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Dombey und Sohn - Band 1

Charles Dickens: Dombey und Sohn - Band 1 - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn - Band 1
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Achtzehntes Kapitel.

Vater und Tochter.

In Mr. Dombeys Haus herrscht ein gedrücktes Schweigen. Diener gleiten die Treppen hinauf und herab, aber mit lautlosen Tritten. Sie flüstern stets miteinander, sitzen lang bei Tische, genießen viel Fleisch und Getränk und tun sich in grimmiger, unheiliger Weise gütlich. Mrs. Wickham erzählt mit tränenden Augen viele traurige Anekdoten und teilt mit, sie habe bei Mrs. Pipchin stets gesagt, daß es so kommen werde. Sie trinkt dabei ungewöhnlich viel Tafelbier und ist sehr betrübt, aber dennoch gesellig. Der Gemütszustand der Köchin verhält sich ungefähr ebenso. Sie verspricht ein Brätlein zum Nachtessen und kämpft in gleicher Weise gegen ihre Gefühle und gegen die Zwiebel. Towlinson fängt an zu glauben, es liege ein Fatum darin, und wünscht zu wissen, ob ihm jemand sagen kann, daß aus dem Wohnen in einem Eckhause je etwas Gutes erwachsen sei. Die Sache kommt allen vor, als habe sie sich schon vor langer Zeit zugetragen, und doch liegt das Kind noch auf seinem Bettchen – ruhig und schön.

Nach Einbruch der Dunkelheit kommen einige Besuche – lautlose Gäste mit Filzschuhen, die früher schon dagewesen waren, und mit ihnen trifft jenes Ruhebett ein, das an kindlichen Schläfern so befremdlich ist. Die ganze Zeit über hat sich der unglückliche Vater nicht einmal vor seiner Dienerschaft blicken lassen; er sitzt in einer Ecke seines dunkeln Gemachs, ohne sich anders zu rühren, als daß er hin und wieder aufsteht, um im Zimmer hin und her zu gehen. Am andern Morgen flüstert sich das Gesinde zu, man habe ihn mitten in der Nacht hinaufgehen hören, und er sei droben geblieben in dem Stübchen, bis die Sonne sich zeigte.

In dem Geschäftslokal der City sind die unteren Fenster durch Läden verdunkelt, und während die angezündeten Lampen auf den Pulten halb in dem vorrückenden Tag erblinden, wird der Tag halb durch die Lampen ausgelöscht. Es herrscht ein ungewöhnliches Düster, und von Geschäft ist nicht sonderlich die Rede. Die Handlungsdiener haben keine Lust, zu arbeiten, und machen unter sich aus, daß sie nachmittags Hammelrippchen essen und es mit einer Flußpartie versuchen wollen. Der Ausläufer Perch will fast gar nicht mehr zurückkommen; er weilt in der Schenkstube des Wirtshauses, wohin er von Freunden eingeladen ist, und ergießt sich in Reden über die Unsicherheit menschlicher Angelegenheiten. Abends kommt er von Balls Pond früher als gewöhnlich nach Hause und traktiert Mrs. Perch mit einem Kalbskotelett und schottischem Ale. Mr. Carker, der Geschäftsführer, traktiert niemanden und wird nie traktiert; er sitzt allein in seinem Gemach und zeigt den ganzen Tag seine Zähne. Fast gewinnt es den Anschein, als sei sein Pfad gesäubert, irgendein Hindernis weggeräumt worden, und die Aussicht liege jetzt frei vor ihm.

Jetzt schauen die rosigen Kinder, welche Mr. Dombeys Hause gegenüber wohnen, aus den Fenstern der Kinderstube auf die Straße herunter, denn vor der Tür stehen vier Rappen mit Federn auf den Köpfen. Federbüsche zittern auf dem Wagen, den sie ziehen, und diese sowohl, als ein Häuflein von Männern mit Schärpen und Stäben locken einen Volkshaufen herbei. Der Gaukler, der auf der Degenspitze einen Teller tanzen lassen wollte, wirft seinen Mantel wieder über den schönen Anzug, der seine Kunst bezeichnet, und sein müdes Weib, das von dem schweren Bübchen auf ihrem Arme krumm geworden ist, folgt ihm nach, um den Zug herauskommen zu sehen. Sie drückt den Kleinen inniger an ihre schmutzige Brust, während die leichte Last fortgeführt wird, und das jüngste von den rosigen Kindern an dem hohen Fenster gegenüber bedarf keiner zügelnden Hand für seine Unbändigkeit, während es mit seinem Grübchenfinger niederdeutet und mit der Frage zu dem Gesicht seiner Wärterin aufblickt: »Was ist das?«

Durch den Haufen der in Trauer gekleideten Diener und der weinenden Weiber in der Halle tritt jetzt Mr. Dombey heraus und auf den andern Wagen zu, der ihn erwartet. Die Zuschauer glauben, er sei nicht niedergedrückt von Kummer und Schmerz, da er so aufrecht und steif einhergeht, wie nur je. Er verbirgt sein Gesicht hinter keinem Taschentuch, sondern schaut vor sich hin; seine Züge aber sind etwas eingesunken und starr – er sieht blaß aus, im übrigen aber ganz so wie sonst. Er nimmt Platz in dem Wagen, und drei andere Gentlemen folgen ihm. Dann bewegt sich der großartige Leichenzug langsam die Straße hinunter. Man sieht die Federbüsche noch in der Ferne nicken, während der Gaukler bereits seine Teller auf einem Stock tanzen läßt, und derselbe Volkshaufe steht bewundernd um ihn her. Aber das Weib des Gauklers ist nicht so hurtig wie sonst mit der Geldbüchse, denn die Beerdigung eines Kindes hat den Gedanken in ihr rege gemacht, der Säugling unter ihrem schäbigen Halstuch wachse vielleicht nicht zu einem Mann heran, um dann in einem himmelblauen Barett auf dem Kopf und in lackfarbigen Trikots auf der Gasse Purzelbäume zu machen.

Die Federn nicken düster die Straße entlang und kommen endlich in den Bereich der Kirchturmglocke. In derselben Kirche hatte der Knabe das erhalten, was bald allein von ihm auf Erden zurückgeblieben sein wird – einen Namen. Dort legen sie in der Nähe der verweslichen Substanz seiner Mutter den toten Leib nieder. Ihm ist wohl. Die Asche von Mutter und Sohn liegt da, wo Florence in ihren, ach, so einsamen Spaziergängen jeden Tag einen Besuch machen kann.

Die Gebete sind vorüber, und der Geistliche hat sich entfernt. Mr. Dombey sieht sich um und fragt mit gedämpfter Stimme: ob die Person da sei, an welche der Auftrag ergangen, sich zur Entgegennahme der Weisungen für Besorgung des Grabsteins einzufinden.

Ein Mann tritt vor und sagt: »Ja.«

Mr. Dombey deutet an, wo er das Monument haben will, und bezeichnet an der Mauer neben dem Denkstein der Mutter die Gestalt und den Umfang. Dann holt er einen Bleistift heraus, schreibt die Inschrift auf einen Streifen Papier, gibt sie dem Arbeiter und fügt die Bemerkung bei:

»Ich wünsche, daß es schleunigst besorgt werde.«

»Ich werde mich bestens beeilen, Sir.«

»Ihr seht, es ist nichts anzubringen als der Name und das Alter.«

Der Mann verbeugt sich und wirft einen Blick auf das Papier, scheint aber jetzt Anstand zu nehmen. Mr. Dombey, der sein Zaudern nicht bemerkt, wendet sich ab und geht auf das Kirchhofportal zu.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, sagt der Mann, der ihm folgt und die Hand sanft auf den Ärmel seiner Trauerkleider legt; »aber da Ihr alsbaldige Besorgung wünscht und der Gegenstand unmittelbar in Angriff genommen werden soll –«

»Nun?«

»Vielleicht habt Ihr die Güte, es noch einmal zu übersehen? Ich glaube, es waltet hier ein Irrtum ob.«

»Wo?«

Der Steinmetz gibt ihm das Papier zurück und deutet mit einem Taschenlineal auf die Worte: »Geliebtes und einziges Kind«.

»Es muß wohl ›Sohn‹ heißen, glaube ich, Sir?«

»Ihr habt recht. Natürlich. Korrigiert es.«

Mit hastigeren Schritten setzte der Vater seinen Weg nach der Kutsche fort. Wie die anderen drei, welche ihm auf dem Fuße folgen, ihre Sitze einnehmen, ist sein Gesicht zum ersten Male verhüllt; er hat es in den Mantel verborgen. Auch werden sie desselben am nämlichen Tage nicht wieder ansichtig. Er steigt zuerst aus und begibt sich unverweilt nach seinem Zimmer. Die andern Leidtragenden, welche nur aus Mr. Chick und zwei von den Ärzten bestehen, verfügen sich in den Salon, wo sie von Mrs. Chick und Miß Tox empfangen werden. Wie das Gesicht in dem verschlossenen Gemache unten aussah, welche Gedanken dort weilen, wie es in dem Herzen aussah, und welcher Kampf, welche Leiden daselbst stattfanden – man weiß es nicht.

Aber so viel weiß man unten in der Küche, daß es im Haus »wie an einem Sonntag« ist. Man kann sich kaum überzeugen, daß in dem Benehmen der Leute auf der Straße, die ihren gewöhnlichen Beschäftigungen nachgehen und ihren Alltagsanzug tragen, nicht etwas Unanständiges, wo nicht gar etwas Gottloses liege. Es ist etwas so Neues, daß die Blenden niedergelassen und die Läden offen sind; man tut sich unheimlich gütlich über den Weinflaschen, die herbeigebracht werden, wie an einem Festtag. Die Hausgenossenschaft ist sehr zum Moralisieren geneigt. Mr. Towlinson bringt mit einem Seufzer den Trinkspruch aus: »es möchte besser werden mit ihnen allen«; und die Köchin erwiderte darauf gleichfalls mit einem Seufzer: »Gott wisse es, daß man's brauchen könne.« Abends greifen Mrs. Chick und Miß Tox wieder zu ihrem Strickzeug, während Mr. Towlinson, von der Hausmagd begleitet, die ihren Trauerhut noch nicht probiert hat, auf einem Spaziergang ein wenig Luft schöpfen will. Sie benehmen sich an der düstern Straßenecke sehr zärtlich gegeneinander, und Towlinson ergeht sich in Gesichten, wie er ein anderes und makelloses Dasein als frommer Gemüsehändler auf dem Oxfordmarkt führen wolle.

In Mr. Dombeys Hause schläft man in dieser Nacht weit tiefer, als seit lange. Die Morgensonne erweckt den alten Haushalt, der mit einem Male wieder in die alte Weise einbiegt. Die rosigen Nachbarskinder tummeln mit Reifen umher, und nach der Kirche hin zieht eine prunkvolle Hochzeit. Das Weib des Gauklers ist in einem andern Viertel der Stadt mit der Geldbüchse sehr rührig, und der Steinmetz meißelt singend und pfeifend die Buchstaben PAUL in die vor ihm liegende Marmorplatte ein.

Und ist es möglich, daß in einer so vollen, so rührigen Welt der Verlust eines einzigen so schwachen Lebens in irgendeinem Herzen eine Leere zurücklassen konnte, weit und tief genug, daß nichts als die Weite und Tiefe einer endlosen Ewigkeit es ausfüllen kann! Florence in ihrem unschuldigen Schmerz hätte vielleicht geantwortet: »O mein Bruder, o mein heißgeliebter, mein liebevoller Bruder! Einziger Freund und Gefährte meiner verachteten Kindheit! Könnte nur irgendeine kleinere Idee das Licht ausgießen, das schon über deinem frühen Grabe dämmert, oder den Schmerz mildern, der unter diesem Tränenregen ins Leben tritt!«

»Mein liebes Kind«, sagte Mrs. Chick, die es für ihre Pflicht hielt, die sich darbietende Gelegenheit zu benützen, »wenn du so alt bist, wie ich, –«

»Das heißt, in der eigentlichen Blüte des Lebens stehend«, bemerkte Miß Tox.

»So wirst du erfahren haben«, fuhr Mrs. Chick fort, indem sie in Anerkennung der freundlichen Bemerkung Miß Tox die Hand drückte, »daß der Gram zu nichts führt, und daß es unsere Pflicht ist, sich voll Ergebung in alles zu finden.«

»Ich will es versuchen, liebe Tante. Ich will es versuchen«, antwortete Florence schluchzend.

»Freut mich, dies zu hören«, sagte Mrs. Chick; »denn, meine Liebe, unsere gute Miß Tox, über deren gesundes Gefühl und über deren treffliches Urteil unmöglich eine geteilte Ansicht bestehen kann –«

»Meine teure Luisa, Ihr werdet mich nächstens stolz machen«, flocht Miß Tox ein.

»– wird dir gleichfalls sagen und aus ihrer Erfahrung bestätigen«, fuhr Mrs. Chick fort, »daß wir dazu berufen sind, bei allen Gelegenheiten eine Anstrengung zu machen. Dies liegt uns ob. Wenn irgendein – meine Liebe«, sich an Miß Tox wendend, »ich brauche ein Wort – Miß –, Miß –«

»Mißverhalten!« ergänzte Miß Tox.

»Nein, nein, nein«, sagte Mr«. Chick. »Wie könnt Ihr auch! Du, mein Himmel, es liegt mir auf der Zungenspitze. Miß –«

»Mißverstand?« deutete Miß Tox schüchtern an.

»Ach, gütiger Gott, Lukretia!« erwiderte Mrs. Chick, »wie ganz ungeheuer! Misanthrop heißt das Wort, das ich brauche. Die Idee! Mißverstand! Ich sage, wenn ein Misanthrop in meiner Gegenwart die Frage stellen wollte: ›Warum sind wir geboren?‹ so würde ich antworten: ›Um Anstrengungen zu machen‹.«

»In der Tat sehr gut«, sagte Miß Tox, durch die Originalität dieser Ansicht höchlich erbaut. »Sehr gut!«

»Leider«, fuhr Mrs. Chick fort, »schwebt unseren Blicken stets ein warnendes Beispiel vor. Wir haben nur zu viel Grund zur Annahme, mein liebes Kind, daß dieser Familie, wenn zu rechter Zeit eine Anstrengung gemacht worden, eine Kette der betrübendsten und bedauerlichsten Umstände erspart geblieben wäre. Nichts wird mich je von dem Gegenteil überzeugen«, bemerkte die gute Matrone mit entschlossener Miene, »daß nicht das liebe arme Herzenskind wenigstens eine kräftigere Konstitution gehabt hätte, wenn die gute selige Fanny diese Anstrengung gemacht hätte.«

Mrs. Chick gab sich einen Moment ganz ihren Gefühlen hin, unterbrach sich aber plötzlich, um eine praktische Illustration ihrer Doktrin zu geben, mitten in einem tiefen Seufzer und fuhr fort:

»Deshalb zeige uns, Florence, daß du einige geistige Kraft besitzest und nicht selbstsüchtig den Kummer noch schwerer machst, unter welchem dein armer Papa fast erliegt.«

»Teure Tante«, sagte Florence, indem sie hastig vor ihr niederkniete, um desto besser und angelegentlicher aufblicken zu können. »Erzählt mir mehr von Papa. Ich bitte, sprecht mit mir von ihm! Ist er ganz trostlos?«

Miß Tox besaß ein sehr zartes Gemüt, und es lag in diesem Ausruf etwas, was sie sehr ergriff. Sah sie vielleicht an dem vernachlässigten Kinde eine Folge des innigen Leides, das der tote Bruder so oft ausgedrückt hatte, – erkannte sie darin eine Liebe, welche sich an das Herz anzuschmiegen suchte, das ihn geliebt hatte, und das es nicht zu ertragen vermochte, von der wehmütigen Gemeinschaft der Liebe und des Schmerzes ausgeschlossen zu sein, – oder bemerkte sie nur die anspruchslose Innigkeit eines Geistes, der, obgleich vernachlässigt und zurückgewiesen, erfüllt war mit lange unerwiderter Zärtlichkeit, in der einsamen Öde ihrer Verwaisung aufrufend zu dem Vater, um bei ihm auch nur durch eine kleine Annäherung Trost zu suchen und ihm Trost zu geben, – was auch Miß Tox dabei denken mochte, genug, sie fühlte sich ergriffen. Für den Augenblick vergaß sie ganz die Majestät von Mrs. Chick, streichelte hastig Florences Wangen, wandte sich zur Seite und ließ ihren Tränen freien Lauf, ohne damit erst auf den Vorgang der weisen Matrone zu warten.

Mrs. Chick selbst verlor für einen Moment die Geistesgegenwart, auf die sie sich so viel zu gut tat, und blickte stumm auf das Gesicht nieder, das so lang, so stetig und so geduldig dem kleinen Wesen zugekehrt gewesen. Sobald sie jedoch ihre Stimme, was bei ihr gleichbedeutend und überhaupt identisch mit Geistesgegenwart war, wiedergewonnen hatte, versetzte sie mit Würde:

»Florence, mein liebes Kind, dein armer Papa ist zuweilen sonderbar, und wenn du mich über ihn fragst, so gilt deine Frage einem Gegenstand, den zu begreifen in der Tat ich mir nicht anmaßen will. Ich glaube, ich habe auf deinen Papa so viel Einfluß, wie nur irgend jemand, und dennoch kann ich weiter nichts sagen, als daß er sich nur sehr kurz gegen mich ausgesprochen hat. Ich bekam ihn kaum ein- oder zweimal für eine Minute zu Gesicht, und kann auch da nicht einmal sagen, daß ich ihn gesehen habe, weil sein Zimmer verdunkelt war. Ich habe deinem Papa bemerkt: ›Paul‹ – dies ist genau der Ausdruck, den ich gebrauchte – ›Paul, warum nimmst du nicht etwas Stimulierendes?‹ und dein Papa antwortete mir stets: ›Luisa, hab die Güte, mich zu verlassen. Ich brauche nichts und fühle mich besser, wenn ich allein bin.‹ Wenn ich morgen von einem Friedensrichter darauf beeidigt werden sollte, Lukretia«, fügte Mrs. Chick bei, »so zweifle ich nicht, daß ich auf die Identität dieser Worte schwören könnte.«

Miß Tox drückte ihre Bewunderung durch die Bemerkung aus: »Meine Luisa ist stets methodisch.«

»Kurz, Florence«, fuhr Mrs. Chick fort, »bis heute ist buchstäblich nichts zwischen deinem armen Papa und mir vorgegangen. Erst als ich deinem Papa mitteilte, Sir Barnet und Lady Skettles haben ungemein wohlwollende Briefe geschickt – ach, unser süßer Knabe! Lady Skettles liebte ihn wie ein – – wo ist mein Taschentuch?«

Miß Tox brachte das Gewünschte herbei.

»Ungemein freundliche Briefe mit dem Vorschlag, du sollest sie besuchen um der Luftveränderung willen. Als ich deinem Papa sagte: ich meine, Miß Tox und ich könnten nun nach Hause gehen – worin er vollkommen mit mir einverstanden war –, fragte ich, ob er etwas gegen eine Annahme dieser Einladung von deiner Seite einzuwenden habe. Er sagte: ›Nein, Luisa, durchaus nichts‹.«

Florence schlug die tränenvollen Augen auf.

»Wenn du es aber gleichwohl vorziehen würdest, hier zu bleiben – wenn du weder vorderhand diesen Besuch machen, noch zu mir in mein Haus kommen willst – –«

»O, ich will lieber hier bleiben, Tante«, lautete die tonlose Antwort.

»Nun, das kannst du auch, mein Kind«, sagte Mrs. Chick. »Ich muß zwar gestehen, daß mir die Wahl befremdlich vorkommt: aber du bist immer sonderbar gewesen. Man sollte glauben, jede andere Person deines Alters würde nach dem, was vorgegangen ist – meine liebe Miß Tox, ich habe schon wieder mein Taschentuch verloren, – froh sein, wenn sie von hier fortkommen könnte.«

»Es fiele mir schwer, wenn ich denken sollte, daß ich das Haus meiden müsse«, versetzte Florence. »Die Vorstellung käme mir bitter vor, daß die – seine – die Stube oben ganz leer und traurig sei, Tante. Und so will ich lieber vorderhand hier bleiben. O mein Bruder! o mein Bruder!«

Diese natürliche Erregung ließ sich nicht unterdrücken und brach sich sogar durch die Finger der Hände, mit denen sie ihr Antlitz bedeckte, Bahn. Die übervolle Brust muß sich bisweilen in solcher Weise Luft machen, wenn das arme, verwundete, einsame Herz im Innern nicht flattern soll, wie ein Vogel mit durchschossenem Flügel, der bald in den Staub niedersinkt.

»Schon gut, mein Kind«, sagte Mrs. Chick nach einer Pause. »Ich möchte dir um alles in der Welt nichts Unliebes sagen und bin auch überzeugt, daß du dies selbst weißt. So bleib denn hier und tu, was dir gefällt. Sicherlich wird dich niemand belästigen oder überhaupt nur den Wunsch dazu hegen, Florence.«

Florence nickte in wehmütiger Zustimmung mit dem Kopf.

»Ich habe dem Papa geraten, er solle in einer Luftveränderung Zerstreuung und neue Kraft suchen«, bemerkte Mrs. Chick, »worauf er mir erwiderte, er habe sich bereits vorgenommen, eine Zeitlang aufs Land zu gehen. Ich hoffe, er wird seinen Entschluß bald ausführen, denn er kann nicht zu sehr damit eilen. Ich denke übrigens, er hat infolge des Leidens, das uns alle so sehr heimsuchte, manches in seinen Privatpapieren und dergleichen zu ordnen – ich kann mir nicht denken, was aus meinem Taschentuch geworden ist, meine liebe Lukretia, leiht mir das Eure – und dies wird ihn für einen oder zwei Abende auf seinem Zimmer festhalten. Wenn es je einen Dombey gab, mein Kind, so ist dein Papa einer«, fügte Mrs. Chick bei, indem sie mit großer Sorgfalt ihre beiden Augen mit den entgegengesetzten Enden von Miß Toxs Taschentuch trocknete. »Er wird eine Anstrengung machen, und wir brauchen also für ihn nichts zu fürchten.«

»Kann ich nichts für ihn tun, Tante?« fragte Florence zitternd.

»Himmel, mein liebes Kind«, fiel ihr Mrs. Chick hastig ins Wort, »was sprichst du? Wenn dein Papa zu mir sagte – ich habe genau seine Worte angeführt: ›Luisa, ich brauche nichts, ich bin am liebsten allein‹ – was glaubst du wohl, daß er zu dir sagen werde? Du mußt dich vor ihm gar nicht blicken lassen, Kind. Laß dir ja nichts derart einfallen.«

»Tante«, sagte Florence, »ich will gehen und mich zu Bett legen.«

Mrs. Chick lobte diesen Entschluß und entließ sie mit einem Kuß; aber Miß Tox folgte dem Mädchen unter dem Vorwand, das verlegte Taschentuch zu suchen, die Treppe hinauf und bemühte sich in einigen verstohlenen Minuten, sie zu ermutigen, ohne auf die finstere Miene von Susanna Nipper zu achten. Miß Nipper hielt nämlich in ihrem glühenden Eifer Miß Tox für ein Krokodil; aber gleichwohl schien die Teilnahme der letzteren echt zu sein, da sie wenigstens den Vorteil der Uneigennützigkeit für sich hatte, sintemal damit wenig Gunst zu gewinnen war.

Und war niemand da, der ihr näher stand oder lieber war, als Susanna, um das ringende Herz in seinem Weh aufzurichten? Konnte sie sich nicht an einen andern Hals anklammern, keinem andern Gesicht zuwenden, bei niemanden sonst Trost suchen in ihrem herben Schmerz? Stand Florence so ganz allein, daß in der frostigen Welt ihr sonst nichts übrig blieb? Nichts. Jetzt der Mutter und des Bruders beraubt – denn in dem Verlust des kleinen Paul trat ihr wieder jener erste und größte schwer vors Herz – hatte sie nur noch diese einzige Helferin; und wer kann sagen, wie sehr sie jetzt der Hilfe bedurfte!

Nachdem das Hauswesen wieder seinen gewohnten Gang eingeschlagen und mit Ausnahme des Gesindes alles sich entfernt hatte, konnte Florence, da sich ihr Vater in seinen eigenen Gemächern einschloß, nichts tun, als weinen und umherwandern. Im plötzlichen Schmerzgefühl bitterer Erinnerung pflegte sie dann hin und wieder in ihr Zimmer hinaufzueilen, wo sie die Hände rang, ihr Gesicht auf das Bett legte und keines Trostes sich erfreuen durfte in ihrem herben, herben Schmerz. Dies geschah gemeiniglich dann, wenn irgendein Ort oder ein Gegenstand besonders zärtliche Erinnerungen an den Verstorbenen geweckt hatte; und das Haus wurde ihr dadurch anfangs zu einem wahren Folterplatz.

Es liegt jedoch nicht in der Natur einer reinen Liebe, lange so ungestüm und verzehrend zu lodern. Die Flamme, die in ihrer gröberen Zusammensetzung den Charakter der Erde trägt, kann wohl die Brust verzehren, in der sie sich birgt: aber das heilige Feuer vom Himmel zuckt so mild im Herzen, wie es einst auf den Häuptern der versammelten Zwölf ruhte, die von den Umstehenden mit der hehren Leuchte geziert gesehen wurden, ohne daß sie Schaden davon nahmen. Das heraufbeschworene Bild gewann bald wieder das ruhige Antlitz, die sanfte Stimme, den liebenden Blick und den ruhigen Frieden der Zuversicht; Florence weinte zwar noch, aber ihre Tränen wirkten beschwichtigend, und sie fühlte sich glücklicher in der Erinnerung.

Es dauerte nicht sehr lange, bis das goldene Wasser, welches an dem alten Platz und in der alten heiteren Weise tanzte, in seinem Fortebben ihre Augen fesselte. Das Gemach wurde ihr wieder traulicher; denn wie oft hatte sie allein dagesessen und geduldig und milde an der Seite des kleinen Bettchens gewacht. Kam ihr dann der bittere Gedanke, daß es jetzt leer sei, so kniete sie wie sonst neben dem Lager nieder und betete aus voller Seele zu Gott, er möchte nur einem einzigen Engel gestatten, sie zu lieben und ihrer eingedenk zu sein.

Bald erscholl in Mitte des weiten, traurigen, unheimlichen Hauses ihre gedämpfte Stimme wieder, und im Zwielicht sang sie, langsam und oft sich unterbrechend, die alte Weise, auf die er so oft gelauscht hatte, während sein müdes Köpfchen auf ihrem Arm ruhte. Und wenn es dann ganz dunkel war, erzitterten melodische Akkorde im Zimmer – so weich gespielt und gesungen, daß sie sich mehr wie die traurige Erinnerung dessen ausnahmen, was sie am letzten Abend auf sein Geheiß getan hatte, als wie eine wiederholte Wirklichkeit. Die Wiederholung aber geschah oft, sehr oft in der schattigen Einsamkeit, und die Tasten zitterten noch nach, wenn auch die süße Stimme in Tränen erstickt war.

So gewann sie auch den Mut, auf die Arbeit zu blicken, mit welcher ihre Finger neben ihm am Seeufer beschäftigt gewesen, und es dauerte nicht lange, bis sie dieselbe wieder aufnahm – mit einer Art Liebe dazu, als liege auch Gefühl in dem leblosen Material, wie wenn es den hingeschiedenen Bruder gleichfalls gekannt hätte. Sie setzte sich dabei in der Nähe des Bildes ihrer Mutter an ein Fenster, und so entschwanden ihr in dem ungebrauchten, so lange verödeten Gemach die gedankenvollen Stunden.

Warum wandten sich die dunklen Augen so oft von dieser Arbeit ab, nach der Seite hin, wo die rosigen Kinder wohnten? Sie konnten sie nicht unmittelbar an ihren Verlust erinnern, denn es waren lauter Mädchen – vier kleine Schwestern; aber sie waren mutterlos, wie sie selbst – und hatten einen Vater.

Man konnte leicht merken, wann dieser ausgegangen war und zu Haus erwartet wurde; denn das ältere Kind sah stets von den Fenstern des Salons oder von dem Balkon nach ihm aus; und wenn er erschien, strahlten ihre sehnsuchtsvollen Augen vor Freude, während die andern, die gleichfalls an den hohen Fenstern auf der Lauer lagen, in ihre Hände klatschten, auf den Sims trommelten und ihm zuriefen. Das älteste Mädchen kam dann in die Halle herunter, streckte ihm die Händchen entgegen und führte ihn die Treppe hinauf. Florence sah sie später an seiner Seite sitzen, auf seinem Knie sich tummeln oder in liebevoller Umarmung seines Halses mit ihm plaudern. Zwar waren sie immer heiter zusammen, aber doch kam es ihr oft vor, als betrachte er ihr Gesicht, wie wenn er sich ihrer hingeschiedenen Mutter erinnere. Wenn Florence Zeuge von solchen Szenen war, verbarg sie sich bisweilen unter hervorquellenden Tränen hinter dem Vorhang oder eilte vom Fenster weg, konnte aber nicht umhin, wieder zurückzukehren, und ihre Arbeit entsank dann unbeachtet ihren Händen.

Dieses Haus hatte vor Jahren leer gestanden und war lange unbewohnt geblieben. Endlich wurde es während Florences Abwesenheit von dieser Familie bezogen, ausgebessert und neu angestrichen. Man sah in den Fenstern Vögel und Blumen, so daß es ganz anders aussah, wie vor alters. Aber Florence dachte nie an das Haus – die Kinder und ihr Vater waren ihr alles in allem.

Nach dem Mittagsmahl konnte sie durch die offenen Fenster sehen, wie die kleinen Mädchen mit ihrer Gouvernante oder Wärterin hinuntergingen und sich um den Tisch sammelten. Bei schönem Sommerwetter drang der Ton ihrer kindlichen Stimmen und ihr klares Lachen über die Straße hinüber bis in die schwüle Luft des Zimmers, in welchem sie saß. Dann kletterten sie wieder dem Vater nach, zerrten ihn auf dem Sofa herum oder setzten sich auf seine Knie – ein wahrer Blumenstrauß von kleinen Gesichtern, während er ihnen ein Märchen zu erzählen schien; oder sie eilten auch auf den Balkon hinauf, und dann pflegte sich Florence hastig zu verbergen, damit ihre Freude nicht gestört werde, wenn die Kleinen sie so einsam und in ihrem schwarzen Kleide dasitzen sahen. Hatten sich die jüngeren entfernt, so blieb das ältere Töchterchen bei dem Vater, um ihm den Tee zu machen – die glückliche kleine Haushälterin! – Dann plauderte sie mit ihm zuweilen unter dem Fenster, zuweilen im Zimmer, bis die Lichter kamen. Er machte sie zu seiner Gefährtin, obschon sie einige Jahre jünger war als Florence, und sie konnte mit ihrem kleinen Buch oder ihrem Strickkörbchen so gesetzt sein wie eine Frau. Wenn die Lichter brannten, scheute sich Florence nicht mehr, aus ihrem dunkeln Zimmer hinüberzuschauen; sobald aber die Zeit kam, in welcher das Kind vor dem Schlafengehen: »Gute Nacht, Papa!« sagte, konnte Florence nicht mehr hinsehen; sie schluchzte und zitterte, wenn die Kleine ihr Antlitz zu ihm erhob. Dennoch kehrte sie, ehe sie selbst schlafen ging, von der einfachen Arie, die Paul so oft in Schlummer gelullt, und von den bebenden Tönen ihres Pianos wieder und wieder zu diesem Hause zurück. Was sie aber davon dachte, was sie daselbst beobachtete – dies war ein Geheimnis, das sie tief in ihrer jugendlichen Brust bewahrte.

Und barg nicht die Brust Florences, dieses edlen Mädchens, das so würdig der Liebe war, die er zu ihr gehegt und mit seinen letzten sterbenden Lauten ihr ins Ohr geflüstert hatte – deren schuldloses Herz sich spiegelte in der Schönheit ihres Antlitzes und in jedem Akzent ihrer sanften Stimme atmete – barg diese Brust nicht noch ein anderes Geheimnis? Ja. Noch eines.

Wenn niemand im Hause mehr auf und das Licht überall gelöscht war, pflegte sie leise ihr Zimmer zu verlassen, mit lautlosen Tritten die Treppen hinunterzugehen und sich der Tür ihres Vaters zu nähern. Kaum atmend lehnte sie ihr Gesicht daran und küßte sie in der Sehnsucht ihrer Liebe. Sie kauerte sich jede Nacht auf dem kalten Steinpflaster vor derselben nieder, um nur seine Atemzüge zu hören, und in ihrem alles verzehrenden Wunsche, ihm nur einige Liebe erzeigen, ihn trösten und durch ihre Innigkeit einiges Gefühl für sie wecken zu können, wäre sie gerne in demütiger Bitte vor ihm auf die Knie niedergesunken; aber sie konnte sich nicht so weit ermutigen.

Niemand wußte davon und niemand wäre je auf diesen Gedanken gekommen. Die Tür war stets zu, und er hatte sie von innen abgeschlossen. Ein- oder zweimal ging er aus, und unter dem Gesinde sagte man sich, er werde bald seine Reise aufs Land antreten; aber er bewohnte einsam seine Zimmer, sah sie nie und fragte auch nicht nach ihr. Vielleicht wußte er nicht einmal, daß sie im Hause war.

Eines Tages, ungefähr eine Woche nach der Beerdigung, saß Florence eben bei ihrer Arbeit, als Susanna mit einem halb lachenden, halb weinerlichen Gesicht eintrat, um einen Besuch anzumelden.

»Ein Besuch? Und er sollte mir gelten?« sagte Florence, erstaunt aufblickend.

»Ja; und ist es nicht ein eigentliches Wunder, Miß Floy?« versetzte Susanna. »Wollte Gott, Ihr hättet viele Besuche; denn es würde Euch weit besser dabei, und das ist meine Ansicht, daß wir beide recht wohl daran tun würden, wenn Ihr und ich auch nur zu den alten Skettlesen gingen, Miß. Ich bin zwar keine Freundin davon, unter einem großen Haufen zu leben, Miß Floy; aber dennoch bin ich keine Auster.«

Um Miß Nipper Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, müssen wir sagen, daß sie mehr im Interesse ihrer kleinen Gebieterin als für sich selbst sprach, und aus ihrem Gesicht war dies deutlich zu entnehmen.

»Aber der Besuch, Susanna?« bemerkte jetzt Florence.

Mit einem hysterischen Losbrechen, das ebensoviel von einem Gelächter als vom Schluchzen, und soviel vom Schluchzen als von einem Gelächter hatte, antwortete Susanna:

»Mr. Toots!«

Das Lächeln, das für einen Augenblick auf Florences Antlitz aufgetaucht war, entschwand wieder, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Jedenfalls aber war ein Lächeln dagewesen, und dies gereichte Miß Nipper zu großer Befriedigung.

»Ganz meine eigenen Gefühle«, sagte Susanna, die Schürze vor ihre Augen bringend und den Kopf schüttelnd. »Sobald ich diesen Unschuldigen in der Halle sah, brach ich anfangs in ein Lachen aus, und dann ist mir's in der Kehle stecken geblieben.«

Susanna Nipper wiederholte unwillkürlich und unverweilt denselben Prozeß. Inzwischen war Mr. Toots ohne eine Ahnung von dem Eindruck, den er hervorgebracht hatte, die Treppe heraufgekommen, hatte sich mit den Fingerknöcheln an der Tür selbst angekündigt und trat nun sehr rasch ein.

»Wie befindet Ihr Euch, Miß Dombey?« begann Mr. Toots. »Ich bin sehr wohl, danke Euch – aber wie geht es Euch?«

Es gab wenige bessere Burschen in der Welt, als Mr. Toots, obschon sich hin und wieder ein gescheidterer finden mochte, und er hatte diesen langen Ausbruch von Beredsamkeit in der Absicht erfunden, sowohl seine eigenen als die Gefühle von Florence zu erleichtern. Da er jedoch die Entdeckung machen mußte, er habe sein ganzes Eigentum sozusagen in unvorsichtiger Weise aufgebraucht, indem er das Ganze verausgabte, noch ehe er einen Stuhl genommen, oder bevor Florence ein Wort gesprochen hatte – ja, sogar ehe er noch recht zur Türe hereingekommen war – dünkte es ihm rätlich, wieder von vorn anzufangen.

»Wie befindet Ihr Euch, Miß Dombey?« sagte Mr. Toots. »Ich bin sehr wohl, danke Euch; wie geht es Euch?«

Florence reichte ihm die Hand und erwiderte darauf, daß sie sich sehr wohl befinde.

»Ich mich auch«, sagte Mr. Toots, indem er einen Stuhl nahm. »In der Tat sehr wohl. Kann mich nicht erinnern«, fügte er nach einem kurzen Besinnen bei, »daß ich mich je besser befunden hätte: danke Euch.«

»Es ist sehr freundlich von Euch, daß Ihr kommt, mich zu besuchen«, sagte Florence, ihre Arbeit aufnehmend. »Ich freue mich, Euch zu sehen.«

Mr. Toots antwortete mit einem Kichern, und als ihm dabei der Gedanke kam, diese Äußerung möchte zu lebhaft gewesen sein, verbesserte er sie mit einem Seufzer. Da ihm jedoch dieser zu melancholisch deuchte, so korrigierte er ihn wieder mit einem Kichern; und keineswegs zufrieden sowohl über die eine als die andere Art der Antwort, atmete er schwer auf.

»Mein lieber Bruder hat Euch sehr gern gehabt«, sagte Florence, einem natürlichen Gefühl folgend, um seine Unbehaglichkeit einigermaßen zu bannen. »Er erzählte mir oft von Euch.«

»O, hievon ist gar nicht die Rede«, bemerkte Mr. Toots hastig. – »Warm – nicht wahr?«

»Es ist schön Wetter«, versetzte Florence.

»Namentlich mir sagt es sehr zu«, meinte Mr. Toots. »Ich glaube, es ist mir in meinem Leben nie so wohl gewesen, wie gegenwärtig; danke Euch schönstens.«

Nach Berührung dieser denkwürdigen und unerwarteten Tatsache versank Mr. Toots in einen tiefen Abgrund des Schweigens.

»Ich glaube, Ihr seid nicht mehr bei Doktor Blimber?« fragte Florence in der Absicht, ihm durchzuhelfen.

»Will's meinen«, entgegnete Mr. Toots und purzelte wieder in die vorige Tiefe. Auf dem Boden derselben blieb er auch, augenscheinlich ganz ertränkt, wenigstens zehn Minuten lang. Nach Ablauf dieser Periode wurde er plötzlich wieder flott und sagte:

»Na, guten Morgen, Miß Dombey.«

»Wollt Ihr schon wieder gehen?« fragte Florence, von ihrem Sitz aufstehend.

»Ich weiß wahrhaftig nicht. Nein, nicht eben jetzt«, entgegnete Mr. Toots, indem er höchst unerwartet wieder Platz nahm. »Es handelt sich davon – ich meine, Miß Dombey –«

»Sprecht Euch unverhohlen gegen mich aus«, entgegnete Florence mit ruhigem Lächeln. »Es wäre mir sehr lieb, wenn Ihr von meinem Bruder mit mir reden wolltet.«

»Wirklich?« erwiderte Mr. Toots, und jede Linie seines sonst ausdruckslosen Gesichts zuckte in lebhafter Teilnahme. »Der arme Dombey! Ich hätte in der Tat nicht gedacht, daß Burgeß & Komp. – fashionable Schneider, aber sehr teuer, von denen wir oft zu sprechen pflegten – mir für einen solchen Anlaß dieses Kleid machen würden.« Mr. Toots trug einen Traueranzug. »Der arme Dombey! Jawohl, Miß Dombey!« heulte Toots.

»Ja!« versetzte Florence.

»Es gibt einen Freund, für den er sich in letzter Zeit sehr interessierte, und ich meinte, Ihr möchtet ihn als eine Art Andenken vielleicht gern besitzen. Ihr erinnert Euch, daß er noch von Diogenes sprach.«

»O ja! o ja!« rief Florence.

»Der arme Dombey – jawohl«, sagte Mr. Toots.

Als Mr. Toots Florence in Tränen schwimmen sah, hatte er große Not, über diesen Punkt wegzukommen, und wäre ums Haar wieder in den Abgrund hinuntergepurzelt; aber ein Kichern rettete ihn noch am Rande.

»So hört, Miß Dombey«, fuhr er fort. »Ich hätte ihn für zehn Schillinge stehlen lassen können, wenn man ihn nicht hergegeben hätte. Und so würde ich's auch gehalten haben; aber ich glaube, man ist froh gewesen, ihn loszuwerden. Wenn Ihr ihn haben wollt, er ist an der Tür. Ich brachte ihn absichtlich für Euch mit. Freilich, Ihr wißt, er ist kein Damenhund«, fügte Mr. Toots bei; »aber ich denke, Ihr werdet Euch hieran nicht kehren.«

Wie man sich alsbald durch den Augenschein überzeugen konnte, wenn man in die Straße hinuntersah, glotzte Diogenes in demselben Augenblick durch das Fenster einer Kutsche heraus, in die man ihn zum Zweck der Beförderung nach London unter dem falschen Vorwand, es seien Ratten unter dem Stroh, verlockt hatte. Wenn man die Wahrheit sagen will, so sah er einem Damenhund so wenig ähnlich, als dies überhaupt bei einem Hund möglich war. Auch erwies er sich sehr ungehalten über seine Haft und nahm sich dabei gar nicht lieblich aus, denn er kläffte durch die eine Seite seines Rachens heraus, überschlug sich bei jeder von seinen vergeblichen Anstrengungen, um in das Stroh niederzupurzeln, und sprang dann wieder keuchend empor, wobei er die Zunge herausstreckte, als sei er expreß in eine Klinik gekommen, um daselbst seine Gesundheit untersuchen zu lassen.

Diogenes war ein so lächerlicher Hund, wie man nur immer einen an einem Sommertag treffen kann – ein belferndes, bösartiges, plumpes, stierköpfiges Tier, das sich unaufhörlich mit der irrtümlichen Idee trug, es befinde sich ein Feind in der Nachbarschaft, den anzubellen verdienstlich sei. Aber trotz dieser üblen Eigenschaften und des Umstandes, daß seine Augen ganz von Haaren beschattet waren, und er nicht nur eine ganz ungewöhnliche Nase, sondern auch einen sehr widerspenstigen Schwanz und eine unangenehme Stimme hatte, wurde er infolge jener letzten Mahnung dessen, der gebeten hatte, man möchte Sorge für ihn tragen, unserm Mädchen doch teurer, als das wertvollste und schönste Tier seiner Art. Ja, derselbe häßliche Diogenes war ihr so willkommen, daß sie Mr. Toots' beringte Hand ergriff und sie in ihrer Dankbarkeit küßte.

Endlich wurde Diogenes losgelassen. Es kostete anfangs keine geringe Mühe, ihn aus der Kutsche herauszubringen; aber jetzt kam er polternd die Treppe herauf, schoß, eine lange eiserne Kette nachschleppend, die ihm vom Halse herunterhing, unter das Möbelwerk des Zimmers, wobei er sich mit seinem Anhängsel an den Tisch- und Stuhlfüßen verfing, und zerrte so sehr daran, bis seine Augen infolge ihres Hervorquellens aus dem Kopfe natürlich sichtbar wurden. Mr. Toots, der Vertraulichkeit gegen ihn äußerte, wurde von ihm angeknurrt, und dann ging's wild auf Towlinson los, von dem er moralisch überzeugt war, dies sei der Feind, den er sein ganzes Leben um die Ecke herum angebellt und gleichwohl noch nie zuvor gesehen hatte. Aber dennoch hatte Florence eine so große Freude an ihm, als wäre er ein wahres Wunder von einem herzigen Hund gewesen.

Mr. Toots fühlte sich überglücklich bei dem Eindruck, den sein Geschenk gemacht hatte, und war ganz entzückt, als er sah, daß Florence sich zu Diogenes niederbeugte und mit ihrer zarten, kleinen Hand seinen rauhen Rücken streichelte – eine Liebkosung, die sich Diogenes vom ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an in Gnaden gefallen ließ. In seiner Verzückung fand es der junge Gentleman schwer, zu einer Verabschiedung zu kommen, und würde ohne Zweifel noch viel länger unschlüssig dageblieben sein, wenn er nicht von Diogenes selbst unterstützt worden wäre, der sich's plötzlich in den Kopf setzte, Mr. Toots anzubellen und ihn mit offenem Rachen zu umwandeln. Da er nicht sah, wie zuletzt diese Demonstrationen enden mochten, und den Pantalons, die er der Kunst von Burgeß & Komp. verdankte, große Gefahr zu drohen schien, so huschte er zuletzt unter Kichern zur Tür hinaus, durch welche er allerdings noch zwei- oder dreimal ohne irgendeinen besonderen Zweck wieder hereinsah. Weil aber bei jeder solchen Gelegenheit Diogenes ihn mit einem neuen Sturm begrüßte, so gewann er es endlich über sich, völlig abzuziehen.

»So komm denn, Di! Lieber Di! schließe Freundschaft mit deiner neuen Gebieterin. Laß uns einander lieben, Di!« sagte Florence, indem sie seinen zottigen Kopf streichelte.

Und der rauhe, bissige Di, als fühlte er durch seine haarige Haut die Träne, die darauf niederträufelte, und als schmölze sein Hundeherz darüber, legte seine Nase an ihr Gesicht und schwur ihr Treue.

Diogenes, der Mensch, redete nicht deutlicher zu Alexander dem Großen, als Diogenes, der Hund, zu Florence sprach. Er nahm das Erbieten seiner kleinen Herrin mit Freuden auf und widmete sich ihrem Dienste. Sofort wurde in einer Ecke für ihn eine Bank besorgt, und nachdem er sich gehörig an Speis und Trank erlabt hatte, begab er sich nach dem Fenster, wo Florence saß; er schaute zu ihr auf, erhob sich auf seine Hinterbeine, legte seine täppischen Vorderpfoten auf ihre Schulter, leckte ihr Gesicht und Hände, schmiegte seinen dicken Kopf an ihr Herz und wedelte mit dem Schwanze, bis er müde war. Endlich kauerte er sich zu ihren Füßen nieder und fing an zu schlafen.

Zwar war Miß Nipper in Beziehung auf Hunde sehr furchtsam, sintemal sie es für nötig hielt, nur mit sorgfältig aufgehobenen Rockschößen, als sollte sie vermittels einiger Trittsteine über einen Bach setzen, ins Zimmer zu kommen; auch stieß sie manchen kleinen Schrei aus und sprang auf Stühle, so oft Diogenes sich streckte; aber gleichwohl war sie in ihrer eigenen Weise von Mr. Toots' wohlwollender Gesinnung gerührt und konnte von der Anhänglichkeit und Gesellschaft dieses rauhen Freundes des kleinen Paul unmöglich Zeuge sein, ohne dadurch auf geistige Betrachtungen geführt zu werden, die ihr das Wasser in die Augen brachten. Wenn sie ihrem Gedankengange folgte, sah sie sich genötigt, Mr. Dombey mit dem Hund in Verbindung zu bringen; denn nachdem sie den ganzen Abend Diogenes und seine Gebieterin beobachtet, auch mit herzlich gutem Willen ihr Äußerstes getan hatte, in dem Vorzimmer für den Hund ein ordentliches Bett zu bereiten, sagte sie noch hastig, ehe sie sich für die Nacht verabschiedete, zu Florence:

»Morgen früh reist Euer Pa ab, Miß Floy.«

»Morgen früh, Susanna?«

»Ja, Miß; so lautet der Befehl, den er gegeben hat. Mit dem frühesten.«

»Wißt Ihr, wohin Papa geht, Susanna?« fragte Florence, ohne zu ihr aufzublicken.

»Nicht mit Bestimmtheit, Miß. Zuerst will er mit jenem merkwürdigen Major zusammentreffen, und ich muß sagen, wenn ich mit was immer für einem Major bekannt wäre – was der Himmel verhüten möge – so dürfte es wenigstens kein blauer sein.«

»Bst, Susanna!« verwies ihr Florence mit Sanftmut.

»Nun ja, Miß Floy«, entgegnete Miß Nipper voll glühender Entrüstung und sogar weniger als gewöhnlich ihrer Komma-Pausen eingedenk. »Was kann ich dafür? Blau ist er, und solange ich – wenn auch nur eine geringe Christin bin, müßte ich entweder Freunde von natürlicher Farbe haben, oder gar keine.«

Aus dem, was sie noch hinzufügte und vom Hörensagen in der Gesindestube aufgegriffen hatte, schien hervorzugehen, daß es ein Werk von Mrs. Chick gewesen war, den Major als Mr. Dombeys Gesellschafter vorzuschlagen – ein Antrag, auf den Mr. Dombey nach einigem Zögern so weit einging, daß er an den besagten Gentleman eine Einladung erließ.

»Von ihm als von einem Wechsel zu sprechen – jawohl!« bemerkte Miß Nipper vor sich hin mit grenzenloser Verachtung, »Wenn dieser ein Wechsel ist, so will ich's mit dem Bestand halten.«

»Gute Nacht, Susanna«, sagte Florence.

»Gute Nacht, meine liebe, teure Miß Floy.«

Der mitleidige Ton ihrer Stimme ergriff lebhaft die so oft rauh berührte Saite, obschon sie nie erklang, wenn Miß Nipper oder sonst jemand zugegen war. Florence blieb allein, stützte den Kopf auf die eine Hand, drückte die andere an ihr pochendes Herz und hielt ungehinderte Zwiegespräche mit ihrem Gram.

Es war eine unfreundliche Nacht, und der melancholische Regen fiel mit schwerfälligem, plätscherndem Ton nieder. Der Wind umwehte mit gedehntem Stöhnen das Haus, als sei er selbst schmerzlich berührt, und ein schrilles Getöse zitterte durch die Bäume. Unter Florences Tränen wurde es immer später und später, bis die traurige Stunde der Mitternacht von den Kirchtürmen herunter ihren Ruf vernehmen ließ.

Den Jahren nach – sie zählte noch nicht vierzehn – war Florence wenig mehr als ein Kind, und die düstere Einsamkeit einer solchen Stunde in dem großen Haus, wo der Tod kürzlich erst so furchtbar gewaltet, hätte wohl eine ältere Phantasie mit Schreckbildern zu erfüllen vermocht. Aber die unschuldige Einbildungskraft des Mädchens war zu voll von einem einzigen Thema, um andern Zutritt zu gestatten. Nur Liebe beschäftigte ihre Gedanken – eine unstete, ja sogar eine verstoßene Liebe, die stets zu ihrem Vater zurückkehrte. In dem fallenden Regen, in dem Stöhnen des Windes, in dem Schaudern der Bäume oder in dem Schlag der feierlichen Glocke lag nichts, was diesen einen Gedanken erschütterte oder seine Überwucht minderte. Zwar konnte sie sich nie der Erinnerung an den teuern toten Knaben entschlagen; aber ach, so verwaist, so ausgeschlossen zu sein – nie ihrem Vater ins Gesicht geschaut oder ihn berührt zu haben seit dieser Stunde!

Von dem Tage der Beerdigung an war das arme Kind nie zu Bett gegangen, ohne ihre nächtliche Pilgerfahrt nach seiner Tür zu machen. Es wäre wohl ein befremdlich wehmütiger Anblick gewesen, wenn man sie jetzt gesehen hätte, wie sie sich die Treppe hinunterschlich durch das dichte Dunkel, mit klopfendem Herzen, tränentrüben Augen und aufgelösten Haaren vor seinem Zimmer haltmachte und die feuchte Wange außen an die Tür legte. Doch die Nacht warf ihren Mantel darüber, und niemand sah sie.

Als Florence in jener Nacht die Tür berührte, fand sie, daß sie offen stand und innen Licht war – das erstemal offen, aber nur um die Breite eines Haars. Anfänglich wollte sich das schüchterne Kind schleunigst zurückziehen und folgte auch diesem Impulse, aber unschlüssig blieb sie dann auf der Treppe stehen und stellte Erwägungen an, ob sie nicht wieder umkehren und eintreten sollte.

Aus dem Umstand, daß ihr auch nur durch einen so schmalen Spalt Licht entgegenkam, glaubte sie Hoffnung schöpfen zu dürfen; es stahl sich über der dunkeln Schwelle weg und lief wie ein Faden auf dem Marmorboden fort. Kaum wissend, was sie tat, aber angetrieben von der Liebe ihres Innern und von dem Rückblick auf den gemeinsamen, wenn schon nicht gemeinschaftlich gefühlten Verlust, kehrte sie zurück, erhob zitternd ihre Hände und glitt hinein.

Ihr Vater saß im mittleren Zimmer allein an dem alten Tisch. Er hatte einige Papiere in Ordnung gebracht und andere, die jetzt in Fetzen um ihn her lagen, zerrissen. Der Regen schlug schwer an die Scheiben des äußeren Fensters, wo er so oft dem armen Paul, als dieser noch ein kleines Kind war, zugeschaut hatte, und draußen ließ sich das dumpfe Klagen des Windes vernehmen.

Aber er hatte kein Ohr dafür, denn er saß so sehr in seinen Gedanken vertieft, mit auf den Tisch gerichteten Augen da, daß wohl ein schwererer Tritt als der leichte Fuß seines Kindes nötig gewesen wäre, ihn aufzuwecken. Sein Gesicht war ihr zugekehrt, und bei der düstern Lampe sah er in der späten Stunde der Nacht wie auch in seiner einsamen Umgebung so abgehärmt und niedergeschlagen aus, daß Florence aufs tiefste ergriffen wurde.

»Papa! Papa!« rief sie. »O sprecht mit mir, teurer Papa!«

Er stutzte bei dem Ton ihrer Stimme und sprang von seinem Sitz auf. Sie stand dicht vor ihm mit ausgebreiteten Armen; er aber wich zurück.

»Was gibt's?« fragte er finster. »Warum kommst du hierher? Was hat dich erschreckt?«

Wenn sie etwas erschreckt hatte, war es das Gesicht, das er jetzt ihr zuwandte. Die glühende Liebe in der Brust seiner jungen Tochter erstarrte davor zu Eis, und sie stand vor ihm und sah ihn an, als sei sie in Stein verwandelt.

Kein Zug von Zärtlichkeit oder Mitleid, kein Strahl von Teilnahme, väterlicher Anerkennung oder Milde lag darin. Allerdings hatte sich das Gesicht verändert, aber nicht auf eine den eben gedachten Eigenschaften entsprechende Weise. Die alte Gleichgültigkeit und der kalte Zwang hatten etwas anderem Platz gemacht; was aber dies war, hierüber wagte sie nicht einmal zu denken, obschon sie die ganze Macht davon fühlte und es kannte, ohne ihm einen Namen geben zu können; es schien auf sie niederzuschauen und einen Schatten über ihrem Haupte wegzuwerfen.

Sah er vor sich die glückliche Nebenbuhlerin seines Sohnes, lebend und in frischer Gesundheit? Sah er in ihr seine eigene Nebenbuhlerin in der Liebe desselben Sohnes? Vergiftete vielleicht eine wilde Eifersucht und zurechtgewiesener Stolz die süßen Erinnerungen, die das Mädchen ihm lieb und teuer hätten machen sollen? War's möglich, daß ihn der Anblick ihrer Schönheit und ihrer Hoffnungsfülle erbitterte, während er an den hingeschiedenen Knaben dachte?

Florence hegte keine solche Gedanken; aber die Liebe fühlt gar bald, wenn sie verachtet wird und nichts zu hoffen hat. Die Hoffnung erstarb in der ihren, als sie so dastand und zu dem Gesicht ihres Vaters aufblickte.

»Ich frage dich, Florence, ob dich etwas erschreckt hat? Ist etwas vorgefallen, was dich hierher führte?«

»Ich bin gekommen, Papa –«

»Gegen meine Wünsche. Warum?«

Sie sah – sie wußte warum; es stand deutlich auf seinem Gesicht geschrieben. Mit langem, gedämpftem Stöhnen ließ sie ihr Köpfchen auf ihre Hände sinken.

Möge das Zimmer sich noch viele künftige Jahre dessen erinnern. Der Wehlaut war in der Luft bereits verhallt, ehe noch der Vater das Schweigen brach. Er glaubte vielleicht, er werde sich desselben schnell entschlagen können; aber es hatte einen Haftpunkt gefunden in seinem Gehirn. Möge er sich dessen in diesem Zimmer erinnern noch viele kommende Jahre!

Er nahm sie beim Arm. Seine Hand war kalt, schlaff und schloß sich kaum über der ihren.

»Ich kann mir denken, daß du müde bist und der Ruhe bedarfst«, sagte er, indem er das Licht aufnahm und sie nach der Tür führte. »Wir alle brauchen Ruhe. Geh, Florence, du hast geträumt.«

Gott helfe ihr – der Traum, den sie gehabt hatte, war jetzt vorüber, und sie fühlte, daß er nicht mehr wiederkommen konnte.

»Ich will hier bleiben und dir die Treppe hinaufleuchten. Dort oben ist das ganze Haus dein«, sagte der Vater langsam. »Du bist jetzt seine Gebieterin. Gute Nacht.«

Schluchzend und noch immer das Antlitz mit ihren Händen bedeckend, antwortete sie: »Gute Nacht, teurer Papa!« und stieg dann schweigend hinan. Einmal noch schaute sie zurück, als wäre sie gern zurückgekommen, wenn sie sich nicht gefürchtet hätte. Es war ein augenblicklicher Gedanke, zu hoffnungslos, um Ermutigung zu finden; und ihr Vater stand mit dem Licht da, hart, stumm und regungslos – bis sich das flatternde Gewand seines schönen Kindes in der Dunkelheit verloren hatte.

Möge er sich des erinnern in jenem Zimmer noch viele kommende Jahre. Der Regen, der aufs Dach niederfällt, der Wind, der draußen trauert – ihr wehmütiger Ton schien anzuzeigen, als hätten sie eine Ahnung von dem, was hier vorging. Möge ihn jenes Zimmer daran mahnen noch viele künftige Jahre!

Als er sie das letztemal von demselben Platz aus die Treppe hinansteigen sah, hatte sie ihren Bruder in ihren Armen. Dieser Umstand war nicht geeignet, jetzt sein Herz für sie zu erweichen, sondern stählte es vielmehr. Er ging in sein Zimmer zurück, schloß die Tür ab, setzte sich in seinen Stuhl und weinte um den verlorenen Knaben.

Diogenes war hell wach und auf seinem Posten; er erwartete seine junge Gebieterin.

»O Di! o lieber Di! Liebe mich um seinetwillen!«

Diogenes liebte sie bereits um ihrer selbst willen und nahm es nicht sehr genau damit, wie er dies an den Tag legte. Er machte sich daher ungeheuer lächerlich, indem er in dem Vorzimmer allerlei ungeschlachte Sprünge tat; und als endlich Florence eingeschlafen war, um von den rosigen Kindern auf der andern Seite der Straße zu träumen, schloß er damit, daß er die Tür ihres Zimmers aufkratzte. Er rollte sein Bett in einen Ballen zusammen, legte sich an der vollen Länge seines Stricks auf die Dielen nieder, hielt den Kopf ihr zugekehrt und schaute, auf dem Rücken liegend, durch die Zotteln seiner Augen nach ihr hin, bis er endlich selbst nach langem Blinzeln und Nicken einschlief und mit dumpfem Knurren von seinem Feind träumte.

 

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