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Dombey und Sohn ? Band 2

Charles Dickens: Dombey und Sohn ? Band 2 - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn ? Band 2
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Sechsundvierzigstes Kapitel.

Prüfend und nachdenklich

Unter verschiedenen kleineren Änderungen, die um diese Zeit in Mr. Carkers Leben und Gewohnheiten stattzufinden begannen, war keine merkwürdiger, als der außerordentliche Fleiß, mit dem er sich dem Geschäft widmete, und die Sorgfalt, mit der er die vor ihm offen daliegenden Angelegenheiten des Hauses bis ins einzelnste verfolgte. Obgleich er in solchen Dingen stets tätig und scharfblickend war, hatte sich doch jetzt seine luchsäugige Wachsamkeit ums zwanzigfache gesteigert. Seine behutsame Aufmerksamkeit hielt nicht nur gleichen Schritt mit jenen Punkten, die jeder Tag ihm in irgendeiner neuen Form darbot, sondern er fand auch inmitten dieser sich häufenden Beschäftigungen Muße – d. h. er nahm sich dieselbe – die früheren Verbindungen der Firma, die während einer langen Reihe von Jahren abgeschlossen worden waren, und seine Beteiligung dabei zu prüfen. Oft, wenn sämtliche Angestellte fort waren, die Kontore leer und dunkel, und alle ähnlichen Geschäftslokale geschlossen waren, pflegte Mr. Carker, vor dem die ganze Anatomie des eisernen Zimmers offen dalag, mit dem geduldigen Eifer eines Mannes, der die kleinsten Nerven und Fasern eines tierischen Körpers zergliedert, die Geheimnisse der Bücher und Papiere zu erforschen. Der Ausläufer Perch, der bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich dablieb, um sich beim Licht einer einzigen Kerze mit dem Lesen der Preisliste zu unterhalten, oder im äußeren Kontor auf die Gefahr hin, jeden Augenblick kopfüber in die Kohlentruhe zu purzeln, über dem Feuer schlummerte, konnte diesem Fleiß den Zoll seiner Bewunderung nicht versagen, wie sehr er auch dadurch in dem Genusse seines häuslichen Glückes verkürzt wurde, und verbreitete sich wieder und wieder gegen Mrs. Perch, die jetzt Zwillinge säugte, über den Eifer und die Pünktlichkeit ihres geschäftsführenden Gentlemans in der City.

Dieselbe gesteigerte, scharfe Aufmerksamkeit, mit der Mr. Carker die Geschäfte des Hauses behandelte, verwendete er auch auf seine persönlichen Angelegenheiten. Obgleich er kein Associé der Firma war, da diese Auszeichnung bisher nur den Erben des großen Namens Dombey vorbehalten gewesen, bezog er doch von dem Ertrag gewisse Prozente, und da es ihm vermöge seiner Stellung sehr leicht wurde, Geld vorteilhaft zu verwenden, so galt er bei den Schmerlen unter den Tritonen des Ostens als ein reicher Mann. Diese schlauen Beobachter begannen schon untereinander zu bemerken, daß Jem Carker bei Dombey sich umschaue, um zu sehen, was er wert sei, und als ein in die Ferne blickender Mann darauf Bedacht nehme, sein Geld in guter Zeit einzuziehen; ja es wurden sogar auf der Stockbörse Wetten auf die Wahrscheinlichkeit angeboten, daß Jem eine reiche Witwe heiraten werde.

Gleichwohl taten diese vermehrten Geschäfte Mr. Carker in dem Bewachen seines Prinzipals, in seiner Reinlichkeit, seiner Glätte oder irgendeiner katzenartigen Eigenschaft, die er besaß, nicht den mindesten Abtrag. In seinen Gewohnheiten war nicht derart ein Wechsel vorgegangen, sondern sie zeigten sich nur in einer gesteigerten Tätigkeit. Alles, was man früher an ihm bemerken konnte, war auch jetzt noch an ihm zu sehen, nur in höherem Grade konzentriert. Er besorgte jedes einzelne, als ob es nichts anderes für ihn gebe – ein ziemlich sicheres Anzeichen bei einem Mann von seiner Fähigkeit und seinem Geiste, daß er etwas tut, was seine ganze Energie schärft und rege erhält. Die einzige entschiedene Veränderung an ihm bestand darin, daß er, wenn er in den Straßen hin und her ritt, oft in ein ähnliches tiefes Nachdenken versank, wie das, in dem er an dem Morgen von Mr. Dombeys Unfall das Haus des letzteren verlassen hatte. Zu solchen Zeiten wich er nur mechanisch den im Wege liegenden Hindernissen aus, und es hatte den Anschein, als sehe und höre er nichts, bis er seinen Bestimmungsort erreichte, oder ein plötzlicher Zufall ihn aus seinen Träumen weckte.

So ließ er eines Tages sein weißbeiniges Pferd im Schritt nach dem Kontor von Dombey und Sohn gehen, ohne das Lauern von zwei Paar Weiberaugen oder den von seinem Anblick bezauberten Schleifer Rob zu bemerken, der, um seine Pünktlichkeit zu zeigen, eine Straßenlänge näher, als auf dem bestimmten Platz, seines Gebieters harrte und vergeblich durch ein wiederholtes Greifen an seinen Hut die Aufmerksamkeit desselben auf sich zu ziehen suchte, weshalb er denn jetzt zu Fuß an seiner Seite hintrabte, um bei seinem Absteigen sogleich bereit zu sein, ihm den Bügel zu halten.

»Siehst du ihn vorbeireiten?« rief eine der beiden Frauen, eine alte Hexe, die ihre welke Hand ausstreckte, um ihn ihrer jüngeren Begleiterin, die unter einem Torweg dicht an ihrer Seite stand, zu zeigen.

Auf dieses Geheiß von seiten der Mrs. Brown schaute ihre Tochter hinaus, und in ihrem Gesicht zeigte sich die wilde Aufregung des Zorns und der Rachsucht.

»Ich hätte nie gedacht, ihn wieder zu sehen«, sagte sie mit gedämpfter Stimme; »aber es ist vielleicht gut so. Ich sehe. Ich sehe!«

»Nicht verändert!« sagte die Alte mit einem boshaften Blick.

»Er verändert?« entgegnete die andere. »Warum auch? Was hat er gelitten! Nur in mir ist Veränderung genug für zwanzig. Genügt das nicht?«

»Sieh, wie er reitet!« murmelte die Alte, die roten Augen auf ihre Tochter heftend: »so leicht und so geschniegelt auf seinem Pferd, während wir im Kot –«

»Und von Kot sind«, unterbrach sie die Tochter ungeduldig. »Wir sind der Schmutz unter den Füßen seines Pferdes. Was könnten wir auch anders sein?«

In der Begierde, mit der sie ihm wieder nachsah, machte sie, als die Alte antworten wollte, mit der Hand eine hastige Gebärde, wie wenn der bloße Ton einer Stimme sie im Sehen störe. Mrs. Brown, die nur sie, nicht ihn im Auge behielt, blieb stumm, bis der funkelnde Blick ihrer Tochter milder geworden war. Letztere atmete endlich tief auf, als fühle sie sich erleichtert, daß er fort war.

»Herzchen!« begann die Alte. »Alice! Schönes Mädel! Ally!« Sie zupfte sie leicht am Ärmel, um ihre Aufmerksamkeit zu wecken. »Willst du ihn so ziehen lassen, da du ihm doch Geld abringen kannst? Ei, das wäre gottlos, meine Tochter.«

»Habe ich Euch nicht gesagt, daß ich kein Geld von ihm wolle?« versetzte Alice. »Und Ihr glaubt mir noch immer nicht? Habe ich von seiner Schwester Geld angenommen? Würde ich auch nur einen Penny berühren, wenn ich wüßte, er sei durch seine weißen Hände gegangen – es wäre denn, daß ich denselben vergiftet ihm zurückschicken könnte? Seid stille, Mutter, und kommt mit.«

»Und er so reich?« murmelte die Alte. »Und wir so arm!«

»Arm, weil wir nicht imstande sind, ihm etwas von dem Leid heimzuzahlen, das wir ihm verdanken«, entgegnete die Tochter. »Könnte er mir solche Schätze ablassen, so würde ich sie von ihm annehmen und Gebrauch davon machen. Kommt mit; es führt zu nichts, seinem Pferde nachzusehen, kommt mit, Mutter!«

Für die Alte aber schien der Anblick Robs, des Schleifers, der das reiterlose Pferd die Straße heraufführte, irgendein außerordentliches Interesse zu haben, das er an sich selbst nicht besaß; sie betrachtete daher den jungen Menschen mit der größten Angelegentlichkeit und faßte, was sie auch sonst für Bedenken hegen mochte, bei seinem Näherkommen schnell einen Entschluß. Mit einem funkelnden Blick nach ihrer Tochter legte sie den Finger an ihre Lippe, trat in dem Augenblick, als Rob vorüberging, aus dem Torweg und legte ihre Hand auf seine Schulter.

»Ei, wo ist denn mein munterer Rob diese ganze Zeit über gewesen?« fragte sie, als er sich umwandte.

Der muntere Rob, dessen Munterkeit durch diese Begrüßung sehr gemindert wurde, machte ein sehr langes Gesicht und entgegnete, während ihm das Wasser in die Augen stieg:

»O! warum könnt Ihr einen armen Burschen nicht gehen lassen, Mrs. Brown, wenn er einem ehrlichen Unterhalt nachgeht und sich ordentlich aufführt? Warum kommt Ihr her, um einen jungen Burschen dadurch seines guten Namens zu berauben, daß Ihr ihn auf der Straße anredet, während er das Pferd seines Herrn nach einem ehrlichen Stall bringt – ein Pferd, das Ihr für Katzen- und Hundefleisch verkaufen würdet, wenn man Euch gewähren ließe! Ich dachte wahrhaftig«, fügte der Schleifer hinzu, seine Schlußbemerkung in einer Weise vorbringend, als sei sie der Höhepunkt aller von ihm erlittenen Kränkungen, »Ihr wäret längst tot.«

»So spricht er jetzt mit mir«, rief die Alte, sich an ihre Tochter wendend, »und doch hat er wochen- und monatelang mit mir Bekanntschaft gepflogen, mein Herzchen, und ich bin oft und vielmals seine Freundin gewesen unter den Galgenstricken, die sich mit dem Fang von Tauben und Vögeln abgaben.«

»O redet mir nur nicht von den Vögeln, Mrs. Brown«, versetzte Rob im Ton der bittersten Reue. »Ich denke, es ist besser, sich mit Löwen abzugeben als mit solchen kleinen Geschöpfen, denn sie fliegen einem immer ins Gesicht zurück, wo man es am wenigsten erwartet, Nun, wie geht es Euch und was wollt Ihr?«

Der Schleifer brachte diese höflichen Fragen vor, als verwahre er sich dagegen in großer Gereiztheit.

»Höre, wie er mit einer alten Freundin spricht, mein Schatz!« sagte Mrs. Brown, sich wieder an ihre Tochter wendend. »Doch es gibt einige von seinen alten Freunden, die nicht so geduldig sind wie ich. Wenn ich einigen, die er kennt, mit denen er sich umgetrieben und mit denen er Spitzbübereien angerichtet hat, mitteile, wo sie ihn finden können –«

»Wollt Ihr Euer Maul halten, Mrs. Brown«, unterbrach sie der unglückliche Schleifer, der jetzt hurtig umherschaute, als erwarte er die glänzenden Zähne seines Gebieters neben seinem Ellenbogen zu sehen. »Macht es Euch denn eine so große Freude, einen jungen Burschen zugrunde zu richten? Und noch dazu in Eurem Alter, in dem Ihr an ganz andere Dinge denken solltet.«

»Welch ein schönes Pferd«, sagte die Alte, den Hals des Tieres streichelnd.

»Wollt Ihr so gut sein, es gehen zu lassen?« rief Rob, ihre Hand zurückschiebend. »Ihr seid imstande, einen reuigen jungen Burschen von Sinnen zu bringen.«

»Ei, was schadet's ihm denn, Kind?« entgegnete die Alte.

»Was es ihm schadet?« fragte Rob. »Es hat einen Herrn, der dahinterkommt, und wenn es nur mit einem Strohhalm berührt wird.«

Er blies auf die Stelle, wo die Hand der Alten einen Augenblick geruht hatte, und glättete sie sanft mit seinen Fingern, als glaube er ernstlich an die Wahrheit seiner Worte.

Die Alte, die nach der ihr folgenden Tochter murmelnd zurücksah, hielt sich dicht an die Ferse Robs, der mit dem Zügel in der Hand weiterging, und setzte das Gespräch fort.

»Ein guter Platz, Rob, he?« sagte sie. »Ihr seid im Glück, mein Kind.«

»O sprecht mir nicht von Glück, Mrs. Brown«, versetzte der unglückliche Schleifer, indem er sein Gesicht umwandte und haltmachte. »Wenn Ihr nie hierhergekommen wäret oder wenn Ihr fortginget, dann könnte sich ein junger Bursch in der Tat für ziemlich glücklich halten. Wollt Ihr denn gar nicht gehen und ablassen, mich zu verfolgen, Mrs. Brown?« heulte Rob in plötzlichem Trotz. »Wenn die junge Frauensperson eine Freundin von Euch ist, warum nimmt sie Euch nicht lieber hinweg, statt daß sie Euch gestattet, Euch hier so unangenehm zu machen!«

»Was?« krächzte die Alte und näherte mit einem boshaften Grinsen, das ihre welke Haut bis nach dem Hals hinunter in Falten legte, ihr Gesicht dem seinen. »Ihr verleugnet Eure alten Kameradschaften? Seid Ihr nicht dutzend- und dutzendmal in mein Haus geschlichen und habt bei mir in einer Ecke geschlafen, als Ihr kein anderes Bett hattet als das Straßenpflaster – und jetzt sprecht Ihr so mit mir? Habe ich nicht, als Ihr noch ein vagabundierender Schuljunge wart, Euch in meiner Art fortgeholfen und für Euch gekauft und verkauft – und jetzt kommt Ihr mir und heißt mich gehen? Bin ich nicht imstande, Euch schon morgen früh einen Haufen alter Kameraden über den Hals zu schicken, die sich wie Euer Schatten an Euch heften und Euch ins Verderben hetzen können – und Ihr werft mir so kecke Blicke zu? Doch ich will gehen. Komm, Alice.«

»Haltet, Mrs. Brown!« rief der Schleifer außer sich. »Was wollt Ihr denn? Geratet nur nicht so in Zorn! O, seid so gut, sie nicht gehen zu lassen. Ich hab's ja nicht böse gemeint. Sagte ich nicht gleich anfangs: ›Wie geht's Euch?‹ aber Ihr wolltet nicht antworten. Wie geht's Euch? Außerdem könntet Ihr ja selbst einsehen«, fügte Rob mit einer Jammermiene hinzu, »daß es einem Burschen nicht möglich ist, mit dem Pferd seines Gebieters auf der Straße stehenzubleiben, wenn es gestriegelt werden sollte, und der Herr gleich hinter alles kommt, sobald nur im geringsten etwas Unrechtes vorfällt.«

Die Alte tat, als sei sie teilweise beschwichtigt, schüttelte aber noch immer den Kopf und maulte vor sich hin.

»Kommt mit nach dem Stall und laßt Euch ein Gläschen schmecken, das Euch gut tun wird – könnt Ihr nicht, Mrs. Brown?« sagte Rob. »Dies wäre doch besser, als daß Ihr's in solcher Weise macht, die weder Euch noch jemand anders von Nutzen ist. Bringt sie mit, wollt Ihr so gut sein?« fügte Rob gegen Alice hinzu, »Gewiß, es hätte mich sehr gefreut, sie wieder zu sehen, wenn das Pferd nicht gewesen wäre!«

Mit dieser Rechtfertigung wandte sich Rob, ein jämmerliches Bild der Verzweiflung, ab und führte sein Tier eine Nebenstraße hinunter. Die Alte, die nach ihrer Tochter hinmurmelte, blieb nicht zurück, und Alice folgte.

Nachdem sie ein ruhiges kleines Square oder einen Hofraum, den ein großer Kirchturm überragte und dessen Geschäftsplätze aus den Magazinen eines Packers und eines Flaschenhändlers bestanden, erreicht hatten, überlieferte Rob, der Schleifer, das weißbeinige Tier einem Stallknecht und lud Mrs. Brown mit ihrer Tochter ein, sich auf einer steinernen Bank neben dem Stalltor niederzulassen. Dann begab er sich nach einem benachbarten Wirtshaus, um einige Augenblicke später mit einer zinnernen Maßkanne und einem Glas wieder zurückzukehren.

»Auf die Gesundheit Eures Gebieters – des Mr. Carker, Kind!« lautete der langsam vorgebrachte Trinkspruch der Alten. »Gott segne ihn.«

»Ei, ich habe Euch ja nicht gesagt, wie er heißt«, bemerkte Rob mit weit aufgesperrten Augen.

»Wir kennen ihn vom Ansehen«, versetzte Mrs. Brown, deren murmelnder Mund und wackelnder Kopf in der Spannung ihrer Aufmerksamkeit unbeweglich wurden. »Wir sahen ihn heute früh vorbeireiten und Euch in seiner Nähe, um ihm das Pferd abzunehmen.«

»Ei, daß dich!« entgegnete Rob, augenscheinlich im geheimen wünschend, daß ihn sein Diensteifer lieber an jeden andern Platz hingeführt hätte. »Was ist denn mit ihr – will sie nicht trinken?«

Diese Frage bezog sich auf Alice, die, in ihren Mantel eingehüllt, ein wenig zur Seite saß, ohne auf das ihr angebotene volle Glas auch nur im mindesten zu achten.

Die Alte schüttelte den Kopf.

»Kehrt Euch nicht an sie«, sagte sie. »Ihr fändet ein sonderbares Geschöpf in ihr, wenn Ihr sie kennen würdet, Rob. Aber Mr. Carker –«

»Bst!« versetzte Rob, der vorsichtig seine Blicke nach den Magazinen des Packers und des Flaschenhändlers hin schießen ließ, als fürchte er, Mr. Carker könnte aus den Fenstern auf ihn niederschauen. »Still!«

»Ei, er ist ja nicht hier!« rief Mrs. Brown.

»Ich weiß das nicht gewiß«, murmelte Rob und sein unsteter Blick wandelte nach dem Kirchturm hinauf, als könnte er von dort aus, mit einer übernatürlichen Hörgabe versehen, ihn belauschen.

»Ein guter Herr?« fragte Mrs. Brown.

Rob nickte und fügte mit gedämpfter Stimme bei:

»Aber haarscharf.«

»Er wohnt außerhalb der Stadt – nicht wahr, mein Schatz?« sagte die Alte.

»Wenn er zu Hause ist«, versetzte Rob; »aber wir haben jetzt ein anderes Quartier.«

»Wo?« fragte die Alte.

»Eine Mietwohnung – in der Nähe von Mr. Dombeys Haus«, antwortete Rob.

Die jüngere Frauensperson heftete ihre Augen so plötzlich und so spähend auf Rob, daß dieser völlig verwirrt wurde und ihr abermals das Glas anbot, obschon mit nicht größerem Erfolg als früher.

»Mr. Dombey – Ihr wißt. Ihr und ich, wir beide pflegten bisweilen von ihm zu sprechen«, sagte Rob zu Mrs. Brown. »Ihr hattet es gern, wenn ich Euch von ihm erzählte.«

Die Alte nickte.

»Nun, Mr. Dombey hat einen Unfall gehabt und ist vom Pferd gestürzt«, fuhr Rob wider Willen fort. »Mein Herr muß deshalb jetzt mehr als gewöhnlich entweder bei ihm oder bei Mrs. Dombey sein, und so sind wir in die Stadt gekommen.«

»Sind sie gute Freunde, mein Schatz?« fragte die Alte.

»Wer?« entgegnete Rob.

»Er und sie?«

»Wie, Mr. und Mrs. Dombey?« sagte Rob. »Wie könnte ich das wissen?«

»Nicht sie – Euer Herr und Mrs. Dombey, mein Hühnchen«, versetzte die Alte schmeichelnd.

»Ich weiß es nicht«, sagte Rob, sich wieder umschauend. »Ich glaube es. Wie neugierig Ihr seid, Mrs. Brown. Je weniger man davon spricht, desto besser ist es.«

»Ei, was sollte es denn schaden?« rief die Alte, indem sie lachend die Hände zusammenschlug. »Der muntere Rob ist ja ganz zahm geworden, seit es ihm gut geht! Es kann nichts schaden.«

»Ich weiß es wohl«, entgegnete Rob mit demselben mißtrauischen Blicke nach der Kirche sowohl als nach den Magazinen des Packers und des Flaschenhändlers; »aber das Plaudern geht nicht an, wenn's auch nur die Zahl der Knöpfe auf dem Rocke meines Herrn beträfe. Ich sage Euch, bei ihm geht es nicht, und ein junger Bursche täte besser, vorher ins Wasser zu springen. Er sagte dies, und ich würde Euch sicherlich seinen Namen nicht genannt haben, wenn Ihr ihn nicht zuvor gewußt hättet. Sprecht lieber von jemand anders.«

Während Rob sich abermals vorsichtig im Hof umsah, machte die Alte eine geheime Bewegung gegen ihre Tochter. Dies war nur ein Moment, aber die Tochter wandte mit einem leichten Ausdruck des Verständnisses ihre Augen von dem Gesicht des Knaben ab und blieb wieder in ihren Mantel gehüllt sitzen.

»Rob, mein Schätzchen«, sagte die Alte, ihm nach dem andern Ende der Bank zuwinkend, »Ihr seid immer mein Liebling gewesen. War's etwa nicht so – und wißt Ihr es nicht selbst?«

»Ja, Mrs. Brown«, entgegnete der Schleifer nicht in der angenehmsten Stimmung.

»Und Ihr konntet mich verlassen«, sagte die Alte; ihre Arme um seinen Hals schlingend. »Ihr konntet weggehen und groß werden, so daß man Euch kaum mehr kennt – ohne auch nur ein einziges Mal zu Eurer armen alten Freundin zu kommen und ihr zu erzählen, wie glücklich Ihr geworden seid! Stolzer Junge – oho, oho!«

»O, es ist schrecklich für einen armen Burschen, der einen hellwachenden Herrn in der Nachbarschaft hat«, rief der unglückliche Schleifer, »wenn er sich so anheulen lassen muß.«

»Wollt Ihr mich nicht besuchen, Robby?« sagte Mrs. Brown. »Oho, wollt Ihr nie kommen und nach mir sehen?«

»Ja, sage ich Euch! Ja, ich will!« antwortete der Schleifer.

»So ist's recht, Rob, mein Schätzchen!« sagte Mrs. Brown, die Tränen von ihrem welken Gesicht wegwischend und ihm einen empfindsamen Händedruck gebend. »Am alten Platze, Rob?«

»Ja«, versetzte der Schleifer.

»Bald, mein lieber Robby«, rief Mrs. Brown, »und oft?«

»Ja. Ja«, entgegnete Rob. »Ich verspreche es Euch auf Seele und Leib.«

»Und dann«, sagte Mrs. Brown, ihren Arm zum Himmel erhebend und den wackelnden Kopf zurückwerfend, »wenn er Wort hält, will ich nie in seine Nähe kommen, obschon ich weiß, wo er ist, und nie eine Silbe über ihn verlauten lassen. Nie!«

Dieser Ausruf schien wie ein Tröpflein Trostes auf den unglücklichen Schleifer zu wirken. Er gab Mrs. Brown die Hand und bat sie flehentlich und mit Tränen in den Augen, sie möchte einen jungen Burschen gehen lassen und nicht seine Aussichten zerstören. Mrs. Brown sagte dies unter einer abermaligen zärtlichen Umarmung zu; aber als sie schon im Begriff war, ihrer Tochter zu folgen, wandte sie sich mit verstohlen aufgerichtetem Finger noch einmal um und bat ihn mit heiserem Flüstern um etwas Geld.

»Einen Schilling, mein Schatz«, sagte sie mit gierigem Gesicht, »oder sechs Pence! Um alter Bekanntschaft willen. Ich bin so arm. Und mein schönes Mädel, Rob«, – sie blickte über ihre Achseln zurück – »sie ist mein Mädel, Rob – nagt mit mir am Hungertuche.«

Während der Schleifer mit Widerstreben ihrer Forderung entsprach, kehrte die Tochter ruhig zurück, ergriff die Hand ihrer Mutter und entrang ihr die Münze.

»Wie, Mutter!« sagte sie. »Immer Geld – Geld vom Anfang an bis zuletzt? Denkt Ihr so wenig an das, was ich Euch vor kurzem erst gesagt habe. Hier. Nehmt es wieder.«

Die Alte stieß bei der Zurückerstattung des Geldes ein tiefes Stöhnen aus, ohne jedoch einen andern Widerstand zu versuchen, und folgte humpelnd ihrer Tochter nach der Nebenstraße, die von dem Hof abführte. Der erstaunte und entsetzte Rob, der ihnen mit weit aufgesperrten Augen nachglotzte, sah, daß sie bald nachher haltmachten und sich sehr angelegentlich miteinander besprachen, dabei bemerkte er mehr als einmal eine wild drohende Gebärde der jüngeren Frauensperson (augenscheinlich hatte sie Beziehung auf eine Person, von der sie redete) und eine ärmliche Nachahmung derselben von seiten der Mrs. Brown, eine Wahrnehmung, die ihm die ernstliche Hoffnung einflößte, daß nicht er der Gegenstand ihres Gespräches sein möchte.

Mit dem vorläufigen Trost, daß sie fort seien, und der Aussicht, Mrs. Brown könne nicht ewig leben und werde ihn wahrscheinlich nicht mehr lange belästigen, suchte der Schleifer, der seine schlimmen Streiche nur dann bereute, wenn sie für ihn von derartigen schlimmen Folgen begleitet waren, die Bestürzung seines Gesichtes in einen heiteren Ausdruck umzuwandeln, indem er an die bewunderungswürdige Weise dachte, mit der er Kapitän Cuttle abgefertigt hatte – eine Erinnerung, die selten verfehlte, seinen Geist wieder in Schwung zu bringen. Dann begab er sich nach Dombeys Kontor, um die Befehle seines Gebieters einzuholen. Dort empfing ihn das Auge seines Gebieters so schlau und wachsam, daß er davor zurückbebte, weil er mehr als halbwegs erwartete, es werde ihm seine Besprechung mit Mrs. Brown vorgehalten werden. Mr. Carker übergab ihm die gewöhnliche Briefkapsel für Mr. Dombey und ein Billett an Mrs. Dombey, wobei er als Einschärfung pünktlicher und schneller Besorgung nur mit dem Kopf nickte. Diese geheimnisvolle Ermahnung schloß, wie der Schleifer sich einbildete, die unheimlichsten Warnungen und Drohungen in sich und wirkte mächtiger auf ihn, als es alle Worte imstande gewesen wären. Mr. Carker ging in seinem Zimmer wieder allein ans Geschäft und arbeitete den ganzen Tag. Er ließ viele Besuche vor, überblickte eine Menge von Dokumenten, begab sich nach verschiedenen Handelsplätzen und ließ keine Zerstreutheit aufkommen, bis die Aufgabe des Tages beendigt war. Sobald er jedoch seinen Tisch in der gewohnten Weise von den Papieren gesäubert hatte, versank er wieder in seine gedankenvolle Stimmung.

Er stand in der gewöhnlichen Haltung an seinem alten Platz, die Augen auf den Boden geheftet, als sein Bruder eintrat, um einige Briefe zurückzubringen, die im Laufe des Tages ausgetragen worden waren. Er legte sie ruhig auf den Tisch und wollte sich sogleich wieder entfernen; aber Mr. Carker, der Geschäftsführer, dessen Augen bei seinem Eintritt auf ihm ruhten, als hätten sie stets ihn und nicht den Zimmerboden zum Gegenstand ihrer Betrachtung gehabt, redete ihn an:

»Nun, John Carker, was bringt Ihr da?«

Sein Bruder deutete auf die Papiere und wollte wieder gehen.

»Es wundert mich«, sagte der Geschäftsführer, »daß Ihr kommen und gehen könnt, ohne zu fragen, wie sich Euer Herr befindet.«

»Es ist heute morgen im Kontor gemeldet worden, daß es mit Mr. Dombey gut gehe«, versetzte sein Bruder.

»Ihr seid ein so zahmer Bursche«, bemerkte der Geschäftsführer mit einem Lächeln, – »oder seid es doch im Lauf der Jahre geworden, – daß ich darauf schwören will, Ihr würdet Euch unglücklich fühlen, wenn ihm etwas Schlimmes zustieße.«

»Es würde mir in der Tat sehr leid tun, James«, entgegnete der andere.

»Es würde ihm leid tun!« sagte der Geschäftsführer, nach ihm hindeutend, als ob eine andere Person zugegen sei, an die er sich berufe, »Es würde ihm in der Tat leid tun! Dieser Bruder von mir! Der Junior des Platzes, dieses verachtete Stück Gerümpel, beiseite geschoben mit dem Gesicht gegen die Wand gleich einem verschimmelten Gemälde, und so gelassen, der Himmel weiß, wie viele Jahre; er möchte mich glauben machen, daß er voll Dankbarkeit, Achtung und Anhänglichkeit sei!«

»Ich will Euch nichts glauben machen, James«, erwiderte der andere. »Seid gegen mich so gerecht, wie Ihr es gegen jeden andern sein würdet, der unter Euch steht. Ihr fragt mich, und ich antworte.«

»Und du hast dich über nichts gegen ihn zu beschweren, hündische Seele?« sagte der Geschäftsführer mit ungewöhnlicher Gereiztheit. »Keine stolze Behandlung, keine Unverschämtheit, keine Anmaßung irgendeiner Art zu ahnden? Was zum Teufel – bist du ein Mensch oder eine Maus?«

»Es müßte wunderlich zugehen, wenn zwei Personen, namentlich in der Stellung des Vorgesetzten und des Untergeordneten, so viele Jahre beisammen sein könnten, ohne daß sie gegenseitig an sich etwas auszusetzen fänden – jedenfalls in Gedanken«, versetzte John Carker. »Aber abgesehen von meiner Geschichte hier – –«

»Seine Geschichte hier!« rief der Geschäftsführer, »Ja, da liegt's. Sogar der Umstand, der ihn zu einem äußersten Fall macht, wirft ihn aus dem ganzen Kapitel! Nun?«

»Abgesehen davon, liegt in ihr, wie Ihr andeutet, für mich (zum Glück für alle übrigen) ein ausschließlicher Grund zum Dank, und es ist gewiß niemand im Hause, der nicht teilnehmend mitfühlen würde, wenn dem Prinzipal ein Unglück zustößt. Ihr glaubt doch nicht, daß in einem solchem Falle irgend jemand hier gleichgültig bleiben könnte?«

»Ja, Ihr habt guten Grund, an ihn gefesselt zu sein!« sagte der Geschäftsführer verächtlich. »Seht Ihr denn nicht ein, daß man Euch nur hier behält als ein wohlfeiles, glänzendes Beispiel der Milde von Dombey und Sohn, das die Ehre des erlauchten Hauses ausposaunen soll?«

»Nein«, versetzte sein Bruder mild. »Ich habe stets geglaubt, daß ich aus wohlwollenderen, uneigennützigeren Gründen hierbehalten wurde.«

»Wie ich bemerkte«, sagte der Geschäftsführer mit dem Fauchen einer Tigerkatze, »wart Ihr im Zuge, irgendeinen christlichen Spruch vorzubringen.«

»Nein, James«, entgegnete der andere; »aber obschon das brüderliche Band längst zwischen uns zerbrochen und abgelöst ist –«

»Wer zerbrach es, mein guter Sir?« fragte der Geschäftsführer.

»Ich, durch mein schlechtes Benehmen. Euch mache ich daher keinen Vorwurf.«

Der Geschäftsführer erwiderte mit derselben stummen Tätigkeit seines wohlbewehrten Mundes, »o, Ihr macht mir keinen Vorwurf!« und hieß ihn weiter sprechen.

»Ich sage, obgleich kein solches Band mehr zwischen uns besteht, so bitte ich Euch doch flehentlich, mich nicht mit unnötigem Hohn anzugreifen, oder das, was ich spreche oder sprechen will, falsch zu deuten. Ich wollte nur bemerken, daß Ihr im Irrtum seid, wenn Ihr glaubt, bloß Ihr nähmet Rücksicht auf sein Wohl und seinen Ruf, weil Ihr um Eurer Treue willen vor allen andern so hoch in Mr. Dombeys Vertrauen steht, mit ihm fast auf dem Fuße der Gleichheit umgeht und von ihm bereichert worden seid. Ja, ich glaube aufrichtig, daß von Euch herab bis zum Niedrigsten niemand sich im Haus befindet, der nicht warme Teilnahme fühlt für das Wohlergehen des Prinzipals.«

»Ihr lügt!« rief der Geschäftsführer, den eine plötzliche Zornglut überflog. »Ihr seid ein Heuchler, John Carter, und lügt!«

»James!« entgegnete der andere, gleichfalls tief errötend. »Wie muß ich diese beschimpfenden Worte nehmen? Warum behandelt Ihr mich in so schnöder Weise, ohne daß ich Euch Anlaß dazu gab?«

»Ich will Euch nur sagen«, erwiderte der Geschäftsführer, »daß mir Eure Heuchelei und Demut – alle Heuchelei und Demut an diesem Platze nicht so viel gilt«, er schnippte dabei mit den Fingern. »Ich durchschaue sie, als ob sie Luft wäre! Es ist niemand zwischen mir und dem Geringsten an diesem Platze (Ihr habt guten Grund, Euch um den letzteren so anzunehmen, da er nicht fern ist), den es nicht von Herzen freuen würde, seinen Herrn gedemütigt zu sehen – der ihn nicht im geheimen haßte – der ihm nicht lieber Schlimmes als Gutes wünschte – und der ihm nicht zuwiderhandelte, wenn er die Macht und den Mut dazu hätte. Je näher seiner Gunst, desto näher seiner Unverschämtheit – je näher an ihm, desto weiter von ihm ab. Das ist hier das Glaubensbekenntnis.«

»Ich weiß nicht«, versetzte sein Bruder, dessen Unwille bald der Überraschung gewichen war, »wer Euch mit solchen Darstellungen behelligt haben mag, oder warum Ihr gerade mich und nicht lieber einen andern wählen mußtet, um ihre Wirkung zu versuchen. So viel sehe ich ein, daß Ihr mich auf die Probe stellen wolltet. Euer Wesen und Aussehen ist ganz anders, als ich es je an Euch bemerkte. Indes muß ich Euch noch einmal sagen, daß Ihr getäuscht seid.«

»Das weiß ich«, entgegnete der Geschäftsführer, »und habe es Euch gesagt.«

»Nicht durch mich«, erwiderte sein Bruder – »durch Euren Angeber, wenn ein solcher vorhanden ist, – wo nicht, durch Eure Gedanken und durch Euren Argwohn.«

»Ich habe keinen Argwohn«, sagte der Geschäftsführer, »sondern Gewißheit. Ihr hasenherzigen, verächtlichen, kriechenden Hunde! Alle stellen sich in der gleichen Weise an, alle leiern das nämliche Lied, alle winseln dieselben Beteuerungen her, und alle bergen das nämliche durchsichtige Geheimnis in ihrem Innern.«

Sein Bruder entfernte sich, ohne weiter zu sprechen, und drückte die Tür hinter sich zu. Mr. Carker, der Geschäftsführer, brachte einen Stuhl dicht vor das Feuer und fing an, mit dem Schüreisen sanft auf die Kohlen loszuschlagen.

»Die feigen, wedelnden Schufte«, murmelte er, und seine beiden glänzenden Zahnreihen entblößten sich. »Es ist keiner unter ihnen, der nicht dergleichen täte, als fühle er sich ebenso erschüttert und beleidigt! Pah! Und doch würde jeder, wenn er einmal die Macht, den Verstand und den Mut dazu hätte, Dombeys Stolz so schonungslos in den Staub legen, wie ich hier diese Asche auseinander breite.«

Er fuhr mit einem gedankenvollen Lächeln in diesem Geschäft fort.

»Noch dazu, ohne daß ihm dieselbe Königin winkte!« fügte er plötzlich hinzu: »und wohlgemerkt, es ist Stolz da, wie wir aus eigener Erfahrung wissen!«

Er versank in ein noch tieferes Brüten und blieb vor dem Kamin sitzen, bis die Funken nahezu erstorben waren; dann stand er gleich einem Manne auf, der sich in ein Buch vertieft hat, schaute umher, nahm Hut und Handschuhe auf, begab sich nach dem Platz, wo sein Pferd wartete, bestieg dasselbe und ritt in den nächsten Straßen weiter; denn es war Abend.

Er ritt in die Nähe von Mr. Dombeys Haus, wo er sein Tier im Schritt gehen ließ und nach den Fenstern hinaufschaute. Das Fenster, wo er vordem Florence mit ihrem Hund hatte sitzen sehen, fesselte zuerst seine Aufmerksamkeit, obschon es nicht erhellt war; dann ließ er seine Blicke lächelnd an der hohen Vorderseite des Hauses hingleiten, als sei er längst weg über den früheren Gegenstand.

»Es gab eine Zeit«, sagte er, »in der es sich schon der Mühe verlohnte, sogar über deinem aufgehenden kleinen Stern zu wachen und sich nach der Richtung der Wolken umzusehen, um dich im Notfall damit zu beschatten. Aber ein Planet ist aufgestiegen, und in seinem Licht verschwindet das deine.«

Er lenkte das weißbeinige Pferd um die Straßenecke und suchte an der Hinterseite des Hauses ein anderes Fenster auf, das erhellt war. Es knüpfte sich daran die Erinnerung an eine gewisse stattliche Person, an eine mit dem Handschuh bedeckte Hand, an die Schwungfedern eines schönen Vogels, die auf dem Boden umhergestreut worden, und an das Beben des leichten, weißen Schwanenflaums, als ahne derselbe einen fernen Sturm. Mit solchen Vorstellungen erfüllt, wandte er sich wieder ab und ritt raschen Trabs durch die dunkler werdenden verlassenen Parke.

Verhängnisvolle Wahrheit, – seine Gedanken galten einer Frau, einer stolzen Frau, die ihn haßte, die aber durch seine Schlauheit und durch ihren eigenen gekränkten Stolz langsam und sicher dazu verleitet worden war, seine Gesellschaft zu dulden und ihn mehr und mehr als einen Mann zu empfangen, der das Vorrecht hatte, mit ihr von ihrer trotzigen Mißachtung des Gatten und ihrer Rücksichtslosigkeit für sich selbst zu sprechen. Sie galten einer Frau, die ihn aus tiefster Seele haßte, – die ihn kannte und Mißtrauen in ihn setzte, weil sie ihn und er sie kannte, aber gleichwohl durch ihre wilde Rachsucht sich bewegen ließ, zu gestatten, daß er ihr mit jedem Tage näher kam, ungeachtet des Hasses, den sie gegen ihn hegte.

Ungeachtet desselben? Nein, gerade deswegen; denn auf dem Grunde – zu weit unten, als daß ihr drohendes Auge es hätte erfassen können, obschon sie es in unbestimmten Zügen sah – lag die düstere Vergeltung, deren leisester Schatten – einmal und nie wieder unter Schaudern bemerkt – zugereicht haben würde, ihre Seele zu beflecken.

Umspukte ihn das Phantom eines solchen Weibes auf seinem Wege – der Wirklichkeit getreu und von ihm erkannt?

Ja. Er sah sie in seinem Geiste gerade so, wie sie war. Sie leistete ihm Gesellschaft mit ihrem Stolz, ihrer Rachsucht und ihrem Haß, alles ihm so deutlich wie ihre Schönheit, aber nichts deutlicher als ihr Haß gegen ihn. Er sah sie bisweilen stolz und abstoßend an seiner Seite, bisweilen aber unter den Hufen seines Pferdes, gefallen und im Staube. Doch stets sah er sie, wie sie war, ohne Maske, und bewachte sie auf dem gefährlichen Wege, den sie ging.

Nachdem er seinen Ritt beendigt und sich umgekleidet hatte, kam er mit gesenktem Haupte, weicher Stimme und beschwichtigendem Lächeln in das Licht ihres prächtigen Zimmers. Auch jetzt sah er sie noch ebenso deutlich. Er argwöhnte sogar das Geheimnis der Hand in dem Handschuh, und hielt sie um dieses Verdachtes willen nur um so länger in der seinen. Auf dem gefährlichen Pfade, den sie ging, war auch er, und sie ließ keine Spur ihres Fußes zurück, ohne daß er sogleich seinen eigenen darauf setzte.

 

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