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Dombey und Sohn - Band 1

Charles Dickens: Dombey und Sohn - Band 1 - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn - Band 1
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Wie Mr. Carker, der Geschäftsführer, ein kleines Geschäft betreibt.

Mr. Carker, der Geschäftsführer, saß so geschmeidig und glatt wie gewöhnlich an seinem Schreibpult und las die Briefe, die ihm zum Öffnen vorbehalten geblieben waren, indem er gelegentlich, je nachdem es ihr Inhalt verlangte, Notizen auf ihre Rückseiten schrieb und sie dann in kleine Haufen abteilte, damit diese an die verschiedenen Departements des Hauses abgegeben werden könnten. Die Post war am Morgen sehr schwer gewesen, und Mr. Carker, der Geschäftsführer, hatte viel zu tun.

Die allgemeine Haltung eines so beschäftigten Mannes, der ein Bündel Papiere in der Hand hat, sie in verschiedene Haufen verteilt, ein anderes Paket aufnimmt, mit zusammengekniffenen Brauen und aufgeworfenen Lippen den Inhalt untersucht, ausgibt, sortiert und zwischendurch nachdenkt, könnte leicht an die eines Kartenspielers erinnern. Das Gesicht Mr. Carkers, des Geschäftsführers, stand im vollen Einklang mit einer derartigen Vorstellung. Es war das Gesicht eines Mannes, der schlau sein Spiel studierte, alle starken und schwachen Punkte desselben genau kannte, seine Karten im Geiste genau nach ihrem Werte ordnete und verschmitzt genug war, die Blätter der andern Spieler zu entdecken, ohne daß er je die in seiner eigenen Hand verriet.

Die Briefe waren in verschiedenen Sprachen geschrieben; aber Mr. Carker, der Geschäftsführer, las sie alle. Wäre in dem Bureau von Dombey und Sohn etwas gewesen, das er nicht lesen konnte, so würde in dem Spiel eine Karte gefehlt haben. Er las fast mit einem Blicke, und kombinierte in schnellem Verlauf einen Brief mit dem andern, ein Geschäft mit dem andern, in solcher Weise dem Häuflein neuen Stoff zufügend – gerade so wie ein Mensch, der die Karten vom Ansehen kennt und im Geiste seine Rechnungen macht, sobald er sie aufgenommen hat. Etwas zu schlau für einen Partner und viel zu schlau für einen Gegner, saß Mr. Carker, der Geschäftsführer, in den Strahlen der Sonne, die schräg durch das Oberlicht der Fenster auf ihn niederfielen, um seinem Spiel allein zuzusehen.

Und obschon es nicht zu dem Instinkt der wilden oder in Häusern wohnenden Katzenzunft gehört, mit Karten zu spielen, war doch Mr. Carker, der Geschäftsführer, katzenartig vom Wirbel bis zur Zehe, während er sich in dem Streifen Sommerlicht wärmte, das auf seinen Tisch und den Boden fiel, als wären letztere eine gebrochene Sonnenuhr und er die einzige Zahl darauf. Mit Haar und Backenbart, die zu allen Zeiten der Farbe ermangelten, nie aber mehr dem Felle einer gelbfleckigen Katze ähnlich, als in dem reichen Sonnenschein, – mit langen, sauber beschnittenen und geschärften Nägeln, mit einem natürlichen Widerwillen gegen jeden Schmutzflecken, der ihn bewog, manchmal innezuhalten, die fallenden Sonnenstäubchen zu beobachten und sie von seiner glatten weißen Hand oder der schneeweißen Leinwand wegzupusten, saß Mr. Carker, der Geschäftsführer, schlau in seinem Benehmen, mit scharfen Zähnen, leis auftretend, wachsamen Auges, mit glatter Zunge, grausamen Herzens und pünktlich aus Gewohnheit, in geleckter Beharrlichkeit und Geduld an seiner Arbeit, als ob er vor einem Mauseloch lauere. Endlich waren die Briefe abgefertigt, einen einzigen ausgenommen, den er für eine besondere Audienz zurücklegte. Nachdem er die vertraulichere Korrespondenz in ein Schubfach eingeschlossen hatte, läutete er mit seiner Klingel.

»Warum kommst du?« waren die Worte, mit denen er seinen Bruder empfing.

»Der Laufbursche ist unterwegs, und ich bin der nächste«, lautete die unterwürfige Antwort.

»Du der nächste!« murmelte der Geschäftsführer. »Ja! sehr ehrenvoll für mich! Da!«

Er deutete dabei auf den Haufen geöffneter Briefe und wandte sich in seinem Armstuhl verächtlich ab, um das Siegel des Schreibens zu erbrechen, das er noch in seiner Hand hielt.

»Es tut mir leid, dich behelligen zu müssen, James«, sagte der Bruder, sie aufnehmend, »aber – –«

»O, du hast etwas zu sagen. Ich dachte mir's. Nun?«

Mr. Carker, der Geschäftsführer, erhob seine Augen nicht, um sie auf seinen Bruder zu richten, sondern ließ sie auf dem Briefe haften, obschon er ihn nicht öffnete.

»Nun?« wiederholte er mit Schärfe.

»Ich bin unruhig wegen Harriet.«

»Welcher Harriet? was für einer Harriet? Ich kenne niemand dieses Namens.«

»Sie ist nicht wohl und hat sich in letzter Zeit sehr verändert.«

»Sie hat sich schon vor vielen Jahren sehr verändert«, versetzte der Geschäftsführer. »Weiter kann ich nichts darüber sagen.«

»Ich glaube, wenn du mich anhören würdest –«

»Warum sollte ich dich anhören, Bruder John?« erwiderte der Geschäftsführer, einen sarkastischen Nachdruck auf die beiden letzten Worte legend und den Kopf in die Höhe werfend, obschon er seine Augen nicht aufschlug. »Ich sage dir, Harriet Carker hat schon vor vielen Jahren ihre Wahl getroffen zwischen ihren beiden Brüdern, Vielleicht bereut sie's, aber sie muß dabei bleiben.«

»Mißverstehe mich nicht. Ich sage nicht, daß sie es bereut. Es wäre schwarzer Undank von mir, wenn ich etwas der Art andeuten wollte«, erwiderte der andere. »Aber glaube mir, James, ihr Opfer tut mir ebenso leid wie dir.«

»Wie mir?« rief der Geschäfteführer. »Wie mir?«

»Ich beklage ihre Wahl – das, was du ihre Wahl nennst – da du darüber zürnst«, sagte der Junior.

»Zürne?« entgegnete der andere und zeigte dabei seine weißen Zähne.

»Oder mißvergnügt bist – wie du willst. Du weißt, was ich sagen will. Es lag nichts Beleidigendes in meiner Absicht.«

»In allem, was du tust, liegt Beleidigung«, erwiderte der Bruder, plötzlich finster nach ihm hinschauend, obschon unmittelbar darauf ein noch weiteres Lächeln folgte, als das letzte. »Sei so gut, diese Papiere fortzunehmen. Ich habe zu tun.«

Seine Höflichkeit war um so viel schneidender als sein Zorn, daß sich der Junior nach der Tür begab. Dort aber machte er noch einmal halt, sah sich um und sagte:

»Als Harriet es vergeblich versuchte, bei deinem ersten gerechten Unwillen und meiner ersten Schmach ein Fürwort für mich einzulegen – als sie dich verließ, James, um meinem Unglück zu folgen und sich in mißverstandener Liebe einem zugrunde gerichteten Bruder zu weihen, weil er ohne sie niemand hatte und verloren gewesen wäre, war sie jung und hübsch. Ich meine, ich könne sie jetzt noch sehen. Wenn du sie besuchen wolltest, so würde sie deine Bewunderung und dein Mitleid erregen.«

Der Geschäftsführer senkte den Kopf und zeigte seine Zähne, als wolle er als Antwort auf ein unbedeutendes Gerede sagen: »Ach, Himmel, ist's möglich?« aber es kam keine Silbe über seine Lippen.

»Du und ich, wir beide dachten damals, sie werde jung heiraten und ein glückliches frohes Leben führen können«, fuhr der andere fort. »O, wenn du wüßtest, wie freudig sie auf alle diese Hoffnungen verzichtete, wie getrost sie auf dem gewählten Pfade fortging, ohne auch nur ein einziges Mal zurückzuschauen, so könntest du nicht wieder sagen, ihr Name sei fremd in deinen Ohren. Nein, gewiß nicht!«

Wieder senkte der Geschäftsführer den Kopf, zeigte seine Zähne und schien zu sagen: »In der Tat merkwürdig! Du setzt mich in Erstaunen!« Doch abermals verlautete kein Wort.

»Darf ich weitergehen?« fragte John Carker mild.

»Auf deinem Wege?« versetzte der Bruder lächelnd. »Wenn du die Güte haben willst.«

John Carker war im Begriffe, mit einem Seufzer langsam durch die Tür zu schreiten, als ihn die Stimme seines Bruders noch auf der Schwelle zurückhielt.

»Wenn sie so freudig ihren Weg gegangen ist und noch geht«, sagte er, den noch immer ungeöffneten Brief auf das Pult werfend und die Hände fest in seine Taschen steckend, »so kannst du ihr sagen, daß ich ebenso wohlgemut den meinigen verfolge. Hat sie auch nicht ein einziges Mal zurückgeschaut, so magst du ihr bedeuten, ich habe das bisweilen getan, um mir ins Gedächtnis zurückzurufen, wie sie für dich Partei nahm. Meine Entschlüsse sind so fest« – er lächelte jetzt sehr süß – »wie Marmor.«

»Ich sage ihr nichts von dir. Wir sprechen nie von dir. Einmal im Jahr, an deinem Geburtstag, versäumt Harriet nicht, zu sagen: ›Wir wollen uns des Namens James erinnern und ihm Glück wünschen.‹ Weiter reden wir nicht.«

»So sag' es meinetwegen dir selbst«, erwiderte der andere. »Du kannst es dir nicht oft genug wiederholen, als eine Lehre, den fraglichen Gegenstand gegen mich nie zu berühren. Ich kenne keine Harriet Carker. Für mich gibt es keine solche Person, Du magst eine Schwester haben; mache aus ihr, was du willst. Ich habe keine.«

Mr. Carker, der Geschäftsführer, nahm den Brief wieder auf und winkte mit einem Lächeln höhnischer Höflichkeit nach der Tür hin. Der Junior entfernte sich, und er sah ihm eine Weile finster nach; dann drehte er sich wieder in seinem Lehnstuhl, öffnete den Brief und las aufmerksam dessen Inhalt.

Die Handschrift war die seines großen Prinzipals Mr. Dombey und der Brief von Leamington aus datiert. Obschon Mr. Carker mit allen andern Briefen sehr schnell fertig war, las er diesen doch sehr langsam; er erwog jedes Wort, und alle seine Zähne wirkten dabei aufmerksam mit. Nachdem er damit fertig war, fing er wieder von vorn an und beachtete namentlich folgende Stellen: ›Die Veränderung bekommt mir gut, und ich kann noch keine Zeit für meine Rückkehr bestimmen.‹ ›Ich wünsche, Carker, Ihr möchtet es so einrichten, daß Ihr mich einmal hier besucht und mich persönlich über den Geschäftsgang unterrichtet.‹ ›Ich habe vergessen, mit Euch über den jungen Gay zu sprechen. Wenn er noch nicht mit dem Sohn und Erben abgereist ist oder der Sohn und Erbe noch im Dock liegt, so gebt den Auftrag einem andern jungen Menschen und behaltet ihn vorderhand noch in der City. Ich bin noch unschlüssig.‹ »Schade!« sagte Mr. Carker, der Geschäftsführer, und erweiterte seinen Mund, als wäre er aus Gummi-Elastikum, »denn er ist schon weit weg.«

Gleichwohl fesselte diese Stelle, die in der Nachschrift vorkam, noch einmal seine Aufmerksamkeit und seine Zähne.

»Ich glaube«, sagte er, »mein guter Freund, Kapitän Cuttle, erwähnte etwas vom Fortgetautwerden im Kielwasser jenes Tages. Wie schade, daß er so weit weg ist!«

Er legte das Schreiben wieder zusammen, spielte damit, stellte es der Länge und der Breite nach auf den Tisch und drehte es über und über nach allen Seiten – vielleicht mit seinem Inhalt so ziemlich das gleiche vornehmend. Während er noch in diesem Geschäft begriffen war, klopfte Mr. Perch, der Bote, leise an die Tür, kam auf den Zehenspitzen herein, beugte seinen Körper bei jedem Schritt, als ob Verbeugungen die Wonne seines Lebens seien, und legte einige Papiere auf den Tisch.

»Beliebt es Euch, beschäftigt zu sein, Sir?« fragte Mr. Perch, die Hände reibend und ehrerbietig den Kopf auf die eine Seite neigend, wie ein Mann, der fühlt, daß er nicht befugt sei, denselben in einer solchen Gegenwart aufrechtzuhalten, und ihn deshalb so viel als möglich aus dem Weg schaffen möchte.

»Wer will etwas von mir?«

»Ei, Sir«, versetzte Mr. Perch mit sehr sanfter Stimme, »in der Tat niemand, Sir, bei dem sich's sonderlich der Mühe verlohnte. Mr. Gills, der Schiffs-Instrumentenmacher, Sir, hat vorgesprochen – wegen einer kleinen Zahlung, wie er sagt; aber ich deutete ihm an, Sir, daß Ihr sehr beschäftigt seid.«

Mr. Perch hustete einmal hinter seiner Hand und wartete auf weitere Befehle.

»Sonst niemand?«

»Ich möchte mir nicht die Freiheit nehmen, Sir«, entgegnete Mr. Perch, »zu erwähnen, daß sonst jemand da gewesen sei; aber der gleiche junge Bursche, der gestern und die letzte Woche hier war, Sir, ist um den Platz herum geschlendert, und es sieht schrecklich ungeschäftsmäßig aus, Sir«, fügte Mr. Perch bei, indem er innehielt, um die Tür zu schließen, »wenn man so mitanschauen muß, wie er den Sperlingen im Hof drunten pfeift und sie veranlaßt, ihm zu antworten.«

»Ihr sagtet, er wünsche Beschäftigung – ist's nicht so, Perch?« fragte Mr. Carker, indem er sich in seinen Stuhl zurücklehnte und den Boten ansah.

»Ei, Sir«, versetzte Mr. Perch, abermals hinter seiner Hand hustend, »er sprach allerdings davon, daß es ihm an Arbeit fehle und er meine, man könne ihm etwas an den Docks zu tun geben, weil er sich auf das Fischen mit der Rute und Leine verstehe: aber –«

Mr. Perch schüttelte sehr bedenklich den Kopf.

»Was sagt er, wenn er kommt?« fragte Mr. Carker.

»Ja, Sir«, entgegnete Mr. Perch mit einem weiteren Husten hinter seiner Hand – seiner gewöhnlichen Zuflucht als einer Demutsäußerung, wenn ihm nichts anderes einfiel – »seine Bemerkung ist in der Regel, daß er untertänigst einen von den Gentlemen zu sehen wünschte, und daß er gerne etwas verdienen möchte. Aber Ihr seht, Sir«, fügte Perch hinzu, indem er seine Stimme zu einem Flüstern ermäßigte und in der Unverletzlichkeit seines Vertrauens sich umwandte, um mit Hand und Knie der Tür einen Stoß zu geben, als ob dann das bereits Geschlossene noch fester schließe, »es ist kaum zu verwinden, daß ein gemeiner Bursche, wie dieser da, spionierend hierher kommt und behauptet, seine Mutter sei die Amme von unseres Hauses jungem Gentleman gewesen, und daß er von unserem Hause hoffe, man werde ihm darum eine Anstellung geben. Gewiß und wahrhaftig«, bemerkte Mr. Perch, »obgleich meine Frau damals ein so kleines Mädchen nährte, als wir nur je mit einem unsere Familie zu vermehren so frei waren, so würde ich mir doch nicht erlaubt haben, eine Bemerkung fallen zu lassen, daß sie fähig sei, Nahrung abzutreten – nein, und wenn's zehnmal mehr gewesen wäre!«

Mr. Carker grinste nach ihm hin wie ein Haifisch, aber mit einer zerstreuten, gedankenvollen Miene.

»Ob es nicht wohl das beste wäre«, deutete Mr. Perch nach einem kurzen Schweigen und einem weiteren Husten an, »wenn ich ihm sagte, daß man ihn einsperren lasse, falls er sich wieder hier sehen lasse? Was leibliche Frucht betrifft«, fügte er bei, »so bin ich von Natur aus selbst so schüchtern, Sir, und meine Nerven sind durch Mistreß Perchs Zustand so abgespannt, daß ich's leicht auf mein Gewissen nehmen könnte.«

»Laßt mich diesen Burschen sehen, Perch«, sagte Mr. Carker. »Bringt ihn herein.«

»Ja, Sir. Aber ich bitt' um Verzeihung, Sir«, sagte Mr. Perch, indem er an der Tür zögernd stehenblieb – »er ist grob von Aussehen.«

»Gleichwohl. Wenn er da ist, so soll er hereinkommen. Ich will nachher mit Mr. Gills sprechen. Heißt ihn warten!«

Mr. Perch verbeugte sich, schloß die Tür so genau und sorgfältig, als gedenke er, eine Woche auszubleiben, und ging, um die gewünschte Person unter den Sperlingen des Hofs aufzusuchen. Während seiner Abwesenheit nahm Mr. Carker seine Lieblingsstellung vor dem Kamin ein und schaute nach der Tür hin, so daß er, die untere Lippe zu einem Lächeln verzogen, das die ganze obere Zahnreihe zeigte, ein eigentümlich lauerndes Aussehen gewann.

Der Bote ließ nicht lange auf sich warten, und ihm folgten ein Paar schwere Stiefel, die gleich Koffern den Gang entlang polterten. Mit den unzeremoniösen Worten: »Nur herein mit Euch!« – eine sehr ungewöhnliche Einführungsformel von seinen Lippen – brachte nun Mr. Perch einen kräftig gebauten Knaben von Fünfzehn, mit rundem, rotem Gesicht, rundem, glattem Kopf, runden, schwarzen Augen, runden Gliedern und rundem Leib, der außer der allgemeinen Rundung seines Äußeren einen völlig krempenlosen, runden Hut in der Hand trug, zur Tür herein.

Auf einen Wink von Mr. Carker hatte Perch kaum den Burschen vorgestellt, als er sich wieder entfernte. Sobald die beiden sich allein gegenüber standen, faßte Mr. Carker ohne ein Wort der Einleitung denselben bei der Kehle und schüttelte ihn, bis ihm der Kopf von den Schultern zu fallen schien.

Der Knabe konnte sich trotzdem seines Erstaunens nicht erwehren, den Gentleman mit seinen vielen weißen Zähnen, der ihn würgte, und die Bureauwände wild anzuglotzen, als sei er entschlossen, wenn es ihm wirklich ans Leben gehe, so solle doch sein letzter Blick noch den Geheimnissen gewidmet sein, für deren aufdringliche Erspähung er so schwere Strafe erleiden sollte. Endlich brachte er die Worte hervor:

»Ei, Sir, so laßt mich doch los!«

»Dich loslassen!« rief Mr. Carker. »Wie! Ich habe dich jetzt einmal – he?« Ohne Zweifel war dies der Fall, und zwar recht fest. »Du Hund«, fügte Mr. Carker, durch die geschlossenen Kiefer sprechend, bei, »ich will dich erdrosseln!«

Die unverhoffte Art dieses Empfangs schlug den Mut Sieders, der sich doch sonst auch aufs Raufen verstand, völlig nieder, und als sein Kopf endlich stationär wurde und er dem Gentleman ins Gesicht oder vielmehr in die Zähne sah, die nach ihm hinkläfften, so vergaß er endlich seine Mannheit so weit, daß er zu heulen begann.

»Ich habe Euch ja nichts getan, Sir«, sagte Sieder, sonst auch Rob oder Schleifer und stets Toodle.

»Du junger Halunke!« entgegnete Mr. Carker, indem er ihn langsam losließ und rücklings wieder in seine Lieblingsstellung zurücktrat, »was soll das heißen, daß du dich unterstehst hierherzukommen?«

»Ich habe nichts Unrechtes damit gemeint, Sir«, winselte Rob, indem er die eine Hand an den Hals und die Knöchel der andern an seine Augen legte. »Ich will nie wiederkommen, Sir. Ich wollte nur Arbeit.«

»Arbeit, du junger Kain?« wiederholte Mr. Carker, ihn scharf ansehend. »Bist du nicht der faulste Tagedieb in London?«

Die Beschuldigung war zwar sehr kränkend für Mr. Toodle junior, paßte aber so gut auf seinen Charakter, daß er kein Wort der Widerrede vorzubringen wußte; er sah daher den Gentleman mit erschreckter, selbstanklagender und reuevoller Miene an. Wir müssen bemerken, daß Mr. Carkers Anblick so schreckhaft auf ihn wirkte, daß er seine runden Augen keinen Moment von ihm wandte.

»Bist du nicht ein Dieb?« sagte Mr. Carker, dessen Hände in den Hosentaschen staken.

»Nein, Sir«, entgegnete Rob.

»Ja!« sagte Mr. Carker.

»Nein, gewiß nicht, Sir«, sagte Rob schüchtern. »Ihr dürft mir's glauben, daß ich in meinem Leben nicht gestohlen habe, Sir. Ich weiß zwar, daß ich auf unrechten Wegen ging, Sir, seit ich das Vogelfangen und Wettlaufen anfing. Ein junger Bursch kann freilich denken«, fügte Mr. Toodle junior, mit einem Reueausbruch bei, »daß singende Vögel eine unschuldige Gesellschaft sind; aber niemand weiß, welches Unheil in den kleinen Geschöpfen steckt und wie sie einen herunterbringen können.«

Ihn schienen sie bis auf eine Velpeljacke, sehr abgetragene Hosen, eine besonders kleine rote Weste, die schon einem Brustlätzchen glich, ein darunter hervorsehendes blau kariertes Hemd und auf den erwähnten Hut heruntergebracht zu haben.

»Ich bin nicht zwanzigmal nach Hause gekommen, seit mir's die Vögel angetan hatten«, sagte Rob, »und das ist jetzt zehn Monate her. Wie kann ich auch in die Heimat gehen, wo alles sich unglücklich fühlt, wenn es mich zu Gesicht kriegt! Ich wundere mich nur«, fuhr Sieder mit einem lauten Weinen fort, indem er sich die Augen mit dem Rockärmel beschmierte, »daß ich mir nicht schon lange das Leben genommen habe!«

Alles das, samt der erstaunten Äußerung, daß das letztere seltene Kunststück nicht gelungen war, sprach der Knabe so, als zögen es Mr. Carkers Zähne aus ihm heraus, und als liege es nicht in seiner Macht, irgend etwas zu verhehlen, solange diese Anziehungsbatterie in voller Tätigkeit war.

»Du bist mir ein sauberes Früchtlein!« sagte Mr. Carker, den Kopf gegen ihn schüttelnd. »Für dich ist Hanf gesät, du feiner Patron!«

»Jawohl, Sir«, erwiderte der unglückliche Sieder, abermals heulend und aufs neue seine Zuflucht zu dem Rockärmel nehmend, »und bisweilen würde ich mich auch nicht darum kümmern, wenn er schon aufgegangen wäre. Mein ganzes Unglück hat mit dem Schwänzen angefangen, Sir; aber was konnte ich auch anderes tun, als schwänzen?«

»Als was?« fragte Mr. Carker.

»Schwänzen, Sir. Die Schule schwänzen.«

»Willst du damit sagen, du habest getan, als gehest du hin, obschon du es unterließest?« fragte Mr. Carker.

»Ja, Sir – das ist schwänzen, Sir«, erwiderte der vormalige Schleifer sehr gedrückt. »Wenn ich hinging, wurde ich durch die Straßen verfolgt, Sir, und war ich dort, so bekam ich Schläge. Deshalb schwänzte ich und verbarg mich irgendwo – und so fing die Sache an.«

»Und du willst mir sagen«, erwiderte Mr. Carker, indem er ihn wieder an die Kehle packte, auf Armeslänge vor sich hinhielt und eine Weile schweigend betrachtete, »daß du einen Platz wünschest?«

»Ich würde es dankbar annehmen, wenn man es mit mir versuchen wollte, Sir«, entgegnete Toodle junior in ersticktem Tone.

Mr. Carker, der Geschäftsführer, drückte ihn rücklings in eine Ecke – der Knabe ließ sich's ruhig gefallen und wagte kaum zu atmen, ja nicht einmal ein Auge abzuwenden vom Gesicht des Gentleman – und zog die Klingel.

»Sagt Mr. Gills, er solle herkommen.«

Mr. Perch war zu ehrerbietig, um über die Gestalt in der Ecke ein Merkmal der Überraschung oder des Erkennens auszudrücken, und unmittelbar darauf trat Onkel Sol ein.

»Nehmt Platz, Mr. Gills«, sagte Carker mit einem Lächeln. »Wie geht es Euch? Ich hoffe, Ihr erfreut Euch einer guten Gesundheit.«

»Danke, Sir«, versetzte Onkel Sol, sein Taschenbuch herausnehmend und einige Banknoten überreichend. »Meinen Körper belästigt nichts als das Alter. Fünfundzwanzig, Sir.«

»Ihr seid so pünktlich, Mr. Gills, wie einer von Euren Chronometern«, entgegnete der lächelnde Geschäftsführer und nahm aus einem seiner vielen Schubfächer ein Papier heraus, auf dessen Hinterseite er eine Bemerkung verzeichnete, während Onkel Sol ihm über die Schulter zusah. »Ganz richtig.«

»Ich lese in den Seeberichten, Sir, daß der Sohn und Erbe nicht angetroffen worden ist, Sir«, sagte Onkel Sol mit einiger Erhöhung des gewöhnlichen Zitterns in seiner Stimme.

»Dem Sohn und Erben ist keiner begegnet«, versetzte Carker. »Er scheint stürmisches Wetter gehabt zu haben, Mr. Gills, und wurde wahrscheinlich von seinem Kurse abgetrieben.«

»Gebe Gott, daß er in Sicherheit ist«, sagte der alte Sol.

»Ja, gebe es der Himmel!« pflichtete Mr. Carker in jener stimmlosen Art bei, die den aufmerksamen jungen Toodle wieder zittern machte. »Mr. Gills«, fuhr er laut fort, indem er sich in seinen Stuhl zurückwarf, »Ihr werdet wohl Euren Neffen sehr vermissen.«

Onkel Sol, der an seiner Seite stand, nickte mit dem Kopf und seufzte tief auf.

»Mr. Gills«, sagte Carker, seine weiche Hand um den Mund spielen lassend und dem Instrumentenmacher ins Gesicht sehend, »es wäre doch kurzweiliger für Euch, wenn Ihr jetzt einen jungen Menschen in Eurem Laden hättet, und ich würde es als Gefälligkeit ansehen, wenn Ihr vorderhand einem solchen Quartier geben wolltet. Nein, ich weiß natürlich wohl«, fügte er hastig bei, um dem, was der alte Mann sagen wollte zuvorzukommen, »daß es bei Euch nicht viel zu tun gibt; aber Ihr könnt ihn das Haus fegen, die Instrumente polieren und sonstige geringe Arbeit verrichten lassen, Mr. Gills. Der dort ist der Junge!«

Sol Gills drückte die Brille von der Stirne nach den Augen nieder und betrachtete Toodle junior, der aufrecht in der Ecke stand. Sein Kopf sah, wie es gewöhnlich der Fall war, aus, als sei er frisch aus einem Eimer kalten Wassers gezogen worden, seine kleine Weste hob sich und fiel rasch unter dem Spiel der inneren Erregungen, und seine Augen hafteten unausgesetzt auf Mr. Carker, ohne die mindeste Berücksichtigung des ihm vorgeschlagenen Dienstherrn.

»Wollt Ihr ihm Quartier geben, Mr. Gills?« fragte der Geschäftsführer.

Ohne gerade in Begeisterung zu geraten, erwiderte der alte Sol, er freue sich über jede Gelegenheit, wie gering sie auch sein möge, Mr. Carker einen Gefallen zu erweisen, da ihm dessen Wunsch in einer solchen Sache Befehl sei; der hölzerne Midshipman werde sich glücklich schätzen, einen Gast, den Mr. Carker auserlesen, in sein Berth aufzunehmen.

Mr. Carkers ganzes Zahnfleisch wurde sichtbar, so daß der achtsame Toodle junior nur noch mehr zitterte. Der Geschäftsführer dankte dem Instrumentenmacher für seine Höflichkeit freundlichst.

»Ich will ihn also bei Euch unterbringen, Mr. Gills«, sagte er, indem er aufstand und den alten Mann bei der Hand nahm, »bis ich mich entschlossen habe, was ich mit ihm anfangen will und was er verdient. Da ich durch meine Empfehlung eine Verantwortlichkeit für ihn übernehme, Mr. Gills«, er warf jetzt Rob ein so weites Lächeln zu, daß dieser am ganzen Leibe bebte, »so wird es mir lieb sein, wenn Ihr ihm scharf auf die Nähte geht und über sein Betragen mir Bericht erstattet. Diesen Nachmittag will ich auf meinem Heimwege seinen Eltern, die achtbare Leute sind, einige Fragen vorlegen und über einige Einzelheiten seiner eigenen Angaben weitere Auskunft einholen. Ist das geschehen, Mr, Gills, so will ich ihn morgen früh zu Euch schicken. Gott befohlen!«

Sein Abschiedslächeln war so voll von Zähnen, daß der alte Sol ganz verwirrt wurde und sich nicht recht behaglich dabei fühlte. Er ging jedoch nach Hause und dachte unterwegs an tobende Wellen, scheiternde Schiffe, ertrinkende Menschen, an eine alte Flasche Madeira, die vielleicht nie ans Licht kam, und an andere unheimliche Dinge.

»Jetzt, Bursche«, sagte Mr. Carker, indem er den jungen Toodle an die Schulter faßte und in die Mitte des Zimmers zog – »hast du mich verstanden?«

»Ja, Sir«, lautete Robs Antwort.

»Du begreifst nun vielleicht«, fuhr sein Gönner fort, »daß du, statt hierher zu kommen, in der Tat besser getan hättest, ins Wasser zu springen, wenn es dir je einfallen sollte, mich zu täuschen oder mir irgendeinen Streich zu spielen.«

Nichts schien Rob klarer zu sein als das.

»Würdest du mich einmal belogen haben, so komm mir nie wieder in den Weg«, sagte Mr. Carker. »Wenn nicht, so warte heute nachmittag in der Nähe des Hauses deiner Mutter auf mich. Ich reite um fünf Uhr von hier weg. Gib mir die Adresse.«

Rob nannte langsam Straße und Hausnummer, die Mr. Carker aufschrieb; auch buchstabierte sie Rob noch einmal durch, als glaube er, das Auslassen eines Striches oder eines Tüpfelchens könnte ihn zugrunde richten. Mr. Perch führte ihn dann zur Tür hinaus, und Rob, der bis zum letzten Moment seine runden Augen nicht von seinem Gönner gewandt hatte, verschwand für eine Weile.

Mr. Carker hatte im Laufe des Tages noch sehr viel zu tun und zeigte verschiedenen Leuten seine Zähne. Im Bureau, im Hof, auf der Straße und auf der Börse glänzten und starrten sie in ihrer ganzen Fülle. Punkt fünf Uhr langte Mr. Carkers Fuchs an. Der Geschäftsführer saß auf und schlug den Weg nach Cheapside ein.

Da um diese Stunde niemand, selbst wenn er Lust dazu hat, leicht schnell durch das Gedränge der City reiten kann, so ließ Mr. Carker sein Tier zwischen den Karren und Wagen hindurch gemächlich im Schritt gehen. Er mied dabei, wo es immer auch war, die feuchten, schmutzigen Plätze der Straße und gab sich ungemein viel Mühe, sich selbst und sein Roß reinzuhalten. Während er so weiterritt und die Vorübergehenden betrachtete, fiel sein Blick plötzlich auf die runden Augen des glattköpfigen Rob, die so fest auf seinem Gesichte hafteten, als hätten sie sich nie von demselben losgelöst, während der Knabe selbst ein Taschentuch, zusammengedreht wie ein gefleckter Aal, um den Leib geknüpft trug und sich augenscheinlich anschickte, seinen Beschützer zu begleiten, mochte dieser nun im Schritt, Trab oder Galopp gehen.

Diese schmeichelhafte Aufmerksamkeit war von so ungewöhnlicher Art und fesselte auch die Aufmerksamkeit der Passanten so, daß Mr. Carker bei erster Gelegenheit eine saubere Straße benutzte und sein Tier zu traben anfangen ließ. Rob tat augenblicklich dasselbe. Mr. Carker ließ sein Roß schärfer ausgreifen, aber Rob verhielt sich auch hier nicht flau. Dann kam ein kurzer Galopp – auch das brachte den Jungen nicht in Verlegenheit. So oft Mr. Carker seine Blicke nach der Wegseite hinüber richtete, sah er Toodle junior stets mit ihm gleichen Schritt halten, ohne daß es denselben anzufechten schien; denn Rob arbeitete sich nach der erprobtesten Weise der Wettläufer mit dem Ellenbogen vorwärts.

Wie lächerlich sich diese Begleitung auch ausnehmen mochte, war sie doch ein Zeichen des über den Knaben gewonnenen Einflusses, und Mr. Carker ritt, wenn er schon nicht dergleichen tat, als ob er darauf achte, in die Gegend von Mr. Toodles Haus. Dort ließ er sein Tier langsamer schreiten, und Rob ging voraus, um ihm den Weg durch die Straßen anzudeuten. Als endlich Mr. Carker einen an einem benachbarten Tore stehenden Mann herbeirief, der während seines Besuches in den Gebäuden, die an die Stelle von Staggs Gärten getreten waren, das Roß in Verwahrung nehmen sollte, hielt Rob dem absteigenden Geschäftsführer dienstfertig den Steigbügel.

»Nun, Bürschlein«, sagte Mr. Carker, indem er ihn bei der Schulter faßte, »komm mit!«

Dem verlorenen Sohne war es wahrscheinlich nicht sehr wohl zu Mute beim Besuch der elterlichen Wohnung; da ihn aber Mr. Carker vor sich hinschob, so blieb ihm keine andere Wahl, als die rechte Tür zu öffnen und sich in die Mitte seiner Brüder und Schwestern, die in erstaunlicher Anzahl den Teetisch der Familie umstanden, hineinschieben zu lassen. Beim Anblick des Verlorenen, den ein Fremder am Kamisol hatte, brach die ganze zarte Verwandtschaft in ein allgemeines Geheul aus, das Rob durch seine eigene Stimme verstärken half, sobald er in der Mitte der Familie seiner Mutter ansichtig wurde, die den Jüngsten in den Armen hielt und bei seinem Eintritt blaß und zitternd sich erhob.

Fest überzeugt, der Fremde müsse, wenn er nicht Meister Knüpfauf in Person sei, doch zu dessen Gesellschaft gehören, wehklagte die junge Familie nur um so lauter, während die kindlicheren Mitglieder derselben, die die ihrem Alter eigentümlichen Erregungen nicht zu zügeln vermochten, sich wie junge Vögel, wenn sie durch einen Habicht erschreckt werden, auf den Rücken warfen und ungestüm mit den Füßen zappelten. Endlich gelang es der armen Polly, sich Gehör zu schaffen und mit bebenden Lippen zu sprechen:

»Ach, Rob, mein armer Junge, was hast du getan!«

»Nichts, Mutter«, versetzte Rob mit kläglicher Stimme. »Fragt den Gentleman.«

»Ihr braucht nicht zu erschrecken«, sagte Mr. Carker. »Ich habe etwas Gutes mit ihm vor.«

Bei dieser Ankündigung brach Polly, die bisher nicht geweint hatte, in Tränen aus, und die älteren Toodles, die eine Rettung beabsichtigt hatten, öffneten die geballten Fäuste wieder. Die jüngeren Toodles scharten sich um den Schoß ihrer Mutter und sahen unter ihren eigenen runden Armen nach dem banditenmäßigen Bruder und dessen unbekannten Freunde hin. Alles segnete den Gentleman mit den schönen Zähnen, der in so guter Absicht gekommen war.

»Dieser Bursche ist Euer Sohn«, sagte Mr. Carker zu Polly, indem er Rob leicht rüttelte. »Nicht wahr, Ma'am?«

»Ja, Sir«, schluchzte Polly mit einem Knix. »Ja, Sir.«

»Ich fürchte, ein schlimmer Sohn?« fragte Mr. Carker.

»Nie schlimm gegen mich, Sir«, entgegnete Polly.

»Gegen wen sonst?« fragte Mr. Carker.

»Er ist ein bißchen wild gewesen, Sir«, antwortete Polly, den Jüngsten festhaltend, der mit Armen und Beinen strampelte, um sich durch die Luft auf Sieder niederzulassen, »und ist mit schlimmen Kameraden umgegangen. Aber ich hoffe, er hat seinen Fehler eingesehen, Sir, und wird wieder gut werden.«

Mr. Carker betrachtete Polly, das reinliche Zimmer, die reinlichen Kinder und das einfache Toodle-Gesicht, das, das Bild von Vater und Mutter vereint gebend, sich überall um ihn her reflektierte und wiederholte. Der eigentliche Zweck seines Besuches schien erfüllt zu sein.

»Euer Mann ist wohl nicht zu Hause?« fragte er.

»Nein, Sir«, antwortete Polly. »Er ist mit dem Zug fort.«

Der verlorene Rob schien bei dieser Kunde sich sehr erleichtert zu fühlen, obschon seine Geistesfähigkeiten noch immer von seinem Gönner so in Anspruch genommen waren, daß er seine Augen nicht von dessen Gesicht abwandte, wenn er nicht etwa gelegentlich einen Moment erstahl, um der Mutter einen bekümmerten Blick zuzuwerfen.

»So will ich Euch sagen«, fuhr Mr. Carker fort, »wie mir Euer Junge da in den Wurf kam, wer ich bin und was ich für ihn zu tun beabsichtige.«

Mr. Carker tat das in seiner eigenen Art, indem er sagte, er habe sich anfänglich vorgenommen, namenlose Schrecken auf Robs anmaßendes Haupt zu häufen, weil er es wagte, sich in Dombey und Sohns Bereich zu zeigen; aus Rücksicht auf seine Jugend, seine Reue aber habe sich später sein Herz erweicht. Er fürchte zwar, eine Übereilung zu begehen, wenn er sich für den Knaben interessiere, da er sich dadurch leicht den Tadel anderer Menschen zuziehen könne; er tue es übrigens aus freien Stücken und nehme die Verantwortlichkeit auf sich, denn die frühere Beziehung der Mutter zu Mr. Dombeys Familie und Mr. Dombey selbst habe damit durchaus nichts zu schaffen, so daß er, Mr. Carker, in dieser Sache ganz allein die handelnde Person sei. Nachdem er seine gute Absicht ins beste Licht gestellt und von der ganzen anwesenden Familie den wärmsten Dank entgegengenommen hatte, deutete er zwar mittelbar, aber doch ziemlich deutlich an, daß Robs unbedingte Treue und Anhänglichkeit dessen Pflicht der allergeringste Dank sei, den er erwarten könne. Rob fühlte diese große Wahrheit so tief, daß er, mit über die Backen rollenden Tränen seinen Gönner ansehend, heftig mit dem Kopf nickte, bis er fast so wackelig zu sein schien, wie am Morgen unter den Händen des Gentleman.

Polly, die weiß der Himmel wie viele schlaflose Nächte wegen ihres verirrten Erstgeborenen verbracht und denselben seit Wochen nicht mehr gesehen hatte, fühlte sich so ergriffen, daß sie vor Mr. Carker, dem Geschäftsführer, trotz seiner Zähne, wie vor einem guten Geiste hätte niederknien mögen. Da sich jedoch Mr. Carker zum Gehen erhob, so dankte sie ihm nur mit ihren mütterlichen Gebeten und Segenswünschen – ein reicher Dank, wenn er vom Herzen kommt, ja, überreich für alle Dienstleistungen Mr. Carkers, so daß er wohl hätte einen großen Überschuß herauszahlen dürfen.

Als der Geschäftsführer durch den Kinderschwarm zur Tür ging, eilte Rob auf seine Mutter zu und schloß sie und den Jüngsten in die gleiche reuige Umarmung ein.

»Ich will mir jetzt alle Mühe geben, liebe Mutter. Bei meiner Seele, das will ich!« sagte Rob.

»O, tu' es doch, mein lieber Sohn! Ich bin überzeugt, du wirst Wort halten, um unserer und deiner selbst willen«, erwiderte Polly, die ihn unter Tränen küßte. »Aber du kommst doch wieder zurück, um mir zu erzählen, wenn du den Gentleman begleitet hast?«

»Ich weiß nicht, Mutter«, versetzte Rob zögernd und schaute zu Boden. »Der Vater – wann kommt er nach Hause?«

»Nicht vor morgen früh um zwei Uhr.«

»So will ich kommen, liebe Mutter!« rief Rob.

Und er eilte durch das schrille Geschrei, mit dem seine Brüder und Schwestern dieses Versprechen aufnahmen, um Mr. Carker zu folgen.

»Wie?« fragte Mr. Carker, der das Abschiedsgespräch mitangehört hatte, »du hast wohl einen schlimmen Vater?«

»Nein, Sir«, versetzte Rob erstaunt. »Es gibt auf der ganzen Welt keinen besseren oder liebevolleren Vater, als der meinige ist.«

»Warum weichst du ihm aus?« fragte ihn sein Gönner.

»Es ist ein mächtiger Unterschied zwischen einem Vater und einer Mutter, Sir«, entgegnete Rob nach einigem Stocken. »Er würde mir kaum glauben, daß ich mich wirklich bessern wolle – obschon ich weiß, daß er's gerne tun würde; aber eine Mutter – sie glaubt immer, was gut ist, Sir; wenigstens weiß ich das von meiner Mutter, und Gott möge sie dafür segnen.«

Mr. Carkers Mund öffnete sich zum Sprechen; er schwieg jedoch, bis er sein Pferd bestiegen, und den Mann, der es gehalten, entlassen hatte. Dann schaute er aus seinem Sattel scharf auf das achtsame Gesicht des Knaben nieder und sagte:

»Du kommst morgen früh zu mir. Man wird dir dann sagen, wo der alte Gentleman wohnt, der heute morgen bei mir war. Du hast von mir gehört, daß du zu ihm gehen sollst.«

»Ja, Sir«, versetzte Rob.

»Ich nehme großen Anteil an jenem alten Herrn, und wenn du ihm dienst, dienst du mir – hast du mich verstanden? Schon gut«, fügte er bei, denn er sah das runde Gesicht des Knaben bei dieser Frage zur Antwort erglänzen. »Ich sehe, du verstehst mich. Ich will alles von diesem Gentleman erfahren – wie es ihm von Tag zu Tag ergeht; es ist mir angelegentlich darum zu tun, ihm Dienste zu leisten – und ich muß namentlich wissen, wer ihn besucht. Du begreifst?«

Rob neigte das sich nicht von Mr. Carker abwendende Gesicht und sagte – »Ja, Sir.«

»Es wäre mir lieb, wenn ich hörte, daß er Freunde hat, die ihm Aufmerksamkeit erweisen und mit ihm gut sind – denn der arme Mann lebt jetzt sehr verlassen. Deshalb will ich wissen, wer an ihm und seinem Steffen im Ausland Anteil nimmt. Vielleicht kommt eine sehr junge Lady zu ihm auf Besuch. Namentlich über die möchte ich Auskunft erhalten.«

»Ich will Sorge tragen, Sir«, sagte der Knabe.

»Und nimm dich in acht«, erwiderte der Gönner, indem er sein grinsendes Gesicht dem des Knaben näher brachte und ihn mit dem Handgriff seiner Peitsche auf die Schulter klopfte – »nimm dich in acht, daß du über meine Aufträge mit niemand sprichst, als mit mir.«

»Mit niemand in der Welt, Sir«, entgegnete Rob, mit dem Kopf nickend.

»Weder dort«, fuhr Mr. Carker fort, nach dem Platze hindeutend, den sie eben verlassen hatten, »noch sonst irgendwo. Ich will dich auf die Probe stellen, wie treu und dankbar du sein kannst.«

Nach diesen Worten, die durch das Zeigen der Zähne und die Bewegung des Kopfes ebensogut zu einer Drohung als zu einem Versprechen wurden, wandte er sich von Robs Augen ab, die noch immer auf ihm hafteten, als habe er den Knaben mit Leib und Seele durch einen Zauber gewonnen, und ritt weiter. Er war noch nicht weit gekommen, als er bemerkte, daß sein getreuer Knappe, wie zuvor gegürtet, ihm zur großen Belustigung einiger Zuschauer die frühere Aufmerksamkeit schenkte. Das bewog ihn, sein Tier zu zügeln und Rob Gegenbefehl zu erteilen. Um sich zu überzeugen, daß ihm Gehorsam geleistet wurde, drehte er sich im Sattel und sah dem sich Entfernenden nach. Es war merkwürdig, daß selbst jetzt noch Rob seine Augen nicht ganz von dem Gesichte des Reiters abwenden konnte; denn er drehte noch öfter den Kopf herum, um ihm nachzuschauen, und verwickelte sich dadurch in ein wahres Gewitter von Püffen und Stößen, die er von den auf der Straße Laufenden erhielt, ohne aber daß er in der Verfolgung der einen unabweisbaren Idee etwas davon zu verspüren schien.

Mr. Carker, der Geschäftsführer, ritt mit der ruhigen Miene eines Mannes, der die Angelegenheiten des Tages in befriedigender Weise erledigt hat und deshalb sich im Gemüte behaglich fühlt, im Schritt weiter. So selbstgefällig und freundlich, wie es ein Mensch nur sein kann, summte er auf dem Wege durch die Straßen ein Liedchen vor sich hin. Sein Herz schien vor Freude schneller zu schlagen.

Und im Geiste wärmte sich auch Mr. Carker auf einem Herd. Gemächlich zusammengerollt war er bereit zum Springen, zum Kratzen, zum Zerreißen oder zum Samtpfötchen, je nachdem er Laune hatte oder die Gelegenheit sich darbot. Gab es vielleicht einen Vogel in einem Käfig, der seine Blicke auf sich zog?

»Eine sehr junge Dame!« dachte Mr. Carker während seines Liedchens. »Ja, als ich sie das letztemal sah, war sie ein kleines Kind. Ich erinnere mich, mit schwarzen Augen und Locken, und einem schönen Gesicht – einem sehr schönen Gesicht! Sie ist wahrhaftig hübsch.«

Noch freundlicher, behaglicher, und sein Liedchen vor sich hinsummend, bis seine vielen Zähne dazu vibrierten, trieb Mr. Carker sein Pferd weiter und bog endlich in die schattige Straße ein, wo Mr. Dombeys Haus stand. Er war so geschäftig gewesen, um für schöne Gesichter Gewebe zu stricken und sie mit Maschen zu verdunkeln, daß er kaum daran dachte, das Ende seines Rittes schon erreicht zu haben, und erst als er durch die kalte Perspektive der hohen Häuser hinunter schaute, hielt er einige Schritte vor der Tür rasch sein Pferd an. Um jedoch zu erklären, warum Mr. Carker sein Roß so hurtig zügelte, und was er jetzt mit nicht geringem Erstaunen bemerkte, müssen wir uns eine kleine Abschweifung erlauben.

Sobald Mr. Toots sich aus Blimbers Knechtschaft emanzipiert hatte und in den Besitz eines gewissen Teils seiner irdischen Habe gekommen war, der, wie er während des letzten Halbjahrs seiner Probezeit jeden Abend Mr. Feeder als neue Entdeckung mitzuteilen pflegte, ihm von den Testamentsvollstreckern nicht vorenthalten werden konnte, legte er sich mit großem Fleiß auf die Wissenschaft des Lebens. Von dem edlen Wetteifer beseelt, eine glänzende und ausgezeichnete Laufbahn zu verfolgen, hatte Mr. Toots eine Auswahl von Zimmern möbliert und unter denselben eines mit den Porträts von gewinnenden Rennpferden, die für ihn keine Spur von Interesse hatten, wie auch mit einem Diwan, auf dem es ihm ganz ärmlich zumute wurde, verschönert. In dieser künstlichen Wohnung widmete sich Mr. Toots der Kultur der schönen Künste, die das Dasein verschönern und humanisieren; sein Hauptlehrer darin war ein interessanter Charakter, der Preishahn genannt, der stets in der Schenkstube zum schwarzen Dachs lärmte, im wärmsten Wetter einen weißen Flaus trug, und dreimal wöchentlich für die kleine Entschädigung von zehn Schillingen sechs Pencen per Gang Mr. Toots um die Ohren klopfte.

Der Preishahn, der der eigentliche Apollo von Mr. Toots' Pantheon war, hatte bei ihm einen Marqueur eingeführt, der ihn Billardspielen lehrte, einen Leibgardisten, der Fechtstunden gab, einen Wechselreiter, der im Reiten Unterricht erteilte, einen Gentleman aus Cornwall, von dem im athletischen Fach Nutzen gezogen werden konnte, und zwei oder drei andere Freunde, die in die schönen Künste nicht weniger tief eingeweiht waren. Unter solchen Umständen konnte es kaum fehlen, daß Mr. Toots rasche Fortschritte machte, und er säumte nicht, den Unterricht dieser Lehrer bestens auszunutzen.

Wir wissen nicht, wie es kam, aber während sogar diese Gentlemen noch den Glanz der Neuheit für sich hatten, fühlte sich Mr. Toots, ohne sich dafür einen Grund angeben zu können, nicht ganz wohl und behaglich. Es gab Spreu in seinem Korn, die kein Preishahn herauspicken, und düstere Reisebilder vor seiner Phantasie, die nicht einmal ein Athlet niederzuschlagen vermochte. Nichts schien Mr. Toots so wohl zu bekommen, als wenn er stets Karten an Mr. Dombeys Tür abgeben konnte. Kein Steuereinnehmer in den britischen Domänen – das verbreitetste Gebiet, in dem die Sonne nie untergeht, und unablässig der Steuereinnehmer auf den Beinen ist – war so regelmäßig und beharrlich in seinen Besuchen, wie Mr. Toots.

Mr. Toots ging nie die Treppe hinauf, sondern verrichtete stets dieselbe Zeremonie, für die er sich reich herausputzte, an der Flurtür.

»Ah, guten Morgen«, lautete regelmäßig seine erste Bemerkung gegen den Diener. »Für Mr. Dombey« die zweite, indem er eine Karte abgab – »für Miß Dombey« die nächste, gleichfalls von einer Karte begleitet.

Mr. Toots wandte sich dann um, als ob er gehen wolle; aber der Diener kannte ihn zu gut und wußte, daß er das nicht tun würde.

»O, ich bitte um Verzeihung«, sagte Mr. Toots, als sei ihm plötzlich ein Gedanke gekommen. »Ist die junge Kammerfrau zu Hause?«

Der Diener glaubte es, wußte es aber nicht genau, deshalb zog er an einer aufwärts gehenden Klingel und schaute die Treppe hinauf. Dann pflegte er zu sagen, ja sie sei zu Haus und komme eben herunter. Miß Nipper erschien dann, und der Diener entfernte sich.

»Ah, wie geht es Euch?« fragte dann Mr. Toots stockend, indem er leicht errötete.

Susanna dankte ihm und erwiderte:

»Ganz gut.«

»Was macht Diogenes?« lautete Mr. Toots' zweite Frage.

Er hielt sich in der Tat recht gut. Miß Florence liebte ihn mit jedem Tage mehr. Mr. Toots versäumte nicht, diese Meldung mit einem Ausdruck von Kichern zu begrüßen, ähnlich dem, wenn eine Flasche mit schäumendem Getränk geöffnet wird.

»Miß Florence ist ganz wohl, Sir«, fügte Susanna meistens bei.

»O, es ist nicht von Belang – danke Euch«, lautete dann unabänderlich die Erwiderung des Mr. Toots, der sich alsbald schnell auf die Beine machte.

Nun ist gewiß, daß Mr. Toots eine Art Nebel in seinem Kopf hatte, der ihn zu der Folgerung führte, wenn er im Laufe der Zeit erfolgreich die Hand von Florence anstreben könnte, so dürfte er sich für den glücklichsten Menschen halten. Ferner hat es seine Richtigkeit, daß er auf einem weiten Umwege bis zu diesem Punkt gekommen und hier stehengeblieben war. Sein Herz fühlte sich verwundet und schmolz zusammen; er war verliebt. Einmal des Nachts hatte er in dem verzweifelten Versuch, ein Gedicht auf Florence zu schreiben, bis zum Morgen gesessen und sich damit bis zu Tränen gerührt, obschon er in der Ausführung nie mehr als die Worte zustande brachte: »Für dich, Geliebte«; denn die im voraus niedergeschriebenen sieben andern Anfangsbuchstaben verwirrten den Flug seiner Einbildungskraft dermaßen, daß er keine Silbe weiter zu finden wußte.

Außer der Erfindung jener schlauen und politischen Maßregel, täglich für Mr. Dombey eine Karte abzugeben, wußte Mr. Toots' Gehirn zur Annäherung an den Gegenstand, der seine Gefühle gefangen hielt, nichts zu ersinnen, bis er endlich nach tiefer Erwägung zu der Überzeugung kam, ein wichtiger Schritt vorwärts sei, wenn er sich in Miß Susanna Nippers Gunst einschleiche und sodann dieser Dame einen Wink über den Zustand seines Gemüts gebe.

Einige leichte, scherzhafte Aufmerksamkeiten gegen Miß Nipper schienen ihm das beste Mittel zu sein, um sie für seinen Plan zu gewinnen. Da er jedoch mit sich selber nicht einig werden konnte, so befragte er den Preishahn, ohne jedoch diesen Gentleman ins Vertrauen zu ziehen, indem er ihm bloß andeutete, ein Freund aus Yorkshire habe sich brieflich von ihm (Mr. Toots) eine Auskunft über einen derartigen Fall erbeten. Der Preishahn antwortete, seine Losung sei stets: »Wagen gewinnt«, und meinte noch weiter: »Habt Ihr Euern Mann vor Euch und wißt Ihr, was zu tun ist, so geht hin und tut es.« Mr. Toots meinte, das unterstütze auch seine Meinung von der Sache, und faßte den heldenmütigen Entschluß, am andern Tag Miß Nipper zu küssen.

Tags darauf ließ sich Mr. Toots mit dem größten Wunder der Schneiderkunst versehen, das je von der Bude von Burgeß und Komp. gekommen war, und trat mit dem vorerwähnten Anschlag seinen Weg nach Mr. Dombeys Haus an. Je näher er aber dem Schauplatze des Handelns kam, desto mehr schwand ihm der Mut, und obgleich er schon nachmittags um drei Uhr in der Nähe des Hauses angelangt war, wurde es doch sechs Uhr, bis er an die Tür klopfte.

Alles verlief wie gewöhnlich bis zu dem Abschnitte, wo Susanna sagte, ihre junge Gebieterin sei wohl, und Mr. Toots darauf erwiderte, daß das nicht von Belang sei. Statt aber wie sonst gleich einer Rakete von hinnen zu schießen, blieb Mr. Toots nach dieser Bemerkung zu ihrem großen Erstaunen stehen und kicherte.

»Vielleicht wollt Ihr die Treppe hinaufgehen?« fragte Susanna.

»Ei, ja, ich denke, ich will hineinkommen«, versetzte Mr. Toots«.

Statt jedoch die Treppe hinaufzugehen, stürzte der kühne Toots, sobald die Tür geschlossen war, linkisch auf Susanna zu, umarmte dieses schöne Geschöpf und küßte sie auf die Wange.

»Fort mit Euch!« rief Susanna – »oder ich kratze Euch die Augen aus!«

»Nur noch einen!« sagte Mr. Toots.

»Macht, daß Ihr fort kommt!« entgegnete Susanna, indem sie ihm einen Stoß gab. »Und noch obendrein so unschuldiges Volk, wie Ihr! Wer wird zunächst anfangen! Geht Eurer Wege, Sir!«

Susanna fühlte sich nicht sehr verlegen, denn sie konnte kaum sprechen vor Lachen; aber Diogenes hörte auf der Treppe das Rascheln von Kleidern an der Wand, ein Scharren von Füßen, und bemerkte durch das Geländer, daß gekämpft werde und eine fremde Kriegsmacht im Hause war. Da ihm nun das nicht gefiel, so eilte er zur Rettung herbei und hatte im Nu Mr. Toots bei den Waden.

Susanna kreischte, lachte, öffnete die Haustür und eilte die Treppe hinunter; der kühne Toots stolperte die Straße hinaus, während sich Diogenes an seiner Beinbekleidung festhielt, als seien Burgeß und Komp. Köche, die diesen leckeren Bissen zu einer Festtagslabung für ihn zubereitet hätten. Nachdem der Hund abgeschüttelt war, überkugelte er sich im Staub, stand wieder auf, kreiste um den schwindligen Toots her und schnappte nach ihm. Und all das Getümmel sah Mr. Carker, der in kleiner Entfernung sein Pferd hatte haltmachen lassen, zu seinem großen Erstaunen aus Mr. Dombeys stattlichem Hause herauskommen.

Mr. Carker behielt den unglücklichen Toots noch immer im Auge, während Diogenes hineingerufen und die Tür geschlossen wurde. Der junge Gentleman nahm jetzt seine Zuflucht nach einem nahegelegenen Torweg und verband das zerschlissene Bein seiner Pantalons mit einem kostbaren seidenen Taschentuch, das einen Teil der wertvollen Ausstattung für das heutige Abenteuer gebildet hatte.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, sagte Mr. Carker, mit dem gewinnendsten Lächeln auf ihn zureitend. »Ich hoffe, Ihr habt keinen Schaden genommen.«

»O nein – ich danke Euch«, versetzte Mr. Toots, sein glührotes Gesicht erhebend; »es ist nicht von Belang.«

Mr. Toots hätte, wenn es tunlich gewesen wäre, gar gerne angedeutet, daß der Schaden ihn empfindlich schmerzte.

»Wenn die Zähne des Hundes ins Fleisch gegangen sind, Sir« – begann Carker mit einer Darstellung seiner eigenen –

»Nein, danke Euch«, sagte Mr. Toots. »Es ist alles recht und gut – danke Euch.«

»Ich habe das Vergnügen, Mr. Dombey zu kennen«, bemerkte Carker.

»Wirklich?« entgegnete Toots errötend.

»Und Ihr erlaubt mir vielleicht«, fuhr Mr. Carker fort, indem er den Hut abnahm, »in seiner Abwesenheit für ihn mein Bedauern und meine Verwunderung auszudrücken, wie dieser Unfall möglich gewesen ist.«

Mr. Toots ist über diese Höflichkeit und über den glücklichen Zufall, sich mit einem Freund von Mr. Dombey zu befreunden, so erfreut, daß er sein Kartenfutteral, das er nie zu benutzen versäumt, wo sich eine Gelegenheit dazu bietet, herauszieht und Mr. Carker seinen Namen und seine Adresse gibt. Letzterer erwidert diese Aufmerksamkeit damit, daß er ihm seine eigene gibt, und so trennen sie sich.

Wie Mr. Carker langsam an dem Haus vorbeireitet, nach dem Fenster hinaufblickt und das sinnige Gesicht hinter dem Vorhang, das nach den Kindern herunterschaut, zu erspähen sucht, kommt der rauhe Kopf des Hundes daneben zum Vorschein, und Diogenes bellt und knurrt ohne Rücksicht auf alle Beschwichtigungsversuche ihm von oben nach, als wolle er auf ihn niederspringen und ihn in Stücke zerreißen.

Wohl gesprochen, Di, so nahe deiner Gebieterin! Belle ihm in Ermangelung des anderen nur nach – wieder und wieder mit aufgerichtetem Kopf, funkelnden Augen und geiferndem Rachen. Belle nur zu, wie er dahinschleicht! Du hast eine gute Witterung, Di – fass', fass' die Katze!

 

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