den Grund zu Ediths verändertem Benehmen aufdrängen und ihr Schrecken einflößen; doch fand sie in der Ruhe ihrer Einsamkeit und ihres stummen Grams nicht Raum zu nachhaltigem Grübeln. Genügte es ja an der Erinnerung, daß der Stern ihrer Hoffnung von dem allgemeinen Düster, das über dem Hause hing, umwölkt war, und sie ergab sich darein mit Tränen.

In einem solchen Traumleben, in dem die überströmende Liebe ihres jungen Herzens sich an luftigen Gestalten erschöpfte, während sie in der wirklichen Welt nicht viel anderes erfuhr, als das Aufsichselbstzurückschlagen der gewaltigen Flut, wurde Florence siebzehn. Die Einsamkeit hatte sie zwar schüchtern gemacht, aber ihr sanftes Gemüt und die Innigkeit ihres Wesens nicht verbittert. In unschuldiger Einfalt ein Kind, in bescheidenem Selbstvertrauen und in der Wärme ihres Herzens eine Jungfrau, schienen diese beiden Eigenschaften sich zugleich als anmutiges Gemisch in ihrem schönen Gesicht und in der Zartheit ihres Körpers auszudrücken, gleichsam als wolle der Frühling nur ungern dem kommenden Sommer Platz machen, dessen Pracht er mit der früheren Schönheit seiner Blüten zu erhöhen suchte. In ihrer ansprechenden Stimme aber, in ihren ruhigen Augen, zuweilen in einem eigentümlichen ätherischen Licht, das auf ihrem Haupte zu ruhen schien, und stets in einem gewissen sinnigen Zug ihrer Schönheit lag ein Ausdruck, wie man ihn an dem toten Knaben gesehen hatte, und der hohe Rat in der Bedientenhalle flüsterte unter Kopfschütteln davon und aß und trank desto mehr in dem engen Bunde guter Kameradschaft.

Die erwähnte achtsame Körperschaft wußte gar viel über Mr. und Mrs. Dombey, namentlich aber über Mr. Carker zu sagen, der augenscheinlich den Vermittler zwischen beiden machen sollte und stets ab- und zuging, als versuche er Frieden zu stiften, obschon es nie gelang. Alle beklagten den unbehaglichen Stand der Angelegenheit und drückten vereint ihre Ansicht dahin aus, Mrs. Pipchin, die im höchsten Grade unpopulär war, habe ihre Hand mit im Spiel; im ganzen übrigens war es angenehm, eine so gute Zielscheibe zu haben, und man ging mit aller Lust auf dieselbe los.

Diejenigen, die im Hause Besuch machten oder die von Mr. und Mrs. Dombey besucht wurden, hielten – jedenfalls sofern der Stolz in Rechnung kam – das Ehepaar für ziemlich gut zusammenpassend und machten sich keine weiteren Gedanken darüber. Die junge Lady mit dem Rücken ließ sich einige Zeit nach Mrs. Skewtons Tode nicht mehr sehen und bemerkte gegen ihre besonderen Freunde mit ihrem gewöhnlichen mädchenhaften Gekreisch, daß sie bei dieser Familie stets an Grabsteine und derartige entsetzliche Dinge denken müsse; als sie aber endlich wieder erschien, bemerkte sie nichts Unrechtes, mit Ausnahme des Umstandes, daß Mr. Dombey einen großen Bündel goldener Petschafte an seiner Uhr trug, der ihr ein abergläubisches Entsetzen einflößte. Diese junge Herzenseroberin war der Ansicht, daß eine Stieftochter schon dem Grundsatz nach verwerflich sei; außerdem hatte sie gegen Florence nichts einzuwenden, als daß es ihr kläglich an »Stil« fehle, womit sie vielleicht »Rücken« sagen wollte. Viele, die nur bei besonders wichtigen Anlässen ins Haus kamen, wußten kaum, wer Florence war, und sagten beim Nachhausegehen:

»Das Mädchen in der Ecke war also Miß Dombey? Recht hübsch, aber so zart und gedankenvoll in ihrem Aussehen!«

Diese übergroße Zartheit wurde durch das Leben, das Florence während der letzten sechs Monate geführt hatte, nicht gemildert, und sie nahm am Abend vor dem zweiten Jahrestage der Vermählung ihres Vaters und Ediths (am ersten hatte Mrs. Skewton ihren Lähmungsanfall erlitten) mit einer Unruhe, die sich bis zur Furcht steigerte, an der Dinertafel Platz. Sie wußte sich eigentlich keinen anderen Grund dafür anzugeben, als das bevorstehende Fest, den Ausdruck in dem Gesicht ihres Vaters, den sie in einem hastigen Hinblick bemerkte, und die Anwesenheit Mr. Carkers, die ihr, obschon stets unangenehm, an diesem Tage bedrückender wurde als je.

Edith war reich gekleidet, denn sie und Mr. Dombey wollten an diesem Abend eine große Gesellschaft besuchen, und das Diner war auf eine späte Stunde bestellt worden. Mrs. Dombey erschien erst, als die übrigen schon Platz genommen hatten, und bei ihrem Eintritt erhob sich Mr. Carker, um sie nach ihrem Stuhl zu führen. So schön und prächtig sie auch war, lag doch in ihrem Gesicht und in ihrer Haltung ein Zug, der sie hoffnungslos von Florence und jedermann sonst zu scheiden schien. Und doch erblickte Florence für einen Moment einen Strahl von Wohlwollen in ihren Augen, der sie den Abstand, der zwischen ihnen stattfand, nur um so bitterer beklagen ließ.

Bei Tisch wurde nur wenig gesprochen, Florence hörte ihren Vater gelegentlich mit Mr. Carker über Geschäftssachen reden, worauf der letztere leise antwortete; aber sie achtete nicht auf das, was sie sagten, und wünschte nur, daß das Diner zu Ende wäre. Nachdem der Nachtisch aufgetragen worden und die Diener sich entfernt hatten, begann Mr. Dombey nach mehrmaligem Räuspern, das auf nichts Gutes deutete:

»Vermutlich wißt Ihr, Mrs. Dombey, daß ich der Haushälterin die kleine Gesellschaft angekündigt hatte, die morgen hier dinieren wird.«

»Ich speise nicht zu Hause«, entgegnete sie.

»Keine große Partie«, fuhr Mr. Dombey fort, indem er tat, als habe er sie nicht gehört; »nur zwölf oder vierzehn. Meine Schwester, Major Bagstock und einige andere, die Euch nur wenig bekannt sind.«

»Ich speise nicht zu Hause«, wiederholte sie.

»Wie zweifelhaften Grund ich auch haben mag, Mrs. Dombey,« sagte Mr. Dombey, majestätisch weitersprechend, als ob keine Silbe von ihr erwidert worden wäre, »den Anlaß eben jetzt in sehr erfreulicher Erinnerung zu tragen, so muß doch in diesen Dingen vor der Welt der Schein bewahrt werden. Wenn Ihr keine Achtung vor Euch selbst habt, Mrs. Dombey –«

»Ich habe keine«, unterbrach ihn Edith.

»Madame«, rief Mr. Dombey, mit der Hand auf den Tisch schlagend, »laßt mich ausreden, wenn ich bitten darf. Ich sage, wenn Ihr keine Achtung vor Euch selbst habt –«

»Und ich sage, daß ich keine habe«, antwortete sie.

Er blickte nach ihr hin; aber das Gesicht, das sie ihm zeigte, würde sich nicht verändert haben, selbst wenn der Tod ihr seinen Blick zugeworfen hätte.

»Carker«, sagte Mr. Dombey, sich mit mehr Ruhe an diesen Gentleman wendend, »da Ihr schon bei früheren Gelegenheiten die Vermittlung zwischen mir und Mrs. Dombey übernahmt, und da ich, soweit ich selbst mit in Beteiligung komme, den Anstand des Lebens wahren möchte, so will ich Euch um die Gefälligkeit bitten, Mrs. Dombey zu unterrichten, wenn sie keine Achtung vor sich selbst habe, so sei der Fall bei mir wenigstens anders, und ich bestehe deshalb auf meiner Maßregel für morgen.«

»Sagt Eurem souveränen Gebieter, Sir«, ergriff Edith das Wort, »daß ich mir die Freiheit nehmen werde, gelegentlich über diesen Gegenstand mit ihm zu sprechen, aber nur unter vier Augen.«

»Mr. Carker, Madame«, sagte ihr Gatte, »kennt den Grund, der mich nötigt, Euch dieses Vorrecht zu verweigern, und hat deshalb nicht nötig, sich mit einem solchen Auftrag zu befassen.«

Er bemerkte während dieser Worte eine Bewegung ihrer Augen und folgte derselben mit den seinen.

»Eure Tochter ist anwesend, Sir«, bemerkte Edith.

»Meine Tochter wird anwesend bleiben«, sagte Mr. Dombey.

Florence, die aufgestanden war, setzte sich wieder und verbarg zitternd ihr Antlitz mit den Händen.

»Meine Tochter, Madame« – begann Mr. Dombey.

Aber Edith fiel ihm mit einer Stimme ins Wort, die zwar nicht heftig, aber doch so klar, nachdrücklich und bestimmt klang, daß man sie in einem Sturm hätte hören können.

»Ich erkläre Euch, daß ich allein mit Euch sprechen will«, sagte sie, »Wenn Ihr nicht wahnsinnig seid, so achtet auf das, was ich sage.«

»Ich habe das Recht, Madame«, entgegnete ihr Gatte, »mit Euch zu sprechen, wann und wo es mir beliebt, und es beliebt mir, dies jetzt und hier zu tun.«

Sie stand auf, als wolle sie das Zimmer verlassen, setzte sich aber wieder nieder, blickte mit der größten äußeren Ruhe nach ihm hin und sagte mit derselben Stimme:

»So tut es!«

»Ich muß Euch zuvörderst bemerken, Madame«, sagte Mr. Dombey, »daß ich in Eurem Benehmen etwas Drohendes finde, das Euch nicht zusteht.«

Sie lachte. Die erschreckten Diamanten zitterten in ihrem Haare. Man kennt Sagen von kostbaren Steinen, die erblaßten, wenn sich ihr Träger in Gefahr befand. Wären diese mit solcher Eigenschaft begabt gewesen, so hätten ihre gefangenen Lichtstrahlen in diesem Augenblicke die Flucht ergriffen und einer trüben Bleifarbe Raum gegeben. Carker hörte mit zur Erde gesenkten Augen zu.

»Was meine Tochter betrifft, Madame«, sagte Mr. Dombey, den Faden seiner Rede wieder aufnehmend, »so ist es keineswegs mit ihrer Pflicht gegen mich unverträglich, wenn sie erfährt, welches Benehmen sie zu vermeiden hat. Ihr gebt ihr in diesem Augenblick eine sehr bezeichnende Probe davon, und ich hoffe, daß sie sich dieselbe zunutzen macht.«

»Ich will Euch nicht unterbrechen«, erwiderte seine Gattin unbeweglich in Blick, Stimme und Haltung, »ich würde nicht aufstehen, mich entfernen oder Euch im Sprechen auch nur eines Wortes hindern, selbst wenn das Zimmer in Flammen stünde.«

Mr. Dombey bewegte seinen Kopf, wie in spöttischem Dank für ihre Aufmerksamkeit, und fuhr fort. Aber nicht mit derselben Fassung wie zuvor, denn Ediths Unruhe in Beziehung auf Florence und ihre Gleichgültigkeit gegen ihn und seinen Tadel wirkten so bitter auf ihn wie eine starrende Wunde.

»Mrs. Dombey«, sagte er, »es wird sich wohl mit der besseren Belehrung meiner Tochter vertragen, wenn sie erfährt, wie sehr ein starrsinniger Charakter zu beklagen und wie nötig dessen Umwandlung ist, besonders da, wo er – ich muß hinzufügen, undankbar – nach Befriedigung des Ehrgeizes und des Interesses sich geltend macht. Ich glaube, diese beiden Punkte haben einigermaßen mitgewirkt, um Euch zu veranlassen, Eure gegenwärtige Stellung an diesem Tische einzunehmen.«

»Nein, ich will nicht aufstehen, will nicht gehen, will Euch an keiner Silbe hindern«, wiederholte sie in derselben Weise wie zuvor, »und wenn das Zimmer in Flammen stünde.«

»Es ist wohl natürlich genug, Mrs. Dombey«, fuhr er fort, »daß Ihr Euch bei so unangenehmen Wahrheiten durch die Anwesenheit von Zuhörern beunruhigt fühlt, obschon ich« – er konnte hier sein wahres Gefühl nicht verhehlen und ebensowenig es seinen Augen verwehren, daß sie nicht einen düsteren Blick nach Florence hinwarfen – »obschon ich gestehen muß, daß ich nicht begreife, wie jemand anders als ich, den sie so nahe angehen, ihnen einen größeren Nachdruck zu verleihen imstande sein sollte. Es mag natürlich genug sein, daß Ihr vor Zeugen nicht gern die Rüge Eures widerspenstigen Charakters anhört, den Ihr nicht bald genug zügeln könnt, den Ihr zügeln müßt, Mrs. Dombey, und den Ihr, wie ich schon vor unserer Vermählung bei mehreren Gelegenheiten mit Zweifel und Mißfallen bemerkte, leider sogar gegen Eure eigene Mutter kundgegeben habt. Doch das Abhilfmittel steht Euch zu Gebot. Ich habe von Anfang an keineswegs vergessen, daß meine Tochter zugegen ist, Mrs. Dombey, muß aber jetzt Euch bitten, nicht zu vergessen, daß morgen mehrere Personen anwesend sein werden, die Ihr mit einiger Rücksicht auf den Schein in anständiger Weise zu empfangen habt.«

»So, ist es nicht genug«, sagte Edith, »daß Ihr wißt, was zwischen Euch und mir vorgegangen; es ist nicht genug, daß dieser Anblick hier« – sie deutete auf Carker, der mit zu Boden gesenkten Augen noch immer zuhörte – »Euch an die Beschimpfungen erinnert, denen Ihr mich aussetztet; es ist nicht genug, daß Ihr jenes Wesen dort seht«, während sie nach Florence hinwies, bemerkte man das erste- und einzigemal ein leichtes Zittern ihrer Hand, »und dabei denkt, was Ihr getan habt, um mir täglich, stündlich und ohne Unterlaß den herbsten Schmerz zu bereiten; es ist nicht genug, daß vor allen andern im Jahr gerade dieser Tag mich erinnern muß an einen Kampf – er ist zwar wohl verdient, obschon ein Mann, wie Ihr seid, keinen Sinn dafür hat –, in dem mir der Tod so wünschenswert gewesen wäre! Ihr fügt zu alledem noch die das Ganze krönende Gemeinheit, daß Ihr sie zur Zeugin macht von der Tiefe, in die ich gefallen bin, während Ihr doch wißt, daß Ihr mich für ihren Frieden zum Opfer machtet – das einzig edle Gefühl und Interesse meines Lebens –, während Ihr wißt, daß ich um ihretwillen sogar jetzt noch, wenn ich könnte – aber ich kann's nicht, meine Seele verabscheut Euch zu sehr – mich ganz Eurem Willen unterwerfen und der demütigste Abhängige sein würde, der unter Euch steht.«

Dies war nicht die Art, die Mr. Dombeys Größe gefallen konnte. Ihre Worte riefen das alte Gefühl stärker und ungestümer als je ins Dasein. Abermals zeigte sich ihm sein vernachlässigtes Kind auf dem rauhen Pfade seines Lebens sogar in seiner widerspenstigen Gattin als mächtig, wo er machtlos – als alles, wo er nichts war.

Er wandte sich an Florence, als sei sie die Sprecherin gewesen, und befahl ihr, das Zimmer zu verlassen. Mit verhülltem Antlitz gehorchte sie, indem sie zitternd und weinend sich entfernte.

»Ich begreife den Geist des Widerspruchs, Madame«, sagte Mr. Dombey mit der Glut eines grimmigen Triumphs auf seinem Gesicht, »der Eure Zuneigung in diesen Kanal leitete; aber sie hat keine Erwiderung gefunden, Mrs. Dombey – sie hat keine Erwiderung gefunden!«

»Um so schlimmer für Euch«, antwortete sie, unverändert in ihrer Stimme und in ihrem Wesen. »Ja!« sie wandte sich rasch um, während sie dieses sprach, »was schlimm für mich ist, wird zwanzigmillionenfältig schlimmer für Euch. Faßt dies ins Auge, wenn Ihr auch auf sonst nichts Rücksicht nehmt.«

Der Diamantenbogen, der sich über ihr dunkles Haar breitete, blitzte und funkelte wie eine Sternbrücke. Es war kein Warnzeichen, sonst wäre er trüb und dunkel geworden wie eine befleckte Ehre. Carker saß noch immer da und hörte mit niedergeschlagenen Augen zu.

»Mrs. Dombey«, sagte Mr. Dombey, seine frühere anmaßende Haltung nach Kräften wieder annehmend, »durch ein solches Verhalten werdet Ihr mich nicht versöhnen oder von irgendeinem Vorsatz abbringen.«

»Es ist das einzig Wahre, obschon nur ein matter Ausdruck dessen, was in meinem Innern lebt«, versetzte sie. »Wenn ich übrigens dächte, es könnte Euch versöhnen, so würde ich es unterdrücken, sofern dies menschlicher Anstrengung möglich wäre. Ich werde nichts tun, um was Ihr mich ersucht.«

»Ich bin nicht gewöhnt, zu ersuchen, Mrs. Dombey«, bemerkte er. »Ich befehle.«

»Was auch morgen in Eurem Hause vorgehen wird, ich werde keine Rolle dabei übernehmen, denn ich mag mich zu einer solchen Zeit nicht als die widerspenstige Sklavin, die Ihr gekauft habt, zur Schau stellen lassen. Wenn ich meinen Hochzeitstag feire, will ich ihn als einen Tag der Schmach begehen. Selbstachtung! Schein vor der Welt! Was soll dies mir? Ihr habt alles aufgeboten, um sie für mich zu nichts zu machen, und sie sind wirklich nichts.«

»Carker«, sagte Mr. Dombey mit gefurchter Stirn und nach kurzem Besinnen, »Mrs. Dombey hat alle Rücksichten auf sich und auf mich vergessen und versetzt mich in eine mit meinem Charakter so unverträgliche Stellung, daß ich diesen Stand der Dinge zu einem Schluß bringen muß.«

»So befreit mich von der Kette, durch die ich gefesselt bin«, entgegnete Edith, unbeweglich in Stimme, Blick und Haltung, wie sie es die ganze Zeit über gewesen. »Laßt mich ziehen.«

»Madame!« wiederholte er, »Mrs. Dombey!«

»Erlöst mich! Gebt mir die Freiheit!«

»Madame!« wiederholte er. »Mrs. Dombey!«

»Bedeutet ihm«, sagte Edith, ihr stolzes Gesicht Mr. Carker zukehrend, »daß ich die Scheidung wünsche – daß sie wohl das beste sein werde – daß ich sie ihm empfehle. Sagt ihm, er dürfe dabei seine eigenen Bedingungen machen – sein Reichtum ist nichts für mich –, aber sie könne nicht zu bald stattfinden.«

»Gütiger Himmel, Mrs. Dombey«, sagte ihr Gatte mit größtem Erstaunen, »haltet Ihr es für möglich, daß ich je einem solchen Vorschlag Gehör schenken könnte? Wißt Ihr, wer ich bin, Madame? Wißt Ihr, was ich vertrete? Habt Ihr je von Dombey und Sohn gehört? Die Leute sagen zu lassen, daß Mr. Dombey – Mr. Dombey! – von seiner Frau geschieden worden sei! Gemeines Volk sollte reden dürfen von Mr. Dombey und seinen häuslichen Angelegenheiten! Glaubt Ihr ernstlich, Mrs. Dombey, ich könne je meinen Namen in solcher Weise preisgeben? Bah, bah, Madame! Pfui! Ihr seid abgeschmackt.«

Mr. Dombey lachte hellauf.

Aber nicht wie sie. Besser, sie wäre tot gewesen, als daß sie lachen konnte, wie sie es jetzt tat, während ihr Blick noch immer fest auf ihm haftete. Besser, er wäre tot gewesen, als daß er dasitzen mußte in seiner Großartigkeit, um sie zu hören.

»Nein, Mrs. Dombey«, nahm er wieder auf, »nein, Madame. Eine Scheidung zwischen Euch und mir ist etwas Unmögliches, und ich rate Euch deshalb um so mehr, der Stimme Eures Pflichtgefühls Gehör zu schenken. Und Carker, wie ich gegen Euch bemerken wollte –«

Mr. Carker, der die ganze Zeit dagesessen und zugehört hatte, schlug jetzt seine Augen auf, in denen ein helles, ungewöhnliches Licht blitzte.

»Wie ich Euch bemerken wollte«, wiederholte Mr. Dombey, »ich muß Euch, nun die Sache so weit gekommen ist, bitten, Mrs. Dombey zu belehren, es sei gegen meine Grundsätze, zu gestatten, daß mir irgend jemand in den Weg trete – wer es auch sein mag, Carker – oder zu dulden, daß denjenigen, die mir zur Unterwürfigkeit verpflichtet sind, ein kräftigerer Beweggrund zum Gehorsam vorgehalten werde, als ich bin. Die Art, wie meiner Tochter erwähnt wurde, und der Gebrauch, der im Widerspruch gegen mich von meiner Tochter gemacht wurde, ist unnatürlich. Ob meine Tochter in wirklichem Einvernehmen mit Mrs. Dombey steht, weiß ich nicht, und ich kümmere mich auch nicht darum; aber nach dem, was Mrs. Dombey heute gesagt und was meine Tochter heute angehört hat, möchte ich Euch bitten, Mrs. Dombey mitzuteilen, daß ich, wenn sie fortfährt, dieses Haus in einen Kampfplatz umzuwandeln, dem eigenen Zugeständnisse dieser Dame gemäß, meine Tochter einigermaßen verantwortlich machen und mit meinem strengsten Mißfallen strafen werde. Mrs. Dombey hat gefragt, ob es nicht genug sei, daß sie dies und dies getan habe. Ihr seid wohl so gütig, ihr darauf zu antworten: ›Nein, es ist nicht genug.‹«

»Gestattet mir einen Augenblick«, rief Carker, sich ins Mittel legend. »So peinlich auch im besten Falle meine Lage ist, und wie leid es mir tut, wenn es den Anschein gewinnen sollte, als hege ich eine von der Eurigen verschiedene Meinung« – er wandte sich dabei an Mr. Dombey – »so möchte ich doch fragen, ob es nicht besser wäre, wenn Ihr die Frage der Scheidung noch einmal in Erwägung zöget. Ich weiß, wie wenig sie sich mit Eurer hohen öffentlichen Stellung zu vertragen scheint, und kenne Eure Entschlossenheit, wenn Ihr Mrs. Dombey zu verstehen gebt« – das Licht in seinen Augen flog zu ihr hin, als er die nachstehenden Worte mit der Bestimmtheit ebenso vieler Glocken getrennt vortrug –, »daß nichts Euch je trennen könne, als der Tod. Nichts anderes. Wenn Ihr aber bedenkt, daß Mrs. Dombey, so lange sie in diesem Hause lebt und es, wie Ihr Euch ausdrücktet, zu einem Kampfplatz macht, in diesem Zwist nicht nur ihre Rolle hat, sondern auch (denn ich kenne Eure Entschiedenheit) jeden Tag Miß Dombey darin verflicht, so findet Ihr es doch vielleicht besser, sie vor einer unablässigen Geistesaufregung zu bewahren und ihr das fast unerträgliche Gefühl zu ersparen, daß sie ungerecht gegen jemand anders sei. Gewänne es andernfalls nicht den Anschein – ich will nicht sagen, daß es wirklich so sei –, als wolltet Ihr Mrs. Dombey bei der Erhaltung Eurer hohen und unangreifbaren Stellung zum Opfer bringen?«

Abermals fiel das Licht seiner Augen auf sie, als sie jetzt dastand und mit einem unheimlichen Lächeln auf ihrem Gesicht nach ihrem Gatten hinsah.

»Carker«, versetzte Mr. Dombey mit hochmütigem Stirnerunzeln und in einem Ton, der entscheidend sein sollte, »Ihr verkennt Eure Stellung, wenn Ihr mir über einen solchen Punkt Euren Rat anbietet, und verkennt auch, wie ich erstaunt bemerken muß, mich, indem Ihr mir mit einem derartigen Rat kommt. Ich habe nichts weiter zu sagen.«

»Vielleicht verkanntet Ihr meine Stellung«, sagte Carker, mit einem ungewöhnlichen und unbeschreiblichen Hohn in seiner Miene, »als Ihr mich mit den Aufträgen betrautet, die ich« – mit einer Handbewegung nach Mrs. Dombey hin – »hier auszurichten hatte.«

»Durchaus nicht, Sir, durchaus nicht«, entgegnete der andere hochmütig. »Es war Eure Aufgabe – –«

»Durch meine untergeordnete Persönlichkeit zu Mrs. Dombeys Demütigung beizutragen. Ich vergaß dies. O ja, dies war die wohlverstandene Absicht«, sagte Carker. »Ich bitte um Verzeihung!«

Während er mit einer Haltung von Unterwürfigkeit, die schlecht mit seinen in vollkommen bescheidenem Ton vorgebrachten Worten zusammenstimmte, gegen Mr. Dombey den Kopf verbeugte, drehte er ihn seitwärts gegen sie und entsandte seine spähenden Blicke in diese Richtung.

Besser, ihre Schönheit hätte sich in Häßlichkeit verwandelt und sie wäre tot zusammengesunken, als daß sie dastand mit einem solchen Lächeln auf ihrem Gesicht in der trotzigen Majestät eines gefallenen Geistes. Sie erhob ihre Hand zu dem Juwelen-Diadem, das auf ihrem Kopfe funkelte, riß es mit einem Ungestüm herab, so daß ihr grausam zerrauftes, üppiges schwarzes Haar wirr auf ihre Schultern niederfiel, und schleuderte die Edelsteine auf den Boden. Dann zerrte sie die diamantenen Spangen von ihren Armen, warf sie dem Kopfschmucke nach und zertrat den funkelnden Haufen mit ihren Füßen. Ohne ein Wort, ohne einen Schatten in dem Feuer ihres blitzenden Auges schaute sie, während sie sich nach der Tür hin bewegte, mit demselben unheimlichen Lächeln nach Mr. Dombey hin und verließ das Zimmer.

Florence hatte während ihrer Anwesenheit genug gehört, um daraus die Überzeugung zu gewinnen, daß Edith sie noch liebe, daß sie um ihretwillen gelitten und daß sie in der Stille ihr Opfer gebracht hatte, um nicht den Frieden des ihr teuren Wesens zu stören. Sie verlangte nicht, mit ihr hierüber zu sprechen – konnte es auch nicht, wenn sie dachte, wem sich ihre Mutter entgegengesetzt hatte –, aber sie sehnte sich nach einer einzigen stummen liebevollen Umarmung, um ihr die dankbare Versicherung zu geben, daß sie all dies in tiefster Seele empfand.

Ihr Vater ging an jenem Abend allein aus, und bald nach seiner Entfernung verließ Florence ihr Zimmer, um im Hause umherzuwandeln, ob ihr nicht Edith begegne; aber vergeblich. Letztere befand sich in ihren eigenen Gemächern, und Florence wagte schon lange nicht mehr, dorthin zu gehen, um nicht willkürlich neue Mißhelligkeiten herbeizuführen. Gleichwohl gab Florence der Hoffnung Raum, sie noch zu sehen, bevor sie sich schlafen legte, weshalb sie in dem so prächtigen und doch so traurigen Hause ruhelos die Zimmer durchwandelte.

Sie ging eben durch eine Galerie, die nach der Treppe hinführte und nur bei besonders wichtigen Anlässen beleuchtet wurde, als sie durch die bogenförmige Öffnung die Gestalt eines Mannes auf der entgegengesetzten Stiege herunterkommen sah, In der Furcht, ihrem Vater zu begegnen, machte sie im Dunkeln halt und schaute durch den Bogen in das Licht hinaus. Es war jedoch nicht Mr. Dombey, sondern Carker, der allein herabkam und über das Geländer nach der Halle hinunterschaute. Keine Klingel wurde angezogen, um seine Entfernung zu melden, und auch von den Dienern war niemand in der Nähe. Er stieg ruhig hinab, öffnete selbst die Türe, glitt ruhig hinaus und schloß leise hinter sich zu.

Ihr unüberwindlicher Widerwille gegen diesen Mann und vielleicht auch ihr heimliches Beobachten eines andern, das selbst unter so unschuldigen Umständen ihr wie ein Verbrechen vorkam, ließ sie vom Kopf bis zu den Füßen erzittern. Das Blut schien eiskalt durch ihre Adern zu rinnen, und sobald es ihr möglich war – denn anfangs bannte sie die Furcht an die Stelle – eilte sie hastig nach ihrem Zimmer hinauf, wo sie sich mit ihrem Hunde einschloß. Aber auch da noch fühlte sie ein Frösteln des Schreckens, als ob irgendwo in ihrer Nähe Gefahr lausche. Diese Vorstellung mischte sich in ihre Träume und beunruhigte sie die ganze Nacht. Nach einem unerquicklichen Schlaf stand sie am andern Morgen mit der peinlichen Erinnerung an das häusliche Unglück des gestrigen Tages auf und spähte abermals in allen Zimmern, die sie während der Frühstunden zu öfteren Malen durchwandelte, nach Edith. Diese aber blieb in ihren Gemächern, und Florence sah nichts von ihr. Als sie übrigens erfuhr, das beabsichtigte Diner im Hause sei verschoben worden, so hielt sie es für wahrscheinlich, ihre Mutter werde abends ausgehen, um der besprochenen Einladung Folge zu geben, weshalb sie sich vornahm, zu sehen, ob sie nicht mit ihr auf der Treppe zusammenkommen könne.

Bei Eintritt der Dämmerung hörte sie von dem Zimmer aus, in dem sie absichtlich harrte, einen Fußtritt auf der Treppe, den sie für den ihrer Mutter hielt. Sie eilte hinaus und begegnete ihr auf dem Weg nach ihrem Zimmer.

Florence wollte mit ihren verweinten Augen und ausgestreckten Armen auf sie zugehen; aber wie erschrak sie nicht, als Edith bei ihrem Anblick mit einem Aufschrei zurückwich.

»Komm nicht in meine Nähe!« rief sie. »Bleib zurück! Tritt mir nicht in den Weg!«

»Mama!« sagte Florence.

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»Nenne mich nicht mit diesem Namen! Sprich nicht mit mir! Sieh mich nicht an, Florence!« Sie wich zurück, als Florence ihr einen Schritt näher kam, »berühre mich nicht.«

Während Florence wie gebannt dem hageren Gesichte und dem starren Blicke gegenüber stand, bemerkte sie wie in einem Traum, daß Edith ihre Hände über die Augen breitete, am ganzen Leibe schaudernd sich nach der Wand hin duckte, wie ein scheues Tier an ihr vorbeischlich, sich dann wieder aufrichtete und von hinnen floh.

Florence brach auf der Treppe ohnmächtig zusammen und wurde daselbst, wie sie glaubte, von Mrs. Pipchin aufgefunden. Sie kam erst wieder zur Besinnung, als sie auf ihrem Bette lag und die erwähnte Dame mit einigen Dienstboten um sie her stand.

»Wo ist Mama?« war ihre erste Frage.

»Zu einem Diner ausgegangen«, antwortete Mrs. Pipchin.

»Und Papa?«

»Mr. Dombey befindet sich auf seinem Zimmer, Miß Dombey«, sagte Mrs. Pipchin, »und Ihr tut wohl am besten, wenn Ihr jetzt Eure Kleider abnehmt und Euch sogleich zu Bett legt.«

Dies war das Heilmittel dieser weisen Frau gegen alle Beschwerden, namentlich aber gegen Schwermut und Schlaflosigkeit – ein paar Vergehungen, deretwegen viele junge Opfer in den Tagen des Brightoner Kastells oft schon morgens um zehn Uhr nach dem Bett verwiesen worden waren.

Ohne gerade Gehorsam zu versprechen, wohl aber unter dem Vorwande, daß sie völlig ungestört zu sein wünsche, befreite sich Florence, sobald sie konnte, von der fürsorglichen Mrs. Pipchin und ihrer Dienstleute, und nun machte sie sich in ihrer Einsamkeit Gedanken über den Vorgang auf der Treppe – anfangs an dessen Wirklichkeit zweifelnd, dann aber mit Tränen und endlich unter einer unbeschreiblichen Angst, ähnlich derjenigen, von der sie in der Nacht zuvor befallen worden war.

Sie beschloß, nicht zu Bett zu gehen, bis Edith zurückgekehrt wäre, damit sie wenigstens, wenn sie diese auch nicht sprechen könne, die Überzeugung habe, sie sei wohlbehalten zu Hause angelangt. Welche unbestimmte und schattenhafte Furcht sie zu diesem Entschluß bewog, wußte sie selbst nicht, und sie wagte es nicht einmal, daran zu denken. Nur dies fühlte sie, daß ihr schmerzender Kopf oder ihr pochendes Herz keine Ruhe finden konnte, ehe Edith zurück war.

Der Abend wurde zur Nacht und die Mitternacht kam heran; keine Edith.

Florence konnte nicht lesen und fand keinen Augenblick Ruhe. Sie schritt in ihrem Zimmer hin und her, öffnete die Tür, ging in der Treppengalerie draußen auf und ab, sah durchs Fenster in die Nacht hinaus, hörte auf das Sausen des Windes und das Klatschen des Regens, setzte sich nieder, um den Gesichtern im Feuer zuzusehen, stand aufs neue auf und blickte dem Mond nach, der wie ein vom Sturm getriebenes Schiff durch das Wolkenmeer hinflog.

Im Hause hatte sich mit Ausnahme zweier Dienstboten, die unten die Rückkehr ihrer Gebieterin erwarteten, alles zu Bett gelegt.

Ein Uhr. Die Wagen, die in der Ferne rasselten, schlugen eine andere Richtung ein, machten halt oder fuhren vorbei. Die tiefe Stille wurde immer seltener und zuletzt nur noch durch das Getöse des Windes oder des Regens unterbrochen. Zwei Uhr. Keine Edith.

Florences Aufregung steigerte sich. Sie fand weder in ihrem Zimmer, noch in der Galerie draußen Ruhe und schaute abermals in die Nacht hinaus, trübe von den Regentropfen an den Scheiben und von den Tränen in ihren Augen. Welchen Gegensatz bildete nicht das bewegte Treiben am Himmel zu der einsamen Ruhe unten! Drei Uhr! Jedes Fünkchen, das aus dem Feuer sprühte, war mit Schrecken beladen. Noch keine Edith.

Mit immer größerer Aufregung schritt Florence in ihrem Zimmer und auf der Galerie umher oder schaute nach dem Mond hinauf, der ihr jetzt wie ein bleicher Flüchtling vorkam, der von hinnen eilte, um sein schuldiges Gesicht zu verbergen. Vier – fünf Uhr! Noch immer keine Edith!

Aber jetzt regte es sich behutsam im Hause, und Florence fand, daß Mrs. Pipchin von denen, die aufgeblieben, geweckt worden war. Die Haushälterin hatte ihr Bett verlassen und sich nach der Türe Mr. Dombeys begeben. Florence, die sich die Treppe hinunterschlich, um der kommenden Dinge zu harren, sah ihren Vater in seinem Schlafrock heraustreten und zusammenfahren, als er die Kunde vernahm, daß seine Gattin nicht nach Hause zurückgekehrt sei. Er schickte einen Diener nach dem Stall, um nachfragen zu lassen, ob der Kutscher dort sei, und kleidete sich dann hastig an.

Der Diener kehrte eiligst mit dem Kutscher zurück, und dieser erklärte, er sei schon seit zehn Uhr zu Hause und in seinem Bett. Er habe seine Gebieterin nach ihrem alten Hause in Brook Street gefahren, wo sie mit Carker zusammengetroffen sei, –

Florence stand auf derselben Stelle, wo sie ihn hatte herunterkommen sehen. Abermals durchschauerte sie das namenlose Entsetzen jenes Anblicks, und es blieb ihr kaum Besinnung genug, um das, was nun folgte, zu hören und zu verstehen.

– der ihm bedeutet habe, fuhr der Kutscher fort, daß seine Gebieterin zu ihrer Rückkehr des Wagens nicht bedürfe und ihn in entsprechender Weise abfertigte.

Sie sah das Gesicht ihres Vaters leichenblaß werden und hörte ihn rasch und mit bebender Stimme nach Mrs. Dombeys Mädchen fragen. Das ganze Haus geriet in Aufregung; denn sie war im Augenblick herbeigeholt, sah sehr blaß aus und sprach unzusammenhängend.

Sie sagte, sie habe ihre Gebieterin früh ankleiden müssen – volle zwei Stunden früher, ehe sie ausging – und von ihr, wie dies oft geschehen sei, die Abfertigung erhalten, daß ihre Dienste für die Nacht nicht nötig wären. Sie komme eben von den Gemächern ihrer Frau herunter, aber –

»Was aber? was ist dort?« hörte Florence ihren Vater wütend fragen.

Aber das innere Ankleidezimmer sei abgeschlossen und der Schlüssel fort.

Mr. Dombey ergriff eine Kerze, die auf dem Boden brannte – es hatte sie jemand hingestellt und vergessen – und stürmte dann mit solcher Wut die Treppe hinauf, daß Florence in ihrer Furcht kaum Zeit hatte, sich vor ihm zu flüchten, Mit wild ausgebreiteten Händen, wallendem Haar und einem Gesicht, ähnlich dem einer Wahnsinnigen, eilte sie nach ihrem Zimmer zurück, und inzwischen hörte sie ihren Vater die Türe einschlagen.

Was sah er dort, nachdem die Tür seinem Ungestüm gewichen war? Niemand erfuhr es. Aber in wirrer Masse lagen alle Kostbarkeiten, die sie als seine Gattin getragen, ihre kostbaren Kleider und alles, was sie besessen, auf dem Boden. Dies war das Zimmer, wo er im Spiegel das stolze Gesicht gesehen, das ihm die Türe wies. Dies war das Zimmer, in dem er der eitlen Neugierde Raum gegeben hatte, wie wohl die Gegenstände sich ausnehmen würden, wenn er sie zum nächsten Mal sähe.

Während er die Sachen wieder in die Schubfächer warf und eigentlich in einer Wuthast die Kummoden verschloß, sah er einige Papiere auf dem Tisch liegen. Der Ehevertrag, den er vor der Vermählung abgeschlossen, und ein Brief. Er las, daß sie fort war. Er las das Zeugnis seiner Entehrung. Er las, daß sie sich an dem Jahrestag ihres schmählichen Ehebundes mit dem Manne geflüchtet hatte, den er zu ihrer Demütigung auserlesen. Mit der verwirrten Vorstellung, er könne sie noch an der Stelle finden, nach der sie sich begeben hatte, stürzte er aus dem Zimmer und aus dem Hause, um mit seiner Faust ihr jede Spur von Schönheit aus dem triumphierenden Gesichte zu schlagen. Florence legte, ohne zu wissen, was sie tat, ein Halstuch um und setzte einen Hut auf. Sie träumte von einem Laufen durch alle Straßen, bis sie Edith gefunden habe, um sie dann in ihre Arme zu schlingen, sie zu retten und wieder zurückzuführen. Aber als sie auf die Treppe hinauskam und die erschreckten Diener sah, die mit Lichtern auf und nieder gingen, sich gegenseitig zuflüsterten und vor ihrem herunterkommenden Vater auswichen, erwachte sie zum Bewußtsein ihrer eigenen Machtlosigkeit. Sie verbarg sich in einem der großen Gemächer, die man um eines solchen Endes willen so prächtig ausgestattet hatte, und das Herz wollte ihr brechen vor Gram. Mitleid mit ihrem Vater war die erste bestimmte Regung, die gegen den gewaltigen Strom ihres Schmerzes sich anstemmte. Ihre treue Seele fühlte sich in seinem Unglück so warm und innig zu ihm hingezogen, als wäre er in seinem Glück die Verkörperung jener Idee gewesen, die allmählich so matt und trübe geworden war. Obgleich sie den Schimpf, der ihn betroffen, nur aus den Einflüsterungen ihrer Furcht zu ermessen vermochte, stand er doch verlassen und gekränkt vor ihr, und ihr liebevolles Sehnen drängte sie an seine Seite. Er blieb nicht lange aus. Florence gab noch unter Tränen in dem großen Zimmer solchen Gedanken Raum, als sie ihn wieder zurückkehren hörte. Er befahl den Dienern, wieder ihren gewöhnlichen Geschäften nachzugehen, und begab sich nach seinem Gemach, in dem er so ungestüm auf und nieder schritt, daß man seine Tritte von einem Ende des Hauses bis zum andern hören konnte.

Noch einmal dem Antrieb ihrer Liebe nachgebend, zu allen andern Zeiten schüchtern, aber kühn in ihrer Treue zu ihm in seiner Widerwärtigkeit und uneingeschüchtert durch frühere Zurückweisung, eilte Florence, angekleidet wie sie war, die Treppe hinunter. Als sie ihren leichten Fuß in die Halle setzte, kam er aus seinem Zimmer heraus. Sie stürzte mit dem Rufe: »O lieber, lieber Papa!« auf ihn zu und breitete die Arme aus, als ob sie seinen Hals umschlingen wollte.

Und sie würde es getan haben. Aber in seiner Wut erhob er seine grausame Faust und ließ sie so schwer auf das Haupt seiner Tochter niederfallen, daß sie auf den Marmorboden hinstürzte; und während er den Streich führte, sagte er ihr, was Edith sei, und gab ihr die Weisung, der Entlaufenen zu folgen, da sie doch immer mit ihr im Bunde gestanden.

Sie sank nicht zu seinen Füßen nieder; sie schloß nicht seinen Anblick mit ihren zitternden Händen aus; sie weinte nicht und sprach keine Silbe des Vorwurfs. Aber sie sah nach ihm hin, und ein Schmerzensruf der Verlassenheit entrang sich ihrem Herzen. Denn mit diesem Blicke sah sie ihn jene teure Vorstellung morden, die sie so lange trotz aller Umstände mit Liebe gehegt hatte. Sie sah, daß seine Grausamkeit und sein Haß den Sieg davontrugen und jenes Bild zu Boden traten. Sie sah, daß sie auf Erden keinen Vater hatte, und flüchtete sich als Waise aus seinem Hause.

Sie floh aus seinem Hause. Ein Augenblick, und ihre Hand war auf der Klinke, der Schrei entrang sich ihren Lippen, und sein Gesicht nahm sich in dem doppelten Licht der tief niedergebrannten, träufenden Kerzen und der über der Tür einfallenden Tageshelle nur noch blasser aus. Ein weiterer Augenblick, und das dumpfe Düster des verschlossenen Hauses (man hatte es zu öffnen vergessen, obschon es längst Tag war) wich dem unerwarteten Licht und der Freiheit des Morgens. Florence stand mit gesenktem Haupt, weil sie den Schmerz ihrer Tränen verbergen wollte, auf der Straße.

 

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