Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Dombey und Sohn - Band 1

Charles Dickens: Dombey und Sohn - Band 1 - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn - Band 1
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071003
modified20180709
projectid02701b8a
Schließen

Navigation:

Einundzwanzigstes Kapitel.

Neue Gesichter.

Blaugesichtiger und glotzender – sozusagen überreifer als je, trat der Major, der manchmal räusperte – nicht aus Bedürfnis, sondern in einer freiwilligen Entladung von Bedeutsamkeit –, Arm in Arm mit Mr. Dombey einen Spaziergang auf der sonnigen Seite des Weges an, seine Backen schwollen dabei über der festanliegenden Halsbinde, seine Beine waren majestätisch gespreizt, und sein großer Kopf wackelte von Seite zu Seite, als wundere er sich in seinem Innern, daß er ein so anziehender Gegenstand sei. Alle paar Schritte begegnete der Major jemand, den er kannte; aber er schüttelte gegen sie nur im Vorbeigehen die Finger und führte Mr. Dombey weiter, ihm schöne Orte zeigend und die Zeit mit Geschichten kürzend, die sich an dieselben knüpften.

Mit vieler Behaglichkeit waren der Major und Mr. Dombey eine Weile in dieser Weise, die Arme eingehenkelt, umhergegangen, als sie einen Fahrstuhl auf sich zukommen sahen, in dem eine Dame saß. Letztere lenkte nachlässig ihr Fuhrwerk durch eine Art Steuer, das vorn angebracht war, während von hinten eine unsichtbare Gewalt die Bewegung veranlaßte. Obgleich die Dame nicht jung war, hatte sie doch ein sehr blühendes, eigentlich rosiges Gesicht, während ihr Anzug und ihre Haltung völlig jugendlich sich ausnahmen. Neben dem Stuhle ging, mit stolzer, erschöpfter Miene einen seidenen Sonnenschirm tragend, als ob eine so schwere Anstrengung bald aufgegeben und das Schirmchen weggeworfen werden müsse, eine viel jüngere Dame von großer Schönheit und hochtragender, eigensinniger Bewegung, die den Kopf in die Höhe warf und ihre Augenlider senkte, als wäre es sicherlich nicht die Erde oder der Himmel, wenn es überhaupt in der ganzen Welt außer dem Spiegel etwas gab, das Betrachtung verdiente.

»Ha, wen zum Teufel haben wir da, Sir!« rief der Major, beim Herannahen der kleinen Lokomotive haltmachend.

»Meine liebe Edith«, sprach in singendem Tone die Dame in dem Fahrstuhl, »Major Bagstock!«

Der Major hatte nicht so bald die Stimme gehört, als er Mr. Dombeys Arm losließ, vorwärts stürzte, die Hand der Dame in dem Fahrstuhl ergriff und sie an seine Lippen drückte. Mit nicht geringer vornehmer Bewegung faltete er seine beiden Handschuhe auf der Brust und verbeugte sich tief gegen die andere Dame. Als jetzt der Stuhl haltmachte, wurde die bewegende Kraft in der Gestalt eines hinten nachschiebenden glutroten Pagen sichtbar, der seine Kraft teils durch das Wachsen, teils durch die Anstrengung erschöpft zu haben schien; denn wenn er aufrecht dastand, war er ein langer, spindeldürrer Junge, dessen Zustand um so verkümmerter zu sein schien, weil er die Form seines Hutes ziemlich benachteiligt hatte, indem er die Lokomotive mit dem Kopf vorwärts zu drängen pflegte, wie solches in Ostindien bisweilen bei den Elefanten der Fall ist.

»Joe Bagstock ist ein stolzer und glücklicher Mann für den Rest seines Lebens«, sagte der Major zu den beiden Damen.

»Ihr falscher Mann«, sagte die alte Dame in dem Stuhle geziert. »Wo kommt Ihr her? Ich kann Euch nicht ausstehen.«

»Dann erlaubt dem alten Joe, als Grund, um geduldet zu werden, einen Freund vorzustellen, Ma'am«, entgegnete der Major, ohne sich irremachen zu lassen: »Mr. Dombey, Mrs. Skewton.« Die Dame in dem Stuhl benahm sich sehr gnädig. »Mr. Dombey, Mrs. Granger.« Die Dame mit dem Sonnenschirm schien kaum zu bemerken, daß Mr. Dombey den Hut abnahm und sich tief verbeugte. »Ich bin entzückt, Sir«, sagte der Major, »diese Gelegenheit zu haben.«

Es schien dem Major Ernst zu sein, denn er schaute sie alle an und schielte dabei in seiner häßlichen Art.

»Mrs. Skewton, Dombey«, sagte der Major, »richtet eigentlich eine Verheerung an in dem Herzen des alten Joes.«

Mr. Dombey deutete an, daß er sich darüber nicht wundere.

»Ihr treuloser Schelm«, sagte die Dame in dem Stuhl, »damit ist's vorbei. Wie lange seid Ihr schon hier, böser Mann?«

»Einen Tag«, versetzte der Major.

»Und könnt Ihr nur einen Tag«, erwiderte die Dame, ihre falschen Locken und Augenbrauen leicht fächernd und dabei ihre falschen Zähne als Folie zu der Schminke zeigend – »oder auch nur eine Minute in dem Garten von – wie nennt man's doch –«

»Vermutlich Eden, Mama«, unterbrach sie die jüngere Dame leichthin.

»Meine liebe Edith«, sagte die andere, »ich kann mir nicht helfen: diese schrecklichen Namen entfallen mir stets – von Eden Euch aufgehalten haben, ohne daß Eure ganze Seele und Euer Wesen begeistert sind von dem Anblick der Natur – von dem Wohlgeruch«, fügte Mrs. Skewton bei, indem sie ihr von Parfümerien getränktes Tuch schwenkte – »ihres unverfälschten Atems, Ihr böser Mensch?«

Der Widerstreit der frischen Begeisterung in Mrs. Skewtons Worten und ihrem hoffnungslos verblichenen Wesen war kaum weniger bemerkbar als der zwischen ihrem Alter, das vielleicht siebzig betragen mochte, und ihrem Anzug, der für eine Zwanzigjährige gepaßt haben würde. Ihre stets gleichbleibende Haltung in dem Fahrstuhl war so, wie sie etwa fünfzig Jahre früher von einem damals fashionablen Künstler, der seiner veröffentlichten Skizze den Namen Kleopatra beifügte, in einer Barutsche aufgenommen worden war; denn die Kritiker jener Zeit hatten die Entdeckung gemacht, das Porträt habe eine auffallende Ähnlichkeit mit dem jener Fürstin, wie sie an Bord ihrer Galeere zurückgelehnt saß. Mrs. Skewton war damals eine Schönheit, und die Wildfänge warfen sich ihr zu Ehren Weingläser dem Dutzend nach über die Köpfe. Die Schönheit und die Barutsche waren dahin; aber die Haltung behielt sie noch immer bei, und eben deshalb mußten auch der Fahrstuhl und der schiebende Page Dienste tun, da nur die Attitüde sie bewog, sich nicht ihrer Füße zu bedienen.

»Ich hoffe, Mr. Dombey ist ein Freund der Natur?« sagte Mrs. Skewton, an ihrer Diamantennadel rückend. Wir müssen hier beiläufig bemerken, daß sie hauptsächlich von dem Ruf einiger Diamanten und ihrer Familienverbindungen lebte.

»Mein Freund Dombey, Ma'am«, versetzte der Major, »ist ihr vielleicht im stillen zugetan; aber ein Mann, der so hoch steht in der größten Stadt des Universums –«

»Mr. Dombeys umfassender Einfluß kann niemand fremd sein«, sagte Mrs. Skewton.

Während Mr. Dombey dieses Kompliment mit einem Kopfnicken anerkannte, blickte die jüngere Dame nach ihm hin und begegnete seinen Augen.

»Ihr wohnt hier, Madam?« sagte Mr. Dombey, sie anredend.

»Nein, wir sind an vielen Orten herumgekommen. In Harrowgate, in Scarborough und in Devonshire. Wir machten Besuche und hielten uns hier und dort auf. Mama liebt die Veränderung.«

»Edith natürlich nicht«, versetzte Mrs. Skewton mit einer unheimlichen Schalkhaftigkeit.

»Ich habe nicht gefunden, daß solche Plätze überhaupt Abwechslung bieten«, lautete die mit stolzer Gleichgültigkeit hingeworfene Antwort.

»Auch mir sind sie verleidet. Es gibt nur einen einzigen Wechsel, Mr. Dombey«, bemerkte Mrs. Skewton mit einem leichten Seufzer, »der mir wirklichen Genuß brächte, und ich fürchte, daß es mir nicht vergönnt ist, mich je desselben zu erfreuen. Die Menschen schonen einen so gar nicht. Aber Abgeschiedenheit und Betrachtung sind für mich – wie nennt man's doch –«

»Wenn Ihr ein Paradies meint, Mama, so sprecht Euch lieber aus, um Euch verständlich zu machen«, sagte die jüngere Dame.

»Meine liebe Edith«, erwiderte Mrs. Skewton, »du weißt, daß ich mich wegen dieser häßlichen Namen ganz auf dich verlassen muß. Ich versichere Euch, Mr. Dombey, die Natur hat mich für ein Arkadien geschaffen. So aber bin ich in die Gesellschaft gelangt. Kühe sind meine Leidenschaft. Nach was ich stets verlangte, war die Einsamkeit einer Schweizerhütte, wo ich leben könnte ganz umgeben von Kühen – und Porzellan.«

Dieses wunderliche Zusammenbringen von Gegenständen, die an den berühmten Ochsen erinnert, der irrtümlicherweise in einen Töpferladen geriet, wurde von Mr. Dombey mit großem Ernst aufgenommen, und er gab seiner Ansicht dahin Ausdruck, daß die Natur ohne Zweifel eine sehr achtbare Einrichtung sei.

»Was mir fehlt«, mäkelte Mrs. Skewton, indem sie sich in ihren welken Hals kniff, »ist Herz.« Sie sprach in einem Sinne eine fürchterliche Wahrheit, wenn auch nicht in dem, wie sie die Phrase brauchte. »Nach was ich verlange, ist Offenheit, Vertrauen, weniger Konvenienz und ein freieres Spiel der Seele. Wir leben in einem schrecklich gekünstelten Zustande.«

Die Herren stimmten bei.

»Kurz«, sagte Mrs. Skewton, »ich sehne mich überall nach Natur. Es würde so ungemein entzückend sein.«

»Die Natur ruft uns fort von hier, Mama, wenn Ihr bereit seid«, sagte die jüngere Dame, ihre schönen Lippen aufwerfend.

Auf diesen Wink verschwand der spindeldürre Page, der über der Lehne des Fahrstuhls hinweg der Gesellschaft zugeschaut hatte, in dem Hintergrunde, als sei er vom Boden verschluckt worden.

»Halt, einen Augenblick, Withers!« rief Mrs. Skewton, als der Stuhl sich zu bewegen begann, dem Pagen mit der ganzen matten Würde zu, mit der sie vorzeiten den Kutscher mit seiner Perücke, dem Blumenstrauß und seidenen Strümpfen zu befehlen pflegte. »Wo wohnt Ihr, Abscheulicher?«

Der Major wohnte mit seinem Freund Dombey im Royal-Hotel.

»Wenn Ihr ordentlich sein wollt, so könnt Ihr uns jeden Abend besuchen«, lispelte Mrs. Skewton, »Will Mr. Dombey uns beehren, so wird es uns freuen. Withers, fort!«

Der Major drückte die Fingerspitzen, die nach dem Kleopatramodell mit studierter Nachlässigkeit auf der Lehne des Fahrstuhls lagen, abermals an seine Lippen, und Mr. Dombey verbeugte sich. Die ältere Dame grüßte beide mit einem sehr huldreichen Lächeln und einem mädchenhaften Schwenken ihrer Hand, während die jüngere ihren Kopf nur so leicht verneigte, als es die gewöhnlichste Höflichkeit gebot. Der letzte Blick auf das runzlige geschminkte Gesicht der Mutter, das sich in der Sonne unendlich hagerer und unheimlicher ausnahm, als solches bei dem Mangel des Rot je hätte geschehen können, und auf die stolze Schönheit der Tochter mit ihrer anmutigen Gestalt und aufrechten Haltung weckte sowohl in dem Major als in Mr. Dombey unwillkürlich die Lust, ihnen nachzusehen, so daß sich beide in dem gleichen Moment umdrehten. Der Page fast so schräg, wie sein eigener Schatten, arbeitet sich bergauf wie ein langsamer Sturmbock dem Fahrstuhle nach; der obere Teil von Kleopatras Hut flatterte auf den Zoll hin genau in derselben Ecke wie zuvor, und die Schönheit, die der Lokomotive ein wenig vorausging, drückte in ihrer eleganten Form von Kopf bis zum Fuß die nämliche stolze Rücksichtslosigkeit gegen Dinge und Personen aus.

»Ich will Euch etwas sagen, Sir«, begann der Major, als sie ihren Spaziergang wieder aufnahmen. »Wenn Joe Bagstock ein jüngerer Mann wäre, so gäbe es in der ganzen Welt kein Frauenzimmer, das er als Mistreß Bagstock jenem dort vorziehen würde. Beim Georg, Sir«, fügte der Major bei, »sie ist prächtig!«

»Meint Ihr die Tochter?« fragte Mr. Dombey.

»Ist Joey B. ein Pinsel, Dombey«, versetzte der Major, »daß er die Mutter meinen könnte?«

»Ihr machtet doch der Mutter so viele Komplimente«, entgegnete Mr. Dombey.

»Eine alte Flamme, Sir«, kicherte Major Bagstock. »Verteufelt alt. Ich habe meinen Spaß mit ihr.«

»Sie macht auf mich den Eindruck, als ob sie vollkommen gentil sei«, sagte Mr. Dombey.

»Gentil, Sir?« versetzte der Major, indem er stehenblieb und seinem Begleiter erstaunt ins Gesicht schaute. »Die hochgeborne Mrs. Skewton ist eine Schwester des verstorbenen Lord Feenix und eine Tante des gegenwärtigen Lords. Die Familie ist nicht reich – ja sogar arm – und sie lebt von einer kleinen Rente; aber wenn's aufs Blut ankommt, Sir!«

Der Major stieß seinen Stock heftig auf und ging weiter, wie es schien in Verzweiflung, daß er nicht zu sagen wußte, was dann war, wenn es auf das ankam.

»Ich bemerkte, daß Ihr die Tochter als Mrs. Granger anredetet«, nahm Mr. Dombey nach einer kurzen Pause das Wort wieder auf.

»Edith Skewton, Sir«, entgegnete der Major, der jetzt wieder haltmachte und mit seinem Stock, um sie darzustellen, ein Zeichen in den Boden schlug, »heiratete mit achtzehn Granger.« Der Major deutete ihn durch eine zweite Kerbe an. »Granger, Sir«, fuhr der Major mit Nachdruck fort, indem er das letztere ideale Porträt berührte und dabei den Kopf wiegte, »war Obrist in unserer Armee – ein verteufelt schöner Bursche von einundvierzig, Sir. Er starb im zweiten Jahr seiner Ehe.«

Der Major strich den Repräsentanten des hingeschiedenen Granger mit seinem Spazierstock durch und ging dann wieder weiter, diesen über die Schulter legend.

»Wie lange ist das schon her?« fragte Mr. Dombey, der aufs neue stehenblieb.

»Edith Granger, Sir«, versetzte der Major, indem er das eine Auge schloß, den Kopf seitwärts neigte, den Stock in seine Linke nahm und mit der Rechten seinen Bruststreif glättete, »ist zurzeit nicht ganz dreißig. Und der Teufel soll mich holen, Sir«, beteuerte der Major, abermals seinen Stock schulternd und wieder weitergehend, »sie ist ein unvergleichliches Frauenzimmer!«

»War Familie da?« fragte Mr. Dombey sogleich.

»Ja, Sir«, antwortete der Major. »Ein Knabe.«

Mr. Dombeys Augen suchten den Boden, und ein Schatten überflog sein Gesicht.

»Er ertrank, Sir«, fuhr der Major fort, »als er kaum vier oder fünf Jahre alt war.«

»Wirklich?« entgegnete Mr. Dombey, den Kopf erhebend.

»Durch das Umschlagen eines Bootes, in das ihn seine Wärterin nicht hätte setzen sollen«, sagte der Major. »Das ist seine Geschichte. Edith Granger ist noch immer Edith Granger; aber wenn der alte Joe B. ein wenig jünger und ein wenig reicher wäre, so sollte der Name dieses herrlichen Geschöpfes Bagstock lauten!«

Bei diesen Worten zuckte der Major die Achseln, blies seine Backen auf und lachte mehr als je wie ein übermästeter Mephistopheles.

»Vorausgesetzt, daß die Dame nichts dagegen hätte, will ich doch meinen?« entgegnete Mr. Dombey kalt.

»Bei Gott, Sir«, erwiderte der Major, »das Geschlecht der Bagstocke ist nicht an ein derartiges Hindernis gewöhnt. Freilich hat es vollkommen seine Richtigkeit, daß Edith schon zwanzigmal hätte heiraten können – aber sie ist stolz, Sir – stolz!«

Mr. Dombeys Gesicht schien auszudrücken, daß er um dessenwillen nicht schlechter von ihr denke.

»'s ist im Grund eine schöne Eigenschaft«, sagte der Major. »Bei Gott 's ist eine hohe Eigenschaft. Dombey, Ihr seid selbst stolz, und Euer Freund, der alte Joe, achtet Euch darum.«

Mit diesem Tribut für den Charakter seines Gefährten, der ihm durch die Gewalt der Umstände und die unwiderstehliche Richtung ihres Gesprächs abgerungen zu sein schien, schloß der Major die Angelegenheit und ging zu einer allgemeinen Auseinandersetzung über, wie er seinerzeit von herrlichen Frauen und prächtigen Geschöpfen geliebt und gehätschelt worden sei.

Zwei Tage später begegnete Mr. Dombey und der Major der hochgeborenen Mrs. Skewton und ihrer Tochter in dem Kursaal, tags darauf wieder in der Nähe desselben Platzes, wo sie das erstemal mit ihnen zusammengetroffen waren. Nachdem es etwa drei- oder viermal im ganzen geschehen, wurde es um der alten Bekanntschaft willen ein Punkt bloßer Höflichkeit, daß der Major einen Abendbesuch machte. Mr. Dombey hatte ursprünglich nicht beabsichtigt, jemand zu besuchen; aber als ihm der Major sein Vorhaben mitteilte, erklärte er, daß er sich das Vergnügen machen werde, ihn zu begleiten. Der Major beauftragte deshalb den Eingeborenen, noch vor dem Diner den Damen sein und Mr. Dombeys Empfehlung zu melden und zu sagen, daß sie sich die Ehre geben würden, einen Abendbesuch zu machen, falls die Damen allein wären. Als Antwort brachte der Eingeborene ein sehr kleines Billet, das sehr stark nach Parfüm roch und in dem die hochgeborene Mrs. Skewton dem Major Bagstock kurz erklärte: »Ihr seid ein abscheulicher Bär, und ich habe gute Lust, Euch gar nicht mehr zu verzeihen; aber wenn Ihr recht lieb sein wollt«, die letzten Worte waren unterstrichen, »so dürft Ihr kommen. Empfehlungen von mir und Edith an Mr. Dombey.«

Die hochgeborene Mrs. Skewton und ihre Tochter Mrs. Granger bewohnten während ihres Aufenthalts zu Leamington ein Quartier, das vornehm und teuer genug, aber in Raum und Bequemlichkeit etwas beschränkt war, so daß die hochgeborene Mrs. Skewton, wenn sie im Bette lag, ihre Füße im Fenster und den Kopf im Kamin hatte, während ihr Mädchen ihre Schlafstätte in einem so ungemein kleinen Alkoven des Besuchszimmers hatte, daß sie, um sich der ganzen Ausgiebigkeit ihres Lagers zu erfreuen, durch die Tür hinein und heraus sich winden mußte, wie eine zierliche Schlange. Withers, der spindeldürre Page, schlief außerhalb des Hauses unmittelbar unter den Dachziegeln eines benachbarten Milchladens, und die Lokomotive, dieser Stein unseres Sisyphus, verbrachte ihre Nächte in einem Schuppen, zu dem besagten Milchladen gehörig, wo stets frisch gelegte Eier zu finden waren und das mit der Milcherei in Verbindung stehende Geflügel unablässig auf einem zerbrochenen Eselkarren stand, allem Anschein nach fest überzeugt, daß es daselbst gewachsen sei und sich von dem Baume nicht losmachen könne.

Mr. Dombey und der Major fanden Mrs. Skewton in den Kissen eines Sofas als Kleopatra gruppiert – sehr luftig gekleidet und sicherlich ohne Ähnlichkeit mit Shakespeares Kleopatra, die das Alter nicht zum Welken bringen konnte. Als sie die Treppe hinaufstiegen, hörten sie den Ton einer Harfe, die aber, sobald sie angemeldet waren, zu spielen aufhörte. Edith stand neben dem Instrument, reizender und schöner als je. Die Schönheit dieser Dame hatte die merkwürdige Eigenschaft, daß sie ihre Rechte zu behaupten schien sogar ohne Beihilfe und gegen den Willen ihrer Besitzerin. Edith wußte, daß sie schön war, denn das Gegenteil wäre unmöglich gewesen; aber sie sah aus, als wolle sie mit ihrem Stolze sich selbst trotzen.

Ob sie Reize, die nur eine für sie wertlose Bewunderung hervorrufen konnten, gering anschlug, oder ob sie durch einen solchen Gebrauch derselben sie nur wertvoller zu machen beabsichtigte, – mit Ermittlung dieser Frage hielten sich die Bewunderer, die sie zu schätzen wußten, selten auf.

»Ich hoffe, Mrs. Granger«, sagte Mr. Dombey, indem er sich ihr um einen Schritt näherte, »wir sind nicht schuld, daß Ihr Eurem Spiel ein Ende machtet?«

»Ihr? O nein!«

»Warum spielst du dann nicht weiter, meine liebe Edith?« fragte Kleopatra.

»Ich hörte aus demselben Grunde auf, der mich anfangen ließ – aus Laune.«

Die Gleichgültigkeit, mit der sie das sagte – eine Gleichgültigkeit, die sich nichts weniger als blöde ausnahm, sondern absichtlich stolz gehalten war – stand sehr im Gegensatz zu der Unbekümmertheit, mit der sie ihre Hand über die Saiten gleiten ließ, um sodann nach der vorderen Wand des Zimmers zu treten.

»Ihr müßt wissen, Mr. Dombey«, sagte die schmachtende Mutter, indem sie mit einem Handschirm spielte, »daß hin und wieder meine liebe Edith und ich wirklich fast uneinig werden –«

»Nicht bisweilen ganz, Mama?« entgegnete Edith.

»O, nie ganz, meine Liebe! Pfui, pfui, es würde mir das Herz brechen«, erwiderte die Mutter mit einem leichten Versuch, Edith mit ihrem Schirme zu pätscheln, obschon letztere sich nicht rührte, um dieser Liebkosung entgegenzukommen, – »wegen jener kalten Konventionalitäten, die auch in den kleinsten Dingen beobachtet werden sollen. Warum sind wir nicht natürlicher! Ach, Himmel, mit all dem Sehnen, Trachten und instinktartigen Pochen, das unseren Seelen eingepflanzt ist und einen so hinreißenden Zauber ausübt – warum sind wir nicht natürlicher!«

Mr. Dombey entgegnete, das sei sehr wahr – sehr wahr.

»Wir könnten, glaube ich, natürlicher sein, wenn wir es versuchten«, sagte Mrs. Skewton.

Mr. Dombey meinte, es sei möglich.

»Der Teufel auch, Madame«, sagte der Major. »Wir könnten's nicht. Wenn nicht die Welt mit J. B.'s bewohnt ist – zähen und derben alten Joes, Ma'am, einfachen Bücklingen mit harten Rogen, Sir – so können wir's nicht. Nein, durchaus nicht.«

»Ihr garstiger Ungläubiger«, versetzte Mrs. Skewton, »schweigt!«

»Kleopatra befiehlt«, erwiderte der Major, ihr die Hand küssend, »und Antonius Bagstock gehorcht.«

»Der Mann besitzt keine Empfindsamkeit«, sagte Mrs. Skewton, grausam den Handschirm so haltend, daß der Major ausgeschlossen wurde – »keine Sympathie! Und für was leben wir, wenn nicht für Sympathie! Was anderes wäre so ungemein beglückend. Wie könnten wir's nur aushalten ohne diesen Sonnenstrahl auf unserer öden, kalten Erde?« fuhr Mrs. Skewton fort, indem sie ihren Spitzenkragen ordnete und wohlgefällig die Wirkung ihres bloßen mageren Arms vom Handgelenk an aufwärts betrachtete. »Mit einem Worte, verstockter Mann!« sie blickte um den Schirm herum nach dem Major hin, »ich möchte, daß meine Welt voll Seele wäre; und der Glaube daran ist so ungemein beglückend, daß ich Euch nicht gestatten werde, ihn zu stören. Hört Ihr das?«

Der Major versetzte, es sei hart von Kleopatra, daß sie von der ganzen Welt verlange, voll Seele zu sein, und doch sich selbst die Seelen und Herzen aller Welt zueignen möchte. Das nötigte Kleopatra, ihn zu erinnern, daß Schmeichelei ihr unerträglich sei, und wenn er sich erlaube, sie wieder in solchen Worten anzureden, so werde sie ihn bestimmt nach Hause schicken.

Da jetzt Withers, der Spindeldürre, den Tee herumbot, so wandte sich Mr. Dombey wieder an Edith.

»Es scheint, daß noch nicht viel Gesellschaft hier ist«, sagte Mr. Dombey in seiner wichtigen gentlemanischen Art.

»Ich glaube nicht. Wir empfangen keine.«

»Ja, wahrhaftig«, bemerkte Mrs. Skewton von ihrem Sofa aus. »Es sind noch nicht viele Personen hier, an deren Umgang uns etwas gelegen ist.«

»Sie haben nicht genug Seele«, sagte Edith mit einem Lächeln – das wahre Zwielicht von einem Lächeln – so eigentümlich waren Hell und Dunkel darin gemischt.

»Ihr seht, meine liebe Edith neckt mich«, sagte ihre Mutter, ihren Kopf schüttelnd, der zuweilen von selbst ein wenig wackelte, als wolle er mit dem zitternden Licht der Diamanten konkurrieren, »Gottlose!«

»Wenn ich nicht irre, seid Ihr schon früher hier gewesen?« sagte Mr. Dombey – noch immer zu Edith.

»O ja, schon öfter. Ich denke, wir waren schon überall.«

»Eine schöne Gegend!«

»Ich glaube so. Alle Welt sagt es.«

»Dein Vetter Feenix wütet darüber, Edith«, nahm ihre Mutter von dem Sofa her das Wort.

Die Tochter erhob leicht ihren anmutigen Kopf, zog die Augen um Haaresbreite in die Höhe, als wolle sie damit andeuten, daß der Vetter Feenix von allen Sterblichen am wenigsten Beachtung verdiene, und wandte sich dann wieder Mr. Dombey zu.

»Ich hoffe zur Ehre meines guten Geschmacks, daß ich der Umgebung müde bin«, sagte sie.

»Ihr habt fast Grund dazu, Madame«, versetzte er, mit einem Blick auf verschiedene reichlich im Zimmer hängende Landschaftszeichnungen, die, wie er bemerkte, zum Teil Partien aus der nächsten Gegend darstellten, »wenn diese schönen Bilder von Eurer Hand sind.«

Sie gab ihm keine Antwort, sondern saß in stolzer Schönheit da – ganz entzückend.

»Haben Sie dieses Interesse?« fragte Dombey. »Sind sie von Euch?«

»Ja.«

»Ihr spielt die Harfe, wie ich bereits weiß?«

»Ja.«

»Und singt?«

»Ja.«

Sie beantwortete alle diese Fragen mit einem auffallenden Widerwillen und mit jener merkwürdigen Miene des Selbstwiderspruchs, die, wie wir bereits bemerkten, ihrer Schönheit angehörte. Dabei war sie übrigens nicht verlegen, sondern vollkommen ruhig. Dennoch schien sie das Gespräch nicht vermeiden zu wollen, denn sie wandte ihm ihr Gesicht und – so weit sie konnte – auch ihre Aufmerksamkeit zu, selbst dann, wenn er schwieg.

»Es stehen Euch wenigstens eine Menge Hilfsmittel zu Gebot, um Euch die Zeit zu verkürzen«, sagte Mr. Dombey.

»Wie sie mir auch zustatten kommen mögen«, erwiderte sie, »so kennt Ihr sie jetzt alle. Ich besitze keine weiteren.«

»Darf ich hoffen, daß ich sie näher kennenlerne?« sagte Mr. Dombey mit feierlicher Stimme und Geste, indem er eine Zeichnung, die er in der Hand hielt, niederlegte und nach der Harfe hinwinkte.

»O gewiß, wenn Ihr es wünscht.«

Mit diesen Worten erhob sie sich, ging an dem Sofa ihrer Mutter vorbei und warf ihr einen scharfen Blick zu, der zwar nur einen Moment dauerte, aber (wenn es jemand hätte bemerken können) viele Ausdrücke in sich schloß, unter denen der des Zwielichtslächelns ohne das Lächeln selbst alle übrigen überschattete. Damit verließ sie das Zimmer.

Der Major, der vollkommene Verzeihung erhalten hatte, rückte einen kleinen Tisch vor Kleopatra hin und setzte sich nieder, um mit ihr eine Partie Piquet zu spielen. Mr. Dombey, der das Spiel nicht kannte, nahm sich gleichfalls einen Stuhl und sah ihnen zu, bis Edith zurückkehrte.

»Ich hoffe, wir werden ein wenig Musik erhalten, Mr. Dombey«, sagte Kleopatra.

»Mrs. Granger war so freundlich, mir das zu versprechen«, versetzte Mr. Dombey.

»Ach, das ist aber hübsch. Gebt Ihr vor, Major?«

»Nein, Ma'am«, erwiderte der Major. »Kann's nicht.«

»Ihr seid ein barbarischer Mensch«, sagte die Dame. »Ich kann nichts machen. Ihr seid ein Liebhaber der Musik, Mr. Dombey?«

»Sehr«, lautete Mr. Dombeys Antwort.

»Ja. Es ist sehr hübsch«, sagte Kleopatra, nach ihren Karten sehend. »So viel Seele darin – unentwickelte Erinnerungen aus einem früheren Zustande des Daseins – und dergleichen – was in der Tat bezaubernd ist. Wißt Ihr auch«, kakelte Kleopatra, den Pique-Buben umkehrend, der mit den Schuhen zu oberst in ihre Karten gekommen war, »daß, wenn mich etwas verlocken könnte, meinem Leben ein Ziel zu setzen, das die Neugierde wäre, zu erfahren, was in allen Dingen steckt und was sie zu bedeuten haben? Es gibt in der Tat so viele herausfordernde Geheimnisse, die vor uns verborgen sind. Major, Ihr habt auszuspielen!«

Der Major spielte aus, und Mr. Dombey, der zu seiner Belehrung zusah, würde wohl durch die Feinheiten des Spiels bald in die größte Verwirrung gekommen sein. Statt demselben aber Aufmerksamkeit zu schenken, machte er sich Gedanken, wann wohl Edith zurückkommen würde.

Endlich erschien sie und setzte sich zu ihrer Harfe nieder. Mr. Dombey stand auf und trat zuhörend an ihre Seite. Er hatte nur wenig Sinn für Musik und kannte die gespielte Arie nicht; aber er sah, wie sie sich niederbeugte, und hörte vielleicht unter den tönenden Saiten eine ferne Musik seiner eigenen Art, die das Ungeheuer der Eisenbahn zähmte und es weniger unerbittlich machte.

Kleopatra hatte beim Piquet ein sehr kritisches Auge. Es glänzte wie das eines Vogels und beschäftigte sich nicht allein mit dem Spiel, sondern durchlief das Zimmer von einem Ende zum andern, in seiner Schnelligkeit bald die Harfe, bald die Spielerin, bald den Zuhörer – kurz alles erfassend.

Nachdem die stolze Schönheit ihr Spiel beendigt hatte, erhob sie sich, den Dank und die Komplimente Dombeys ganz in derselben Weise wie früher hinnehmend, ging, ohne sich eine Pause zu gönnen, nach dem Piano und begann abermals.

Edith Granger, jeden Gesang, nur diesen nicht. Edith Granger, du bist sehr schön; deine Finger greifen herrlich in die Tasten, und deine Stimme ist tief und reich; aber nicht jenes Lied, das die vernachlässigte Tochter seinem sterbenden Sohne vorsang!

Ach, er kannte es nicht, und wenn es vielleicht auch der Fall war, wie hätte eine von ihren Weisen den starren Mann anregen können! Schlaf, einsame Florence – schlaf! Friede sei mit deinen Träumen, obschon die Nacht dunkel geworden ist und Wolken aufsteigen, die sich in Hagel zu entladen drohen!

 

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.