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Dilettanten des Lasters

Clara Blüthgen: Dilettanten des Lasters - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDilettanten des Lasters
authorClara Blüthgen
firstpub1902
year1902
publisherHermann Seemann Nachfolger
addressLeipzig
titleDilettanten des Lasters
pages294
created20090103
sendergerd.bouillon@t-online.de
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144 VIII.

Unter den vielen Talenten, die Dr. Jentsch auszeichneten, war ihm eines versagt geblieben: er verstand es nicht, eine angenehme Geselligkeit bei sich in Scene zu setzen.

Nach einer Richtung hin genossen seine Festlichkeiten allerdings Ruf: man speiste bei ihm ganz vorzüglich. Aber man amüsierte sich nicht.

So war es auch heute gewesen.

Es war Ende April, mithin ein recht ungeeigneter Zeitpunkt für ein großes Diner, aber Dr. Jentsch wollte noch einmal vor dem Sommer seine Freunde bei sich, in der Schaperstraße, versammeln, zu einem verfrühten Abschiedsfest, denn sobald seine neue Klinik irgend beziehbar war, sollte die Uebersiedlung nach dort stattfinden, vermutlich im Hochsommer, wo halb Berlin ausgeflogen ist und man deshalb seine Bekannten nicht mehr zusammenfindet.

Dem Plan, die Klinik zu erbauen, war die Ausführung auf dem Fuße gefolgt, die steigende 145 Gesuchtheit des Doktors machte das notwendig. Ein passendes Terrain im äußersten Westen war für den, der die Mittel nicht scheute, leicht zu finden gewesen und der Bau ging mit der für Berlin charakteristischen unheimlichen Geschwindigkeit vorwärts. Schon waren die Mauern zu halber Höhe aus der Erde gewachsen, so daß man sich von der großartigen Anlage recht gut eine Vorstellung machen konnte.

Mit fieberhafter Geschäftigkeit hatte Dr. Jentsch den Bau betrieben, um ihn möglichst bald in Benutzung nehmen zu können, gleichzeitig aber die umfassendsten Vorstudien für seine Operationsideen gemacht. Der Doktor gehörte zu jenen glücklichen Menschen, die aus der Arbeit selbst immer wieder die Kraft für neue Arbeit schöpfen. Seine Kräfte verzehnfachten sich in der Anspannung, seine Leistungsfähigkeit wuchs ins Unerhörte. Während er in der alten Klinik eine Menge von Patienten, meist schwere Fälle behandelte, für die neue Klinik die innere Einrichtung bis aufs kleinste anordnete, fand er noch für Kleinigkeiten Zeit: für die Anordnung seines Festes, die Aufstellung der Speisenfolge – ja selbst die Toilette, die seine Frau dabei trug, war sein Werk, nach seiner Idee und Zeichnung entstanden. Es hatte verschiedener ernsthafter Konferenzen mit dem Schneider bedurft, ehe dieses lose Empiregewand aus Seide und Chiffonkrepp jene Gestalt angenommen, die dem Erfinder vorgeschwebt hatte.

Bei ihrer Gesellschaft hatte es Frau Ella recht 146 bequem: wie immer war sie Gast in ihren eigenen vier Pfählen. Erlöst atmete sie auf, als der Empfang der Gäste vorüber war, wobei ihr nie im Augenblick die richtigen Worte einfielen, und sie glücklich auf ihrem Stuhle an der Tafel gelandet war. Es war reichlich Bedienung vorhanden, zudem hatte der Doktor neben seinem Couvert eine Liste liegen, auf der genau die Speisenfolge und das dazu gehörige Geschirr vermerkt war, und von der ein zweites Exemplar in der Küche lag. So ging wirklich alles am Schnürchen, und wenn wirklich eine Erinnerung an die aufwartenden Lohndiener nötig erschien, so war es der Hausherr, der sie besorgte.

Wenn sich auch die Gesellschaft nicht gerade lebhaft amüsierte, so lag doch die brutale Zufriedenheit gut gesättigter Menschen darüber. Die paar Geheimräte und Professoren – fast alle Leuchten der Wissenschaft – hatten langsam etwas Fühlung mit den Trägern ordenbesetzter Uniformen gefunden, die Frauen allmählich etwas von ihrer Steifheit eingebüßt. Für den oberflächlichen Beobachter war es ein hübsches, buntes Bild: der getäfelte Speisesaal mit dem gewaltigen friesischen Buffet, den Delfter Schüsseln und alten Holländer Stillleben an den Wänden, die Tafel, die selbst jetzt, in der Phase der Zerstörung, mit ihren schönen Kristall- und alten Silbergeräten, den kostbaren, wenn auch schon etwas welken Blumensträußen ein anmutiges Bild bot, und ringsum die klugen, feinen Gelehrtenköpfe, die 147 energischen Offiziersgesichter, die weißen Nacken der Frauen, das reizvolle Kreppgeriesel und Brillantengefunkel.

Dr. Jentsch war mit seinen Einladungen ziemlich weit gegangen, auch Martha Ihring und Lotte Rienacker als oberflächliche Bekannte von Frau Ella, wie Hanna von Lietzow, die nach dem Verkauf des englischen Zimmers verschiedentlich in die Familie gekommen war, hatten Einladungen erhalten. Sogar der kleine Schwede, Knut Erikson war bedacht worden – für etwaige drückende Pausen konnte sein musikalisches Talent wertvoll werden – und da, auf energisches Betreiben von Lotte, ihr Ferienaufenthalt bei der Schwiegermutter in Burg nach acht Tagen abgebrochen und dafür ihr Verlobter mit ihr nach Berlin gereist war, konnte auch dieser nicht übergangen werden. Diese weitausgedehnte Gastfreundschaft des Doktors war auf Kosten Vilmas zu schieben – wenn sie ihre Freundinnen hier fände, würde sie, die Frau Ella ja von Heringsdorf her bekannt war und in der ersten Zeit danach ziemlich viel bei ihr verkehrte, wohl auch seine Einladung annehmen, hatte er ausgerechnet. Jedoch die Rechnung stimmte schlecht, Vilma Sommer war nicht erschienen. Das kränkte und ärgerte ihn über die Maßen. Auf Augenblicke empfand er ihr Fernbleiben wie einen körperlichen Schmerz, der ihm die Fassung nahm und ihn seine Pflichten als Wirt vergessen ließ.

Die drei Mädchen waren so ziemlich in gleichem Stil, in leichte helle Seidentoiletten gekleidet, die 148 mit korrekter Eleganz, ohne jede Uebertreibung gearbeitet waren. Auch die allzu kühn gedrehten Haarknoten über den bauschigen Sezessionswellen hatten sich eine angemessene Milderung gefallen lassen müssen. Es war drollig anzusehen, wie alle drei sich der veränderten Umgebung anpaßten, wie sie sich jede degagierte Bewegung, jede gewagte Bemerkung versagten, nichts weiter waren, als gut erzogene Mädchen, und doch voll des Gefühles ihres Wertes als selbständig erwerbende Frauen.

Zwar war der Versuch gemacht worden, sie durch die Tischordnung unter die übrige Gesellschaft zu verteilen, sobald jedoch die Tafel aufgehoben war, fanden sie sich wieder zusammen.

Man hatte sich in die Nebenräume verteilt, wo der Kaffee gereicht wurde. Es gab ein ungemütliches Umherstehen, bei dem jeder glaubte, sich den Zwang anthun zu müssen, mit den gerade neben ihm Stehenden eine Unterhaltung im Gange zu erhalten. Der jungen Hausfrau fehlte gänzlich das Talent, unter den verschiedenen Gruppen zu vermitteln. Zwar schritt sie von einer zur anderen: »Nehmen Sie noch eine Tasse Mocca, Herr Major?« – »Das offene Fenster stört Sie doch nicht, gnädige Frau?« aber sie hatte dabei das dunkle Gefühl, daß ihre Gegenwart nicht anregend wirkte, zudem machte es sie befangen, daß der Schnitt ihres Kleides von dem sämtlicher anderen Damen abwich.

Dr. Jentsch hatte sich in sehr verbindlicher Weise 149 zu Lotte Rienacker und ihrem Verlobten gesellt, der das Gefühl, absolut nicht hierher zu gehören, unter einer überkritischen Schulmeistermiene zu verbergen trachtete. Nur einigen ganz besonderen Feinheiten des Diners gegenüber hatte sie nicht stand gehalten, und auch jetzt hellte sie sich unter der auszeichnenden Liebenswürdigkeit des Hausherrn etwas auf.

In einer Ecke hatten sich die Professoren zusammengethan und erörterten Krankengeschichten; Dr. Stephany, Felix Jentschs Assistent, war von ihnen zugezogen worden, weil sie glaubten, er könne vielleicht interessante Fälle aus der Klinik zum besten geben.

Am Ende der Reihe von Zimmern lag das der Hausfrau, mit der von Hanna von Lietzow hergestellten englischen Rot-Mahagoni-Einrichtung. Es war zuerst, als neue Erwerbung, gezeigt und viel bewundert worden, jetzt hatten sich nur Martha Ihring und der kleine Knut Erikson dorthin zurückgezogen.

Martha warf einen Blick in das Nebenzimmer, und als sie sich vergewissert hatte, daß niemand sie beobachtete, rächte sie sich für den langen gesellschaftlichen Zwang, indem sie sich auf dem unbequemen, steiflehnigen Sofa so weit wie möglich zurück warf. »Erikson, Kind, mopsen Sie sich denn auch so kolossal wie ich?«

»Sagen Sie doch lieber, wie wir alle.«

»Pfui, Sie sind undankbar, nach solch einem Diner!«

»Das muß ich ja nachher doch wieder abspielen.«

150 »Was war eigentlich das Wunderliche, was es zu dem Spargel und den gebackenen Austern gab? Wissen Sie, das Schwarze, in den kleinen Pastetenformen?«

Der Jüngling zuckte blasiert die Achseln. »Weiß ich's? Dies ist noch mal etwas, was mir noch nicht auf meinem Lebenswege begegnet ist.«

»So – – Das soll wohl heißen, daß Ihnen sonst nichts Menschliches mehr fremd ist? Sie Renommist!«

In diesem Augenblick kam Hanna von Lietzow, mit einem Ausdruck von Erlösung auf dem frischen Gesicht aus der anderen Stube, wo sie sich soeben mit Handkuß und tiefem Hofknix von einer alten Excellenz verabschiedet hatte. Das kleine vertrocknete Frauchen trug einen falschen Scheitel, und eine geschlossene schwarze Sammetblouse, auf der die große Familienbrosche in Brillanten sehr deplaciert aussah. Trotz der Dürftigkeit ihrer äußeren Erscheinung war sie der Mittelpunkt der Gesellschaft und hielt bald in diesem, bald in jenem Zimmer Hof. Zu Hanna von Lietzow hatte sie persönliche Beziehungen entdeckt: deren Großmutter mütterlicherseits war zu gleicher Zeit mit ihr Hofdame an einem winzigen, süddeutschen Hofe gewesen.

»Gott sei Dank, daß ich da drinnen fertig bin, und nun wieder zu unserer Halb-Bohème abschwenken kann; darüber geht doch nichts«, rief sie lustig. »Marthakind, auf Ihren Donnerstagen giebt's zwar 151 nicht so viel zu essen, aber amüsanter ist's jedenfalls als hier.«

»Nicht so laut, Hanna. – Wie waren Sie übrigens bei Tisch untergebracht?«

»Leidlich, mit Doktor Stephany, dem Assistenten. Es scheint, daß ich Eindruck auf ihn gemacht habe, und deshalb finde ich ihn natürlich allerliebst. Ein Tischlerfräulein und ein kleiner Assistent, das war ja von vornherein eine glückliche Zusammenstellung!«

»Meinen Glückwunsch. – Sind Sie aber trotzdem für ein vernünftiges Wort zu haben, Hanna?« sagte Martha Ihring, die nun doch ihre hingegossene Haltung recht unbequem fand, und sich wieder aufrecht hingesetzt hatte. »Ich möchte Ihnen einen Schützling von mir ans Herz legen, Trude Knorr, ein armes Wurm, das sie neulich in der Redaktion der Wagenführschen Frauenzeitung an die Luft gesetzt haben. Eine von denen, die von allem etwas kann, 'n bißchen schreiben, 'n bißchen malen und zeichnen, 'n bißchen sticken. Ich lasse sie jetzt an der Flügeldecke, die nächsten Monat fertig sein muß, den Rand sticken. Vielleicht finden Sie auch mal etwas Leichtes für sie zu malen oder sticken. Sie hat gar nichts, man muß eingreifen, sonst endet sie schließlich im Kanal. Wollen Sie?«

»Aber sicher, mit Freuden«, erwiderte Hanna von Lietzow gefällig. »Wie ist sie übrigens? Kann ich sie in meiner Wohnung arbeiten lassen, oder geht das nicht an?«

152 »Aus der Redaktion hat man sie wegen allzu großer Tugendstrenge gegen den Chef herausgeworfen – leider ist sie so unvorsichtig, das immer selbst zu erzählen – im übrigen hat sie einen Freund, sagen wir einen Bräutigam. Richtig, Sie haben ihn ja bei uns getroffen: Beyer-Waldau, den Dichter der Lieder eines Verkommenen. Er wird wohl nie auf einen grünen Zweig kommen und sie heiraten – außerdem soll er krank sein, wie sie erzählt. – Aber was geht das uns an?«

»Ja, was geht das uns an? Also schicken Sie sie mir nur«, entschied Hanna nach kurzem Besinnen.

Unter der steifen englischen Portiere wurde jetzt die Gestalt des Hausherrn sichtbar: »Es ist zwar eine Grausamkeit, diesen Kreis zu zerstören, aber man brennt nun einmal darauf, unsern jungen Freund zu hören. Kommen Sie, lieber Erikson, machen Sie sich populär«, und mit einer Liebenswürdigkeit, die keinen Widerspruch aufkommen ließ, legte er den Arm des Schweden in den seinen. Vielleicht, daß Musik die Stimmung rettete. Seine Eitelkeit litt unter der Flauheit – außerdem hatte die Toilette seiner Frau nicht den Effekt gemacht, den er sich davon versprochen; das ärgerte ihn.

Erikson warf noch über die Schulter hinüber einen Blick auf Martha, in dem zu lesen stand: »Nun, habe ich es nicht gesagt?« Eine Minute später brauste durch zwei Zimmer her der brillante Vortrag einer Lisztschen Polonaise.

153 Stumm hörten die beiden Mädchen zu, die Musik war ihnen in diesem Augenblick ein willkommenes Ausruhen.

»Er ist doch eine blendende Begabung, ich verstehe es nicht, daß er nicht schon bekannter ist.«

»Blendend ja, aber mir ist Vilma Sommers Art lieber«, erwiderte Hanna.

»Vilma! Ach die steht ja überhaupt über dem Vergleich, die ist eine Ausnahmeerscheinung für sich«, ereiferte sich Martha. »Schade, daß sie ihre Künstlerschrullen hat. Warum ist sie nur heute nicht hier!«

Erikson kam zurück und warf sich auf einen Stuhl, das Gesicht mit dem Taschentuche fächelnd. Von diesem Battisttuche hinab bis zu den Lackschuhen über den rotseidenen Strümpfen verriet jedes Stück seines Anzuges die Herkunft aus einer allerersten Quelle. So modisch er auch stets gekleidet gewesen, jetzt war die Steigerung dieser Eleganz allzu auffällig, um unbemerkt bleiben zu können. »Das Knäblein muß doch gut bezahlte Stunden geben«, löste Martha bei sich das Rätsel.

Man machte ihm Komplimente, die er nachlässig hinnahm. Es wurde Likör gereicht, eine angenehme Verdauungsstimmung griff Platz.

»Wenn man doch eine Cigarette hätte!« seufzte Martha.

»Wo steckt eigentlich Mia Bernhardt?« fragte Hanna, der der Anblick des Seerosenspiegels über dem Sofa die Erinnerung an ihren gemalten Jüngling 154 weckte, der noch immer als unausgelöstes Pfand hinter ihrem Kleiderschranke steckte.

»Da müssen Sie unsern Kleinen fragen, der wird am besten Auskunft geben können.«

»Wieso ich? Was wollen Sie damit sagen, Fräulein Ihring? Ich möchte doch sehr bitten – –« Der Jüngling fuhr mit einer Heftigkeit auf, für die durchaus kein Grund vorlag.

»Nanu, mein Söhnchen, nur nicht gleich so fuchtig – ganz Berlin weiß ja, wie Sie unsre Mia anbeten – und Mia Sie«, setzte das Mädchen begütigend hinzu und lachte. »Ah, da kommt unser Brautpaar!«

»Ich hoffe, daß wir nicht stören«, sagte der Oberlehrer gemessen, indem er Lottes Arm fest in den seinen geklemmt hielt. Während des ganzen Abends hatte er sie kaum freigegeben, es erschien ihm als Bräutigamspflicht, ihre Zusammengehörigkeit so zu zeigen.

Sein gesetztes Wesen schien auch auf sie abgefärbt zu haben, sie hielt sich sehr steif, und als sie jetzt fragte: »Nun Kinder wie ist's, amüsiert Ihr Euch?« klang es nicht recht natürlich.

»Aber selbstverständlich. Alles ist hier ja ersten Ranges, und die Frau Doktor ist eine so reizende Frau. Es ist nett, Herr Doktor, daß Sie bei Ihrem Hiersein gleich einen Einblick in unsere Berliner Geselligkeit gewinnen.« Martha Ihring sprach lächelnd, mit dem Ton einer Weltdame. Man konnte wirklich glauben, daß es sich um »ihre« Geselligkeit handle. 155 »Sie werden nun Ihre eine Berliner Woche gründlich ausnutzen wollen?«

Der Oberlehrer gab Auskunft über das, was er schon gesehen, über das, was er noch sehen müsse, wobei er sich in eine ermüdend gründliche Auseinandersetzung über das neue Pergamon-Museum verlor, das für die andern eine längst abgethane Sache war. Alle saßen gesittet um den Tisch herum und bemühten sich, so korrekt wie möglich zu sprechen. Es ging von nun ab hier genau so langweilig zu, wie in den übrigen Räumen – – –

Je weiter der Abend vorschritt, um so mehr spitzte sich die Stimmung Dr. Jentschs zu der Qual einer ungeduldigen Sehnsucht zu. Fast fühlte er Zorn gegen Vilma, die seinen Bitten widerstanden. Warum war sie nicht gekommen? Wußte sie nicht, daß sie das erste Recht hatte, hier zu sein, sie, die Königin? – – Die reiche Tafel, der Blumenschmuck, die prächtig erleuchteten Räume – hatte das alles einen Sinn, wenn sie es nicht sah? Er begann zu vergleichen: Diese schönen Frauen mit den blendenden Nacken, den üppigen Formen – die meisten von ihnen viel, viel schöner als Vilma, aber nicht eine unter ihnen, die diesen herben, nervösen Reiz atmete wie sie. Sein Mädchen! Es war ihm, als ob ihr zarter, schmächtiger Körper neben ihm zittere. – – –

Das Verlangen nach ihr verekelte ihm seine Umgebung so sehr, daß er sich nicht mehr in der Gewalt hatte. »Unser Doktor scheint auch nervös zu werden«, 156 entschuldigte man ihn, wenn er die Stirn zusammenzog und ein Gespräch plötzlich unterbrach, um nach der Thüre zu sehen, als ob er jemand erwarte. – »Man wird Sie selbst einmal in die Kur nehmen müssen, lieber Herr Kollege –« »Kein Grund, Herr Geheimrat, nur die Arbeit, die Arbeit.« Er hört, daß seine Stimme rauh klingt, dabei hat er das Gefühl, als ob die Haut über den ganzen Körper sich straff zusammenziehe und ein metallischer Geschmack über seine Zunge gleite. Er fühlt ganz deutlich, wenn der Zwang noch länger dauert, wird er irgend etwas ganz Verrücktes thun – – Und zwischendurch immer die Angst, daß die Zeit verrinnt, daß es zu spät wird. –

Sobald er sich einen Augenblick unbemerkt sieht, verläßt er das Zimmer.

Wenige Minuten darauf erscheint des Doktors Diener, um der gnädigen Frau eine Bestellung auszurichten. Er spricht respektvoll und sehr leise, die junge Frau scheint einen Augenblick ratlos, dann läßt sie den Assistenzarzt zu sich bitten.

»Das ist mir vollkommen unverständlich, es lag kein einziger gefährlicher Fall vor – wenn gnädige Frau mich nun beurlauben wollten – –?«

»Es ist ausdrücklich von der Klinik um den Herrn Doktor telephoniert worden, und der Herr Doktor haben bestimmt, Herr Doktor Stephany möchte in der Gesellschaft bleiben«, vermeldet der Diener stramm. »Außerdem ist ja jetzt noch Herr Doktor Kayser ständig in der Klinik.«

157 »Bleiben Sie, bitte, hier, es macht sonst einen zu gefährlichen Eindruck«, bittet die junge Frau den Assistenten. Er verbeugte sich gehorsam, aber er kommt sich wie geächtet vor, als nun das Gerücht seinen Umlauf nimmt.

»Wirklich? Sogar heute, wo er Wirt ist?« – »Einen so gewissenhaften Arzt giebt es in der Welt nicht wieder.« – »Wahrhaftig, er ist das Ideal eines Arztes.« – – »Und eines Menschen, können Sie hinzusetzen.« – »Aber gewiß, gewiß.«

Der Speisesaal ist gelüftet und ausgeräumt, es soll getanzt werden. Die Gesellschaft schämt sich fast ein wenig, als die ersten Töne erklingen: man wird tanzen, während der Hausherr – – –

Ganz außer Atem erreicht Dr. Jentsch den Droschkenstand in der Nürnbergerstraße. Während er auf die Uhr sieht, nennt er die Adresse: »Fahren Sie so schnell wie möglich, Sie können vor zehn dort sein. Wenn Sie es fertig bringen, zahle ich doppelt.«

Der Gaul greift tapfer aus und der Taxameter saust nur so auf dem glatten Asphalt dahin.

Einen Augenblick kommt dem Doktor das Kopflose seines Verhaltens zur Besinnung: man mißbraucht das Leiden eines Kranken nicht als Vorwand für ein Liebesabenteuer – dieser Vorwand ist zudem dumm erfunden, wenn Dr. Stephany für die Nacht in die Klinik zurückkehrt, wird die Lüge offenbar, wenn nicht der Diener schon früher darüber schwatzt. Und dann ist da die famose Oberschwester, die es sich nicht 158 versagen kann, in nachträglicher Eifersucht seine Schritte auszuspionieren. Eigentlich ist's unklug gewesen, sie in der Klinik unterzubringen, so tüchtig sie sich auch bewährt hat. – – Freilich, was thut's, wenn sie alle argwöhnen? Er ist der Herr, morgen früh wird sich ihm gegenüber kein Mensch mehr an den Zwischenfall erinnern.

Aufs Geratewohl, weit über das »Doppelte« hinaus zahlt er dem Kutscher; der Portier ist eben dabei, die Hausthür zu schließen, aber etwas Hartes in der Hand läßt ihn sie nochmals weit aufreißen. Dasselbe wiederholt sich oben bei dem Zimmermädchen.

Vilma ist zu Hause, von unten hat Dr. Jentsch ihre beiden hellen Fenster gesehen, jetzt hört er auch durch die Thür hindurch ihr Klavierspiel – – –

Unhörbar öffnete er die Thür und sah Vilma am Flügel sitzen. Die Gewißheit, sie nach den thörichten Sehnsuchtsqualen wirklich vor sich zu sehen, überwältigte ihn, daß er zitterte; er preßte sie an sich und suchte ihren Mund. »O du – Meine – Mädchen – sprich nicht, frage nicht wo ich herkomme, gerade heute Abend. Nimm mich hin, wie ich bin« – –

Natürlich wollte sie trotzdem fragen, aber er drückte ihr Gesicht gegen seine Schulter. »Nein, kein Wort, nur fühlen will ich dich.« –

Dann setzte er sich auf den Teppich zu ihren Fußen und legte den Kopf gegen ihre Kniee. »Mein holdes Ausruhen – du.« Er atmete langsam und 159 tief, als wenn er einschlafen wollte. »Nun spiele weiter, Liebste.« – –

Vilma schüttelte lächelnd den Kopf, als ob sie sagen wollte: wie thöricht du doch bist, aber sie schwieg gehorsam. Unter ihren Fingern quoll es hervor, eine sanfte, sehnsüchtige Melodie, die ihr der Augenblick eingab. Als sie ein Weilchen gespielt hatte, nahm sie die Rechte von den Tasten und ließ sie durch des Doktors blondes, kurzkrauses Haar gleiten, während sie mit der Linken die Melodie in dunklen Mollaccorden weiterführte. Schließlich hörte sie ganz auf mit Spielen, umfaßte mit beiden Händen seinen Kopf und zog ihn an ihren Busen.

Auf dem Korridor ging jemand, mit der glücklichen Versunkenheit war es vorbei. Vilma schreckte auf und riß Felix mit empor. »Sie wissen natürlich längst, daß du bei mir bist, unter einem Vorwande kann jeden Augenblick irgend eine bei mir eintreten. Warum kommst du so spät noch?«

»Du kannst es natürlich nicht begreifen, daß es mit mir so weit war, daß ich dich sehen mußte, trotzdem ich das ganze Haus voll Gäste habe«, versetzte er, etwas ernüchtert. »Vilma – dieses ›Glück‹ unter den Augen einer ganzen spionierenden Pension geht über meine Kräfte. – Komm – laß uns wenigstens ein paar Schritte auf die Straße thun. – Wenn du auch hierüber Rechenschaft ablegen mußt, so sagst du, ich habe dich geholt, weil die Gesellschaft bei mir durchaus nicht auf dein Klavierspiel 160 verzichten wollte –« setzte er hinzu, als er ihr Zögern bemerkte.

»Komm, Liebste.«

Wirklich holte sie Hut und Jackett aus ihrem Schlafzimmer.

»Wie schön du bist! So habe ich dich noch nie gesehen. Laß dich noch einmal in deiner ganzen Herrlichkeit bewundern!« rief sie, als sie dem Doktor wieder gegenüber stand. Bei seinem hastigen Aufbruch hatte er keine Zeit gefunden, die Kleidung zu wechseln und unter dem lose übergeworfenen Ueberzieher wurde nun sein Frackanzug zum Teil sichtbar. Mit beiden Händen schlug sie den Ueberzieher noch weiter auseinander.

»Diese gräßliche Tracht! Die anderen macht sie lächerlich, dich aber wunderschön«, sagte sie überzeugt – und nach einer kleinen Pause zaghaft: »Sag, war deine Frau auch sehr reizend heute abend?«

»Laß das«, erwiderte er schroff. »Komm hinunter.«

Auf der Straße erfaßte sie sofort das vollste Berliner Leben und gab Vilma die Beruhigung, unbemerkt in der Menge unterzugehen. Ihre Erscheinung in dem schwarzen Kleide, der schwarzen engen Jacke und dem einfachen Toquehütchen mit Schleier bot in keiner Weise etwas Auffälliges. Als sie so am Arme des Doktors hinschritt, mußte jeder die beiden für ein Ehepaar der guten Gesellschaft nehmen, das sich damit amüsierte, ein bißchen zu bummeln. 161 Zudem äußerlich ein gut zusammen passendes Ehepaar: beide Figuren waren außerordentlich schlank und schmächtig, der Mann überragte seine Begleiterin gut um einen halben Kopf; es war alles, wie es sein mußte.

»Halte dich fest, Liebchen, damit ich dich nicht verliere. Aber immer Schritt halten!«

Ueber Vilma war ein freies Glücksgefühl gekommen, sie schritt tapfer aus, beobachtete und machte Bemerkungen. Zuweilen wurde sie ganz übermütig. Dann schwiegen sie auch mal ganz und Vilma drückte nur leise den Arm des Freundes, wie um sich zu vergewissern, daß er bei ihr sei, und sah zärtlich zu ihm auf. Das war dann das Allerglücklichste – – –

»Jetzt möchte ich Blumen haben«, sagte sie plötzlich. »Viel Blumen – weißt du, so viel, daß man das ganze Gesicht hineindrücken könnte.«

Aber es war gegen elf, und alle Blumengeschäfte waren geschlossen. Dr. Jentsch wurde ganz traurig, daß er den ersten Wunsch Vilmas nicht erfüllen konnte. »Wir wollen nach dem Tiergarten und die Bosketts plündern;« schlug er vor.

»Und wenn man uns dabei abfängt?«

»Dann bezahlen wir lachend unsere Strafe. Das ist ein Opfer, das wir bringen, um den Neid der Götter zu versöhnen.« Sie lachten und schritten weiter.

Dr. Jentsch begriff sich selbst nicht, daß er hier, spät abends mit einem jungen Mädchen am Arme ging, vollbefriedigt und ohne jedes Begehren. 162 Wahrhaftig wie ein Sekundaner, dachte er, und war sich nicht klar darüber, ob er sich lächerlich fand, oder sich in der fremden Rolle gut gefiel.

Nachgerade spürte er, wie Vilmas Schritte schwerer wurden.

»Du bist müde, Liebe – wollen wir irgendwo einkehren? Ich weiß ein nettes kleines Lokal hier in der Nähe – – –?«

Davon wollte sie aber nichts wissen. »Nun dann ein wenig fahren? Eine Droschke? Ja?«

Ermüdet stimmte sie zu. »Aber eine offene!« bat sie.

Der Kutscher, der mit berufsmäßigem Scharfsinn die Situation erfaßte, fuhr das Paar aufs Geratewohl mitten durch den Tiergarten, in eine jener dunklen Alleen, wo die Zweige sich in der Mitte berühren und kaum ein Stückchen Himmel hindurchblitzen lassen, wo nur von weitem das Licht der großen Fahrstraßen aufleuchtet, der schleifende Ton der Elektrischen die Stille durchbricht. Hin und wieder durchschnitt ein Fußsteg den Weg, für einen Augenblick sah man auf runde Plätze mit weißschimmernden Figuren, dann waren sie wieder mitten in der Dunkelheit. Es roch moderig nach stehenden Gewässern und darüber schwebte ein sanfter frischer Duft von ersten Frühlingsblüten.

Vilma schmiegte sich weich an den Mann, der sie umfaßt hielt. Wenn der Wagen eine Lichtung passierte, freute er sich über den rührenden Reiz, 163 der über dieses blasse Dämmerungsgesichtchen ausgegossen war, zugleich fürchtete er jeden Augenblick, daß sie ihn bitten würde, sie nach Hause zu bringen.

Statt dessen fragte sie unvermittelt aus dem Schweigen heraus: »Ob du dir wohl denken kannst, was ich jetzt möchte?« und als er sie fragend ansah: »Deinen Bau möchte ich sehen. Ich bin niemals draußen gewesen, es muß etwas Großes sein, nach dem was davon erzählt wird.« – Nun mußte er lächeln: »Was siehst du daran, Kindchen! Ein paar Mauern, Gerüste, Kalkgruben, Steine – Außerdem ist's nicht mal sicher, ob wir hinein können.«

»So sehen wir es von außen. Ich möchte ja doch nur dich in der ganzen Anlage sehen«, sagte sie. »Sei gut, Felix.«

Er beugte sich, um sie zu küssen, und gab dem Kutscher seine Weisung, der sofort wendete. Jedoch wenig vertraut mit dem neuen Stadtteil des Westens, zu dem er fahren sollte, wählte er den Weg ungeschickt, fuhr über die Herkulesbrücke, die Kurfürsten- und Nürnbergerstraße und bog plötzlich in die Schaperstraße ein. Vor des Doktors Hause hatte die erleuchtete Etage fünf oder sechs Droschkenkutscher angelockt, die mit ihren Vehikeln in Erwartung der Gäste harrten.

Die Hausthür stand offen, eben hatte der Diener einen Trupp Gäste hinunter geleitet, von denen einige in die Droschken stiegen. Eine Droschke fuhr aus der Reihe hinaus, es gab eine kleine Verwirrung, so daß 164 auch des Doktors Kutscher im Schritt weiter fahren mußte.

Ein Offizier mit seiner Gattin suchte über den Fahrdamm hinüber die andere Seite zu gewinnen.

»Himmel, war das wieder einmal öde«, seufzte sie, indem sie den Mantel über den Schultern lüftete und aufatmete.

»Er ist eben nur Arzt. Daneben giebt es für ihn nichts. Man muß da einen Pflock zurückstecken«, erwiderte der Offizier.

Dr. Jentsch und Vilma hatten die Gesichter abgewandt gehalten. »Daß ich dir das nicht erspart habe«, sagte er grollend, als das Pferd nun wieder kräftiger ausgriff. Im Grunde war es weniger das unverdiente Lob, das ihn kränkte, als die verletzte Eitelkeit, weil man sein Fest langweilig gefunden. Das nächste Mal muß man das anders machen – mehr Künstler einladen – überhaupt stärker mischen – sagte er bei sich, und für einige Minuten war sogar Vilma vergessen.

Auf dem öden Terrain des zukünftigen Stadtteiles trat der Neubau wie eine Festung hervor.

»Es wird vergebene Mühe sein, es soll immer abgeschlossen werden«, sagte der Doktor, aber wider Erwarten gab die Thür des Lattenzaunes im Schlosse nach. Die dreißig Schritt abseits stehende Bretterbude des Aufsehers war dunkel. Der Hund, der angekettet 165 sein mußte, schlug ein paarmal an, dann beruhigte er sich wieder.

Sie ließen die Droschke halten, der Doktor schimpfte ein bißchen über die unordentliche Wirtschaft, dann führte er Vilma durch sein Reich. Hier das langgestreckte Hauptgebäude mit den Operationsräumen, den Krankenzimmern, den Wohnungen für die Schwestern – seitlich ein paar Pavillons für ansteckende Kranke, die isoliert werden mußten. Hinter dem Hauptgebäude die Küchen und die Waschanstalt, nach rechts ein Haus für die Aerzte, auch auf einen verheirateten war Rücksicht genommen, und zur Linken endlich, bis fast an die Grenze des Terrains zurückgerückt sein Wohnhaus. Auch hierbei waren die Mauern noch nicht bis über die halbe Höhe hinaus gediehen, aber durch die Gerüste hindurch konnte man sehen, daß es eine Villa im vornehmsten Stil, mit Loggien, Balkons, Erkern wurde, fast ein Schlößchen. Davor sollten Rasenplätze mit eingelassenen Blumenbeeten kommen, und Parkanlagen, in die nach der Seite der Klinik zu große Bäume eingesetzt werden sollten, um die Villa nach dorthin möglichst abzusperren.

Davon war man jetzt freilich noch weit entfernt; um alles besichtigen zu können, mußten die beiden Sand- und Steinhaufen umgehen, sich zwischen aufgeschichteten Latten den Weg bahnen. Es war gut, daß der Mond im zweiten Viertel stand und ziemliche Helle verbreitete. Vilma wurde ganz müde vom 166 gespannten Zuhören und den ungewohnten Wegen; schließlich setzte sie sich auf einen Haufen Bauholz nieder.

»Warte, dort wachsen auch deine Blumen, nun sollst du so viel haben, wie du willst.«

Auf dem Teil des Grundstückes, das für die Parkanlagen reserviert war, hatte man die Obstbäume, die früher das ganze Terrain bedeckten, noch stehen lassen, ein paar Frühkirschenbäume standen schon in vollster Blüte und schimmerten magisch im Mondschein.

Vilma hörte, wie Felix rücksichtslos in den Bäumen wütete, wie die Zweige krachend abbrachen. Dann kam er zurück, beide Arme ganz bepackt.

Er lud seine Bürde auf ihren Knieen ab, sie faßte, was sie fassen konnte, aber trotzdem sanken verschiedene der Zweige zu Boden und breiteten sich wie ein weißer Kranz um den Saum ihres schwarzen Kleides.

»Den ganzen Frühling für dich, Geliebte!«

»Verschwender!« sagte sie zärtlich. »Wieviel Früchte hätten daraus werden können!«

»Laß dich ansehen – mein Mädchen, du – weiter will ich nichts.« Er stand ganz versunken und betrachtete ihr zartes Gesicht, das selbst wie eine weiße Blüte über dem Blütenflor stand. Dann setzte er sich neben sie und nahm ihre Hand.

Und plötzlich, er wußte selbst nicht, wie es 167 gekommen, fand er sich dabei, daß er ihr von seiner Operation sprach.

Vilma und seine Entdeckung – diese beiden Pole seines Denkens mußten sich berühren. Es war ihm, als ob das Mädchen an seiner Seite die nächste wäre, die davon hören müsse. Bisher hatte ihn die Angst, daß jemand ihm zuvorkommen, seine Idee weiter ausbauen könne, davon abgehalten, mit irgend jemand über die Sache zu reden. Alles, was dafür sprach, die Studien und Versuche, die er seit dem ersten Auftauchen des Gedankens gemacht, die wachsende Möglichkeit der Ausführbarkeit legte er ihr jetzt klar. Obgleich er sich bemühte, populär zu sprechen, konnte sie ihm nicht überall folgen. Eines aber verstand sie dennoch: den leidenschaftlichen Drang des Forschers, für den die Realisierung seiner Idee den Lebensinhalt bedeutete.

»Du siehst es nun, das Verfahren ist ausführbar. Es fehlt nur eines: das Material, um es zu erproben. Man überantwortet uns die Leichen der Hingerichteten, weshalb nicht den lebenden Verurteilten? Was bedeutet hier ein Menschenleben? Ein Krieg rafft Tausende mit einemmal hinweg, an unseren Operationen, wie sie jetzt ausgeführt werden, sterben Tausende nach und nach – sie könnten vielleicht am Leben erhalten bleiben, wenn meine Methode sich bewährte. Verstehst du, was das für das gesamte Operationsverfahren bedeuten würde? Und erst für mich! Ich bin mit einem Male ein gemachter Mann, 168 habe Namen, keine gemeine Sorge kann mehr an mich heran – – – Ach, daß man in einem Polizeistaate lebt, und sich nicht einfach einen Sklaven kaufen kann, an dem man beliebig experimentierte! – Es ist zum Verrücktwerden – –« Der Doktor biß die Zähne zusammen und starrte vor sich hin.

»Nimm mich«, sagte Vilma leise, – es wäre wie wenig Leben ich noch vor mir habe, – es wäre nicht weiter schade – –«

»Vilma!« rief er voller Empörung.

Sie lächelte, wie er es nie an ihr gesehen: »Du kennst doch die Sage vom armen Heinrich, für den ein reines Mädchen sein Blut vergießt, damit er von seiner Krankheit geheilt wird? Sieh Felix, der das geschrieben, hat uns gekannt. Das ist es, was wir Frauen alle wollen: uns aufopfern für etwas Großes. So oder so – – –«

Er sah sie im aufdämmernden Verstehen an.

»Nimm mich!« wiederholte sie. Ich schenke mich dir – –«

Da riß er sie, mitsamt den Blumen, die noch in ihrem Schoße lagen, in seine Arme und trug sie im Triumph über das ganze Terrain bis zur Straße.

Erst im Wagen setzte er sie vorsichtig nieder.

»Zufahren, Kutscher! – Schnell!« – – –

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