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Dombey und Sohn - Band 1

Charles Dickens: Dombey und Sohn - Band 1 - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn - Band 1
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Neunzehntes Kapitel.

Walters Abreise.

Der hölzerne Midshipman an der Tür des Instrumentenmachers war ein sehr hartherziger kleiner Midshipman; denn er blieb über die Maßen gleichgültig gegen Walters Aufbruch und war selbst am Abend des allerletzten Tages, den unser junger Freund im Hinterstübchen verlebte, nicht aus seiner Fassung zu bringen. Mit seinem Quadranten vor dem schwarzen, knopfartigen Auge und mit einer Figur in der Haltung einer ungeheuern Heiterkeit entfaltete der Midshipman seine Nanking-Beinkleider im vorteilhaftesten Lichte und hatte, ganz und gar von seinen wissenschaftlichen Bestrebungen in Anspruch genommen, durchaus keinen Sinn für weltliche Angelegenheiten. Insoweit war er ein Geschöpf der Umstände, daß ein trockener Tag ihn mit Staub bedeckte, ein nebeliger aber ihn mit kleinen Rußkörnchen pfefferte, während ein nasser Tag seine schmutzige Uniform für den Augenblick wusch und ein heißer Wind auf seinem Ölfarbenanstrich Blasen zog; im übrigen aber war er ein hartschlägiger, eingebildeter Midshipman, der nur seine Entdeckungen im Auge hatte und sich so wenig um das, was auf Erden um ihn vorging, kümmerte, als Archimedes bei der Einnahme von Syrakus.

Ein solcher Midshipman schien er wenigstens bei der damaligen Lage der häuslichen Angelegenheiten zu sein. Walter pflegte oftmals, wenn er ein- und ausging, heiter nach ihm aufzublicken; und wenn der Neffe nicht da war, so kam der arme, alte Sol heraus, lehnte sich an den Türpfosten und ließ seine müde Perücke so nahe als nur möglich bei den Schuhschnallen dieses schützenden Genius seines Gewerbes und seines Ladens ausruhen. Aber kein wilder Götze mit einem Mund von einem Ohr zum andern, kein mörderisches Gesicht unter einer Krone von Papageienfedern konnte je so gleichgültig sein gegen die Bitten wilder Heiden, wie der Midshipman gegen solche Merkzeichen von Anhänglichkeit.

Es war Walter schwer ums Herz, als er sich von seinem alten Schlafgemach aus unter den benachbarten Böschungen und Firsten umsah; denn er konnte sich des Gedankens nicht entschlagen, daß die Nacht, die bereits zu dunkeln begann, seine Bekanntschaft mit ihnen vielleicht für immer schließen dürfte. Der kleine Vorrat von Büchern und Bildern war bereits entfernt; das Gemach sah deshalb so kalt und vorwurfsvoll auf den Deserteur nieder, als ahne es bereits die bevorstehende Entfremdung. »Nur noch einige Stunden«, dachte Walter, »und die Träume, die ich in meiner Knabenzeit hier hatte, werden ebensowenig mir gehören, wie dieses alte Zimmer. Möglich, daß sie wieder in meinem Schlaf zurückkehren, und vielleicht fügt sich's auch, daß ich als Wachender abermals diesen Platz betrete. Nun, der Traum wenigstens wird keinem andern Herrn dienen, aber das Zimmer beherbergt möglicherweise Dutzende, von denen jeder Veränderungen darin vornimmt, es vernachlässigt oder mißbraucht.«

Aber sein Onkel durfte nicht verlassen in dem kleinen Hinterstübchen bleiben, wo er eben damals allein saß; denn trotz seines rauhen Wesens rücksichtsvoll, war Kapitän Cuttle gegen seine Neigung weggeblieben, damit Onkel und Neffe sich ungestört noch sprechen könnten. Walter, der eben von dem Geschäft des letzten Tages zurückgekehrt war, stieg deshalb schleunig wieder hinunter, um ihm Gesellschaft zu leisten.

»Onkel«, sagte er heiter, indem er die Hand auf die Schulter des alten Mannes legte, »was soll ich Euch von Barbados senden?«

»Hoffnung, mein lieber Wally – die Hoffnung, daß wir uns wiedersehen auf dieser Seite des Grabes. Von ihr schicke mir, soviel du kannst.«

»Soll geschehen, Onkel. Ich habe genug davon, und sogar noch übrig; ich will deshalb nicht damit kargen! Auch rührige Schildkröten, Limonen für Kapitän Cuttles Punsch, Eingemachtes für Euch an Sonntagen, und was dergleichen mehr ist. Ihr sollt ganze Schiffslasten davon erhalten, Onkel, wenn ich reich genug bin.«

Der alte Sol wischte seine Brille und lächelte matt vor sich hin.

»So ist's recht, Onkel!« rief Walter in fröhlichem Tone, indem er ihn ein halbdutzendmal weiter auf die Schulter klopfte. »Ihr macht mir frohen Mut, und ich will ein gleiches an Euch tun! Morgen wollen wir so fröhlich ausfliegen wie die Lerchen, Onkel, und ebenso hoch. Ich denke, sie singen lustig, obschon wir sie noch nicht sehen.«

»Wally, mein lieber Knabe«, entgegnete der Greis, »ich will mein Bestes tun – ich will mein Bestes tun.«

»Und Euer Bestes, Onkel«, sagte Walter mit frohem Lachen, »ist das Beste, was es meines Wissens geben kann. Ihr vergeßt doch nicht, was Ihr mir zu senden habt, Onkel?«

»Nein, Wally, nein«, erwiderte der alte Mann. »Alles, was ich über Miß Dombey höre – über das arme Lamm, das jetzt so verlassen ist – will ich dir schreiben. Freilich fürchte ich, es wird nicht viel sein, Wally.«

»Ich will Euch was sagen, Onkel«, versetzte Walter nach einem kurzen Stocken, »ich bin eben erst oben gewesen.«

»So? – ei, ei!« murmelte der alte Mann, seine Augenbrauen und mit ihnen die Brille erhebend.

»Nicht, um sie zu sprechen«, sagte Walter, »obgleich mir dies wahrscheinlich wohl möglich gewesen wäre, wenn ich darum nachgesucht hätte, denn Mr. Dombey befindet sich nicht in der Stadt. Ich wollte mich bloß von Susanna verabschieden. Ihr wißt, etwas der Art konnte ich unter den obwaltenden Umständen wohl wagen – die Art, wie ich Miß Dombey zum letzten Male sah, gibt mir einige Berechtigung dazu.«

»Ja, mein Junge, ja«, entgegnete sein Onkel, sich aus seiner augenblicklichen Zerstreutheit aufraffend.

»Ich sprach sie also«, fuhr Walter fort – »Susanna nämlich, und sagte ihr, daß ich morgen meine Reise antreten werde. Auch sagte ich ihr, Onkel, seit dem Abend ihres Hierseins habt Ihr Euch stets für Miß Dombey sehr interessiert, innigen Anteil an ihrem Glück, an ihrem Wohlbefinden genommen, und Ihr würdet es Euch stets zum Stolz und zur Freude rechnen, wenn sich für Euch nur die mindeste Gelegenheit biete, ihr Dienste zu leisten. Wie die Sachen stehen, glaubte ich wohl, soviel sagen zu dürfen. Seid Ihr nicht auch dieser Meinung?«

»Ja, mein Junge, ja«, erwiderte der Onkel in demselben Tone, wie früher.

»Und ich fügte hinzu«, sagte Walter, »wenn sie – Susanna nämlich – entweder in eigener Person, oder durch Mrs. Richards, oder durch irgend jemand, der vielleicht dieses Wegs käme, Euch zu wissen tun könne, daß Miß Dombey wohl und glücklich sei, so würde es Euch sehr freuen, und Ihr würdet es auch mir schreiben, und auch ich würde mich glücklich darüber fühlen. So steht's also! Auf mein Wort, Onkel«, fuhr Walter fort, »der Gedanke, wie ich dies ausführen wolle, ließ mich die letzte Nacht kaum schlafen, und selbst nachdem ich mich auf den Weg gemacht hatte, konnte ich nicht mit mir einig werden, ob ich's tun sollte oder nicht. Und doch war mein Herz so ganz von diesem Drange erfüllt, daß ich mich später recht unglücklich gefühlt hätte, wenn es mir nicht möglich geworden wäre, ihm Erleichterung zu verschaffen.«

Der ehrliche Ton und das treuherzige Wesen bekräftigten, was er sagte, so daß man an der Aufrichtigkeit seiner Worte nicht zweifeln konnte.

»Wenn Ihr sie also je seht, Onkel«, sagte Walter, »ich meine jetzt Miß Dombey – und wer weiß, vielleicht geschieht es! – so sagt ihr, wie tief ich für sie gefühlt habe und wie sehr sie stets der Gegenstand meiner Gedanken gewesen, solange ich mich in Eurem Hause befand; ja, sagt ihr, wie ich noch in der letzten Nacht vor meiner Abreise mit Tränen in den Augen von ihr gesprochen, und wie ich nie ihr edles Wesen, ihr schönes Antlitz, oder das Beste von allem, ihren lieblichen, wohlwollenden Charakter, vergessen könne. Und da ich sie nicht von den Füßen einer Jungfrau oder einer jungen Dame, sondern von denen eines kleinen, unschuldigen, jungen Kindes genommen habe«, fügte Walter bei, »so könnt Ihr auch, wenn Ihr meint, daß es angehe, gegen sie bemerken, ich habe jene Schuhe – sie wird sich noch erinnern, wie oft sie dieselben an jenem Abend verlor – aufbewahrt und als Andenken mitgenommen.«

Sie traten eben mit einem von Walters Koffern die Wanderung an. Ein Lastträger führte das Gepäck auf einem Schubkarren fort, damit es in den Docks an Bord des Sohnes und Erben geschafft werden konnte. Dies geschah unter den Augen des gefühllosen Midshipmans, noch ehe der Eigentümer die vorigen Worte zu Ende gebracht hatte. Freilich mußte man dem ehrenwerten Midshipman seine Unempfindlichkeit gegen den Schatz, der eben fortgerollt wurde, zugute halten; denn in demselben Moment und genau im Gesichtskreis seiner Beobachtung zeigte sich seinen erstaunten, weit offenen Blicken Florence und Susanna Nipper. Florence schaute halb schüchtern zu seinem Gesicht auf, und wurde deshalb mit dem ganzen hölzernen Glotzen seines hölzernen Auges beehrt.

Noch mehr als dies – sie gingen in den Laden hinein und kamen durch die Tür des Wohnstübchens, noch ehe sie von jemand als von dem Midshipman bemerkt worden waren. Auch würde Walter, der den Rücken der Tür zugekehrt hielt, auch jetzt noch nichts von ihrem Erscheinen erfahren haben, wenn er nicht gesehen hätte, daß sein Onkel plötzlich von seinem Stuhl aufsprang und beinahe über einen andern gestrauchelt wäre.

»Was habt Ihr, Onkel?« rief Walter. »Was gibt's?«

Der alte Solomon versetzte:

»Miß Dombey.«

»Wär's möglich!« rief Walter, sich rasch umschauend, und die Reihe des Erstaunens kam jetzt an ihn. »Hier!«

Nun ja, es war so möglich und so wirklich, daß, während die Worte noch auf seinen Lippen schwebten, Florence an ihm vorbeieilte, in jede Hand einen von Onkel Sols schnupftabakfarbigen Rockärmeln nahm, ihn auf die Wange küßte und dann sich umwandte, um mit einer einfachen Offenheit, wie sie auf der ganzen Welt an niemandem als an ihr zu finden war, Walter die Hand zu reichen.

»Ihr wollt fort, Walter?« sagte Florence.

»Ja, Miß Dombey«, versetzte er, aber nicht so hoffnungsvoll, als er sich anzustellen bemühte. »Es steht mir eine Reise bevor.«

»Und Euer Onkel«, sagte Florence, auf Sol zurückschauend. »Ich bin überzeugt, es muß ihm leid tun, daß Ihr geht. Ja, ich seh' es! Lieber Walter, auch ich bedaure es sehr.«

»Der Himmel weiß«, rief Miß Nipper, »es gibt viele, die wir dafür entbehren könnten, wenn Zahlen dabei in Frage kämen, Mrs. Pipchin als Aufseherin wäre noch wohlfeil, wenn man sie in Gold aufwöge, und sofern Kenntnis der schwarzen Sklaverei erforderlich wäre, würde niemand besser für diesen Posten passen, als jene Blimbers.«

Mit diesen Worten band Miß Nipper ihr Hutband auf, guckte ein Weilchen mit großen Augen in einen kleinen schwarzen Teetopf, der zum Zwecke des gewöhnlichen häuslichen Dienstes auf dem Tisch stand, schüttelte den Kopf zugleich mit einer zinnernen Büchse und begann unaufgefordert den Tee zu bereiten.

Mittlerweile hatte sich Florence wieder an den Instrumentenmacher gewandt, der vor Bewunderung und Überraschung kaum zu sich kommen konnte.

»So gewachsen!« sagte der alte Sol. »So schön geworden! Und doch nicht verändert! Just noch dieselbe!«

»Wirklich?« versetzte Florence.

»J – ja«, entgegnete der alte Sol, langsam seine Hände reibend und den Gegenstand halblaut in Erwägung ziehend, da etwas Sinniges in den klaren Augen, die ihn ansahen, seine Aufmerksamkeit fesselte. »Ja, dieser Ausdruck war auch in dem jüngeren Gesicht!«

»Ihr erinnert Euch meiner noch!« sagte Florence mit einem Lächeln, »Ihr wißt noch, was ich damals für ein kleines Geschöpf war!«

»Meine teure junge Lady«, erwiderte der Instrumentenmacher, »wie hätte ich Euch vergessen können, da ich seitdem so oft an Euch dachte und von Euch hörte! Ja, sogar in demselben Augenblick, als Ihr hereinkamt, sprach Walter mit mir von Euch und gab mir Aufträge an Euch und –«

»Tat er das?« sagte Florence. »Ich danke Euch, Walter – o, ich danke Euch, Walter! Ich fürchtete, Ihr könntet abreisen und dabei kaum an mich denken.«

Abermals reichte sie herzlich und aufrichtig ihre kleine Hand Walter hin, der sie einige Momente festhielt und sie fast nicht wieder loslassen wollte.

Und doch hielt er sie nicht so fest, wie er es vielleicht vordem getan haben würde. Jene alten Träume seiner Knabenzeit, die sogar später noch hin und wieder an ihm vorbeiglitten, traten nicht aufs neue ins Leben, um ihn mit ihren unbestimmten Formen zu verwirren. Die Reinheit und Unschuld ihres herzlichen Wesens, ihre Zutraulichkeit und die unverhüllte Achtung für ihn, die sich so tief in ihrem treuen Auge aussprach und über ihr schönes Gesicht durch das beschattende Lächeln glimmte – denn leider sprach sich zu viel Wehmut in diesem Lächeln aus, als daß es hätte leuchten können –, alles dies hatte nichts Romantisches an sich. Seine Gedanken wurden dadurch zurückgeführt an das frühe Sterbebett, an dem sie geweint, an die Liebe, die das Kind zu ihr gehegt hatte; und auf den Schwingen solcher Erinnerungen schien sie sich weit über seine eiteln Träumereien in eine klarere und heiterere Luft zu erheben.

»Ich – ich fürchte, ich muß Euch Walters Onkel nennen, Sir«, sagte Florence zu dem alten Mann – »wenn Ihr es mir gestatten wollt.«

»Meine teure junge Dame«, rief der alte Sol, »du mein Himmel, wie kommt Ihr zu einer solchen Frage?«

»Wir haben Euch stets unter diesem Namen gekannt und von Euch gesprochen«, entgegnete Florence, indem sie sich mit einem leichten Seufzer in dem Zimmer umsah. »Das alte nette Stübchen! Ganz so, wie früher! Wie gut erinnere ich mich seiner!«

Der alte Sol schaute zuerst nach ihr, dann nach seinem Neffen hin, rieb sich die Hände, putzte seine Brille und sagte halblaut vor sich hin:

»O Zeit, Zeit, Zeit!«

Es fand ein kurzes Stillschweigen statt, und Susanna Nipper holte inzwischen ganz geschickt zwei Extra-Tassen aus dem Seitenschrank heraus, worauf sie mit gedankenvoller Miene dem Ziehen des Tees zusah.

»Es liegt mir etwas auf dem Herzen, was ich Walters Onkel mitteilen muß«, sagte Florence, indem sie schüchtern ihre Hand auf die des alten Mannes, die auf dem Tisch ruhte, legte, um seine Aufmerksamkeit zu fesseln. »Er bleibt allein zurück, und wenn er mir erlauben will – nicht gerade Walters Platz einzunehmen, denn dies wäre unmöglich, aber doch sein treuer Freund zu sein und ihm während Walters Abwesenheit Beihilfe zu leisten, so werde ich's ihm in der Tat sehr Dank wissen. Erlaubt Ihr mir dies? Darf ich, Walters Onkel?«

Ohne eine Silbe der Erwiderung erhob der Instrumentenmacher ihre Hand zu seinen Lippen; Susanna aber lehnte mit gekreuzten Armen in dem Präsidentenstuhl, den sie sich selbst zugeeignet hatte, zurück bis auf das eine Ende ihres Hutbandes und schaute mit einem kurzen Seufzer nach dem hohen Fenster hinauf.

»Ihr müßt mir gestatten, daß ich Euch besuchen darf, wenn ich kann«, fuhr Florence fort, »und Ihr erzählt mir alles von Euren Angelegenheiten und von Walter. Auch vor Susanna braucht Ihr kein Geheimnis zu haben, wenn sie an meiner Statt kommt. Schenkt uns Euer Vertrauen und baut auf uns. Nicht wahr, Walters Onkel, Ihr erlaubt uns, daß wir Euch trösten dürfen?«

Das süße Gesicht, das zu dem seinigen aufsah, die sanft bittenden Augen, die weiche Stimme und die leichte Berührung seines Armes, noch ansprechender gemacht durch die Achtung und Ehrerbietung eines Kindes vor seinem Alter, wodurch das Ganze den Ausdruck anmutigen Zweifelns und bescheidenen Zauderns erhielt – alles dies in Vereinigung mit der natürlichen Innigkeit des Mädchens überwältigte den armen, alten Instrumentenmacher dermaßen, daß er nur antworten konnte:

»Wally, sprich ein Wort für mich, mein Lieber. O, wie dankbar bin ich!«

»Nein, Walter«, entgegnete Florence mit ihrem ruhigen Lächeln, »ich muß mir's verbitten, daß Ihr für ihn einsteht. Ich begreife ihn vollkommen, und wir müssen lernen, miteinander zu reden, ohne daß wir Euch dabei haben, lieber Walter.«

Der schmerzliche Ton, in dem sie die letzteren Worte sprach, ergriff Walter mehr als alles übrige.

»Miß Florence«, versetzte er, indem er sich alle Mühe gab, das heitere Wesen beizubehalten, das er bisher seinem Onkel gegenüber zur Schau gestellt hatte, »ich kann in der Tat ebensowenig sagen, wie mein Onkel, um Euch für so viele Güte den gebührenden Dank abzustatten. Ja, wenn ich eine ganze Stunde fortsprechen müßte, so vermöchte ich wahrhaftig nicht weiter auszudrücken, als daß es Euch so ganz gleich sieht!«

Susanna Nipper machte nun mit einem neuen Teil ihres Hutbandes den Anfang und nickte beifällig über die ausgesprochene Rede nach dem Hochfenster hinauf.

»Aber, Walter«, sagte Florence, »ich muß Euch noch etwas sagen, ehe Ihr abreist. Seid so gut, mich künftighin Florence zu nennen, und nicht mit mir zu sprechen, als wäre ich eine Fremde.«

»Eine Fremde?« entgegnete Walter. »Nein. Euch dafür anzunehmen, wäre mir unmöglich. Wenigstens widerstritte es allen meinen Gefühlen.«

»Damit bin ich noch nicht zufrieden, und es ist nicht das, was ich meine. Ach, Walter«, fügte Florence, in Tränen ausbrechend, bei, »er liebte Euch so sehr und legte noch vor seinem Sterben Zeugnis davon ab, als er sagte: ›Vergeßt Walter nicht!‹ Wenn Ihr mir also statt dessen, der hingegangen ist, ein Bruder sein wollt, Walter – denn ich habe jetzt keinen mehr auf Erden –, so will ich mein ganzes Leben über Eure Schwester sein und stets mit schwesterlicher Liebe an Euch denken, wo immer wir auch sein mögen! Dies habe ich Euch sagen wollen, lieber Walter, obschon ich es nicht vorzubringen weiß, wie ich gern möchte, weil mir das Herz zu voll ist.«

Und in der Überfülle und in der holden Einfachheit dieses Herzens bot sie ihm ihre beiden Hände hin. Walter ergriff sie, beugte sich darauf nieder und berührte das tränenvolle Antlitz, das weder zurückwich, noch sich abwandte, ja nicht einmal darob errötete, sondern voll Vertrauen und Zuversicht zu ihm aufschaute. In diesem einzigen Augenblick entwich jeder Schatten von Zweifel aus Walters Seele. Es kam ihm vor, er antworte auf ihre unschuldige Bitte neben dem Lager des toten Kindes, und in dem Hinblick auf jene ernste Szene gelobte er sich, auch in seiner Verbannung sogar ihr Bild mit brüderlicher Liebe zu hegen und zu pflegen, ihr edles Vertrauen unverletzt zu erhalten und sich selbst vor der Herabwürdigung zu bewahren, daß er je einem Gedanken Raum geben könnte, der nicht ihrer eigenen Brust entquollen.

Susanna Nipper, die inzwischen ihre beiden Hutbänder schwer zerarbeitet und während dieser Verhandlung einen großen Teil von Privaterregung nach dem Hochfenster entsandt hatte, brachte nun die Unterhandlung auf einen andern Gegenstand, indem sie fragte, wem Milch und wem Zucker beliebe. Nachdem sie über diesen Punkt belehrt worden, schenkte sie den Tee ein. Alle vier sammelten sich gesellig, um den kleinen Tisch und genossen die kleine Labung unter der tätigen Leitung vorgedachter jungen Dame. Die Gegenwart Florences aber in dem Hinterstübchen übte sogar einen erheiternden Eindruck auf die Tartaren-Fregatte an der Wand.

Eine halbe Stunde früher wäre Walter ums Leben nicht imstande gewesen, sie bei ihrem Vornamen anzureden; jetzt aber konnte er es tun, da sie ihn selbst darum gebeten hatte. Er konnte an ihre Gegenwart denken, ohne daß ihn ängstliche Ahnungen beschlichen, es wäre vielleicht besser gewesen, wenn sie nicht gekommen wäre. Mit aller Ruhe durfte er jetzt dem Gedanken nachhängen, wie schön, wie hoffnungsvoll sie sei, und welch eine glückliche Heimat seinerzeit einem sterblichen Mann in ihrem Herzen vorbehalten war. Er konnte mit Stolz Betrachtungen anstellen über seinen eigenen Platz in ihrem Herzen; und wenn er sich auch nicht gerade sagen durfte, daß er diese Auszeichnung verdiene, weil sie so hoch über ihm stand, so kam er doch zu dem mannhaften Entschluß, derselben keine Unehre zu machen.

Irgendein zauberhafter Einfluß mußte wohl die Hände von Susanna Nipper umschwebt haben, als sie den Tee machte; denn er sprach sich aus in der ruhigen Haltung, die während obiger Verhandlungen in dem Hinterstübchen herrschte. Eine feindselige Gegenwirkung beherrschte aber sicherlich die Zeiger von Onkel Sols Chronometer und bewegte sie schneller, als die Tartaren-Fregatte je vor dem Wind lief. Dem mochte übrigens sein, wie ihm wolle, nicht fern in einer ruhigen Ecke wartete eine Kutsche auf die beiden Gäste, und als man zufällig den Chronometer zu Rate zog, gab er eine so entschiedene Meinung ab, daß man nach einer so unanfechtbaren Autorität unmöglich die Tatsache bezweifeln konnte, sie warte schon sehr lange. Hätte Onkel Sol nach seinem eigenen Stundenglas gehängt werden sollen, so würde er sicherlich nicht zugegeben haben, daß der Chronometer auch nur um den kleinsten Bruchteil einer Sekunde zu schnell gehe.

Zum Abschied wiederholte Florence dem alten Mann alles, was sie bereits gesagt hatte, und verpflichtete ihn hoch und teuer auf Haltung seines Vertrags. Onkel Sol begleitete sie liebevoll bis zu den Beinen des hölzernen Midshipman und überantwortete sie dort an Walter, der sie und Susanna Nipper nach der Kutsche führte.

»Walter«, sagte Florence unterwegs, »ich scheute mich, Euch vor Eurem Onkel zu fragen. Glaubt Ihr, daß Ihr sehr lange abwesend sein werdet?«

»Ich weiß es in der Tat nicht«, entgegnete Walter, »obschon ich es fürchte. Wenn ich nicht irre, so hat Mr. Dombey darauf hingedeutet, als er mich für diesen Posten bestimmte.«

»Trifft Euch dadurch eine Vergünstigung, Walter?« fragte Florence nach kurzem Stocken, indem sie zugleich ängstlich zu seinem Gesicht aufsah.

»Durch die Stelle?« erwiderte Walter.

»Ja.«

Walter würde gerne eine Welt darum gegeben haben, wenn er hätte ja antworten können; aber sein Gesicht antwortete, ehe dies seinen Lippen möglich wurde, und Florence war zu achtsam, um diese Antwort nicht zu verstehen.

»Ich fürchte, Ihr seid kaum ein Liebling meines Papas gewesen?« fragte sie schüchtern.

»Ich wüßte auch keinen Grund, warum ich es hätte sein sollen«, versetzte Walter lächelnd.

»Keinen Grund, Walter?«

»Es war wenigstens kein Grund vorhanden«, entgegnete Walter, der wohl begriff, was sie meinte. »Das Haus beschäftigt viele Leute, und zwischen Mr. Dombey und einem jungen Manne, wie ich bin, findet ein weiter Abstand statt. Erfülle ich meine Schuldigkeit, so tue ich nur, was mir obliegt, und bei allen übrigen ist dies der gleiche Fall.«

Hatte vielleicht Florence eine Ahnung, deren sie sich kaum recht bewußt gewesen – eine Ahnung, die unbestimmt und unbestimmbar ins Dasein trat seit jener Nacht, in der sie nach dem Zimmer ihres Vaters hinuntergegangen war – daß nämlich Walters zufälliges Interesse an ihr und der Umstand, daß er sie früh kennengelernt, ihm die folgenreiche Abneigung Mr. Dombeys zugezogen habe? Trug sich Walter mit einer solchen Idee, oder flog ihn der plötzliche Gedanke an, in diesem Augenblicke könnte etwas der Art ihren Geist beschäftigen? Keins von beiden deutete darauf hin, und eine kurze Weile herrschte tiefes Schweigen. Susanna ging auf der andern Seite von Walter und faßte ihn sowohl als ihre Schutzbefohlene scharf ins Auge. Sicherlich wanderten Miß Nippers Gedanken in dieselbe Richtung, und zwar mit großer Zuversichtlichkeit.

»Ihr kommt vielleicht bald wieder zurück, Walter«, sagte Florence.

»Es kann sein, daß ich als alter Mann wiederkehre«, sagte Walter, »und daß ich Euch dann als alte Dame treffe. Wir wollen übrigens auf Besseres hoffen.«

»Papa wird«, sagte Florence nach einer kurzen Pause – »er wird sich von seinem Schmerz erholen und – und vielleicht mit der Zeit offener gegen mich sprechen. Geschieht dies, so will ich ihm sagen, wie lieb es mir wäre, wenn Ihr wieder zurückkämet; ich will ihn dann bitten, daß er Euch um meinetwillen von Eurem Posten abberufe.«

Als sie von ihrem Vater sprach, lag in den Worten eine rührende Modulation, die Walter nur zu wohl verstand. Sie waren in der Nähe der Kutsche angelangt, und er würde sie verlassen haben, ohne zu sprechen, denn er fühlte jetzt, was Scheiden war. Aber nachdem Florence schon Platz genommen, hielt sie noch immer seine Hand fest, und Walter bemerkte jetzt, daß sie ein kleines Paket in der ihrigen hatte.

»Walter«, sagte sie, mit seelenvollem Blicke zu ihm aufschauend, »gleich Euch will ich auf etwas Besseres hoffen. Ich will darum beten und den Glauben festhalten, daß es nicht ausbleiben werde. Diese kleine Gabe habe ich für Paul gemacht. Ich bitte Euch, nehmt es mit der Liebe auf, mit der es gegeben wird, und seht es nicht an, bis Ihr Eure Reise angetreten. Jetzt Gott befohlen, Walter! Vergeßt mich nicht, Ihr seid mir ein lieber Bruder.«

Walter war froh, daß Susanna Nipper dazwischenkam, da er sonst nicht den günstigsten Eindruck zurückgelassen haben dürfte. Er war froh, daß sie nicht wieder zur Kutsche heraussah, sondern statt dessen nur mit ihrer kleinen Hand ihm zuwinkte, solange der Wagen in seinem Gesichtskreise blieb.

Trotz ihrer Bitten konnte er nicht umhin, noch am selben Abend vor Schlafengehen das Paket zu öffnen. Es enthielt eine kleine Börse.

Hell erhob sich am andern Morgen die Sonne nach ihrer Wanderung durch fremde Länder, und mit ihr stand Walter auf, um den Kapitän einzulassen, der bereits an der Tür stand. Letzterer war nämlich weit früher, als nötig gewesen wäre, aus den Federn gekrochen, um unter Segel zu kommen, solang Mrs. Mac Stinger noch schlummerte. Der Kapitän tat äußerst aufgeräumt und brachte in einer der Taschen seines weiten blauen Rocks eine sehr hart geräucherte Zunge zum Frühstück mit.

»Und Wal'r«, sagte der Kapitän, als sie an dem Tische Platz nahmen, »wenn Euer Onkel der Mann ist, für den ich ihn halte, so wird er für den gegenwärtigen Anlaß jene letzte Madeira-Flasche heraufholen.«

»Nein, nein, Ned«, versetzte der alte Mann. »Nein. Sie wird erst angebrochen, wenn Walter wieder zurückkommt.«

»Wohl gesprochen!« rief der Kapitän. »Da höre man ihn.«

»Drunten liegt sie«, sagte Sol Gills, »in dem kleinen Keller, mit Staub und Spinnweben bedeckt. Vielleicht liegen Staub und Spinnweben über Euch und mir, Ned, ehe sie das Licht erblickt.«

»Höre man ihn!« entgegnete der Kapitän. »Eine gute Moral, Wal'r, mein Junge. Zieht den Feigenbaum in der Art, wie er wachsen soll, und wenn Ihr alt seid, könnt Ihr unter seinem Schatten sitzen. Nachzusehen – na«, fügte der Kapitän nach weiterem Besinnen bei, »ich weiß nicht ganz gewiß, wo dies zu finden ist; aber wenn Ihr's gefunden habt, so biegt ein Ohr ein. Macht nur fort, Sol Gills!«

»Aber da oder irgendwo anders soll sie liegen bleiben. Und bis Wally zurückkommt, um sie in Anspruch zu nehmen«, erwiderte der alte Mann. »Dies ist alles, was ich sagen wollte.«

»Und ist obendrein gut gesagt«, versetzte der Kapitän. »Wenn wir drei die Flasche nicht gemeinschaftlich anbrechen, so gebe ich Euch beiden die Erlaubnis, meinen Anteil zu trinken.«

Ungeachtet der großen Heiterkeit des Kapitäns wußte er doch mit der hart geräucherten Zunge nicht gut zurechtzukommen, obschon er sich dabei alle Mühe gab und, wenn man ihm zuschaute, tat, als esse er mit gewaltigem Appetit. Zugleich hatte er große Angst, mit einem von beiden, entweder mit dem Onkel oder mit dem Neffen, allein zu bleiben; denn sichtlich bestand seine einzige Hoffnung, den Schein zu wahren, in dem Umstand, daß von dem Kleeblatt keins fortging. Diese Besorgnis bewog ihn zu so sinnreichen Ausweichungen, daß er, wenn Solomon sich entfernte, um seinen Rock anzuziehen, unter dem Vorwand nach der Tür lief, er habe eine außerordentliche Kutsche vorbeifahren sehen; und als sich Walter die Treppe hinaufbegab, um von den Hausleuten Abschied zu nehmen, eilte Ehren Cuttle auf die Straße hinaus, weil er meinte, er habe aus einem benachbarten Schornstein einen Brandgeruch wahrgenommen. Natürlich mußten dergleichen Kunstgriffe jedem uninspirierten Beobachter ganz unergründlich sein.

Als Walter von seiner Verabschiedung wieder herunterkam und durch den Laden nach dem kleinen Hinterstübchen gehen wollte, bemerkte er ein bekanntes verblichenes Gesicht, das durch die Tür hereinsah. Er eilte darauf zu.

»Mr. Carker!« rief Walter, John Carker dem Jüngeren die Hand drückend. »Bitte, kommt herein! Es ist sehr freundlich von Euch, daß Ihr so früh hierher kommt, um mir Lebewohl zu sagen. Ihr wußtet wohl, wie es mich freuen mußte, vor meinem Abgange Euch noch einmal die Hand reichen zu können, und daß mir diese Gelegenheit noch wird, macht mich überglücklich. Bitte, kommt herein.«

»Es ist nicht wahrscheinlich, daß wir uns je wiedersehen, Walter«, entgegnete der andere, ohne der Einladung Folge zu geben. »Auch ich freue mich über diese Gelegenheit, und am Vorabende der Trennung darf ich es wohl wagen, mit Euch zu sprechen und Euch die Hand zu reichen. Fürderhin brauche ich mich vor Euren zutraulichen Annäherungen nicht mehr zu hüten, Walter.«

Diese Worte begleitete er mit einem wehmütigen Lächeln, das zeigte, daß er auch hierin schon einen freundlichen Anhaltspunkt für seine Gedanken gefunden habe.

»Ach, Mr. Carker«, entgegnete Walter, »und warum seid Ihr denn so behutsam gewesen? Ich bin überzeugt, daß ich von Euch nur gute Eindrücke empfangen hätte.«

Mr. Carker schüttelte den Kopf.

»Wenn ich auf Erden noch etwas Gutes tun könnte«, sagte er, »so geschähe es sicherlich um Euretwillen herzlich gern, Walter. Der Umstand, daß ich Euch Tag für Tag sah, ist mir zugleich Wonne und Vorwurf gewesen, aber das erstere Gefühl hat das andere bei weitem überboten. Ich empfinde dies erst jetzt recht, nachdem ich weiß, was ich verliere.«

»Kommt herein, Mr. Carker, damit ich Euch mit meinem guten alten Onkel bekannt mache«, drängte Walter. »Ich habe oft mit ihm von Euch gesprochen, und er wird sich freuen, wenn er Euch alles erzählen kann, was er von mir hörte. Von unserem letzten Gespräch«, fügte Walter mit einiger Verlegenheit hinzu, als er das Zögern des andern bemerkte, »habe ich ihm nichts mitgeteilt, Mr. Carker. Ihr dürft mir glauben, nicht einmal gegen ihn wurde etwas davon geäußert.«

Der graue Junior drückte ihm die Hand, und Tränen stiegen ihm in die Augen.

»Wenn ich ihn kennenlerne, Walter«, entgegnete er, »so soll es um deswillen geschehen, damit ich Nachrichten von Euch höre. Verlaßt Euch darauf, daß ich von Eurer Nachsicht und Eurer Rücksichtnahme keinen Mißbrauch mache. Es wäre aber wirklich unrecht, wenn Ihr ihm nicht die volle Wahrheit mitteilt, ehe ich ein Wort des Vertrauens von ihm nachsuchte. Ich habe keinen Freund, keinen Bekannten, als Euch; und selbst wenn es um Euretwillen geschehen müßte, wäre wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß ich einen gewänne.«

»Wollte Gott«, versetzte Walter, »Ihr hättet mir gestattet, in Wirklichkeit Euer Freund zu sein. Ihr wißt, Mr. Carker, daß ich es stets wünschte, aber nie nur halb so viel als jetzt, nun wir uns verabschieden sollen.«

»Es ist genug«, entgegnete der andere, »daß Ihr der Freund meines Herzens gewesen seid; denn wenn ich Euch am meisten mied, zog mich dieses am meisten zu Euch hin und war übervoll von Euch. Lebt wohl, Walter!«

»Lebt wohl, Mr. Carker! Gott sei mit Euch!« rief Walter in warmer Erregung.

»Wenn Ihr zurückkommt«, sagte der andere, während des Sprechens Walters Hand festhaltend, »und mich an meiner alten Ecke vermißt – wenn Ihr dann von irgend jemand hört, wo ich liege, so macht einen Besuch an meinem Grabe, denkt dabei, daß ich ebenso ehrlich und glücklich hätte sein können, wie Ihr, und laßt mich, wenn mein Stündlein kommt, mit der Hoffnung sterben, daß ein Abbild meines früheren Ichs einstens für einen Moment an meine Ruhestätte treten werde, um sich meiner mit Mitleid und Nachsicht zu erinnern. Lebt wohl, Walter!«

Seine Gestalt schlich wie ein Schatten die Straße hinab, die klar und feierlich an diesem frühen Morgen von der Sonne beschienen war. Langsam entschwand sie dem Blick.

Endlich meldete der unbarmherzige Chronometer, daß Walter dem hölzernen Midshipman seinen Rücken kehren müsse. Er stieg daher mit seinem Onkel und dem Kapitän in eine Kutsche, um sich nach der Werft hinführen zu lassen, wo sie vermittels eines Dampfboots nach irgendeiner Flußbiegung aufzubrechen gedachten, deren Name, wie der Kapitän meinte, für die Ohren der Landbewohner ein hoffnungsloses Geheimnis sei. Nach der beabsichtigten Stelle war das Schiff mit der Flut der letzten Nacht gekommen, und wie sie den Platz erreichten, wurden sie von unterschiedlichen aufgeregten Bootsführern, darunter namentlich einem Zyklopen von des Kapitäns Bekanntschaft, geentert, der mit seinem einzigen Auge den alten Freund schon auf tausend Ellen hin erspäht und seitdem fortwährend ein unverständliches Gebrüll mit demselben gewechselt hatte. Nachdem sie die gesetzliche Prise dieser Person geworden, die schrecklich heiser war und sich vielleicht seit Monaten nicht rasiert hatte, wurde das gesamte Kleeblatt an Bord des Sohns und Erben gebracht. Der Sohn und Erbe aber befand sich in großer Verwirrung; denn die Segel lagen bunt durcheinander auf dem nassen Deck; man strauchelte über die losen Taue, und Matrosen in roten Hemden liefen barfuß ab und zu, um jeden Fuß Raum mit Fässern zu versperren. Und wo die Unordnung am größten war, stand ein schwarzer Koch in einer schwarzen Kombüse, vom Rauch fast geblendet und unter einem Haufen von Gemüsepflanzen, die ihm bis zu den Augen reichten.

Der Kapitän nahm sofort Walter in eine Ecke und zog daselbst mit großer Anstrengung, so daß sein Gesicht ganz rot darüber wurde, die große silberne Uhr heraus, die so fest in seiner Tasche stak, daß sie bei der gedachten Operation wie ein Faßspund klappte.

»Wal'r«, sagte der Kapitän, indem er ihm die Uhr hinbot und ihm zugleich herzlich die Hand drückte, »ein Andenken auf die Reise, mein Junge. Rückt sie jeden Morgen um eine halbe Stunde und jeden Abend um eine Viertelstunde zurück, so ist's eine Uhr, daß Ihr Freude daran haben werdet.«

»Kapitän Cuttle, an etwas der Art dürft Ihr nicht denken«, rief Walter, indem er den alten Gentleman am Rocke festhielt, weil derselbe Reißaus nehmen wollte. »Ich bitte, nehmt sie zurück. Ich bin bereits mit einer Uhr versehen.«

»So nehmt« – entgegnete der Kapitän, plötzlich in seine Tasche greifend und die beiden Teelöffel nebst der Zuckerzange hervorlangend, mit denen er sich zur Begegnung eines solchen Einwurfes bewaffnet hatte – »so nehmt statt dessen diese Kleinigkeiten von Silber.«

»Nein, nein, auch dieses kann ich nicht«, erwiderte Walter, »obschon ich die gute Meinung mit tausendfältigem Dank anerkenne. O, laßt das doch, Kapitän Cuttle!« denn der Kapitän war im Begriff, die Pretiosen über Bord zu werfen. »Euch werden sie von größerem Nutzen sein, als mir. Gebt mir Euern Stock; diesen hätte ich schon längst besitzen mögen. So! Lebt wohl, Kapitän Cuttle! Tragt Sorge für meinen Onkel! Onkel Sol, Gott behüte Euch!«

Sie waren in dem Getümmel über die Schiffsseite hinuntergekommen, noch ehe Walter einen weiteren Blick von ihnen auffangen konnte; und als er nach dem Stern hinaufeilte, um ihnen nachzusehen, bemerkte er, wie sein Onkel den Kopf ins Boot niederhängen ließ, während Kapitän Cuttle ihm mit der großen silbernen Uhr – sicherlich nicht ohne blaue Male – den Rücken zerklopfte und dabei hoffnungsvoll mit den Teelöffeln und der Zuckerzange gestikulierte. Als letzterer Walters ansichtig wurde, ließ er mit der größten Sorglosigkeit das wertvolle Eigentum auf den Boden des Nachens niederfallen, als ob es für ihn gar nicht vorhanden sei, zog den Glanzhut ab und rief ihm aus Leibeskräften zu. Der Glanzhut blitzte in der Sonne, und der Kapitän fuhr fort, ihn zu schwenken, bis er nicht mehr gesehen werden konnte. Dann erreichte das Getümmel an Bord, das rasch zugenommen hatte, seine Höhe. Zwei oder drei andere Boote fuhren mit lautem Hurra ab, die Segel blähten sich oben unter der günstigen Brise, das Wasser sprühte funkelnd von dem Schnabel weg, und der Sohn und Erbe trat so hoffnungsvoll und fröhlich seine Reise an, wie vor ihm so mancher andere Sohn und Erbe, der aber gleichwohl zugrunde gegangen war.

Tag um Tag hielten der alte Sol und Kapitän Cuttle in dem kleinen Hinterstübchen den Lauf des Schiffes, und berechneten nach der Karte, die sie auf dem runden Tische vor sich liegen hatten, seinen Kurs. Und nachts, wenn der alte Sol so einsam nach dem Dachstübchen, wo es bisweilen grobes Geschütz blies, hinaufstieg, schaute er nach den Sternen, lauschte auf das Wehen des Windes und hielt weit längere Wacht, als ihm an Bord eines Schiffes zuteil geworden wäre. Mittlerweile blieb die Flasche alten Madeiras, der seinerzeit auch Seefahrten gemacht und die Gefahren der Tiefe kennengelernt hatte, stumm und ungestört unter dem Staub und den Spinngeweben liegen.

 

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