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Dombey und Sohn ? Band 2

Charles Dickens: Dombey und Sohn ? Band 2 - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn ? Band 2
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Einundvierzigstes Kapitel.

Neue Stimmen auf den Wellen

Alles geht seinen gewohnten Gang. Die Wellen sind heiser von der Wiederholung ihres Geheimnisses; der Sand häuft sich am Ufer auf. Die Seevögel streichen durch die Luft; Winde und Wolken jagen dahin, ohne eine Spur zurückzulassen, und die weißen Wogenarme winken in dem Mondlicht nach dem weit entlegenen unsichtbaren Lande.

Mit wehmütiger Freude ist Florence wieder an der alten, früher mit Trauer betretenen Stätte. Sie fühlt sich glücklich, wenn ihre Gedanken den Bruder nach dem ruhigen Plätzchen zurückrufen, wo er und sie so oft miteinander gesprochen hatten, während die Wellen um sein Lager her spielten. Auch jetzt, wie sie so gedankenvoll dasitzt, hört sie in dem wilden, dumpfen Gemurmel des Meeres eine Wiederholung seiner kleinen Geschichte, ja sogar seiner Worte. Sie findet, daß all ihr seitheriges Leben, Hoffen und Grämen – in dem einsamen Hause sowohl, wie in dem Palast, in den es sich verwandelt hat – zu dem Schlußreim jenes wunderbaren Liedes gehört.

Und der schüchterne Mr. Toots, der in der Ferne wandert, sehnsüchtig nach der von ihm angebeteten Gestalt hinblickt und ihr hierher gefolgt ist, obschon er es in seinem Zartgefühl nicht über sich gewinnen kann, sie zu einer solchen Zeit zu stören – vernimmt gleichfalls das Requiem des kleinen Dombey auf den Wellen, die mit den Pausen in ihrem ewigen Loblied auf Florence steigen und fallen. Ja, und der arme Mr. Toots begreift einigermaßen, daß sie etwas sagen von einer Zeit, in der sein Kopf noch lichter und nicht so umnebelt war, und die Tränen, die sich in seinen Augen heben, wenn er fürchtet, er sei jetzt blöde, dumm und zu nichts gut, als um verlacht zu werden, mindern in ihrem beschwichtigenden Mahnen seine Zufriedenheit darüber, daß er für den Augenblick aller Verantwortlichkeit gegen den Preishahn enthoben ist, weil besagter Ehrenmann eben auf Toots' Kosten eine Landpartie gemacht hat, um mit dem Larkeyjungen anzubinden.

Aber Mr. Toots faßt Mut; denn die Wellen flüstern ihm einen freundlichen Gedanken zu, und mit langsamen Schritten, wobei er oft unschlüssig haltmacht, nähert er sich Florence. Er ist zwar ihrem Reisewagen auf dem ganzen Wege von London Meile für Meile gefolgt, da ihm sogar der erstickende Staub seiner Räder teuer ist. Trotzdem drückt er, sobald er ihr nahe gekommen, unter Erröten stammelnd, sein Erstaunen aus, daß er sie sieht, und sagt, er sei in seinem ganzen Leben nie so überrascht gewesen.

»Und Ihr habt auch Diogenes mitgebracht, Miß Dombey?« sagt Mr. Toots, und ein Prickeln durchfliegt seinen ganzen Körper bei der Berührung der kleinen Hand, die ihm so lieblich und unverhohlen dargeboten wird.

Ohne Zweifel ist Diogenes da und ohne Zweifel hat Mr. Toots allen Grund, ihn zu bemerken, denn er fährt geradewegs auf die Beine des jungen Gentleman los und überpurzelt sich in der Verzweiflung, mit der er seinen Angriff macht. Aber seine holde Gebieterin hält ihn zurück.

»Nieder Di, nieder. Erinnerst du dich nicht mehr, wer uns zuerst miteinander bekannt gemacht hat, Di? Pfui, schäme dich!«

Ach, wohl hat Di Ursache, schmeichelnd seine Nase unter ihre Hand zu schieben, fort, wieder zurück und um sie her zu laufen, zu bellen und köpflings auf jeden Herankommenden loszustürzen, damit er seine Ergebenheit zeige. Mr. Toots würde gleichfalls köpflings auf jeden Menschen losgerannt sein. Ein Offizier geht vorbei, und Mr. Toots wäre nichts lieber gewesen, als wenn er hätte voll gegen ihn anrennen können.

»Diogenes fühlt sich wieder in seiner heimischen Luft – meint Ihr nicht, Miß Dombey?« fragte Mr. Toots.

Florence gibt mit einem anmutigen Lächeln ihre Zustimmung.

»Miß Dombey«, sagt Mr. Toots, »ich bitte um Verzeihung; aber wenn Ihr einen Besuch bei Blimbers machen möchtet, ich – ich gehe hin.«

Ohne ein Wort zu sprechen, legt Florence ihren Arm in den seinigen und sie gehen miteinander weiter, Diogenes voraus. Mr. Toots zittern die Knie, und obgleich er prächtig gekleidet ist, fühlt er sich doch unbehaglich und sieht Runzeln auf den Meisterwerken von Burgeß und Co. Er wünscht, daß er sein glänzendstes Paar Stiefel angezogen hätte.

Das Äußere von Mr. Blimbers Hause erscheint noch ebenso schulmeisterlich und akademisch wie nur je; und dort oben ist das Fenster, wo sie nach dem blassen Gesicht hinaufzuschauen pflegte, wo das blasse Gesicht sich erheiterte, wenn es sie gewahrte, und wo die abgezehrte kleine Hand ihr Küsse zuwarf, wenn sie vorüberging. Die Tür wird durch denselben kurzsichtigen Mann geöffnet, in dessen ausdruckslosem Grinsen beim Anblick von Mr. Toots sich die verkörperte Geistesschwäche kundgibt. Sie werden nach dem Studierzimmer des Doktors gewiesen, wo ihnen der blinde Homer und Minerva wie ehedem zu dem nüchternen Ticken der großen Wanduhr in der Halle Audienz erteilt und wo die Erd- und Himmelskugeln noch immer an ihren gewohnten Plätzen stehen, als sei auch die Welt stillgestanden und nie etwas darin nach dem allgemeinen Gesetz, das auf dem rollenden Erdball alles zur Erde abruft, zugrunde gegangen.

Doktor Blimber ist da mit seinen gelehrten Beinen. Mrs. Blimber ist da mit ihrer himmelblauen Haube. Und Cornelia ist da mit ihrer gelben kleinen Lockenreihe und ihrer glänzenden Brille, noch immer wie ein Totengräber in den Gräbern der Sprachen arbeitend. Dort steht der Tisch, auf dem fremd und verlassen der »neue Knabe« der Schule saß, und man hört das ferne Getümmel der alten Knaben, wie sie sich nach dem alten Grundsatz in der alten Stube umtreiben.

»Toots«, sagt Doktor Blimber. »Es freut mich sehr, Euch zu sehen, Toots.«

Mr. Toots kichert zur Erwiderung.

»Und Euch noch dazu in so guter Gesellschaft zu sehen, Toots«, sagt Doktor Blimber.

Mr. Toots setzt mit einem puterroten Gesicht auseinander, daß er zufällig mit Miß Dombey zusammengetroffen sei, und daß Miß Dombey gleich ihm gewünscht habe, die alte Stätte zu sehen. Dies der Grund, warum sie miteinander kämen.

»Ohne Zweifel möchtet Ihr, Miß Dombey«, sagt Doktor Blimber, »unter unsere jungen Freunde treten. Lauter vormalige Studiengenossen von Euch, Toots. Ich glaube, meine Liebe«, fügt er gegen Cornelia bei, »es sind in unserer kleinen Akademie keine neuen Schüler, seit Mr. Toots uns verlassen hat.«

»Bitherstone ausgenommen«, entgegnete Cornelia.

»Ja, richtig«, sagte der Doktor. »Bitherstone ist für Mr. Toots neu.«

Auch für Florence ist er es beinahe; denn der Bitherstone in der Schulstube – nicht länger Master Bitherstone bei Mistreß Pipchin – zeigt sich in Vatermördern und Halsbinde und trägt eine Uhr. Aber der unter einem schlimmen bengalischen Stern geborene Bitherstone ist ungemein tintig und sein Wörterbuch hat von dem beharrlichen Gebrauch ein so wassersüchtiges Aussehen, daß es nicht mehr schließen will und in einer Weise gähnt, als könne es die langweilige Behandlung nicht länger aushalten. Seinem Herrn, Bitherstone selbst, auf dem Doktor Blimbers Hochdruck lastet, ergeht es ebenso. Aber in seinem Gähnen liegt ein boshaftes Kläffen, und man hat ihn sagen hören, er wünsche nur, daß er den »alten Blimber« einmal in Indien erwische. Er wolle ihn dann bald durch einige von seinen (Bitherstones) Kulis landaufwärts geschafft und den ThugsBerüchtigte indische Sekte, die Raubmörderei als eine Art religiöses System betreiben. (Vgl. Richard Garbe, Beiträge zur indischen Kulturgeschichte, S. 183 ff.) überantwortet haben – das sage er ihm zum voraus.

Briggs mahlt noch immer in der Mühle der Wissenschaft; auch Tozer, Johnson und alle übrigen. Die älteren Zöglinge sind eifrig damit bemüht, wieder zu vergessen, was sie in jüngeren Jahren gelernt haben. Alle sind so geschniegelt und blaß, wie nur je, und unter ihnen ist Mr. Feeder, B. A., mit seiner knöchernen Hand und dem stoppeligen Haarwuchs der alte Treiber. Der Herodot ruht für den Augenblick, und seine übrigen Waffen liegen auf dem Sims hinter ihm.

Selbst unter diesen ernsten jungen Leuten erregt ein Besuch des emanzipierten Toots gewaltiges Aufsehen. Man betrachtet ihn mit einer Art Ehrfurcht als einen Menschen, der den Rubikon überschritten und geschworen hat, nie wieder zurückzukommen. Was aber den Schnitt seiner Kleider und seinen Schmuck betrifft, so flüstert man sich gegenseitig hinter den Händen erstaunte Bemerkungen zu. Der gallsüchtige Bitherstone, der nicht aus der Zeit des Mr. Toots stammt, tut gegen die kleineren Knaben, als verachte er einen derartigen Schmuck, und sagt, er wisse das besser; man solle ihn nur einmal in Bengalen besuchen, wo seine Mutter einen ihm gehörigen Smaragd habe, der aus dem Fußschemel eines Raja genommen sei.

Auch der Anblick Florencens weckt berückende Gefühle, und jeder junge Gentleman verliebt sich augenblicklich wieder in sie, den vorerwähnten gallsüchtigen Bitherstone ausgenommen, der aus hellem Widerspruchsgeist nichts davon wissen will. Gegen Mr. Toots erhebt sich bittere Eifersucht, und Briggs ist der Meinung, daß Toots im Grunde nicht mal alt genug sei. Aber diese beschimpfende Andeutung wird schleunigst durch Mr. Toots zunichte gemacht, der laut zu Mr. Feeder B. A. sagt: »Wie geht's Euch, Feeder?« und ihn auf heute abend zu einem Diner nach dem Bedford einlädt. Kraft dieser Großtat hätte er sich anstandslos für den alten Parr ausgeben können, wenn es ihm darum zu tun gewesen wäre.

Es gibt viele Händedrücke, viele Verbeugungen, und bei jedem jungen Gentleman macht sich der sehnliche Wunsch bemerklich, Toots in Miß Dombeys Gunst auszustechen. Nachdem Mr. Toots sein altes Pult mit Kichern begrüßt hat, zieht er sich mit Florence, Mistreß Blimber und Cornelia wieder zurück. Er ist der letzte, der herauskommt, und hört noch, während er die Tür schließt, Doktor Blimber sagen: »Meine Herren, wir wollen jetzt unsere Studien wieder aufnehmen.« Denn dieses und nicht viel mehr ist es, was der Doktor die Wellen sagen hört oder sein ganzes Leben über aus ihrem Sprechen verstand.

Florence schleicht sich dann fort und geht mit Mrs. Blimber und Cornelia nach dem alten Schlafstübchen hinauf. Mr. Toots, der fühlt, daß weder er, noch sonst jemand dort nötig ist, steht unter der Tür des Studierzimmers und spricht mit dem Doktor, oder hört vielmehr dem Sprechen des Doktors zu. Dabei wundert er sich, wie er besagtes Studierzimmer je für ein großes Heiligtum und den Doktor mit seinen krummen Beinen, als wäre dieser eine geistliche Orgel, für einen furchtbaren Mann hatte halten können. Florence kommt bald wieder herunter und verabschiedet sich. Auch Mr. Toots nimmt Abschied, und Diogenes, der die ganze Zeit über dem kurzsichtigen jungen Mann aufs erbarmungsloseste zugesetzt hatte, schießt zur Tür hinaus, um in frohem Trotz über die Klippe hinunter zu bellen. Melia und eine andere von des Doktors weiblichen Dienstboten sehen zu einem oberen Fenster heraus, lachen ›über den Toots da‹ und sagen von Miß Dombey: ›Wahrhaftig, gleicht sie nicht ihrem Bruder, nur daß sie hübscher ist?‹

Mr. Toots, der nach Florences Wiedereintreten Tränen auf ihrem Gesicht bemerkt hat, ist verzweifelt ängstlich und unruhig und fürchtet anfangs sogar, er habe unrecht getan, indem er ihr den Besuch vorschlug. Aber er fühlt sich bald erleichtert, weil sie sagt, es freue sie sehr, wieder hier gewesen zu sein, und ganz heiter über alles spricht, während sie an dem Ufer weiter gehen. Er hört die Stimmen auf den Wellen, hört ihre süße Stimme. Solange bis sie in die Nähe von Mr. Dombeys Haus kommen, wo er sie verlassen muß, ist er so verstrickt, daß er über keine Spur freien Willens mehr gebieten kann. Sie reicht ihm die Hand zum Abschied, aber es ist ihm unmöglich, sie wieder loszulassen.

»Miß Dombey, ich bitte um Verzeihung«, sagt Mr. Toots in traurigem Flüsterton: »aber wenn Ihr mir erlauben wolltet, zu – zu –«

Florences lächelnder, nichts ahnender Blick bewirkt, daß er nicht weiter fortfahren kann.

»Wenn Ihr mir erlauben wolltet, zu – wenn Ihr es nicht als eine Dreistigkeit ansehen wolltet, Miß Dombey, wenn ich – ohne irgend eine Ermutigung, wenn ich hoffen dürfte« – sagt Mr. Toots.

Florence sieht ihn fragend an.

»Miß Dombey«, sagt Mr. Toots, der fühlt, daß er jetzt einmal im Zuge ist, »ich bin in der Tat in jenem Zustand von Anbetung gegen Euch, daß ich nicht weiß, was ich mit mir selbst anfangen soll. Ich bin der beklagenswerteste Unglückliche. Wenn es nicht gerade an der Ecke des Square wäre, so würde ich auf meine Knie niederfallen und Euch bitten und anflehen, ohne eine Ermutigung, mich nur hoffen zu lassen, daß ich – daß ich es für möglich halten dürfe, Ihr –«

»O, ich bitte, haltet inne!« ruft Florence in einem augenblicklichen Schrecken. »O, ich bitte, haltet inne, Mr. Toots. Sprecht nicht weiter. Wenn Ihr mir eine Liebe, eine Gunst erweisen wollt, so fahrt nicht fort.«

Mr. Toots ist schrecklich beschämt und sperrt den Mund weit auf.

»Ihr seid so gütig gegen mich gewesen«, sagt Florence, »und ich erkenne es dankbar an. Ich habe allen Grund, in Euch einen wohlwollenden Freund zu lieben, und habe Euch wirklich so gern«, – ihr offenes Gesicht lächelt ihm dabei mit dem lieblichsten, ehrlichsten Blick von der Welt zu – »daß ich von Euch überzeugt bin, Ihr wolltet weiter nichts, als mir Lebewohl sagen.«

»Jawohl, Miß Dombey«, versetzt Mr. Toots. »Ich – ich – das ist es gerade, was ich meine. Es ist von keinem Belang.«

»Gott befohlen!« ruft Florence.

»Gott befohlen, Miß Dombey!« stammelt Mr. Toots. »Ich hoffe, Ihr werdet nichts Schlimmes davon denken. Es ist – es ist von keinem Belang, danke Euch – von durchaus keinem Belang.«

Der arme Mr. Toots geht in einem Zustand von Verzweiflung nach seinem Hotel zurück, schließt sich in sein Schlafgemach ein, wirft sich auf sein Bett und bleibt daselbst geraume Zeit liegen, als ob es dennoch vom größten Belang sei. Glücklicherweise stellt sich aber Mr. Feeder B. A. zum Diner ein, da man sonst kaum sagen könnte, wann er wieder aufgestanden wäre. Mr. Toots sieht sich genötigt, ihn zu bewillkommnen und gastlich zu bewirten.

Und der allgemeine Einfluß jener sozialen Tugend, der Gastfreundschaft (des Weins und des guten Mahls nicht zu gedenken), öffnet Mr. Toots das Herz und erwärmt ihn zur Redseligkeit. Er sagt Mr. Feeder B. A. nicht, was an der Ecke des Square vorgegangen ist. Aber als Mr. Feder ihn fragt, »wann es losgehen werde«, versetzte Mr. Toots, »es gebe gewisse Dinge –«, eine Bemerkung, die Mr. Feeder um einige Grade wieder herunterstimmt. Mr. Toots fügt bei, er wisse nicht, was Blimber berechtige, über sein Erscheinen in Miß Dombeys Gesellschaft sich Bemerkungen zu erlauben, und wenn er glauben könnte, der Doktor habe damit eine Unverschämtheit beabsichtigt, so wolle er es ihm geben, Doktor hin, Doktor her. Er meint übrigens, es sei nur die Unwissenheit des Mannes schuld daran, und Mr. Feeder sagt, daß er nicht daran zweifle.

Mr. Feeder jedoch wird als ein vertrauter Freund von der Angelegenheit nicht ausgeschlossen, und Mr. Toots hat nur den Wunsch, daß diese Angelegenheit geheimnisvoll und mit Gefühl angedeutet werde. Nach einigen Gläsern Wein bringt er Miß Dombeys Gesundheit aus und bemerkt:

»Feeder, Ihr habt gar keine Vorstellung von den Gefühlen, mit denen ich diesen Toast begleite.«

»O ja, die habe ich wohl, mein teurer Toots«, versetzt Mr. Feeder, »und sie gereichen Euch sehr zu Ehre, alter Knabe.«

Mr. Feeder ist vor Freundschaft sehr aufgeregt, drückt seinem Wirt die Hände und sagt, wenn Toots je einen Bruder brauchte, so wisse er, wo er ihn finden könne, entweder direkt durch Post oder durch Boten. Auch meint er, wenn er Mr. Toots einen Rat erteilen dürfe, so würde er ihm empfehlen, die Gitarre oder wenigstens die Flöte spielen zu lernen; denn Frauenzimmer lieben an denen, die ihnen ihre Huldigung darbringen, musikalische Fertigkeit, und er hat selbst schon gefunden, welchen Vorteil man daraus ziehe.

Das bringt Mr. Feeder B. A. zu dem Geständnis, daß er sein Auge auf Cornelia Blimber geworfen hat. Er teilt Mr. Toots mit, daß er nichts gegen Brillen einzuwenden habe, und wenn der Doktor sich so wacker anläßt, ihm das Geschäft zu übergeben, ei, so sind sie – versorgt. Seiner Meinung nach ist jeder Mensch, der sich durch sein Geschäft eine schöne Summe erworben hat, verpflichtet, dasselbe aufzugeben, und Cornelia wäre dabei eine Gehilfin, auf die man stolz sein könnte. Mr. Toots antwortet mit einem wilden Übergang auf Miß Dombeys Lob und mit Hindeutungen, daß es ihm bisweilen sei, als möchte er sich eine Kugel durchs Hirn jagen. Mr. Feeder stellt ihm sehr nachdrücklich vor, daß dies ein übereilter Versuch sein würde, und zeigt ihm, um ihn wieder mit dem Dasein zu versöhnen, Cornelias Porträt mit Brille und Zubehör.

So verbringen diese ruhigen Geister den Abend, und sobald der Abend der Nacht gewichen ist, begleitet Mr. Toots seinen Gast nach Hause und verabschiedet sich von ihm an Doktor Blimbers Tür. Mr. Feeder geht aber nur die Treppe hinauf und kommt, sobald Mr. Toots fort ist, wieder herunter, um einsam an dem Gestade zu wandeln und über seine Aussichten nachzudenken. Er vernimmt in der Stimme der Wellen deutlich die Mitteilung, Doktor Blimber wolle das Geschäft aufgeben, fühlt eine sanfte romantische Lust, wenn er das Äußere des Hauses ansieht und sich dabei denkt, der Doktor werde es anstreichen und gründlich ausbessern lassen.

Mr. Toots geht gleichfalls außerhalb der Mauern, die sein Kleinod bergen, hin und her, und schaut in einer kläglichen Gemütsstimmung – die Polizei hat ein mißtrauisches Auge auf ihn geworfen – nach einem Fenster hinauf, wo noch Licht ist. Er zweifelt nicht daran, daß es aus Florences Zimmer komme, irrt aber hierin; denn es ist das Nachtlicht der Mrs. Skewton. Während Florence unter den alten Schauplätzen schläft und in ihren Träumen frühere Erinnerungen wieder aufleben, liegt in grimmiger Wirklichkeit, wachend und wimmernd, die Gestalt des alten Weibes da, die dem nämlichen Zimmer den geduldigen Knaben ersetzt, um es – aber wie ganz anders – abermals mit Hinfälligkeit und Tod in Verbindung zu bringen. Hager und häßlich liegt sie auf dem unruhigen Bett, und daneben sitzt Edith in ihrer erschreckenden, leidenschaftslosen Lieblichkeit – denn auf das erblindete Auge der Leidenden wirkt sie in der Tat erschreckend. Was rufen ihnen die Wellen zu in der Stille der Nacht?

»Edith, was soll dieser steinerne Arm da, der aufgehoben ist, mich zu schlagen? Siehst du ihn nicht?«

»Es ist nichts, Mutter, als Eure Phantasie.«

»Als meine Phantasie? Alles ist meine Phantasie. Schau nur! Ist es möglich, daß du ihn nicht siehst?«

»In der Tat, Mutter, es ist nichts da. Könnte ich auch so ruhig hier sitzen, wenn Ihr von etwas Derartigem bedroht würdet?«

»Ruhig?« entgegnete die Kranke, wild nach ihr hinschauend. »Er ist jetzt fort – und warum bist du so ruhig? Das ist nicht meine Phantasie, Edith. Eiskalt geht es mir durch die Glieder, wenn ich dich so an meiner Seite sitzen sehe.«

»Ich bin traurig, Mutter.«

»Traurig? Du scheinst immer traurig zu sein. Aber du bist es nicht um meinetwillen.«

Sie fängt zu wimmern an, wirft auf ihrem Kissen ruhelos den Kopf von Seite zu Seite, klagt über Vernachlässigung, nachdem sie eine solche Mutter gewesen, und spricht von der Mutter, die ihnen begegnet, dem guten alten Geschöpf und dem schlechten Dank, den solche Mütter von ihren Töchtern erhalten. Mitten in ihrem Irrereden hält sie an, blickt nach ihrer Tochter hin, ruft, daß sie ihren Verstand verliere, und verbirgt ihr Gesicht in dem Kissen.

Teilnahmsvoll beugt sich Edith über sie hin und redet sie an. Die kranke Alte umklammert ihren Hals und sagt mit einer Miene des Entsetzens:

»Edith, wir gehen bald wieder nach Hause – kehren zurück. Du meinst doch auch, daß ich wieder nach Hause soll?«

»Ja, Mutter, ja.«

»Und was sagte der, wie heißt er doch – ich kann mir nie die Namen merken – der Major – jenes schreckliche Wort, als wir weggingen – ist es nicht wahr? Edith!« ruft sie kreischend und ihre Augen werden starr, »ist's nicht eben dies, was jetzt mich überfällt?« –

Nacht für Nacht blinkt das Licht durch die Fenster. Die Gestalt liegt auf dem Bett, Edith sitzt an ihrer Seite, und die ruhelosen Wellen singen ihnen die ganze Nacht hindurch zu. Nacht für Nacht wiederholen die Wellen heiser ihr Geheimnis; der Sand liegt an dem Ufer aufgehäuft; die Seevögel schweben durch die Luft; die Winde und Wolken eilen hin, ohne eine Spur zurückzulassen, und die weißen Arme winken im Mondlicht nach dem fernen, unsichtbaren Lande.

Und noch schaut die kranke Alte in die Ecke, wo der steinerne Arm – ein Stück von einem Grabmonument, sagt sie – erhoben ist, um sie zu schlagen. Endlich fällt er nieder; ein stummes altes Weib liegt auf dem Bett und krümmt sich zusammen. Die Hälfte von ihr ist tot.

So sieht die Gestalt aus, die Tag für Tag – geschminkt und bemalt, um die Sonne zu verhöhnen – langsam durch das Gedränge gefahren wird; sie sieht sich nach dem guten alten Geschöpf um, das eine solche Mutter war, und verzieht den Mund, wenn sie vergeblich nach ihr späht. So sieht die Gestalt aus, die man in einem Räderbett an den Meeresstrand bringt und dort ruhen läßt. Aber kein Wind kann ihr Frische zuwehen, und das Gemurmel des Ozeans hat kein beruhigendes Wort für sie. Sie liegt da und hört es stundenlang; aber die Sprache ist ihr unbekannt und dunkel. Auf ihrem Gesicht ist Furcht zu lesen, und wenn ihre Augen über die Fläche hinwandern, sehen sie nur einen breiten Strich Öde zwischen Erde und Himmel.

Florence wird nur selten zu ihr gelassen, und wenn es geschieht, so ist sie ärgerlich und zankt. Edith ist immer an ihrer Seite und hält Florence fern. Florence aber, wenn sie nachts in ihrem Bett liegt, zittert bei dem Gedanken an den Tod in einer solchen Gestalt, kann oft lange nicht schlafen und lauscht in der Meinung, er sei gekommen. Niemand verpflegt die Kranke als Edith; denn es ist besser, daß nur wenige Augen sie sehen. Die Tochter wacht allein an ihrem Lager.

Es fällt ein weiterer Schatten auf das umschattete Gesicht; die spitzigen Züge werden noch spitziger, und der Schleier vor den Augen verdichtet sich zu einem schwarzen Tuch, das die trübe Welt ausschließt. Ihre unsicheren Hände liegen über der Decke matt Fläche an Fläche, bewegen sie nach der Tochter hin, und eine Stimme – ungleich der ihrigen und ungleich jeder Stimme, die in unserer sterblichen Sprache redet – sagt:

»Denn ich habe dich erzogen!«

Tränenlos kniet Edith neben dem Bett nieder, um dem ersterbenden Haupt ihre Stimme näher zu bringen und erwidert:

»Mutter, könnt Ihr mich hören?«

Die Augen weit aufsperrend, versucht sie mit Nicken zu antworten.

»Erinnert Ihr Euch der Nacht vor meiner Hochzeit?«

Der Kopf ist regungslos, drückt aber einigermaßen eine Bejahung aus.

»Ich sagte Euch damals, daß ich Euch Eure Beteiligung dabei verzeihe, und flehte zu Gott, daß er mir auch die meinige vergebe. Ich erklärte Euch, daß die Vergangenheit jetzt zwischen uns abgeschlossen sei. Ich sage das wieder. Küßt mich, Mutter.«

Edith berührt die weißen Lippen, und für einen Moment ist alles still. Einen Augenblick nachher richtet sich ihre Mutter mit ihrem mädchenhaften Lachen und dem Skelett der Kleopatra-Manier in ihrem Bette auf.

Laßt diese rosenfarbigen Vorhänge nieder. Außer dem Wind und den Wolken ist auch etwas anderes auf der Flucht! Laßt die rosenfarbigen Vorhänge nieder!

Die Nachricht von dem Ereignis ergeht an Mr. Dombey in London, der dem Vetter Feenix, der sich noch nicht zur Abreise nach Baden-Baden hat entschließen können und gleichfalls schon von dem Vorgang unterrichtet ist, einen Besuch macht. Ein so gefälliges Wesen, wie Vetter Feenix, ist gerade der rechte Mann für Trauungen sowohl wie für Leichenbegängnisse, und seine Stellung in der Familie gibt ihm ein Recht, zu Rat gezogen zu werden.

»Dombey«, sagte Vetter Feenix, »bei meiner Seele, ich bin erschüttert, Euch um eines so traurigen Anlasses willen bei mir zu sehen. Meine arme Tante! Sie war eine fabelhaft lebhafte Frau.«

»Jawohl«, versetzte Mr. Dombey.

»Und Ihr wißt, sie hat sich beziehungsweise ganz jung gemacht«, sagte Vetter Feenix. »Am Tage Eurer Trauung meinte ich wahrhaftig, sie könne wohl noch zwanzig Jahre aushalten. Ich sagte dies auch bei Brooks zu dem kleinen Billy Joper – Ihr kennt ihn ohne Zweifel – dem Mann mit einem Glas in seinem Auge?«

Mr. Dombey macht eine verneinende Gebärde.

»Ich möchte wegen ihrer Beisetzung hören, ob Ihr – – –«

»Ah, bei meinem Leben«, sagt Vetter Feenix und streichelt mit dem bißchen Hand, das unter seinen Manschetten hervorsteht, das Kinn, »ich weiß in der Tat nicht. In dem Park bei meinem Haus ist ein Mausoleum. Aber ich fürchte, es bedarf sehr der Ausbesserung, da es sich wahrhaftig in einem miserablen Zustand befindet. Wenn ich mich nicht meist auswärtig aufhielte, so würde ich schon Sorge getragen haben; aber ich glaube, die Leute kommen und machen dorthin Picknick-Ausflüge innerhalb der eisernen Geländer.«

Mr. Dombey sieht ein, daß dies nicht angehen würde.

»Es ist eine ungemein schöne Kirche im Dorf«, sagt Vetter Feenix nachdenkend, »rein im ersten anglonormannischen Stil gehalten, und man hat einen bewundernswürdigen Kupferstich von ihr – Zeichnung von Lady Jane Finchbury – sehr geschnürte Dame. Ich hörte übrigens, die Kirche sei durch den Maler sehr verdorben worden.«

»Vielleicht Brighton selbst«, deutete Mr. Dombey an.

»Auf meine Ehre, Dombey, ich glaube nicht, daß wir etwas Besseres tun könnten«, sagt Vetter Feenix. »Ihr seht, man ist schon am Platz, und der Ort wäre recht angenehm.«

»Und wann ist es Euch gelegen?« fragt Mr. Dombey.

»Es ist eine Ehrensache für mich, auf jeden Tag zuzusagen, der Euch passend dünkt«, antwortete Vetter Feenix. »Mit dem größten Vergnügen – natürlich mit wehmütigem Vergnügen – werde ich meine arme Tante begleiten zu den Schranken des – – ja, zum Grabe«, fügt Vetter Feenix bei, da ihm der Schwung der andern Phrase nicht gelingen will.

»Könnt Ihr am Montag von London abkommen?« fragt Mr. Dombey.

»Der Montag ist mir vollkommen gelegen«, erwidert Vetter Feenix.

Demgemäß verspricht Mr. Dombey, an dem besagten Tag Vetter Feenix abzuholen, und verabschiedet sich. Vetter Feenix begleitet ihn bis zur Treppe und bemerkt noch: »Es tut mir in der Tat außerordentlich leid, Dombey, daß Ihr in der Sache so viele Mühe habt«, worauf Mr. Dombey antwortet: »Durchaus nicht.«

Zu der bestimmten Zeit treffen Vetter Feenix und Mr. Dombey zusammen, fahren nach Brighton und begleiten, in ihren zwei Personen alle übrigen Leidtragenden vertretend, die Überreste der hingeschiedenen Dame nach ihrer Ruhestätte. Vetter Feenix, der in dem Trauerwagen sitzt, bemerkt auf der Straße zahllose Bekannte, nimmt aber anstandshalber keine andere Rücksicht auf sie, als daß er sie Mr. Dombey laut nennt; zum Beispiel: »Tom Johnson. Mann mit Korkbein – kenne ihn von White. Wie, Ihr auch da, Tommy? Vernarrt in eine Vollblutstute. Die Smalder-Mädchen«, und so weiter. Bei der Feierlichkeit ist Vetter Feenix traurig; denn er weiß, bei solchen Gelegenheiten müsse man die Leute glauben machen, daß man wirklich erschüttert sei. Zudem sind seine Augen, nachdem die Sache vorüber ist, in der Tat feucht. Er sammelt sich jedoch bald wieder, und das Gleiche ist der Fall bei dem Rest der Freunde und Verwandten von Mrs. Skewton, über die der Major in seinem Klub unaufhörlich zu erzählen weiß, daß sie sich nie warm genug gekleidet habe. Die junge Dame mit dem Rücken dagegen, die so viel mit ihren Augenlidern zu schaffen hatte, sagt mit einem Seufzer, sie müsse ungeheuer alt gewesen sein und habe einen entsetzlichen Tod erlitten; man dürfe nur nicht davon reden.

So liegt Ediths Mutter in ihrem Grabe, und nichts bleibt von ihr zurück in der Erinnerung ihrer lieben Freundinnen, die taub sind gegen die Wellen, die heiser ihr Geheimnis wiederholen, nichts von dem am Ufer aufgehäuften Sand sehen und keine Augen haben für die weißen Arme, die im Mondlicht nach dem fernen, unsichtbaren Lande winken. Aber an dem Saume des unbekannten Meeres geht alles in der gewohnten Weise fort, und Edith, die allein dasteht und auf die Stimme der Wellen lauscht, sieht das moderige Schilf zu ihren Füßen, das ihren ganzen Lebenspfad bestreuen soll.

 

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