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Dilettanten des Lasters

Clara Blüthgen: Dilettanten des Lasters - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDilettanten des Lasters
authorClara Blüthgen
firstpub1902
year1902
publisherHermann Seemann Nachfolger
addressLeipzig
titleDilettanten des Lasters
pages294
created20090103
sendergerd.bouillon@t-online.de
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112 VI.

»Einen Augenblick, Liebe. Nur noch ein paar Zeilen. Mach es dir inzwischen bequem.«

Lotte Rienacker hatte über die Schulter hinüber zu Vilma Sommer gesprochen, die soeben bei ihr eingetreten war. Ohne sich zu unterbrechen, schrieb sie hastig noch ein paar Minuten weiter; ihre Feder rasselte über das Papier und der Bogen füllte sich im Handumdrehen.

Vilma Sommer hakte ihr kurzes Tuchjackett auf und zog die Handschuhe aus. Eine Weile betrachtete sie die Schreibende von der Seite.

»Nimm dir doch ein Buch – da hinten auf dem Tischchen liegen auch die Zeitungen«, rief Lotte wieder über die Schulter herüber. Sie konnte es nicht begreifen, daß ein Mensch auch nur eine Minute müssig sein könne, zudem fürchtete sie von diesem unbeschäftigten Menschenkinde jeden Augenblick eine Störung.

»Danke, ich langweile mich nicht. Das Nichtsthun ist mir gesund.«

113 Lotte schrieb noch fünf Minuten ohne aufzusehen weiter, dann machte sie einen energischen Strich unter die Arbeit, löschte ab, raffte die Blätter zusammen und begann, das Geschriebene von Anfang an durchzulesen, wobei sie hin und wieder ein Wort änderte oder ein Komma einsetzte.

»Nun, Gott sei Dank, der Berliner Brief für Hamburg ist fertig, für vierzehn Tage ist nun damit wenigstens Ruhe.« Während sie sprach, adressierte sie das Couvert, packte das Manuskript hinein und griff nach ein paar Postkarten.

»Entschuldige – aber dabei können wir plaudern, das ist keine Arbeit.«

»Du hast's doch gut, kannst deinen Beruf in deinen vier Pfählen ausüben, ohne daß ein paar Dutzend Operngläser auf dich gerichtet sind, kannst einmal dazwischen aufatmen, kannst sogar dich vergreifen – pardon, etwas ausstreichen, ohne daß gleich ein Kritiker es dir aufmutzt«, sagte Vilma seufzend, während Lotte ihre Postkarten beschrieb.

»Gut? – nun ja, wie man's nimmt. – Wenn es nun hier aber einmal aufhört, Vilma, was dann?« Sie tippte sich mit dem Finger vor die Stirn. »Das ist eigentlich meine ständige Angst. Es muß sich doch einmal erschöpfen, die Stoffe müssen weniger werden, ich bin schon jetzt wie ein Spürhund dahinter her – was wird, wenn sich das einmal erschöpft?«

»Dahin ist wohl noch lange Zeit, bis jetzt merkt 114 man noch kein Nachlassen. Dein eigentliches Lebenswerk liegt ja noch vor dir«, begütigte Vilma.

»Mein Lebenswerk ist eben diese kleine Flickenarbeit. Ich werde wohl kaum an etwas Zusammenhängendes, Großes kommen«, sagte Lotte Rienacker bitter. »Mein Gott, wenn man könnte, wie man wollte – – aber davon wollen wir nicht immer wieder sprechen. Siehst du, Vilma, das ist's, was mir immer so weh thut, daß ich gar nicht dazu komme, meine Arbeit lieb zu haben. Niemals bei einer Sache warm werden, immer wieder etwas anderes – sag, weißt du die Adresse von Fräulein von Möllendorf – nein, laß nur, laß, jetzt habe ich sie schon –« sie hatte in ihrem schmalen, grünen Adressenbuch geblättert und schrieb nun die Straße auf die Karte, indem sie weiter sprach: »Sie planen da wieder etwas, Verwertung von Manuskripten – Stellenvermittelung – was weiß ich? Jedenfalls wollen sie mich wieder für die Sache haben. Ach, Vilma, Zeit, nur Zeit haben, und dann auch mal Ruhe.«

»Damit nimmst du mir den Mut, dir meine Bitte vorzutragen«, entgegnete Vilma gedrückt und ihr blasses Gesicht verschattete sich. »Ich mag es nun kaum mehr sagen – ich dachte, du könntest vielleicht mit mir nach Düsseldorf kommen, ich spiele dort in der Tonhalle, auch mit Orchester. – Wenn du doch mitkommen könntest.«

»Das wird sich nicht gut machen lassen, Liebe.«

»Ich meine selbstverständlich als mein Gast, meine 115 geehrte Beschützerin«, warf Vilma schnell ein und wurde rot. »Der Saal ist schon jetzt halb ausverkauft – es war mir etwas bange, weil die eigentliche Konzertzeit vorüber ist, es scheint aber, daß ich noch vom vorigen Jahre her dort in gutem Andenken stehe. Außerdem bin ich jetzt endlich aus den alten Schulden heraus, kann mich rühren. Komm mit, Lotte«, fügte sie bittend hinzu.

»So war's nicht gemeint, Kind«, versetzte diese gemütlich. »Auch ich bin neuerdings in guten Finanzen, seitdem ich –« sie näherte ihren Mund Vilmas Ohr, legte die Hand daran und flüsterte: »allwöchentlich einen Modenbericht zu schreiben habe – aber bitte, sag's niemandem, es ist schmachvoll.«

»Reise mit, Lotte, wenn du es irgend einrichten kannst.«

»Ich weiß aber nicht, wie ich es einrichten soll – es liegt so vielerlei vor. – Und doch, und doch, fast möchte ich – weißt du, Vilma, so eine Art von Henkersmahlzeit vor der Hinrichtung.«

Vilma lächelte: »Wer will dir denn an den Kragen?«

»In vierzehn Tagen fangen die Osterferien an – meine Schwiegermutter! – Burg! – Wenn ich daran denke, so möchte ich vorher noch etwas recht Ausschweifendes thun. – Na, wer klingelt denn da schon wieder?«

Dem Schwirren der Korridorglocke folgte der 116 Ton einer frischen Stimme, und gleich darauf guckte Hanna von Lietzows vergnügtes Gesicht ins Zimmer.

»Das ist ja famos, daß ich euch beieinander finde. 'n Abend, Vilma, 'n Abend, Lotte – Martha ist wohl nicht zu Hause? – ein Publikum von dreien wäre mir lieber als eins von zweien gewesen.«

»Also gute Neuigkeiten? dergleichen hört man gern. Na, dann schießen Sie los, Hanna«, ermunterte Lotte.

»Also, Kinder: wie ihr mich hier sitzen seht, bin ich eine Geschäftsfrau, die einen brillanten Verkauf abgeschlossen hat. Nicht nur, wie gewöhnlich, ein paar einzelne Stücke, sondern ein ganzes Damenzimmer in eins, und alles, was irgend dazu gehört, Teppich, Wandbehänge, Potterien. Die Möbel in rotem Mahagoni, der Schreibtisch mit wundervollen französischen Radierungen als Einlagen. Und wie glatt und korrekt sich dieser Verkauf abwickelte, ganz ohne Handeln, obgleich dieses Zimmer wahrhaftig nicht billig war. Und denkt euch, Kinder, welche gute Seele ich bin: ich habe es dann so gedeichselt, daß für Martha Ihring auch ein Bröckchen dabei abfiel, ihr Spiegel mit den gestickten Seerosenrahmen – ah, da hängt er ja noch, schön ist er ja gerade nicht – ist dazu ausersehen, die Wand über dem Sofa zu zieren. Nun, was sagt ihr, habe ich das nicht fein gemacht?«

»Gratuliere, Hanna, gratuliere doppelt, einmal zu Ihrem guten Herzen, dann zu dem Erfolg«, sagte 117 Lotte, Hanna von Lietzow die Hand schüttelnd. »Ist es nicht aller Achtung wert, daß wir drei erwerbenden Mädchen hier neben einander sitzen, als eingestandene Kapitalistinnen? Daran sollten sich die Männer ein Beispiel nehmen.«

»Ach, die!« sprach die junge Tischlermeisterin wegwerfend. »Aber auf die Thatsache könnten Sie uns ein Glas Wein geben, Lotte. Mir ist nach Anstoßen zu Sinne.«

»Wein ist nicht da«, gestand Lotte, »aber Curaçao und Kognak«, und sie entnahm einem Eckschranke die beiden Flaschen und füllte die Gläser.

Die kleinen Finger berührten sich kommentmäßig, die Gläser wurden auf einen Zug hinuntergegossen.

»Auf das Wohl des trefflichen Käufers, des hochberühmten – und geachteten Dr. Jentsch«, rief Hanna, und hielt ihr Glas gegen die Lampe, um zu sehen, ob sie auch wirklich ausgetrunken habe.

»Dr. Jentsch! Da habe ich ja eigentlich Anspruch auf Prozente, denn die Bekanntschaft habe ich vermittelt«, lachte Lotte Rienacker.

»Ihr Lieben, seht mich an. Ich bin doch gewiß vernünftig? Wohl die Vernünftigste von euch allen, meine Arbeit würde mir ja keine Zeit und Stimmung übrig lassen, um unvernünftig zu sein«, sagte Hanna von Lietzow, die ein zweites Gläschen Curaçao eingegossen und getrunken hatte. »Also, es steht fest, ich bin vernünftig? Aber wenn ich an diesen Dr. Jentsch denke, so verstehe ich, wie alle Vernunft in 118 die Brüche gehen kann. Das ist doch ein Mann! Ach, was sage ich, er ist überhaupt der Mann – da fühlt man doch, wie männlich man gleich selbst in den letzten Jahren durch die Arbeit geworden ist, etwas von der Sehnsucht des Weibes, sich hinzugeben.«

»Ihnen ist nicht wohl, Hanna, Sie faseln«, sagte die Schriftstellerin trocken, mit einem raschen Blick auf Vilma. Die hatte sich in eine Ecke des Zimmers zurückgezogen, die nicht von dem Schein der Gasglühlichtlampe auf dem Schreibtisch getroffen wurde.

»Aber gönnen Sie es mir doch, daß endlich einmal das Weibempfinden in mir erwacht; das müßte für Sie, die Schriftstellerin doch interessant zu beobachten sein«, entgegnete Hanna von Lietzow lustig. »Uebrigens, Hand davon: erstens thäte es mir um die allerliebste kleine Frau leid, zweitens weiß ich, daß ich doch keine Chancen habe. Männer, die ihren Frauen derartige generöse Geschenke machen, haben fast immer etwas auf dem Kerbholze. Das Geschenk dient dann zur eigenen Gewissensberuhigung, ist so eine Art von Sühneopfer. Ich käme also in diesem Falle zu spät.«

In Lotte regte sich der lebhafte Wunsch, das Gespräch abzulenken. Ohne daß sie genau wußte, wie Vilma zu Dr. Jentsch stand, fühlte sie doch, daß hier ein wunder Punkt berührt war. »Vilma konzertiert in Düsseldorf und ich werde sie wohl nach dort begleiten. Da lerne ich gleich die Stadt kennen. 119 Wann muß übrigens die Reise vor sich gehen, du Schattenpflanze?«

»Das Konzert ist Dienstag – also spätestens – übermorgen«, klang es mit einer fremden Stimme.

»Himmel, da muß ich mich aber mächtig anspornen. Nehmen Sie den Wink nicht übel, liebe Hanna – aber unter guten Bekannten – – –«

»Sprechen Sie mir nicht von arbeiten – ich will ja auch noch in meiner Werkstatt nachsehen, und hinterher in den Frauenklub. Kommen Sie mit, Vilma?«

»Lieber nicht, ich möchte meine Kräfte für mein Konzert schonen.«

»Wie Sie wollen – adieu denn, und erzählen Sie Martha von ihrem verkauften Seerosenspiegel.«

Auf dem Wege zur Thür machte Hanna vor einem Bilde noch einmal Halt. »Was ist denn das? Dieses in Schleiergewänder gehüllte Wesen unter dem blühenden Apfelbaum scheint ein echter Mia Bernhardt und zwar das Pendant zu dem dürren Jüngling unter dem Kirschbaum, der seit nunmehr drei Wochen mein Zimmer ziert – das heißt, nach den ersten zwei Tagen habe ich ihn hinter den Kleiderschrank gestellt, er verdarb mir die ganze Einrichtung. Ein Geschenk Mias, Lotte?«

Lotte wurde ein wenig verlegen: »Ein Geschenk nun wohl nicht.«

»Nun, so weiß ich schon genug, Ihre Diskretion braucht sich nicht weiter um ein Geständnis zu drücken. Dieses aalschlanke Mädchen ist Ihnen eben so 120 aufgedrängt worden wie mir mein Jüngling, als Pfand sozusagen. Haben Sie ihr viel gegeben? Wie kommt es nur, daß Mia Bernhardt jetzt beständig in der Klemme steckt? Sie hat doch ihre gutbezahlten Stunden?«

»Wenn Sie Mia gefällig gewesen sind, so entwerten Sie es doch nicht hinterher, indem sie darüber sprechen«, umging Lotte Rienacker die Antwort.

Das junge Geschäftsfräulein ging, und Lotte setzte sich am Schreibtisch zurecht. »Es ist keine Uebertreibung, Vilma, es liegen eine Masse Arbeiten vor, die auf die Stunde geliefert werden müssen. Ich muß ein paar Nachtstunden zu Hilfe nehmen. Geh jetzt nach Hause, Liebe.«

Vilma kam langsam aus der Dunkelheit in die Blendung der Lampe. »Laß mich hier eine Stunde ruhig auf deiner Chaiselongue liegen. Ich will dich nicht stören. Es ist mir, als wenn ich mich heute vor meiner Pensionsstube und dem Alleinsein fürchtete.«

Sie lag so still in eine flockige Pelzdecke eingewickelt, daß Lotte sie bald vergaß. Nach einer Weile hörte sie ein ganz leises, mit aller Mühe unterdrücktes Schluchzen von der Chaiselongue her.

»Vilma, du weinst – bist du wieder kränker?« fragte sie besorgt.

»Nein, gar nicht, ich fürchte mich vor dem Konzert, habe einfach Lampenfieber. Ach, meine dummen Nerven! Wie gut, daß du mit mir kommst, Lotte.«

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