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Doktor Rameau - Zweiter Band

Georges Ohnet: Doktor Rameau - Zweiter Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Ohnet
titleDoktor Rameau ? Zweiter Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
volumeFünfter Jahrgang. Band 18.
year1889
translatorEmmy Becher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080203
projectid661de2f1
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Siebentes Kapitel.

»Wie geht es dem Kleinen?«

»Ach! Viel, viel besser, liebes Fräulein, und das verdanken wir einzig und allein Ihrem lieben, guten Herrn Papa, den unser Herrgott den armen Leuten zum Heil noch recht lange am Leben erhalten möge! Sehen Sie nur, wie schön die Operation gelungen ist! ...«

Die große, blasse, in Schwarz gekleidete, hagere Frau lüftete bei diesen Worten die Binde, welche das Kind auf ihrem Arm um den Kopf trug, und wies dem jungen Mädchen die noch geröteten, aber gesund und hell blickenden blauen Augen desselben.

»Wenn ich dran denke, daß er hätte blind werden können! So ein armer Tropf, der so gut wie sein Vater von seiner Hände Arbeit leben muß. ... Was wäre aus ihm geworden, wenn der Herr Doktor ihn uns nicht gerettet hätte? Ach, Fräulein, es vergeht aber auch kein Morgen und kein Abend, ohne daß ich den lieben Gott bitte, daß er Sie recht glücklich werden lasse!«

»Bitten Sie Gott nur, daß er meinen Vater gesund erhalte!«

Das junge Mädchen strich mit der schlanken, weißen Hand über die Wange des Kindes, zog leicht und geschickt die Binde wieder über die Augen und verabschiedete die Mutter mit freundlichem Ernst. Eine Polsterthür ward aufgestoßen, und ein gekrümmter alter Mann mit unstetem, sorgenvollem Blick trat jetzt aus dem Sprechzimmer, in der Hand hielt er einen Papierstreifen, auf dem mehrere Linien Hieroglyphen hingekritzelt waren.

»Ist das Ihr Rezept?« fragte das junge Mädchen.

»Ja, Fräulein,« versetzte der Alte. »Schrecklich viel hat er mir heute verschrieben, der Herr Doktor. Für die reichen Leute mag das schon recht sein, aber für so einen armen Kerl, wie unsereinen, der am Hungertuch nagt...«

»Sie sollen einen Schein für die Apotheke erhalten ...«

»Die Herren Apotheker lassen uns hart genug an, wenn wir damit kommen; freilich, wenn das Fräulein die Güte haben wollte,« wagte er mit demütiger Miene anzudeuten, »und mir statt des Scheines lieber das Geld...«

»Damit Ihr's vertrinken könnt!« rief eine stattliche Frau mit weißen Haaren und blühendem Gesicht, dem Anzuge nach die Haushälterin, die eben aus dem andern Zimmer hereintrat. »Man kennt Euch, Vater Gillet, und bei mir kommt Ihr schlecht an mit Euern Kunststückchen! Letzte Woche habt Ihr das Fräulein dran gekriegt, daß sie Euch zehn Franken gegeben hat, und am selben Abend noch hat man Euch schwer betrunken Eurer Tochter ins Haus gebracht! Auf die Art behandelt Ihr den Husten...«

»Was doch alles geredet wird!« seufzte der Wackere mit der Miene gekränkter Unschuld.

»Ja, da könnte es einem freilich verleiden, den armen Leuten Gutes zu thun! Allerdings thut man's ja auch zu seinem eignen Besten und nicht ihretwegen, sonst ...«

»Rosalie!« fiel ihr das junge Mädchen mit sanfter Mahnung ins Wort.

»Ach geh, Adrienne, ich weiß ganz gut, was ich rede! Da, Vater Gillet, da ist Euer Schein, und auf ein ander Mal, mein Gutester ...« Sie führte den Alten nach der Thür; beim Hinausgehen warf er der jungen Dame noch einen sehr zerknirschten und enttäuschten Abschiedsblick zu und bald hörte man seine schlürfenden Schritte auf den Steinfliesen draußen.

In dem mit hellem Eichenholz getäfelten Vorzimmer, dessen ringsum laufende Bank von langer Wartezeit der Unglücklichen und Kranken, die sich hier dreimal in der Woche zu Doktor Rameaus unentgeltlicher Sprechstunde einfanden, blank gebohnt und abgerutscht war, befanden sich Adrienne und Rosalie jetzt allein. Durch das weit geöffnete Fenster fiel die Frühlingssonne wie ein goldner Strom herein, und vom Garten herauf drang süßer Fliederduft und lustiges Gezwitscher der Vögel, die sich von Ast zu Ast jagten. Die ganze Natur atmete ein unnennbares Wohlgefühl, und die wonnige Milde der Luft und der helle Sonnenschein übten auf die alte Frau wie auf das junge Mädchen ihren Zauber, daß sie sich träumerisch und mit müßigen Händen dem Wohlgefühl des Daseins überließen.

Das Geräusch einer Thür, die sich aufthat, riß sie aus ihrem Hindämmern; ein alter Herr in langem Ueberzieher, mit einem großen Hut, unter dem sich reiches weißes Haar vordrängte, und noch jugendlich frischem, heiterem Gesicht war eingetreten.

»Ach, der Pate!« rief Adrienne jubelnd und lief ihm entgegen.

Doktor Talvanne hielt sie an der Schulter fest, sah sie zärtlich an, freute sich an den blühenden Wangen, den blauen Augen und dem goldnen Gelock und küßte sie auf die Stirn.

»Guten Morgen, Herzchen, wie geht dir's?«

»Gut wie immer, Pate!«

»So ein Doktorskind wird doch hoffentlich nicht krank sein! Man sieht, wie gut dein Vater auf dich acht hat! Ist er zu Hause?«

»Ja, Pate. Eben ist die Armensprechstunde zu Ende. Papa ist mit Herrn Servant im Studierzimmer.«

»Gut, gut! Ich werde Robert ablösen und ihn dir schicken. ... Du hast doch nichts dagegen, kleine Maus?«

»Nicht das geringste!«

Der Irrenarzt schob die Polsterthür auf und trat in Rameaus Allerheiligstes. Vor einem großen Arbeitstische, der mit Schriften, Büchern, Kolben, verschiedenfarbige Flüssigkeit enthaltenden Glascylindern bedeckt war, saß der Doktor und diktierte seinem am Fenster sitzenden Schüler: sobald die Konsultationen zu Ende gewesen, hatten sich beide wieder an die dadurch unterbrochene Arbeit begeben.

Der jetzt achtundzwanzig Jahre alte Robert Servant war ein hübscher Mensch, mit dunkeln Augen, krausem Haar, spitz zugestutztem Bart und ruhigem, ernstem Gesichtsausdruck. Der Mann mit dem herkulischen Körperbau und dem Löwenkopfe, der einst durch die Originalität und die stolze Kraft seiner Züge so mächtig gewirkt, war in dem Rameau von heute schwer wieder zu erkennen. Auf der breiten, kahl gewordenen Stirn war die berühmte Falte vom flüchtigen Gast zum ständigen Herrscher vorgerückt, aber sie drückte nicht mehr Gedankenarbeit oder Zorn aus, sondern war das Erzeugnis eines großen, nie heilenden Schmerzes. Das widerspenstige Haar, welches einst wie eine Mähne das Haupt des Gelehrten umwogt, war gebleicht und äußerst spärlich geworden. Zusammengefallen und abgemagert lehnte die hohe Gestalt gebückt im Lehnstuhl, und nur aus dem Auge, welches unter den schwarz gebliebenen Brauen hervorblitzte, leuchtete noch ungebrochen das Feuer des Geistes.

Er streckte Talvanne die feine, nervöse Hand entgegen und bedeutete seinem Schüler durch ein Kopfnicken, daß es für heute mit ihrer Arbeit zu Ende sei, worauf der junge Mann sich schweigend erhob, seine Papiere zusammenraffte und die beiden treuen Gefährten allein ließ.

Sechzehn Jahre waren seit den Schrecken der Kriegszeit verflossen, und als ob jenes verhängnisvolle Jahr das glückliche Gleichgewicht in Rameaus Dasein aus den Fugen gebracht hatte, waren von da an Trauer und Leid nicht mehr von seiner Schwelle zu verweisen gewesen. Nach langem Hinsiechen an einem unbekannten Leiden, gegen das weder ihres Mannes Kunst, noch ihr durch die Angst vor dem Tode gesteigerter Wille zum Leben etwas vermocht hatten, war Conchita der Mutter ins Grab gefolgt, und Rameau, der wie die Eiche unterm Beile des Holzhauers zusammenbrach, war für Monate in eine unheilbare Schwermut und Menschenscheu versunken.

Er hatte sich in seinen vier Wänden begraben, und sein Arbeitszimmer, welches außer der getreuen Rosalie kein Dienstbote betreten durfte, kaum mehr verlassen und so mit seinem Töchterlein und Talvanne in dumpfem Brüten hingelebt. Die Tote beklagen und der Wissenschaft, die ihn so schnöde im Stich gelassen, fluchen, zu nichts anderm öffnete sich sein Mund, und nie war sein Materialismus mit solcher Gewalt zu Tage getreten, wie in diesen ersten Zeiten heißen Wehes. Er beugte sein Haupt nicht unter der Last, die ihn zu Boden drückte, er lehnte sich dagegen auf, und seine Seele strömte von Bitterkeit und Pessimismus über, wie wenn die Galle, die ihm am Herzen fraß, sich in wildem Strom ergießen müßte. Mit der gesamten Natur rechtete er über das Unheil, das ihn betroffen, er machte die Menschheit und sich selbst dafür verantwortlich: wen er nicht anklagte, war Gott, denn er glaubte nicht an dessen Dasein.

Mit einer Geduld und Sanftmut, die in ihrer Engelhaftigkeit wohl dazu hätten dienen können, Rameau einen Himmel ahnen zu lassen, lieh Talvanne den wilden Schmähungen des Freundes sein Ohr, ließ seine schier unerträglichen Ausfälle über sich ergehen und ergab sich darein, manch langen Abend, an dem der Freund in finsterem Schweigen verharrte, an seiner Seite auszuhalten. Nachsichtig und milde wie ein Bruder, selbstlos und unermüdet wie eine Frau, war er um ihn beschäftigt, ja er vernachlässigte um seinetwillen sogar seinen Beruf.

»Die erste Pflicht des Freundes ist, sich dem Freunde zu widmen,« damit schnitt er schroff jede Mahnung an seinen Beruf ab. »Solange Rameau mich nötig hat, kann die Menschheit im übrigen sehen, wie sie ohne mich fertig wird.«

Der Dank für seine treue Hingebung bestand darin, daß der große Mann ihn ohne Erbarmen mißhandelte. Nicht einmal in den Tagen der Jugend, da seine vulkanische Natur sich rücksichtslos und wild ausgetobt hatte, war er so hart mit Talvanne verfahren wie jetzt, und was der Student mit der glatten Stirn und dem blonden Haar nur widerstrebend und nicht ohne Gegenwehr ertragen hatte, das nahm der Mann mit dem gefurchten Gesicht und weißem Haar, das Mitglied der medizinischen Akademie ohne Widerrede und ohne Murren hin.

Er sah klar, daß diese Wutausbrüche für Rameaus verbittertes Gemüt eine Erleichterung waren, und wenn der Sturm wohl eine Stunde lang getobt hatte und dann die Ruhe eintrat, schien den großen Mann auch ein Gefühl der Scham zu überkommen, und er suchte durch eine Zartheit der Gedanken, einen hinreißenden Zauber des Gespräches, in dem sich die leuchtende Klarheit und Größe seines Geistes kund that, in Vergessenheit zu bringen, wie sehr er gefehlt, es war, als ob er innerlich um Verzeihung bäte und durch den innigen, zärtlichen Klang seiner Worte den Freund entschädigen wollte für die erlittene Unbill. Es trat dann eine Stimmung bei ihm ein, die an einen schönen Sommerabend gemahnt, wenn nach einem Gewitter des Himmels Bläue sanft abgetönt ist, die gereinigte Luft doppelt erquickend und düftereich und das Grün an Baum und Strauch leuchtender denn zuvor.

Aus solchen Wandlungen, deren volle Bedeutung er empfand, und die er sich mit Hochgenuß zu Nutzen machte, schöpfte der Vielgetreue dann Mut und Kraft, künftige Zornesausbrüche zu dulden: war Rameaus Kummer aber einmal gar zu düsterer Art, so hatte der Freund ein Mittel, zu dem er stets seine Zuflucht nehmen konnte und dessen Wirkung sich nie abschwächte. Er holte die kleine Adrienne und führte sie zum Vater, dessen finsterer Groll vor dem unschuldigen, reinen Kindergesicht in Entzücken dahinschmolz. Sobald die kleinen Füßchen über die Schwelle trippelten, wurde die Härte seiner Stimme gemildert, in die Augen, die so bitterböse gefunkelt hatten, trat ein weicher Strahl, der herb aufeinander gepreßte Mund löste sich in einem gütigen Lächeln, und in dem Kuß auf die frischen Lippen war alle Erbitterung entschwunden.

Das kleine Geschöpf war jetzt vier Jahre alt, und wenn sie in dem großen Raum mit seinen zahllosen Büchern, Manuskripten, Instrumenten und Apparaten umherhüpfte, trug sie in diese ernste Behausung die Fröhlichkeit eines zwitschernden Schwälbleins. Ohne dies Kind hätte der Vater nicht die Kraft gehabt, sein Leid zu tragen, sie knüpfte ihn an das Dasein; aber die Kluft, welche der Tod der Mutter in seinem Herzen gelassen, die auszufüllen war auch sie nicht im stande. Der Mann, der so ganz im Denken gelebt, fühlte alle Schwungkraft und Macht seines Geistes gebrochen; er, der so viel und mit solcher Freudigkeit gearbeitet hatte, wandte sich jetzt mit Widerwillen von der Arbeit ab.

Tagelang saß er in seinem Zimmer, nicht vor dem Pult wie sonst im Nachsinnen über ein schwieriges Problem, sondern in einem Lehnstuhl am Fenster und sah den Wolken nach, wie sie in langem Zug nach der weiten Fläche des Invalidenplatzes hinfegten, oder seine Blicke folgten mechanisch den Bewegungen der zu regelmäßigen Stunden exerzierenden Soldaten, die bald rechts- bald linksum machten, bald nach dem kurzen Kommando der Unteroffiziere Gewehrgriffe übten. Kam die Nacht, so verließ er seinen Platz, um sich ebenso schweigend am Kaminfeuer niederzulassen und stumm und einsam weiter zu träumen.

Woran er wohl dachte? Talvanne wußte es wohl und hatte nicht nötig, eine Frage zu stellen, die unfehlbar einen Zornesausbruch hervorgerufen haben würde. Ohne Unterlaß waren die Gedanken des einsamen Gatten bei seinem jungen, ihm entrissenen Weib, und er fluchte dem Geschick, das ihn von ihr getrennt. Wenn das Bedürfnis nach Erleichterung, nach Befreiung ihn drängte, diese Gedanken laut werden zu lassen, so waren es immer die nämlichen Anklagen und Fragen: Weshalb war diese Frau mit ihren achtundzwanzig Jahren, schön, kräftig, glücklich und andern so nötig, gestorben, während unselige Greise, die an nichts und niemand mehr hängen, nichts mehr leisten, ein müdes Leben dahinschleppen und nicht enden können? Welch himmelschreiende Ungerechtigkeit in diesem Gesetz, dem alle verfallen, das Jugend und Schönheit verdammte und Gebrechlichkeit und Elend verschonte!

»So erkläre mir das doch, du Tölpel!« schrie er Talvanne rasend an. »Erkläre mir das doch, du, mit deiner weisen Ordnung der Natur, deiner Zweckmäßigkeit alles Seienden und deiner göttlichen Vorsehung! Kannst du diesem ungeheuerlichen, scheußlichen Rätsel, daß die Jungen vor den Alten sterben, daß die Siechen die Gesunden überdauern, eine vernünftige Lösung finden? Ist das gerecht? Und wenn es ein Gott ist, der solchen Frevel zuläßt, was hältst du dann von diesem Gott?« In den meisten Fällen schwieg Talvanne und senkte das Haupt, als ob er dem nichts entgegenzuhalten wüßte, zuweilen aber wurde Rameau so beängstigend blaß, die nach Ausdruck ringende Empörung erschütterte ihn so sehr, daß der Freund sich entschließen mußte, den Kampf aufzunehmen, nur um dieser finstern Wut, die den Aermsten zu ersticken drohte, Gelegenheit zum Ausbruch zu geben.

»Ach, Rameau,« sagte er mild, »dies Leben ist eine so kurze, vorübergehende Prüfungszeit, daß sie in Gottes Augen nicht schwer wiegen kann. Uns aber ist sie zu gleicher Zeit so hart, daß wir die, welche er wieder zu sich gerufen, als die Auserwählten betrachten sollten. Alle Religionen, die heidnischen in erster Linie, haben, wie du wohl weißt, im Tod eine himmlische Gnade erblickt und denen, welche ihre Lieben überleben müssen, haben sie zum Trost im wilden Weh der Trennung die Hoffnung auf ein Wiedersehen gegeben.«

»Ja wohl! Auf ein Wiedersehen in nebelhaften elysäischen Gefilden, in einem Paradies, von dem kein Mensch weiß, wo es untergebracht ist! Ach! Verblendung und Betrügerei! Wiedersehen – und in welcher Form? Wird man sich wiedersehen in menschlicher Gestalt? Du weißt sehr gut, daß von dem Leib, der den Würmern zum Fraß dient, nichts übrig bleibt! Vielleicht dann als Skelett? Grauenhafte Vorstellung! Besser nie sich wiederfinden! Nein, nein! Deine Pfaffen mögen lügen, wie sie wollen, ich werde die herrliche Gestalt, die ich so zärtlich geliebt, die so strahlend und schön war, nie wieder erblicken! Dies Lächeln, das mich entzückte, das so viel Lebensfreude atmete, wird mir nicht mehr strahlen! Von den süßen, leuchtenden, geliebten Augen wird sich nie mehr der Schleier der langen Wimpern heben, daß ihr Blick mich im innersten Herzen durchglühe! Was ich verloren, kehrt nicht wieder! Du hast gut von den Tröstungen deiner Religion reden, ich Unglücklicher vermag nicht daran zu glauben! Was ich besessen, was mich beglückt und beseligt hat, ist mir entrissen, das lebendige Band, das sie mit mir verknüpfte, ist zerrissen und alles ist zu Ende: wir sind für immer geschieden!«

Eine tiefe Rührung, die den starken, mächtigen Mann zum willenlosen, hilflosen Kind machte, bemächtigte sich dann wohl seiner, und so tief ihm der Anblick dieser körperlichen und seelischen Vernichtung ins Herz schnitt, ließ Talvanne ihn doch ungestört schluchzen und weinen. War der Anfall vorüber, so drückte er dem Freunde schweigend die Hand, und in dieser warmen Berührung lag all das unendliche Mitleid und die ganze Zärtlichkeit seines Herzens.

»Du siehst,« sagte Rameau mit schmerzlichem Lächeln, »daß du es hier mit einem der betrübendsten und gefährlichsten Narren zu thun hast! Miß doch meinen Schädel, betaste ihn und stelle deine Beobachtungen an. Dann bin ich dir doch noch zu etwas gut! Du willst ja noch Ziele erreichen in deiner Wissenschaft und glaubst noch daran!«

Sobald die Ruhe wieder eingetreten, versank er auch wieder in sein dumpfes Schweigen und der Rest des Tages oder Abends verlief ohne weitere Vorkommnisse.

Seit dem Tage, da ihn sein herbes Leid betroffen, war seine Thür den Kranken verschlossen, seine Vorlesungen eingestellt. Er hatte ein Entlassungsgesuch eingereicht, statt des erbetenen Abschieds aber nur einen Urlaub auf unbestimmte Zeit erhalten. Minder gutwillig als die Regierung fanden sich die Patienten in seine Unthätigkeit, und trotzdem die Dienerschaft strengen Befehl hatte, niemand vorzulassen, und ihre Pflicht nach Kräften that, erzwangen sich doch die von Todesangst um ihre Lieben zur Verzweiflung Getriebenen den Zutritt zu ihm und forderten von ihm die Erhaltung solch teuern Lebens. Mit wahrer Wut wurden sie aber von Rameau zurückgewiesen, und die ganze schrankenlose Heftigkeit, die ihm als jugendlichem Brausekopf eigen gewesen, flammte wieder auf, wenn es galt, den Leuten klar zu machen, wie völlig fremd und gleichgültig er nun dem ganzen Ach und Weh der Menschheit gegenüberstehe.

»Ihre Frau soll ich retten?« konnte er sagen. »Ich habe ja die meinige nicht retten können! Sie haben noch Vertrauen in meine Diagnose und meine Erfahrung, da sind Sie wahrhaftig kühner als ich. ... Nicht meinen Hund würde ich meiner Behandlung anvertrauen, wenn er heute krank würde, ich wüßte ja nicht, ob ich ihn nicht umbrächte! Machen Sie, daß Sie fortkommen, es gibt keine Heilkunde. Gehen Sie zu einem Wunderdoktor, zu einem Kurpfuscher oder thun Sie gar nichts – es kommt alles aufs nämliche heraus! Aber mich lassen Sie aus dem Spiel! Was schert es mich, ob Sie Angst haben, ob Sie zu Grunde gehen! Was liegt daran, wenn die Welt in Stücke geht? Der Verlust wäre wahrhaftig nicht groß!«

Es dauerte nicht lange, so verbreitete sich das Gerücht, daß Rameau seit dem Tode seiner Frau geistesgestört sei, und der Volksmund war in diesem Fall nicht allzuweit ab von der Wahrheit.

Talvanne, der eine ungemein reiche Erfahrung in allen Formen geistiger Trübungen besaß, beobachtete diese seltsamen Stimmungen oft mit wahrem Entsetzen und mußte sich eingestehen, daß in seiner Anstalt mancher hinter Schloß und Riegel saß, in dessen Kopf es nicht wunderlicher bestellt war, als in dem seines Freundes. Der Widerwille gegen alles und jedes, was auch nur im Entferntesten mit dem Beruf, dem er sein Leben geweiht, im Zusammenhang stehen mochte, war ein sehr schlimmes Zeichen, und mit wachsender Besorgnis erlebte Talvanne, daß Monat auf Monat verging, ohne daß Rameau die geringste Wißbegierde in Bezug auf Vorgänge in der gelehrten Welt gezeigt hätte. Er, der sonst jede Broschüre, jeden Aufsatz, jede Studie las, die in Europa oder Amerika über medizinische Gegenstände herauskam, löste nun nicht einmal das Kreuzband der Fachzeitungen, die ihm Talvanne absichtlich immer wieder vor Augen brachte.

Häufig berichtete der Psychiater von neuen Operationen, die in der Klinik vorgenommen worden, beschrieb eingehend die im chemischen Laboratorium angestellten neuen Versuche, und suchte damit den Funken unter der Asche anzufachen, aber so scharf er auch Rameau im Auge behielt, seine Züge blieben völlig teilnahmslos, und er sah drein, als ob er gar nicht verstünde, wovon hier die Rede. Und doch folgte er den Mitteilungen, denn als Talvanne in seinen Monologen einmal einer von der Berliner Fakultät gepredigten neuen Krebsbehandlung Erwähnung that, stand er auf, schüttelte sich wie früher und rief: »Esel sind sie! Alle miteinander sind sie Esel! Hätten sie Karboleinspritzungen unter die Haut angewendet, so hätten sie ganz andre Aussichten auf Erfolg gehabt!«

»Das sagst du, aber bist du dessen so sicher?« entgegnete Talvanne lebhaft, der ihn damit zur Fortsetzung des Gesprächs reizen wollte.

Aber mit wegwerfendem Lächeln gab ihm Rameau zurück: »Mir ist es übrigens höchst einerlei!«

Und ihm ein weiteres Wort zu entlocken war unmöglich gewesen. Schon begann Talvanne sich mit der Frage zu beschäftigen, ob nicht Blutarmut im Gehirn Rameau seiner Denkfähigkeit beraube, als ein unvorhergesehenes Ereignis eintrat und den großen Mann wieder zu sich brachte. Frau Servant erkrankte, und ihr Zustand ward bald höchst bedenklich. Talvanne, der sofort davon benachrichtigt worden war, setzte Rameau vom Verlauf der Krankheit in Kenntnis.

»Ich komme eben von Frau Servant,« sagte er ihm eines Tages, »es steht heute weniger gut als gestern. Richardet, der sie behandelt, ist zweimal dagewesen ... er hat dies und jenes angeordnet und verschrieben, aber durchaus keinen Erfolg erzielt.«

Bei der Kunde von der Erkrankung war ein einfaches »Ach!« Rameaus einzige Aeußerung gewesen, und so oft der Freund ihm nun Nachricht brachte von der Frau, auf die er alle Dankbarkeit, die er seinem ersten Gönner schuldete, übertragen hatte, schüttelte er nur betrübt den Kopf. Eines Abends bemerkte Talvanne: »Welche Mittel würdest denn du in solchem Fall zur Anwendung bringen?«

Rameau lachte bitter und boshaft.

»Weiß ich das denn? Und was würden sie nützen?«

Und als Talvanne weiter in ihn drang, schnitt er ihm mit einem barschen: »So schweig doch; du ärgerst mich nur!« das Wort ab.

Er erhob sich und ging mit großen Schritten durchs Zimmer, sichtlich um einer Erregung Herr zu werden, die zu empfinden ihm peinlich war; dann setzte er sich wieder und versank in Schweigen. Am nächsten Tag kam Talvanne sehr erschüttert ins Zimmer gestürmt und verkündete, ohne sich zu setzen, daß die Aerzte Frau Servant aufgegeben hatten. Eine Konsultation, die im Lauf des Tages stattgefunden, habe zu diesem trostlosen Endergebnis geführt, und da keiner sich mehr zu helfen wisse, bekenne die Wissenschaft ihre Machtlosigkeit und wolle alles dem Zufall überlassen.

»Als ob es überhaupt eine andre Möglichkeit gäbe,« lachte Rameau höhnisch, ohne den Kopf zu drehen.

Diese eigensinnige Teilnahmlosigkeit einem Fall gegenüber, für den er all seine Kraft hätte einsetzen sollen, brachte Talvanne außer sich, und mit seiner Geduld war es jetzt gründlich zu Ende.

»Höre, Rameau,« rief er, »so herzlos kannst du doch nicht geworden sein, daß du das, was ich dir eben gesagt, anhörst, ohne mit der Wimper zu zucken. Es handelt sich um die Mutter deines Pflegesohns ... sie führt den Namen deines alten Lehrers, der dich zu dem gemacht, was du bist...«

»Hatte er das nicht gethan, wäre ich vielleicht ein glücklicher Mensch!«

»Rameau! Du hast schwer gelitten, du leidest noch und du wirft auch in Zukunft leiden: das ist Menschenlos. Willst du aber die Unschuldigen verantwortlich machen für deinen Schmerz? Willst du an deinesgleichen Rache nehmen für das Unglück, das dich betroffen hat? Ist dir's etwa ein Trost, wenn du andre leiden und zu Grunde gehen siehst? Großmütig und tapfer, so kannt' ich dich einst – bist du jetzt zum feigen Egoisten geworden? Hörst du mich, Rameau? Woher soll ich die Worte nehmen, um dir ans Herz zu greifen? Eine Frau ringt mit dem Tode – wenn du sie rettest, zahlst du damit eine alte Schuld der Dankbarkeit ab. Willst du das thun?«

Ein warmer Strahl leuchtete in Rameaus Augen auf, und zwei Thränen rollten langsam die höher gefärbten Wangen herab. Er stand auf, die eingesunkenen Schultern richteten sich strammer als seit langem in die Höhe, er schüttelte den mächtigen Kopf, und mit der ganzen Kraft von ehedem sagte er fest und bestimmt: »Du hast recht, Talvanne. Vergib mir – ich gehe hin.«

»Endlich hab' ich dich wieder, den alten Rameau!« rief Talvanne in überströmendem Jubel, die hohe Gestalt des Freundes ans Herz drückend. »Komm', ich will dein Führer sein!«

Ohne ihm Zeit zu irgend welchem Bedenken zu lassen, half er ihm wie einem Kind in die Kleider, sprach ihm mit glühenden Worten Mut ein, setzte ihn in seinen Wagen und schleppte ihn ans Bett der Sterbenden.

Der Vertrag, den der Tod mit Rameau eingegangen zu haben schien, und dem der allmächtige Gebieter nur ein einziges Mal, aber hier aufs grausamste abtrünnig geworden, war offenbar wieder in voller Gültigkeit hergestellt. Nach drei Tagen befand sich Frau Servant außer Gefahr: der Retter aber war diesmal selbst der Gerettete. Der eine Sieg hatte ihm die volle Lust am Kampf gegen die Krankheit zurückgegeben, er war der Arbeit wiedergewonnen und konnte ihrer Fahne von diesem Augenblick an nicht mehr untreu werden.

Eine plötzliche Wandlung vollzog sich in ihm. Es war, als ob er nach langen Wochen dumpfer Betäubung zum Leben erwacht, seine ganze gewaltige Denkfähigkeit, seine volle Thatkraft neu erlangt hätte. Er betrat den Hörsaal wieder, und seine erste Vorlesung, zu der sich eine zahllose Menge Studierender eingefunden hatte, gestaltete sich zu einem Triumph. Man war überglücklich, den großen Geist wieder leuchten zu sehen und zwar in erhöhter Klarheit. Mit dem ersten Auftreten übte er von neuem den alten Zauber; seine rednerische Begabung erschien geläutert, vergeistigt. Er war vielleicht nicht mehr ganz so kraftvoll wie früher, aber der Hauch von Schwermut, der sein ganzes Wesen durchdrang, lag wie ein verklärender Schimmer auf seinem Lehren und Wirken. Aus allem heraus vernahm man den Wiederhall seiner Schmerzen; er hatte Menschenglück und Menschenleid bis an die äußersten Grenzen ausgekostet, und sein Genius hatte sich siegreich darüber hinausgeschwungen.

Hatte man Rameau ehemals bewundert und vor seinem stolzen Selbstgefühl und seiner Kraft gezittert, so erweckte er jetzt mit dem unheilbaren Weh im Herzen und der ihm daraus erwachsenen unsagbaren Milde nur Liebe und Verehrung. Sein schon sehr bedeutendes Vermögen schwoll derart an, daß es ihm fast zur Last wurde, und er mühte sich förmlich, so viel als möglich zu guten Zwecken auszugeben. Er hatte eine chirurgische Klinik eingerichtet, in welcher er im Verein mit seinen Schülern Arme behandelte und operierte; zweimal die Woche hatte jeder zu der unentgeltlichen Sprechstunde in der Rue Saint Dominique Zutritt. »Helfer der Unglücklichen« war der herrliche Titel, den er sich erwarb; es genügte, elend zu sein, damit hatte man sich ein Anrecht an sein Wohlwollen, an seine Pflege errungen. Und welche Pflege, welche Behandlung! Kaiser und Könige konnten sich keines Arztes rühmen, der so wie dieser Zauberer den Schmerz zu bannen, die Krankheit einzudämmen, den Tod in Bande zu legen gewußt hätte.

Diese Triumphe hatten Talvanne verjüngt. Voll brennenden Verlangens, die Heilung, die er begonnen und deren Ruhm er sich insgeheim zuschrieb und zuschreiben durfte, auch zu Ende zu führen, lieh er Rameau bei all seinen wohlthätigen Unternehmungen hilfreiche Hand. Er übernahm die Verwaltung der Klinik, sowie die Aufsicht über dieselbe, zahlte die Hausmiete und den Lohn der Krankenpfleger aus, kurz, er unterzog sich der gesamten materiellen Arbeit, um dem Freund ungestört die wissenschaftliche zu überlassen.

»Ich mit meinem Irrenhaus bin gut beschlagen im Rechnungswesen, mich zieht so leicht keiner herüber! Du würdest den Wald vor Bäumen nicht sehen! Säge du Arme und Beine ab oder mache sie wieder ganz, exstirpiere Geschwüre, schneide Frauen entzwei und flicke sie, daß sie hernach haltbarer sind als zuvor, das ist dein Gebiet, auf dem dir keiner gleichkommt. Jeder hat seine Spezialität, so fordern wir unser Jahrhundert in die Schranken, und soll mich wundernehmen, wenn die Leute nicht ihren Reichtum von sich werfen, um zu »Doktor Rameaus Armen« zu gehören.«

Und dabei rieb er sich die Hände, daß ihm fast die Haut abging, und lachte im Uebermut seiner Befriedigung aus vollem Halse. Zuweilen, wenn er des Abends die kleine Adrienne auf seinen Knieen hielt, konnte er zu dem Kind sagen: »Herzchen, dein Vater ist ein großer Menschenfreund! Du wirst schon sehen, eines Tages setzen sie ihm ein mächtiges Denkmal, wie irgend einem großen Feldherrn oder Helden, und er hat das mehr verdient als jene, mein Töchterchen, denn es ist ein bessrer Ruhm, den Menschen zum Weiterleben zu verhelfen, als sie in den Tod zu führen.«

So befriedigend sich demnach Rameaus geistiger und körperlicher Zustand wieder gestaltet hatte, so ließ seine Gemütsverfassung immer noch viel zu wünschen übrig. Trotz der liebevollen Hingebung des Freundes, trotz des Sonnenscheins, den das Schelmengesicht seines Töchterleins um ihn verbreitete, hatte Rameau Stunden wahrhaft tödlichen Jammers, und zumal wenn der Jahrestag dieses ohne Aufhören beweinten Todes herannahte, nahmen die finsteren Stimmungen in bedrohlicher Weise überhand und äußerten sich in alter Wildheit. Für alles, was nicht Berufspflicht hieß, wurde er dann völlig unzugänglich, und war schließlich der Vorabend des unseligen Tages da, so begab er sich in das Zimmer seiner Frau, in dem jedes Stück am alten Fleck lag und stand, wie sie es verlassen, und blieb hier, ohne die Fensterläden zu öffnen, in tiefer Grabesdunkelheit volle vierundzwanzig Stunden mit dem Andenken der Geliebten allein. War diese Totenfeier beendigt, so verließ er den Raum blässer und gebeugter, als er ihn betreten, aber aus den geröteten Augen leuchtete noch größere Festigkeit und Ruhe. Dann nahm er die Arbeit, seine täglichen Beschäftigungen, das gewohnte Leben wieder auf.

Das einst so gastfreundliche Haus war und blieb verödet und verschlossen, und mit Ausnahme von ein paar nahen Freunden kamen nur Hilfesuchende über diese Schwelle. Der sonnabendliche Empfang war gänzlich eingestellt worden, der große Salon ward niemals erleuchtet und kein Gewoge von Geladenen zog mehr die Marmorstufen der Haupttreppe herauf. Alles war düster und schweigsam, und in der Mitte des ersten Stockwerks erblickte man vom Garten aus zwei geschlossene Fensterläden, die sich so wenig aufthaten, wie das in frommer Wehmut zugedrückte Auge eines Toten.

In diesem Haus der Trauer und der Weltflucht wuchs die kleine Adrienne gesund und fröhlich und voll Leben heran und ließ ihr Stimmlein so lustig zwitschernd ertönen wie der kleine Vogel, der in den Aesten der Grabcypresse, unbekümmert um Tod und Schmerz, sein Lied hinausschmettert und jubiliert, weil der Himmel so blau ist und die Sonne ihn so warm bescheint. Sie war ihres Vaters Abgott, und sein Blick, der sie so innig umfing, schien immer in den Tiefen der zum Leben erwachenden Seele zu suchen und das Wesen des sich entwickelnden Geistes ergründen zu wollen. Ob sein Kind wohl ernst oder oberflächlich, phantastisch oder verständig geartet war? Und vor allem, ob sie sanften, vertrauenden Sinnes oder unduldsam und fanatisch sich zeigen würde? Hatte sie die glühende, leidenschaftliche Gemütsart der Mutter und würde auch sie in dieser Zeit, die alte Satzungen ins Wanken bringt, den Glaubenseifer früherer Jahrhunderte entwickeln? Oder brachte sie, und das war sein höchstes Sehnen, erst dem Vater und dereinst dem Gatten ein einfältig liebendes Herz entgegen, dem Lieben und Geliebtwerden seine ganze Welt war, und das nicht danach trachtete, andre zu bessern oder zu verdammen?

Er hatte sich's zum strengen Gesetz gemacht, in Gegenwart des Kindes nie ein Wort auszusprechen, das irgendwie Bezug zur Religion hätte; er wollte sich vollständig neutral verhalten, keinen Widerspruch äußern oder wecken, keine Lehren aufstellen. Als ein Verbrechen wäre es ihm erschienen, diesem jungen Gemüt, das so begierig jedes seiner Worte aufsog und ihm wehr- und waffenlos gegenüberstand, eine einzige seiner Anschauungen aufzudrängen. Sein Gewissen war in diesem Punkt sehr streng und empfindlich.

Adrienne wurde ganz in derselben Weise wie alle andern jungen Mädchen erzogen und besuchte, von Rosalie hin und her begleitet, eine Privatschule, in welcher nach hergebrachter Weise Religionsunterricht erteilt wurde, und wenn sich dann das Kind zu Hause mit irgend einer Frage über die biblische Geschichte an den Vater wandte, war es eine Freude, die poetischen Erzählungen vom Ursprung des Christentums schlicht und einfach von Rameau wiederholen zu hören. Er erzählte ihr alles, wie die Mutter es einst ihm erzählt hatte, und was er selbst als Kind dabei gedacht und empfunden, lebte in seiner Erinnerung wieder auf, und er nahm mit Erstaunen wahr, daß so lange Jahre der Entfremdung vom Glauben, ja der Feindseligkeit gegen diese Religion, jene Eindrücke nicht zu verwischen vermocht hatten. Das stimmte ihn nachdenklich, und er sagte sich, daß ein Glaube, der in der Einbildungskraft so tiefe Wurzeln schlage, fast unausrottbar sei, und er liebkoste sein Kind innig, während sie mit den kleinen Händen seinen weißen Bart streichelte und er ihr die Geschichte von der Flucht nach Aegypten und der Nacht in Genezareth erzählte.

Mit wahrer Herzensfreude nahm Talvanne wahr, daß die Erziehung des Kindes auf diese Weise im hergebrachten Geleise ohne jede Schwierigkeit und Störung vor sich ging, und er bewunderte den Freund um dessenwillen aufs neue. Nur das Herannahen des Zeitpunktes der ersten Kommunion erfüllte ihn mit Sorge. Würde Rameau sein Töchterchen gutwillig an einer Zeremonie teilnehmen lassen, gegen die er sich, der vorhergehenden Beichte wegen, von jeher empört? Der Einfluß des Priesters, der durch diesen Akt Herz und Willen des jungen Mädchens, der jungen Frau, vollständig in Händen hielt, war ihm stets als etwas Ungeheuerliches erschienen, und so oft die wichtige Frage von der Gewissensfreiheit zur Erörterung gekommen war, hatte er sich in einem Maße erhitzt, daß es an Wahnsinn grenzte. Wenn er auch in verschiedenen andern Punkten vieles einräumen gelernt hatte, in Bezug auf die Beichte gab er keine Linie breit nach.

Er ließ Adrienne trotzdem ruhig am Vorbereitungsunterricht teilnehmen und zuckte nicht mit den Wimpern, wenn sie von dem, was sie dort in sich aufgenommen, daheim Rechenschaft ablegte. Seine Gedanken darüber zu ergründen, war unmöglich, und mit einer Frage hatte man jedenfalls einen Sturm heraufbeschworen und möglicherweise die Vorurteile neu belebt und Skrupel wachgerufen. Solchen Schwierigkeiten fühlte sich Talvanne nicht gewachsen, er ließ daher der Sache ihren Lauf und tröstete sich mit der neuerdings so überraschend großen Mäßigung und Selbstbeherrschung des Vaters und dem unwiderstehlichen Liebreiz des Töchterchens. »Kommt's zum Kampf,« sagte er bei sich, »so laß ich Adrienne mit ihm allein, und es müßte mit dem Kuckuck zugehen, wenn in diesem Fall nicht das Lamm den Tiger zur Vernunft brächte.«

Indessen rückte der große Tag näher und die Toilettenfrage trat in den Vordergrund. Rosalie versprach alles zu besorgen. Für Adrienne war diese Sache von höchster Wichtigkeit, und wenn sie sich bei dem Gedanken, an Gottes Tisch zu treten, von frommem Schauer ergriffen fühlte, so pochte ihr das Herz vor Freude, wenn sie sich vorstellte, daß sie dabei ihr erstes langes Kleid tragen würde!

Eines Abends, als Talvanne und Rameau sich unmittelbar nach Tisch in des Doktors Arbeitszimmer zurückgezogen hatten, weil interessante wissenschaftliche Arbeiten aus Deutschland eingelaufen waren, flog die Thür rasch auf, und herein trat, selig und strahlend, Adrienne im weißen Kommunionsanzuge. Mit wohlgemessenen zierlichen Schritten, die ihren Anzug möglichst zur Geltung bringen sollten, und jener halb unbewußten Koketterie, die das kleine Mädchen plötzlich zum Weibe macht, tänzelte sie auf ihren Vater und den Paten zu.

»Die Schneiderin hat mir's zur Anprobe gebracht,« rief sie, »da wollte ich doch euch mein Kleid gleich zeigen. ... Mir kommt es recht hübsch vor ... aber wenn ihr etwas auszusetzen habt, so sagt es nur....«

Aus ihren Augen blitzte die größte Freude; suchend irrte ihr Blick im Zimmer umher, offenbar vermißte sie heute zum erstenmal hier den Spiegel, der dem ernsten, gelehrten Raum wunderlich angestanden hätte. Talvanne, den eine große Unruhe befallen hatte, warf einen flehenden Blick auf den Freund, der aber vollkommen ruhig zu sein schien, ja der bei Adriennes Ausspruch: »Mir kommt es recht hübsch vor«, ein Lächeln nicht unterdrücken konnte.

»Der Anzug kleidet dich, mein Kind,« lautete denn auch des Vaters mit weicher Stimme abgegebenes Urteil.

»O, um so besser!« rief sie, übermütig in die Hände klatschend. »Weißt du, Väterchen, ich möchte gar zu gern eine von den Allerschönsten sein, damit du dich freuen kannst, wenn du mich in der Kirche ansiehst, und stolz auf mich bist! ...«

»Nimm dich in acht, Adrienne,« bemerkte Rameau, mit liebevollem Ernst den Finger aufhebend, »du sündigst da mit Eitelkeit und Hoffart.«

Das Kind ward dunkelrot; all ihr Uebermut war verflogen, und mit erzwungener Ruhe und Fassung sprach sie: »Du hast ganz recht, Papa, aber ich bin eigentlich nicht eitel; ich möchte nur gar zu gern dir gefallen, dir Freude machen!«

Sanft schlang sie den Arm um seinen Hals, drückte sein Gesicht an sich, daß der schneeweiße Bart in dem blütenweißen Musselin ihres Kleidchens ruhte, küßte ihn herzlich, machte dann eine feierliche Verbeugung und rief mit hellem Lachen, das den düstern Raum mit einemmal fröhlich machte: »Ihre Dienerin, meine gestrengen Herren!«

Damit war sie, so rasch wie sie hereingekommen, zur Thür hinaus. Die beiden Männer sahen sich prüfend in die Augen, und eine Welt von Gedanken tauschte sich in diesem Blick aus. Ohne sein Bedürfnis nach Aussprache länger beherrschen zu können, beugte sich Talvanne zu dem Freund hinüber und drückte ihm warm die Hand.

»Wie brav du bist, mein Alter!«

»Wundert dich das?« fragte Rameau.

»Nein, aber ich weiß, wie du dich der Kleinen zuliebe selbst überwindest, und weil ich sie lieb habe wie mein eignes Kind, dank' ich dir!«

Der Doktor hob die gesenkte Stirn und blickte dem Freund fest ins Gesicht.

»Was hast du den eigentlich gefürchtet?«

»Sei mir nicht böse deshalb,« begann Talvanne mit Vorsicht, »aber ich habe es miterlebt, wie unduldsam du gewesen. ...«

»Unduldsam! Allerdings!« fiel er ihm ins Wort, »Aber wie wäre es möglich, daß ich es meinem Kind gegenüber wäre?«

Er schwieg eine Weile und fuhr dann mit bewegter Stimme fort: »Dies junge Herz, das sich so taufrisch, so vertrauensvoll aufthut, sollte ich betrüben, auf diesen reinen, zweifelfreien Geist einen Schatten fallen lassen? Ich müßte ja ein Ungeheuer sein! Nein! Nein! Wenn die Religion irgendwo erträglich ist, so ist sie es in einem Kinderherzen, das sich zum Himmel hingezogen fühlt, wenn ein Gebet heilig ist, so ist es das aus Kindermund. Was liegt daran, daß dieser Glaube eitel und nichtig ist, wenn er ihr Empfinden kräftigt, ihr Denken erhöht? Wo Liebe betet, ist jede Formel echt. Wenn ich des Abends in meines Kindes Zimmer trete und sie vor dem Einschlafen die kleinen Hände faltet und mit sanfter Stimme flüstert: ›Lieber Gott, laß mich gut und klug werden, daß der Papa mich nicht tadeln muß und daß er Freude an mir hat. ... Erhalte ihn gesund und meinen lieben Paten auch!‹ ... Ach! Talvanne, nicht um die ganze Welt möchte ich sie minder gläubig und minder fromm haben! Mir ist, als ob sie mit dem Glauben an Güte, Sanftmut und Herzensreinheit verlieren müßte. Lassen wir die Philosophie den Männern – sie mögen forschen und suchen und anfechten und aufklären, aber rühren wir nicht an die Religion der Frau ... wir würden zu viel aufs Spiel setzen, zu viel dabei verlieren!«

»Ich errate deine Gedanken,« sagte Rameau weiter, als er das tiefe Staunen im Blick des Freundes wahrnahm. »Du fragst dich, wie ich meiner Tochter gegenüber zu diesem Gewährenlassen komme, nachdem ich es bei meiner Frau damit so ganz anders gehalten und, auf die Gefahr hin, ihr bittren Kummer zu bereiten, meine Anschauung geltend machte. Aber der Fall ist ein völlig verschiedener. Conchita fand kein Genügen im eignen Glauben und Beten, sie wollte mich zum Glauben und Beten zwingen. Die Freiheit, die ich ihr gewährte, befriedigte sie nicht sie wollte mir die meinige entziehen. Ihre Bekehrungssucht war allzu heroischer Art, und während ich sie bat, ihren Ueberzeugungen treu zu bleiben und keinen ihrer Glaubenssätze fallen zu lassen, verlangte sie von mir, daß ich all meine Anschauungen verleugne. Zwischen ihr und mir kam es zum Kampf, und ich war es meiner Manneswürde, meiner geistigen Ueberlegenheit schuldig, ihr entgegenzutreten. Mißbraucht habe ich mein Uebergewicht nie und nirgends, und es ist mir heute noch in meinem Schmerz tröstlich, zu denken, daß ich nichts gethan, um ihre Frömmigkeit zu untergraben. Ihre Versuche, meine Unabhängigkeit zu beeinträchtigen, die wies ich freilich zurück, und keiner ahnt, mit wie zerrissenem Herzen! Du weißt, du hast es miterlebt, welch große Zugeständnisse ich ihr gemacht, aber in Staub werfen, wovor ich mich bisher gebeugt, das konnte ich nicht, das hieß eine ehrlose Fahnenflucht von mir fordern, und so heiß meine Liebe war, zur Selbsterniedrigung durfte sie nicht führen. Ich habe innerlich viel gelitten und dazu geschwiegen, denn niemand, auch nicht ein so treuer Freund wie du, sollte ahnen, welch ein Mißton meinen Frieden störte. Allein unter all dieser Pein erlitt mein Gefühl für mein Weib keinen Abbruch. Wenn ich sah, wie weh es ihr that, meinen Widerstand nicht besiegen zu können, war mein Herz voll Mitleid für sie, und um sie die Verstimmungen vergessen zu machen, die das Ergebnis ihrer gut gemeinten Bekehrungsversuche waren, begegnete ich ihr mit erhöhter Zärtlichkeit. Ja, ich gehe noch weiter: ich hatte nicht gewünscht, daß sie meine Anschauungen teilte. Wäre sie Freidenkerin gewesen gleich mir, ich hätte sie nicht geliebt! Aller Zauber der Weiblichkeit wäre von ihr abgestreift gewesen, sie hätte mir den Eindruck von etwas Ungeheuerlichem gemacht, von dem ich mich mit Abscheu abgewendet hätte. Das Weib muß gläubig sein. Der Glaube füllt ihr Denken aus, gibt ihrem Gemüt Kraft und Halt und verleiht ihrem ganzen Wesen gewinnende, rührende Anmut. Wenn die, welche nach uns kommen, das Weib als Atheistin kennen lernen, so bemitleide ich ein Geschlecht, welches diese traurige Ausgeburt unsres wissenschaftlichen Fortschritts zu Müttern, Töchtern und Frauen haben wird. Ich will, daß Adrienne glücklich ist, und demzufolge habe ich gethan, was an mir war, um ihr Wesen so zu gestalten, wie es das Beglücktsein und -werden erleichtert. Sie soll denken, fühlen und sehen, wie der Durchschnittsmensch, das heißt, wie das verständige, gebildete junge Mädchen unsrer Zeit, und soll sich durch nichts andres auszeichnen als durch die Schönheit, die ihr die Natur verliehen, und die geistige Begabung, die wir beide in ihr entwickeln und fördern. Wird sie damit noch das Weib eines wackeren Mannes, so kann ich ruhig die Augen schließen und in nichts zerfallen, wie es meine Ueberzeugung ist, oder, wie sie glaubt, in ein Jenseits aufgenommen werden.«

Voll Teilnahme und Rührung war Talvanne der aus dem Munde dieses Mannes überraschenden und wunderlichen Auseinandersetzung gefolgt. Er zollte der Weite seines philosophischen Blickes, der den zerstörenden Einfluß gewisser Ideen auf gewisse Geister so scharf zu ermessen wußte, und welcher deshalb das geistige Arbeitsfeld der Frau mit bestimmten Schranken umziehen wollte, volle Anerkennung. Um ihn zu einer noch ausführlicheren Darstellung seiner Schlußfolgerungen zu bewegen, warf er mit harmloser Ironie hin: »Und weshalb willst du denn nicht die Frauen ebenso gut an der Aufklärung teilnehmen lassen wie die Männer? Wenn deine Anschauung gut und richtig ist, weshalb soll sie nicht allen zu gute kommen? Ich begreife solche Einschränkungen nicht. Gut ist gut, und was wünschenswert für den einen ist, muß es auch für den andern sein, oder du willst die Frau in eine Art von geistiger Dienstbarkeit versetzen. Weshalb?«

Rameau schüttelte den Kopf.

»Weshalb? Weil auf die Frau alles, was nicht nutzbar ist, schädlich wirkt. Sie kennt keine Mittelstraße; das freie Denken würde sie unmittelbar zur Freiheit der Sitten und von da zum Laster führen, Freiheit ist für ihre Schultern eine allzu schwere Last. Um sie dieser würdig und zum Genuß derselben fähig zu machen, müßten alle Bedingungen ihrer Existenz, welche auf der Abhängigkeit und Unterordnung beruht, umgewandelt werden, und dabei würde weder sie gewinnen, noch der Mann. Vom sozialen Gesichtspunkte aus ist Gleichheit von Mann und Weib ein Ding der Unmöglichkeit, lassen wir ihr also die Unterwerfung, die Weiblichkeit und Anmut: es sind ihre stärksten Waffen, die ihr unfehlbar den Sieg gewinnen. Suchen wir ihr Geschick nicht umzugestalten, solange wir nicht sicher sind, es verbessern zu können.«

»Und doch hat es Frauen gegeben, welche sich durch Geistesklarheit und Tiefe jeder sittlichen und geistigen Freiheit würdig erwiesen. Wir brauchen gar nicht weit zu suchen – nehmen mir Frau Roland in der Politik, Frau von Staël, George Sand in der Litteratur ...«

»Damit bestätigst du nur meine Behauptungen,« fiel ihm Rameau ins Wort, »sie waren Männer! Die Natur macht hier und da einen Mißgriff, und es kommt vor, daß die Geschlechter nicht mit den ihnen zukommenden Eigenschaften begabt sind. Wenn diese genialen Ausnahmeweiber die Mehrzahl bilden sollten, so brauchte man das Wort des großen Satirikers nur ein bißchen zu modeln und angesichts solcher Weiblichkeit auszurufen: ›Gott bewahre unsre Söhne vor ihren Töchtern!‹«

Talvanne lachte herzlich und spann die Debatte nicht länger aus. Er fühlte sich an diesem Abende so einig mit dem Freunde, daß es ihm im Innersten wohl that, und plaudernd und rauchend saßen sie noch lange am Kaminfeuer beisammen, bis Talvanne schließlich nach Vincennes aufbrechen mußte.

Einige Wochen darauf fand Adriennes erste Kommunion statt. Ihr Vater und ihr Pate gingen mit zur Kirche, wo sie zu ihrer Freude vor aller Welt die Taufbundserneuerung sprechen durfte. Nichts störte das ernste, feierliche Glück dieses Tages.

Nach und nach wuchs sie zu einer kleinen Hausfrau heran und forderte ihren Anteil an den wohlthätigen Werken des Doktors. Man übergab ihr die Verwaltung des Kleider- und Weißzeugvorrats, welcher in weiser Voraussicht im Zusammenhange mit der unentgeltlichen Sprechstunde angelegt worden war, und mit Hilfe von Rosalie schnitt sie Windeln, Betttücher, Hemden und Handtücher zu. Mit allen großen Geschäften in Paris setzte sie sich in Verbindung, um für die Armen Kleidungsstücke und Stoffe zu herabgesetzten Preisen zu erhalten. Sie fertigte selbst kleine Jäckchen und Mützen an, schnitt Fuhrmannskittel und Wämser zu und gab dieselben in die Arbeitsschule der barmherzigen Schwestern zum Nähen. Die gesamte Verwaltung fiel ihr nach und nach anheim, und sie entledigte sich ihrer Aufgabe mit einer Pünktlichkeit, Rührigkeit und Befriedigung, die wirklich erfreulich waren. Den Leuten gegenüber wußte sie sich in Respekt zu setzen; sie erteilte ihre Befehle mit einem klugen, entschlossenen Gesichtchen, sah überall nach dem Rechten, teilte Lob und Tadel nach Gebühr aus und hielt ihre Untergebenen trefflich in Ordnung.

Häufig wohnte Talvanne den morgendlichen Austeilungen seines Patenkindes bei. Er setzte sich dann in einen Winkel des Wartezimmers, durch welches die Kranken und Bedürftigen ihren Weg nahmen, und geriet immer von neuem in Entzücken über die sichere Würde und die freundliche Anmut, womit der kleine Schelm sein Amt zu üben wußte. Sie näherte sich indes ihren vollen sechzehn Jahren und war nun so lange ein kleines Mädchen gewesen, daß sie notwendigerweise endlich eine junge Dame werden mußte. Ihre Schönheit entfaltete sich in wahrhaft überraschender Weise, und ihr alter Pate stand mit der Beobachtung dieser Thatsache und der Freude darüber keineswegs allein.

Schon seit geraumer Zeit hatte sich der Ton, den Rameaus Schüler, Robert Servant, seiner Kindheitsgespielin gegenüber anschlug, gewaltig verändert. Er neckte sie nicht mehr, lachte sie nicht mehr aus und von der guten Kameradschaft, die sie ehemals miteinander gehalten, war nicht mehr die Rede. Robert war zurückhaltend geworden, dabei aber nicht minder dienstbeflissen als in früheren Zeiten. Kam er vom Spital, wo er als Assistenzarzt beschäftigt war, zu Rameau, um sich ihm zur Verfügung zu stellen, so brachte er unfehlbar ein paar Blumen für Adrienne mit, nur daß er sie ihr nicht mehr mit einem Kuß übergab. Er begnügte sich, ihr die Hand zu drücken, verstand aber in die Berührung der Finger genau so viel Zärtlichkeit zu legen, als in die der Lippen.

Er war ein hochbegabter Mensch, der bei jeder Prüfung, jeder Preisbewerbung den Sieg davongetragen hatte und sich nun in raschem Tempo auf seine Habilitierung an der Universität vorbereitete, Rameaus Freude an der Chemie hatte sich ihm mitgeteilt, und auf dem Gebiete der Erforschung von Pilzen und Bakterien hatte der junge Mann schon Nennenswertes geleistet. So viel Geschicklichkeit er als Chirurg auch entwickelte, zog ihn doch die innere Medizin noch mehr an, da ihr umfangreicheres Gebiet ihm einen weiteren Spielraum zum Erforschen und Entdecken versprach. Da er ohne Vermögen war und Waise, denn die Mutter war der heimtückischen Krankheit, der Rameau sie einst entrissen, später doch erlegen, hatte er von keiner Seite Hilfe und Förderung zu gewärtigen, aber er war kräftig, verständig und arbeitsam, hatte Vertrauen in sich und die Zukunft und verfolgte seinen Weg mit ungemeiner Entschlossenheit.

Derselbe wurde ihm überdies durch Rameau sehr geebnet, denn dieser war als Mediziner ein allgewaltiger Herrscher. Gab es bei einem begüterten Patienten eine Operation vorzunehmen, so assistierte Robert und die Nachbehandlung der Wunde ward ihm anvertraut, was für die Finanzen des jungen Doktors sehr ersprießlich war. Bei Rameau, der ja eigentlich seine Erziehung geleitet hatte, war er wie das Kind des Hauses, und Talvanne nahm ihn noch manchmal wie zur Zeit, da er ein kleiner Junge gewesen, bei den Ohren; auch war es noch gar nicht lange her, daß die alte Rosalie ihn mit »Sie« anredete. Im Schirm und Schatten von seines Meisters Ruhm und in der arbeitsfrohen Atmosphäre seines Heims war er herangewachsen und seine Bewunderung und kindliche Hingebung an den großen Mann, dem er alles verdankte, waren unbegrenzt. Um ihn zu retten, hätte er freudig sein Herzblut vergossen, und daß sein Beschützer nebenbei auch Adriennes Vater war, that seinen Gefühlen entschieden keinen Abbruch.

Eine tiefe, echte, unwandelbare und reine Liebe lebte in seinem Herzen, eine jener seltenen Kindheitslieben, die ein Leben ausfüllen und unverwelklich sind. Hätte man ihn gefragt, seit wann er das Mädchen liebe, so wäre er wohl um die Antwort verlegen gewesen und hätte erwidern müssen: »Ich habe sie immer geliebt. Ich kann mich keiner Zeit entsinnen, da diese Empfindung nicht mein Herz erfüllt hätte. Seit ich sehen gelernt, sah ich sie, und mein erster Blick fand sie entzückend. Ein Leben ohne sie wäre mir eine undenkbare Vorstellung, und wenn ein hartes Geschick sie von dieser Welt entrückte, so bliebe mir nichts übrig, als ihr zu folgen, denn ohne sie würde mir die Welt zur Wüste!«

Und doch war nie ein Wort über seine Lippen gekommen, welches dem jungen Mädchen seine Liebe verraten hätte. Noch hatte sich das Bedürfnis eines Geständnisses in seiner Seele nicht geltend gemacht. Wozu ihr das sagen? Verstand sie ihn nicht ohne Worte? Bedurfte es zwischen ihnen, um ihrer Herzen gewiß zu sein, eines Versprechens? Daß sie einen andern als ihn im Herzen tragen könnte, diese Möglichkeit war noch kein einziges Mal in seinen Gedanken aufgetaucht. Er war voll Hoffnung und innerer Ruhe und fand das düstere, traurige und schweigende Haus fröhlich und sonnig, weil Adriennes Stimme darin ertönte und er ihr Lächeln hörte.

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