Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Dombey und Sohn - Band 1

Charles Dickens: Dombey und Sohn - Band 1 - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn - Band 1
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071003
modified20180709
projectid02701b8a
Schließen

Navigation:

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Seltsame Neuigkeiten von Onkel Sol.

Obschon Kapitän Cuttle kein Langschläfer war, so kroch er am Morgen nach dem Tag, als er den schreibenden Sol Gills durch das Ladenfenster beobachtet hatte, während Rob der Schleifer sein Bett unter dem Tisch, auf dem der Midshipman stand, anfertigte – nicht so früh aus den Federn, und es hatte bereits sechs Uhr geschlagen, als er sich auf den Ellenbogen aufrichtete und in seinem kleinen Stübchen umherschaute. Die Augen des Kapitäns mußten einen schweren Dienst haben, wenn er sie beim Erwachen gewöhnlich so weit öffnete, wie an diesem Morgen, und erhielten für ihre Aufmerksamkeit nur einen rauhen Lohn, falls er sie in der Regel nur halb so zart zu reiben pflegte. Der Anlaß war übrigens auch kein gewöhnlicher; denn sicherlich hatte Rob der Schleifer nie zuvor unter der Schwelle von Kapitän Cuttles Schlafzimmer gestanden. Aber jetzt zeigte er sich daselbst keuchend und mit einem roten, schlaftrunkenen Gesicht, als komme er eben von seinem Bette her.

»Holla!« schrie der Kapitän. »Was gibt's?«

Ehe Rob ein Wort der Erwiderung stammeln konnte, war Kapitän Cuttle hurtig aus seinem Bett gefahren und hatte den Mund des Knaben mit seiner Hand bedeckt.

»Halt, mein Junge«, sagte der Kapitän. »Für jetzt noch keine Silbe!«

Nachdem er ihm diese Einschärfung gegeben, wobei er ihn mit großer Bestürzung betrachtete, drehte er ihn sacht an der Schulter ins nächste Zimmer hinaus. Dann verschwand er für einige Augenblicke und erschien bald darauf in dem blauen Anzuge wieder. Indem er die Hand erhob, als ob sein Verbot noch nicht aufgelöst sei, ging er auf den Schrank zu, goß sich selbst ein Gläschen ein und füllte ein zweites für den Boten. Hierauf stellte sich der Kapitän in eine Ecke gegen die Wand, als wolle er der Möglichkeit vorbeugen, daß die bevorstehende Mitteilung ihn rücklings zu Boden werfe, schluckte, ohne ein Auge von dem Boten zu verwenden, seinen Branntwein hinunter und forderte dann mit einem Gesicht, so blaß als es bei dem seinigen nur möglich war, Rob auf, »loszuschieben«.

»Meint Ihr damit, daß ich sprechen solle, Kapitän?« fragte Rob, dem die frühere Warnung noch schwer auf dem Gemüte lag.

»Ja«, versetzte der Kapitän.

»Wohlan, Sir«, entgegnete Rob, »ich habe nicht eben viel zu sagen. Aber schaut her!«

Rob brachte einen Schlüsselbund zum Vorschein.

Der Kapitän betrachtete ihn von seiner Ecke aus und musterte dabei fortwährend den Boten.

»Und dieses hier!« fuhr Rob fort.

Der Knabe zog ein versiegeltes Paket hervor, das Kapitän Cuttle mit ebenso großen Augen anstaunte, wie er es zuvor bei den Schlüsseln gehalten hatte.

»Als ich heute morgen erwachte, Kapitän«, sagte Rob – »es mochte ungefähr Viertel auf sechs sein, fand ich das auf meiner Bettdecke. Die Ladentür war aufgeriegelt und offen, Mr. Gills aber fort!«

»Fort?« rief der Kapitän.

»Keine Spur mehr von ihm da, Sir«, versetzte Rob.

Die Stimme des Kapitäns war so furchtbar, und er kam in einer Weise aus seiner Ecke hervor, daß sich Rob vor ihm in eine andere flüchtete; dabei hielt letzterer den Schlüsselbund und das Paket vor sich hin, als wolle er den Kapitän hindern, daß er ihn nicht niederrenne.

»›Für Kapitän Cuttle‹, Sir«, rief Rob, »steht auf den Schlüsseln und auf dem Paket. Auf mein Ehrenwort, Kapitän Cuttle, ich weiß weiter nichts von der Sache, und ich will sterben, wenn es nicht wahr ist! Das ist wohl ein Platz für einen jungen Burschen, der eben eine Stelle erhalten hat«, rief der unglückliche Schleifer, mit dem Rockärmel sein Gesicht bearbeitend. »Der Meister läuft davon, und ich soll am Ende die Schuld tragen!«

Diese Klagen bezogen sich auf Kapitän Cuttles Blick, in dem sich ein Ausdruck, gemischt aus Argwohn, Drohung und Anklage, kundgab. Nachdem der Kapitän das hingehaltene Paket in Empfang genommen hatte, öffnete er es und las, wie folgt:

»›Mein lieber Ned Cuttle. In der Anlage befindet sich mein letzter Wille und Testament!‹«

Der Kapitän wandte mit einer bedenklichen Miene das Blatt um. »Wo ist das Testament?« rief er, unverweilt auf den armen Schleifer losgehend. »Was hast du damit angefangen, Junge?«

»Ich hab' es nie gesehen,« winselte Rob. »Habt doch keinen solchen Argwohn gegen einen unschuldigen Jungen, Kapitän. Ich habe das Testament nie angerührt.«

Kapitän Cuttle schüttelte den Kopf, als wolle er damit andeuten, daß irgend jemand dafür verantwortlich gemacht werden müsse, und fuhr mit ernster Miene fort:

»›Ihr dürft es vor Jahresfrist nicht öffnen oder wenigstens nicht eher, bis Ihr bestimmte Nachrichten erhalten habt von meinem lieben Walter, der, wie ich überzeugt bin, auch Euch teuer ist, Ned.‹« Der Kapitän hielt inne und schüttelte in einiger Erregung den Kopf. Um jedoch bei diesem seinem Prüfungsamt seiner Würde nichts zu vergeben, schaute er unmittelbar darauf mit großer Strenge nach dem Schleifer hin. »›Wenn Ihr nichts mehr von mir hören oder sehen solltet, Ned, so bleibt liebevoll eingedenk eines alten Freundes, der auch Euch bis zum letzten Augenblick in der Erinnerung tragen wird. Bis mindestens die vorerwähnte Periode abgelaufen ist, haltet für Walter an dem alten Platz eine Heimat bereit. Es sind keine Schulden vorhanden; denn das Darlehen von Dombey ist abbezahlt, und ich sende Euch hiermit alle meine Schlüssel. Verhaltet Euch ruhig und stellt keine Nachforschungen nach mir an; denn es ist vergeblich. Weiter nichts, mein lieber Ned, von Eurem treuen Freunde Solomon Gills.‹« Der Kapitän atmete tief auf und las dann folgende unten hingeschriebenen Worte: »›Wie ich Euch sage, ist der Knabe Rob von Dombeys Hause wohl empfohlen. Wenn alles sonst zum Verkauf kommen sollte, Ned, so tragt Sorge für den kleinen Midshipman.‹«

Um der Nachwelt einen Begriff von der Art zu geben, wie der Kapitän, nachdem er den Brief wohl zwanzigmal überlesen hatte, in seinem Stuhle Platz nahm und in seinem Innern über den Gegenstand ein Kriegsgericht hielt, wäre wohl der vereinte Genius aller großen Männer erforderlich, die, ohne Rücksicht auf die ungünstigen Verhältnisse der Mitwelt, den Entschluß gefaßt hätten, auf die Nachwelt zu kommen, ohne daß es ihnen übrigens je gelänge. Anfangs war der Kapitän viel zu sehr verwirrt und beunruhigt, um an etwas anderes als den Brief zu denken, und selbst als seine Gedanken die verschiedenen begleitenden Tatsachen zu überblicken begannen, hätten sie sich vielleicht um des Lichtes willen, das sie brachten, ebensogut mit dem früheren Gegenstand beschäftigen können. In dieser Gemütsverfassung fand Kapitän Cuttle, der außer dem Schleifer niemanden vor seinem Gerichtshof hatte, eine große Erleichterung in dem allgemeinen Bescheid, daß letzterer ein verdächtiger Gegenstand sei, und er drückte das so deutlich in seinem Gesichte aus, daß Rob Einwände dagegen erhob.

»O, laßt es doch, Kapitän!« rief der Schleifer. »Ich begreife gar nicht, wie Ihr das könnt! Was habe ich denn getan, daß Ihr mich so anseht?«

»Mein Junge«, versetzte Kapitän Cuttle, »schrei nicht vor dem Streich, und was du auch tun magst, gib dir keine Blöße.«

»Ich tue dies nicht, und habe auch nichts getan, Kapitän«, antwortete Rob.

»So halt dein Schifflein frei«, sagte der Kapitän mit Nachdruck, »und laß es ruhig vor Anker liegen.«

Mit einem tiefen Gefühl der ihm obliegenden Verantwortlichkeit und des dringenden Bedürfnisses, die geheimnisvolle Angelegenheit durchaus zu ergründen, wie es einem Mann von seiner Beziehung zu allen Parteien zustand, beschloß Kapitän Cuttle, nach Sols Wohnung zu gehen, das Haus zu untersuchen und den Schleifer mitzunehmen. In Anbetracht der Tatsache, daß der junge Mensch vorderhand als Arrestant anzusehen war, blieb der Kapitän einigermaßen zweifelhaft, ob es nicht passend sein dürfte, ihm Handschellen anzulegen, seine Fußknöchel zusammenzubinden oder ein Gewicht an seine Beine zu hängen. Weil er indessen über die Gesetzlichkeit solcher Formalitäten nicht ganz mit sich ins klare kommen konnte, so beschränkte er sich darauf, ihn während des ganzen Wegs an der Schulter festzuhalten und im Falle einer Einwendung zu Boden zu schlagen. Rob ließ sich dies ruhig gefallen und erreichte deshalb das Haus des Instrumentenmachers, ohne daß weitere Zwangsmaßregeln gegen ihn nötig wurden. Die Läden waren noch nicht herabgenommen. Deshalb trug Kapitän Cuttle zuerst Sorge dafür, daß der Laden geöffnet wurde; und sobald das Tageslicht freien Zutritt gewonnen, schickte er sich, wie er sagte, zu weiterer Nachforschung an.

Sein erstes Geschäft bestand darin, daß er im Laden sich einen Stuhl verschaffte, um dem feierlichen Tribunal, das in seinem Innern Sitzung hielt, präsidieren zu können. Dann forderte er Rob auf, sich in sein Bett unter dem Ladentisch zu legen und genau anzudeuten, wie er bei seinem Erwachen den Schlüsselbund und das Paket entdeckt habe. Hierauf mußte der Junge zeigen, wie er die Tür gefunden, als er aufgestanden, um sie zu probieren, und wie er nach Brig-Place aufgebrochen sei. Dabei verhinderte er vorsichtigerweise den Knaben, das Manöver weiter als bis zur Schwelle auszuführen. So ging es denn bis zum Ende des Kapitels. Nachdem diese Prozeduren mehrere Male vorgenommen waren, schüttelte der Kapitän den Kopf und schien zu denken, daß die Sache ein gar übles Aussehen habe.

Zunächst stellte der Kapitän in der unbestimmten Vorstellung, er könnte möglicherweise eine Leiche finden, eine genaue Durchsuchung des ganzen Hauses an, indem er mit einer angezündeten Kerze in den Kellern herumtappte, seinen Haken hinter die Türen steckte, den Kopf oft in ungestümen Zusammenstoß mit Balken brachte und sich selbst mit Spinnweben bedeckte. Als sie nach dem Schlafzimmer des alten Mannes hinaufstiegen, fanden sie, daß er die Nacht zuvor nicht in seinem Bett gelegen, sondern sich nur leicht darauf hingeworfen hatte, wie aus dem noch vorhandenen Eindruck ersichtlich war.

»Und ich glaube, Kapitän«, sagte Rob sich im Zimmer umsehend, »daß Mr. Gills, als er die letzten paar Tage so oft ein- und ausging, jedesmal kleine Gegenstände mitgenommen hat, um keine Aufmerksamkeit zu wecken.«

»So?« versetzte der Kapitän geheimnisvoll. »Warum denn das, mein Junge?«

»Ei«, entgegnete Rob umherschauend, »ich sehe nichts von seinem Rasierzeug. Auch seine Bürsten fehlen, Kapitän. Es sind keine Hemden da. Und auch seine Schuhe sind fort.«

Während jeder dieser Gegenstände erwähnt wurde, schenkte Kapitän Cuttle dem entsprechenden erwähnten Gegenstand bei dem Schleifer eine besondere Aufmerksamkeit, ob nicht etwa dieser kürzlich davon Gebrauch gemacht habe oder noch im Besitz derselben sei. Aber Rob hatte keinesfalls schon einen Anlaß, sich zu rasieren, war augenscheinlich auch nicht ausgebürstet und trug – so viel war über jede Möglichkeit eines Irrtums erhaben – noch dieselben Kleider, in denen er seit langer Zeit sich blicken zu lassen pflegte.

»Und was sagt Ihr, ohne Euch selbst eine Blöße zu geben«, fuhr der Kapitän fort, »über die Zeit seines Abrückens, he?«

»Nun, ich denke, Kapitän«, versetzte Rob, »daß er bald darauf fortgegangen sein muß, nachdem ich zu schnarchen anfing.«

»Um welche Stunde kann das gewesen sein?« fragte der Kapitän, dem besonders viel daran gelegen zu sein schien, genau die Zeit zu ermitteln.

»Wie kann ich das sagen, Kapitän?« antwortete Rob. »Ich weiß nur, daß im Anfang mein Schlaf sehr fest ist und daß er gegen morgen hin leicht wird. Wäre nun Mr. Gills sogar auf den Zehenspitzen gegen Tagesanbruch durch den Laden gekommen, so bin ich ziemlich überzeugt, daß ich es jedenfalls gehört haben würde, wenn er die Tür schloß.«

Nach reifer Erwägung dieses Zeugnisses begann Kapitän Cuttle zu der Überlegung zu gelangen, daß der Instrumentenmacher wohl aus eigenem Antrieb verschwunden sein müsse, und in dieser logischen Folgerung unterstützte ihn der an ihn gerichtete Brief, der, da er unzweifelhaft von dem alten Mann selbst geschrieben war, ohne eine sehr gezwungene Annahme zu dem Schluß leitete, der Schreiber habe gehen wollen und sei demgemäß gegangen. Die nächsten Betrachtungen des Kapitäns beschäftigten sich nun mit dem Wohin und Warum, und da ihm die Lösung der ersten Frage eigentümliche Schwierigkeiten bot, so beschloß er, seine Gedanken der zweiten zuzuwenden.

Er erinnerte sich des auffallenden Benehmens, mit dem sich der alte Mann von ihm verabschiedet hatte. Damals war es ihm unerklärlich vorgekommen, aber jetzt schien es ihm ganz begreiflich. Der Kapitän kam dadurch auf den schrecklichen Argwohn, die Angst und Sorge um Walter hätte den alten Sol so weit getrieben, daß er einen Selbstmord verübte. Wie jener so oft erklärt hatte, war er nicht mehr imstande, das Leid und die Trübsal des täglichen Lebens zu ertragen, und da in letzter Zeit noch die Ungewißheit und eine stets sich verzögernde Hoffnung dazu gekommen waren, so schien die Annahme nicht zu gezwungen, sondern leider nur zu wahrscheinlich zu sein.

Der Mann war schuldenfrei und hatte weder etwas für seine persönliche Freiheit noch für sein Eigentum zu fürchten; was also sonst, wenn nicht ein Zustand von Wahnsinn, konnte ihn veranlaßt haben, sich allein und heimlich zu entfernen? Daß er einige Kleidungssachen mitgenommen hatte, wenn anders dies wirklich der Fall war – denn sie hatten nicht einmal hierüber Sicherheit – mochte nach des Kapitäns Vermutung darin begründet sein, daß er Nachforschungen verhindern, die Aufmerksamkeit von seinem wahrscheinlichen Schicksal ablenken oder das Gemüt des Mannes erleichtern wollte, der eben jetzt alle diese Möglichkeiten erwog. Dies war in einfacher und gedrungener Sprache das wesentliche Endergebnis von Kapitän Cuttles Betrachtungen, obschon er lange brauchte, um so weit zu kommen, und die dazu führenden Erörterungen nach dem Beispiel mancher öffentlicheren Verhandlungen sehr weitschweifig und ungeordnet waren.

Im höchsten Grade kleinmütig und niedergeschlagen, hielt es Kapitän Cuttle jetzt für billig, Rob aus seiner Haft zu entlassen und ihn in Freiheit zu setzen, zugleich aber fortwährend eine Art ehrenhafter Aufsicht über ihn zu führen. Er ließ sich von dem Makler Brogley einen Diener abtreten, der während ihrer Abwesenheit den Laden hüten sollte, worauf er in Begleitung Robs ausging, um einen traurigen Streifzug nach den sterblichen Resten des Solomon Gills anzutreten.

In der ganzen Hauptstadt gab es kein Stationshaus, keinen Kirchhof und kein Arbeitshaus, das einer Inspektion des harten Glanzhutes entgangen wäre. An den Kais, auf den Schiffszimmerplätzen, an den Ufern, flußauf und flußab, da, dort und überall glänzte er unter den dichtesten Menschenmassen, wie der Helm eines Helden in einer epischen Schlacht. Eine ganze Woche lang las der Kapitän die Zeitungen und sonstige Ankündigungen über gefundene und vermißte Leute, und keine Stunde des Tages war ihm zu viel, wenn es galt, von über Bord gefallenen armen Schiffsjungen und langen Fremden mit schwarzen Bärten, die sich vergiftet hatten, Einsicht zu nehmen – »um sich zu überzeugen«, sagte Kapitän Cuttle, »daß es nicht Solomon Gills sei«. Es war in der Tat eine saure Arbeit für ihn, die immer vergeblich sein sollte, obwohl einiger Trost für den guten Kapitän darin lag.

Endlich gab er diese Versuche als hoffnungslos auf und schickte sich an, zu überlegen, was weiterhin zu tun sei. Nachdem er den Brief seines armen Freundes noch einige Male aufs neue durchgelesen hatte, drängte sich ihm die Überzeugung auf, die Erhaltung »einer Heimat an dem alten Platz für Walter« sei die erste Pflicht, die ihm obliege. Er beschloß daher, die Wohnung von Solomon Gills selbst zu beziehen, sich mit dem Instrumentenhandel abzugeben und zu sehen, was dabei herauskomme.

Da jedoch dieser Schritt die Notwendigkeit in sich schloß, das Quartier bei Mrs. Mac Stinger aufzugeben, und der Kapitän wohl wußte, diese entschlossene Frauensperson werde nichts von einem Ausziehen hören wollen, so setzte er sich den verzweifelten Plan in den Kopf, ihr zu entlaufen.

»Nun, schau einmal her, Junge«, sagte der Kapitän zu Rob, nachdem dieser denkwürdige Entwurf zur Reife gediehen war, »ich werde mich auf dieser Reede hier nicht blicken lassen bis morgen nacht – vielleicht erst nach Mitternacht. Du hältst aber Wache, bis du mich klopfen hörst, und sobald das geschieht, kommst du, um die Tür zu öffnen.«

»Sehr gut, Kapitän«, versetzte Rob.

»Du wirst hier in den Büchern fortlaufen«, fügte der Kapitän herablassend bei, »und wer weiß, welche Beförderung dir bevorsteht, wenn wir beide miteinander kräftig weiterschieben. Sobald du mich aber morgen nacht klopfen hörst – gleichviel, um welche Zeit es sei – so wirst du dich mit der Tür eilen.«

»Daran soll's nicht fehlen, Kapitän«, entgegnete Rob.

»Denn du begreifst wohl«, fuhr der Kapitän fort, um ihm den Auftrag recht nachdrücklich ans Herz zu legen, »man kann nicht wissen, ob es nicht eine Jagd gibt, und ich könnte während des Wartens ergriffen werden, wenn du nicht hurtig mit der Tür bereit bist.«

Rob versicherte seinem nunmehrigen Gebieter abermals, daß er sich auf ihn verlassen dürfe, und nachdem der Kapitän diese kluge Maßregel getroffen hatte, kehrte er zum letztenmal nach Mrs. Mac Stingers Wohnung zurück.

Das Bewußtsein, daß es wirklich zum letzten Male war, und der fürchterliche Entschluß, der sich unter der blauen Weste barg, flößte dem Kapitän eine solche Todesangst vor Mrs. Mac Stinger ein, daß zu jeder Zeit des Tages schon der Fußtritt dieser Dame auf der Treppe ausreichte, ihn am ganzen Leibe zittern zu machen. Zufälligerweise befand sich auch Mrs. Mac Stinger in einer ganz bezaubernden Stimmung; sie war so mild und gefällig wie ein Lämmchen, und Kapitän Cuttle erlitt eine herbe Gewissensqual, als sie mit der Frage heraufkam, ob sie ihm nicht ein Diner zurichten solle.

»Einen appetitlichen kleinen Nierenpudding, Kapt'n Cuttle«, sagte die Hausfrau, »oder ein Schafsherz. Kümmert Euch nicht darum, ob es mir auch Mühe macht.«

»Nein, ich danke, Ma'am«, versetzte der Kapitän.

»Oder ein gebratenes Huhn mit etwas Füllung und einer Eiersauce«, sagte Mrs. Mac Stinger. »Na, Kapt'n Cuttle, tut Euch einmal ein bißchen was zugute.«

»Nein, ich danke Euch, Ma'am«, entgegnete der Kapitän sehr demütig.

»Wahrhaftig, Ihr seid dann nicht ganz wohl und braucht etwas Stärkendes«, sagte Mrs. Mac Stinger. »Wollt Ihr's nicht einmal mit einer Flasche Wein versuchen?«

»Na schön, Ma'am«, entgegnete der Kapitän, »wenn Ihr so gut sein wollt, ein Gläschen oder zwei mit zu genießen, so denke ich, daß ich dies versuchen könnte. Wollt Ihr mir den Gefallen erweisen, Ma'am«, fügte er in tiefer Gewissenszerknirschung hinzu, »eine Vierteljahrsmiete im voraus in Empfang zu nehmen?«

»Und warum das, Kapitän Cuttle?« erwiderte Mrs. Mac Stinger – in scharfem Ton, wie es ihrem Gefährten vorkam.

Der Kapitän war in den Tod erschrocken.

»Wenn Ihr es wollt, Ma'am«, sagte er mit großer Unterwürfigkeit, »so würdet Ihr mir einen großen Gefallen tun. Ich kann mein Geld nicht gut aufheben. Es ist, als ob es Flügel hätte. Es wäre mir recht lieb, wenn Ihr die Vorausbezahlung annähmet.«

»Na, Kapt'n Cuttle«, versetzte die arglose Mac Stinger, indem sie ihre Hände rieb. »Ihr könnt das halten, wie Ihr wollt. Mit meiner Familie steht es mir nicht zu, es zu verweigern, ebensowenig als ich es fordern möchte.«

»Und mögt Ihr wohl so gut sein, Ma'am«, fuhr der Kapitän fort, indem er die Zinnbüchse, in der er sein Geld aufbewahrte, von dem Schranksims herunterlangte, »jedem von der kleinen Familie ein Achtzehnpencestück zu geben? Oder wenn sich's einrichten ließe, Ma'am, so könntet Ihr die Kinder miteinander heraufkommen lassen. Es würde mich freuen, sie zu sehen,«

Die unschuldigen Mac Stingers waren ebenso viele Dolche für die Brust des Kapitäns, als sie in Haufen erschienen und mit der vertrauensvollen Anhänglichkeit, die er so wenig verdiente, an ihm herumzerrten. Das Auge von Alexander Mac Stinger, der sein Liebling gewesen, war ihm unerträglich, und die Stimme der Juliane Mac Stinger, dieses leibhaftigen Ebenbildes ihrer Mutter, machte ihn ganz und gar zur Memme.

Gleichwohl erhielt Kapitän Cuttle den Anschein ziemlich gut und ließ sich ein paar Stunden recht übel von den jungen Mac Stingers mitspielen, die in ihrer kindlichen Fröhlichkeit auch dem Glanzhut einigen Schaden zufügten, indem ihrer zwei zumal wie in einem Nest darin saßen und mit ihren Schuhen auf der Innenseite der Krone trommelten. Endlich entließ sie der Kapitän mit schwerem Herzen und verabschiedete sich von diesen Cherubs mit dem herben Weh eines Mannes, der zur Hinrichtung hinausgeführt wird.

In der Stille der Nacht packte der Kapitän sein schweres Eigentum in eine Truhe, die er in der Absicht verschloß, sie aller Wahrscheinlichkeit nach für immer hier zu lassen, wenn er nicht vielleicht eines Tages einen Mann fand, der hinreichend kühn und verzweifelt war, sie zu holen. Aus den leichten Habseligkeiten machte er ein Bündel, worauf er sein Silberzeug in die Tasche steckte und sich so zur Flucht anschickte. Um die Mitternachtsstunde, als Brig-Place in tiefem Schlummer und auch Mrs. Mac Stinger mit ihrem unschuldigen Nachwuchs in süßem Vergessen lag, schlich sich der schuldige Kapitän in der Dunkelheit die Treppe hinunter, öffnete die Tür, drückte sie leise zu und zahlte Fersengeld.

Verfolgt von dem Bilde der Mrs. Mac Stinger, die aus dem Bette sprang und ohne Rücksicht auf das mangelhafte Kostüm ihm folgte, um ihn zurückzubringen, zugleich auch von dem Bewußtsein seines ungeheuren Verbrechens gequält, griff Kapitän Cuttle nach Kräften aus und ließ zwischen Brig-Place und der Tür des Instrumentenmachers kein Gras unter seinen Füßen wachsen. Auf sein Klopfen wurde sogleich geöffnet; denn Rob hatte treue Wache gehalten, Nachdem die Tür wieder abgeschlossen und zugeriegelt war, fühlte sich Kapitän Cuttle einigermaßen in Sicherheit.

»Puh!« rief der Kapitän sich umsehend. »Das hat Atem gekostet.«

»Hat es etwas gegeben, Kapitän?« rief Rob, die Augen weit aufsperrend.

»Nein, nein!« versetzte Kapitän Cuttle, dem alle Farbe aus dem Gesicht wich, als er auf einen vorübergehenden Fußtritt in der Straße draußen lauschte, »aber merke dir, mein Junge: wenn, was immer für eine Dame – mit Ausnahme der beiden, die du letzthin hier sahst – hierher kommt und nach Kapitän Cuttle fragt, so melde ihr nur, daß man hier nichts von einer Person dieses Namens wisse und überhaupt nie von ihm gehört habe. Willst du es nicht vergessen?«

»Nein, Kapitän«, versetzte Rob.

»Du kannst meinetwegen auch sagen«, fuhr der Kapitän zögernd fort, »du habest in der Zeitung gelesen, ein Kapitän dieses Namens sei nach Australien ausgewandert mit einem ganzen Schiff voll Leuten, die alle geschworen hätten, nie wieder zurückzukommen.«

Rob nickte zur Andeutung, daß er den Befehl verstanden habe: und nachdem Kapitän Cuttle ihm für den Fall, daß er Ordre pariere, versprochen hatte, einen Mann aus ihm zu machen, entließ er ihn gähnend nach seinem Bett unter dem Ladentisch, um sich selbst nach dem Dachstübchen des alten Solomon Gills hinaufzubegeben.

Es läßt sich nicht beschreiben, was der Kapitän am nächsten Tage litt, so oft ein Damenhut vorbeiging, oder wie oft er au« dem Laden hinausstürzte, um eingebildeten Mac Stingers zu entwischen und in dem Dachstübchen Sicherheit zu suchen. Um übrigens die Erschöpfung zu vermeiden, die derartige Mittel der Selbsterhaltung mit sich führten, versah er die gläserne Verbindungstür zwischen dem Laden und dem Wohnstübchen von innen mit einem Vorhang, suchte den dazu gehörigen Schlüssel aus dem ihm überantworteten Bunde und bohrte ein kleines Spionierloch in die Wand. Der Vorteil dieser Verschalung war augenfällig! denn so oft sich ein Weiberhut blicken ließ, huschte der Kapitän augenblicklich in seine Garnison, schloß sich ein und stellte an dem Feind geheime Beobachtungen an. War es nur ein falscher Lärm gewesen, so kam er wieder heraus: aber die Weiberhüte waren in der Straße so sehr zahlreich und der falsche Lärm von ihrem Erscheinen so unzertrennlich, daß er den ganzen Tag fast ohne Unterlaß aus- und einhuschte.

Trotz dieses erschöpfenden Dienstes fand übrigens der Kapitän Zeit, die Ladenvorräte in Augenschein zu nehmen, und er hegte von ihnen die für Rob sehr lästige Vorstellung, daß sie nicht zu viel poliert werden könnten. Auch versah er einige anziehend aussehende Gegenstände aufs Geratewohl mit Zetteln, setzte die Preise auf zehn Schillinge bis zu fünfzig Pfund und legte sie zum großen Erstaunen des Publikums im Fenster aus.

Nachdem Kapitän Cuttle diese Verbesserungen angebracht hatte, begann er sich im Kreise der Instrumente als ein Mann zu fühlen, der von allen diesen Dingen eine tiefe Wissenschaft besitzt. Auch schaute er nachts, wenn er vor Schlafengehen in dem kleinen Hinterstübchen seine Pfeife rauchte, durch das Oberlichtfenster nach den Sternen auf, als habe er dort eine Art Kapital angelegt. Als ein Kaufmann in der City begann er ein Interesse an dem Lord-Mayor, den Sheriffs und den Handelsgesellschaften zu nehmen: und außerdem hielt er sich verpflichtet, jeden Tag die Aufzeichnungen der Fonds zu lesen, obschon ihn sein Schiffahrtsgrundsatz zu belehren imstande war, was die Zahlen bedeuteten, und er die Bruchteile recht wohl hätte entbehren können. Unmittelbar nach Besitznahme des Midshipman wollte der Kapitän Florence seine Aufwartung machen, um ihr die befremdliche Kunde von Onkel Sol zu überbringen: aber er traf sie nicht zu Hause. So setzte er sich nun in seiner veränderten Lebensstellung fest, ohne eine andere Gesellschaft zu haben als Rob, den Schleifer, und da er, wie es hin und wieder den Menschen zu gehen pflegt, wenn große Wechsel über sie kommen, bald auch die Zeitrechnung verlor, so dachte er oft an Walter, an Solomon Gills und sogar an Mrs. Mac Stinger wie an Dinge, die gewesen sind.

 

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.