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Dombey und Sohn - Band 1

Charles Dickens: Dombey und Sohn - Band 1 - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn - Band 1
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Veränderungen.

»So ist endlich der Tag gekommen, Susanna«, sagte Florence zu der trefflichen Nipper, »der uns zurückbringen soll nach unserer ruhigen Heimat.«

Susanna atmete mit einem Ausdruck, der sich nicht gut beschreiben läßt, tief ein, erleichterte ihre Gefühle noch weiter mit einem kurzen Husten und erwiderte:

»In der Tat sehr ruhig. Miß Florence, ohne Zweifel, im höchsten Grade ruhig.«

»Hast du, als ich noch jünger war«, fuhr Florence nach einem kurzen Nachsinnen gedankenvoll fort, »je den Gentleman gesehen, der sich nun schon dreimal die Mühe nahm, herunterzureiten, um mit mir zu sprechen – ich denke, es war dreimal, Susanna?«

»Ja, dreimal, Miß«, versetzte die Nipper. »Einmal waret Ihr auf einem Spaziergang ausgegangen mit jenen Sket –«

Florence blickte sie sanft an, und Miß Nipper hielt inne.

»Mit Sir Barnet und seiner Lady, wollte ich sagen. Miß, und mit dem jungen Gentleman. Und seitdem wieder an zwei Abenden.«

»Sahst du jenen Gentleman je in unserm Hause, Susanna, als ich noch ein Kind war und Gesellschaft zu kommen pflegte, um den Papa zu besuchen?« fragte Florence.

»Ach, Miß«, entgegnete Susanna, »wenn ich mich auch hin und her besinne, kann ich wahrhaftig doch nicht sagen, daß ich ihn je gesehen hätte. Als Eure liebe arme Ma starb, Miß Florence, war ich, Ihr wißt es ja, noch sehr neu in der Familie, und mein Element« – Miß Nipper warf sich in die Brust, als sei sie der Ansicht, daß ihre Verdienste von Mr. Dombey stets in den Schatten gestellt wurden – »bestand in dem Dachstübchen unter dem Boden.«

»Da konntest du natürlich alle die nicht kennenlernen«, versetzte Florence, noch immer gedankenvoll, »die ins Haus kamen. Ich habe das ganz vergessen.«

»Nein, Miß«, sagte Susanna; »aber wir sprachen viel von der Familie und den Besuchen, und da hörte ich allerlei, obschon die Wärterin vor Mrs. Richards in meiner Gesellschaft allerlei unangenehme Bemerkungen machte und gerne von kleinen Nasenweisen sprach, doch dies konnte nur seinen Grund in der Trunksucht des armen Geschöpfs haben« – fügte Miß Nipper mit gefaßter Nachsicht bei – »um derentwillen sie das Haus verlassen mußte.«

Florence, die an dem Fenster ihres Gemaches saß, das Gesicht auf ihrer Hand ruhen ließ und zum Fenster hinaussah, war so in Gedanken vertieft, daß sie kaum zu hören schien, was Susanna sagte.

»Jedenfalls erinnere ich mich sehr gut, Miß«, fuhr Susanna fort, »daß der gleiche Gentleman, Mr. Carker, in der guten Meinung Eures Vaters damals fast eben, wo nicht ganz so hoch stand, wie jetzt. Man pflegte zu jener Zeit im Hause zu sagen, Miß, er stehe in der City an der Spitze von allen Angelegenheiten Eures Vaters und verwalte das Ganze, Euer Vater nehme mehr Rücksicht auf ihn, als auf irgend jemanden, was, mit Eurer Erlaubnis, Miß Florence, nicht eben hoch geschworen ist, da er sich um andere Personen gar nicht kümmert. Dies merkte ich wohl, wie sehr ich auch ein Naseweis gewesen sein mag.«

In beleidigtem Hinblick auf die Wärterin vor Mrs. Richards legte Susanna Nipper auf das Wort »Naseweis« einen besonders kräftigen Nachdruck.

»Und daß Mr. Carker nicht in Ungnade geriet, Miß«, sagte sie weiter, »sondern seinen Boden behauptete und stets bei Eurem Vater in Kredit blieb, weiß ich aus dem, was jener Perch, so oft er ins Haus kommt, unter unsern Leuten erzählte. Dabei ist Perch das schwächste Rohr in der Welt, Miß Floy, und niemand kann es auch nur einen Augenblick mit dem Menschen aushalten, indes weiß er doch ziemlich gut, was in der City vorgeht, und er sagt, Euer Vater unternehme nichts ohne Mr. Carker, überlasse alles Mr. Carker, handle stets nach Mr. Carkers Rat und habe Mr. Carker stets an seiner Seite. Deshalb glaube ich auch, dieser schwächste von allen Perchen ist der Ansicht, daß nach Eurem Vater der Kaiser von Indien nur ein neugeborenes Kind sei gegen Mr. Carker.«

Nicht ein Wort dieses Redeschwalls ging an Florence verloren, die, nachdem Miß Nippers Vortrag ihr Interesse geweckt hatte, nicht länger zerstreut ins Freie hinausschaute, sondern nach ihrer Gefährtin zurückblickte und ihr aufmerksam zuhörte.

»Ja, Susanna«, sagte sie, nachdem diese junge Dame zum Schluß gekommen war, »es kann nicht fehlen, daß er ein Freund meines Papas ist und in dessen Vertrauen steht.«

Florences Geist hatte sich schon seit einigen Tagen viel mit diesem Gegenstand beschäftigt. Bei Gelegenheit der zwei Besuche, die jenem ersten folgten, hatte sich Mr. Carker eine Vertraulichkeit gegen sie herausgenommen – ein gewisses Recht, den Geheimnisvollen zu spielen, indem er ihr sagte, daß von dem Schiff noch immer keine Nachrichten eingelaufen – eine Art milder verhaltener Gewalt und Autorität über sie, die sie in Erstaunen setzte und ihr nicht wenig Unruhe bereitete. Sie hatte nicht die Mittel, diese Aufdringlichkeit zurückzuweisen oder sich von dem Gewebe zu befreien, das er allmählich um sie spann; denn einer solchen Annäherung zu begegnen, wären Schlauheit und Weltkenntnis erforderlich gewesen, die Florence abgingen. Allerdings hatte er nichts weiter zu ihr gesagt, als daß keine Neuigkeiten von dem Schiff eingelaufen seien und er darum das Schlimmste fürchte; aber wie konnte er wissen, daß sie sich für das Schiff interessierte. Welches Recht aber hatte er, seine Kunde davon ihr so schleichend und rätselhaft mitzuteilen? Das waren Umstände, die Florence sehr beunruhigten.

Mr. Carkers Benehmen und die Tatsache, daß Florence so oft staunend und besorgt sich Gedanken darüber machte, begannen dem Geschäftsführer in den Augen des armen Mädchens einen unheimlichen Zauber zu verleihen. Wenn sie sich sein Gesicht, seine Stimme und sein Wesen, das sie bisweilen vor sich heraufbeschwor, vergegenwärtigte und seine Persönlichkeit durch eine andere ihr liebevolle Gestalt zu überwinden suchte, war jener schattenhafte Eindruck nicht zu beseitigen. Und doch war sein Gesicht nie finster. Er blickte sie nie mit der Miene der Abneigung oder Feindseligkeit an, sondern benahm sich stets heiter und lächelnd.

Wenn dann Florence wieder auf den Entschluß zurückkam, den sie ihrem Vater gegenüber gefaßt hatte, und sie sich vorhielt, daß die zwischen ihnen bestehende Entfremdung, freilich ohne ihre Absicht, in ihr selbst begründet sei, so fiel der Gedanke nunmehr doppelt ins Gewicht, dieser Gentleman sei sein vertrauter Freund. Sie fragte sich mit klopfendem Herzen, ob nicht das in ihrem Innern kämpfende Gefühl der Abneigung und Furcht ein Teil jenes Unglücks sei, das ihr die Liebe des Vaters geraubt und sie so einsam in die Welt hingestellt hatte. Sie fürchtete, dies möchte der Fall sein, und glaubte es bisweilen sogar. Deshalb beschloß sie, diese ungerechte Gesinnung zu unterdrücken, und überredete sich, in der Aufmerksamkeit eines Freundes ihres Vaters liege eine Ehre und eine Ermutigung für sie, und das Vertrauen, das sie in ihn setze, werde zuletzt ihre wunden Füße über den steinigen Pfad wegführen, der in dem Herzen ihres Vaters endete.

In solcher Weise und allen Rats entbehrend – denn sie konnte sich niemandem gegenüber aussprechen, ohne daß es den Anschein gewann, als wollte sie Klage erheben – trieb sich die arme Florence auf einem stürmischen Meer von Zweifeln und Hoffnungen umher, während Mr. Carker gleich einem schuppigen Ungeheuer der Tiefe unten schwamm und sein funkelndes Auge auf sie geheftet hielt.

Bei alledem hatte Florence einen neuen Grund, sich wieder in die Heimat zu wünschen. Das einsame Leben paßte besser zu dem Strom ihrer scheuen Hoffnungen und Besorgnisse, und bisweilen fürchtete sie, daß durch ihre Abwesenheit irgendein verheißungsvoller Zufall, dem Vater ihre Liebe kundzugeben, versäumt werden könne. Der Himmel weiß, in dieser Beziehung hätte sich das erniedrigte Kind wohl beruhigen dürfen. Aber das verschmähte Herz pochte in ihr, selbst während des Schlafes, flog fort in ihren Träumen und schmiegte sich gleich einem zurückkehrenden Zugvogel an die väterliche Brust.

Auch an Walter dachte sie oft – ach, wie oft, wenn in düsteren Nächten der Wind um das Haus brauste. Aber die Hoffnung lebte kräftig in ihrem Innern. Selbst bei Erfahrungen wie den ihrigen wurde es einer warmen jugendlichen Seele schwer, der Vorstellung Raum zu geben, Jugend und Feuer könnten erlöschen wie eine schwache Flamme und der helle hoffnungsstarke Tag sich mitten auf seiner Lebenshöhe zur Nacht umwandeln. Zwar vergoß sie häufig Tränen über Walters mutmaßliche Leiden; aber der Gedanke an seinen Tod konnte nur selten und nie für lange in ihrem Innern Boden gewinnen.

Sie hatte dem alten Instrumentenmacher geschrieben; aber sie hatte keine Antwort erhalten, da letztere überhaupt nicht verlangt worden war. So standen die Angelegenheiten an dem Morgen, als Florence freudig den Heimweg antrat, um ihr einsames Leben wieder aufzunehmen.

Doktor und Mrs. Blimber waren in Begleitung ihres nur ungern mitziehenden Pfleglings, des Master Barnet, bereits nach Brighton zurückgekehrt, wo der junge Gentleman mit den übrigen Wallfahrern zum Parnaß ohne Zweifel unablässig beschäftigt war, die Studien wieder aufzunehmen. Die Ferien waren vorüber, die meisten jugendlichen Gäste hatten sich entfernt, und auch Florences langer Besuch nahm jetzt ein Ende.

Es war indessen noch ein anderer Gast zugegen, der zwar nicht im Hause wohnte, aber doch der Familie seine größte Aufmerksamkeit widmete und ihr fortwährend sehr zugetan blieb. Wir meinen niemanden anders als Mr. Toots. Dieser Gentleman hatte vor einigen Wochen die Bekanntschaft wieder aufgenommen, die ihn an jenem Abend, der ihn der Blimberschen Knechtschaft entriß und ihm mit dem Ring am Finger den Aufschwung in die Luft der Freiheit öffnete, so glücklich mit Skettles junior zusammenführte. Man machte regelmäßig jeden zweiten Tag einen Besuch. Bei diesen Gelegenheiten verbrauchte er an der Hallentür ein ganzes Paket Karten, so daß es den Anschein gewann, als sei Mr. Toots in einer Whist-Partie der Ausgeber und der Diener die mitspielende Person.

In der kühnen und glücklichen Idee, die wahrscheinlich ihren Ursprung in dem gärenden Hirn des Preishahns gewonnen, die Familie zu hindern, daß sie sein nicht vergesse, hatte sich Mr. Toots einen sechsruderigen Kutter angeschafft, der von den fahrlustigen Freunden des besagten Preishahns bemannt und von diesem hohen Charakter in Person gesteuert wurde. Der edle Steuermann trug zu diesem Zweck einen hellroten Feuermannsrock und verbarg das blaue Auge, mit dem er stets behaftet war, unter einem grünen Schirme. Vor der Erwerbung dieses Fahrzeugs holte Mr. Toots den Preishahn über einen hypothetischen Fall aus, indem er ihn fragte, wie er wohl das Schifflein nennen würde, wenn es ihm selbst gehörte und er in eine junge Dame, namens Mary, verliebt wäre. Der Preishahn erwiderte unter verschiedenen kräftigen Beteuerungen, daß unter solchen Umständen der Kutter den Namen »Poll« oder »des Preishahns Lust« führen müßte. Auf dieser Idee fortbauend, und unter Anwendung tiefen erfinderischen Studiums beschloß Mr. Toots, das Fahrzeug »Toots' Freude« zu taufen – als zartes Kompliment auf Florence, das nicht wohl jemand, der die beteiligten Personen kannte, mißverstehen konnte.

In seiner wackern Barke auf ein Scharlachpolster ausgestreckt und die Schuhe am Bordsrand trocknen lassend, war Mr. Toots wochenlang Tag um Tag den Fluß heraufgekommen. Bei solchen Gelegenheiten ließ er in der Nähe von Sir Barnets Garten die kunstgerechtesten Schwenkungen ausführen und die »Toots' Freude« in so bewunderungswürdiger Weise manöverieren, daß die Uferbewohner in das größte Erstaunen gerieten. So oft er aber jemand in dem bis ans Wasser hinunterlaufenden Garten des Sir Barnet bemerkte, tat er stets, als müsse er infolge einer Verkettung der auffallendsten Umstände daselbst hart am Lande vorbeifahren.

»Wie geht es Euch, Toots?« pflegte ihm Mr. Barnet zuzurufen und winkte vom Rasen aus ihm mit der Hand zu, während der verschmitzte Preishahn scharf uferwärts steuerte.

»Wie geht es Euch, Sir Barnet?« lautete Mr. Toots' Antwort. »Wie überraschend, daß ich Euch hier sehe.«

In seiner Schlauheit brauchte Mr. Toots stets die Phrase, als ob nicht Sir Barnets Haus in Flußnähe stände, sondern das, was er sah, irgendein verlassenes Gebäude an den Ufern des Nil oder des Ganges wäre.

»In meinem Leben ist mir nie eine solche Überraschung vorgekommen«, konnte Mr. Toots rufen. – »Ist Miß Dombey da?«

Vielleicht war sie in der Nähe und kam herzu.

»O, Diogenes ist ganz wohl, Miß Dombey«, pflegte dann Mr. Toots zu sagen. »Ich bin heute morgen dort gewesen, um nachzufragen.«

»Ich danke Euch recht sehr«, erwiderte Florences liebliche Stimme.

»Wollt Ihr nicht ans Land kommen, Toots?« nahm vielleicht Barnet das Gespräch wieder auf. »Ihr habt ja keine Eile. Kommt und macht uns einen Besuch.«

»O, es ist nicht von Belang – danke Euch!« konnte Toots errötend entgegnen. »Ich dachte nur, es könnte für Miß Dombey von Interesse sein, dies zu erfahren – das ist alles. Gott befohlen!«

Und der arme Toots, der vor Sehnsucht verging, die Einladung anzunehmen, gab mit blutendem Herzen dem Preishahn das Signal, worauf »Toots' Freude« wie ein Pfeil durch das Wasser weiterschoß.

An dem Morgen vor Florences Abreise lag der Kutter im Zustande außerordentlichen Glanzes vor der Treppe zum Garten, und als Miß Dombey aus ihrem Gemach herunterkam, um sich zu verabschieden, fand sie im Besuchszimmer Mr. Toots, der sie erwartete.

»O, wie geht es Euch, Miß Dombey?« begann der junge Gentleman, der, wenn er den sehnlichsten Wunsch seines Herzens, sie sprechen zu können, erreicht hatte, stets schrecklich verlegen war. »Im übrigen – ich bin in der Tat recht wohl und hoffe, bei Euch ist es auch der Fall. Auch bei Diogenes habe ich es gestern so gefunden.«

»Ihr seid sehr gütig«, versetzte Florence.

»Danke Euch, – es ist nicht von Belang«, entgegnete Mr. Toots. »Ich dachte, Ihr hättet vielleicht Lust, bei diesem schönen Wetter die Rückreise zu Wasser zu machen, Miß Dombey. Das Boot hat Platz genug für Euch und Euer Mädchen.«

»Ich bin Euch sehr verbunden«, erwiderte Florence zögernd. »Ich weiß in der Tat – nein, ich will es lieber nicht tun.«

»O, es macht ja nichts«, sagte Mr. Toots. »Guten Morgen!«

»Wollt Ihr nicht ein wenig warten, bis Lady Skettles kommt?« fragte ihn Florence freundlich.

»O nein, danke Euch«, versetzte Mr, Toots, »es macht durchaus nichts.«

So scheu und verwirrt benahm sich Mr. Toots bei derartigen Anlässen! Da jedoch in diesem Augenblicke Lady Skettles eintrat, so wurde er plötzlich von einer wahren Leidenschaft ergriffen, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen und seine Hoffnung auszudrücken, daß sie recht wohl sei. Auch konnte er nicht aufhören, ihr die Hand zu reichen, bis Sir Barnet erschien, an den er sich sodann mit der Zähigkeit der Verzweiflung anklammerte.

»Ich kann Euch versichern, Toots«, sagte Sir Barnet mit einem Hinweis auf Florence, »daß wir heute das Licht unseres Hauses verlieren.«

»O, es macht – – ja, freilich etwas aus, wollte ich sagen«, stotterte Toots. »Recht guten Morgen!«

Ungeachtet dieser sehr nachdrücklichen Verabschiedung blieb doch Mr. Toots, statt sich zu entfernen, mit großen Augen stehen und blickte ausdruckslos umher. Um ihm aus seiner Verlegenheit zu helfen, sagte Florence der Lady Skettles unter vielen Dankesbezeugungen Lebewohl und reichte Sir Barnet ihren Arm.

»Meine teure Miß Dombey«, bemerkte Sir Barnet, als er den scheidenden Gast nach dem Wagen hinführte, »darf ich Euch bitten, Eurem lieben Papa meine besten Grüße auszurichten?«

Dieser Auftrag setzte Florence in große Betrübnis, denn es kam ihr vor, als täusche sie Sir Barnet, wenn sie ihn in dem Glauben lasse, eine ihr bewiesene Liebe gelte ebensogut auch ihrem Vater. Da sie jedoch hierüber keine Erklärung geben konnte, so neigte sie bloß das Haupt und dankte ihm. Dabei machte sie sich Gedanken, daß das einsame Haus, wo sie mit solchen Verlegenheiten, die nur ihren Schmerz erhöhen konnten, verschont blieb, die natürlichste und beste Zuflucht sei.

Diejenigen unter ihren neuen Bekannten, die sich noch in der Villa befanden, kamen jetzt aus dem Hause und Garten herbei, um sich von ihr zu verabschieden. Alle hatten sie lieb gewonnen und sagten ihr ein herzliches Lebewohl. Sogar dem Gesinde tat es leid, daß sie ging, und die Dienerschaft sammelte sich jetzt unter Knixen und Verbeugungen um den Kutschenschlag. Florence sah sich unter den freundlichen Gesichtern um. Sir Barnet mit seiner Gattin war zugegen, und in der Ferne bemerkte sie den kichernden Mr. Toots, der mit großen Augen nach ihr hinschaute. Das erinnerte sie an den Abend, an dem sie mit Paul Doktor Blimbers Anstalt verließ, und als der Wagen abfuhr, war ihr Antlitz feucht von Tränen.

Schmerzliche Tränen, aber zugleich auch Tränen des Trostes, denn jetzt tauchten alle die sanften Erinnerungen wieder in ihr auf, die ihr das öde alte Haus, nach dem sie zurückkehrte, teuer machten. Wie lange erschien ihr nicht der Zwischenraum, seit sie durch die schweigenden Zimmer gewandelt war – seit sie zum letzten Male leise und verstohlen nach dem Gemach ihres Vaters hinuntergeschlichen – seit sie den ernsten, aber doch beschwichtigenden Einfluß des geliebten Toten in jeder Handlung ihres Lebens empfunden hatte! Außerdem erinnerte sie dieser Abschied an ihr Lebewohl von dem armen Walter – an seine Blicke und Worte an jenem Abend, an das liebliche Zusammen von entschlossenem Mut und inniger Zärtlichkeit für die Zurückbleibenden, das sie an ihm bemerkt hatte. Auch seine kleine Geschichte stand im Zusammenhang mit dem alten Haus und verlieh diesem neue Ansprüche an ihr Herz.

Sogar Susanna Nipper fühlte eine mildere Stimmung gegen die Heimat so vieler Jahre, als sie auf dem Rückweg nach ihr hin begriffen waren, und obschon sie dem Düster des Hauses nur strenge Gerechtigkeit widerfahren lassen wollte, konnte sie ihm doch auch viel Nachsicht nicht versagen.

»Ich leugne es nicht, daß ich mich freue, wieder hinzukommen, Miß«, sagte die Nipper. »Das Haus hat zwar nicht viel, dessen es sich rühmen kann; aber ich möchte doch nicht, daß es in Flammen aufginge oder niedergerissen würde.«

»Du wirst froh sein, wieder durch die alten Zimmer gehen zu können – meinst du nicht, Susanna?« versetzte Florence lächelnd.

»Nun, Miß«, entgegnete die Nipper, deren Stimmung immer milder und milder wurde, je näher sie der Wohnung kamen, »ich will das nicht in Abrede stellen, obschon es recht wohl möglich ist, daß ich sie morgen wieder hassen werde.«

Für ihre Person fühlte Florence, daß dort ein größerer Friede zu finden sei als anderswo. Sie konnte ihr Geheimnis weit besser und leichter bewahren, wenn sie es in den hohen düstern Wänden einschloß, als wenn sie es mit sich ins Licht hinausnahm und versuchen mußte, es vor einer Menge glücklicher Augen zu verbergen. Sie konnte in der Einsamkeit dem Studium ihres liebenden Herzens viel mehr obliegen und hatte keine liebenden Herzen um sich her, die entmutigend auf sie wirkten. In dem ruhigen Heiligtum ihrer Erinnerungen konnte sie viel leichter und unbekümmerter hoffen, beten und fortlieben, ob auch alles um sie her moderte, rostete und verfiel. Ein neuer Schauplatz, wie heiter er auch sein mochte, gab ihr keine Gelegenheit dazu. Der alte Zaubertraum ihres Lebens war ihr willkommen, und sie sehnte sich darnach, wieder einmal die alte dunkle Tür hinter sich abschließen zu können.

Während sie mit solchen Gedanken erfüllt war, bog der Wagen in die lange düstere Straße ein. Florence saß nicht auf der Seite, die ihrem Hause zugekehrt war, und als sie diesem sich hinreichend genähert hatte, blickte sie zu den Fenstern hinaus nach den Kindern über der Straße drüben.

Als sie noch damit beschäftigt war, bewog sie ein Ausruf ihrer Gefährtin, plötzlich zurückzuschauen.

»Gütiger Himmel!« rief Susanna atemlos. »Wo ist denn unser Haus?«

»Unser Haus?« versetzte Florence.

Susanna, die den Kopf aus dem Kutschenfenster zurückgezogen hatte, steckte ihn wieder hinaus, und als der Wagen haltmachte, blickte sie abermals zurück, mit großem Erstaunen ihre Gebieterin ansehend.

Um das ganze Haus her von der Grundmauer an bis zum Dach war ein Labyrinth von Gerüsten aufgeschlagen. Ladungen von Ziegeln und Steinen, Haufen von Mörtel und hohe Holzschichten versperrten auf dieser Seite die halbe Breite und Länge der weiten Straße. An den Wänden lehnten Leitern, an denen Arbeiter auf- und niederstiegen. Auf den Brettern des Gerüstes waren Männer eifrig beschäftigt. Im Innern trieben sich Anstreicher und Dekorateure um. Aus einem Wagen vor der Tür wurden große Rollen von Tapeten abgeladen. Auch ein Tapeziererwagen versperrte den Weg. Durch die offenen und zerbrochenen Fenster der Zimmer war nirgends Möbelwerk zu sehen, und von der Küche unten bis hinauf zur Dachkammer wimmelte es von Arbeitern, die sich mit ihren verschiedenen Arbeitsgeräten umhertummelten. Innen und außen die gleiche Verwirrung. Maurer, Zimmerleute und Gipser – Hämmer, Sägen, Spitzäxte und Mörteltröge – alles zusammen arbeitend in vollem Chor.

Florence stieg aus der Kutsche, halb im Zweifel, ob dies wirklich das rechte Haus sein könne, bis sie Towlinson erkannte, der mit sonnverbranntem Gesichte unter der Tür stand, um sie zu bewillkommen.

»Es ist doch nichts vorgefallen?« fragte Florence.

»O nein, Miß.«

»Ich bemerke, daß hier große Veränderungen vorgehen.«

»Ja, Miß – große Veränderungen«, sagte Towlinson.

Als sei alles nur ein Traum, ging Florence an ihm vorbei und eilte die Treppe hinauf. Durch die lang verdunkelten Besuchszimmer strahlte das grellste Licht. Tritte und Plattformen waren darin angebracht, und auf den erhöhten Plätzen standen Männer mit Papiermützen. Das Porträt ihrer Mutter war samt den übrigen Möbeln fortgeschafft worden, und an der Stelle, wo ersteres gehangen, stand mit Kreide angeschrieben: »Dieses Zimmer in Fächern. Grün und Gold.« Wie die Außenseite des Gebäudes bestand auch das Treppenhaus aus einem Irrgewinde von Pfählen und Brettern, während ein ganzer Olymp von Bleigießern und Glasern in verschiedenen Haltungen an den Hochlichtfenstern lehnten. Das Innere ihres eigenen Gemachs war noch nicht berührt worden, aber außen hatte man Balken und Bretter aufgerichtet, die das Tageslicht ausschlossen. Sie eilte schnell nach jenem andern Schlafgemach, wo das kleine Bett stand. Ein schwarzer, riesiger Mann mit einer Pfeife im Mund, dessen Kopf mit einem Taschentuch umwickelt war, glotzte zum Fenster herein.

Hier fand Susanna Nipper ihre Gebieterin, die sie aufgesucht hatte, und sagte zu ihr, ob sie nicht zu ihrem Papa hinuntergehen wolle, da dieser sie zu sprechen wünsche.

»Er ist zu Haus und wünscht mich zu sprechen?« rief Florence zitternd.

Susanne, die noch viel verwirrter war als ihre Gebieterin, wiederholte ihren Auftrag, und Florence eilte blaß und aufgeregt ohne Zögern wieder hinunter. Auf dem Wege dachte sie, ob sie es wohl wagen dürfe, ihn zu küssen. Ihr sehnendes Herz antwortete auf diese Frage mit Ja.

Ihr Vater hätte dieses Herz pochen hören können, als es in seine Nähe kam. Ein einziger Augenblick, und es würde an seiner Brust geschlagen haben.

Aber er befand sich nicht allein. Es waren zwei Damen zugegen, und Florence hielt inne. Sie rang einen so schweren Kampf mit der Erregung ihres Innern, daß sie ohnmächtig zu Boden gesunken sein würde, wenn nicht ihr unvernünftiger Freund Di hereingestürmt wäre und sie mit seinen Liebkosungen bewillkommnet hätte. Über diesen ungebetenen Gast stieß eine der Damen einen leichten Schrei aus, und das lenkte die Aufmerksamkeit Florences von ihr selbst ab.

»Florence«, sagte ihr Vater, indem er seine Hand so steif ausstreckte, daß die Tochter ihm nicht nahen konnte, »wie geht es dir?«

Florence ergriff die Hand mit der ihrigen, drückte sie schüchtern an ihre Lippen und fügte sich geduldig, als er sie wieder zurückzog. Diese Hand hätte nicht kälter eine Tür zudrücken können, als sie das arme Mädchen berührte.

»Was ist das für ein Hund?« fragte Mr. Dombey mißvergnügt.

»Es ist ein Hund, Papa – – von Brighton.«

»Schon gut!« versetzte Mr. Dombey, und eine Wolke ging über sein Gesicht; denn er verstand sie.

»Er ist ein sehr gutmütiges Thier«, sagte Florence, sich mit ihrer natürlichen Anmut und Milde an die beiden fremden Damen wendend, »und freut sich nur, mich zu sehen. Ich bitte für ihn um Verzeihung.«

Der Austausch der Blicke belehrte sie, daß die sitzende Dame, die geschrien hatte, alt und die andere, die neben ihrem Vater stand, sehr schön und von eleganter Gestalt war.

»Mrs. Skewton«, sagte der Vater, sich an die erstere wendend und seine Hand ausstreckend, »dies ist meine Tochter Florence.«

»Wahrhaftig ganz bezaubernd«, bemerkte die Dame, von ihrem Augenglas Gebrauch machend. »So natürlich! Meine herzige Florence, Ihr müßt mich küssen, wenn Ihr so gut sein wollt.«

Nachdem Florence dieser Aufforderung entsprochen hatte, wandte sie sich an die andere Dame, an deren Seite ihr Vater stand.

»Edith«, sagte Mr. Dombey, »dies ist meine Tochter Florence. Florence, diese Dame wird bald deine Mama sein.«

Florence fuhr zusammen und blickte zu dem schönen Gesicht auf. Sie tat dies unter einem Widerstreit von Erregungen, in denen die Tränen, die dieser Name weckte, für einen Augenblick mit Überraschung, Teilnahme, Bewunderung und einer unbestimmten Furcht kämpften.

»O, Papa, mögt Ihr glücklich sein – sehr glücklich Euer ganzes Leben lang!« rief sie endlich und sank weinend der Dame an die Brust.

Es folgte ein kurzes Schweigen. Die schöne Dame, die anfangs nicht recht zu wissen schien, ob sie Florence entgegenkommen sollte oder nicht, hielt das Mädchen an ihrer Brust fest und drückte die sie umschlingende Hand, als wolle sie Florence ermutigen und trösten. Kein Wort glitt über ihre Lippen. Sie beugte sich zu Florence nieder und küßte sie auf die Wange, ohne jedoch zu sprechen.

»Wollen wir durch die Zimmer gehen und nachsehen, welche Fortschritte unsere Arbeiter machen?« fragte Mr. Dombey. »Gestattet mir, bitte, meine teure Madame.«

Mit diesen Worten bot er Mrs. Skewton seinen Arm. Diese hatte fortwährend Florence durch ihr Glas gemustert, als vergegenwärtige sie sich, was aus dem Mädchen werden könne, wenn demselben – ohne Zweifel aus ihrem eigenen, reichlich versehenen Vorratshaus – ein wenig mehr Herz und Natur eingegossen würde. Florence schluchzte noch immer an der Brust der jungen Dame und hielt sich an ihr fest, als man Mr. Dombey in dem Unterhaltungsraum sagen hörte:

»Wir wollen Edith fragen. Aber wo bleibt sie denn?«

»Edith, meine Liebe«, rief Mrs. Skewton, »wo bist du? Ich weiß, sie wird sich irgendwo nach Mr. Dombey umsehen. Wir sind hier, meine Liebe.«

Die schöne Dame ließ Florence los, drückte hastig noch einen Kuß auf ihr Antlitz und eilte fort, um sich den beiden anzuschließen. Florence blieb glücklich und bekümmert, freudig und in Tränen, allezumal, ohne daß sie wußte, wie dies kam, auf derselben Stelle stehen, bis ihre neue Mama zurückkehrte und sie wieder in ihre Arme nahm.

»Florence«, sagte die Dame rasch, indem sie ihr mit großem Ernst ins Gesicht sah, »du wirst gewiß nicht damit anfangen, daß du mich hassest?«

»Daß ich Euch hasse, Mama?« rief Florence, indem sie den Arm um ihren Hals schlang und den Blick mit Innigkeit erwiderte.

»Still! Fange damit an, daß du gut von mir denkst«, sagte die schöne Dame. »Glaube, daß ich versuchen will, dich glücklich zu machen, und daß ich darauf vorbereitet bin, dich zu lieben. Florence, Gott sei mit dir. Wir werden uns bald wiedersehen. Lebe wohl! Du darfst jetzt nicht hier bleiben.«

Sie drückte sie aufs neue an die Brust – ihre Worte waren zwar hastig, aber fest gewesen – und Florence sah, daß sie zu den andern in das nächste Zimmer zurückkehrte.

Florence begann jetzt der Hoffnung Raum zu geben, sie werde von ihrer neuen schönen Mama lernen können, wie sie die Liebe ihres Vaters gewinnen müsse. Als sie die erste Nacht wieder in ihrer alten Heimat schlief, lächelte ihre eigene Mama mit leuchtendem Antlitz dieser Hoffnung zu und segnete sie. Arme träumende Florence!

 

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