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Dombey und Sohn - Band 1

Charles Dickens: Dombey und Sohn - Band 1 - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn - Band 1
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Tiefere Schatten.

Mr. Carker, der Geschäftsführer, stand mit der Lerche auf und begab sich ins Freie, um sich in dem schönen Sommermorgen zu ergehen. Die Betrachtungen, denen er sich auf seinem Spaziergange mit gerunzelter Stirne hingab, schienen sich kaum so hoch aufzuschwingen wie die Lerche, oder die Richtung dieses heiteren Vogels einzuschlagen. Vielmehr hielten sie sich eher dicht an ihr Nest auf der Erde und sahen sich unter dem Staub und den Würmern um. Aber kein unsichtbar in der Luft singender Vogel befand sich weiter aus dem Bereich des menschlichen Auges als Mr. Carkers Gedanken. Er hatte sein Gesicht so vollkommen in seiner Gewalt, daß man über den Ausdruck desselben mit Bestimmtheit nicht viel weiter sagen konnte, als daß es lächelte oder tiefsinnig war. Eben jetzt war es sehr tiefsinnig, und je höher die Lerche sich erhob, desto tiefer senkten sich seine Gedanken. Je heller und kräftiger die Lerche ihre Melodien erschallen ließ, desto ernster und düsterer wurde sein Schweigen; und als endlich der glückliche Frühlingsvogel mit einem sich kräftigenden Gesangstrom zwischen dem in der Nähe grünenden und in der Morgenluft gleich einem Strome wallenden Weizen niedersank, sprang Mr. Carker aus seiner Träumerei auf und schaute plötzlich mit einem so geschmeidigen und sanften Lächeln umher, als wolle er zahllosen Beobachtern etwas Angenehmes sagen. Nachdem er also geweckt worden war, stellte sich kein Rückfall mehr ein; denn sein Gesicht klärte sich jetzt auf wie das eines Mannes, der bedacht hat, daß man allerlei darin lesen könnte; und er ging lächelnd weiter, als ob er sich in dieser Kunst üben wolle.

Vielleicht mit Rücksicht auf erste Eindrücke hatte Mr. Carker sich an jenem Morgen sehr sorgfältig und stattlich herausgeputzt. Obwohl er nach dem Beispiel des großen Mannes, dem er diente, stets etwas förmlich war in dem, was seine Kleidung anging, so trieb er es doch nicht bis zu Mr. Dombeys Steifheit. Denn er wußte vielleicht, daß er sich dadurch lächerlich gemacht haben würde und daß eben hierin ein weiteres Mittel lag, seine Anerkennung des Abstandes zwischen ihm und seinem Chef an den Tag zu legen. Manche Personen meinten zwar, er biete in dieser Beziehung einen merkwürdigen, nicht schmeichelhaften Kommentar zu seinem eiskalten Gebieter. Aber die Welt ist so geneigt zu Mißdeutungen, und man konnte Mr. Carker dafür nicht verantwortlich machen.

Reinlich, geschniegelt, hellen Teints, der in der Sonne sozusagen noch lichter wurde, und mit seinem zierlichen Tritt die Weichheit des Rasens noch erhöhend, ging Mr. Carker, der Geschäftsführer, in den Wiesen umher und glitt unter den Alleen weiter, bis es Zeit war, zum Frühstück zurückzukehren. Er wählte dafür, seine Zähne lüftend, einen nähern Weg und sprach dabei laut vor sich hin:

»Jetzt werden wir die zweite Mrs. Dombey sehen!«

Er war weit über die Stadt hinausgekommen und bog jetzt in einen angenehmen Spazierweg unter schattigen Bäumen ein, wo da und dort einzelne Bänke zur Ruhe einluden. Der Platz war nie sonderlich besucht und hatte namentlich in der stillen Morgenzeit ein sehr verlassenes, abgeschiedenes Aussehen, so daß Mr. Carker ganz allein zu sein glaubte. In der Stimmung eines müßigen Mannes, dem für Erreichung seines Bestimmungsortes, an dem er leicht in zehn Minuten anlangen konnte, noch zwanzig übrig blieben, ging Mr. Carker in einer Wellenlinie unter den großen Baumstämmen weiter, indem er den einen rechts, den andern links ließ, und so eine Kette von Fußstapfen auf den tauigen Boden zeichnete.

Er fand jedoch, daß er sich in seiner Ansicht, allein auf dem Spazierwege zu sein, getäuscht hatte; denn als er leise um den Stamm eines starken Baumes herumkam, an dem die harte Rinde knotig und rissig war, wie die Haut eines Nashorns oder irgendeines vorsintflutlichen Ungeheuers, sah er unerwartet auf einer nahe gelegenen Bank, um die er im nächsten Augenblick seine Kette geschlungen haben würde, eine Gestalt sitzen.

Es war die einer elegant gekleideten, sehr schönen Dame, deren dunkle, stolze Augen auf dem Boden hafteten, und in der irgendeine Leidenschaft oder ein Kampf zu toben schien. Während sie nämlich so niederschaute, hatte sie einen Teil ihrer Unterlippe eingekniffen, ihre Brust wogte, ihre Nasenlöcher dehnten sich aus, das Haupt bebte, auf ihrer Wange zeigten sich Tränen des Unmuts, und ihr Fuß war so fest auf das Moos gesetzt, als wolle sie es zu Nichts zertreten. Und doch belehrte ihn fast derselbe Blick darüber, daß die erwähnte Dame in der Haltung geringschätziger Sorgfalt aufstand und weiterging, ohne daß sich in ihrem Gesicht oder ihrer Figur etwas anderes ausdrückte, als eine unbekümmerte Schönheit und eine herrische Weltverachtung.

Auch ein welkes, sehr häßliches altes Weib, das weniger wie eine Zigeunerin, sondern eher wie jene Mischlingsrasse von Vagabunden gekleidet war, die abwechselnd unter Bettel, Diebstahl, Kesselflicken und Korbflechten das Land durchziehen, hatte der Dame aufgelauert; denn als sie sich erhob, trat ihr jene zweite Gestalt, die in seltsamer Weise fast aus dem Boden aufzusteigen schien, in den Weg.

»Ich will Euch prophezeien, meine schöne Dame«, sagte die Alte, die mit ihren Kinnbacken mummelte, als wolle der Totenkopf unter ihrer gelben Haut hervorbrechen.

»Ich kann das selbst«, lautete die Antwort.

»Ja, meine hübsche Dame, aber nicht recht. Ihr habt nicht gut prophezeit, als Ihr so dasaßet. Ich sehe Euch dies an! Gebt mir ein Silberstück, hübsche Dame, und ich will Euch Eure Zukunft der Wahrheit gemäß sagen. Es liegen Reichtümer in Eurem Gesicht, schöne Dame.«

»Ich weiß es«, entgegnete die Dame, mit düsterem Lächeln und stolzem Schritt an ihr vorbeigehend. »Es ist mir nichts Neues.«

»Wie – Ihr wollt mir nichts geben?« rief die Alte. »Ihr wollt mir nichts dafür geben, daß ich Euch Euer Glück voraussage, hübsche Dame? Wieviel erhalte ich dann, wenn ich es Euch nicht sage? Gebt mir etwas, oder ich rufe es Euch nach!« krächzte die Alte leidenschaftlich.

Mr. Carker, an dem die Dame eben vorbeizugehen im Begriff war, wich gegen einen Baum zurück, als sie seinen Pfad kreuzte, um in den Weg einzubiegen, und trat dann so weit vor, um sie von vorne zu sehen und seinen Hut vor ihr abziehen zu können. Dabei hieß er die Alte schweigen. Die Dame dankte für seine Dazwischenkunft mit Kopfneigen und ging ihres Weges.

»So gebt Ihr mir etwas, oder ich rufe es ihr nach!« schrie die Alte, ihre Arme aufwerfend und gegen seine ausgestreckte Hand vordringend. »Ja«, fügte sie bei, ihre Stimme plötzlich dämpfend, während sie ihn ernst ansah und für einen Augenblick den Gegenstand ihres Zorns zu vergessen schien, »gebt mir etwas, oder ich rufe es Euch nach!«

»Mir, alte Frau?« entgegnete der Geschäftsführer, die Hand in seine Tasche steckend.

»Ja«, sagte das Weib, in ihrer Musterung beharrlich fortfahrend und ihre welke Hand hinhaltend. »Ich weiß –«

»Was wißt Ihr?« fragte Carker, der ihr einen Schilling zuwarf. »Könnt Ihr mir sagen, wer die schöne Dame ist?«

Mummelnd gleich dem Matrosenweib der alten Sage mit den Kastanien im Schoß, und finster blickend, wie die Hexe, die vergeblich einige davon forderte, las die Alte den Schilling auf und ging dann rückwärts wie ein Krebs oder wie ein Haufen von Krebsen; denn ihre abwechselnd sich ausbreitenden und wieder zusammenziehenden Hände konnten recht gut zwei Tiere dieser Art, und ihr kriechendes Gesicht noch ein halbes Dutzend davon vertreten. Auf der Wurzel eines alten Baumes sich niederkauend, zog sie aus der Krone ihres Hutes eine kurze schwarze Pfeife hervor, zündete sie mit einem Schwefelhölzchen an und rauchte stillschweigend, während sie zugleich den Frager fest ins Auge faßte.

Mr. Carker lachte und wandte ihr den Rücken zu.

»Gut!« sagte die Alte. »Ein Kind tot und ein Kind am Leben. Ein Weib tot und ein anderes, das kommt. Geht und seht sie.«

Der Geschäftsführer blickte unwillkürlich wieder zurück und machte halt. Die Alte, die ihre Pfeife nicht entfernt hatte und unter dem Rauchen fortwährend mummelte und schwatzte, als verkehre sie mit einem unsichtbaren vertrauten Geist, deutete mit dem Finger in die Richtung, in der er ging, und lachte.

»Was habt Ihr gesagt, Mütterchen?« fragte er.

Die Alte mummelte, rauchte fort und deutete noch immer vor sich hin, ohne ihr Schweigen zu unterbrechen. Mr. Carker brummte einen Abschied, der keineswegs schmeichelhaft war, und setzte seinen Weg fort. Als er jedoch am Ende des Platzes wieder nach dem alten Baum zurückschaute, konnte er sehen, wie der Finger noch immer in die Richtung seines Weges deutete, und er meinte das Weib kreischen zu hören: »Geht und seht sie!«

Er fand, daß im Gasthause Vorbereitungen zu einem auserlesenen Mahle getroffen worden waren. Mr. Dombey, der Major und das Frühstück harrten auf die Damen. Ohne Zweifel hat die individuelle Konstitution viel mit der Entwicklung solcher Tatsachen zu schaffen, aber in dem gegenwärtigen Falle zeigte sich der Appetit nur schlecht, der zarten Leidenschaft gegenüber. Mr. Dombey war sehr ruhig und gefaßt; der Major aber dampfte in einem Zustand großer Hitze und Aufregung. Endlich öffnete der Eingeborene die Tür, und nach einer Pause, die in seinem lässigen Schlendern durch die Galerie ihren Grund hatte, erschien eine sehr blühende, aber nicht sehr jugendliche Dame.

»Mein lieber Mr. Dombey«, begann die Dame, »ich fürchte, wir haben uns etwas verspätet; aber Edith ist schon aus gewesen, um einen günstigen Gesichtspunkt für eine Skizze zu suchen, und ließ mich warten. Treulosester aller Majore« – sie gab ihm ihren kleinen Finger – »wie geht es Euch?«

»Mrs. Skewton«, sagte Mr. Dombey, »erlaubt mir, meinem Freund Carker ein Vergnügen zu machen«, – Mr. Dombey legte unwillkürlich einen Nachdruck auf das Wort Freund, als wollte er sagen: ›Es ist nicht eigentlich so gemeint: ich erlaube ihm nur die Ehre einer solchen Auszeichnung‹, – »indem ich ihn Euch vorstelle. Ich habe Mr. Carkers bereits bei Euch gedacht.«

»Ich bin in der Tat ganz bezaubert«, entgegnete Mrs. Skewton huldreich.

Mr. Carker war natürlich auch bezaubert. Würde er es wohl noch mehr um Dombeys willen gewesen sein, wenn er in Mrs. Skewton, wie er anfangs glaubte, die Edith gefunden hätte, auf die sie abends zuvor den Toast ausbrachten?

»Ach, um Himmels willen, wo bleibt denn Edith?« rief Mrs. Skewton, sich umsehend. »Sie ist wohl noch an der Tür und gibt Withers Aufträge über das Einrahmen jener Zeichnungen. Mein lieber Dombey, wollt Ihr die Güte haben –«

Mr. Dombey war bereits fort, um sie aufzusuchen. Im nächsten Augenblick kehrte er zurück und brachte am Arm dieselbe elegant gekleidete, sehr schöne Dame herbei, der Mr. Carker unter den Bäumen begegnet war.

»Carker –« begann Mr. Dombey.

Aber ihr wechselseitiges Erkennen war so augenfällig, daß Mr. Dombey überrascht innehielt.

»Ich bin dem Gentleman verpflichtet«, sagte Edith mit einer stattlichen Verbeugung, »weil er vor kurzem die Aufdringlichkeit einer Bettlerin von mir abwehrte.«

»Ich habe es meinem guten Glück zu danken«, versetzte Mr. Carker mit einer tiefen Verbeugung, »daß mir die Gelegenheit zuteil wurde, einer Dame, deren Diener zu sein ich mir zum Stolze rechne, einen so geringen Dienst zu leisten.«

Als ihr Auge einen Augenblick auf ihm ruhte und dann sich zu Boden senkte, bemerkte er in dem hellen spähenden Blick den Argwohn, daß er nicht in dem Zeitpunkt seiner Einmengung auf sie zugekommen, sondern im geheimen sie schon früher beobachtet habe. Wie er dies bemerkte, erkannte sie aus seinem Blicke, daß ihr Mißtrauen nicht ohne Grund sei.

»In der Tat«, rief Mrs. Skewton, die diese Gelegenheit benützt hatte, um Mr. Carker durch ihr Glas zu besichtigen, und dabei, wie sie dem Major hörbar zuflüsterte, zu der Überzeugung gekommen war, daß er ganz Herz sei – »in der Tat, dies ist wohl das wunderbarste Zusammentreffen, von dem ich je gehört habe. Schon der Gedanke! Meine liebe Edith, es liegt hierin so augenfällig eine Bestimmung, daß man sich wahrhaftig fast veranlaßt sehen könnte, über dem Brusttuch die Arme zu kreuzen und mit den ungläubigen Türken zu sprechen: es gibt keinen, wie heißt er doch, als der So und So, und Dingsda ist sein Prophet!«

Edith würdigte dieses höchst bemerkenswerte Zitat aus dem Koran keiner Antwort; aber Mr. Dombey hielt es für nötig, einige höfliche Bemerkungen einzuflechten.

»Es macht mir ein großes Vergnügen«, sagte Mr. Dombey mit schwerfälliger Galanterie, »daß ein Gentleman, der zu mir in so naher Beziehung steht wie Carker, die Ehre und das Glück hatte, Mrs. Granger auch nur den mindesten Beistand zu leisten.« Er begleitete diese Worte mit einer Verbeugung. »Trotzdem ist es mir peinlich, und ich möchte wahrhaftig neidisch werden auf Carker –« er legte auf diese Worte einen unwillkürlichen Nachdruck, als fühle er, daß sie die Eigenschaft einer sehr überraschenden Voraussetzung in sich trügen – »neidisch werden auf Carker, daß nicht mir selbst diese Ehre und dieses Glück zuteil wurde.«

Mr. Dombey verbeugte sich abermals. Edith aber blieb vollkommen bewegungslos, wenn wir das leichte Aufwerfen ihrer Lippen ausnehmen.

»Beim Himmel, Sir«, rief der Major bei dem Anblick des Kellners, der zu Anmeldung des Frühstücks hereingekommen war, in eine Rede ausbrechend, »es ist für mich etwas Außerordentliches, daß man nicht die Ehre und das Glück haben kann, alle solche Bettlerinnen durch den Kopf zu schießen, ohne dafür ins Protokoll genommen zu werden. Doch hier ist ein Arm für Mrs. Granger, wenn sie J. B. die Ehre erweisen will, ihn anzunehmen. Eben jetzt ist es der größte Dienst, den Euch Joe erweisen kann, Euch zur Tafel zu führen.«

Mit diesen Worten gab der Major Edith seinen Arm, und Mr. Dombey ging mit Mrs. Skewton voran, während Mr. Carker lächelnd nachfolgte.

»Ich bin sehr erfreut, Mr. Carker«, sagte die mütterliche Dame beim Frühstück, nachdem sie den Angeredeten abermals durch ihr Glas gemustert hatte, »daß Ihr Euern Besuch so glücklich eingerichtet habt, um uns heute begleiten zu können. Ich verspreche mir den bezauberndsten Ausflug.«

»Jeder Ausflug muß bezaubernd sein in solcher Gesellschaft«, entgegnete Carker, »aber ich glaube, er ist an sich schon reich an Interessantem.«

»O«, rief Mrs. Skewton mit einem kleinen, matten Ausruf des Entzückens, »das Schloß ist bezaubernd! – mittelalterliche Erinnerungen und alles das, was in der Tat so köstlich ist. Seid Ihr nicht auch ein Verehrer des Mittelalters, Mr. Carker?«

»O ja, in hohem Grade«, versetzte der Geschäftsführer.

»Welch' entzückende Zeiten!« rief Kleopatra, »So voll von Wahrheit! So schwunghaft und kräftig! So malerisch! So vollkommen fern von allen Gemeinplätzen! Ach Himmel, wenn sie unserer schrecklichen Zeit nur ein wenig mehr Poesie des Daseins übrig gelassen hätte!«

Mrs. Skewton sah, während sie das sprach, scharf nach Mr. Dombey hin, der seinerseits keinen Blick von Edith abwandte. Letztere hörte zu, ohne ihr Auge zu erheben.

»Wir sind schrecklich nüchtern, Mr. Carker«, fuhr Mrs. Skewton fort. »Meint Ihr nicht?«

Nicht viele Leute hatten Grund, sich weniger über ihre Nüchternheit zu beklagen, als Kleopatra, da sie so viel Falsches an sich hatte, als sich nur immer mit dem nüchternen Dasein eines Individuums vereinbaren ließ. Gleichwohl bedauerte Mr. Carker unsere Nüchternheit und stimmte mit ihr überein, daß wir in dieser Beziehung allerdings sehr verwahrlost seien.

»Die Gemälde im Schloß sind wahrhaft göttlich!« sagte Kleopatra. »Ich hoffe, Ihr seid ein Freund von Gemälden?«

»Ich kann Euch die Versicherung geben, Mrs. Skewton«, ergriff jetzt Mr. Dombey in feierlicher Ermutigung seines Geschäftsführers das Wort, »daß Carker in Beziehung auf Gemälde einen feinen Geschmack und von Natur aus den Geist eines Kenners besitzt. Er versteht sich selbst nicht übel auf Führung des Pinsels und wird, wie ich überzeugt bin, ganz entzückt sein von Mrs. Grangers Geschmack und Kunstfertigkeit.«

»Gott verdamm mich, Sir«, rief Major Bagstock, »ich glaube wahrhaftig, Ihr seid der bewunderungswürdige Carker und versteht Euch auf gar alles.«

»O«, versetzte Carker mit einem Lächeln der Demut, »Ihr seid viel zu zuversichtlich, Major Bagstock. Ich kann nicht viel. Mr. Dombey ist nur so großmütig in Würdigung jeder kleinen Geschicklichkeit, deren Erwerbung für einen Mann, wie ich, fast notwendig ist, obwohl er selbst in einer viel zu hohen Sphäre lebt, als daß – –«

Mr. Carker zuckte die Achseln, als wolle er jedes weitere Lob ablehnen, und sprach nicht weiter.

Diese ganze Zeit über erhob Edith ihre Blicke bloß gelegentlich, wenn ihre Frau Mama den ihr innewohnenden Feuergeist in Worten entströmen ließ; als jedoch Carker zu sprechen aufhörte, sah sie für einen Moment nach Dombey hin. Aber nur für einen Moment, und ihr Antlitz zeigte dabei einen flüchtigen Ausdruck spöttischer Verwunderung, der auch dem über den Tisch herüberlächelnden Beobachter nicht entging.

Mr. Dombey erfaßte die dunkle Wimper, wie sie im Begriff war, sich wieder zu senken, und benützte die Gelegenheit, sie zu fesseln.

»Leider werdet Ihr schon oft in Warwick gewesen sein«, sagte er.

»Schon mehrere Male.«

»So wird, wie ich fürchte, ein abermaliger Besuch dieses Platzes Euch nur Langeweile bereiten können.«

»O nein, durchaus nicht.«

»Ach, meine liebe Edith, du bist wie dein Vetter Feenir«, sagte Mrs. Skewton. »Er ist schon fünfzig für einmal in Warwick Castle gewesen, und wenn er morgen wieder nach Leamington käme – ich wünschte, der süße Engel täte es – so würde er schon tags darauf zum zweiundfünfzigsten Male wieder hingehen.«

»Nicht wahr, Mama, wir sind alle sehr begeistert?« entgegnete Edith mit einem kalten Lächeln.

»Vielleicht viel zu sehr für unsern Frieden, meine Liebe«, erwiderte die Mutter. »Aber wir wollen uns nicht beklagen, denn wir finden einen Lohn dafür in unsern eigenen Gefühlen. Wenn, wie unser Vetter Feenir sagt, das Schwert die – wie nennt man's doch? –«

»Scheide vielleicht?« versetzte Edith.

»Ganz richtig – die Scheide ein wenig zu schnell abnützt, so geschieht es, wie du wohl weißt, meine Liebe, aus keinem andern Grunde, als weil es scharf und blank ist.«

Mrs. Skewton ließ einen leichten Seufzer ertönen, der wahrscheinlich einen Schatten werfen sollte auf die hölzerne Waffe, deren Scheide ihr empfänglicher Busen war. Dann neigte sie nach Kleopatra-Art ihren Kopf auf die eine Seite und blickte mit sinniger Zärtlichkeit nach ihrem geliebten Kinde hin.

Edith hatte, als Mr. Dombey sie anredete, diesem ihr Gesicht zugekehrt und blieb, während sie ihre Mutter und diese wiederum die Tochter anredete, in der gleichen Haltung, als ob sie ihm alle Aufmerksamkeit schenken wolle für den Fall, daß er etwas Weiteres vorzubringen habe. In der Art dieser einfachen Höflichkeit lag fast etwas Trotziges; und sie hatte den Anschein, als werde sie durch Zwang oder eine gewisse Spekulation bedingt, an der die Dame sich nur mit Widerwillen beteiligte – ein Zug, der dem gleichen über den Tisch herüberlächelnden Beobachter ebenfalls nicht entging. Er vergegenwärtigte sie sich, wie sie ihm zum erstenmal erschien, als sie sich unter den Bäumen allein glaubte.

Das Frühstück, bei dem der Major wie eine Boa Constrictor geschluckt und gewürgt hatte, war jetzt vorüber, und da Mr. Dombey nichts weiter zu sagen wußte, so machte er den Vorschlag, den Ausflug anzutreten. Dem Befehle dieses Gentlemans gemäß wartete ein Wagen vor dem Hotel, und die beiden Damen sowohl als er selbst und der Major nahmen jetzt im Innern desselben Platz, während der Eingeborene und der spindeldürre Page den Bock bestiegen. Mr. Carker bildete zu Pferde die Nachhut, und Towlinson mußte zu Hause bleiben.

Mr. Carker trabte in einer Entfernung von etwa hundert Schritten hinter dem Wagen her und verwandte während der ganzen Fahrt keinen Blick davon, als sei er eine Katze, deren Aufgabe es war, auf die vier Insassen des Wagens wie auf ebenso viele Mäuse zu lauern. Wohin er auch schauen mochte – rechts oder links vom Wege, über die ferne Landschaft mit ihren sanften Wellenlinien, den Windmühlen, den Wiesen und Getreidefeldern, den wilden Blumen, Gehöften, Heuschobern und dem aus dem Walde hervorsehenden Kirchturm, aufwärts in die sonnige Luft, wo Schmetterlinge über seinem Kopfe spielten und Vögel ihre Lieder erschallen ließen, abwärts, wo die Schatten der Zweige sich verwoben und einen zitternden Teppich über den Boden breiteten, oder nach vorn, wo die überhängenden Bäume Ausblicke und Bogengewölbe bildeten, düster in dem sanften Lichte, das durch die Blätter drang – so haftete doch stets der eine Winkel seines Auges an dem ihm zugekehrten stattlichen Haupt des Mr. Dombey und an der Hutfeder, die in ihrem Wallen dieselbe Geringschätzung zeigte, wie jenes stolze Auge, das er sich hatte senken sehen, und das von diesem Eindrucke nichts verlor, wenn das Gesicht davor dem der Dame begegnete. Einmal – aber nur ein einziges Mal – schweifte sein spähender Blick von diesen Dingen ab. Das geschah, als ein Satz über ein niedriges Gehege und ein Galopp über das Feld ihn befähigte, dem Wagen zuvorzukommen, damit er bereit wäre, am Ziel der Fahrt den Damen beim Aussteigen seine Hand zu bieten. Damals und nur damals begegnete er ihrem Auge für einen Augenblick in ihrer ersten Überraschung; als er sie jedoch beim Aussteigen mit seiner weißen weichen Hand berührte, schenkte sie ihm wieder so wenig Berücksichtigung wie zuvor.

Mrs. Skewton ließ es sich nicht nehmen, in eigener Person über Mr. Carker ihre schützenden Fittiche zu breiten und ihm alle Schönheiten des Schlosses zu zeigen. Er und der Major mußten ihr den Arm geben. Eine solche Gesellschaft konnte jenem unverbesserlichen Menschen, der im Punkte der Poesie ein so barbarischer Ungläubiger war, nur zustatten kommen. Diese ganz unabsichtliche Maßnahme setzte Mr. Dombey in die Lage, sich ausschließlich Edith zu widmen; und er säumte nicht, diese Gelegenheit zu benutzen, indem er ihr den Arm bot und mit kavaliermäßiger Feierlichkeit vor dem ebengenannten Kleeblatt her durch die Zimmer schritt.

»Die köstlichen Zeiten der Vergangenheit, Mr. Carker«, sagte Kleopatra, »mit ihren entzückenden Festungswerken, ihren lieben alten Kerkern, den herrlichen Folterkammern, der romantischen Blutrache, den malerischen Kämpfen und Belagerungen und allem, was das Leben so wahrhaft zauberisch macht! Wie schrecklich sind wir entartet!«

»Ja, wir sind kläglich zurückgekommen«, bemerkte Mr. Carker.

Das Eigentümliche ihrer Unterhaltung bestand darin, daß Mrs. Skewton trotz ihrer Entzückungen und Mr. Carker bei all seiner Leutseligkeit kein Auge von Mr. Dombey und Edith verwandten. Eine Folge davon war, daß das Gespräch, ungeachtet der gesellschaftlichen Eigenschaften der Beteiligten, einen etwas zerstreuten, unzusammenhängenden Charakter gewann.

»Es ist entschieden keine Treue mehr übrig geblieben«, fuhr Mrs. Skewton fort, indem sie ihr welkes Ohr vorwärts schob, weil Mr. Dombey eben etwas zu Edith sagte. »Es fehlt uns die Treue jener köstlichen alten Ritter, der lieben Bischöfe, die selbst so kriegerische Männer waren, oder sogar die aus den herrlichen goldenen Tagen der unschätzbaren Königin Beß,Beß ist Abkürzung für Elisabeth (Königin von England, regierte 1558-1603, Tochter Heinrichs VIII.) die wir an der Wand dort sehen. Welch ein köstliches Wesen! Sie war ganz Herz! Und dann ihr entzückender Vater! Ich hoffe, Ihr seid ein Verehrer Heinrichs VIII.?«König Heinrich VIII., geb. 1491, gest. 1547, war sechsmal vermählt. Er gründete die anglikanische Kirche.

»Er hat meine Bewunderung in hohem Grade«, versetzte Mr. Carker.

»So rauh und derb – meint Ihr nicht?« entgegnete Mrs. Skewton. »So wahrhaft englisch. Welchen Eindruck macht nicht sein Bild mit den lieben blinzelnden kleinen Augen und dem wohlwollenden Kinn!«

»Ah, Ma'am«, erwiderte Carker, plötzlich stehenbleibend, »weil Ihr eben von Bildern sprecht, so haben wir hier eine herrliche Komposition. Welche Gemäldegalerie der Welt wäre imstande, ein Gegenstück dazu zu bieten!«

Als der lächelnde Gentleman so sprach, deutete er durch eine Tür nach der Stelle hin, wo Mr. Dombey und Edith in der Mitte eines anderen Gemaches allein standen.

Sie wechselten weder Wort noch Blick, und während sie so – Arm in Arm – dastanden, hatte es den Anschein, als finde eine Trennung zwischen ihnen statt; weiter als die Scheidung durch endlose Meere. Auch in dem Stolz der beiden lag ein Unterschied, der sie sich gegenseitig mehr entfremdete, als wäre der eine Teil das hochmütigste, der andere das bescheidenste Wesen in der ganzen Schöpfung. Er dünkelvoll, unbeugsam, förmlich, streng – sie in ausgezeichnetem Grade lieblich und anmutig, ohne daß sie übrigens Rücksicht nahm auf sich selbst, auf ihn oder auf ihre Umgebung, da sie im Gegenteil mit hochmütigem Spott auf ihre eigenen Reize zu blicken schien, als seien sie nur ein ihr verhaßtes Abzeichen der Dienstbarkeit. Welch ungleiches Paar, sich so widerstrebend und durch eine von widrigen Zufällen geschmiedete Kette so ungereimt aneinandergefesselt, daß die Phantasie dem Gedanken Raum geben konnte, selbst die Bilder an der Wand hätten ihr Erstaunen über die unnatürliche Verbindung ausgedrückt und seien zu aufmerksamen Beobachtern geworden. Grimmige Ritter und Krieger schauten finster auf sie nieder. Ein Diener der Kirche erhob seine Hand in bitterer Anklage über den Hohn, daß ein solches Paar vor Gottes Altar treten wolle. Ruhige Wasserflächen in Landschaften mit der widerstrahlenden Sonne auf ihrer Tiefe fragten, ob es denn nicht ein besseres Mittel gebe zum Entrinnen, und ob ihr eigener feuchter Schoß nicht einen glücklicheren Ausweg biete. Ruinen riefen: ›Schaut her und seht, was wir sind in unserm Bunde mit einer uns nicht befreundeten Zeit‹. Tiere, von der Natur einander gegenübergestellt, befehdeten sich, als wollten sie ihnen zur Lehre dienen. Amoretten und Liebesgötter ergriffen entsetzt die Flucht, und das Märtyrertum zeigte keine ähnliche Qual in seiner gemalten Leidensgeschichte.

Gleichwohl war Mrs. Skewton von dem Anblick, auf den Mr. Carker ihre Aufmerksamkeit gelenkt hatte, so bezaubert, daß sie es sich nicht versagen konnte, halblaut vor sich hin zu sprechen, wie süß, wie so voll von Seele das sei. Edith, die es hörte, blickte zurück, und der Scharlach der Entrüstung breitete sich bis unter ihre Locken.

»Meine liebe Edith weiß, wie mein Herz an ihr hängt!« sagte Kleopatra, fast schüchtern mit ihrem Sonnenschirm sie auf den Rücken klopfend. »Mein süßes Leben!«

Abermals bemerkte Mr. Carker den Kampf, dessen unerwarteter Zeuge er unter den Bäumen gewesen. Aufs neue sah er, wie die stolze nachlässige Gleichgültigkeit ihr Antlitz überflog und es wie eine Wolke beschattete.

Sie erhob ihre Blicke nicht zu ihm; aber mit einem leichten entschiedenen Winke gegen das Kleeblatt hin schien sie ihrer Mutter zu befehlen, daß sie näher komme. Mrs. Skewton hielt es für zweckmäßig, dieser Andeutung Folge zu geben, und trat rasch mit ihren beiden Kavalieren heran, um sich fortan stets in der Nähe ihrer Tochter zu halten.

Da für Mr. Carker nichts mehr vorhanden war, was seine Aufmerksamkeit zerstreuen konnte, so begann er von den Gemälden zu sprechen, die besten auszuwählen und Mr. Dombey darauf aufmerksam zu machen. Er benahm sich dabei mit der gewohnten vertraulichen Anerkennung der Größe seines Chefs, dem er außerdem noch weitere Huldigungen darbrachte, indem er das Augenglas für ihn zurechtmachte, im Katalog die betreffende Nummer aufsuchte, Mr. Dombeys Stock hielt und dergleichen mehr. Allerdings gingen diese Dienstleistungen weniger von Mr. Carker selbst, als vielmehr von Mr. Dombey aus, der gerne seine Oberherrlichkeit an den Tag zu legen pflegte, indem er mit gedämpfter Würde und in nachlässiger Weise die Worte hinwarf – »da, Carker; wollt Ihr nicht die Güte haben, mir ein wenig beizustehen?« – eine Andeutung, welcher der lächelnde Gentlemen stets mit Vergnügen entsprach.

Sie machten ihren Rundgang durch die Gemäldesäle, an den Wänden hin usw., und da sie noch immer eine einzige kleine Partie bildeten, so kam der Major ziemlich in den Schatten zu stehen, weil er infolge des Verdauungsprozesses etwas schläfrig war, Mr. Carker aber in hohem Grade den Angenehmen und Mitteilsamen spielte. Dieser wandte sich anfänglich hauptsächlich an Mrs. Skewton; die empfindsame Dame geriet jedoch über die Kunstwerke so sehr in Verzückungen, daß sie nach der ersten Viertelstunde nur noch gähnen konnte – eine Reaktion auf die Begeisterung, wie sie es nannte, und ein Beweis des Übermaßes ihrer Wonne. Dies bewog ihn, seine Aufmerksamkeit mehr auf Mr. Dombey zu richten, der jedoch nicht viel weiter darauf erwiderte, als daß er gelegentlich ein »Sehr wahr, Carker«, oder ein »Wirklich, Carker?« hinwarf. Gleichwohl ermutigte er schweigend seinen Geschäftsführer und fand in seinem Innern dessen Benehmen sehr löblich. Er hielt es nämlich für passend, daß jemand redete, und er dem Gedanken Raum gab, Carkers Bemerkungen, die sozusagen von einem Zweig des Hauptgeschäfts ausgingen, könnten Mrs. Granger angenehm sein. Mr. Carker besaß Takt genug, sich nie die Freiheit zu nehmen, diese Dame unmittelbar anzureden, und sie wiederum schien zuzuhören, obschon sie nie nach ihm hinblickte. Nur ein- oder zweimal, wenn er seine eigentümliche Demut besonders nachdrücklich zeigte, schlich sich das gedämpfte Lächeln über ihr Gesicht, nicht aber wie ein Licht, sondern wie ein tiefer dunkler Schatten.

Warwick-Castle war endlich erschöpft und der Major ebenso, der Mrs. Skewton nicht zu gedenken, deren eigentümliche Wonneäußerungen in der Tat zuletzt sehr häufig geworden waren. Sofort wurde der Wagen wieder in Anspruch genommen, und sie fuhren nach den schönsten Stätten in der Umgegend. Bei einer von diesen Gelegenheiten machte Mr. Dombey in seiner förmlichen Manier die Bemerkung, daß eine Skizze – gleichviel, wie leicht hingeworfen – von der schönen Hand der Mrs. Granger ein teures Erinnerungszeichen an diesen angenehmen Tag für ihn sein würde, obschon natürlich – Mr. Dombey machte hier abermals eine Verbeugung – keine künstliche Beihilfe nötig sei, um dem heutigen Glück für ihn stets einen hohen Wert zu verleihen. Withers, der Spindeldürre, der Ediths Skizzenbuch unter dem Arm hatte, wurde unverzüglich von Mrs. Skewton aufgeboten, und der Wagen machte halt, damit Edith eine Zeichnung anfertige, die Mr. Dombey unter seinen Schätzen aufbewahren konnte.

»Aber ich fürchte, Euch allzusehr zu belästigen«, sagte Mr. Dombey.

»Keineswegs. Von welchem Punkt aus wünscht Ihr die Aufnahme?« antwortete sie, indem sie mit ihrer früheren erzwungenen Aufmerksamkeit sich an ihn wandte.

Mit einer weiteren Verbeugung, unter der die Stärke in der Halsbinde krachte, wollte Mr. Dombey dieses der Künstlerin überlassen.

»Es wäre mir lieber, wenn Ihr selbst eine Wahl träfet«, versetzte Edith.

»Wollen wir sagen, von hier aus?« entgegnete Mr. Dombey. »Die Stelle scheint sehr ansprechend zu sein – oder – was haltet Ihr davon, Carker?«

Zufälligerweise befand sich in einiger Entfernung eine Baumgruppe, derjenigen nicht unähnlich, in der Mr. Carker am Morgen seine Kette von Fußtritten gezogen hatte, und unter einem der Bäume stand ein Sitz, fast ganz so gelegen wie der Punkt, wo jene Kette unterbrochen worden war.

»Darf ich es wagen, Mrs. Granger anzudeuten«, sagte Carker, »daß jene Gruppe dort einen interessanten – fast bedeutsamen Gegenstand darbietet?«

Sie folgte mit ihren Augen der Richtung seiner Reitpeitsche und erhob sie dann rasch zu dem Gesicht des Sprechers. Es war der zweite Blick, den sie seit ihrer näheren Bekanntschaft ausgetauscht hatten, und er hatte große Ähnlichkeit mit dem ersten, nur daß sein Ausdruck viel verständlicher war.

»Gefällt Euch die Partie?« fragte Edith Mr. Dombey.

»Ich werde ganz bezaubert sein«, versetzte Mr. Dombey.

Der Wagen mußte deshalb nach der Stelle hinausfahren, die für Mr. Dombey so bezaubernd werden sollte, und Edith öffnete, ohne von ihrem Sitz aufzustehen, mit ihrer gewöhnlichen stolzen Gleichgültigkeit die Mappe, um ihre Skizze zu beginnen.

»Alle meine Bleistifte sind stumpf«, sagte sie, indem sie innehielt und die gedachten Zeichnungswerkzeuge musterte.

»Ich bitte, erlaubt mir«, entgegnete Mr. Dombey, »der Carker kann es vielleicht besser, da er sich auf dergleichen Dinge versteht. Carker, habt die Güte, für Mrs. Grangers Bleistifte zu sorgen.«

Mr. Carker ritt auf Mrs. Grangers Seite an den Kutschenschlag heran, ließ die Zügel auf den Hals seines Pferdes fallen, nahm mit einer lächelnden Verbeugung die Bleistifte aus ihrer Hand und setzte sich im Sattel zurecht, um sie zu spitzen. Nachdem er das getan hatte, bat er um die Erlaubnis, sie halten und ihr einhändigen zu dürfen, wie sie dieselben brauchte, und so blieb er unter vielen Lobsprüchen über ihre außerordentliche Geschicklichkeit, namentlich im Baumschlag, dicht an ihrer Seite und sah dem Fortschritt der Zeichnung zu. Mr. Dombey, der mittlerweile gleich einem hochachtbaren Gespenst kerzengerade im Wagen stand, verwandte gleichfalls keinen Blick von dem Papier, während Kleopatra und der Major wie ein paar alte Tauben miteinander schäkerten.

»Seid Ihr zufrieden damit, oder soll ich es noch ein wenig weiter ausführen?« fragte Edith, indem sie Mr. Dombey die Skizze zeigte.

Mr. Dombey bat, sie möchte ja keinen Strich mehr daran machen, da das bereits Gelieferte etwas Vollkommenes sei.

»Es ist etwas Außerordentliches«, sagte Carker, sein Lob mit der ganzen Masse seines Zahnfleisches begleitend. »Auf etwas so Schönes und zugleich so Ungewöhnliches war ich nicht vorbereitet.«

Das ließ sich ebensogut auf die Zeichnerin als auf die Skizze anwenden. Aber Mr. Carkers Benehmen war die Offenheit selbst, nicht nur in Beziehung auf seinen Mund, sondern auch auf seinen ganzen Geist. So blieb es auch, während die Skizze für Mr. Dombey beiseite gebracht und das Zeichnungsmaterial wieder eingepackt wurde. Nachdem Mr. Carker die Bleistifte wieder abgegeben hatte – dies geschah unter einem abgemessenen Danke für seine Beihilfe, aber ohne Begleitung eines Blickes – griff er den Zügel wieder auf, blieb zurück und folgte aufs neue dem Wagen.

Während seines Rittes dachte er vielleicht, daß sogar diese unbedeutende Skizze gefertigt und dem Besteller überliefert wurde, als habe ein Kauf dabei stattgefunden. Vielleicht dachte er, obschon sie mit so vollkommener Bereitwilligkeit auf das Ersuchen einging, so sei doch ihr stolzes Gesicht, das sich über die Zeichnung niederbeugte oder auf die nachzubildenden fernen Gegenstände blickte, das einer hochmütigen Frau, die sich mit einem schmutzigen, erniedrigenden Geschäft abgeben mußte. Möglich, daß dergleichen Dinge sich seinem Geist vergegenwärtigten. Soviel ist aber gewiß, daß er lächelte und, während er in der Behaglichkeit der frischen Luft frei um sich her zu schauen schien, jenen Augenwinkel stets scharf nach dem Wagen spähen ließ.

Es folgte nun ein Spaziergang durch die unheimlichen Ruinen von Kenilworth,Gemeint ist das aus Walter Scotts Roman berühmt gewordene ehemalige Schloß Kenilworth, das einst Eduard II. zum Kerker diente. und dann fuhr man nach weiteren schönen Plätzen, von denen, wie Mrs. Skewton gegen Dombey bemerkte, Edith bereits die meisten aufgenommen hatte, wie ihm aus der Betrachtung ihrer Zeichnungen noch erinnerlich sein werde. So näherte sich der Ausflug dieses Tages seinem Ende zu. Mrs. Skewton und Edith fuhren nach ihrer Wohnung. Kleopatra lud noch Mr. Carker huldreich ein, abends mit Mr. Dombey und dem Major einen Besuch zu machen, damit er auch etwas von Ediths musikalischer Fertigkeit hören könne, und die drei Gentlemen begaben sich dann nach ihrem Hotel, um das Diner einzunehmen.

Das Mahl bildete ein Gegenstück zu dem gestrigen mit der einzigen Ausnahme, daß der Major um vierundzwanzig Stunden triumphierender und minder geheimnisvoll war. Abermals wurde auf Ediths Gesundheit angestoßen, und Mr. Dombey geriet wieder in eine angenehme Verlegenheit, während Mr. Carker der Lobpreisungen kein Ende finden konnte.

Mrs. Skewton empfing in ihrem Hause keine andern Besuche. Ediths Zeichnungen lagen vielleicht ein wenig reichlicher als gewöhnlich im Zimmer umher zerstreut, und Withers, der spindeldürre Page, wartete mit etwas stärkerem Tee auf. Die Harfe war da, das Piano war da, und Edith sang und spielte. Aber auch die Musik wurde von Edith nur auf Mr. Dombeys Wunsch in derselben unverheißungsvollen Weise sozusagen ausbezahlt. Wenigstens hatte es ganz diesen Anschein.

»Meine liebe Edith«, sagte Mrs. Skewton eine halbe Stunde nach dem Tee, »ich weiß, Mr. Dombey stirbt vor Verlangen, dich zu hören.«

»Ohne Zweifel ist in Mr. Dombey noch Leben genug übrig, um das selbst zu sagen, Mama«, versetzte die Tochter.

»Ich werde mich über die Maßen glücklich schätzen«, pflichtete Mr. Dombey bei.

»Was wünscht Ihr?«

»Das Piano?« entgegnete Mr. Dombey verlegen.

»Wie Euch beliebt. Es steht ganz in Eurer Wahl.«

Demgemäß begann sie mit dem Piano. Ebenso ging es mit der Harfe, mit dem Gesang und mit der Auswahl der Stücke, die sie singen und spielen sollte. Ein so kaltes und gezwungenes, aber doch so bereitwilliges Eingehen auf die Wünsche, die er gegen niemanden anders als gegen sie äußerte, daß es sogar durch alle die Geheimnisse des Piquets hinreichend auffallen mußte und Mr. Carkers scharfer Beobachtung nicht entgehen konnte. Auch die Tatsache wurde ihm klar, daß Mr. Dombey augenscheinlich stolz war auf seine Macht und sie gern zur Schau trug.

Gleichwohl spielte Mr. Carker so gut – bald eine Partie mit dem Major, bald eine mit Kleopatra, deren Wachsamkeit über Mr. Dombey und Edith kein Luchs hätte übertreffen können – daß er nur um so höher in der Gunst der gnädigen Mama stieg. Als er nämlich beim Abschied sein Bedauern ausdrückte, daß er am nächsten Morgen nach London zurückkehren müsse, gab Kleopatra der Hoffnung Raum, es werde wohl nicht das letztemal sein, daß sie zusammenträfen, denn einer solchen wechselseitigen Sympathie begegne man nicht jeden Tag.

»Ich hoffe das«, sagte Mr. Carker mit einem ausdrucksvollen Blick nach dem in der Ferne stehenden Paare hin, als er sich in Begleitung des Majors nach der Tür zurückzog. »Ich denke es.«

Nachdem Dombey einen pompösen Abschied von Edith genommen hatte, beugte er sich, so gut es bei seiner Steifheit gehen wollte, über Kleopatras Sofa nieder und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Ich habe Mrs. Granger um die Erlaubnis gebeten, sie in einer gewissen Angelegenheit morgen besuchen zu dürfen, und sie nannte mir zwölf Uhr. Darf ich wohl auf das Vergnügen hoffen, Madame, Euch nachher zu Hause zu finden?«

Ob dieser unbegreiflichen Sprache war natürlich Kleopatra so ergriffen und verwirrt, daß sie nur ihre Augen schließen, den Kopf schütteln und Mr. Dombey ihre Hand geben konnte, die dieser, da er nichts damit anzufangen wußte, wieder sinken ließ.

»Dombey, so kommt doch!« rief der Major zur Tür herein, »Gott verdamm mich, Sir, der alte Joe hat gute Lust, im Namen des Royal-Hotel eine Veränderung zu beantragen und es uns und Carker zu Ehren die drei fidelen Junggesellen nennen zu lassen.«

Mit diesen Worten klopfte der Major Mr. Dombey auf den Rücken, blinzelte mit schrecklich rotem Kopf über seine Schulter nach den Damen hin und führte ihn ab.

Mrs. Skewton blieb in ihrer gestellten Pose auf dem Sofa, während Edith stumm bei ihrer Harfe saß. Die Mutter, die mit ihrem Fächer spielte, warf der Tochter mehr als einmal verstohlene Blicke zu, ohne daß diese sich dadurch stören ließ; denn sie brütete mit niedergeschlagenen Augen düster vor sich hin.

So verging eine lange Stunde in ununterbrochenem Schweigen, bis wie gewöhnlich Mrs. Skewtons Mädchen eintrat, um ihre Gebieterin allmählich für die Nacht vorzubereiten. Bei dieser Obliegenheit mochte die Dienerin eher wie ein Skelett mit Stundenglas und Hippe als wie ein Frauenzimmer erscheinen; denn ihre Berührung war die des Todes. Der bemalte Gegenstand welkte unter ihrer Hand. Die Gestalt sank zusammen, das Haar fiel ab, die gewölbten dunkeln Augenbrauen veränderten sich in dürftige graue Bürstchen, die blassen Lippen schrumpften ein, und die Haut wurde schlaff und leichenhaft. An Kleopatras Platz blieb nur ein altes, dürres, gelbes, nickendes Weib zurück, mit roten Augen, das wie ein Bündel schmutziger Wäsche in einen schmierigen Flanellappen eingewickelt war.

Sogar die Stimme, mit der sie Edith anredete, hatte sich verändert, als sie wieder allein waren.

»Warum sagst du mir nichts«, fragte sie in scharfem Tone, »daß du ihn auf morgen herbestellt hast?«

»Weil Ihr es schon wißt, Mutter«, entgegnete Edith.

Welch ein höhnischer Nachdruck, den sie auf das letzte Wort legte!

»Ihr wißt«, nahm sie wieder auf, »daß er mich gekauft hat, oder daß er es morgen tun wird. Die Ware mußte zuvor von seinem Freund beaugenscheinigt werden; er tut sich sogar etwas darauf zu gut, meint, sie könnte ihm passen und sei hinreichend billig zu haben, und deshalb will er morgen den Kauf abschließen. Gott, daß ich das erleben – daß ich dies fühlen muß!«

Drängt in ein einziges schönes Gesicht das Bewußtsein der Selbsterniedrigung und die glühende Entrüstung von hundert Frauen, stark in Leidenschaft und in Stolz, zusammen, und ihr habt dieses Bild hier hinter zwei weißen schaudernden Armen verborgen.

»Was meinst du damit?« erwiderte die Mutter zornig. »Hast du nicht von Kindheit auf –«

»Von Kindheit auf?« entgegnete Edith, nach ihr hinsehend. »Wann hatte ich eine Kindheit? Welche Kindheit habt Ihr mir je gelassen? Ich war alt an Arglist, Intrigen, habgieriger Gesinnung, und mußte den Männern Schlingen legen, noch ehe ich mich selbst und Euch kannte – noch ehe ich die Grundlage und den schändlichen Zweck eines jeden neuen Spieles verstand, das ich lernen mußte. Ihr habt mich zu einem Weibe geboren. Betrachtet sie – seht sie diesen Abend in ihrem Stolze.«

Und während sie so sprach, schlug sie mit ihrer Hand auf die schöne Brust, als wolle sie sich selbst niederschlagen.

»Seht mich an«, fuhr sie fort, »Ihr, die Ihr nie erfahren habt, was es ist um ein ehrliches Herz und um Liebe. Seht mich an, die gelehrt wurde, Anschläge zu schmieden, wo Kinder sich noch im Spiele umtreiben – die in ihrer Jugend, obschon alt an Ränken, zusammengekuppelt wurde mit einem Mann, für den sie kein anderes Gefühl hatte als Gleichgültigkeit. Seht mich an, die er als Witwe zurückließ, noch ehe sein Erbe auf ihn übergegangen war – ein wohlverdientes Gericht über Euch – und sagt mir, was seit zehn Jahren mein Leben gewesen ist.«

»Wir haben uns alle Mühe gegeben, dir eine gute Versorgung zu sichern«, versetzte die Mutter. »Das war die Aufgabe deines Lebens, und du hast sie jetzt erreicht.«

»Nie hat es eine Sklavin, nie ein Pferd auf dem Markt gegeben, die so angeboten, geprüft und zur Schau ausgestellt wurden, Mutter, wie ich im Lauf dieser zehn schimpflichen Jahre!« rief Edith mit glühender Stirne und demselben bitteren Nachdruck auf das nämliche in gesperrter Schrift gedruckte Wort. »Ist es nicht so? Habe ich nicht das Schlagwort für Männer aller Art abgeben müssen? Haben nicht Toren, Wüstlinge, Knaben und alte Gecken mit mir gespielt, und einer um den andern trat wieder zurück, weil Ihr mit aller Eurer Klugheit Euch zu plump benahmt – ja, und zu wahr auch mit allen jenen unaufrichtigen Vorspiegelungen – bis wir zuletzt fast allenthalben verschrien wurden? Bin ich nicht der Zügellosigkeit des Blickes und der Berührung preisgegeben worden« – fuhr sie mit blitzenden Augen fort – »an fast allen Sammelplätzen der Gesellschaft, die auf der Karte Englands zu finden sind? Wurde ich nicht da und dort verhökert und verkauft, bis der letzte Funke von Selbstachtung in mir erstarb und ich mir selbst zum Ekel war? Ist dies meine späte Kindheit gewesen? denn eine frühe kannte ich nicht. Ha, widersprecht mir das von allen Nächten meines Lebens nur nicht in der heutigen!«

»Du hättest wenigstens schon zwanzigmal gute Partien treffen können, Edith«, versetzte die Mutter, »wenn du dich ermutigender benommen haben würdest.«

»Nein! Wer den Abfall haben will, der ich bin und der ich zu sein verdiene«, erwiderte sie, indem sie den Kopf aufrichtete und in der Fülle ihrer Scham und ihres stürmischen Zornes erzitterte, »soll mich haben, wie dieser Mann, ohne daß von meiner Seite eine Kunst aufgeboten wird, um ihn zu verlocken. Er sieht mich in der Versteigerung und meint, es sei ganz passend, mich zu kaufen. Also schön! Da er kam, um mich in Augenschein zu nehmen und dann vielleicht sein Angebot zu machen, wollte er sich zuerst von der ganzen Liste meiner Eigenschaften überzeugen. Ich gab sie ihm. Verlangt er, daß ich ihm eine davon zeige, um den Kauf vor seinen Dienern rechtfertigen zu können, so soll er sagen, welche er fordert, und ich entspreche seinem Geheiß. Weiter will ich nichts tun. Er schließt den Handel aus freiem Willen und nach eigener Würdigung von dem Wert des zu Erstehenden in dem Vertrauen auf die Gewalt seines Geldes. Gebe Gott, daß er sich nicht täuschen möge. Ich habe nicht geprahlt und ihm die Ware aufgedrängt; auch von Euch ist es nicht geschehen, so weit es mir möglich war, Euch daran zu hindern.«

»Du sprichst heute seltsam mit deiner Mutter, Edith.«

»So scheint es mir – für mich wohl noch seltsamer, als für Euch«, erwiderte Edith. »Aber meine Erziehung ist schon längst beendigt. Ich bin jetzt zu alt und allmählich zu tief gesunken, um eine neue Bahn einzuschlagen, Euch in der Eurigen Einhalt zu tun und mir selbst zu helfen. Der Keim von allem, was ein weibliches Herz reinigt und es wahr und gut macht, hat in dem meinigen nie sein Leben gezeigt, und es bleibt mir nichts anderes, um mich aufrechtzuerhalten, als die Selbstverachtung.« Eine rührende Wehmut lag in ihrer Stimme, als sie dies sprach; aber sie entschwand schnell wieder, als Edith mit stolz aufgeworfener Lippe fortfuhr: »Da wir in vornehmer Armut leben, so füge ich mich darein, durch solche Mittel zu Reichtum zu gelangen, und ich sage nichts weiter, als daß ich den einzigen Entschluß, den ich an der Seite meiner Mutter zu bilden die Kraft hatte, zur Ausführung brachte. Ich habe diesen Menschen nicht verlockt.«

»Diesen Menschen?« entgegnete die Mutter. »Du sprichst, als ob du ihn hassest.«

»Und Ihr habt wohl geglaubt, daß ich ihn liebe?« entgegnete Edith, in ihrem Gang durch das Zimmer haltmachend und sich nach ihr umsehend. »Soll ich Euch sagen«, fuhr sie, die Augen fest auf ihre Mutter gerichtet, fort, »wer uns bereits vom Grund aus kennt, uns vollkommen richtig sieht, und vor dem ich sogar weniger Selbstachtung oder Vertrauen besitze als vor meinem eigenen Innern, weil mich diese seine Kunde von meinem Ich so tief herabwürdigt?«

»Vermutlich soll dies ein Angriff sein«, erwiderte ihre Mutter mit Kälte, »auf den armen unglücklichen – wie heißt er doch – Mr. Carker! Dein Mangel an Selbstachtung und Vertrauen, meine Liebe, in Beziehung auf diesen Mann, der mir sehr angenehm vorkommt, wird wahrscheinlich nicht viel Einfluß üben auf deine Versorgung. Warum siehst du mich so an? Bist du unwohl?«

Ediths Gesicht erblaßte plötzlich wie unter einem tiefen Schmerz, und während sie die Hand auf ihre Stirne drückte, bebte ein heftiges Zittern über ihren ganzen Körper. Das war jedoch schnell vorüber, und sie verließ mit ihrem gewöhnlichen Schritte das Zimmer.

Das Kammermädchen, das die Stelle des Sensenmannes so gut vertreten haben würde, trat nun wieder ein, reichte ihrer Gebieterin, die mit dem falschen Zauber auch ihr ganzes früheres Wesen abgelegt zu haben und mit dem Flanellgewand die Lähmung des Alters aufgenommen zu haben schien, den einen Arm, umfaßte mit dem anderen die Asche Kleopatras und trug sie zur Auferstehung am andern Morgen von hinnen.

 

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