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Dombey und Sohn - Band 1

Charles Dickens: Dombey und Sohn - Band 1 - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDombey und Sohn - Band 1
publisherGutenberg-Verlag
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel.

Erstaunliche Verschmitztheit des Kapitän Cuttle und ein neues Geschäft für Walter Gay.

Walter konnte mehrere Tage nicht mit sich ins klare kommen, was er eigentlich zu Barbados zu tun habe, und gab sich sogar der schwachen Hoffnung hin, es dürfte Mr. Dombey nicht Ernst gewesen sein oder er könnte seinen Sinn ändern und ihm sagen, daß er nicht zu gehen brauche. Da sich übrigens nichts ereignete, was dieser schon an und für sich sehr unwahrscheinlichen Vorstellung einen Funken von Bestätigung geben konnte, und außerdem die Zeit, deren er keine zu verlieren hatte, pfeilschnell verging, so fühlte er, daß er handeln mußte und nicht länger zögern durfte.

Die Hauptschwierigkeit bestand darin, wie er die Veränderung seiner Angelegenheiten dem Onkel Sol beibringen sollte, den die Kunde natürlich wie ein schwerer Schlag treffen mußte. Um so unangenehmer wurde ihm die Aufgabe, Onkel Sol mit einer so erschütternden Nachricht zu betrüben, weil derselbe in letzter Zeit viel heiterer und das kleine Hinterstübchen wieder ganz so traulich geworden war wie früher. Die erste Rate seiner Schuld an Mr. Dombey hatte Onkel Sol abbezahlt, und so hoffte er auch getrost mit den übrigen ins reine zu kommen; aber jetzt forderte es die traurige Notwendigkeit, ihn aufs neue elend zu machen, nachdem er sich eben so mannhaft aus seiner Drangsal erhoben hatte.

Keinesfalls ging es an, ihn nur so plötzlich zu verlassen, und er mußte im voraus wissen, wie die Sachen standen; aber wie es ihm beibringen? Dies war die Hauptsache. Was die Frage des Gehens oder Nichtgehens betraf, so glaubte Walter hierin keine eigene Wahl zu haben. Mr. Dombey hatte ihm ganz richtig bemerkt, er sei jung und die Lage seines Onkels nicht die beste; auch hatte sich in dem Blick des Prinzipals, mit dem diese Erinnerung begleitet war, deutlich ausgedrückt, wenn er zu Hause bleiben wolle, so könne er es zwar tun, aber mit der Beschäftigung in dem Kontor von Dombey und Sohn habe es dann ein Ende. Sein Onkel und er hatten gegen Mr. Dombey große Verpflichtungen, die durch Walters eigene Veranlassung herbeigeführt worden war. Vielleicht verzweifelte er schon im geheimen, je die Gunst dieses Gentleman zu gewinnen, und hin und wieder mochten ihm auch Anwandlungen kommen, nicht eben die beste Meinung von seinem Prinzipal zu haben, was kaum recht war. Aber auch ohne die eben erwähnte Verbindlichkeit hatte Walter doch Pflichten gegen ihn oder glaubte sie wenigstens zu haben, und die mußten erfüllt werden.

Als Mr. Dombey ihm bemerkt hatte, er sei jung und die Lage seines Onkels nicht gut, war dies mit einem Ausdruck von Geringschätzung geschehen, die verächtlich darauf hinzudeuten schien, als wolle sich's Walter in müßigem Leben wohl sein lassen auf Kosten eines herabgekommenen alten Mannes, und dieser Wink traf die edle Seele des Jünglings tief. Er war entschlossen, Mr. Dombey, so weit dies möglich war, ohne sich gerade in Worten darüber ausdrücken zu müssen, die Überzeugung beizubringen, daß man sein Wesen verkannt hatte, und deshalb zeigte er nach der die westindische Expedition betreffenden Unterredung sogar noch größere Heiterkeit und Tätigkeit als zuvor, wenn dies bei einem Menschen von seinem regsamen Eifer möglich war. In seiner Jugend und Unerfahrenheit dachte er nicht daran, daß eben diese Eigenschaft möglicherweise Mr. Dombey unangenehm sein könnte und daß er wohl schwerlich dessen gute Meinung erringen werde, wenn er sich unter dem Schatten seines gewaltigen Grolls so schwungkräftig und hoffnungsvoll benehme, mochte nun dieser ihn mit Recht oder mit Unrecht treffen. Dagegen war es recht wohl denkbar – wir setzen die Möglichkeit voraus –, daß der große Mann in dieser neuen Kundgebung eines ehrlichen Gemüts einen Trotz gegen sich selbst fühlte und deshalb entschlossen war, eine niederschlagende Arznei dagegen in Anwendung zu bringen.

»Nun, endlich und zuletzt muß es Onkel Sol doch erfahren«, dachte Walter mit einem Seufzer, und da er fürchtete, seine Stimme könnte bei der Mitteilung ein wenig beben oder sein Gesicht nicht ganz so hoffnungsvoll aussehen, als er wohl wünschen mochte, wenn er die Kunde dem alten Mann selbst überbrachte – er vergegenwärtigte sich dabei den Eindruck, den sie auf das Antlitz des Greises machen mußte –, so beschloß er, sich der Dienste jenes mächtigen Vermittlers, des Kapitän Cuttle, zu bedienen. Er machte sich deshalb nächsten Sonntag nach dem Frühstück auf den Weg, um abermals Kapitän Cuttles Quartier aufzusuchen.

Auf dem Wege dahin wirkte die Erinnerung nicht unerfreulich auf ihn, daß Mrs. Mac Stinger jeden Sonntagmorgen in einem sehr entfernten Bethause dem Gottesdienst des ehrwürdigen Melchisedek Howler beizuwohnen pflegte, der auf den falschen Verdacht hin, den der allgemeine Feind der Menschheit ausdrücklich gegen ihn hervorgerufen hatte, als bohre er die Fässer an und setze seine Lippen an die Öffnung, eines Tages von den Westindiendocks entlassen worden war. Dieser Ehrenmann hatte auf heute über zwei Jahre, morgens 10 Uhr, den Untergang der Welt angekündigt und ein vorderes Gemach für die Aufnahme von Ladies und Gentlemen von dem Glaubensbekenntnisse der Schreier eröffnet, auf die schon bei der ersten Versammlung die Ermahnungen des ehrwürdigen Melchisedek einen so gewaltigen Einfluß übten, daß die ganze Herde in der verzückten Aufführung eines heiligen Tanzes, mit dem der Gottesdienst schloß, nach der untern Küche durchbrach und eine Wäscherolle zertrümmerte, die einem Mitglied der Gemeinde gehörte.

Diesen Umstand hatte der Kapitän in einem Augenblicke ungewöhnlicher Heiterkeit und zwischen den Wiederholungen der lieblichen Peg am Abend jenes Tages, als der Pfandleiher Brogley ausbezahlt wurde, Walter und seinem Onkel mitgeteilt. Der Kapitän selbst pflegte sich pünktlich in einer nahe gelegenen Kirche einzufinden, die jeden Sonntagmorgen die Flagge der britischen Marine aufhißte, und wo er die Gefälligkeit hatte, wegen Hinfälligkeit des eigentlichen Kirchendieners die Jungen zu beaufsichtigen, über die er kraft seines geheimnisvollen Hakens eine große Gewalt übte. Weil nun Walter die regelmäßige Lebensweise des Kapitäns kannte, so beeilte er sich nach Kräften, ihn noch anzutreffen, ehe er ausging; auch tummelte er sich dabei so sehr, daß er, als er nach Brig-Place umbog, das Vergnügen hatte, den weiten blauen Rock und die Weste des Kapitäns vor dem offenen Fenster hängen zu sehen, wo sie in der Sonne lüften sollten.

Es schien unglaublich zu sein, daß je ein sterbliches Auge dieses Rocks und dieser Weste ohne den Kapitän ansichtig werden konnte; sicherlich aber stak er nicht darin, weil sonst seine Beine, da die Häuser in Brig-Place nicht sonderlich hoch waren, die Haustür hätten versperren müssen, und diese zeigte durchaus kein Hindernis. Ganz verwundert über diese Entdeckung, klopfte Walter nur mit einem einzigen Schlage an.

»Stinger«, hörte er oben im Zimmer deutlich den Kapitän sagen, als ob sich's um eine Sache handle, die ihn durchaus nichts angehe. Walter versuchte es deshalb jetzt mit einem Doppelschlag.

»Cuttle«, hörte er hierauf den Kapitän sagen, und unmittelbar darauf zeigte sich dieser Gentleman in sauberem Hemd, Hosenträgern, einem Halstuch, das wie ein Trauring lose um seinen Hals geschlungen war, und aufgesetztem Glanzhut unter dem Fenster, über dessen mit Rock und Weste behangene Brüstung er sich herüberlehnte.

»Wal'r«, rief der Kapitän, erstaunt auf ihn niederschauend.

»Ja, Kapitän Cuttle«, entgegnete Walter; »ich bin's nur.«

»Was gibt's, mein Junge?« fragte der Kapitän mit großer Besorgnis. »Es ist doch dem Gills nicht wieder etwas passiert?«

»Nein, nein«, antwortete Walter. »Bei meinem Onkel ist alles wieder in Richtigkeit, Kapitän Cuttle.«

Der Kapitän drückte seine Freude darüber aus und erklärte, er wolle hinunterkommen und die Tür öffnen, was denn auch geschah.

»Ihr habt Euch früh auf den Weg gemacht, Wal'r«, sagte der Kapitän, ihn noch immer zweifelnd ansehend, als sie oben angelangt waren.

»Je nun, Kapitän Cuttle«, entgegnete Walter, indem er Platz nahm, »die Sache verhält sich so, daß ich fürchtete, Ihr könntet ausgegangen sein, und ich möchte gar gerne aus Eurem freundlichen Rat Nutzen ziehen.«

»Der soll Euch nicht fehlen«, sagte der Kapitän. »Um was handelt sichs?«

»Ich möchte Eure Meinung hören, Kapitän Cuttle«, erwiderte Walter mit einem Lächeln. »Dies ist alles.«

»Nun, so legt los«, sagte der Kapitän. »Stehe Euch von Herzen zu Diensten, mein Junge.«

Walter teilte ihm nun mit, was vorgefallen war, und wie es ihn so schwer ankomme, seinem Onkel die Kunde beizubringen; es wäre ihm daher ein großer Trost, wenn Kapitän Cuttle so freundlich sein wolle, die Sache in bestmöglichster Weise anzubahnen. Der Kapitän war im höchsten Grade bestürzt und erstaunt über die Aussicht, die hier vor ihm entfaltet wurde, und der Gentleman schwand darüber allmählich so ganz und gar hin, daß sich das Gesicht nur wie ein leerer Raum ausnahm und der schwarze Anzug nebst dem Glanzhut samt dem Haken scheinbar keinen Eigentümer mehr hatten.

»Was mich anbelangt, Kapitän Cuttle«, fuhr Walter fort, »so seht Ihr wohl, ich bin, wie Mr. Dombey sagte, jung und brauche nicht in Betracht gezogen zu werden. Ich weiß, ich werde mich schon in der Welt durchschlagen; aber auf meinem Wege hierher haben mir doch zwei Punkte zu schaffen gemacht, über die ich sehr besorgt bin, und die meinen Onkel betreffen. Ich will damit nicht sagen, daß ich verdiene, der Stolz und die Wonne seines Lebens zu sein – ich weiß. Ihr traut mir nichts dergleichen zu – aber gleichwohl ist's der Fall. Seid Ihr nicht auch dieser Ansicht?«

Der Kapitän schien sich alle Mühe zu geben, sich aus dem Abgrund seines Erstaunens zu erheben und wieder in den Besitz seines Gesichtes zu kommen; aber die Anstrengung war ohne Erfolg, und der Glanzhut nickte nur in stummer unaussprechlicher Bedeutsamkeit.

»Wenn ich am Leben und gesund bleibe«, sagte Walter, – »es ist mir allerdings nicht bange davor – aber falls ich wirklich England verlassen muß, kann ich kaum hoffen, meinen Onkel wiederzusehen. Er ist alt, Kapitän Cuttle, und außerdem hat er sich daran gewöhnt –«

»Ohne Kunden sich im Leben durchzuschlagen, Wal'r«, fiel ihm der plötzlich wieder auftauchende Kapitän ins Wort.

»Leider wahr«, entgegnete Walter mit Kopfschütteln, »aber ich meinte es nicht so, Kapitän Cuttle – er ist in seinem Leben ein Gewohnheitsmensch – die Gewohnheit ist sein Kunde. Und wenn er, wie Ihr ohne Zweifel mit allem Recht früher bemerkt habt, bei jener Gelegenheit von dem Verlust seiner Warenvorräte und aller jener Dinge, mit denen er seit vielen Jahren vertraut gewesen ist, den Tod gehabt hätte, glaubt Ihr nicht, daß es viel eher der Fall sein müßte bei dem Verlust –«

»Seines Neffen? Jawohl«, pflichtete der Kapitän bei.

»Gut also«, fuhr Walter fort, indem er versuchte, in einen heiteren Ton überzugehen; »wir müssen daher alle unsere Kräfte aufbieten, um ihm den Glauben beizubringen, daß die Trennung nur eine vorübergehende ist. Freilich weiß ich dies besser, Kapitän Cuttle, oder fürchte wenigstens, daß ich es besser weiß, und da ich so viele Gründe habe, ihn zu lieben und zu ehren, so würde es mir ohne Zweifel gar schlecht gelingen, wenn ich versuchen wollte, ihm eine Überzeugung, die ich nicht teilte, beizubringen. Dies ist der Grund, warum ich wünsche, daß Ihr mir vorarbeiten möchtet, und auch der erste Punkt, den ich im Auge habe.«

»Abgehalten mit dem Schnabel um einen Punkt oder so«, bemerkte der Kapitän mit kontemplativer Stimme.

»Was habt Ihr gesagt, Kapitän Cuttle?« fragte Walter.

»Haltet an!« entgegnete der Kapitän gedankenvoll.

Walter schwieg eine Weile, um sich zu überzeugen, ob der Kapitän diesem Schlagwort nichts Besonderes hinzuzufügen habe; da aber dies nicht der Fall war, so fuhr er fort:

»Nun zum zweiten Punkt, Kapitän Cuttle. Es tut mir leid, Euch mitteilen zu müssen, daß ich bei Mr. Dombey nicht sehr beliebt bin. Ich habe zwar immer versucht, mein Bestes zu tun, und habe es auch getan; aber dennoch scheint es, daß ich ihm ein Dorn im Auge bin. Er kann vielleicht nicht dafür, daß er einen Widerwillen gegen mich hat, und ich will hierüber nicht sprechen; aber so viel muß ich sagen, ich weiß gewiß, daß er mich nicht leiden kann. Er schickt mich nicht auf diesen Posten, um mir ein gutes Unterkommen zu verschaffen, und verschmäht es sogar, ihn besser darzustellen als er ist; auch zweifle ich sehr, ob er dazu dienen wird, mich in dem Hause weiterzubringen, denn ich möchte im Gegenteil eher glauben, man will mich dadurch für immer abfertigen und aus dem Wege schaffen. Hiervon dürfen wir freilich meinem Onkel nichts sagen, Kapitän Cuttle, sondern müssen ihn auf den Glauben bringen, es handle sich um eine so günstige und verheißungsvolle Anstellung, wie man sie nur wünschen könne. Gegen Euch spreche ich mich über den wahren Sachbestand nur um deswillen aus, damit ich in der Heimat wenigstens einen Freund habe, der meine wahre Stellung kennt, falls es so weit kommen sollte, daß ich in der Fremde im Vaterland einer befreundeten Beihilfe bedarf.«

»Wal'r, mein Junge«, versetzte der Kapitän, »in den Sprichwörtern des Salomo werdet Ihr folgende Worte finden: ›Möge es uns nie gebrechen an einem Freund in der Not, noch an einer Flasche, um sie mit ihm zu teilen!‹ Wenn Ihr's gefunden habt, so biegt ein Ohr ein.«

Dann hielt der Kapitän mit der Miene einer Zuversichtlichkeit, die mehr als Bände ausdrückte, Walter die Hand hin und wiederholte zu gleicher Zeit – denn er war stolz auf die Richtigkeit und die passende Anwendung seines Zitats –: »Wenn Ihr's gefunden habt, so biegt ein Ohr ein.«

»Kapitän Cuttle«, sagte Walter, die ungeheure Faust, die ihm der Kapitän darbot, mit beiden Händen fassend, die durch sie vollständig ausgefüllt wurden, »nach meinem Onkel Sol liebe ich Euch am meisten. Ich bin überzeugt, daß ich niemandem auf Erden zuversichtlicher trauen kann. Handelt sich's bloß um das Fortkommen, Kapitän Cuttle, so würde ich mir nicht viel daraus machen – warum sollte ich auch? Stünde es mir frei, selbst meinem Glück nachzujagen – könnte ich auch nur als gemeiner Matrose ausziehen und dürfte ich aus eigenem Antrieb fort bis ans fernste Ende der Welt, so würde ich es mit Freuden tun – ja, ich hätte es schon vor Jahren getan und alles, was das Geschick über mich verhängt haben würde, auf mich genommen. Aber es war gegen die Wünsche meines Onkels, gegen die Pläne, die er für mich gebildet hatte, und so konnte natürlich hiervon keine Rede sein. Freilich fühle ich selbst, Kapitän Cuttle, daß wir lange Zeit ein wenig im Irrtum befangen waren, und daß ich, soweit eine Verbesserung meiner Aussichten in Frage kommt, nicht besser daran bin, als zur Zeit meines Eintritts in Dombeys Hause – vielleicht sogar ein wenig schlechter, denn damals zeigte mir das Haus einige Zuneigung, was jetzt augenscheinlich nicht mehr der Fall ist.«

»Kehr' um, Whittington«,Sir Richard Whittington, in der Ballade: Dick Whittington, berühmter Lord-Mayor von London, gest. 1423. murmelte der trostlose Kapitän, nachdem er Walter einige Zeit ins Auge gefaßt hatte.

»Ja«, versetzte Walter lachend, »und ich fürchte, man wird noch oft umkehren müssen, Kapitän Cuttle, eh' ein Glück wie Richards' wiederkehrt. Darüber beklag' ich mich übrigens nicht«, fügte er in seiner lebhaften, kräftigen Weise bei. »Ich habe mich über nichts zu beschweren, denn mein Auskommen finde ich wohl, und ich kann leben. Wenn ich mich von meinem Onkel trenne, so überlasse ich ihn Euren Händen – ich bin überzeugt, daß ich ihn keinen bessern anvertrauen könnte, Kapitän Cuttle. Meine Mitteilung machte ich Euch nicht, weil ich kleinmütig bin, sondern nur in dem Wunsche, Euch zu überzeugen, daß ich in Dombeys Hause nicht zu wählen habe – daß ich hingehen muß, wohin man mich sendet, und daß ich anzunehmen habe, was man mir bietet. Für meinen Onkel ist's am Ende das beste, daß ich fortkomme, denn Ihr wißt selbst, Kapitän Cuttle, daß sich Dombey ihm als einen anerkennungswerten Freund bewiesen hat, und ich bin überzeugt, dies wird um so mehr der Fall sein, wenn ich nicht jeden Tag um ihn bin und sein Mißtrauen wecke. Also hurra, nach Westindien, Kapitän Cuttle! Wie lautet doch das Lied, das die Matrosen singen?

    »Nach dem Hafen Barbados!
                      Wohlauf ihr Jungen!
Laßt Alt-Englands Küst' im Rücken!
                      Wohlauf ihr Jungen!«

Brüllend fiel jetzt der Kapitän als Chor ein:

»Wohlauf, wohlauf ihr Jungen!«

Der letzte Refrain erreichte das achtsame Ohr eines nicht ganz nüchternen, heißblütigen Schiffers, der gegenüber wohnte, der augenblicklich aus seinem Bett sprang, ans Fenster eilte und mit der ganzen Macht seiner Stimme über die Straße herüber einfiel, wodurch ein schöner Effekt hervorgerufen wurde. Da es übrigens unmöglich war, die Schlußnote länger zu dehnen, so plärrte der Schiffer ein schreckliches »Ahoi!« hervor, das teilweise als freundliche Begrüßung gelten, teilweise auch zeigen sollte, daß er noch recht gut bei Lunge war. Nachdem dies geschehen, schloß er das Fenster und legte sich wieder zu Bett.

»Und nun, Kapitän Cuttle«, sagte Walter, indem er eilig den Rock samt der Weste hervorholte, »bitte ich Euch, mit mir zu kommen und Onkel Sol die Nachricht zu hinterbringen. Von Rechts wegen hätte ich sie ihm schon längst mitteilen sollen. Ich begleite Euch bis an die Tür, mache dann einen Spaziergang und komme nachmittags nach Hause.

Dem Kapitän schien jedoch der Auftrag nicht sonderlich zu behagen, da er kein großes Vertrauen in seine eigene Gewandtheit bei Ausführung desselben setzen mochte. Er hatte Walters künftiges Leben und Geschick so ganz anders geordnet – so ganz und gar zu seiner Zufriedenheit, und sich oft über die Schlauheit und den prophetischen Geist Glück gewünscht, womit er alles ins reine und die verschiedenen Teile so vollkommen in Harmonie gebracht hatte; daß jetzt dieses schöne Bild mit einemmal in Trümmer gehen und er sogar bei dem Werke der Zerstörung mithelfen sollte – nein, dies forderte einen großen Aufwand von Entschlossenheit. Dazu fand es der Kapitän schwer, sich die alten Vorstellungen über den Gegenstand vom Hals zu schaffen und mit der erforderlichen Geschwindigkeit, ohne die alte oder die neue Ladung in Unordnung zu bringen, ein völlig neues Kargo an Bord zu nehmen. Statt also mit einem Ungestüm, das nur einigermaßen mit dem Eifer Walters gleichen Schritt gehalten hätte, Rock und Weste anzulegen, lehnte er es vorderhand ab, sich mit diesen Gewändern zu bekleiden und teilte Walter mit, bei einem so ernstlichen Anlaß müsse es ihm erlaubt sein, »sich ein bißchen in die Nägel zu beißen«.

»'s ist eine alte Gewohnheit von mir, Wal'r«, sagte der Kapitän, »schon seit fünfzig Jahren her. Wenn Ihr Ned Cuttle an seinen Nägeln beißen seht, Wal'r, so könnt Ihr daraus entnehmen, daß Ned Cuttle auf den Strand gelaufen ist.«

Der Kapitän brachte sodann den eisernen Haken zwischen seine Zähne, als ob derselbe eine Hand wäre, und erging sich mit einer Miene von Weisheit und Tiefsinn, in der sich die wahre Konzentration und Vergeistigung aller philosophischen Reflexion und ernsten Denkens ausdrückte, in einer Beschauung des Gegenstandes nach seinen verschiedenen Zweigen.

»Ich habe einen Freund«, murmelte der Kapitän wie in Geistesabwesenheit – »freilich macht er eben jetzt eine Küstenfahrt nach Whitby; aber dieser könnte über einen derartigen Gegenstand oder über jeden nur erdenklichen andern mit einer Ansicht ausrücken, daß er dem Parlament sechs vorgeben und es dennoch auszustechen vermöchte. Der Mann, den ich meine«, fuhr der Kapitän fort, »ist zweimal über Bord geklopft worden; aber es hat ihm nichts geschadet – im Gegenteil. Während seiner Lehrzeit, er mochte sie um die drei Wochen herum angetreten haben, kriegte er eins mit einem Ringbolzen aufs Dach; und doch läuft keiner herum, der einen klareren Kopf hätte.«

Ungeachtet des tiefen Respekts, den Kapitän Cuttle gegen seinen Freund ausdrückte, konnte Walter nicht umhin, innerlich erfreut zu sein über die Abwesenheit dieses Phönix von Weisheit, und gab sich der Hoffnung hin, der klare Verstand desselben möchte nicht mit seinen eigenen Schwierigkeiten behelligt werden, bis sie ganz geordnet wären.

»Wenn Ihr die Boje an dem Nore nähmet und sie diesem Manne zeigtet«, sprach Kapitän Cuttle in dem gleichen Tone weiter – »wenn Ihr ihn dann um seine Ansicht darüber fragtet, Walter, so würde er Euch seine Meinung in einer Art geben, daß sie dieser Boje ebensowenig gliche, als ein Knopf aus dem Rock Eures Onkels. Es läuft keiner herum – sicherlich nicht auf zwei Beinen – der ihm gleichkäme. Nicht entfernt gleich!«

»Und wie ist sein Name, Kapitän Cuttle?« fragte Walter, der sich vorgenommen hatte, auch einiges Interesse für den Freund des Kapitäns zu zeigen.

»Er heißt Bunsby«, sagte der Kapitän. »Aber du meine Güte, was dies betrifft, so könnt' er mit dem Geist, den er hat, heißen, wie er wollte.«

Der Kapitän suchte die Idee, die er mit diesem Schlußlobe in Verbindung brachte, nicht weiter zu beleuchten, und auch Walter war es nicht um eine nähere Erörterung zu tun, denn als er mit der Lebhaftigkeit, wie sie seinem Temperament und seiner Stellung natürlich war, die Hauptpunkte seiner Angelegenheit zu betrachten begann, entdeckte er bald, daß der Kapitän wieder in seinen früheren Zustand tiefen Nachsinnens versunken war und nichts von ihm sah und hörte, obschon er seine Blicke stetig unter seinen buschigen Brauen nach ihm hinschießen ließ.

In der Tat arbeitete sich Kapitän Cuttle mit so großartigen Entwürfen ab, daß er – weit entfernt, auf dem Strande zu liegen – gar bald in das tiefste Wasser geriet und für das Brüten gar keinen Boden mehr finden konnte. Allmählich wurde es ihm übrigens vollkommen klar, daß hier ein Irrtum im Spiel sein müsse, der ohne Zweifel mehr auf Seite Walters als auf der seinen liege; denn wenn sich's wirklich um eine Westindien-Reise handelte, so mußte sie zuverlässig ganz anders aufgefaßt werden, als dies der junge, vorschnelle Walter tat, da er seinerseits nur eine Gelegenheit darin sah, mit ungewöhnlicher Schnelligkeit zu einem schönen Vermögen zu kommen. »Oder wenn's je eine kleine Spannung zwischen ihnen gibt«, dachte der Kapitän in Beziehung auf Walter und Mr. Dombey, »so bedarf es nur eines Wortes von einem Freunde beider Parteien, um alles wieder ins Geleise zu bringen.«

Kapitän Cuttles Folgerung aus diesen Betrachtungen lief darauf hinaus, er habe bereits das Vergnügen gehabt, Mr. Dombey bei Gelegenheit einer sehr angenehmen halben Stunde kennenzulernen, die er zu Brighton in seiner Gesellschaft verbrachte – er meinte damit den Morgen, als sie das Geld borgten. Unter ein paar Männern von Welt also, die sich verständen und gegenseitig geneigt wären, einer Sache eine angenehme Wendung zu geben, lasse sich eine derartige kleine Schwierigkeit leicht ausgleichen, so daß man zu wirklichen Tatsachen übergehen könne. Die Aufgabe, die folglich seiner Freundschaft oblag, bestand darin, daß er, ohne vorderhand gegen Walter nur ein Wörtchen verlauten zu lassen, sich nach Mr. Dombeys Hause begab, den Diener ersuchte, den Kapitän Cuttle zu melden, Mr. Dombey mit vertraulicher Miene entgegentrat, ihn mit seinem Haken am Knopfloch packte, die Sache besprach, sie zurechtbrachte und triumphierend wieder von hinnen zog.

Wie sich diese Erwägungen dem Geiste des Kapitäns vergegenwärtigten und ganz allmählich Form und Gestalt gewannen, klärte sich sein Gesicht auf wie ein zweifelhafter Morgen, der einem schönen Mittag Platz macht. Seine Brauen, die im höchsten Grade finster gewesen, verloren ihren rauhborstigen Anblick und wurden heiter, die Augen, die sich in dem Ernst der geistigen Anstrengung fast geschlossen, taten sich wieder auf, und ein Lächeln, das sich anfangs nur an drei Stellen gezeigt hatte – die eine rechts von seinem Mundwinkel und die andern an der Innenseite eines jeden Augen – breitete sich allmählich über sein ganzes Gesicht bis zur Stirn hinauf, wo es sogar den Glanzhut hob, als sei auch dieser mit Kapitän Cuttle auf den Strand gelaufen und jetzt gleich ihm wieder glücklich flott geworden.

Endlich hörte Kapitän Cuttle auf, seine Nägel zu beißen, und sagte:

»Nun könnt Ihr mir zu meiner Geschichte da verhelfen, Wal'r.«

Er meinte damit seinen Rock und seine Weste.

Walter ließ sich wenig träumen, warum sich der Kapitän so viele Mühe mit dem Ordnen seiner Halsbinde gab, deren beide Enden er in die Form eines Schweineschwanzes brachte, indem er sie durch einen massiven goldenen Ring zog, den er zum Andenken an einen verstorbenen Freund trug und auf dem ein Grabstein mit einem zierlichen Eisengeländer und einem Baum abgebildet war. Ebensowenig konnte er sich denken, warum der Kapitän seinen Hemdkragen so weit herauszog, als es die irische Leinwand unten nur erlaubte, warum er sich mit ein Paar Brustknöpfen verzierte, warum er seine Schuhe wechselte und warum er ein unvergleichliches Paar Gamaschen anlegte, die er nur bei ganz besonderen Gelegenheiten zu tragen pflegte. Nachdem sich der alte Herr endlich zu seiner vollkommenen Zufriedenheit angekleidet und vom Kopf bis zu Fuß vor einem Rasierspiegel, den er zu diesem Zweck von einem Nagel herunternahm, gemustert hatte, griff er nach seinem Knotenstock und sagte, daß er bereit sei.

Die Haltung des Kapitäns war viel selbstgefälliger, als wenn er bei gewöhnlichen Gelegenheiten ausging; aber Walter meinte, die Gamaschen möchten wohl schuld daran sein, und achtete wenig darauf. Noch ehe sie sehr weit gekommen waren, begegneten sie einem Blumenmädchen. Als ob ihm plötzlich ein glücklicher Einfall gekommen wäre, machte der Kapitän jetzt halt und kaufte sich eines der größten Bündel in dem Korb – einen herrlichen Strauß von fächerartiger Form, der wohl dritthalb Fuß im Umfang hatte und aus den schönsten Blumen bestand, die man sehen konnte.

Mit diesem kleinen Angebinde bewaffnet, das Mr. Dombey zugedacht war, ging Kapitän Cuttle mit Walter weiter, bis sie die Haustür des Instrumentenmachers erreichten, vor der sie stehenblieben.

»Geht Ihr hinein?« fragte Walter.

»Ja,« entgegnete der Kapitän, der fühlte, er müsse sich zuerst Walter vom Halse schaffen, ehe er weitere Schritte tun könne, und dabei meinte, es werde am besten sein, wenn er seinen beabsichtigten Besuch auf eine spätere Stunde des Tages verlege.

»Und Ihr werdet nichts vergessen?« fragte Walter.

»Nein«, versetzte der Kapitän.

»So will ich denn meinen Spaziergang antreten«, sagte Walter. »Ich störe dann in keiner Weise.«

»Macht nur einen langen, mein Junge«, erwiderte der Kapitän, ihm nachrufend.

Walter nickte ihm mit der Hand seine Zustimmung zu und ging seines Weges.

In betreff des letzteren war es ihm so ziemlich gleichgültig, welchen er einschlug, indes meinte er doch, er wolle lieber auf das Feld hinausgehen, wo er über das unbekannte Leben, das ihm bevorstand, nachdenken, unter einem Baum sich niederlegen und ruhige Betrachtungen anstellen könne. Den besten Platz hierfür glaubte er in der Nähe von Hampstead zu finden, und um dahin zu gelangen, mußte er an Mr. Dombeys Hause vorbei.

Als er bei demselben anlangte und an der Vorderseite hinaufsah, nahm es sich so stattlich und düster wie nur je aus. Die Rouleaus waren niedergelassen, die oberen Fenster aber standen weit offen, und der sanfte Wind, der die Vorhänge hin und her wehte, war das einzige Lebenszeichen, das sich zeigte. Walter ging langsam vorüber und war froh, als er einige Haustüren weiter hinter sich hatte. Dann schaute er mit dem Interesse, das er schon manches Jahr seit dem Abenteuer mit dem verirrten Kinde stets für den Platz gefühlt hatte, wieder zurück und blickte namentlich nach den erwähnten oberen Fenstern hinauf. Während er so beschäftigt war, fuhr ein Wagen an der Tür vor, und ein stattlicher Gentleman in Schwarz mit einer schweren Uhrkette stieg aus, um sich in das Haus zu begeben. Als er sich nachher dieses Herrn und seiner Equipage wieder erinnerte, schien es ihm unzweifelhaft, daß dieser ein Arzt gewesen sein müsse, und nun machte er sich Gedanken darüber, wer wohl krank sei. Diese Entdeckung kam ihm übrigens nicht eher, bis er eine ziemliche Strecke weitergegangen und inzwischen sich achtlos mit andern Dingen beschäftigt hatte.

Allerdings nur mit Dingen, die das Haus ihm in die Erinnerung gerufen, denn Walter schwelgte gerne in der Betrachtung, es dürfte vielleicht eine Zeit kommen, wann seine alte Freundin, das schöne Kind, das stets so dankbar gegen ihn gewesen war und sich seitdem immer freute, ihn wiederzusehen, zu seinen Gunsten ihren Einfluß bei ihrem Bruder geltend machen könnte. Im gegenwärtigen Augenblick war ihm dieser Gedanke um so lieber, weil er es für eine weit größere Wonne hielt, in ihrem Andenken fortzuleben, als irgendeines zeitlichen Vorteils sich daraus zu erfreuen; doch eine weitere und nüchternere Erwägung flüsterte ihm zu, wenn er dann über dem Meer und vergessen, sie aber verheiratet, reich, stolz und glücklich sei! Es war kein Grund vorhanden, warum sie bei einer so veränderten Lage mehr an ihn denken sollte, als an irgendein Spielzeug, das sie besessen – ja nicht einmal so viel.

Gleichwohl idealisierte sich Walter das hübsche Mädchen, das er verirrt auf offener Straße gefunden, und identifizierte es so sehr mit der unschuldigen Dankbarkeit, die es an jenem Abend so einfach und so wahr gegen ihn ausgedrückt hatte, daß er sich selbst den Vorwurf der Verleumdung machte, wenn er nur auf den Gedanken kam, sie könnte je stolz werden. Andererseits waren seine Betrachtungen so phantastischer Art, daß es kaum weniger verleumderisch schien, wenn er sie sich als erwachsene Dame dachte und damit in Verbindung brachte, sie könne dann in einem anderen Licht erscheinen, als in dem des nämlichen arglosen, gewinnenden kleinen Geschöpfs, das sie in den Tagen der guten Mrs. Brown gewesen war. Mit einem Wort, Walter machte die Entdeckung, daß es in der Tat sehr unvernünftig sei, über Florence überhaupt Folgerungen zu ziehen; er könne daher nichts Besseres tun, als seinem Innern ihr Bild einprägen, wie irgendeinen köstlichen, unerreichbaren, wandellosen und unbestimmten Gegenstand – unbestimmt in allem, nur nicht in seinem Vermögen, ihn mit Wonne zu erfüllen, einer Wonne, die ihn gleich der Hand eines Engels von allem Unwürdigen abhielt.

Walter machte an jenem Tage einen weiten Spaziergang durch die Felder, horchte auf den Gesang der Vögel, der Sonntagsglocken und auf das gedämpfte Getöse der Stadt, atmete den süßen Duft, blickte hin und wieder nach dem düstern Horizont, hinter dem sich der Ort seiner Bestimmung barg, und schaute dann wieder zurück auf das englische Gras und auf die vaterländische Landschaft. Aber auch nicht einer seiner Gedanken, nicht einmal der an die ihm bevorstehende Reise gewann eine bestimmte Klarheit, sondern er erging sich die ganze Zeit über in träumerischem Brüten, in dem er die gründlichere Betrachtung von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute aufzuschieben schien.

Die Felder lagen ihm bereits im Rücken, und er trat in derselben zerstreuten Stimmung den Heimweg an, als er den Schrei eines Mannes und dann die Stimme einer Frau vernahm, die ihn laut bei Namen nannte. Überrascht blickte er auf und wurde eines Wagens ansichtig, der die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen, aber in nicht großer Entfernung von ihm haltgemacht hatte. Der Kutscher schaute von seinem Bock aus zurück und winkte ihm mit seiner Peitsche; die Dame aber lehnte sich zum Schlag heraus und schwenkte mit Macht ihr Tuch gegen ihn hin. Er eilte heran und fand, daß die Person in der Kutsche niemand anders als Miß Nipper war, die sich vor Verwirrung nicht zu helfen wußte.

»Staggs Gärten, Mr. Walter!« rief Miß Nipper; »o, seid so gut!«

»Wie?« entgegnete Walter. »Was gibt es?«

»O, Mr. Walter, Staggs Gärten, wenn Ihr so gut sein wollt!« sagte Susanna.

»Da haben wir's!« rief der Kutscher, sich mit einer Art triumphierender Verzweiflung auf Walter berufend. »So treibt's die junge Dame wohl schon eine sterbliche Stunde lang und scheucht mich fortwährend auf weglose Pfade, auf denen sie durchaus fahren will. Vom ersten bis auf den letzten hab ich schon mancherlei Personen geführt, aber nie eine solche wie sie.«

»Wollt Ihr nach Staggs Gärten, Susanna?« fragte Walter.

»Ha, freilich will sie dahin! Aber wo sind sie?« brummte der Kutscher.

»Ich weiß es nicht!« rief Susanna außer sich. »Mr. Walter, ich war einmal mit Miß Floy und unserem armen Liebling, dem Master Paul, dort, an demselben Tage, als Ihr Miß Floy in der City fandet, denn wir verloren sie auf dem Heimweg, Mrs. Richards und ich, und ein wütender Stier, und Mrs. Richards' Ältester, und obgleich ich später wieder hinging, kann ich mich doch nicht erinnern, wo es ist, ich denke, es muß in den Boden gesunken sein, o Mr. Walter, verlaßt mich nicht, Staggs Gärten, wenn Ihr so gut sein wollt! Miß Floys Liebling – unserer aller Liebling – der kleine, sanfte, liebe Master Paul! O Mr. Walter!«

»Guter Gott!« rief Walter, »ist er denn sehr krank?«

»Die hübsche Blume« – rief Susanna, die Hände ringend – »hat sich's in den Kopf gesetzt, er möchte seine alte Amme sehen, und ich komme, sie an sein Bett zu bringen, Mrs. Staggs von Polly Toodles Garten – weiß es denn niemand?«

Sehr aufgeregt von dem, was er hörte, und Susannas Unklarheit augenblicklich erfassend, eilte Walter mit einem Eifer, daß der Kutscher genug zu tun hatte, um ihm nachzukommen, voraus und erkundigte sich da, dort und überall nach dem Weg von Staggs Gärten.

Aber es gab keinen solchen Platz mehr. Er war von der Erde verschwunden. Wo vordem die alten, morschen Gartenhäuser gestanden, erhoben sich jetzt Paläste, und gigantische Granitsäulen eröffneten eine Aussicht nach der Eisenbahnwelt jenseits. Der erbärmliche Grund, wo vordem der Schutt aufgehäuft gewesen, war nicht mehr, und an der Stelle der Verwesung sah man Reihen von Magazinen, vollgestopft mit reichen, kostbaren Kaufmannsgütern. Die alten Nebenstraßen wimmelten nun von Fußgängern und Fuhrwerken aller Art, und die neuen, die entmutigt im Schlamm und in den Wagengeleisen steckengeblieben, bildeten nun ganze Städte und riefen eine gesunde Behaglichkeit hervor, die ganz ihr Eigentum war, und an die man nicht gedacht oder die man überhaupt kaum für möglich gehalten hatte, bis er sich einmal im wirklichen Dasein befand. Brücken, die früher nirgends hingeführt hatten, vermittelten nun den Weg zu Gärten, Landhäusern und gesunden öffentlichen Spaziergängen. Die Gerippe der Häuser und die Anfänge neuer Straßen hatten sich der Reihe nach mit der Geschwindigkeit des Dampfes ausgebildet und schossen ins Land hinein mit ungeheuren Armen. Was die Bewohner jener Gegend betraf, die in den Tagen des Kampfes die Eisenbahn nicht hatten anerkennen wollen, so waren sie jetzt weise und reich geworden, wie es jedem Christen in solchem Falle ergehen kann: sie rühmten sich nun einer so mächtigen und Wohlstand versprechenden Verwandtschaft. In den Läden der Tuchhändler standen Eisenbahnmodelle und in den Fenstern der Zeitungsausträger waren Eisenbahn-Journale ausgebreitet. Die Gasthäuser, Kaffeehäuser, Mietwohnungen und Speisetische verdankten ihr Dasein der Eisenbahn; man sah Eisenbahnkarten, Ansichten, Fahrten-Tafeln, Packpapier, Flaschen und Schachteln – alles mit demselben Stempel; Eisenbahn-Mietkutschen und Kutschenstände, Eisenbahn-Omnibusse, Eisenbahn-Straßen und -Gebäude, Eisenbahn-Anhängsel und Eisenbahn-Schmeichler, so daß sie aller Berechnung Trotz boten. Auch auf den Uhren war die Eisenbahnzeit angemerkt, als ob die Sonne selbst den kürzeren gezogen hätte. Unter den Besiegten befand sich auch der in Staggs Gärten einst so ungläubige Meister Schornsteinfeger, der jetzt in einem drei Stock hohen, mit Stuck verzierten Hause wohnte und sich mit goldenen Schnörkeln auf einem gefirnißten Brett als einen Akkordanten zu erkennen gab, der die Eisenbahnkamine durch Maschinerie reinigte.

Zu dem Herzen dieser großen Veränderung und von demselben weg schossen Tag und Nacht Ströme gleich dem Blute seines Lebens. Scharen von Menschen und Berge von Warenvorräten, zu dutzend- und dutzendmalen im Laufe der 24 Tagesstunden wiederkehrend, bewirkten auf dem Platze ein Gewühl, das stets in Tätigkeit war. Sogar die Häuser schienen geneigt zu sein, aufzupacken und Ausflüge zu machen. Wundervolle Parlamentsmitglieder, die sich vor noch nicht zwanzig Jahren über die unsinnigen Eisenbahn-Theorien und -Ingenieure lustig gemacht und sie im Kreuz- und Querverhör tüchtig in die Enge getrieben hatten, brachen nun, die Uhren in der Hand, nach dem Norden auf und ließen zu gleicher Zeit durch die elektrischen Telegraphen ihre Ankunft melden. Tag und Nacht rasselten die erobernden Maschinen in unablässiger Tätigkeit, näherten sich ruhig dem Ziel ihrer Reise und schlüpften, gleich zahmen Drachen, in die ihnen auf den Zoll hin angewiesenen Ecken, wo sie fauchend schüchtern stehenblieben, die Wände zum Erzittern bringend, als seien sie stolz auf das Geheimnis der großen Kräfte, die man in ihnen noch gar nicht ahnte, und auf ihre noch nicht erfüllten Riesen-Entwürfe.

Aber Staggs Gärten waren mit Wurzel und Zweig abgetragen worden. Wehe dem Tage, wann »keine Rute englischen Grundes«, in Staggs Gärten angelegt, mehr Sicherheit bietet!

Endlich, nach vielem vergeblichen Nachfragen, fand Walter, hinter dem der Kutscher mit Susanna dreinrollte, einen Mann auf, der einmal in dem jetzt verschwundenen Lande gewohnt hatte. Dieser war niemand anders, als der vorerwähnte Meister Schornsteinfeger, der es inzwischen zu ziemlicher Beleibtheit gebracht und nunmehr sogar einen blanken Klopfer an seiner Tür hatte. Wie er sagte, kannte er Toodle wohl.

»Gehört zu der Eisenbahn, nicht wahr?«

»Ja, Sir, ja!« rief Susanna Nipper zum Kutschenschlag heraus.

»Und wo wohnt er?« fragte Walter hastig.

»Er wohnt in den Gebäuden der Kompanie, um die zweite Ecke herum rechts, den Hof hinunter, über denselben weg, dann die zweite Tür wieder rechts.« Es sei Nummer elf: sie könnten sich nicht täuschen, oder wenn auch, so brauchten sie nur nach dem Maschinenheizer Toodle zu fragen, dessen Haus ihnen jedermann zeigen könne. Nach diesem unerwartet glücklichen Ausgang stieg Susanna Nipper mit Eile aus dem Wagen, nahm Walters Arm und trat in atemloser Hast ihre weiteren Nachforschungen zu Fuß an. Die Kutsche sollte warten, bis sie zurückkäme.

»Ist der kleine Knabe schon lange krank, Susanna?« fragte Walter, während sie weiter eilten.

»Unwohl schon lange, aber niemand wußte, wie sehr«, versetzte Susanna und fügte dann mit großer Bitterkeit bei: »O, diese Blimbers!«

»Blimbers?« wiederholte Walter.

»In einer Zeit, wo man so viel über ernstes Unglück zu denken hat, könnte ich mir selbst nicht vergeben, Mr. Walter,« sagte Susanna, »wenn ich jemand zu hart verurteilte, namentlich Personen, von denen der liebe, herzige Paul nur Gutes sagt, aber ich möchte wünschen, diese Familie müßte in steinigem Boden neue Wege anlegen und Miß Blimber mit dem Pickel voraus.«

Miß Nipper schöpfte sodann Atem und beschleunigte ihre Hast, als ob sie in diesem außerordentlichen Erguß Erleichterung gefunden hätte. Walter, dem der Atem gleichfalls fast ausgegangen war, eilte mit ihr fort, ohne weitere Fragen zu stellen, und so gelangten sie in ihrer Ungeduld bald nach einer kleinen Tür, die sie nach einem reinlichen, mit Kindern angefüllten Wohnstübchen führte.

»Wo ist Mrs. Richards!« rief Susanna Nipper, sich umsehend. »O Mrs. Richards, Mrs. Richards, kommt doch sogleich mit mir, meine Liebe!«

»Ei, ist dies nicht Susanna?« rief Polly in großem Erstaunen, ihr ehrliches Gesicht und ihre mütterliche Gestalt aus der Gruppe der Kleinen erhebend.

»Ja, ich bin's, Mrs. Richards«, sagte Susanna, »und wollte Gott, ich wär's nicht, obgleich es nicht schmeichelhaft zu sein scheint, wenn ich so sage, aber der kleine Master Paul ist sehr krank und sagte heute zu seinem Papa, er möchte das Gesicht seiner alten Amme wiedersehen, und er und Miß Floy hoffen, Ihr werdet mit mir kommen – und Mr. Walter auch, Mrs. Richards – vergeßt, was vergangen ist, und erweist Liebe dem süßen Herz, das jetzt dahinschwindet – o Mrs. Richards, ja, dahinschwindet!«

Polly vergoß bei Susanna Nippers Anblick und ihrer Mitteilung Tränen, während sämtliche Kinder, einschließlich einiger neuer Kleinen, sich um die Gruppe sammelten. Auch Mr. Toodle, der eben von Birmingham zurückgekommen war und sein Mittagessen verzehrte, legte Messer und Gabel nieder, holte hinter der Tür hervor Hut und Halstuch seines Weibes, klopfte ihr auf den Rücken und sagte mit mehr väterlichem Gefühl als mit Beredsamkeit:

»Polly, mach', daß du fortkommst!«

So langten sie weit früher, als der Kutscher erwartet hatte, bei dem Wagen an. Walter versorgte Susanna und Mrs. Richards im Innern, setzte sich, um weitere Irrtümer zu verhüten, auf den Bock und beförderte seine Fracht wohlbehalten nach der Flur von Mr. Dombeys Haus, wo er, beiläufig bemerkt, einen mächtigen Blumenstrauß liegen sah; er erinnerte sich dabei an den, den Kapitän Cuttle am Morgen in seiner Gegenwart gekauft hatte. Gar gern wäre er eine Weile dageblieben, um mehr von dem kleinen Patienten zu erfahren, oder zu warten, ob man nicht irgendwie seiner Dienste benötigte; da er aber schmerzlich fühlte, wie ein solches Benehmen von Mr. Dombey als anmaßend und aufdringlich angesehen werden dürfte, so wandte er sich langsam ab und ging traurig seines Weges.

Er war übrigens noch nicht fünf Minuten gegangen, als ihm ein Diener nachkam und ihn ersuchte, er möchte wieder umkehren. Walter eilte so schnell als möglich zurück und betrat mit wehmütigen Ahnungen das Haus.

 

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