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Dilettanten des Lasters

Clara Blüthgen: Dilettanten des Lasters - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDilettanten des Lasters
authorClara Blüthgen
firstpub1902
year1902
publisherHermann Seemann Nachfolger
addressLeipzig
titleDilettanten des Lasters
pages294
created20090103
sendergerd.bouillon@t-online.de
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77 IV.

Nirgendwo in der Welt kann man sich vielleicht so sehr in volle Einsamkeit vergraben, wie in Berlin an einem Sonntagnachmittag. Da draußen in den Straßen hastet es durcheinander, alle diejenigen, die sich in den Wochentagen abgehetzt haben, hetzen sich jetzt gewohnheitsmäßig weiter, um dem einen Nachmittag das bischen Vergnügen abzugewinnen, das sie mit den sechs Arbeitstagen aussöhnen soll.

Darum ist es in den Häusern so himmlisch ruhig. Die Kinder sind mit den Eltern spazieren gegangen, die Klaviere schweigen still. Und wenn es sich nun gar um eines jener weltabgewandten Gartenhäuser handelt, die zwar sehr wenig mit einem Garten zu thun haben, die vielmehr mit den langen Gängen, den vielfachen Thüren, die man passieren muß, den Eindruck eines wohlverwahrten Kastells machen, so hat hier die Ruhe etwas für eine Millionenstadt geradezu Unwahrscheinliches.

Lotte Rienacker freute sich dieser Ruhe und der 78 selbstgewollten Einsamkeit. Martha Ihring war zu Hanna von Lietzow gefahren, das Mädchen hatte seinen Ausgang. Nur hin und wieder tönte über die Dächer herüber das Geräusch eines besonders hastig fahrenden Wagens, sonst war es ganz still.

Vor Lotte auf dem Schreibtische war die Kabinettphotographie eines Herrn aufgestellt. Der ausgeblichene, kostbare Kirchenbrokat, der den Rahmen überzog, stand in einem sonderbaren Gegensatze zu dem bescheidenen, etwas gedrücktem Gesicht mit dem breitgehaltenen Vollbart und den Brillengläsern, dem man es auf zehn Schritte ansah, daß es das eines Lehrers in der Provinz war. Von Zeit zu Zeit hob Lotte den Kopf von dem Briefbogen, um einen Blick auf den Mann zu werfen, als wolle sie sich durch dessen Anblick zum Weiterschreiben inspirieren.

An diesem Sonntagsbrief hielt sie fest, wie an einem Gelübde, obgleich er ihr meist nicht leicht fiel. Sie mußte sich immer erst einen Anstoß geben, um sich in das Gefühl sehnsüchtiger Zärtlichkeit zu versetzen, das doch Pflicht der Braut gegen den fernen Verlobten war. Wie solch' Gefühl, das man zuerst für stark und glühend genug gehalten hat, um eine Ewigkeit zu überdauern, sich doch im Laufe der Jahre verändert, wie die Flammen allmählich zusammensinken und schließlich nichts übrig bleibt, als eine leise knisternde Glut, halb von Asche bedeckt – gerade noch genug, um erkennen zu lassen, wie es früher war. Geschehen war nichts, um die beiden einander 79 zu entfremden, nur die Jahre hatten unermüdlich an ihrem Glücke genagt, bis Stück auf Stück davon abbröckelte.

Der Brief war glücklich fertig, die Schreiberin durchlas ihn noch einmal, um womöglich hier und da noch einen Ausdruck ins herzliche zu vertiefen, als die Korridorklingel ging. Lotte zog schnell den Kleinsteller des Gasglühlichts in die Höhe und öffnete die Thüre. »So hoher Besuch! Doktor Jentsch!«

»Ein berechtigter Besuch, nachdem Sie mich neulich so freundlich bei sich aufgenommen haben.«

»Ich wußte nicht, daß Sie so förmlich sind. Heute müssen Sie aber mit mir allein fürlieb nehmen.«

Drei Wochen lang hatte Dr. Jentsch in seinen freien Stunden über das Verfahren, dem er auf der Spur zu sein glaubte, gegrübelt, über das Wesen der Hypnose gelesen, seine Kraft an kleinen Experimenten erprobt. Dann hatte ihn eine tiefe, mit Ekel gemischte Ermüdung gefaßt. Mit seinem Willen schob er den ganzen Gedankenbau beiseite und an dessen Stelle trat etwas anderes: Vilma Sommer.

Schnell entschlossen hatte er den Vorwand vom Zaun gebrochen, den beiden Mädchen einen Dankbesuch für jenen Donnerstagabend abzustatten, um bei ihnen etwas über Vilma zu hören.

Lotte wurde ein bischen verlegen, als des Doktors Augen über den Brief und die auffällig in den Vordergrund gerückte Männerphotographie liefen, irgend etwas Dunkelempfundenes, vielleicht die Erinnerung 80 an eben jenen Donnerstagabend trieb sie, sich dem Doktor gegenüber zu rechtfertigen, ihm klar zu machen, daß sie unter einem Schutze stehe. Für sie selbst ist es freilich nicht notwendig, aber es strahlt auf ihren ganzen Kreis über. »Mein Verlobter«, sagte sie und hielt ihm das Bild hin.

In aufrichtiger Ueberraschung sprach der Doktor seinen Glückwunsch aus. Es will ihm nicht so recht in den Sinn, daß dieses Mädchen regelrecht verlobt sein soll, und als er nun hört, daß ihr Verlobter, ein Doktor Richard Menzel, in Quedlinburg lebt und darauf wartet, daß seine Anstellung an dem dortigen Gymnasium eine feste werden soll, daß Lotte eine Schwiegermutter in Burg besitzt, bei der sie mit ihrem Verlobten zusammen die Ferien verbringt, so wächst sein Erstaunen. Er erinnert sich, von Hanna von Lietzow gehört zu haben, daß Lottes Schwester früh verwittwet ist und mit zwei Würmern dasitzt, deren teilweise Erhaltung starke Ansprüche an Lotte stellt – so opfert sie wohl einen Teil ihres eigenen Glückes – d. h. dessen, was man, solange man noch unverheiratet ist, gern als »Glück« bezeichnet – für ihre Familie. Das ist edel, ein unbegreiflicher Idealismus – – – wenn nicht etwa doch eine unbestimmte Angst vor dieser Ehe in engen Verhältnissen dahintersteckt – –

»Sie lachen nun natürlich über diese ewige Braut, lieber Doktor – diese endlosen Verlobungen fordern ja immer den Spott heraus. Aber man will doch 81 nicht leichtsinnig heiraten, eine Familie gründen auf's ungewisse hin – und so sind die Jahre hingegangen. Und wenn wir's trotzdem riskiert hätten und ich jetzt als Frau Gymnasiallehrer in Quedlinburg säße, worüber sollte ich schreiben? Meinem bischen Talent bietet allein das großstädtische Leben Material.«

Ja, sie wird sich komisch genug vorkommen in Quedlinburg und manches wird sie sich dort abgewöhnen müssen und wenn es auch nur der kühne Knoten ist, in den ihr schwarzes Haar gedreht ist, und der Gürtel mit der riesengroßen Schnalle im Sezessionsstil über der orangefarbenen Seidenbluse. Und ihr ganzer Kreis! Wenn man sich jenen Donnerstagabend nach der Kleinstadt verlegt denkt!

»Darf man von ihrer Verlobung gegen andere wissen? Ich kann doch wohl annehmen, daß ich nicht als einziger in das Geheimnis gezogen bin?«

»Ach, sie wissen es alle, aber haben es längst wieder vergessen. In Berlin vergißt man so schnell, und die Geschichte spielt schon so lange Jahre. Die einzige, mit der ich noch davon rede, ist Vilma Sommer – aber da fällt mir ein, daß ich der ja für heute Nachmittag einen Krankenbesuch zugesagt habe. Da hilft nichts, ich muß Sie verabschieden, lieber Doktor.«

»Ah, Fräulein Sommer ist krank? Doch nichts ernsthaftes?« Durch des Doktors Gehirn blitzte es freudig: der Zufall kommt ihm zu Hilfe, sie ist krank, er kann als Arzt bei ihr eindringen – und wenn 82 es wirklich etwas ernsthaftes ist – um so unentbehrlicher wird er sich machen.

Aber als ob Lotte seine Gedanken gelesen hatte, sagte sie lächelnd: »Wenigstens nichts, was besondere ärztliche Hilfe notwendig machte. Sie ist nur mit ihren Nerven etwas herunter, vielleicht auch mit dem Herzen nicht ganz in Ordnung.«

»Gnädiges Fräulein, wollen Sie einmal ausnahmsweise ganz gut, ganz liebenswürdig gegen mich sein? Nehmen Sie mich mit zu Ihrer Freundin.« Seine Stimme hat den allerweichsten, allerverführerischsten Klang, aber Lotte wehrt sich gegen den eindringlichen Zauber.

»Wo denken Sie hin? Die arme Vilma soll ja einen Todesschreck bekommen, wenn ich solche Autorität mit mir im Schlepptau führe. Uebrigens hat sie jetzt einen alten Sanitätsrat, der sie behandelt, und auf ihrem Tische steht eine ganze Batterie von Medizinflaschen – –«

»Eben deshalb«, sagt er ganz erregt. »Man kann ja gar nicht wissen, was diese alten Herren mit ihren Medizinsünden anrichten. Nehmen Sie mich mit, Fräulein Rienacker, ich bitte Sie.«

Lotte überlegt einen Augenblick: »Nun, so kommen Sie, Sie Quälgeist. Aber lassen Sie mich wenigstens meinen Brief erst schließen.«

Sie gehen hinunter.

»Eine Droschke?« fragt er und winkt, als Lotte nickt, einen Weißlackierten heran.

83 Das Wetter ist für Mitte Februar ganz außerordentlich milde, so daß man es ganz gut wagen kann, bei niedergelegtem Verdeck zu fahren. Ein Stückchen krankhafter Vorfrühling, dem gewöhnlich noch doppelt strenge Tage folgen.

»Berlin ist doch einzig!« sagt der Doktor. »Ich kenne so ziemlich alle unsre Großstädte, aber ich wüßte keine einzige, in der uns das Leben so packte und mit fortrisse wie hier. Anderswo mag es sich vielleicht graziöser zeigen, raffinierter, aber diese aufdringliche, gesund fortreißende Kraft hat es nur in Berlin. Hier muß man leben, man mag wollen oder nicht.«

»Aber bei allem Leben einsam, trostlos einsam ist's manchmal«, erwiderte Lotte nachdenklich. »Wer es hier nicht versteht, in den großen Strom zu kommen, ist übel daran. Ich weiß es noch aus eigener Erfahrung, aus jener Zeit, als ich fremd nach Berlin gekommen war und noch nicht festen Fuß fassen konnte – – – Diese Einsamkeit ist gefährlich, ist eine große Kupplerin. Glauben Sie es nur, von hundert Mädchen, die hier fallen, erliegen fünfzig nicht ihren Sinnen, sondern nur dem Einsamkeitsgefühl, das sie nach etwas lebendigem, warmem zieht.«

Als moderne Schriftstellerin scheut Lotte sich nicht, jeden Punkt, auch den heikelsten, tapfer zu berühren, und der Doktor findet das bequem, recht bequem. »Da muß es Ihnen doch recht tröstlich gewesen sein, daß Sie selbst verlobt waren«, wirft er hin.

»Gewiß, das war's auch«, sagt sie warm. »In 84 solchen Momenten hat allein der Gedanke, daß es dort, irgendwo jemanden giebt, zu dem man gehört, etwas erwärmendes. Aber jetzt stehe ich über der Sache und beobachte. Das ist ja das schlimme an jedem echten, rechten Beruf, daß er einen nie zur Ruhe kommen läßt, Sie werden es ja selbst von sich wissen. Alle sind wir aufs Beobachten gestellt; ich wette, daß Sie, Doktor, auf jedem Gesicht, auch auf dem meinen, die Spuren irgendwelcher Krankheit entdecken werden – und ich? O Gott, und wenn ich nur verfolge, welche Spiegelung dort die Laterne auf dem feuchten Asphalt hervorruft, so ist das schließlich auch ein Studium, ich muß es doch mit meinen eigenen Augen gesehen haben. Aber sagen Sie, wo haben Sie Fräulein Sommer eigentlich kennen gelernt?«

Der Doktor giebt Auskunft, daß es im letzten August in Heringsdorf gewesen, daß er sie dort auch zum erstenmale spielen gehört habe, obgleich ihr Name ihm selbstverständlich vorher bekannt gewesen sei. Aber während er die nackten Thatsachen erzählt, gewinnt das erlebte für ihn selbst ein anderes Gesicht. Inmitten des Rollens der Droschken, des Sausens der Elektrischen, des ganzen tausendstimmigen Gewühls der Großstadt steigt es empor wie Mondscheinschimmer, wie Stimmen der Sehnsucht, die über dem Wasser schweben – – die schlanke Gestalt des Mädchens, ihr flatterndes weißes Kleid gegen das dunkle Wasser – diese ganze Episode, die in der Sentimentalität seines 85 platonischen und trotzdem fruchtlosen Werbens so lächerlich gewesen, so verrückt, und die sich dennoch, wohl weil sie die einzige dieser Art in seinem Leben, nicht vergessen läßt.

»Kutscher halten!« Lotte tippte mit ihrem Muff dem Rosselenker auf die Schulter, der beinah an der angegebenen Nummer vorübergefahren wäre.

Eine ragende Großstadtkaserne mit überreicher, aber von Straßenstaub und Ruß schwärzlich überhauchter Stuckfassade, rechts vom Eingang ein Delikatessengeschäft, links der Laden einer Modistin, am Eingang selbst ein herausfordernd großes weißes Porzellanschild, darauf mit schwarzer Schrift:

Frau Rechtsanwalt Rosenbaum.
Pensionat für In- und Ausländer.

Die bunten Fliesen des Fußbodens sind mit einer Schmutzpatina bedeckt, das kunstvoll geschnitzte Treppengeländer ist verstaubt, die roten Läufer schützt in der Mitte ein grauer Leinwandstreifen, der die Spuren zahlloser Füße aufweist. Natürlich befindet sich das Pensionat in der obersten Etage, das Porzellanschild sagt davon nichts, das ist eben selbstverständlich.

»Ich werde melden, das gnädige Fräulein ist allein.« Diese gutgeschulten Dienstmädchen mit den ewig unberührt aussehenden weißen Schürzen und den weißen Häubchen über dem schön frisierten Haar sind ein feiner Trik der Berliner Pensionatsbesitzerinnen; mit ihrer tadellosen Nettigkeit und Sauberkeit helfen sie 86 über vieles nicht Nette hinwegzutäuschen, die abgetretenen Fußböden, die schäbigen Plüschbezüge, die entsetzlichen billigen japanischen Dekorationen an den Wänden.

Das Zimmer liegt im Halbdunkel. Die natürlich rot verschleierte Lampe, vor die noch ein Stehschirm gestellt ist, läßt eben erkennen, daß auf der Chaiselongue eine weibliche Gestalt liegt, in etwas rotes, faltiges gehüllt; daß sie, sich aufrichtend, das kleine blasse Gesicht unter den mächtigen Haarwellen in die Hand stützt und gespannt gegen die Thür richtet.

»Unerwarteter Besuch, Vilma, nicht? Als dieser menschenfreundlichste aller Aerzte von deiner Erkrankung hörte, war kein Halten mehr, ich mußte ihn schon mitnehmen. Wie geht es dir denn heute? Besser? Blaß genug siehst du freilich noch aus.«

»Ich möchte doch lieber aufstehen, so krank bin ich ja nicht, daß ich einen Besuch nicht im Sitzen empfangen könnte«, sagt Vilma und streicht an den Falten ihres losen Morgenkleides herunter. Mag jener Mann immerhin als Arzt zu ihr kommen, für ihr Gefühl bleibt es peinlich, hier zu liegen.

»Kranke haben keinen eigenen Willen; von dem Augenblick an, daß ich durch diese Thür getreten bin, betrachte ich Sie als meine Patientin. Da hilft kein Widerspruch.« Das ist wirklich nur der Arzt, der sich jetzt einen Stuhl neben die Chaiselongue zieht, ihre Hand ergreift, um den Puls zu fühlen, während seine Augen auf der Taschenuhr ruhen. Er 87 ist ganz ruhig und sachlich, aber ihr wird diese Minute lang, unendlich lang, wahrend sie mit ihm das Klopfen ihres Blutes zählt. »Ich habe stets einen sehr schnellen Puls, das ist kein Fieber«, verteidigt sie sich.

»Immerhin ist wohl eine leise Erhöhung der Temperatur vorhanden.« Er prüft die Arzneigläschen auf einem Tischchen am Kopfende des Ruhebettes, thut ein paar Fragen; sie giebt nur widerwillig, tropfenweise Auskunft: »Aber ich bin ja viel zu gesund, um solche zarte Sorge zu verdienen«, lehnt sie lächelnd ab. »Daß ich manchmal ein bischen Herzklopfen fühle, so dieses eigene Gefühl, als flattere das Herz, ist schließlich bei meinem Beruf und der ewigen Ruhelosigkeit kein Wunder. Ein organischer Fehler wird's ja nicht sein.«

»Das wollen wir nicht hoffen. Um das festzustellen, wäre freilich eine gründliche ärztliche Untersuchung notwendig – und mit dieser dürfen wir Ihrem alten Medizinmann, so lange Sie einmal unter dessen Behandlung stehen, doch nicht vorgreifen – –?«

»Selbstverständlich nicht«, erwidert sie und eine heiße Röte legt sich über ihr Gesicht und zieht sich über den Hals herunter, der zart und fein modelliert aus einer schwarzen Spitzenrüsche aufsteigt.

»Sie sollten Vilma einmal genaue Verhaltungsmaßregeln zudiktieren«, mischte Lotte Rienacker sich ein. »Das Leben, das sie führt, ist ja nichts weiter als ein Selbstmord in einzelnen Absätzen. Diese 88 aufregenden Konzertreisen und dann diese unsinnige Geselligkeit. Lassen Sie sich nur einmal von dem Künstlerinnenfest erzählen: Drei Rollen hat sie während des Abends hintereinander gemimt. Zuerst Page Cherubim, dann Straßenjunge, zuletzt griechischer Jüngling in dem Festspiel. Und wenn Sie glauben, der Zauber habe damit ein Ende gehabt, so sind Sie sehr im Irrtum. Da Vilma in jeder ihrer Metamorphosen so unvergleichlich echt gewesen, wurde sie nachträglich noch allerorten in Privatgesellschaften gewünscht – Aristokratie, hohe Finanz – entsetzen Sie sich nicht, lieber Doktor, natürlich überall nur Damen unter sich.«

»In eben den angedeuteten Kostümen?«

»Aber gewiß. Meinen Sie, daß ein Künstlerinnenfest ohne Herren abgehalten wird? Natürlich müssen diejenigen, die durch ihre Größe dazu prädestiniert sind, sich für diese Rollen opfern. Aber das wissen Sie ja längst aus den Zeitungen, so kränken Sie uns doch nicht damit, daß Sie sich auf den sittlich Entrüsteten hinausspielen.«

Dem Doktor kroch ein peinliches Unbehagen über das Herz. Dieses Mädchen, das zitterte, wenn man nur seine Hand berührte, das bei dem Gedanken an die Möglichkeit einer ärztlichen Untersuchung bis über den Hals errötete, diese Mimose in ihrem sensitiven Erschauern – sie gab sich in allerhand gewagten Männerkostümen den Blicken preis, freilich nur den Blicken von Frauen, »nur Damen unter sich« – 89 aber was auch diese Frauenblicke vielleicht in ihr entzündeten – – Sie kam ihm wie entweiht vor, und dabei war es ihm, als wenn von der ruhenden Gestalt langsam die Falten des Morgenkleides niederglitten, sie vor ihm läge, ganz griechisch – eine ungewollte Regung, der er sich schämte – pfui.

Er wandte den Kopf und ließ die Augen über die Zimmereinrichtung schweifen: diese billige Decke über dem Ruhebett, dieser gräßliche, abgeschabte, rote Plüsch der Sessel, der den ganzen Boden bedeckende, aber verbrauchte Axminsterteppich, diese bemalten chinesischen Matten, die die nüchterne Weiße des Kachelofens verdecken sollten, alles alltäglich, banal, dazwischen einzelne schöne Stücke, offenbar eigener Besitz: eine Bronceschale, einen Wassertümpel vorstellend, aus welchem eine Nymphe einen am Ufer kauernden Faun bespritzt; eine Radierung nach Thoma; eine Decke aus altem Kirchenstoff über einem Tischchen am Fenster – Stücke, wie eigens hierher gebracht, um die Schäbigkeit des Uebrigen noch mehr hervorzuheben.

Das ist also alles, was eine aufregende Künstlerinnenlaufbahn diesem vornehmen und eigenartigen Geschöpf gebracht hat. Arme Vilma!

»Erhöht das nun wirklich Ihr Lebensglück?« fragte Dr. Jentsch, nachdem Lotte noch ein paar Einzelheiten eines Kostümfestes bei einer sehr hohen Dame zum besten gegeben hatte.

90 »Lebensglück? Ach was, Lebensglück! Daß das alles nur Surrogate sind, wissen wir selbst am besten. Aber man arbeitet, man will sich auch amüsieren. Für mich als Schriftstellerin kommt dann wieder das dazu: ich gebrauche das Amusement, um zu arbeiten, es ist für mich das Betriebskapital, das ich durch meine Arbeit nutzbar mache. Ich muß sehen, beobachten, leben.«

»Aber Sie leben ja doch gar nicht.«

»So? wer sagt Ihnen denn das?«

»Das sagen Sie mir, mein gnädiges Fräulein, mit jedem Ihrer Worte, und mit den unausgesprochenen am meisten. Sie leben, d. h. Sie möchten leben, aber der große Strom allen Lebens ist Ihnen doch verschlossen, einfach weil es Ihnen an Mut fehlt, eigenmächtig die Schleusen zu öffnen. Sie schildern das Leben, ohne es zu kennen. Ueberall sind Sie eingeengt, durch Erziehung, Tradition, Konvention. So sind Sie – verzeihen Sie! – bei aller Ihrer Begabung dennoch nur eine Dilettantin.«

Lotte überlegte einen Augenblick, dann nickte sie: »Sie haben recht, Doktor, so, wie ich bin, bin ich eigentlich unwürdig zu schreiben.«

»Aendern Sie es doch, es steht ja bei Ihnen.«

»Sie vergessen, daß ich eine Zukunft habe, auf die ich Rücksicht nehmen muß. Die zukünftige Frau Oberlehrerin in Quedlinburg – – – Wahrhaftig, Doktor, solche Zukunft ist eigentlich ein Mord an der Gegenwart.«

91 »Immer mit dem Munde vorweg«, dachte Dr. Jentsch, »Phrasen, nichts als Phrasen –« und laut sagte er: »Wenn Sie wüßten, wie viel Ihr ganzer Kreis dem Psychologen bietet: das ist hochinteressant, dieser ewige Widerstreit zwischen Wünschen und Dürfen, diese Unkenntnis und Neugierde, die Paradiese vorgaukelt. Alle Bedingungen für das Genießen liegen in Ihnen, aber Sie nippen nur, wo Sie in vollen Zügen trinken dürften. Immer halb. Auch hier sind Sie nur Dilettanten, Dilettanten des Lasters.«

»Oho! des Lasters? Das ist ein starkes Wort.«

»Verzeihung, ich wählte es mit Absicht, halb ironisch, aus Ihrem Empfinden heraus. Das ist ja eben das Widersinnige, daß das Natürliche aus alter Tradition als das Lasterhafte hingestellt wird. Durch dieses Wort wird der Garten voller süßer Früchte mit einem Zaun aus Stacheldraht umgeben.«

»Nun ja, und da dieser Zaun einmal besteht, ist es kein Wunder, daß wir uns allen süßen Früchten zu liebe nicht blutig ritzen mögen. – Was sagst du übrigens dazu, Vilma? Du gehörst ja auch zu unserem ›Kreise‹, so hilf mir also, ihn zu rechtfertigen.«

Vilma richtete sich etwas auf, und der Arzt, der noch immer am Kopfende des Ruhebettes saß, war ihr behilflich. Dabei ließ er den Arm auf der Lehne liegen, ohne den Nacken des Mädchens zu berühren, aber sie fühlte es dennoch wie einen leisen elektrischen Strom von dem Manne zu sich gehen. 92 »Man spricht es eigentlich nicht gern aus, was man denkt. Manchmal scheint es mir, als gäbe es gar keine Moral an sich, als sei alles darin nur auf die Zukunft, auf die Folgen der Handlung gestellt. Wenn wir kein Morgen vor uns hätten, würde dann Sünde überhaupt noch Sünde sein? Dann packt es mich, mir vorzustellen, der Weltuntergang stände vor der Thür, morgen schon, alles hätte ein Ende – ach, ich möchte den sehen, der dann noch nach Moral fragte? Einmal dann nur aus dem Vollen schöpfen, ganz leben, sich hingeben. Ich kann mir's denken, wie das sein würde: im ahnenden Schauder vor dem gewissen Ende, noch einmal alles Lebensgefühl konzentriert – auflodernd, eine gewaltige Flamme!«

Sie hatte den Oberkörper ganz aufgerichtet, die Augen blickten weit geöffnet, wie die einer Seherin ins Leere; ihre Lippen hatten sich gewölbt, die Nasenflügel sich gebläht, das ganze Gesicht erschien von innen heraus durchleuchtet, wie ein Transparentbild. So schön hatte weder Lotte noch der Doktor sie jemals gesehen.

Im nächsten Augenblicke aber erlosch das innere Licht, sie sank auf das Kissen zurück, atmete einmal tief auf und griff nach dem Herzen.

Besorgt beugte sich der Doktor über sie. »Eine plötzliche Herzschwäche. Schnell etwas kräftigen Wein, Portwein oder Sherry – ist keiner hier?« und als Lotte sich hilflos umsah, mit dem befehlenden Ton des Arztes: »Aber Sie wissen doch hier wohl Hausgelegenheit, so veranlassen Sie doch das notwendige – ich bitte.«

Einen Moment zauderte Lotte, dann ging sie gehorsam.

Er legte seine Hand auf das Herz des Mädchens, das jetzt, nachdem es ein paar Sekunden ausgesetzt, heftig zu arbeiten begann. »Das flattert wie ein gefangener Vogel, der durch die Käfigstäbe möchte, es ist dennoch nichts ernsthaftes, Sie brauchen sich nicht zu sorgen. Ach, Vilma, da ist ja gar keine Krankheit, das ist – – Sie könnten gesund sein, wenn Sie nur wollten.«

Er stand über sie gebeugt, den einen Arm auf die Chaiselongue, den andern gegen die Wand gestützt, den Kopf dicht über den ihren gebeugt. »Ich habe mich in der Gewalt. Sehen Sie, nicht einmal Ihre Hand berühre ich – nichts, nichts, was Sie nicht freiwillig – – – Vilma! Heute leben wir und morgen kommt der Weltuntergang – habe doch Mut – –«

Da hob sie sich mit einer ganz leisen Bewegung in den Schultern, bot ihm das blasse Gesicht mit den halbgeöffneten Lippen und schloß die Augen. »Ich bin müde und mürbe«, sagte sie tonlos.

Er sank an ihr nieder, so daß sein Kopf an ihrer Brust zu liegen kam und verharrte so ein Weilchen. Dann atmete er schwer auf und suchte ihre Lippen, fühlte ihren schwachen Gegendruck – –

Als ein paar Minuten später Lotte wieder das 94 Zimmer betrat, gefolgt von dem Mädchen, das auf einem Tablet Wein und Gläser trug, saß der Doktor in durchaus korrekter Haltung am Lager der Leidenden.

»Nehmen Sie mir Ihre Freundin gut in acht. Es ist nichts schlimmes, aber hüten Sie sie mir vor Aufregungen und Geselligkeit – ein vollständiges Stillleben, gnädiges Fräulein. Ich komme gelegentlich wieder einmal nachsehen.«

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