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Dombey und Sohn - Band 1

Charles Dickens: Dombey und Sohn - Band 1 - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn - Band 1
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Florence ist einsam und der Midshipman geheimnisvoll.

Florence lebte allein in dem traurigen großen Hause. Tag um Tag verging – sie blieb einsam, und die weißen Wände schauten mit leerem Stieren auf sie nieder, als hätten sie eine gorgonenartige Lust, ihre Jugend und Schönheit in Stein zu verwandeln.

Kein verzauberter Platz eines Märchens, mitten im dichtesten Wald eingeschlossen, war je für die Phantasie einsamer und verlassener, als das lauernd in der Straße stehende Haus ihres Vaters in seiner grimmigen Wirklichkeit. Selbst bei Nacht, wenn aus den benachbarten Fenstern die Lichter blinkten, stand es mit seiner spärlichen Beleuchtung da wie ein dunkler Klecks, während es bei Tag ein düsteres Zürnen auf seinem nie lächelnden Gesichte zeigte.

Es standen zwar keine zwei Drachen-Schildwachen davor, die in den Märchen gewöhnlich die gefangene Unschuld hüten müssen; aber außer einem glotzenden Gesicht mit boshaft geöffneten dünnen Lippen, das über den Türbogen alle Kommenden anstarrte, sah man ein ungeheuerliches Phantasiestück von rostigem Eisen über der Schwelle, das sich wie eine versteinerte Laube ausnahm, in Speere und korkzieherartige Spitzen auslief und zu jeder Seite zwei unheilverkündende Löschhörner hatte, als sollte damit gesagt werden: »Wer hier eintritt, lasse das Licht hinter sich!« Auf dem Portal waren keine talismanischen Zeichen eingegraben, aber das Haus hatte ein so vernachlässigtes Aussehen, daß die Knaben, namentlich an der Seitenwand um die Ecke, das Geländer und Pflaster mit Kreide bemalten und Gespenster an die Stalltür zeichneten. Wenn dann Mr. Towlinson die gottlose Jugend verscheuchte, so machte sie zum Dank Porträts von ihm, an denen die Ohren wagerecht unter dem Hut hervorwuchsen. Lärm gab es unter dem Schatten des Daches nicht. Die Blechmusikbande, die einmal in der Woche morgens durch die Straße kam, ließ nie eine Note unter diesen Fenstern ertönen, und alle derartigen Musiken, bis zu der quieksenden, geistesschwachen Drehorgel herunter mit den zitterbeinigen Automatentänzern, die durch sich öffnende Türen hinein- und herauswälzten, wichen wie auf gemeinsamen Antrieb davor zurück, als scheuten sie den hoffnungslosen Platz.

Der Bann, der darauf lag, war giftiger, als derjenige, der verzauberte Häuser für eine Zeitlang in Schlaf legte und sie wieder frisch und unbeschadet erwachen ließ. Die Verödung des Nichtgebrauchs zeigte sich überall in stummer Klarheit. Im Hause selbst verloren die schwerfällig niederfallenden Vorhänge ihre früheren Falten und gewannen das Aussehen von Leichentüchern. Hekatomben von Möbeln, noch aufgeschichtet und zugedeckt, schrumpften ein wie gefangene, vergessene Menschen und veränderten sich unmerklich. Die Spiegel waren blind vom Hauch der Jahre. Die Farben der Teppiche verschossen und wurden matt, wie die Erinnerung an jene unbedeutenden Vorfälle des Jahres. Tische, die bei ungewohnten Fußtritten zusammenfuhren, knarrten und zitterten. Die Schlüssel rosteten in den Türschlössern. Feuchtigkeit bedeckte die Wände, und mit dem Hervortreten der weiß-grauen Stockflecken schienen die Bilder ins Innere zu kriechen und sich zu verbergen. Schimmel und Moder schlichen sich in den Schränken fort, und ganze Bäume von Pilzen wuchsen in den Kellerecken. Der Staub häufte sich derart an, daß niemand wußte, wie oder woher er kam, und jeden Tag hörte man von Spinnen, Motten und Maden. Auf Entdeckungsreisen ausgezogene schwarze Käfer fand man hin und wieder unbeweglich auf den Treppen oder in einem oberen Zimmer, als wunderten sie sich, wie sie dahin gekommen seien, und nachts begannen die Ratten durch die dunkeln Galerien, die sie hinter dem Getäfel untergruben, zu quieksen und zu scharren.

Die traurige Pracht der Gemächer, die in dem durch die geschlossenen Jalousien einfallenden zweifelhaften Lichte nur unvollkommen sichtbar wurden, stand ganz im Einklang mit dem Gedanken an einen verzauberten Platz – ebenso auch die fleckigen Pfoten der vergoldeten Löwen, die verstohlen unter ihren Umhüllungen hervorlugten – die auf Sockeln stehenden marmornen Büsten, die unheimlich durch ihre Schleier schauten – die Uhren, die nie die Stunde angaben, oder, wenn sie zufälligerweise aufgezogen wurden, falsche Zeiten andeuteten und gespenstische Zahlen schlugen, die nicht auf dem Zifferblatt standen – das gelegentliche Geklimper unter den Hängeleuchtern, das noch schauerlicher tönte als das Geläute von Lärmglocken – träge Luftzüge, die unter diesen Gegenständen umherschlichen, und eine geisterhafte Schar von andern Dingen, die sich vermummt wie auferstandene Leichen ausnahmen. Außerdem war auch noch die große Treppe vorhanden, auf die der Herr des Hauses so selten seinen Fuß setzte und vermittels welcher sein kleines Kind zum Himmel hinaufgestiegen war. Ferner andere Treppen und Gänge, die wochenlang von keinem Fuß betreten wurden, dann zwei geschlossene Zimmer mit ihren flüsternden Erinnerungen an tote Mitglieder der Familie; und in der ganzen Wohnung nur Florence, die sanfte Gestalt, die durch die Öde und das Düster wandelte – sie die einzige, welche den leblosen Dingen einen Anflug von menschlichem Interesse verlieh!

Denn Florence lebte allein in dem verlassenen Hause. Tag um Tag verging – sie blieb einsam, und die weißen Wände schauten mit leerem Stieren auf sie nieder, als hätten sie eine gorgonenartige Lust, ihre Jugend und Schönheit in Stein zu verwandeln.

Auf dem Dach und in den Ritzen des Pflasters begann Gras zu wachsen. Eine schuppige zerbröckelnde Vegetation sproßte um die Fensterrahmen. Bruchstücke von Mörtel verloren ihren festen Halt an der Innenseite der unbenutzten Schornsteine und fielen polternd nieder. Die zwei Bäume mit den rauchbraunen Stämmen waren welk bis oben hinauf, und die dürren Zweige überragten die wenigen Blätter. Durch das ganze Gebäude hatte sich das Weiß in Gelb, das Gelb in Braun umgewandelt, und seit der Zeit, als die arme Dame starb, war es langsam zu einer schwarzen Lücke in der langen eintönigen Straße geworden.

Aber Florence blühte hier wie die schöne Königstochter im Märchen. Die Bücher, die Musik und die täglichen Lehrer waren ihre einzigen Gesellschafter, Susanna Nipper und Diogenes ausgenommen, von denen die erstere infolge der Aufmerksamkeit auf die Studien ihrer jungen Gebieterin selbst gelehrt zu werden begann, während der letztere, vielleicht durch denselben Einfluß besänftigt, den Kopf auf die Fensterbank zu legen und den ganzen Sommermorgen über behaglich seine Augen nach der Straße hin auf- und zuzumachen pflegte. Manchmal reckte er auch seinen Kopf, um mit großer Bedeutsamkeit nach einem lärmenden Wagen zu sehen, der durch die Straße rasselte, während er zu andern Zeiten in aufgebrachter und unerklärlicher Erinnerung an seinen vermeintlichen Feind in der Nachbarschaft nach der Tür hinstürzte, ein betäubendes Gebell anschlug und dann mit der possierlichen Selbstgefälligkeit, die ihm eigen war, und mit der Miene eines Hundes, der einen öffentlichen Dienst geleistet hat, wieder zurückkehrte, um seine Schnauze abermals auf die Fensterbank zu legen.

So lebte Florence in ihrer Wildnis von einer Heimat – in dem Kreis ihrer unschuldigen Beschäftigungen und Gedanken, ohne daß sie darin gestört wurde. Sie konnte jetzt, ohne eine Zurückweisung besorgen zu müssen, nach dem Zimmer ihres Vaters hinuntergehen, an ihn denken und ihr bebendes Herz ihm schüchtern nachsenden. Es war ihr nicht verwehrt, die Gegenstände zu betrachten, die ihn umgeben hatten in seinem Leid, und sich in die Nähe seines Stuhles zu schmiegen, ohne Angst vor dem Blicke, dessen sie sich so wohl erinnerte. Sie konnte ihm kleine Zeichen ihrer Aufmerksamkeit geben, indem sie eigenhändig alles für ihn ordnete, kleine Blumensträuße auf seinen Tisch stellte, sie fortwährend mit andern wechselte, da sie welkten, ehe er zurückkam, jeden Tag etwas für ihn zurichtete und in der Nähe seines gewöhnlichen Sitzes irgendein scheues Merkmal ihres Dagewesenseins zurückließ. Heute war es ein kleines, gemaltes Gestell für seine Taschenuhr; aber morgen hatte sie Angst, es dazulassen, und ersetzte es mit einer andern selbstgefertigten Kleinigkeit, die ihm vielleicht weniger auffiel. Wenn sie in den Nächten erwachte, so zitterte sie bei dem Gedanken, er könnte nach Hause kommen und ihr kleines Geschenk zornig zurückweisen; und dann eilte sie in ihren Pantoffeln und mit klopfendem Herzen hinunter, um es wegzuschaffen. Oft legte sie nur ihr Gesicht auf sein Pult, nichts zurücklassend als einen Kuß und eine Träne.

Doch keiner wußte davon. Wenn nicht in ihrer Abwesenheit das Gesinde ihr stilles Treiben entdeckte – aber alle hatten große Furcht vor Mr. Dombeys Zimmern – so blieb es ein tiefes Geheimnis in ihrer Brust. Florence pflegte sich zur Zeit der Dämmerung, früh am Morgen und wenn drunten das Essen ausgeteilt wurde, nach diesen Zimmern zu stehlen, und obgleich ihre Sorgfalt jede Ecke derselben verschönerte, ging sie doch so ruhig ein und aus wie ein Sonnenstrahl, nur mit dem Unterschied, daß sie ihr Licht zurückließ.

Eine schattenhafte Gesellschaft begleitete Florence auf und ab in dem widerhallenden Hause und setzte sich mit ihr in den öden Zimmern nieder. Als wäre ihr Leben ein Zaubergesicht, stiegen aus ihrer Einsamkeit dienende Gedanken auf, die sie mit phantastischen Wesenheiten bevölkerten. Sie vergegenwärtigte sich so oft, was ihr das Leben sein würde, wenn ihr Vater für sie ein Herz und er in ihr ein geliebtes Kind hätte, daß sie zuweilen für einen Augenblick fast glaubte, es sei wirklich so, und getragen von dem Strom dieser sinnigen Dichtung schien sie sich zu erinnern, wie sie beide dem verstorbenen Bruder ins Grab gesehen, wie sie dessen Herz unter sich geteilt, und wie sie die Erinnerung an ihn gemeinschaftlich empfunden hatten – wie oft sie jetzt noch von ihm sprachen, und wie ihr Vater liebevoll auf sie niedersah und ihr erzählte von ihrer gemeinsamen Hoffnung und von ihrem Vertrauen auf Gott. Zu andern Zeiten dachte sie sich ihre Mutter noch lebend. O, des Glückes, ihr um den Hals zu fallen und sich mit der Liebe und Zuversicht ihrer ganzen Seele an sie anzuklammern! Ach, und dann wieder die Verödung des einsamen Hauses, wenn der Abend kam und niemand da war!

Doch war ein Gedanke vorhanden – ein Gedanke kaum in ihr klar, aber gleichwohl glühend und kräftig in ihrem Innern – der Florence aufrecht erhielt, wenn sie sich bemühte, ihr so schwer geprüftes treues junges Herz mit Beharrlichkeit zu erfüllen. Wie in alle andern, die mit dem großen Leid unserer sterblichen Natur ringen, hatten sich auch in ihr Gemüt festliche Hoffnungen eingeschlichen, die einer unbestimmten jenseitigen Welt entstammten und ihr wie leise Musik von einer Wiedererkennung in dem fernen Lande, wo der Bruder und die Mutter ihrer harrten, zuflüsterten. Gewiß wußten beide von ihr, hatten Liebe und Mitleid für sie, waren unterrichtet von dem Weg, den sie auf Erden ging. Es gereichte Florence zum Trost, solchen Gedanken Raum zu geben, bis eines Tages – es war bald nachher, als sie ihren Vater nachts spät in seinem Zimmer gesehen hatte – die Vorstellung in ihr auftauchte, wenn sie um sein ihr entfremdetes Herz weine, so könnte sie die Geister der Toten gegen ihn aufregen. So ungereimt und kindisch das Zittern vor einem halbgebildeten derartigen Gedanken erscheinen mag, quoll es doch aus einer liebenden Seele hervor, und von Stunde an kämpfte Florence gegen die grausame Wunde in ihrem Herzen, indem sie versuchte, an den, dessen Hand ihr dieselbe geschlagen hatte, nur mit Hoffnung zu denken.

Ihr Vater wußte nicht – denn sie behielt es seit jener Zeit für sich – wie sehr sie ihn liebte. Sie war sehr jung, hatte keine Mutter, und leider war niemand vorhanden, der sie gelehrt hatte, ihrer Liebe die geeigneten Worte zu verleihen. Deshalb geduldete sie sich in der Erwartung, die Zeit werde sie in dieser Kunst unterrichten und es ihr möglich machen, ihm eine bessere Kenntnis von seinem einzigen Kinde beizubringen.

Dies machte sie sich zur Aufgabe ihres Lebens. Die Morgensonne leuchtete nieder auf das verblichene Haus und fand diesen Entschluß frisch und rege im Herzen seiner einsamen Bewohnerin. Durch alle Obliegenheiten des Tages beseelte er sie; denn Florence hoffte, je mehr sie lerne, je mehr sie sich ausbildete, desto größer werde seine Freude sein, wenn er einmal so weit gekommen sei, sie zu lieben. Bisweilen wunderte sie sich mit schwellendem Herzen und einer aufsteigenden Träne, ob sie sich auch in irgend etwas hinreichend vervollkommnet habe, um ihn zu überraschen, wann sie sich einmal näherstehen würden. Sie machte sich oft und oft Gedanken, ob es nicht irgendeinen Zweig des Wissens gebe, der sein Interesse mehr als ein anderer zu wecken geeignet sei. Bei ihren Büchern, ihrer Musik und ihrer Arbeit – auf ihren Morgenspaziergängen und in ihren nächtlichen Gebeten hatte sie stets nur dieses einzige Ziel im Auge. Eine seltsame Aufgabe für ein Kind, den Weg lernen zu müssen zu dem harten Herzen eines Vaters!

Wenn die Sommerabende sich zur Nacht vertieften, kamen manche Spaziergänger sorglos durch die Straße und sahen nach dem düstern Haus hinüber, wo sie, im Gegensatz zu diesem, die jugendliche Gestalt am Fenster bemerkten; und gewiß würde es ihren Schlaf getrübt haben, wenn sie gewußt hätten, mit welchen Gedanken sie so sehnsüchtig nach den blinkenden Sternen hinaufsah. Das Haus machte den Eindruck, als müßten Gespenster darin spuken, und das äußerliche Düster, das den auf ihren Geschäftswegen daran Hin- und Hergehenden auffiel, wäre noch erhöht worden, wenn sie in dem Antlitz, auf das die Schatten der Nacht fielen, seine Geschichte hätten lesen können. Aber Florence verfolgte ihr heiliges Vorhaben unbemerkt und unablässig. Ihr ganzes Sinnen ging nur darauf hin, wie sie ihren Vater zu der Überzeugung bringen könnte, daß sie ihn liebte, und kein einziger unsteter Gedanke ihres Innern trat als Kläger gegen ihn auf.

So lebte Florence allein in dem verödeten Hause. Tag um Tag entschwand ihr in der Einsamkeit, und die einförmigen Wände schauten mit dem gewohnten Starrblick auf sie nieder, als hätten sie die Lust der Meduse, ihre Jugend und Schönheit in Stein zu verwandeln.

Eines Morgens stand Miß Nipper ihrer jungen Gebieterin gegenüber, als diese eben ein zusammengelegtes Billett siegelte, und deutete durch ihre Miene an, daß sie den Inhalt des Schreibens billigte.

»Besser spät als nie, liebe Miß Floy«, sagte Susanna; »und glaubt mir, sogar ein Besuch bei den alten Skettlesen wird für uns eine Fügung Gottes sein.«

»Es ist sehr gütig von Sir Barnet und Lady Skettles«, versetzte Florence, ihrer Gefährtin in mildem Ton die vertrauliche Erwähnung der fraglichen Familie verweisend, »daß sie ihre Einladung so freundschaftlich wiederholen.«

Miß Nipper, die vielleicht auf der ganzen Erde die entschiedenste Parteigängerin war, indem sie die von ihr ergriffene Seite in allen Dingen, groß oder klein, verfocht und deshalb in ewigem Krieg mit der Gesellschaft lag, warf ihre Lippen auf und schüttelte den Kopf, als protestiere sie gegen jede Anerkennung von Uneigennützigkeit bei den Skettlesen, da Florences Gesellschaft für das Freundliche der Einladung reichen Ersatz biete.

»Wenn je Leute wußten, wie sie daran sind, so ist es bei diesen der Fall«, murmelte Miß Nipper, den Atem anhaltend: »o; lehrt mich die Skettles nicht erst kennen.«

»Ich gestehe, es ist mir nicht sonderlich um diesen Besuch in Fulham zu tun, Susanna«, entgegnete Florence gedankenvoll; »aber es wird recht sein, wenn ich gehe. Ich denke, es ist besser so.«

»Viel besser«, ergriff Susanna mit einem abermaligen, nachdrücklichen Kopfnicken das Wort.

»Zwar wäre ich lieber hingegangen«, sagte Florence, »wenn niemand dort ist; denn während der Ferien werden sich einige junge Leute im Hause aufhalten. Trotzdem habe ich dankbar zugesagt.«

»Und ich sage, Miß Floy, freut Euch darüber!« versetzte Susanna. »Ah! h – h!«

Dieser letzte Ausruf, mit dem Miß Nipper um jene Zeit oft einen Satz schloß, galt unter der Dienerschaft für eine allgemeine Bezugnahme auf Mr. Dombey und schien in Miß Nipper das Verlangen auszudrücken, diesem Gentleman ein wenig die Meinung zu sagen. Sie erklärte sich jedoch nie darüber, und der Laut verband demgemäß mit dem Vorteil eines sehr scharfen Ausdrucks den Zauber des Geheimnisses.

»Wie lange es doch ansteht, bis wir Kunde von Walter erhalten, Susanna!« bemerkte Florence nach einem kurzen Schweigen.

»Ja wohl lange, Miß Floy!« versetzte ihre Jungfer, »und Perch, der vor kurzem erst nachgesehen hat, ob keine Briefe eingelaufen sind, sagte – doch was liegt daran, was dieser sagt!« rief Susanna, indem sie errötend abbrach. »Was kann er davon wissen!«

Florence schlug rasch die Augen auf, und ein glühendes Rot breitete sich über ihr Gesicht.

»Wenn ich nicht«, sagte Susanna Nipper, augenscheinlich mit einer geheimen Beklommenheit kämpfend und ihre junge Gebieterin voll ansehend, während sie sich Mühe gab, sich in einen Zustand von Zorn gegen Mr. Perchs harmloses Bild zu versetzen – »wenn ich nicht mehr Männlichkeit besäße als dieser Einfältigste seines Geschlechtes, so würde ich nie wieder einen Stolz in meine Haare setzen, sondern sie hinter meinen Ohren aufbinden und eine grobe Haube trauen, ohne Spitzen und alles, bis mich der Tod von meiner Unbedeutsamkeit erlöste; ich bin zwar keine Amazone, Miß Floy, und möchte mich nicht durch eine solche Entstellung herabwürdigen; aber jedenfalls hoffe ich, daß ich nicht alles gleich aufgebe.«

»Was aufgebe?« rief Florence mit der Miene des Schreckens.

»Ach, nichts«, versetzte Susanna. »Du lieber Himmel, nichts! Es ist nur dieser nasse Papierwickel von einem Menschen, der Perch da, daß man ihm fast mit einem Fingerdruck den Garaus machen möchte, und in der Tat, es wäre für alle Teile ein glückliches Ereignis, wenn sich jemand einmal seiner erbarmen und die Güte haben möchte!«

»Gibt er das Schiff auf, Susanna?« fragte Florence sehr blaß.

»Nein, Miß«, erwiderte Susanna, »ich möchte wohl sehen, daß er so dreist wäre, mir etwas Derartiges ins Gesicht zu sagen! Nein, Miß; aber er geht immer mit einem einfältigen Ingwer um, den Mr. Walter Mrs. Perch schicken sollte, schüttelt dabei seinen erbärmlichen Kopf und sagt, er hoffe, daß er noch kommen werde; freilich, sagt er, könne er nicht zur rechten Zeit für die beabsichtigte Gelegenheit eintreffen, aber doch wohl für das nächste Mal, und dies« – fügte Miß Nipper mit sich steigerndem Unmut bei – »bringt mich in der Tat um alle Geduld mit dem Menschen; denn obschon ich viel ertragen kann, bin ich doch weder ein Kamel, noch bin ich« – schloß Susanna nach einer kurzen Überlegung – »wenn ich mich anders kenne, ein Dromedar.«

»Was sagt er sonst noch, Susanna?« fragte Florence dringend. »Willst du es mir nicht sagen?«

»Als ob ich Euch nicht alles und jedes sagen wollte, Miß Floy«, erwiderte Susanna. »Ach, Miß, er sagt, man fange schon überall von dem Schiff zu reden an, und es sei unerhört, daß ein Schiff nur die Hälfte Zeit zu dieser Reise gebraucht habe; das Weib des Kapitäns sei gestern im Bureau gewesen und habe darüber gejammert, aber jedermann konnte das sagen, und wir haben es fast vorher gewußt.«

»Ich muß, ehe ich meine Reise antrete, Walters Onkel besuchen«, sagte Florence hastig. »Ich will noch diesen Morgen zu ihm gehen. Komm, wir wollen nicht säumen, Susanna.«

Da Miß Nipper gegen diesen Vorschlag nichts einzuwenden hatte, sondern im Gegenteil vollkommen damit zufrieden war, so kleideten sie sich hastig an und machten sich auf den Weg zu dem kleinen Midshipman.

Die Gemütsstimmung, in der Walter an dem Tag, als der Makler Brogley zur Besitznahme gekommen war und in der Seele des armen Knaben sogar auf jedem Kirchturm eine Auspfändung vorgenommen zu werden schien, zu Kapitän Cuttle hineilte, glich vollkommen derjenigen, in der sich jetzt Florence nach Onkel Sols Wohnung begab. Es gab nur den einen Unterschied, daß die Qual des Mädchens durch den Gedanken erhöht wurde, sie sei vielleicht die unschuldige Ursache, die Walter in Gefahr gestürzt und allen, die ihn liebten, sich selbst mit eingeschlossen, die peinliche Angst der Ungewißheit bereitet hatte. Im übrigen glaubte sie aus allem Gefahr und Hoffnungslosigkeit lesen zu müssen. Die Wetterhähne auf den Türmen und Hausgiebeln warfen geheimnisvolle Winke über Stürme hin und zeigten gleich gespenstischen Fingern auf gefährliche Meere, wo vielleicht Trümmer großer Schiffe schaukelten und hilflose Menschen in einen Schlaf gewiegt wurden, so tief wie das unergründliche Wasser. Als Florence in das Stadtzentrum kam und an Gentlemen vorbeieilte, die miteinander sprachen, fürchtete sie, daß sie von dem Schiff und dessen Untergang reden könnten. Die Bilder und Kupferstiche von Fahrzeugen, die mit rollenden Wellen kämpften, erfüllten sie mit Schrecken. Der Rauch und die Wolken, obschon sie sich nur langsam weiter trieben, gingen viel zu schnell für ihre Besorgnisse und flößten ihr die Furcht ein, daß in diesem Augenblick auf dem Meere draußen ein Sturm wüte.

Mochte nun Susanna Nipper ähnliche Gedanken hegen oder nicht, – jedenfalls gewann es den Anschein, als habe sie auf dem Wege nicht viel Muße für grüblerische Gedanken, da sie, so oft die Menschenmassen sich dichter drängten, fortwährend mit Jungen zu kämpfen hatte, sie schien nämlich mit dieser Art des menschlichen Geschlechts in einer natürlichen Feindschaft zu leben, die unabänderlich losbrach, so oft eine Berührung stattfand.

Im Laufe der Zeit erreichten sie den Teil der Straße, der dem hölzernen Midshipman gegenüberlag, und blieben dort stehen, bis sie mit Sicherheit über den Weg hinüberkommen konnten. Zu ihrer Überraschung bemerkten sie aber unter der Haustür des Instrumentenmachers einen rundköpfigen Jungen, der sein pausbackiges Gesicht gen Himmel gerichtet hielt und, während sie nach ihm hinsahen, plötzlich zwei Finger einer jeden Hand in seinen weiten Mund steckte, um unter dem Beistand dieser Maschinerie in erstaunlich gellendem Ton einigen Tauben zu pfeifen, die in beträchtlicher Höhe durch die Luft flogen.

»Mrs. Richards' Ältester, Miß«, sagte Susanna, »und die Plage von Mrs. Richards' Leben.«

Da Polly von den wiedererwachten Aussichten ihres Sohnes und Erben Florence Mitteilung gemacht hatte, so war diese auf die Begegnung vorbereitet. Die beiden Mädchen achteten daher nicht weiter auf Mrs. Richards' Plage, sondern benutzten die erste günstige Gelegenheit, um über die Straße hinüberzueilen. Der vogelkundige Knabe, der von ihrer Annäherung nichts bemerkte, pfiff wieder aus Leibeskräften und schrie dann in entzückter Aufregung: »Hisch! hu–up! hisch!« – eine Kundgebung, die auf die erschrockenen Tauben eine solche Wirkung übte, daß sie, statt unmittelbar einer Stadt im Norden Englands zuzufliegen, wie ihre ursprüngliche Absicht gewesen zu sein schien, auseinanderzuflattern und zu zögern anfingen. Mrs. Richards' Erstgeborener begrüßte sie dann abermals mit einem gellenden Pfiff und schrie mit einer Stimme, die das Getümmel der Straße weit übertönte: »Hisch! hu–up! hisch!«

Aus dieser Verzückung rief ihn plötzlich ein Rippenstoß von Miß Nipper, der ihn durch die Ladentür hineinwarf, zu irdischen Gegenständen zurück.

»Ist das die Art, wie du deine Reue zeigst, nachdem sich Mrs. Richards Monate um Monate um dich abgehärmt hat?« lauteten die Worte, mit welchen Susanna ihre fühlbare Anrede begleitete. »Wo ist Mr. Gills?«

Rob milderte seinen ersten rebellischen Blick auf Miß Nipper, da er ihr Florence folgen sah, fuhr dieser zu Ehren mit den Fingern in sein Haar und antwortete seiner schönen Feindin, daß Mr. Gills ausgegangen sei.

»So hole ihn nach Hause«, versetzte Miß Nipper gebieterisch, »und sage ihm, daß meine junge Dame hier sei.«

»Ich weiß nicht, wohin er gegangen ist«, entgegnete Rob.

»Ist das deine Reue?« rief Susanna mit beißender Schärfe.

»Aber, wie kann ich ihn holen, wenn ich nicht weiß, wo ich ihn suchen soll?« winselte der verwirrte Rob. »Wie könnt Ihr nur so unvernünftig sein!«

»Hat Mr. Gills gesagt, wann er zurückkommen werde?« fragte Florence.

»Ja, Miß«, antwortete Rob, der abermals seine Finger nach den Haaren führte. »Er sagte, er werde nachmittags früh zurückkommen – in ein paar Stunden etwa, Miß.«

»Ist er sehr in Sorge wegen seines Neffen?« fragte Susanna.

»Ja, Miß«, antwortete Rob, der es unter Vernachlässigung von Miß Nipper vorzog, sich an Florence zu wenden. »Ich kann wohl sagen, daß er sehr in Sorge ist. Es hält ihn gar nichts mehr zu Hause, Miß, und er kann keine Viertelstunde bleiben. Ja, es läßt ihm keine fünf Minuten Ruhe am nämlichen Platz. Er geht umher wie – wie verirrt«, sagte Rob und duckte sich, um durch das Fenster nach den Tauben zu sehen. Dabei hielt er plötzlich mit seinen Fingern inne, die schon zum Zweck eines abermaligen Pfeifens auf dem halben Wege nach dem Munde waren.

»Kennst du nicht einen Freund des Mr. Gills, der Kapitän Cuttle heißt?« fragte Florence nach kurzem Besinnen.

»Den mit dem Haken, Miß?« entgegnete Rob mit einem bildlichen Drehen an seiner linken Hand. »Ja, Miß, er war erst vorgestern hier.«

»Seitdem nicht wieder?« fragte Susanna.

»Nein, Miß«, erwiderte Rob, seine Antwort noch immer an Florence richtend.

»Vielleicht ist Walters Onkel dorthin gegangen, Susanna«, bemerkte Florence zu ihrer Begleiterin.

»Zu Kapitän Cuttle, Miß?« versetzte Rob; »o nein, dort ist er nicht, denn er hat mir ausdrücklich aufgetragen, wenn Kapitän Cuttle vorspräche, solle ich ihm sagen, sein gestriges Ausbleiben habe ihn sehr überrascht, und er solle warten, bis er wieder zurückkomme.«

»Weißt du, wo Kapitän Cuttle wohnt?« fragte Florence.

Rob antwortete mit Ja und griff nach einem schmierigen Pergamentbuch auf dem Ladentisch, aus dem er laut die Adresse las.

Florence wandte sich wieder an ihre Begleiterin und beriet leise mit ihr, während der rundäugige Rob, des geheimen Auftrags seines Gönners eingedenk, aufmerksam lauschte. Florence machte den Vorschlag, sie sollten zu Kapitän Cuttle gehen, von seinen eigenen Lippen hören, was er von dem langen Ausbleiben aller Nachrichten über den Sohn und Erben halte, und ihn, wenn es anginge, mitbringen, daß er Onkel Sol tröste. Susanna erhob anfangs einige Einwendungen wegen des weiten Weges. Da aber ihre Gebieterin von einer Mietkutsche sprach, so nahm sie ihren Einwand zurück und sagte zu. Es währte einige Minuten, bis sie zu diesem Entschlusse kamen, und Rob, der mit großen Augen dastand, schenkte beiden Sprecherinnen die größte Aufmerksamkeit, indem er abwechselnd sein Ohr der einen oder der andern zuwandte, als sei er der bestellte Schiedsrichter ihrer Gründe.

Endlich wurde Rob abgesandt, um eine Kutsche herbeizuholen, während die beiden Damen im Laden zurückblieben. Als er mit dem bestellten Wagen ankam, stiegen sie ein und trugen ihm auf, Onkel Sol zu melden, daß sie auf dem Rückweg bestimmt wieder vorsprechen würden.

Nachdem Rob der Kutsche nachgeschaut hatte, bis sie ebenso unsichtbar war, wie jetzt die Tauben, setzte er sich höchst diensteifrig hinter das Pult und machte, um ja nichts von dem Gehörten zu vergessen, unter einem ungeheuren Aufwand von Tinte auf verschiedene kleine Papierstreifen seine Notizen. Es war nicht zu besorgen, daß diese Dokumente, wenn sie etwa zufällig verlorengingen, etwas verrieten; denn lange, ehe die Worte trocken geworden, waren sie schon für Rob selbst ein so tiefes Geheimnis, als ob er nie beim Niederschreiben derselben beteiligt gewesen wäre.

Während er noch in dieser Arbeit begriffen war, machte die Mietkutsche, die allerlei unerhörte Schwierigkeiten von Drehbrücken, schmutzigen Straßen, hindernden Kanälen, Frachtwagen, Bohnengärten, Waschhäusern und ähnlichen in jener Gegend reichlich vorkommenden Hemmnissen zu bestehen hatte, an der Ecke von Brig-Place halt. Florence und Susanna Nipper stiegen hier aus und gingen zu Fuß die Straße hinab, um Kapitän Cuttles Wohnung aufzusuchen.

Zum Unglück war gerade einer von Mrs. Mac Stingers großen Scheuertagen. Bei solchen Gelegenheiten ließ sich Mrs. Mac Stinger morgens um drei Viertel auf drei Uhr durch den Polizeidiener wecken und kam dann selten vor nachts zwölf Uhr in die Federn. Die Hauptaufgabe dieser Einrichtung schien darin zu bestehen, daß Mrs. Mac Stinger früh mit dem Dämmern des Tages alles Möbelwerk in den hinteren Garten trug, während des ganzen Tages in Überschuhen das Haus durchlief und nach Einbruch der Dunkelheit ihre Möbel zurückholte. Diese Feierlichkeiten verstörten jene Täublein, die jungen Mac Stingers, in hohem Grade; denn sie konnten zu solchen Zeiten nicht nur kein Ruheplätzchen finden, sondern wurden auch im Verlauf der Zeremonie in der Regel von dem mütterlichen Vogel tüchtig gepickt und zerzaust.

In dem Augenblick, als Florence und Susanna Nipper sich unter Mrs. Mac Stingers Tür zeigten, war diese würdige, aber furchtbare Frauensperson eben im Begriff, Alexander Mac Stinger, alt zwei Jahre und drei Monate, durch den Hausflur zu tragen und ihn gewaltsam auf das Straßenpflaster niederzusetzen. Alexander war nämlich, weil er nach der Strafe den Atem an sich gehalten, ganz schwarz im Gesicht geworden, und ein kalter Pflasterstein erwies sich in der Regel als ein sehr kräftiges Heilmittel für solche Fälle.

Die weiblichen und mütterlichen Gefühle der Mrs. Mac Stinger wurden natürlich im höchsten Grade verletzt durch die mitleidige Miene, mit der Florence Alexander betrachtete, und so rüttelte und knuffte die empfindsame Dame, statt der Schwäche der Neugier nachzugeben, vor und während der Anwendung des Pflastersteins die Frucht ihres Leibes tüchtig, ohne daß sie den Fremden weitere Aufmerksamkeit schenkte.

»Ich bitte um Verzeihung, Ma'am«, sagte Florence, nachdem das Kind wieder zu Atem gekommen war und denselben zu brauchen anfing, »ist dies Kapitän Cuttles Haus?«

»Nein«, versetzte Mrs. Mac Stinger.

»Nicht Nummer neun?« fragte Florence zögernd.

»Wer hat gesagt, daß es nicht Nummer neun sei?« entgegnete Mrs. Mac Stinger.

Susanna Nipper fiel jetzt plötzlich ein und nahm sich die Freiheit, zu fragen, was Mrs. Mac Stinger damit wolle, und ob sie wisse, mit wem sie spreche.

Als Antwort dafür betrachtete Mrs. Mac Stinger Susanna vom Kopf bis zu den Füßen.

»Was wollt denn Ihr von Kapitän Cuttle? Dies möchte ich doch auch wissen«, sagte Mrs. Mac Stinger.

»Möchtet Ihr? Dann bedaure ich, daß Eure Neugierde nicht befriedigt werden wird«, entgegnete Miß Nipper.

»Sei so gut zu schweigen, Susanna«, sagte Florence. »Vielleicht habt Ihr die Freundlichkeit, Ma'am, uns zu sagen, wo Kapitän Cuttle wohnt, wenn wir ihn hier nicht finden können.«

»Wer sagt, daß er nicht hier wohnt?« versetzte die ungefällige Mac Stinger. »Ich habe gesagt, es sei nicht Kapt'n Cuttles Haus – und es ist auch nicht sein Haus – Gott behüte, daß es je sein Haus werde – denn Kapt'n Cuttle weiß nicht, wie er ein Haus in Ordnung halten soll – und ist nicht wert, ein Haus zu haben – es ist mein Haus – und wenn ich den oberen Stock an Kapt'n Cuttle vermiete, so tue ich etwas sehr Undankbares und werfe Perlen vor die Säue.«

Mrs. Mac Stinger hatte bei Äußerung dieser Bemerkungen ihre Stimme für die oberen Fenster berechnet und ließ jede Silbe derselben gesondert krachen, als kämen sie aus einer Büchse mit zahllosen Läufen. Nach dem letzten Schuß ließ sich der Kapitän vernehmen, der von seinem Zimmer aus in schwacher Gegenvorstellung die Worte sagte:

»Nur ruhig da unten!«

»Wenn Ihr zu Kapt'n Cuttle wollt – da ist er!« rief Mrs. Mac Stinger mit einer zornigen Handbewegung.

Florence nahm sich jetzt die Freiheit, ohne weiteres Parlamentieren einzutreten, und da auch Susanna ihr folgte, so begann Mrs. Mac Stinger abermals ihre Leibesbewegung in Überschuhen. Alexander Mac Stinger, der noch immer auf dem Pflasterstein saß und zu weinen aufgehört hatte, um auf die Unterhaltung zu lauschen, begann nun wieder zu heulen und unterhielt sich während dieses schrecklichen Konzertes, das eigentlich mechanisch war, mit einer allgemeinen Musterung der Aussicht, die mit der Mietkutsche schloß.

Der Kapitän saß in seinem Zimmer, die Hände in die Taschen gesteckt und die Beine unter seinem Stuhl emporgezogen, auf einer sehr kleinen wüsten Insel, die mitten in einem Ozean von Seifenwasser lag. Seine Fenster, der Kamin und die Wände hatten sich dem Scheuerprozeß unterziehen müssen und waren naß und glänzend von Sand und weicher Seife, die mit ihrem Geruch die Luft erfüllte. In der Mitte dieser traurigen Szene sah sich der nach seiner Insel verschlagene Kapitän mit einer Jammermiene auf dem Meere von Wasser um und schien auf eine freundliche Barke zu harren, die des Weges kam, um ihn aufzulesen.

Als er jedoch den trüben Blick nach der Tür richtete und daselbst Florence mit ihrer Jungfer bemerkte, geriet er in ein Erstaunen, das keine Worte zu schildern vermögen, Mrs. Mac Stingers Beredsamkeit hatte alle andern Laute völlig unvernehmlich gemacht. Deshalb erwartete er denn auch keinen andern Besuch als den des Bierjungen oder des Milchmannes. Als daher Florence eintrat, sich seiner Insel bis an ihre Grenzen näherte und ihre Hand in die seinige legte, stand er entsetzt auf, als glaube er für einen Augenblick, irgendein junges Mitglied aus der Familie des fliegenden Holländers zu sehen.

Der Kapitän gewann jedoch schnell seine Fassung wieder und trug zuerst Sorge dafür, sie auf trockenes Land zu bringen, was durch eine einzige Bewegung seines Armes glücklich vonstatten ging. Dann stach er in die See, faßte Miß Nipper um den Leib und holte sie gleichfalls nach der Insel. Nachdem dies vollbracht war, erhob er mit großem Respekt Florences Hand zu seinen Lippen, steuerte, da die Insel für drei nicht groß genug war, ein wenig auswärts und drehte im Seifenwasser bei, wie eine neue Art von einem Triton.

»Ihr wundert Euch wohl sehr, uns zu sehen,« sagte Florence mit einem Lächeln.

Der unbeschreiblich erfreute Kapitän küßte zur Antwort seinen Hut und brummte, als läge ein besonders ausgesuchtes Kompliment in den Worten:

»Halt bei! halt bei!«

»Aber ich konnte nicht ruhen«, fuhr Florence fort, »bis ich Eure Ansicht gehört hatte, was Ihr von dem lieben Walter haltet – der jetzt mein Bruder ist. Ich wollte Euch fragen, ob etwas zu fürchten sei und ob Ihr nicht alle Tage seinen armen Onkel besuchen und ihn trösten wollt, bis wir Nachricht von ihm haben.«

Bei diesen Worten schlug Kapitän Cuttle wie in unwillkürlicher Gebärde mit der Hand an den Kopf, der für den Augenblick nicht mit dem harten Glanzhut belastet war, und machte eine Jammermiene.

»Seid Ihr in Sorge wegen Walters Sicherheit?« fragte Florence, von deren Gesicht der verzückte Kapitän seine Augen nicht abzuwenden vermochte, während sie ihrerseits ihn gleichfalls angelegentlich betrachtete, als wolle sie sich von der Aufrichtigkeit seiner Antwort überzeugen.

»Nein, meine Herzensfreude,« sagte Kapitän Cuttle, »ich fürchte nichts. Wal'r ist ein Junge, der durch viel schlimmes Wetter kommen wird. Wal'r ist ein Junge, der jener Brigg so viel Erfolg bringen muß, wie es nur irgendeinem jungen Menschen möglich ist. Wal'r«, fuhr der Kapitän fort, und seine Augen glänzten bei dem Lob des jungen Freundes, während sein Haken sich hob, um eine schöne Redewendung anzukündigen, »ist, was Ihr ein äußeres und ein sichtbares Zeichen der inneren geistigen Kraft nennen könnt – und wenn Ihr es gefunden habt, so biegt ein Ohr ein.«

Florence, die ihn nicht ganz verstand, obschon der Kapitän augenscheinlich meinte, er habe sich sehr deutlich und befriedigend ausgedrückt, blickte ihn mild an, als erwarte sie etwas Weiteres.

»Ich bin völlig unbesorgt, meine Herzensfreude,« nahm der Kapitän seine Rede wieder auf. »Man kann freilich nicht leugnen, daß es in jenen Breiten ganz ungewöhnlich schlechtes Wetter gegeben hat, und die Schiffe sind schon getrieben und getrieben und verschlagen worden – vielleicht bis auf die andere Seite der Welt. Aber das Schiff ist ein gutes Schiff und der Junge ein guter Junge, und es ist, Gott sei Dank,« – der Kapitän machte eine kleine Verbeugung – »nicht leicht, Eichenherzen zu brechen, ob sie nun in Briggen sind oder in eines Menschen Brust. Hier haben wir sie nun in beiderlei Weise, so oder so, und wir dürfen deshalb bis jetzt nicht das mindeste fürchten.«

»Bis jetzt?« wiederholte Florence.

»Nicht das mindeste«, entgegnete der Kapitän, seinen Haken küssend, »und ehe es bei mir so weit kommt, meine Herzensfreude, wird Wal'r von der Insel oder von einem oder dem andern Hafen nach Haus geschrieben haben, so daß alles in Ordnung und schiffsgerecht ist. Und was den alten Sol Gills betrifft«, der Kapitän wurde jetzt feierlich, »so will ich bei ihm aushalten und ihn nicht verlassen, bis der Tod uns trennt, wie auch die stürmischen Winde wehen, wehen und wehen – seht im Katechismus nach,« sagte der Kapitän nebenher, »und dort werdet Ihr die Ausdrücke finden. Kann es übrigens Sol Gills trösten, wenn er die Ansicht eines seefahrenden Mannes hört, dessen Geist jedem Unternehmen gewachsen ist, das ihm in den Wurf kommt, – eines Mannes, der schon als Lehrling alles durchmachte, so daß er nur mit knapper Not das Leben davontrug, und dessen Name Bunsby ist, so soll ihm dieser Mann in seiner eigenen Stube ein Gutachten geben – ein Gutachten, sage ich Euch, daß ihm Hören und Sehen vergehen wird. Ja« – fügte Kapitän Cuttle prahlerisch bei – »gerade so, als hätte er sich halb den Kopf an der Tür eingerannt!«

»Wir wollen diesen Gentleman zu ihm bringen und mit anhören, was er sagt«, entgegnete Florence. »Ihr werdet doch mit uns gehen? Wir haben eine Kutsche hier.«

Der Kapitän schlug wieder mit der Hand an den seines harten Glanzhutes baren Kopf und schaute verblüfft umher. Doch in demselben Augenblick trug sich ein merkwürdiges Naturereignis zu. Ohne Anmeldung oder Vorbereitung öffnete sich wie von selbst die Tür, und der fragliche harte Glanzhut flog wie ein Vogel ins Zimmer herein, um vor den Füßen des Kapitäns schwerfällig niederzuplumpsen. Dann schlug die Tür ebenso ungestüm, wie sie aufgegangen war, wieder zu, und es erfolgte nichts weiter, um dieses Wunder aufzuklären.

Kapitän Cuttle las seinen Hut auf, betrachtete ihn mit einem Blick der Teilnahme und des Willkomms, drehte ihn und begann mit dem Ärmel daran zu polieren. Während dieser Beschäftigung schaute er gelegentlich nach seinen Gästen hin und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Ihr seht, ich hätte gestern und heute morgen zu Sol Gills hinuntersteuern sollen; aber sie – sie nahm ihn weg und gab ihn nicht heraus. Dies ist das Lange und Kurze von der Sache.«

»Du lieber Himmel, wer tat dies?« fragte Susanna Nipper.

»Die Hausfrau, meine Liebe«, versetzte der Kapitän mit grämlichem Flüstern und unter geheimnisvollen Zeichen. »Wir hatten einen kleinen Wortwechsel wegen des Schwapperns dieser Planken da, und sie – mit einem Wort«, fügte der Kapitän hinzu, indem er nach der Tür hinsah und sich durch einen langen Atemzug Erleichterung verschaffte, »sie hat mich meiner Freiheit beraubt.«

»O, ich wünschte nur, daß sie mit mir zu schaffen hätte!« sagte Susanna, in dem Ungestüm ihres Wunsches errötend. »Ich wollte mit ihr schon fertig werden.«

»Meint Ihr, dies ginge so leicht, meine Liebe?« entgegnete der Kapitän, zweifelhaft den Kopf schüttelnd, aber den rücksichtslosen Mut der jungen Schönen mit augenfälliger Bewunderung aufnehmend. »Ich weiß nicht. Es ist eine schwierige Schiffahrt. Es ist sehr schwer, mit ihr fortzukommen, meine Liebe. Seht Ihr, man kann nie sagen, wie sie ihren Schnabel stellen will. Die eine Minute hält sie ihn voll, die nächste geht's rund herum. Und wenn nicht sie ein Berserker ist« – fügte der Kapitän bei, und der Schweiß trat ihm auf die Stirne.

Der Satz schloß mit einem nachdrücklichen Pfeifen. Dann schüttelte der Kapitän den Kopf, kam abermals auf seine Bewunderung von Miß Nippers verzweifelter Tapferkeit zurück und wiederholte schüchtern:

»Meint Ihr, es ginge so leicht, meine Liebe?«

Susanna antwortete nur mit einem hochmütigen Lächeln, in dem jedoch so viel Trotz lag, daß der Kapitän vielleicht noch lange in verzückter Betrachtung dagestanden wäre, wenn nicht Florence in ihrer Angst wieder auf den Vorschlag zurückgekommen wäre, ohne Zögern den orakelhaften Bunsby zu Rate zu ziehen. So an seine Pflicht erinnert, drückte Kapitän Cuttle seinen Glanzhut fest auf den Kopf, griff nach einem andern Knotenstock, womit er den an Walter verschenkten ersetzt hatte, bot Florence seinen Arm und schickte sich an, sich durch den Feind Bahn zu brechen.

Es zeigte sich übrigens, daß Mrs. Mac Stinger schon wieder ihren Kurs geändert und den Schnabel, wie sie nach des Kapitäns Bemerkung oft zu tun pflegte, in eine ganz neue Richtung gestellt hatte. Als sie die Treppen hinunterkamen, fanden sie diese musterhafte Frau, wie sie eben auf der Hausschwelle die Matten ausklopfte, so daß der noch immer auf dem Pflasterstein sitzende Alexander in dem Staubnebel nur undeutlich zu erkennen war. Diese häusliche Verrichtung nahm Mrs. Mac Stinger dermaßen in Anspruch, daß sie, als Kapitän Cuttle und seine Gäste vorbeigingen, nur um so stärker klopfte und weder durch ein Wort noch durch eine Gebärde ein Bewußtsein von ihrer Nähe zu erkennen gab. Die Matten übten zwar auf den Kapitän einen Eindruck wie der reichliche Gebrauch des Schnupftabaks, so daß er niesen mußte, bis ihm die Tränen über das Gesicht herunterliefen. Trotzdem aber war er über dieses leichte Entkommen so erfreut, daß er kaum seinem guten Glück glauben konnte; denn selbst zwischen der Tür und der Mietkutsche schaute er mehr als einmal über seine Schulter zurück, augenscheinlich voll Furcht, Mrs. Mac Stinger möchte noch jetzt Jagd auf ihn machen.

Sie erreichten jedoch die Ecke von Brig-Place, ohne weiter von diesem Schrecknis belästigt zu werden, und der Kapitän stieg auf den Kutschbock, weil es ihm seine Galanterie nicht erlaubte, von dem Ersuchen der Damen, sich mit ihnen in den Wagen zu setzen, Gebrauch zu machen. Von hier aus lotste er den Kutscher in seinem Kurse nach Kapitän Bunsbys Schiff, das die »vorsichtige Klara« hieß und ganz in der Nähe von Ratcliffe lag.

Bei dem Kai, vor dem das Fahrzeug dieses großen Kommandeurs zwischen etwa fünfhundert Kameraden eingeklemmt war, so daß das wirre Takelwerk sich wie eine ungeheure Masse halb weggekehrter Spinnweben ausnahm, erschien Kapitän Cuttle an dem Kutschenschlag und lud Florence und Miß Nipper ein, ihn an Bord zu begleiten. Zugleich bemerkte er, Bunsby sei in Beziehung auf Damen im höchsten Grade weichherzig, und nichts könne mehr dazu beitragen, seinen gewaltigen Geist in einen Zustand von Harmonie zu bringen, als ihr Erscheinen auf der »vorsichtigen Klara«.

Florence entsprach sogleich seiner Aufforderung, und der Kapitän, der ihre kleine Hand in seine ungeheure Pfote nahm, führte sie mit einem gemischten Ausdruck von Gönnerschaft, väterlicher Liebe, Stolz und Feierlichkeit, der recht erbaulich anzusehen war, über verschiedene sehr schmutzige Decks, bis sie endlich zu der Klara gelangten. Dieses vorsichtige Fahrzeug, das außerhalb des Dammes lag, hatte seine Laufplanke abgetragen und stand etwa sechs Fuß von seinem nächsten Nachbar entfernt. Aus Kapitän Cuttles Erklärung schien hervorzugehen, daß der große Bunsby, wie er selbst, von seiner Hauswirtin grausam behandelt wurde; und wenn sie es ihm zuletzt so arg machte, daß er es nicht mehr auszuhalten vermochte, so brachte er als letzte Zuflucht einen Streifen Wasser zwischen sich und seine schöne Feindin.

»Klara, ahoi!« rief der Kapitän, seine Hand als Trichter für den Mund benutzend.

»Ahoi!« antwortete zum Echo ein Junge, der aus dem Raum heraufkam, des Kapitäns Ruf.

»Bunsby an Bord?« brüllte der Kapitän den Jungen mit einer Stentorstimme an, als sei das Fahrzeug wenigstens ein paar hundert Ruten, nicht aber bloß einige Ellen entfernt.

»Ja!« rief der Junge in dem gleichen Ton.

Der Junge schob sodann eine Planke auf Kapitän Cuttle zu, der sie sorgfältig auflegte und Florence hinüberführte. Nachdem das geschehen war, kehrte er zurück, um Miß Nipper zu holen. Sie befanden sich jetzt auf dem Deck der »vorsichtigen Klara«, in deren stehendem Takelwerk allerlei flatternde Kleidungsstücke in Gemeinschaft mit etlichen Zungen und Makrelen trockneten.

Unmittelbar darauf erhob sich langsam über die Scheidewände der Kajüte ein sehr großer menschlicher Kopf mit einem feststehenden Auge in dem Mahagoni-Gesicht, während das andere nach dem bei einigen Leuchttürmen angebrachten Grundsatze beweglich war. Dieser Kopf war mit zottigem, wergartigem Haar geziert, das keine vorherrschende Neigung gegen Nord, Ost, Süd oder West besaß, sondern nach allen vier Strichen des Kompasses und nach jedem einzelnen Punkte desselben hinging. Dem Kopf folgte eine wahre Wüste von Kinn, ein Hemdkragen samt Halstuch, eine unzerreißbare Lotsenjacke und ein Hosenpaar von demselben festen Gewebe. Dieses wurde durch einen so breiten und hohen Gurt festgehalten, daß er (d. h. der Gurt) zugleich die Stelle der Weste vertrat. Besagter Gurt war in der Nähe des Brustbeins mit einigen massiven hölzernen Knöpfen verziert, die einem Brettspiel entnommen zu sein schienen. Als die unteren Teile der Hose sichtbar wurden, zeigte sich Bunsby endlich in vollem Format, die Hände in seine ungeheuren Taschen gesteckt, während sein Blick sich nicht auf Kapitän Cuttle oder die Damen, sondern nach der Stengenspitze richtete.

Das tiefsinnige Aussehen dieses derben, kräftig gebauten Philosophen, auf dessen ungemein rotem Gesicht ein Ausdruck von Schweigsamkeit thronte, der in vollem Einklang stand mit dem augenfälligen Stolz seines Charakters, schüchterte fast Kapitän Cuttle ein, obschon er sonst gut Freund mit ihm war. Während er Florence zuflüsterte, Bunsby habe in seinem Leben nie Verblüfftsein an sich bemerken lassen, weshalb man im allgemeinen glaube, er wisse gar nicht, was dieser Ausdruck zu bedeuten habe, beobachtete er den Mann, der seine Stengenspitze betrachtete und nachher sich am Horizont umsah. Als endlich das sich drehende Auge in die Richtung des Kapitäns zu kommen schien, begann dieser:

»Bunsby, mein Junge, wie geht's?«

Eine tiefe, brummende, heisere Stimme, die in gar keiner Beziehung zu Bunsby zu stehen schien und jedenfalls auch nicht den mindesten Eindruck auf dessen Gesicht hervorrief, gab die Antwort:

»Hei, ja, Schiffskamerad, wie wird's gehen.«

Zu gleicher Zeit tauchte Bunsbys rechte Hand samt dem Arm aus der Tasche empor, schüttelte die des Kapitäns und kehrte wieder zurück.

»Bunsby«, sagte der Kapitän, sogleich auf sein Ziel losgehend, »Ihr seid ein Mann von Geist und ein Mann, der eine Ansicht vertreten kann. Da ist nun eine junge Dame, die Euer Gutachten hören möchte in betreff meines Freundes Wal'r, und außerdem habe ich noch einen andern Freund, Sol Gills, eine Persönlichkeit, die wohl verdient, daß Ihr in ihre Rufweite kommt; denn er ist ein Mann der Wissenschaft, die eine Mutter der Erfindung ist und kein Gesetz kennt. Bunsby, wollt Ihr mir den Gefallen erweisen, zu fieren und mit uns zu kommen?«

Der große Kommandant, der dem Ausdruck seines Gesichtes zufolge stets nach irgendeinem Gegenstand in der weitesten Ferne auszulugen und für nichts, was im Bereich von vier Stunden lag, ein Auge zu haben schien, behielt die Antwort hartnäckig für sich.

»Hier ist ein Mann«, sagte der Kapitän, sich an seine schönen Zuhörerinnen wendend und mit seinem ausgestreckten Haken auf den Kommandanten deutend, »der mehr als irgendein lebender Mensch ausgestanden hat. Ihm sind mehr Unfälle begegnet, als allen den Leuten im Matrosenhospital zusammengenommen, und es sind ihm, als er noch jung war, so viele Spieren, Balken und Bolzen um den Kopf geflogen, daß man damit auf dem Chathamhof eine Lustjacht bauen könnte. Was daher in solchen Dingen seine Erfahrung betrifft, so bin ich überzeugt, daß ihm hierin nichts gleich kommt, weder zu Wasser noch zu Lande.«

Der dickköpfige Kommandant schien durch ein leichtes Zucken seines Ellenbogens einige Zufriedenheit über dieses Lob auszudrücken; aber wenn auch sein Gesicht ebenso fern gewesen wäre wie sein Blick, so hätte es die Anwesenden kaum weniger unterrichten können, was in seinem Innern vorging.

»Schiffskamerad«, sagte Bunsby mit einem Male, indem er sich niederbeugte, um unter eine im Wege liegende Spiere zu sehen, »was wollen die Damen trinken?«

Kapitän Cuttle, dessen Zartgefühl bei der Verbindung einer solchen Frage mit Florence sich entsetzte, zog den Weisen beiseite, schien ihm eine Aufklärung ins Ohr zu flüstern und begleitete ihn nach der Kajüte hinunter, wo er, um nicht Anstoß zu geben, sich selbst den Trunk belieben ließ, den, wie Florence und Susanna durch das offene Fenster sahen, der Weise, der zwischen seinem Berth und einem sehr kleinen Ofen kaum Raum fand, für sich selbst und seinen Freund eingoß. Sie erschienen bald wieder auf Deck, und Kapitän Cuttle führte Florence triumphierend über den Erfolg seines Unternehmens nach der Kutsche zurück, während Bunsby Miß Nipper, die er unterwegs zur großen Entrüstung dieser jungen Dame mit seinem Lotsenärmel wie ein grauer Bär umkrallte, in seine Obhut nahm.

Der Kapitän brachte sein Orakel im Wagen unter, überglücklich, daß er sich dieses Mannes versichert und einen solchen Geist in eine Mietkutsche gezwängt hatte. Auch konnte er sich nicht enthalten, durch das kleine Fenster hinter dem Kutscher oft nach Florence hineinzusehen und sein Entzücken durch Lächeln oder durch ein Klopfen an seine Stirne auszudrücken, um ihr damit anzudeuten, daß Bunsbys Gehirn in voller Tätigkeit sei. Mittlerweile behauptete Bunsby, der noch immer Miß Nipper umarmt hielt – denn sein Freund hatte die Weichheit seines Herzens nicht übertrieben – gleichförmig seine ernste Haltung und gab durch kein weiteres Zeichen kund, daß er der Anwesenheit seiner Nachbarin oder irgendeines andern Gegenstandes sich bewußt sei.

Onkel Sol, der nach Hause gekommen war, empfing sie an der Tür und führte sie sogleich nach dem kleinen Hinterstübchen, das sich seit Walters Abreise seltsam verändert hatte. Auf dem Tische und im Zimmer umher lagen die Karten, auf denen der betrübte Instrumentenmacher oft und oft das vermißte Schiff über die See verfolgte. Er hatte erst noch vor einer Minute mit einem Zirkel, den er noch immer in der Hand hielt, die Driftung gemessen, die angenommen werden mußte, wenn das Fahrzeug da oder dorthin gekommen sein sollte. Aus diesen Berechnungen suchte er sich zu beweisen, daß man noch lange nicht die Hoffnung aufgeben dürfe.

»Ob es wohl verirrt ist«, sagte Onkel Sol, gedankenvoll über der Karte wegsehend; »aber nein, das ist fast unmöglich. Oder ob es durch ungestümes Wetter verschlagen wurde – aber das ist vernünftigerweise nicht wohl anzunehmen. Oder ob Hoffnung vorhanden ist, es habe den Kurs so weit geändert, um – doch ich kann das kaum hoffen!«

Mit solchen abgebrochenen Andeutungen streifte der arme alte Onkel Sol über die Karte hin, ohne auf ihr einen Flecken hoffnungsvoller Wahrscheinlichkeit zu finden, der groß genug gewesen wäre, um eine kleine Zirkelspitze darauf zu setzen.

Florence sah augenblicklich – es wäre auch schwer gewesen, das nicht zu bemerken –, daß mit dem alten Manne eine auffallende, unbeschreibliche Veränderung vorgegangen war; denn neben seinem viel unruhigeren und unsteteren Wesen zeigte er eine eigentümliche, nicht damit im Einklang stehende Entschiedenheit, über die sie sehr betroffen war. Einmal kam es ihr vor, er spreche ohne allen Zusammenhang und aufs Geratewohl; denn als sie gegen ihn ihr Bedauern ausdrückte, daß sie ihn am Morgen nicht getroffen habe, entgegnete er anfangs, er habe sie besuchen wollen, obschon er unmittelbar darauf die Antwort zu widerrufen schien.

»Ihr seid also bei mir gewesen?« fragte Florence. »Heute?«

»Ja, meine liebe junge Lady«, versetzte Onkel Sol, indem er sie ansah und dann in verwirrter Weise wegblickte. »Ich wollte Euch noch einmal mit meinen eigenen Ohren hören, ehe –«

Dann hielt er inne.

»Ehe? Was wollt Ihr mit diesem Ehe sagen?« entgegnete Florence, ihre Hand auf seinen Arm legend.

»Habe ich von ›Ehe‹ gesprochen?« erwiderte der alte Sol. »Wenn ich es tat, so muß ich gemeint haben, ehe wir Kunde von meinem lieben Jungen erhalten.«

»Ihr seid nicht wohl«, sagte Florence liebevoll. »Ihr habt so viel in Angst gelebt – gewiß. Ihr seid nicht wohl.«

»Nein, ich bin gesund«, entgegnete der alte Mann, indem er seine rechte Hand schloß und sie ausstreckte, um sie ihr zu zeigen – »so gesund und kräftig, wie es ein Mann von meinen Jahren nur erwarten kann. Seht – sie ist fest. Sollte ihr Herr nicht ebenso entschlossen und standhaft sein können, wie mancher Jüngere? Ich denke doch. Wir müssen abwarten.«

Sein Benehmen mehr als seine Worte, obgleich ihr auch letztere unvergeßlich blieben, machten auf Florence einen so tiefen Eindruck, daß sie gewünscht hätte, ihre Unruhe sogleich Kapitän Cuttle mitteilen zu können. Dieser aber ergriff die Gelegenheit, um den Stand der Dinge auseinanderzusetzen, über den man das Urteil des weisen Bunsby hören wollte, und bat diese gründliche Autorität, sein Gutachten abzugeben.

Bunsby, dessen Auge fortwährend auf irgendeiner Stelle etwa halbwegs zwischen London und Gravesend zu haften schien, streckte zwei- oder dreimal seinen rauhen rechten Arm aus, als wolle er diesen aus Begeisterung um die schöne Gestalt von Miß Nipper schlingen. Diese junge Dame hatte sich jedoch sehr unzufrieden nach der andern Seite des Tisches zurückgezogen, so daß das weiche Herz des Kommandanten der vorsichtigen Klara sich in unerwiderten Regungen erschöpfen mußte. Nach mehreren derartigen Fehlgriffen ließ sich der große Mann, ohne übrigens seine Worte an irgend jemanden zu richten, folgendermaßen vernehmen; oder vielmehr die Stimme in seinem Innern sprach aus eigenem Antrieb und ganz unabhängig aus dem Manne, als sei er von einem grämlichen Geiste besessen.

»Mein Name ist Jack Bunsby!«

»Er wurde John getauft!« rief der entzückte Kapitän Cuttle. »Hört ihn.«

»Und was ich sage«, fuhr die Stimme nach einiger Erwägung fort, »dabei bleibe ich auch.«

Der Kapitän, der Florences Arm in dem seinen liegen hatte, nickte dem Auditorium zu und schien zu sagen: »Jetzt rückt er mit seinen Offenbarungen heraus. Das wollte ich, als ich ihn hierher brachte.«

»Weswegen«, fuhr die Stimme fort, »und warum nicht, und wenn so, wozu ein Widerspruch? Kann jemand etwas anders sagen? Nein. Also Punktum!«

Nachdem seine Folgerung so weit gediehen war, hielt die Stimme inne und ruhte. Dann fuhr sie sehr langsam, wie folgt, fort:

»Glaube ich, daß jener Sohn und Erbe untergegangen ist, meine Jungen? Kann sein. Sage ich so? Wer behauptet es? Wenn ein Schiffer durch den St.-Georg-Kanal nach den Dünen hinaussteuert, was liegt gerade vor seinem Schnabel? Die Goodwins. Er ist nicht gezwungen, auf die Goodwins zu laufen, aber er kann es. Der Sinn dieser Bemerkung liegt in der Anwendung. Diese gehört nicht zu meinen Obliegenheiten. Also zu, legt gut nach vorne aus, und gut Glück für Euch!«

Die Stimme verließ jetzt das Hinterstübchen und begab sich in die Straße hinaus, den Kommandanten der vorsichtigen Klara mit fortnehmend und ihn mit aller bequemen Eile wieder an Bord begleitend, wo dieser sich ohne weiteres hineinbugsierte und seinen hohen Geist mit einem Schlaf erfrischte.

Es blieb also den Hörern dieser weisen Vorschriften überlassen, selbst ihre Anwendung darauf zu machen – nach einem Grundsatz, der stets das Hauptbein von Bunsbys Dreifuß war, wie er zufälligerweise auch die erste Stütze einiger andern Orakelstühle ist. Sie sahen sich gegenseitig mit einiger Ungewißheit an, während Rob, der Schleifer, der sich die harmlose Freiheit genommen hatte, durch das Hochfenster des Daches zu gucken und zu lauschen, in einem Zustand der größten Verwirrung langsam wieder herunterkam. Dagegen war Kapitän Cuttles Bewunderung gegen Bunsby durch die glänzende Art, wie er seinen Ruf mit einem so feierlichen Schluß gerechtfertigt hatte, wo möglich noch erhöht worden. Er schickte sich jetzt an, auseinanderzusetzen, daß Bunsby damit nichts anderes habe sagen wollen, als daß man am Vertrauen festhalten müsse. Bunsby habe kein Bedenken, und das Gutachten eines solchen Geistes sei der wahre Hoffnungsanker mit dem herrlichsten Verankerungsgrund. Florence versuchte zu glauben, daß der Kapitän recht habe, aber Miß Nippel, die mit dicht verschlungenen Armen dastand, schüttelte in entschlossenem Widerspruch den Kopf und setzte auf Bunsby nicht mehr Vertrauen, als sogar auf Mr. Perch.

Der Philosoph schien Onkel Sol so ziemlich in dem nämlichen Zustand verlassen zu haben, in dem er ihn gefunden; denn der alte Mann streifte, den Zirkel in der Hand, noch immer auf der wässerigen Welt umher und konnte keinen Ruheplatz entdecken für die Spitzen seines Instrumentes. Während er noch immer bei diesem Geschäfte begriffen war, flüsterte Florence Kapitän Cuttle etwas ins Ohr, worauf dieser seine schwere Hand auf die Schultern seines Freundes legte.

»Wie ist's Euch, Sol Gills?« rief der Kapitän in herzlichem Ton.

»Nur so so, Ned«, versetzte der Instrumentenmacher. »Ich habe den ganzen Nachmittag an den Abend denken müssen, an dem mein Junge zum ersten Male aus Dombeys Hause zurückkam. Er saß dort, wo Ihr jetzt steht, beim Essen; wir sprachen von Sturm und Schiffbruch, und es wurde mir kaum möglich, ihn von diesem Gegenstand abzubringen.«

Jetzt begegnete sein Blick dem von Florence, der angelegentlich forschend auf seinem Gesicht ruhte. Der alte Mann hielt inne und lächelte.

»Haltet dichter, alter Freund!« rief der Kapitän. »Macht nur ein munteres Gesicht! Ich will Euch was sagen, Sol Gills; sobald ich die Herzensfreude da glücklich nach Haus gebracht habe« – er küßte dabei seinen Haken gegen Florence – »so komme ich zurück und nehme Euch für den Rest dieses lieben Tages ins Schlepptau. Ihr kommt dann mit mir, und wir nehmen irgendwo unsere Mahlzeit ein, Sol.«

»Heute nicht, Ned!« sagte der alte Mann rasch und augenscheinlich sehr bestürzt über diesen Vorschlag. »Heute nicht. Ich kann nicht!«

»Warum nicht?« entgegnete der Kapitän, ihn erstaunt ansehend.

»Ich – ich habe so viel zu tun. Ich – ich wollte sagen, so viel zu denken und zu ordnen. Ich kann in der Tat nicht, Ned. Ich muß wieder ausgehen und dann allein sein. Es gehen mir heute so viele Dinge durch den Kopf.«

Der Kapitän sah zuerst den Instrumentenmacher, dann Florence und dann wieder den Instrumentenmacher an.

»Also morgen«, sagte er endlich.

»Ja, ja, morgen«, versetzte der alte Mann. »Vergeßt mich morgen nicht. Also morgen.«

»Wohl gemerkt, Sol Gills, ich komme früh«, machte der Kapitän zur Bedingung.

»Ja, ja, morgen so früh Ihr wollt«, entgegnete der alte Sol. »Und nun lebt wohl, Ned Cuttle. Gott behüte Euch.«

Während er das sagte, drückte er die Hand des Kapitäns mit ungewöhnlicher Wärme. Dann wandte er sich an Florence, nahm ihre beiden Hände in die seinen und führte sie an seine Lippen, worauf er in sehr befremdlicher Hast mit ihr nach der Kutsche eilte. Sein auffallendes Benehmen machte einen solchen Eindruck auf den Kapitän, daß er zurückblieb und Rob nachdrücklich einschärfte, er solle bis zum Morgen ja recht achtsam auf seinen Gebieter sein. Diese Ermahnung bekräftigte er mit der Vorausbezahlung eines Schillings und dem Versprechen weiterer sechs Pence, die noch vor dem andern Mittag bezahlt werden sollten. Nach Erfüllung dieses freundlichen Dienstes bestieg er, da er sich als die natürliche und gesetzliche Leibwache Florences betrachtete, nicht wenig stolz auf seine Schutzbefohlene, den Bock und geleitete sie nach Hause. Zum Abschied gab er Florence die Versicherung, er werde sich treulich Sol Gills' annehmen; und da ihm Susanna Nippers mutige Worte in betreff der Mrs. Mac Stinger noch immer durch den Kopf gingen, so fragte er schließlich noch einmal die heldenkühne Jungfrau: »Meint Ihr noch immer, dies ginge so leicht, meine Liebe?«

Als sich das verödete Haus hinter den beiden Mädchen geschlossen hatte, kehrten die Gedanken des Kapitäns wieder zu dem alten Instrumentenmacher zurück. Es war ihm nicht recht wohl zumut bei der Sache. Statt daher nach Hause zu gehen, spazierte er etliche Male auf der Straße auf und ab, dehnte seine Muße bis zum Abend aus und speiste spät in einem gewissen Winkelkneipchen der City, dessen keilförmige Wirtsstube von Glanzhüten reichlich benutzt wurde. Seine Hauptabsicht war, nach Einbruch der Dunkelheit noch einmal an der Wohnung seines alten Freundes vorbeizugehen und durchs Fenster hineinzuschauen. Das geschah. Das Hinterstübchen stand offen, und er konnte Sol Gills sehen, wie er an dem Tisch drinnen eifrig schrieb, während der kleine Midshipman, der bereits zum Schutz gegen den Nachttau unter Dach gebracht worden war, von dem Ladentisch aus nach ihm hinschaute. Unter dem letzteren machte sich Rob, der Schleifer, sein Bett zurecht und schickte sich an, den Laden zu schließen.

Durch die Ruhe, die im Bann des hölzernen Midshipmans herrschte, zufriedengestellt, richtete der Kapitän seinen Schnabel nach Brig-Place, fest entschlossen, am andern Morgen in aller Frühe wieder den Anker zu lichten.

 

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