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Dilettanten des Lasters

Clara Blüthgen: Dilettanten des Lasters - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDilettanten des Lasters
authorClara Blüthgen
firstpub1902
year1902
publisherHermann Seemann Nachfolger
addressLeipzig
titleDilettanten des Lasters
pages294
created20090103
sendergerd.bouillon@t-online.de
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169 IX.

Dr. Jentsch hatte seine Untersuchung beendet und wusch sich nun die Hände. Er ließ das Wasser aus der Leitung an der Wand vielleicht ein wenig länger als nötig über seine Finger rinnen, um Zeit zu gewinnen. Als er sich dann, noch mit dem Abtrocknen beschäftigt, zu dem Patienten umwandte, sah er sehr ernst aus.

»Setzen Sie sich, junger Freund.«

Beyer-Waldau nahm mit der Miene eines Mannes Platz, der sich vorgenommen hat, auch das Schlimmste standhaft anzuhören. In den letzten Wochen hatte er sich recht verändert, war stark abgemagert, seine Gesichtshaut war schlaff geworden und hatte eine eigentümliche erdfahle, ins Gelbliche spielende Farbe angenommen.

»Mein junger Freund«, sagte der Doktor noch einmal, und seine Stimme hatte den warmen Ton, der stets so stark auf die Kranken wirkte, »Ihr Fall gehört zu jenen, die für den Arzt vollkommen klar liegen. Wenn ich Ihren Körper mit Röntgenstrahlen 170 durchleuchtete, könnte ich kein genaueres Bild der Krankheit gewinnen, als jetzt. Leider ist Ihr Fall derart beschaffen, daß die innere Medizin ihr ›Igmoramus‹ bekennen muß: es würde gewissenlos sein, wenn ich Sie nur mit der leisesten Hoffnung hinhalten wollte, als sei mit irgend welchen innerlichen Mitteln auch nur das geringste auszurichten. Wie ich schon nach Ihrer sehr klaren Krankheitsschilderung erwartete, handelt es sich bei Ihnen thatsächlich um eine gewisse organoide Neubildung, bei der die neugebildeten Bindegewebe die gesunde Muskulatur verdrängen. Im Verlauf pflegt Vereiterung der erkrankten Stelle einzutreten, was, wenn nicht rechtzeitig durch einen operativen Eingriff Hilfe geschafft wird, einer Verseuchung des ganzen Körpers gleich kommt.«

Der Doktor machte eine Pause, um seinem Patienten Zeit zu gönnen, sich mit dem Gehörten abzufinden, dann fuhr er fort: »So wenig nun in solchen Fällen von der inneren Medizin zu erwarten ist, so Großes kann unter Umständen das Messer des Operateurs erreichen. Freilich heißt es dabei, so weit wie irgend möglich zu gehen, um alles Verdächtige zu entfernen, denn bei diesen krankhaften Entartungen liegt die Gefahr für Recidive nur zu nahe.«

Er machte wieder eine Pause, ehe er fragte: »Würden Sie sich zu einer Operation verstehen?«

Beyer-Waldau hatte die ganze Zeit, während der Doktor sprach, auf den Fußboden gestarrt, auch jetzt 171 richtete er sich nur ein wenig auf, als er erwiderte: »Darf man nicht wenigstens zuvor wissen, wie diese mysteriöse Krankheit sich nennt?«

Der Doktor besann sich einen Augenblick. Man wirft einem Kranken nicht diesen Namen ins Gesicht. Für den Laien ist er mit solchen Schrecken umkleidet, daß er einem Todesurteil gleichkommt. So sagte er denn: »Was thut ein Name? Gewebeveränderung. Mysteriös ist an der Sache nichts, es handelt sich um einen durchaus klaren Fall, für den leider die einzige Rettung in einer Operation liegt.«

»Dann scheint mir keine Wahl zu bleiben – d. h., wenn Sie gesonnen sind, sich mit einem Patienten meiner Güte überhaupt zu befassen, der Ihnen auf jeden Fall die Operationskosten schuldig bleiben wird. Sie wissen ja, wie zahlungskräftig ich bin.«

In seinem Berufseifer hatte Dr. Jentsch kaum an die Beziehungen gedacht, die ihn mit dem Schriftsteller verbanden. »Ich brauche wohl kaum zu betonen, daß diese Erwägung nicht mitspricht, wenn es sich darum handelt, einem Kranken Hilfe zu bringen. Aber ich glaube, Sie darauf aufmerksam machen zu müssen, daß die Operation gefährlich ist.«

Nun richtete der Schriftsteller sich doch auf und warf den Kopf hintenüber. »Was liegt an einem armen Teufel wie mir!« sagte er mit affektierter Nachlässigkeit. »Nehmen Sie diesen miserablen Korpus und schneiden Sie daran herum nach Ihrem Gutdünken, ich überantworte mich Ihnen voll und 172 ganz. Vielleicht bin ich ein ›besonderer Fall‹, und es springt noch etwas für die Wissenschaft heraus. – Warum sehen Sie mich übrigens so wunderlich an, Doktor? Das ist ja gerade, als wenn Sie mich hypnotisieren wollten.«

Durch des Doktors Körper war es wie ein elektrischer Schlag gegangen, so stark, daß er für einen Augenblick nach einer Stuhllehne greifen mußte, um sich zu stützen. Sollten seine beiden höchsten Wünsche sich auf einmal erfüllen? Er war nicht abergläubisch, aber dennoch war, wie das zuweilen bei Männern der exakten Wissenschaft vorkommt, ein fatalistischer Zug in ihm lebendig.

Vilma und seine Operation – schon vom ersten Augenblick an, als der Gedanke an die Operation in ihm auftauchte, war es ihm gewesen, als müsse er mit dem einen auch das andere erreichen. Das war eine Verrücktheit, aber die Idee saß.

Die Gedanken jagten sich hinter seiner Stirn: dieser junge Mensch da vor ihm, mit unheilbarem Leiden geschlagen – eine verfehlte Existenz – das geborene Versuchsobjekt, das ihm in den Weg läuft. Zudem ist er schon halb in seiner Hand durch erborgtes Geld – er kann ihm weiter Geld geben – viel Geld sogar – – Pfui, ein Schacher mit Menschenfleisch, Shylok – kann man jemandem sein Leben einfach abkaufen wollen?

Aber wer fragt darnach, wenn es eine Entdeckung von dieser Tragweite gilt! Dieses arme Leben, das 173 einer Operation nach der bisherigen Methode schwerlich standhält – seine Entdeckung kann es vielleicht erhalten.

Es kommt über ihn wie ein fremder Rausch. Sein Geist überspringt alle Schwierigkeiten. Die Operation ist geglückt, etwas Erstaunliches, absolut Neues ist für die Wissenschaft erreicht, manchen, die sonst verloren gewesen wären, winkt Heilung. Und er ist es, der das erreicht, der Entdecker und zugleich das Werkzeug einer großen Idee. Das ist ein Ziel für den Ehrgeiz, das lohnt, keiner macht ihm das so leicht nach, weil nur wenigen Auserwählten diese starke hypnotische Kraft eigen ist. Wie man ihn bewundern, ihn aufsuchen wird – Sein Name ist gesichert für alle Zeiten.

Aber er hat sich in der Gewalt, seine Stimme klingt vollkommen ruhig und noch leiser als sonst, als er sagt: »Mein lieber Freund, wenn es Ihnen ernst ist, möchte ich Ihnen erwidern: Sie sind nicht nur ein interessanter Fall, Sie können der Wissenschaft einen außerordentlichen, unschätzbaren Dienst leisten. Ich bin Ihnen vollste Offenheit schuldig. Was Sie bei Ihrer Erkrankung von der inneren Medizin zu erwarten haben, sagte ich Ihnen schon, ebenso, daß es bei einer Operation um Tod und Leben gehen wird. Ich glaube nun aber die Entdeckung eines absolut neuen Operationsverfahrens gemacht zu haben, bei dem nach meinem Dafürhalten Ihre Aussichten ungleich größer sein würden. Es handelt sich dabei 174 um eine Kombination von –« und er beginnt vorsichtig, Beyer-Waldau sein Verfahren auseinanderzusetzen, das Zusammenwirken von Hypnose mit inneren und äußeren Betäubungsmitteln, die Abstellung der ganzen Lebensmaschinerie. Wie immer, wenn er sich in die Materie vertieft, erscheint ihm der Erfolg gesichert.

»Es fragt sich nun nur, ob Sie den Mut haben, mir und der Wissenschaft zu helfen? Es wäre etwas Großes – – –«

Beyer-Waldau hatte mit gespanntester Aufmerksamkeit zugehört. Es war doch etwas Sonderbares, sich sozusagen schon bei lebendigem Leibe auf dem Seziertisch zu sehen, und in allen Einzelheiten zu hören, wie mit dem eigenen Körper umgesprungen werden soll. Aber er sah keinen Ausweg, und so sagte er denn: »Ich bin ein aufgegebener Mann, nach jeder Richtung hin, ich brauche Ihnen das nicht weiter auseinanderzusetzen, Herr Doktor. Ich bin kein Arbeiter: bleibe ich am Leben, so ende ich über kurz oder lang in der Gosse. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, betrachten Sie es als meine Bezahlung, da ich nun mal so stark bei Ihnen in der Kreide stehe.«

»Es kommt nur darauf an, ob Sie Vertrauen zu mir haben? Für später dürften Sie sich keine Sorgen machen, ich würde Ihnen meine Dankbarkeit auch praktisch beweisen. Wenn Sie vielleicht im Augenblick etwas gebrauchen – oder wenn von früher eine 175 Kleinigkeit hängen geblieben ist, die ich ordnen könnte – –?«

Der seltene Fall ist eingetreten, daß Dr. Jentsch verlegen geworden ist; er weiß nicht, wie sein Anerbieten einkleiden. Während er ein Fach seines Schreibtisches aufgeschlossen hat und darin kramt, sagt er über die Schulter hinüber: »Ich würde es nur begreiflich finden in Ihrer Lage.«

Beyer-Waldau aber atmete auf wie ein Erlöster. »Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen, das läßt mich leichter an das Leben, und auch an das Sterben denken, vorausgesetzt, daß Sie im letzteren Falle Ihre Sorge auch – auf jemanden, der mir nahe steht, ausdehnen wollen?«

Der Doktor sah seinen Patienten scharf an. »Selbstverständlich«, sagte er. »Wir werden es zur Sicherheit noch schriftlich machen. Einstweilen nur dies – –«

Er füllte einen Check aus, da ihm sein Barvorrat zu ärmlich erschien. Ein Handel, ein ganz brutaler Handel – aber die Bezahlung sollte wenigstens die eines Grandseigneurs sein.

Das Herz klopfte ihm bis zum Halse hinauf, indem er das Papier auf den Tisch legte. Wird nicht im letzten Augenblick sein Versuchsobjekt noch anderen Sinnes werden?

Aber der Schriftsteller ergriff den Check, steckte ihn in seine Brusttasche und knöpfte den Rock darüber bis zum letzten Knopfe zu.

176 Dann lagen die Hände beider Männer ineinander.

»Na – und wann soll die Sache nun losgehen?« fragte Beyer-Waldau, der seine gemachte Gleichgültigkeit wieder gefunden hatte. »Doktor, das sind wunderliche Verhältnisse zwischen uns; eigentlich können Sie mir's nicht verdenken, wenn ich vor der Katastrophe noch einmal ein paar Wochen wirklich leben möchte – d. h. so gut es geht, in den schmerzfreien Tagen wenigstens. Bisher war's nur ein Hundeleben, ein elendes Vegetieren – nun könnten noch einmal ein paar Tage kommen, die verlohnten. Na, ich denke, Sie werden mich schon noch ein oder zwei Wochen hinhalten können?«

Ein Aufschub, während alles in ihm nach der Ausführung zittert! Es ist dem Doktor zu Sinne, als ob damit alles, was er gewollt, in ein bodenloses schwarzes Loch versänke. Für einen Augenblick packt ihn die Versuchung, dem Jüngling da vor sich, der unbewußt, wie schützend die Hand auf die Stelle seines Rockes drückt, hinter der der Check verborgen ist, zu sagen: Ihr Fall duldet keinen Aufschub mehr – aber seine Ehrlichkeit siegt über den gierigen Forscherdrang.

»Für ein paar Wochen glaube ich das Hinausschieben der Operation noch verantworten zu können«, sagt er ruhig. »Aber nicht allzulange, lieber Freund, Sie wissen, was auf dem Spiele steht.«

In des Schriftstellers fahlblasses Gesicht stieg eine hektische Röte, die noch deutlicher hervorhob, wie verfallen es war. Er bedachte sich eine halbe Minute, 177 dann sagte er: »Es ist noch etwas anderes; man ist bei uns in Deutschland so umständlich mit allen Formalitäten. Es giebt da nämlich ein kleines Mädel, das eine hündische Anhänglichkeit für mich hat, und das es sich in den Kopf gesetzt hat, ›rechtschaffen geheiratet‹ zu werden. Wir wollen dem Wurm nun zum wenigsten die Genugthuung gönnen, als Witwe zurückzubleiben.«

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