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Dombey und Sohn - Band 1

Charles Dickens: Dombey und Sohn - Band 1 - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn - Band 1
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071003
modified20180709
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Sechzehntes Kapitel.

Was die Wellen immer sagten.

Paul hatte sich seitdem nie wieder von seinem Bettchen erhoben. Er lag ganz ruhig da, hörte auf den Lärm der Straße und kümmerte sich nicht viel um den Gang der Zeit, sondern beobachtete und beobachtete alles um ihn her mit aufmerksamem Auge.

Wenn durch die rasselnden Jalousien die Sonnenstrahlen in sein Zimmer drangen und an der entgegengesetzten Wand wie goldenes Wasser zitterten, wußte er, daß der Abend herankam und daß der Himmel rot und schön war. Der Reflex starb dahin, und ein Düster überkroch die Mauer; er folgte dem entschwindenden Licht und dem immer mehr sich vertiefenden Schatten bis in die Nacht hinein. Dann machte er sich Gedanken darüber, wie die lange Straße mit Lampen geziert sei und die friedlichen Sterne oben am Himmel flimmerten. Seine Einbildungskraft hatte eine seltsame Neigung, nach dem Flusse hinzuwandern, der, wie er wohl wußte, durch die große Stadt strömte, und nun dachte er darüber nach, wie schwarz er sein und wie tief er aussehen müsse, wenn sich die Unzahl von Sternen in ihm spiegelte; vor allem aber flößte es ihm Interesse ein, wie verstohlen er seine Wellen weiter rollte, bis sie von dem Meer aufgenommen wurden.

Später in der Nacht, als die Fußtritte in der Straße so selten wurden, daß man sie kommen hören konnte, zählte er sie nach ihren Pausen, bis sie sich in weiter Entfernung verloren, oder er lag da, den vielfarbigen Ring um das Licht betrachtend, und wartete geduldig auf den Tag. Sein einziger Plagegeist war der rasche reißende Fluß. Er fühlte sich bisweilen zu dem Versuch gedrungen, ihm Einhalt zu tun, ihn mit seinen Kinderhänden zu dämmen, oder ihm mit Sand den Weg zu sperren; wenn er dann widerstandslos heranbrauste, so schrie der Knabe laut auf. Aber ein Wort von Florence, die stets an seiner Seite war, brachte ihn wieder zu sich; er lehnte dann sein Köpflein an ihre Brust, erzählte ihr seinen Traum und lächelte.

Wenn der Tag zu grauen begann, so gab er auf die Sonne acht, und wenn ihr freundliches Licht das Zimmer erhellte, malte er sich – malte? nein, er sah – die hohen Kirchtürme, wie sie am Morgenhimmel in die Höhe stiegen, die Stadt, wie sie erwachend wieder in ein rühriges Leben trat, den Fluß, der so schnell wie nur je glänzend dahinrollte, und die im Tau blitzende Landschaft. Bekannte Töne ließen sich allmählich von der Straße herauf vernehmen; die Diener im Hause wurden rührig, Gesichter schauten zur Tür herein, und Stimmen fragten seine Wärter leise, wie es ihm gehe. Paul antwortete dann gewöhnlich selbst: »Ich fühle mich besser – viel besser, danke schön! Sagt es auch dem Papa!«

Allmählich ermüdete ihn das Geräusch des Tages, das Rasseln der Wagen und Karren und die Fußtritte von hin und her Gehenden; er schlief entweder ein oder dachte immer wieder unruhig – er konnte kaum sagen, ob dies in schlafenden oder wachenden Augenblicken geschah – an den strömenden Fluß.

»Warum will er denn nie haltmachen, Floy?« konnte er dann die Schwester bisweilen fragen. »Ich glaube, er reißt mich mit fort.«

Aber Floy konnte ihn stets zur Ruhe bringen und seinen Mut wieder aufrichten; er war dann glücklich, wenn er sie bewegen konnte, daß sie ihr Köpfchen neben dem seinigen aufs Kissen legte und ein wenig ruhte.

»Du wachst immer für mich, Floy; laß mich jetzt auch für dich wachen.«

Man richtete ihn dann in einer Ecke seines Bettes mit Kissen auf, und so blieb er zurückgelehnt sitzen, während sie an seiner Seite lag. Er beugte sich oftmals vor, um sie zu küssen, und flüsterte denen, die sich in der Nähe befanden, zu, sie sei müde, denn sie sei so viele Nächte bei ihm auf und wach geblieben.

So ging es fort, bis das Licht und die Hitze des Tages abnahm und überall das goldene Wasser an der Wand tanzte.

Nicht weniger als drei gravitätische Ärzte pflegten ihn täglich zu besuchen. Sie versammelten sich gewöhnlich unten und kamen miteinander herauf. Das Zimmer war dabei so still, und Paul, obschon er niemanden fragte, was sie sagten, beobachtete sie so sorgfältig, daß er sogar den Unterschied in dem Picken ihrer Uhren kannte. Das hauptsächlichste Interesse flößte ihm jedoch Sir Parker Peps ein, der stets an seinem Bett Platz nahm, denn Paul hatte vor langer Zeit sagen hören, dieser Gentleman sei zugegen gewesen, als seine Mama vor ihrem Sterben Florence in ihre Arme schloß. Dies konnte er auch jetzt nicht vergessen, und er liebte ihn darum. Von Furcht war bei ihm keine Rede.

Die Personen um ihn her verwandelten sich in so unerklärlicher Weise, wie in jener ersten Nacht bei Doktor Blimber – die einzige Florence ausgenommen, die nie einen Wechsel erlitt. Was eben Sir Parker Peps gewesen, war jetzt sein Vater, der mit auf die Hand gestütztem Kopf dasaß. Die alte Mrs. Pipchin, die in einem Armstuhl schlummerte, verwandelte sich oft in Miß Tox oder in seine Tante, und Paul begnügte sich dann, seine Augen wieder zu schließen, um ruhig abzuwarten, was zunächst geschehen werde. Aber die Figur mit dem auf die Hand gestützten Kopfe kehrte so oft wieder, blieb so lange, saß so still und feierlich da, sprach nie, wurde nie angeredet und hob so selten das Gesicht auf, daß Paul sich zu wundern begann, ob sie wohl eine wirkliche Erscheinung sei; ja wenn sie nachts dasaß, schaute er nur mit Furcht nach ihr hin.

»Floy!« sagte er. »Was ist dies?«

»Wo, mein Lieber?«

»Dort – unten am Bett.«

»Da ist nichts als der Papa.«

Die Gestalt richtete den Kopf auf, erhob sich, kam an die Seite des Bettes und fragte:

»Mein Sohn, kennst du mich nicht?«

Paul blickte zu ihm auf und dachte, ob dies wohl sein Vater sei. Das Gesicht kam ihm so verändert vor, und es verzog sich, während er es ansah, wie im Schmerz. Aber ehe er seine Händchen ausstrecken konnte, um die Gestalt zu erfassen und ihr Antlitz zu sich herunterzuziehen, wandte sie sich rasch von dem Bettchen weg und ging zur Tür hinaus.

Paul blickte nun mit klopfendem Herzen auf Florence; er wußte, was sie sagen wollte, und tat ihr deshalb Einhalt, indem er seine Wange gegen ihre Lippen drückte. Als er das nächstemal die Gestalt wieder unten an seinem Bette sitzen sah, rief er sie an:

»Seid nicht bekümmert um mich, lieber Papa! Ich bin in der Tat ganz wohl.«

Sein Vater kam heran und beugte sich zu ihm nieder – dies geschah schnell und ohne daß er zuerst neben dem Bette haltmachte. Paul umschlang seinen Nacken und wiederholte die vorigen Worte mehreremal mit großer Innigkeit; auch sah er ihn später, mochte es Tag oder Nacht sein, nie wieder in seinem Zimmer, ohne daß er ihm zurief: »Seid um mich unbekümmert! Ich fühle mich in der Tat vollkommen wohl!« So kam es denn, daß er jeden Morgen erklärte, er befinde sich viel besser, und man solle es auch seinem Vater sagen.

Wievielmal das goldene Wasser an den Wänden tanzte, in wievielen Nächten der düstere dunkle Strom nach dem Meere hinrollte, ohne daß er ihm Einhalt zu tun vermochte – Paul zählte es nie und suchte es auch nicht zu erfahren. Wenn die Liebe, die man ihm erwies, oder seine Dankbarkeit dafür sich je steigern konnte, so war beides mit jedem Tage mehr und mehr der Fall; aber ob sich's um viele Tage handelte oder um wenige, dies schien für den sanften Knaben völlig bedeutungslos zu sein.

Eines Abends hatte er über seine Mutter und über das Bild in dem Besuchzimmer drunten Betrachtungen angestellt; er dachte sich dabei, sie müsse die holde Florence weit mehr geliebt haben als sein Vater, weil sie während ihres Sterbens das Mädchen in den Armen hielt; denn auch er, ihr Bruder, der sie so sehr liebte, hätte sich nichts Lieberes wünschen mögen, als dies. Die Kette seiner Gedanken brachte ihn auf die Frage, ob er jemals seine Mutter gesehen habe, denn er konnte sich nicht erinnern, ob man ihm mit Ja oder Nein darauf geantwortet hatte, weil der Fluß so gar schnell lief und seinen Sinn verwirrte.

»Floy, habe ich die Mama je gesehen?«

»Nein, mein Herz; warum?«

»Habe ich nie ein freundliches Gesicht gesehen, gleich dem der Mama, das auf mich niederschaute, als ich noch ein kleines Kind war?« Er fragte ungläubig, als stehe die Vision irgendeines Gesichtes vor ihm.

»O ja, mein Lieber.«

»Und was war dies für eins, Floy?«

»Das deiner Amme. Oft.«

»Und wo ist meine Amme?« fragte Paul. »Ist sie auch tot? Floy, sind wir alle tot, du ausgenommen?«

Einen Augenblick – vielleicht auch länger – aber ihm kam es nur so vor, gab es ein Gewühl in dem Zimmer, und dann wurde wieder alles still. Florence, lächelnd, aber mit bleichem Antlitz, hielt seinen Kopf auf ihrem Arm. Der Arm zitterte sehr.

»Floy, sei so gut, mich die Amme sehen zu lassen!«

»Sie ist nicht hier, mein Herz; aber morgen wird sie kommen.«

»Danke dir, Floy.«

Mit diesen Worten schloß Paul die Augen und schlief ein. Als er wieder erwachte, stand die Sonne hoch am Himmel. Es war ein heller, warmer Tag. Er lag eine Weile da und schaute nach dem offenen Fenster hin, wo die Vorhänge rauschend in der Luft hin und her wehten. Dann fragte er:

»Floy, ist es Morgen? Kommt sie?«

Es deuchte ihm, als sei jemand gegangen, um sie aufzusuchen. Vielleicht war es Susanna. Paul meinte, er habe sie, als er seine Augen wieder schloß, zu ihm sagen hören, sie werde bald wieder zurück sein; aber er öffnete sie nicht wieder, um sich zu überzeugen. Sie hielt Wort – oder vielleicht war sie auch gar nicht fort gewesen; kurz, was er zunächst hörte, war ein Geräusch von Fußtritten auf der Treppe, und dann erwachte Paul körperlich und geistig. Er setzte sich in seinem Bette auf und erkannte alles um sich her deutlich. Es lag kein grauer Nebel vor seiner Umgebung, wie es bisweilen nachts gewesen, und er konnte alle bei ihren Namen nennen.

»Und wer ist dies?« fragte das Kind, mit strahlendem Lächeln nach einer hereinkommenden Gestalt hinsehend. »Ist dies meine Amme?«

Ja, ja. Keine andere fremde Person hätte bei seinem Anblick solche Tränen vergießen, ihn ihr liebes, ihr herziges, ihr armes krankes Kind nennen können. Keine andere Frau würde sich neben seinem Bette niedergebeugt, seine abgezehrte Hand ergriffen und sie an Brust und Lippen gedrückt haben – nur eine solche konnte es tun, die einiges Recht darauf hatte, ihn zu lieben. Welche andere Frau wäre auch wohl so voll von Zärtlichkeit und Mitleid gewesen, so daß sie außer ihm und Floy alles übrige vergaß!

»Floy, welch ein liebes, gutes Gesicht!« sagte Paul. »Ich freue mich, es wiederzusehen. O geh nicht fort, liebe Amme! Bleibe hier!«

Seine Sinne erfaßten alles schnell, und er hörte einen Namen, den er kannte.

»Wer hat da von Walter gesprochen?« fragte er, sich umsehend. »Jemand hat Walter gesagt. Ist er hier? Ich möchte ihn so gerne sehen.«

Für den Augenblick keine Antwort, aber bald nachher sagte sein Vater zu Susanna: »So ruft ihn zurück: er soll heraufkommen!«

Nach einer kurzen Pause der Erwartung, während welcher Paul mit freudiger Verwunderung seine Amme betrachtete und die Überzeugung gewonnen hatte, daß auch Floy von ihr nicht vergessen worden, trat Walter in das Zimmer. Sein offenes Gesicht und Wesen, wie auch seine heiteren Blicke hatten ihn Paul stets lieb gemacht, und als der Knabe seiner ansichtig wurde, streckte er ihm mit dem Rufe: »Lebt wohl!« die Hand entgegen.

»Lebt wohl, mein Kind!« rief Mrs. Pipchin, zu den Häupten seines Bettes eilend. »Wer wird so sagen?«

Einen Moment sah Paul mit dem schlauen Gesicht, mit dem er sie so oft in der Ecke beim Feuer betrachtet hatte, nach ihr hin.

»Ach ja«, sagte er ruhig, »lebt wohl! lieber Walter, lebt wohl!« Dann wandte er den Kopf wieder nach der Stelle, wo er stand, und streckte abermals seine Hand aus. »Wo ist der Papa?«

Er fühlte den Atem seines Vaters auf seiner Wange, ehe noch die Worte von seinen Lippen geglitten waren.

»Vergeßt Walter nicht, lieber Papa«, flüsterte er zu seinem Gesicht aufschauend. »Vergeßt Walter nicht. Walter ist lieb zu mir gewesen!« Dann schwenkte er die matte Hand in die Luft, als sollte sie Walter abermals ein ›Lebt wohl‹ zurufen.

»Legt mich jetzt nieder«, sagte er, »und Floy, komm zu mir her, damit ich dich sehe.«

Schwester und Bruder umarmten sich, und das goldene Licht kam strömend herein, die beiden mit ihren Strahlen übergießend.

»Wie schnell der Fluß zwischen seinen grünen Ufern und den Binsen läuft, Floy! Doch es ist nicht weit bis zur See. Ich höre die Wellen! Sie haben immer so gesprochen.«

Dann teilte er ihr mit, die Bewegung des Boots auf dem Strom wirke einschläfernd auf ihn. Wie grün waren nicht jetzt die Ufer, wie bunt die darauf wachsenden Blumen und wie hoch die Binsen! Jetzt hatte das Boot die See erreicht und glitt ruhig weiter. Dort sah er eine Küste vor sich. Wer stand an dem Gestade?

Er faltete seine Hände, wie er es beim Gebete zu tun pflegte. Seine Arme hielten Florence noch immer umschlossen, und er richtete seine zarten Finger hinter ihrem Nacken auf.

»Mama sieht ganz aus wie du, Floy. Ich kenne sie an dem Gesicht! Aber sage ihnen, der Kupferstich bei Blimbers oben sei nicht himmlisch genug. Der Schein um den Kopf folgt mir nach, wohin ich gehe!«

Das goldene Wogen an der Wand kam wieder zurück, und nichts anderes rührte sich im Zimmer. Die alte, alte Weise! Die Weise, die uns anfliegt mit unseren ersten Gewändern und unveränderlich weilt, bis unsere Pilgerfahrt vollendet ist und das weite Firmament sich wie ein Blatt Papier aufrollt. Die alte, alte Weise – der Tod!

O dankt Gott ihr alle, die ihr sie seht, für jene noch ältere Weise – die der Unsterblichkeit! Und schaut auf uns, ihr Engel von kleinen Kindern, mit nicht ganz entfremdeten Blicken, wenn der rasche Strom uns in den Ozean hinaustreibt!

* * *

»Ach Himmel, ach Himmel!« rief Miß Tox, am selben Abend aufs neue sich in Jammer ergießend, als ob ihr das Herz brechen wollte,– »denken zu müssen, daß Dombey und Sohn zuletzt eine Tochter ist!«

 

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