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Dombey und Sohn - Band 1

Charles Dickens: Dombey und Sohn - Band 1 - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn - Band 1
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Schatten der Vergangenheit und der Zukunft.

»Euer Gehorsamster, Sir«, sagte der Major. »Gott verdamm mich, Sir, ein Freund meines Freundes Dombey ist auch mein Freund, und ich freue mich, Euch kennenzulernen.«

»Ich bin Major Bagstock sehr verpflichtet für seine Gesellschaft und seine Unterhaltung, Carker«, fügte Mr. Dombey erklärend hinzu. »Major Bagstock hat mir einen großen Dienst geleistet, Carker.«

Mr. Carker, der Geschäftsführer, der den Hut noch in der Hand hatte, war eben zu Leamington angelangt und zeigte dem Major, dem er vorgestellt wurde, seine ganze Doppelreihe von Zähnen. Er hoffe sich die Freiheit nehmen zu dürfen, ihm von Herzen zu danken, daß es ihm gelungen sei, in Mr. Dombeys Aussehen und Stimmung eine so wesentliche Verbesserung zu erwirken.

»Bei Gott, Sir«, entgegnete der Major, »ich verdiene hier keinen Dank; denn die Einwirkung ist gegenseitig. Ein großer Mann wie unser Freund Dombey, Sir«, fuhr der Major fort, indem er seine Stimme dämpfte, aber doch nicht so weit, daß seine Worte nicht auch dem fraglichen Gentleman verständlich wurden, »muß notwendig einen erhebenden Einfluß auf seine Freunde ausüben. Dombey kräftigt und belebt einen, Sir, durch sein moralisches Wesen.«

Mr. Carker schnappte nach dem Ausdruck. Durch sein moralische Wesen. Ganz richtig. Die nämlichen Worte, die er selbst andeuten wollte.

»Aber wenn mein Freund Dombey von dem Major Bagstock mit Euch spricht, Sir«, fügte der Major bei, »so muß ich mir erlauben, ihn und Euch auf den richtigen Standpunkt zu stellen. Er will damit einfach Joe sagen, Sir – Joey B. – Josh Bagstock – Joseph – den rauhen, zähen alten J., Sir, Euch zu dienen.«

Mr. Carker verbeugte sich ungemein freundlich gegen den Major, und die Bewunderung über dessen rauhe, zähe Einfachheit glänzte aus jedem Zahn seines Kopfes.

»Und nun, Sir«, sagte der Major, »habt Ihr wohl einen wahren Teufelshaufen von Geschäftssachen mit Dombey zu besprechen.«

»Keineswegs, Major«, bemerkte Mr. Dombey.

»Dombey«, erwiderte der Major herausfordernd, »ich weiß das besser. Ein Mann von Eurer Bedeutsamkeit – der Koloß der Handelswelt – darf nicht gestört werden. Eure Augenblicke sind kostbar. Wir sehen uns wieder beim Diner. Bis dahin wird sich der alte Joseph rar machen. Punkt sieben wird gespeist, Mr. Carker.«

Nach diesen Worten entfernte sich der Major mit sehr aufgeblähtem Gesicht, steckte aber unmittelbar darauf den Kopf wieder zur Tür herein und sagte:

»Ich bitte um Verzeihung. Dombey, habt Ihr nichts dorthin aufzutragen?«

Mit einiger Verlegenheit und nicht ohne einen Blick auf den höflichen Bewahrer seines geschäftlichen Vertrauens machte Mr. Dombey dem Major seine Komplimente.

»Beim Himmel, Sir«, sagte der Major. »Ihr müßt es etwas wärmer machen als so, oder der alte Joe wird nicht sonderlich willkommen sein.«

»So meldet meine Verehrung, wenn Ihr wollt, Major«, entgegnete Mr. Dombey.

»Gott verdamm mich, Sir«, erwiderte der Major, scherzhaft seine Schultern und seine breiten Backen schüttelnd, »macht es etwas wärmer als so.«

»So handelt nach Eurem Gutdünken, Major«, bemerkte Mr. Dombey.

»Unser Freund ist schlau, Sir, schlau, Sir, verteufelt schlau«, sagte der Major, um die Tür herum nach Mr. Carker hinlugend. »Ganz wie Bagstock.« Dann hielt er plötzlich in einem Kichern inne, pflanzte sich in seiner vollen Höhe auf und rief feierlich, während er sich auf die Brust schlug: »Dombey, ich beneide Eure Gefühle. Gott behüte Euch!«

Und er entfernte sich.

»Ihr müßt in dem Gentleman einen wahren Schatz gefunden haben«, sagte Carker, ihm mit seinen Zähnen folgend.

»In der Tat«, versetzte Mr. Dombey.

»Er hat ohne Zweifel Freunde hier«, fuhr Carker fort. »Aus seinen Worten muß ich schließen, daß Ihr in Gesellschaft geht. Ich kann Euch versichern«, fügte er mit einem schrecklichen Lächeln bei, »es freut mich ungemein, daß Ihr Gesellschaft besucht.«

Mr. Dombey erkannte diese Kundgebung der Teilnahme von seiten seines Nächsten im Kommando dadurch an, daß er an seiner Uhrkette drehte und leicht den Kopf nickte.

»Ihr seid für die Gesellschaft geschaffen«, sagte Carker. »Von allen Menschen, die ich kenne, seid Ihr von Natur und durch Eure Stellung am meisten darauf hingewiesen. Ich gebe Euch mein Wort, schon oft war ich erstaunt darüber, daß Ihr Euch so lange fern von ihr gehalten habt.«

»Ich hatte meine Gründe, Carker. Ich war allein, und sie hatte kein Interesse für mich. Aber Ihr seid selber im Besitz guter geselliger Eigenschaften, und ich kann mir daher wohl denken, daß Ihr Euch darüber wundertet.«

»O, ich!« erwiderte der andere mit schnellfertiger Selbstgeringschätzung, »Bei einem Mann, wie ich, ist es etwas ganz anderes. Mit einem Mann, wie Ihr es seid, kann ich mich gar nicht vergleichen.«

Mr. Dombey steckte seine Hand ins Halstuch, versenkte das Kinn darin, hustete und blickte seinen treuen Freund und Diener einige Augenblicke schweigend an.

»Ich werde das Vergnügen haben, Carker«, sagte endlich Mr. Dombey nach einer Anstrengung, als habe er etwas hinuntergeschluckt, was ein wenig zu groß für seine Kehle war – »Euch meinen – des Majors Freunden vorzustellen. Sehr angenehme Leute.«

»Vermutlich Damen darunter?« deutete der geschmeidige Geschäftsführer an.

»Lauter – das heißt beide sind Damen«, versetzte Mr. Dombey.

»Nur zwei?« – lächelte Carker.

»Ja, nur zwei. Ich habe meine Besuche auf ihr Haus beschränkt und keine andere Bekanntschaften hier angeknüpft.«

»Vielleicht Schwestern?« bemerkte Carker.

»Mutter und Tochter«, entgegnete Mr. Dombey.

Während Mr. Dombey seine Augen senkte und wieder an seinem Halstuch ordnete, wandelte sich im Augenblick und ohne eine Übergangsstufe das Lächeln auf dem Gesicht Mr. Carkers, des Geschäftsführers, in ein angelegentliches, finsteres Spähen, in dem sich zugleich ein häßlicher Hohn bemerklich machte. Mr. Dombey erhob die Augen wieder, und Carkers Gesicht nahm nicht weniger schnell abermals den alten Ausdruck an, dabei das ganze Zahnfleisch seiner Mundhöhle zeigend.

»Ihr seid sehr gütig«, sagte Mr, Carker, »und ich werde mich glücklich schätzen, sie kennenzulernen. Doch da eben von Töchtern die Rede ist – ich habe Miß Dombey gesehen.«

Ein mächtiger Blutstrom ergoß sich plötzlich in Mr. Dombeys Gesicht.

»Ich habe mir die Freiheit genommen, ihr meine Aufwartung zu machen«, fuhr Carker fort, »und sie zu fragen, ob sie mir nicht einen kleinen Auftrag mitzugeben habe. Ich bin nicht so glücklich, Euch mehr überbringen zu können, als ihre – ihre liebevollen Grüße.«

Was für ein Wolfsgesicht, in dem sich sogar durch den vorgestreckten Mund die heiße Zunge sichtbar machte, als die Augen denen von Mr. Dombey begegneten!

»Was habt Ihr hier für Geschäftsangelegenheiten?« fragte der gleiche Gentleman nach einer Pause, während der Mr. Carker einige Papiere und andere Notizen hervorgezogen hatte.

»Sehr wenig«, antwortete Carker. »Im ganzen haben wir in letzter Zeit nicht unser gewöhnliches Glück gehabt: aber das hat für Euch keine sonderliche Bedeutung. Zu Lloyds gibt man den Sohn und Erben für verloren. Na, er war versichert vom Kiel bis zur Mastspitze.«

»Carker«, bemerkte Mr. Dombey, neben dem Berichterstatter einen Stuhl nehmend, »ich kann nicht sagen, daß der junge Mensch, der Gay, je einen günstigen Eindruck auf mich gemacht hätte –«

»Auf mich auch nicht«, unterbrach ihn der Geschäfteführer.

»Aber es wäre mir doch lieb«, fuhr Mr. Dombey fort, ohne auf die Störung zu achten, »wenn er nicht an Bord jenes Schiffs gekommen wäre. Ich wünschte, man hätte ihn nicht hinausgeschickt.«

»Es ist recht schade, daß Ihr Euch nicht zur rechten Zeit hierüber ausgesprochen habt«, erwiderte Carker mit Kälte. »Ich glaube übrigens, daß es am Ende so am besten war. Ja, ich bin überzeugt, es hätte nicht besser gehen können. Habe ich Euch schon gesagt, daß eine Art kleinen Vertrauens zwischen Miß Dombey und ihm stattfand?«

»Nein«, sagte Mr. Dombey finster.

»Ich zweifle nicht daran«, fuhr Mr. Carker nach einer ausdrucksvollen Pause fort, »daß Gay, wo er jetzt auch sein mag, an einem passenderen Ort ist, als wenn er in der Heimat wäre. An Eurer Stelle würde ich mich vollkommen darüber zufrieden geben, wie denn auch ich die volle Überzeugung in mir trage, es hätte nicht besser kommen können. Wenn Miß Dombey je einen Fehler hat, so besteht er darin, daß sie ein allzu vertrauensseliges junges Wesen ist – vielleicht nicht stolz genug für Eure Tochter. Ich habe allerdings nicht im Sinn, ihr damit einen Vorwurf zu machen. Wollt Ihr diese Bilanzen mit mir vergleichen?«

Mr. Dombey lehnte sich in seinem Stuhl zurück und blickte, statt sich über die ihm vorgelegten Papiere niederzubeugen, dem Geschäftsführer fest ins Gesicht. Dieser, der seine Augenlider leicht erhob, tat dergleichen, als sei er bloß bei seinen Zahlen und warte, bis sein Chef Zeit gewinne. Dieses Benehmen war sichtlich erkünstelt und schien aus einem großen Zartgefühl hervorzugehen, das Mr. Dombeys Empfindungen schonen wollte. Auch erkannte dieser die wohlmeinende Rücksicht an, und sein Inneres sagte ihm, sein vertrauter Geschäftsführer hätte wohl noch viel mitteilen können, was Mr. Dombey durch Fragen herauslocken zu wollen zu stolz war. Mr. Carker pflegte es in Geschäftssachen oft so zu halten. Allmählich verlor Mr. Dombeys Blick seine Strenge, und die Aufmerksamkeit dieses Gentlemans wurde durch die Papiere vor ihm in Anspruch genommen. Aber selbst während er damit beschäftigt war, hielt er häufig inne und blickte wieder Mr. Carker an. So oft dies aber geschah, zeigte der Geschäftsführer sein früheres Zartgefühl und machte dadurch nur einen um so größeren Eindruck auf seinen Chef.

Während die beiden Männer so beschäftigt waren und unter der gewandten Leitung des Geschäftsführers in Dombey an die Stelle der kalten Abneigung, die dort gewöhnlich herrschte, zornige Gedanken gegen die arme Florence traten, ging der von den alten Damen Leamingtons so sehr bewunderte Major Bagstock im Geleite des Eingeborenen, der das gewöhnliche leichte Gepäck trug, auf der schattigen Seite des Weges weiter, um bei Mrs. Skewton einen Besuch zu machen. Es war schon Mittag, als der Major Kleopatras Palast erreichte; er hatte das Glück, seine Prinzessin wie gewöhnlich auf dem Sofa zu finden. Sie schmachtete über eine Tasse Kaffee, und das Zimmer war zum Zwecke einer schwelgerischen Ruhe so verdunkelt und schattig, daß der aufwartende Withers sich wie ein gespenstiger Page ausnahm.

»Was kommt da für ein unerträglicher Mensch!« sagte Mrs. Skewton. »Nein, es ist nicht auszuhalten. Geht nur wieder fort, wer Ihr auch sein mögt!«

»Ihr habt nicht das Herz, J. B. zu verbannen, Ma'am!« versetzte der Major, der, um seine Gegenvorstellungen anzubringen, mit dem Rohr über der Schulter in der Mitte des Zimmers haltmachte.

»O, Ihr seid es? Nun ja, wenn ich's weiter überlege, so könnt Ihr näher kommen«, bemerkte Kleopatra.

Demgemäß kam der Major näher, trat auf das Sofa zu und drückte ihre bezaubernde Hand an seine Lippen.

»Nehmt Platz«, sagte Kleopatra, leicht mit ihrem Fächer winkend, »aber nur recht weit von mir. Kommt mir nicht zu nahe, denn ich bin diesen Morgen schrecklich angegriffen und reizbar. Ihr riecht nach der Sonne und seid absolut tropisch.«

»Beim Georg, Ma'am«, entgegnete der Major, »es hat eine Zeit gegeben, in der Joseph Bagstock von der Sonne eigentlich gebraten wurde. Damals, Ma'am, brachte ihn die hohe Treibhaushitze Westindiens zu einem so üppigen Wachstum, daß er nur als die Blume bekannt war. In jenen Tagen hörte man nie etwas von Bagstock, Ma'am, sondern nur von der Blume – die Blume der Unsrigen. Die Blume mag mehr oder weniger verblüht sein, Ma'am«, bemerkte der Major, sich in einen viel näheren Stuhl niederlassend, als ihm von seiner grausamen Göttin angedeutet worden war, »aber es ist noch immer eine zähe Pflanze und beständig wie das Immergrün,«

Unter dem Schutz des dunkeln Zimmers schloß jetzt der Major das eine Auge, rollte seinen Kopf wie ein Harlekin und gelangte in seiner großen Selbstzufriedenheit vielleicht näher an die Grenzen eines Schlaganfalls, als dies je zuvor der Fall gewesen.

»Wo ist Mrs. Granger?« fragte Kleopatra ihren Pagen.

Withers glaubte, daß sie sich auf ihrem Zimmer befinde.

»Sehr gut«, versetzte Mrs. Skewton. »Geh jetzt und schließe die Tür. Ich bin beschäftigt.«

Nachdem Withers verschwunden war, drehte Mrs. Skewton ohne weitere Bewegung ihren Kopf matt gegen den Major hin und fragte, wie es seinem Freund ergehe.

»Dombey, Ma'am«, erwiderte der Major mit einem scherzhaften Gurgeln in seiner Kehle, »ist so munter, wie es ein Mann in seiner Lage nur sein kann. Aber sein Zustand ist ein verzweifelter, Ma'am, Dombey ist getroffen – tief getroffen!« rief der Major. »Ein Bajonett steckt ihm im Leibe.«

Kleopatra warf einen scharfen Blick auf ihren Gefährten, der einen lebhaften Gegensatz zu dem künstlich gedehnten Ton bot, in dem sie jetzt sagte:

»Major Bagstock, ich kenne die Welt nur wenig und kann in der Tat meine Unerfahrenheit bedauern, denn ich fürchte, es ist eine falsche Welt, voll von lähmenden gesellschaftlichen Rücksichten, wobei auf die Natur nur wenig Rücksicht genommen wird und die Musik des Herzens, der Erguß der Seele und dergleichen wahrhaft poetische Dinge nur selten gehört werden. Trotzdem kann ich mich nicht täuschen in dem, was Ihr sagen wollt, Ihr spielt mit Euren Worten auf Edith an – auf mein mir über die Maßen teures Kind« – fügte Mrs. Skewton bei, indem sie mit dem Zeigefinger über die Augenbrauen hinfuhr, »und da erbeben in der Tat die zartesten Saiten.«

»Derbheit, Ma'am«, erwiderte der Major, »ist stets ein charakteristischer Zug der Bagstock-Rasse gewesen. Ihr habt recht. Joe gibt es zu.«

»Und jene Anspielung«, fuhr Kleopatra fort, »betrifft, glaube ich, eines der ergreifendsten – wenn nicht entschieden das ergreifendste und heiligste Gefühl, dessen unsere kläglich gefallene Natur fähig ist.«

Der Major legte seine Hand auf die Lippen und warf Kleopatra einen Kuß zu, als wolle er dadurch das fragliche Gefühl näher bezeichnen.

»Ich bin sehr angegriffen. Ich fühle, daß es mir an jener Tatkraft fehlt, die in einer solchen Angelegenheit eine Mutter aufrecht erhalten sollte«, sagte Mrs. Skewton, ihre Lippen mit dem Spitzenrande ihres Taschentuchs berührend; »aber ich kann mich kaum ohne ein Gefühl, das an Ohnmacht grenzt, auf einen Gegenstand einlassen, der für meine teure Edith so ungemein wichtig ist. Da Ihr übrigens, schlimmer Mann, so kühn darauf losgegangen seid, so will ich ungeachtet des großen Schmerzes« – Mrs. Skewton berührte dabei ihre linke Seite mit dem Fächer – »den es mir bereitet hat, nicht vor meiner Pflicht zurückbeben.«

Unter dem Schutze der Dunkelheit ließ der Major sein mehr und mehr anschwellendes Purpurgesicht umherrollen; dabei blinzelte er mit den Hummer-Augen, bis er in einen Zustand von Kurzatmigkeit verfiel, die ihn zwang, sich zu erheben und einige Male im Zimmer auf und ab zu gehen, ehe seine schöne Freundin fortfahren konnte.

»Mr. Dombey«, nahm Mrs. Skewton endlich das Gespräch wieder auf, »ist nun schon viele Wochen so gefällig, uns in Eurer Gesellschaft, mein teurer Major, mit seinen Besuchen zu beehren. Laßt mich offen gegen Euch sein. Es ist mein Fehler, daß ich ein Geschöpf des Impulses bin und mein Herz, sozusagen, außen trage. Ich bin mir meiner Mängel vollkommen bewußt, und mein Feind könnte sie nicht besser kennen. Aber es tut mir nicht leid, daß es so ist; denn ich möchte nicht einfrieren in dieser herzlosen Welt und lasse es mir gern gefallen, wenn man mir mit Recht einen solchen Vorwurf macht.«

Mrs. Skewton ordnete ihr Vorstecktuch, kniff ihren mageren Hals, um ihm eine glatte Oberfläche zu geben, und fuhr mit großer Selbstgefälligkeit fort:

»Es hat mir und zuverlässig auch meiner lieben Edith ein ungemeines Vergnügen gemacht, Mr. Dombey hier aufzunehmen. Da er Euer Freund ist, mein teurer Major, so waren wir natürlich schon zum vorhinein für ihn eingenommen, und es dünkt mich, ich habe an Mr. Dombey eine Überfülle von Herz wahrgenommen, die ungemein erfrischend ist.«

»Es ist jetzt ein verteufelt kleines Herz in Dombey, Ma'am«, versetzte der Major.

»Sie böser Mann!« rief Mrs. Skewton, schmachtend nach ihm hinblickend, »ich bitte, redet nicht so«.

»J. B. ist stumm, Ma'am«, sagte der Major.

»Mr. Dombey«, fuhr Kleopatra fort, indem sie die rosige Farbe auf ihren Wangen glättete, »hat später seine Besuche wiederholt. Vielleicht findet er etwas Anziehendes in der Einfachheit und Kunstlosigkeit unserer Gewohnheiten – denn es liegt stets ein Zauber in der Natur – ein so gar süßer Zauber –, und darum wurde er jeden Abend ein Glied unseres kleinen Kreises. Freilich dachte ich wenig an die schwere Verantwortlichkeit, die ich mir auflud, als ich Mr. Dombey ermutigte –«

»Diese Quartiere zu bestürmen, Ma'am«, ergänzte Major Bagstock.

»Roher Mensch!« sagte Mr. Skewton. »Ihr greift dem vor, was ich sagen wollte, obschon in einer sehr häßlichen Sprache.«

Mrs. Skewton legte jetzt ihren Ellenbogen auf den nebenstehenden kleinen Tisch, ließ, wie sie meinte, ihre Hand in einer anmutigen geziemenden Weise sinken, schwang ihren Fächer hin und her und bewunderte während ihrer Rede mit lässigem Blick ihre Finger.

»Die innere Pein, die ich erduldete«, fuhr sie geziert fort, »wie allmählich die Wahrheit in mir aufdämmerte, ist zu schrecklich gewesen, als daß ich mich weiter darüber verbreiten könnte. Mein ganzes Dasein ist an meine süße Edith gekettet, und es ist wirklich im höchsten Grade ergreifend, wenn ich mitansehen muß, wie mein schöner Liebling, der seit dem Tod jenes herrlichen Granger sein Herz eigentlich abgeschlossen hält, sich von Tag zu Tag verändert.«

Die Welt Mrs. Skewtons war keine durch Kritik sonderlich getrübte. Das mußte man aus der Art merken, wie selbst die ergreifendsten Dinge auf sie wirkten. Doch das nur nebenbei.

»Man sagt«, fuhr Mr. Skewton in geziertem Ton fort, »Edith, diese vollkommene Perle meines Lebens, habe Ähnlichkeit mit mir, und ich glaube, daß sie mein leibhaftiges Ebenbild ist.«

»Es gibt einen Mann in der Welt, der nie zugeben wird, daß irgend etwas mit Euch zu vergleichen sei, Ma'am«, sagte der Major; »und dieser Mann ist der alte Joe Bagstock.«

Kleopatra tat, als wolle sie mit ihrem Fächer dem Schmeichler das Gehirn einschlagen, kam übrigens doch auf eine mildere Gesinnung zurück und lächelte ihm zu, während sie weiter sprach:

»Boshafter Mann«, – hiermit war der Major gemeint – »wenn mein bezauberndes Mädchen irgend etwas Gutes von mir geerbt hat, so ist sie auch die Erbin meiner törichten Natur. Sie besitzt große Charakterstärke – auch an mir wollte man sie in ungemeinem Grade bemerkt haben, obschon ich es nicht glaube – aber einmal gerührt, ist sie ausnehmend empfänglich und gefühlvoll. Denkt Euch meine Empfindungen, wenn ich sehen muß, wie sie sich abhärmt! Wahrhaftig, sie bringen mich noch unter die Erde.«

Der Major schob sein Doppelkinn vor, legte in seine blauen Lippen einen beschwichtigenden Ausdruck und bekundete seine tiefste Teilnahme.

»Das Vertrauen, das zwischen uns bestanden hat«, sagte Mrs. Skewton – »die freie Entfaltung der Seele und die Offenheit der Empfindung – ach, wie ergreifend ist es nicht, nur daran zu denken. Wir lebten mehr wie Schwestern, als wie Mutter und Kind.«

»Ganz J. B.s Ansicht«, bemerkte der Major, »von J. B. schon fünfzigtausendmal ausgesprochen.«

»Unterbrecht mich nicht, roher Mann!« sagte Kleopatra. »Was müssen also meine Gefühle sein, wenn ich finde, daß ein Gegenstand vorhanden ist, der von uns vermieden wird – daß (wie soll ich's doch nennen?) eine Meeresenge sich zwischen uns geöffnet hat – daß meine arglose Edith sich so gegen mich ändern könnte! Dies schneidet natürlich tief in die Seele ein.«

Der Major verließ seinen Stuhl und setzte sich auf einen andern, der dem kleinen Tische näher stand.

»Von Tag zu Tag muß ich das mit ansehen, mein teurer Major«, fuhr Mr. Skewton fort. »Von Tag zu Tag fühle ich es. Von Stunde zu Stunde mache ich mir Vorwürfe über das Übermaß der Vertrauensfülle, die zu so betrübenden Folgen führte, und fast von Minute zu Minute hoffe ich, Mr. Dombey werde sich erklären und mir die Folter abnehmen, die mich aufreibt. Aber nichts von alledem ergibt sich, mein teurer Major. Ich bin eine Sklavin meiner Gewissensbisse – nehmt doch die Tasse in acht; Ihr seid so ungeschickt – meine teure Edith ist ein ganz anderes Wesen, und ich sehe in der Tat nicht ein, was sich tun läßt oder mit welcher wohlmeinenden Person ich mich beraten kann.«

Vielleicht ermutigt durch den sanften und vertraulichen Ton, in den Mrs. Skewton mehrere Male für eine kurze Weile verfallen war, schien der Major geneigt zu sein, den Wohlmeinenden zu spielen; denn er streckte seine Hand über den kleinen Tisch aus und sagte mit einem Schielblick:

»Beratet Euch mit Joe, Ma'am.«

»O Ihr abscheuliches Ungeheuer«, versetzte Kleopatra, die eine Hand dem Major reichend und mit dem Fächer, den sie in der andern hielt, dessen Finger klopfend, »warum sprecht Ihr dann nicht mit mir? Ihr wißt, was ich meine. Warum sagt Ihr mir nicht etwas Sachgemäßes?«

Der Major lachte, küßte die ihm vertraute Hand und lachte abermals aus vollem Hals.

»Ist in Mr. Dombey so viel Herz, wie ich ihm zutraue?« sprach Kleopatra mit zärtlichem Schmachten. »Glaubt Ihr, es sei ihm Ernst, mein teurer Major? Ratet Ihr dazu, daß man mit ihm darüber spreche, oder soll man es unterlassen? So sprecht Euch aus wie ein lieber Mann, und sagt mir Eure Ansicht.«

»Sollen wir ihn mit Edith Granger verheiraten, Ma'am?« versetzte der Major mit heiserem Kichern.

»Geheimnisreicher Mensch!« entgegnete Kleopatra, ihren Fächer in die Nähe der Nase des Majors bringend. »Wie können wir ihn verheiraten?«

»Sollen wir ihn mit Edith Granger verheiraten, Ma'am? sage ich«, kicherte der Major abermals.

Mrs. Skewton gab keine Erwiderung in Worten, lächelte aber dem Major so schlau und lebhaft zu, daß der wackere Offizier, der hierin eine Herausforderung sah, ihren ungemein roten Lippen einen Kuß aufgedrückt haben würde, wenn sie nicht mit sehr gewinnender jugendlicher Gewandtheit den Fächer dazwischen gebracht hätte. Möglich, daß der Grund in ihrer Verschämtheit lag; vielleicht aber fürchtete sie auch Gefahr für ihr Rot.

»Dombey, Ma'am«, sagte der Major, »ist ein guter Fang.«

»O, Ihr jämmerlicher Geldmensch!« rief Kleopatra mit einem leichten Schrei. »Ihr entsetzt mich.«

»Und Dombey; Ma'am«, fuhr der Major fort, indem er den Kopf vorwärts schob und die Augen weit aufsperrte, »meint es ernsthaft. Joseph versichert Euch das. Bagstock weiß es, und J. B. hat ihn scharf auf dem Korn. Überlaßt es nur Dombey selbst, Ma'am. Benehmt Euch bloß wie bisher: tut nichts weiter und baut im übrigen auf J. B.«

»Glaubt Ihr dies wirklich, mein teurer Major?« entgegnete Kleopatra, die ihn ungeachtet ihrer gleichgültigen Haltung sehr behutsam und spähend ins Auge gefaßt hatte.

»Seid davon überzeugt, Ma'am«, antwortete der Major. »Kleopatra, die Unvergleichliche, und ihr Antonius Bagstock werden oft triumphierend davon sprechen, wenn sie an der Eleganz und dem Reichtum von Edith Dombeys Hause teilnehmen. Dombeys rechte Hand, Ma'am«, fügte der Major bei, indem er plötzlich in einem Kichern abbrach und sehr ernst wurde, »ist angekommen.«

»Heute morgen?« fragte Kleopatra.

»Ja, heute morgen, Ma'am«, antwortete der Major. »Und Dombeys sehnliches Verlangen nach ihm, Ma'am – nehmt J. B.s Wort dafür: denn Joe ist verteufelt schlau«, – der Major klopfte dabei an seine Nase und riß das eine seiner Augen weit auf, so daß seine natürliche Schönheit nicht sonderlich dadurch erhöht wurde – »hat bloß in dem Wunsch seinen Grund, daß dieser erfahre, wohin der Wind weht, ohne daß Dombey nötig hat, es ihm zu sagen, oder sich mit ihm zu beraten. Denn Dombey ist so stolz, Ma'am«, fügte der Major bei, »wie Luzifer.«

»Eine bezaubernde Eigenschaft«, lispelte Mrs. Skewton, »die sehr an die liebe Edith erinnert.«

»Gut, Ma'am«, sagte der Major. »Ich habe bereits Winke hingeworfen, und die rechte Hand versteht sie. Ich will noch mehr fallen lassen, ehe der Tag vorbei ist, Dombey ist heute auf den Gedanken gekommen, morgen nach einem Frühstück bei uns einen Ausflug nach Warwick Castle und Kenilworth zu machen. Ich übernahm die Besorgung dieser Einladung. Wollt Ihr uns so weit beehren, Ma'am?« fragte der Major, den Schlauheit und kurzer Atem geradezu aufblähten, als er ein Billet, der gefälligen Besorgung des Major Bagstock an die hochwohlgeborene Mrs. Skewton übergeben, hervorzog. Darin ersuchte ihr stets getreuer Paul Dombey sie und ihre liebenswürdige hochbegabte Tochter um die Gunst, sich dem beantragten Ausflug anzuschließen, während in einer Nachschrift derselbe stets getreue Paul Dombey seine schönsten Empfehlungen an Mrs. Granger ausrichten ließ.

»Pst!« sagte Kleopatra plötzlich. »Edith!«

Es läßt sich kaum beschreiben, wie die liebevolle Mutter bei diesem Ausrufe ihr lässiges und geziertes Wesen wieder annahm, da sie es eigentlich nie abgelegt hatte. Daß sie es jemals tun würde, konnte man an keinem andern Orte als etwa im Grabe für möglich halten. Indes beseitigte sie hastig jeden Schatten von Ernst, jedes leise Zugeständnis von löblicher oder arglistiger Absichtlichkeit, das sich für einen Augenblick in ihrem Gesicht, ihrer Stimme oder ihrem Wesen kundgegeben hatte, so daß sie, als Edith ins Zimmer trat, in ihrer trägsten und nachlässigsten Haltung wieder auf dem Sofa saß.

Edith, so schön und stattlich, aber doch so kalt und abstoßend! Mit einer leichten Verbeugung von der Gegenwart des Majors Bagstock Notiz nehmend, warf sie einen stechenden Blick auf ihre Mutter, zog von einem Fenster den Vorhang zurück, setzte sich vor diesem nieder und schaute hinaus.

»Meine teure Edith«, sagte Mrs. Skewton, »wo in aller Welt bist du denn gewesen? Ich habe dich kläglich vermißt, meine Liebe.«

»Ihr sagtet, daß Ihr beschäftigt seid, und deshalb blieb ich fort«, entgegnete Edith, ohne ihren Kopf umzuwenden.

»Es war eine Grausamkeit gegen den alten Joe, Ma'am«, sagte der Major in seiner Galanterie.

»Ich weiß, eine große Grausamkeit«, versetzte sie, noch immer zum Fenster hinaussehend, mit einer so ruhigen Verachtung, daß der Major sich geschlagen sah und nichts zu erwidern wußte.

»Major Bagstock, teure Edith«, sprach die Mutter in gedehntem Ton, »ist, wie du weißt, in der Regel der nützlichste und angenehmste Mann von der Welt –«

»Es ist in der Tat nicht der Mühe wert, solche Phrasen zu beachten, Ma'am«, entgegnete Edith zurückblickend. »Wir sind ja unter uns und kennen einander.«

Der ruhige Spott auf ihrem schönen Gesicht – ein Spott, der augenscheinlich ebensogut ihr selbst, wie den andern galt – war so nachdrücklich ausgeprägt, daß für den Augenblick ungeachtet ihrer sehr zähen Konstitution die Ziererei der Mutter davor weichen mußte.

»Mein liebes Mädchen«, begann sie wieder.

»Noch immer nicht Frau?« versetzte Edith mit einem Lächeln.

»Ach, wie bist du doch heute so seltsam, meine Liebe! Ich muß dir mitteilen, mein Kind, daß Major Bagstock ein sehr freundliches Billett von Mr. Dombey überbracht hat; er lädt uns ein, morgen bei ihm zu frühstücken und eine Fahrt nach Warwick und Kenilworth mitzumachen. Willst du dich anschließen. Edith?«

»Ob ich will!« wiederholte sie mit tiefem Erröten, und ihre Atemzüge flogen schneller, als sie nach ihrer Mutter hinblickte.

»Ich wußte es wohl, daß du damit einverstanden bist, mein Herz«, bemerkte die letztere gleichgültig, »und wie du sagst, frage ich nur um der Form willen. Hier ist Mr. Dombeys Brief, Edith.«

»Ich danke, es verlangt mich nicht danach, ihn zu lesen«, lautete die Antwort.

»Dann ist es vielleicht besser, wenn ich die Antwort übernehme«, sagte Mrs. Skewton, »obschon ich im Sinne hatte, dich zu bitten, daß du das Amt meines Sekretärs versehest.«

Da Edith keine Bewegung machte und auch nichts darauf erwiderte, bat Mrs. Skewton den Major, ihr den kleinen Tisch etwas näher zu rücken, das Pult darauf zu öffnen und für sie Feder und Papier herauszunehmen. Alle diese galanten Dienstleistungen versah der Major mit vieler Unterwürfigkeit und Ergebung.

»Deine Empfehlung, liebe Edith?« fragte Mrs. Skewton, als sie, die Feder in der Hand, bei der Nachschrift innehielt.

»Was Ihr wollt, Mama«, antwortete Edith mit ungemeiner Gleichgültigkeit, ohne daß sie den Kopf umwandte.

Mrs. Skewton schrieb, was sie wollte, ohne weitere bestimmtere Weisungen einzuholen, und übergab ihr Billett dem Major, der, als er die kostbaren Zeilen in Empfang nahm, tat, als wolle er das Blatt in der Nähe seines Herzens aufbewahren. Da jedoch seine Weste ein etwas unsicherer Platz war, so mußte er es der Tasche seiner Hosen anvertrauen. Der Major nahm sodann von den beiden Damen einen sehr höflich galanten Abschied, der von der älteren in der gewöhnlichen Weise aufgenommen wurde, während die jüngere, die mit ihrem Gesicht gegen das Fenster gekehrt dasaß, ihren Kopf nur so leicht verneigte, daß es für den Major ein größeres Kompliment gewesen wäre, wenn sie gar kein Zeichen von sich gegeben und ihn bei der Meinung gelassen hätte, sein »Auf Wiedersehen« sei gar nicht gehört worden.

Was die Veränderung an ihr betrifft, Sir, dachte der Major auf seinem Heimwege, auf dem er, da der Nachmittag sehr sonnig und heiß war, den Eingeborenen mit dem leichten Gepäck vorausgehen ließ, um in dem Schatten dieses aus dem Vaterland verbannten Prinzen wandeln zu können – was die Veränderung, das Abhärmen usw. betrifft, so muß man damit Joseph Bagstock nicht kommen wollen. Nichts da, Sir. Es verfängt hier nicht. Aber daß eine Art Spaltung zwischen ihnen herrscht – eine Meeresenge, wie es die Mutter nennt, – Gott verdamme mich, Sir, dies scheint richtig genug zu sein. Und es ist auch seltsam genug! Na, Sir, keuchte der Major, Edith Granger und Dombey sind sich gegenseitig trefflich gewachsen; sie mögen es miteinander ausfechten! Bagstock hält sich auf die Seite des gewinnenden Teils.

Da der Major in der Wärme seiner Gedanken diese letzteren Worte laut sprach, so blieb der unglückliche Eingeborene, der sich persönlich angeredet wähnte, stehen und schaute zurück. Über diesen Akt des Ungehorsams im höchsten Grade aufgebracht, stieß der Major, obschon er in jenem Augenblicke aus Freude über seinen eigenen Humor förmlich aufgedunsen war, sogleich seinen Stock zwischen die Rippen des Eingeborenen und fuhr fort, in kurzen Zwischenräumen diesen dauernd auf dem ganzen Weg nach dem Hotel in solcher Weise zu spornen.

Der Unmut des Majors hatte sich noch nicht gelegt, als er sich zum Diner ankleidete; denn während dieses Geschäfts war der schwarze Diener einem Schauer von unterschiedlichen Gegenständen ausgesetzt, die der Größe nach vom Stiefel bis zur Haarbürste wechselten und alles in sich schlossen, was in den Bereich des strengen Gebieters geriet. Der Major tat sich nämlich viel darauf zu gut, den Eingeborenen vollkommen einexerziert zu haben, und suchte daher auch das mindeste Abweichen von der pünktlichsten Mannszucht mit einer derartigen erschöpfenden Anstrengung heim. Dazu kam noch, daß der Eingeborene als ein Gegenmittel gegen Gicht und alle anderen, sowohl körperlichen wie geistigen Verdrießlichkeiten stets in seiner Nähe sein mußte, so daß der arme Schwarze augenscheinlich seinen nicht großen Lohn sauer verdiente.

Nachdem endlich der Major alle Wurfgeschoße, die ihm unter die Hand kamen, verbraucht und den Eingeborenen mit so vielen neuen Titeln beehrt hatte, daß dieser wohl allen Grund erhielt, sich über den Reichtum der Sprache seines Herrn zu wundern, ließ er sich seine Halsbinde anlegen. Sobald er nun angekleidet war und die Bemerkung machte, daß er durch die erwähnte Übung in einen hohen Geistesschwung versetzt worden, begab er sich die Treppe hinunter, um zu der Erheiterung von Dombey und dessen rechter Hand beizutragen.

Dombey befand sich noch nicht im Zimmer, aber die rechte Hand war da und hielt wie gewöhnlich die Zahnschätze für den Major bereit.

»Nun, Sir,« rief der Major, »wie habt Ihr die Zeit verbracht, seit ich das Glück hatte, zum erstenmal mit Euch zusammenzutreffen? Seid Ihr ausgegangen?«

»Ich bin kaum ein halbes Stündchen umhergeschlendert«, versetzte Carker. »Wir waren sehr in Anspruch genommen.«

»Vermutlich durch Geschäftsangelegenheiten?« fragte der Major.

»Es waren allerlei Kleinigkeiten zu verhandeln«, entgegnete Carker. »Ihr müßt übrigens wissen – das ist ganz ungewöhnlich für mich, denn ich bin in einer mißtrauischen Schule erzogen und in der Regel nicht zur Mitteilsamkeit geneigt.« Dann brach er plötzlich ab und sprach in einem bezaubernden Tone von Freimut: »Trotzdem ist es mir, als könne ich ganz vertraulich gegen Euch sein, Major Bagstock.«

»Sehr viele Ehre für mich, Sir«, entgegnete der Major, »Ihr dürft es übrigens unverhohlen.«

»So will ich Euch denn sagen«, fuhr Carker fort, »daß ich meinen Freund – oder unsern Freund, sollte ich ihn vielmehr nennen –«

»Ihr meint wohl Dombey, Sir?« erwiderte der Major. »Ihr seht mich, Mr. Carker, wie ich hier stehe – J. B. –?«

Er war gedunsen und blau genug anzusehen, und Mr. Carker entgegnete, daß er das Vergnügen habe.

»Dann seht Ihr einen Mann, Sir, der durch Feuer und Wasser gehen würde, um Dombey zu dienen«, entgegnete Major Bagstock.

Mr. Carker lächelte und entgegnete, daß er davon überzeugt sei.

»Um da fortzufahren, Major, wo ich stehenblieb«, nahm er wieder auf, »muß ich Euch sagen, daß ich unsern Freund heute nicht so aufmerksam auf Geschäftssachen fand, wie gewöhnlich.«

»Nicht?« bemerkte der entzückte Major.

»Er war etwas zerstreut und schien geneigt zu sein, seine Gedanken anderwärts umherirren zu lassen«, sagte Carker.

»Beim Jupiter, Sir«, rief der Major, »dann ist eine Dame mit im Spiel.«

»Ich fange in der Tat an, zu glauben, daß etwas Derartiges der Fall sein muß«, versetzte Carker. »Als Ihr heute einen Wink hinzuwerfen schienet, hielt ich es für einen Scherz, denn ich weiß, Ihr Herren vom Militär –«

Der Major ließ seinen Pferdehusten erschallen und schüttelte Kopf und Schultern, als wollte er sagen, »ja wir sind freilich lockere Zeisige; das ist nicht in Abrede zu stellen«. Dann faßte er Mr. Carker beim Knopfloch und flüsterte ihm mit weit vorspringenden Augen ins Ohr, sie sei ein Frauenzimmer von außerordentlichen Reizen, Sir – eine junge Witwe, Sir – von einer ausgezeichneten Familie, Sir – Dombey sei über Kopf und Ohren in sie verliebt, Sir, und es handle sich dabei um eine treffliche Partie von beiden Seiten. Sie besitze Schönheit, Blut und Talent, Dombey dagegen sei reich; was könne man also von einem Paar weiter verlangen. Da sich jetzt draußen Mr. Dombeys Fußtritt vernehmen ließ, so brach der Major kurz mit den Worten ab, Mr. Carker werde sie morgen früh sehen und könne sich dann selbst ein Urteil bilden. In dieser geistigen Aufregung und unter der Anstrengung, alles dies in einem kurzatmigen Flüstern zu sagen, blieb der Major mit gurgelnder Kehle und tränenden Augen sitzen, bis das Diner bereit war.

Wie einige andere edle Tiere nahm sich der Major bei der Fütterungszeit sehr vorteilhaft aus. Bei dieser Gelegenheit glänzte er eigentlich am einen Ende der Tafel, gehoben durch das mildere Strahlen Mr. Dombeys an dem anderen, während Mr. Carker sein Licht bald nach der einen Seite hin, oder nach Befund der Umstände nach beiden leuchten ließ.

Während der ersten paar Gänge war der Major gewöhnlich ernst; denn der Eingeborene sammelte gemäß der insgeheim an ihn erlassenen Weisungen alle Tellerchen und Näpfe um seinen Gebieter her, und gab ihm deshalb mit Herausnehmen der Stöpsel und Mischen des Inhalts auf seinem Teller viel zu schaffen. Außerdem hatte der schwarze Diener besondere Zugaben und Gewürze auf einem Seitentisch stehen, mit denen der Major sich täglich beizte, der seltsamen Maschinen gar nicht zu gedenken, aus denen er unbekannte Flüssigkeiten in das Getränk spritzen ließ. Doch auch bei dieser Gelegenheit und sogar in Mitte der vielen Beschäftigungen fand Major Bagstock Zeit, gesellig zu sein, und seine Unterhaltsamkeit bestand in einer ausnehmenden Schlauheit gegen Mr. Carker, wie auch im Bloßlegen von Mr. Dombeys Gemütszustand.

»Dombey«, sagte der Major; »Ihr eßt nicht; was fehlt Euch?«

»Ich danke«, entgegnete dieser Gentleman. »Ich befinde mich wohl, habe aber heute keinen sonderlichen Appetit.«

»Aber, Dombey, was ist denn daraus geworden?« fragte der Major. »Wo ist er geblieben? Ich will darauf schwören, Ihr habt ihn nicht bei unsern Freundinnen gelassen; denn ich stehe dafür, daß sie heute niemanden beim Lunch hatten. Für eine davon kann ich wenigstens Bürgschaft leisten, obschon ich nicht sagen will, für welche.«

Der Major blinzelte sodann Carker zu und wurde dabei so schrecklich schlau, daß der schwarze Diener ihn ohne Auftrag auf den Rücken klopfen mußte, weil sein Gebieter sonst wahrscheinlich unter dem Tisch verschwunden wäre.

In einem späteren Zeitpunkt des Diners – d. h. als der Eingeborene neben seinem Gebieter stand, um die erste Flasche Champagner einzugießen, wurde der Major noch schlauer.

»Fülle dies bis zum Rand, du Schurke«, sagte der Major, ihm sein Glas hinhaltend. »Gieße auch Mr. Carker randvoll ein – desgleichen Mr. Dombey. Bei Gott, Gentlemen«, fuhr der Major mit einem Blinzeln gegen seinen neuen Freund fort, während Mr. Dombey mit schuldbewußter Miene auf seinen Teller schaute, »wir wollen dieses Glas einer Gottheit weihen, die Joe mit Stolz unter seine Bekanntschaften zählt und die er aus dem Staube ehrerbietig bewundert. Edith ist ihr Name«, sagte der Major. »Die engelgleiche Edith.«

»Die engelgleiche Edith!« rief Carker lächelnd.

»Auf alle Fälle Edith!« sagte Mr. Dombey.

Das Eintreten der Kellner, die neue Schüsseln brachten, bewog den Major zu noch größerer Schlauheit, obschon er in eine ernstere Stimmung überging.

»Wenn wir unter uns sind, Sir«, sagte der Major, einen Finger an seine Lippen legend und halb beiseite zu Carker sprechend, »so liebt es Joe Bagstock wohl, in dieser Angelegenheit Scherz und Ernst zu mengen. Aber er hält den erwähnten Namen für viel zu heilig, als daß solche Kerle oder überhaupt gewöhnliche Kreaturen darin eingeweiht werden dürften. Keine Silbe darüber, Sir, solange sie hier sind!«

Das war anerkennenswert und achtungsvoll von seiten des Majors, und Mr. Dombey fühlte es vollkommen. Obschon in seiner kalten Weise durch die Anspielungen seines Freundes in einige Verlegenheit gebracht, hatte er doch nichts gegen solche Neckereien einzuwenden, sondern schien sich sogar darin zu gefallen. Vielleicht hatte der Major ziemlich die Wahrheit getroffen, als er sich heute morgen einbildete, der große Mann sei zu stolz, um sich in einer solchen Angelegenheit mit seinem Premierminister förmlich zu beraten oder ihn ins Vertrauen zu ziehen, obschon er wünschte, daß dieser vollkommen davon in Kenntnis gesetzt werde. Mochte dem übrigens sein, wie es wolle, Dombey schaute, während der Major seine leichten Geschosse spielen ließ, oft nach Mr. Carker hin und schien beobachten zu wollen, welche Wirkung sie auf seine rechte Hand machten.

Der Major aber, der sich einen aufmerksamen Zuhörer, einen Mann mit einem Lächeln, wie es in der ganzen Welt keines mehr gab, kurz »einen verdammt gescheiten und angenehmen Burschen«, wie er ihn später oft nannte, gesichert hatte, wollte ihn nicht bloß mit dem bißchen Schlauheit, die sich persönlich auf Mr. Dombey bezog, loslassen. Daher zeigte er sich nach Entfernung des Tischtuches als einen ganz erlesenen Geist in dem weit umfassenderen Bereiche des Erzählens von Regimentsgeschichten und Vorbringens von Soldatenspäßen. Das tat er mit einem so erstaunlichen Überströmen, daß Carker – wenn er nicht nur sich so anstellte, von Lachen und Bewunderung völlig erschöpft wurde, während Mr. Dombey über seiner steifen Halsbinde herausblickte, als sei er der Eigentümer des Majors oder irgendein Raritätenvorweiser, der sich darüber freute, daß sich sein Bär so gut aufs Tanzen verstand.

Nachdem der Major vom Essen, Trinken und der Kundgebung seiner gesellschaftlichen Fähigkeiten zu heiser geworden war, um sich länger verständlich zu machen, ging man zum Kaffee über. Dann fragte der Major Mr. Carker, den Geschäftsführer, scheinbar mit geringer Hoffnung auf eine bejahende Antwort, ob er Pikett spiele.

»Ja, ein wenig«, versetzte Mr. Carker.

»Vielleicht auch Brettspiel?« bemerkte der Major zögernd.

»Auch dies ein wenig«, versetzte der Mann der Zähne.

»Ich glaube, Carker versteht sich auf alle Spiele«, sagte Mr. Dombey, sich wie ein hölzerner Mann ohne Gelenk und ohne Scharnier auf das Sofa hinstreckend, »und zwar recht gut.«

In der Tat kannte er die fraglichen beiden Spiele so vollkommen, daß der Major ganz erstaunt wurde und aufs Geratewohl hin ihn fragte, ob er auch Schach spiele.

»Ja, ich kann es ein wenig«, antwortete Carker. »Bisweilen machte ich mir schon den Spaß zu spielen, und gewann, ohne daß ich auf das Brett hinsah.«

»Bei Gott, Sir«, sagte der Major, die Augen aufsperrend, »Ihr seid ein vollkommener Gegensatz von Dombey, der sich auf gar kein Spiel versteht.«

»O! er!« entgegnete der Geschäftsführer. »Er hat nie Gelegenheit gehabt, sich mit solchen kleinen Künsten abzugeben, während sie für Männer, wie ich bin, bisweilen nützlich werden können. Im gegenwärtigen Augenblick zum Beispiel, Major Bagstock, setzen sie mich in den Stand, meine Geschicklichkeit gegen Euch zu erproben.«

Der glatte, weite Mund war vielleicht nicht der rechte; aber doch schien unter der Demut und Unterwürfigkeit dieser kurzen Rede etwas zu lauern, gleich einem Knurren; und für einen Augenblick hätte man denken können, die weißen Zähne seien geneigt, die Hand zu beißen, der sie schmeichelten. Der Major machte sich übrigens keine Gedanken darüber, und Mr. Dombey lag während des ganzen Spiels, das bis zum Schlafengehen dauerte, mit halbgeschlossenen Augen nachsinnend da.

Obschon Mr. Carker gewann, stieg er doch hoch in der guten Meinung des Majors. Und zwar in dem Grade, daß dieser, als sich Carker nach seinem Schlafgemach begab, aus besonderer Aufmerksamkeit den Eingeborenen, der stets sein Lager auf einer Matratze vor der Tür seines Gebieters hatte, in die Galerie hinausschickte, um mit allem Prunk dem neuen Freunde nach seinem Zimmer zu leuchten.

Auf der Oberfläche des Spiegels in Mr. Carkers Gemach lag ein trüber Duft, so daß er vielleicht einen falschen Widerschein bot. Aber er zeigte in jener Nacht das Bild eines Mannes, der vor seinem geistigen Auge eine Menge zu seinen Füßen auf dem Boden schlummernder Menschen sah, ähnlich dem armen Eingeborenen vor der Tür seines Gebieters. Er schlich sich dazwischen durch und schaute boshaft darauf nieder, obschon er wenigstens vorderhand noch nicht auf ein aufwärts gekehrtes Gesicht trat.

 

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