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Dilettanten des Lasters

Clara Blüthgen: Dilettanten des Lasters - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDilettanten des Lasters
authorClara Blüthgen
firstpub1902
year1902
publisherHermann Seemann Nachfolger
addressLeipzig
titleDilettanten des Lasters
pages294
created20090103
sendergerd.bouillon@t-online.de
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37 II.

Dr. Jentsch saß in seinem Coupé und las die Zeitungen. Diese Wege von der Privatwohnung zur Klinik waren eigentlich seine einzige Erholungszeit. Er hatte eine kräftige Konstitution, die durch Willen und Trainierung zu einer eisernen Leistungsfähigkeit gefestigt worden war; sein Organismus funktionierte wie eine fein gearbeitete Maschine, seine Nerven versagten nie. Es machte ihm nichts aus, nach einem anstrengenden Tagewerke spät abends Stunden lang in Gesellschaft zu sein und danach bis gegen Morgen hin Fachwissenschaftliches zu schreiben. Gerade diese Arbeit war es, die ihn erfrischte, wie ein kaltes Bad, so behauptete er. Seiner ehrgeizigen Natur genügte es nicht, daß er ein gesuchter Arzt war, daß in seiner Privatklinik kaum je ein Bett leer stand. Er verlangte mehr, als diese Tagesberühmtheit, sein Name sollte eingemeißelt stehen auf den Tafeln der Wissenschaft für ewige Zeiten. Dann war ihm manchmal zu Mute, als müsse er alles, was ihm früher wichtig gewesen, seine einträgliche Praxis, seine Klinik über Bord werfen, um einzig 38 seinem wissenschaftlichen Ehrgeiz zu leben – ein Traum, der sich freilich nie realisieren würde. Denn es gab da etwas, das sich wie ein schwerer Ballast an ihn hing und ihn am Boden hielt: seine Familie.

Ja, das verpflichtete zu einem stetigen Weiterarbeiten im alltäglichen Geleise, wenn man da zu Hause eine nette blonde Frau hatte, die nach jedem Kinde frischer, zugleich aber auch hausbackener wurde und drei Kinderchen, abgestuft wie die Orgelpfeifen, zwei Mädchen von zwei und drei Jahren und einen Sohn, der glücklich vier Monate alt war.

Dr. Jentsch war kein Schwärmer für Familienglück. Er begriff es nicht, daß es ein so besonderes Wunder sein sollte, daß diese beiden blonden Göhren, die da am Boden herumkrabbelten und allerlei Unfug anrichteten, daß dieses Jüngelchen, das mit seinem gedunsenen Gesichtchen so nichtssagend in dem schön garnierten Kinderkorb dalag, seine Kinder waren. Irgend jemand mußten sie doch schließlich gehören. Und auch diese kleine Frau, mit ihren albernen Hausfrauen- und Muttersorgen, war sie wirklich etwas absolut zu ihm Gehöriges, weil sie zufällig die Mutter seiner Kinder war? Es existierten doch so viele Verbindungen, aus denen Kinder hervorgegangen waren – sie wurden gelöst oder lösten sich von selbst, und auch dies war dann das Richtige. Aber hier – ja das bischen Ehe, das gab der Sache gleich ein ganz anderes Gesicht. Dafür mußte gearbeitet und später zurückgelegt werden, der Besitz, der vererbt werden 39 sollte, war es im Grunde, der diese legitimen Kinder ins Leben gerufen hatte.

Auch diesen Morgen hatte er sie gesehen. Sie waren noch in der Verfassung gewesen, in der sie eben aus dem Bette gekommen waren – wie man gemeinhin annimmt, gerade so der entzückendste Anblick für Elternaugen. Aber Dr. Jentschs Sinne waren nach dieser Richtung hin fremdartig organisiert. Ihm, der in seinem Operationssaal zwischen Blut- und Eiterlachen keinen Ekel kannte, ihm verursachte es ein starkes Unbehagen, nur am Boden des Kinderzimmers irgend ein Tuch liegen zu sehen, das die Spuren der Benutzung aufwies. Der Reiz dieser kleinen Geschöpfe ging ihm eigentlich immer nur dann auf, wenn er sie in frischen Kleidern und Schürzen vor sich sah – präpariert wie für einen Fremden, dem sie gefallen sollten.

Er hatte den Kleinen sorgfältig auf sein Wohlbefinden hin angesehen und ziemlich zerstreut von der Mutter den Bericht hingenommen, daß Wölfchen glücklicherweise ziemlich ruhig gewesen sei, Margit aber verschiedentlich zu trinken verlangt habe, worin man einem dreijährigen Mädchen eigentlich nicht mehr nachgeben solle. Dann hatte er seine Frau freundlich zum Abschied geküßt und war abgefahren – froh, daß die noch immer getrennten Schlafzimmer eine Scheidung zwischen ihm und dieser Kinderidylle errichteten.

Elastisch sprang er aus dem Wagen, als dieser vor der Klinik in der Magdeburgerstraße hielt. Er 40 trug nicht die fingierte Eile wenig beschäftigter Aerzte zur Schau, aber die rasche Art war ihm eigen und kleidete ihn gut. Frisch und stramm stand er da, als er dem Kutscher Bescheid über die Stunde des Abholens gab; niemand sah es ihm an, daß er diesen Morgen schon fast zwei Dutzend Patienten in seiner Sprechstunde zu Hause abgefertigt hatte.

»'n Morgen. Alles unverändert seit gestern abend?« fragte er die Oberschwester, die in ihrem glatten, schwarzen Kleide, mit dem glatt gestrichenen, glanzlosen Haar an der Treppe stand und ihn erwartete. Alles war an ihr glatt: das Haar, das Gesicht, das Wesen; die Stimme hatte gar keine Modulation, die Worte fielen bestimmt, gleichmäßig, halblaut von ihren Lippen; sie war entschieden äußerlich das Muster einer Oberschwester, wie es ähnliche Muster unter Hotelportiers, Versicherungsbeamten und Direktricen großer Konfektionsgeschäfte giebt: Menschen, die von vornherein gerade nur auf diese eine Stellung im Leben zugeschnitten erscheinen. Nur zuweilen flackerte in ihren Augen etwas, das stark an frühere Weltlust erinnerte.

»Wie hat Eggebrecht sich in der Nacht gemacht? Das war gestern abend noch einmal eine böse Fieberattacke.«

Die Schwester gab Bescheid, daß sich nichts Besonderes ereignet, das Fieber sich später auf mäßiger Höhe gehalten habe, daß überhaupt alle Kranken sich normal befänden.

41 In dem langen Korridor, mit den hellen Tapeten, mit dem vor Sauberkeit blinkenden ölfarbengestrichenen Fußboden reihte sich Thür an Thür. Meist waren es kleine Zimmer, nur für eine Person berechnet, daneben auch einige größere, mit allem Komfort eingerichtete, für besonders zahlungsfähige Patienten. Ein großes Zimmer diente als »Poliklinik«, drei bis vier Betten waren hier ständig durch nicht zahlende Kranke besetzt, und gerade diese waren es, die den Ruhm ihres Doktors am meisten sangen. Es war keine Geschäftspolitik, sondern ein echter warmer Herzenszug, der den Arzt diese Aermsten bevorzugen ließ.

Ehe Dr. Jentsch zu seinen Krankenbesuchen schritt, warf er noch einen Blick in den Operationssaal. Dieser Raum war sein Steckenpferd, er hatte ihn mit allen praktischen Neuerungen ausgestattet. Die Wände, die ihn von den anstoßenden Zimmern trennten, waren durch starke Isolierschichten schallsicher gebaut, damit keiner der gräßlichen Schreie, wie sie in der Narkose ausgestoßen werden, in die Räume der Kranken dringen konnte; der Fußboden war mit Marmorfliesen ausgelegt. An den Wänden entlang lagen in gläsernen Schränken mit Glaszwischenwänden komplizierte, geheimnisvolle Instrumente in peinlichster Eigenheit neben einander gereiht.

Die neueste Errungenschaft war ein Operationstisch, ganz aus mächtigen, daumenstarken Glasplatten zusammengesetzt, Beine, Scharniere, Schrauben, alles aus funkelndem, vernickeltem Stahl hergestellt. Nichts 42 hinderte hier daran, daß der durch die Narkose willenlos gemachte Körper ganz übersehen, daß jede Muskelzuckung aufs genaueste beobachtet wurde. Der Tisch stand mitten im Zimmer, das Licht aus dem einen großen, die halbe Wand einnehmenden Fenster fiel voll darüber hin und ließ ihn geradezu herausfordernd blitzen. Der Arzt strich wie liebkosend über die gläserne Fläche, fast bedauerte er, daß es heute nichts zu operieren gab.

Dr. Jentsch war ein vorzüglicher Operateur. Seine sichere Hand und die vollständige Beherrschtheit seiner Nerven ließen ihn auch bei schwierigen Fällen die äußerste Kaltblütigkeit bewahren. Er wußte, daß er elegant operierte und er that es am liebsten vor einem ganzen Publikum von Assistenten und Wärtern. Es hob ihm das Bewußtsein seiner Kraft, wie auch seiner Verantwortung, wenn er möglichst viele Blicke auf sich gerichtet sah.

Nun ging er von Zimmer zu Zimmer und sein Assistent Doktor Stephany, wie die Oberschwester folgten ihm. Es war ein stattlicher Zug, der den Kranken unfehlbar das Bewußtsein geben mußte, es sei in bester Weise für sie gesorgt.

Mit raschem, geschultem Blick erkannte der Chefarzt, wie es um die Leidenden stand, er brauchte nicht viel zu fragen, sondern ließ sich erzählen. Wenn er dann noch mit seiner weichen, wohlwollenden Stimme ein paar beruhigende Worte sprach, wenn seine Hand den Puls des Kranken umspannte, so 43 ging von ihm eine Art Hypnose aus, die jede Besorgnis verscheuchte.

Auch heute war er bald mit seinem Rundgang zu Ende und konnte in der Poliklinik beginnen. Dort zog es ihn gleich zu einem bestimmten Bett am Fenster: »Nun, Morgenstern, wie geht's heute? Wie war die Nacht?«

Ein stark modelliertes, volles Gesicht, dem die Krankenblässe eigentümlich stand, richtete sich aus den Kissen auf: »Man so so, Herr Professor, immer noch die villen Schmerzen. Dat so etwas einem passieren muß, es is 'ne Schande.« Morgenstern war in einer großen Druckerei beschäftigt, und beim Bedienen der Rotationsmaschine war sein linker Zeigefinger zwischen das Getriebe der Walzen gekommen und elend abgequetscht worden. Gestern morgen hatte Doktor Jentsch die Amputation des verletzten Gliedes vorgenommen. »Lassen Sie einmal sehen, Morgenstern; die Schmerzen sind nun eigentlich nicht das, was sich gehört. Nur keine Bange haben, Mann, das werden wir schon alles kurieren, wenn wir Ihnen auch den Finger nicht wieder wachsen lassen können.«

»Aber blechen sollen Sie, auf meine Invalidenrente, da bestehe ich schon drauf«, erwiderte Morgenstern ingrimmig.

Der Doktor beugte sich über die verstümmelte Hand und prüfte genau den Verband. Dann richtete er sich plötzlich hoch:

»Was ist hier geschehen?« fragte er scharf, »das 44 ist doch nicht der Verband, den ich gestern angelegt habe. Wer hat diesen Verband gemacht?« Dabei fixierte er der Reihe nach seinen Assistenten, die Oberschwester und den Krankenwärter, der beim Besuch dieses Saales, in dem nur Männer lagen, zugegen sein mußte.

»Ist das vielleicht von Ihnen, Herr Kollege?«

Der junge Arzt machte ein sehr verlegenes Gesicht: »Aber durchaus nicht – ich weiß von keinem anderen Verbande, als jenem, den Sie, Herr Doktor, gestern früh selbst angelegt haben.«

»Sie müssen doch aber, nach Ihren Erfahrungen in meiner Klinik, sofort sehen, daß dieser Verband nicht von mir herrührt. Ich pflege die Binden niemals so straff anzuziehen – da muß ja das ganze Glied absterben. Daher rühren auch die Schmerzen, die sonst nach dem guten Verlauf der Operation eine Unmöglichkeit sein würden. Sollte Doktor Kayser? – Oder, Schwester, Sie etwa?«

Die zuckte die Achseln. »Ich bin vollkommen unbeteiligt.«

Der Wärter wartete die Frage nicht ab, die nun an ihn ergehen mußte: »Entschuldigen der Herr Doktor, den Verband habe ich diese Nacht angelegt. Ich sah so um zwei herum noch einmal nach, da war das Blut durch den ganzen Verband gedrungen – der Morgenstern ist nun mal so vollblütig – und da habe ich schnell die Bandage gewechselt.«

Auf des Doktors Stirn schlug eine Flamme auf. 45 »Das ist doch einfach unglaublich. Ich verstehe Sie nicht, Winkelmann. Sie wissen, daß Sie nur in leichteren Fällen Verbände anzulegen haben, niemals aber kurz nach der Operation. Tritt ein Zwischenfall ein, wie dieser, so sind die Herren Doktor Stephany und Doktor Kayser hier, die geweckt werden können, schlimmstenfalls muß nach mir geschickt werden. Haben Sie verstanden? Für die Zukunft verbitte ich mir derartige Eigenmächtigkeiten auf das Entschiedenste.«

»Das war aber nun mal nötig, wegen der Blutung«, verteidigte sich der Gescholtene. »Der Herr Doktor hätten nur mal sehen sollen, wie der erste Verband aussah. Man kann 'nen Menschen doch nicht einfach verbluten lassen.«

Dr. Jentsch begann die Gazebinden abzuwickeln. »Schaffen Sie Wasser, Karbol und Verbandwatte her«, aber der Assistent stand schon dienstfertig mit dem Notwendigen neben ihm.

»Es ist ja eine böse Sache, mit dem Blut; wir müssen es dem Patienten zu erhalten suchen, und doch macht es zuweilen alle unsere Kunst zu Schanden«, sagte der Doktor, indem er die mit Karbol getränkte Watteschicht von der Wundfläche abhob. »Chloroform ist ja eine großartige Erfindung, aber es genügt nicht. Ehe es uns nicht gelingt, in dem zu operierenden Körper alle Lebensfunktionen für eine Weile, auch noch über die Operation hinaus, lahm zu legen, gewissermaßen die ganze Maschine zeitweilig abzustellen, 46 werden wir auch in der Chirurgie nicht viel weiter kommen, als wir jetzt sind. Das wäre ein Problem, Herr Kollege! – Bitte, nun die Binde – danke – ich denke, so wird es sich machen. – Nun, Morgenstern, wie fühlen Sie sich jetzt? Das blutet nicht mehr durch und wird auch nicht mehr schmerzen. Halten Sie sich tapfer. – – –«

»Na, ihr beiden andern, ihr seid ja nun über den Berg, um euch brauche ich mich nicht weiter zu bekümmern, das besorgt mein Herr Kollege. – Guten Morgen, lieber Kollege – Schwester, vergessen Sie nicht, daß Frau von Wernicke nur im äußersten Notfall eine Einspritzung erhalten soll. Wir dürfen ihr darin durchaus nicht nachgeben. 'Morgen, Schwester.«

Damit reichte er ihr die Hand und ging.

»Er ist doch famos!« sagte der junge Assistent in aufrichtiger Bewunderung zu der Oberschwester. »Er kann die kühnste Hypothese aufstellen und sie erscheint als Möglichkeit. Ich werde mich gar nicht wundern, wenn er nächstens mal bei einer Operation thatsächlich ›die Maschine abstellte‹. Er hat wahrhaftig etwas Suggestives an sich – der geborene Hypnotiseur.«

»Gewiß, er kann noch einmal ein großer Mann werden – wenn er Glück hat«, erwiderte sie trocken. –

Vor der Hausthüre hielt der Kutscher schon seit geraumer Zeit. Er hatte sich der Zeitung, die sein 47 Herr beim Aussteigen fortgeworfen, bemächtigt, und las, auf seinem Bocke sitzend, eifrig.

»Sie können fahren, Wilhelm; bestellen Sie der gnädigen Frau, es würde ein bischen später werden mit dem Nachhausekommen«, befahl Dr. Jentsch.

Der Gedanke, in seinem engen Coupé zu sitzen, war ihm in diesem Moment gräßlich, es kam ihm vor wie ein Begrabenwerden. Luft, Bewegung, um den Kopf frei zu bekommen für das Nachdenken. An dem Bette des Buchdruckers war ein Gedanke wie ein Blitzlicht in seinem Hirn aufgesprungen – was er da flüchtig hingeworfen, warum sollte das nicht Wirklichkeit werden können!

Von der Magdeburgerstraße aus gewann er das Schöneberger Ufer und schritt hier nach der Potsdamerbrücke zu hinunter. Es wehte ein scharfer Tauwind, der ihn im Genick packte, der Boden war aufgeweicht und glitschig, der geschmolzene Schnee spritzte an ihm empor. Die Damen gingen mit aufgeschürzten Kleidern und hatten es eilig, aus dem Matsch herauszukommen. Auf dem Kanal schoben sich Zillen und Apfelkähne schwerfällig vorwärts.

Wenn sich das ausführen ließe! Der Gedanke scheint ja zuerst in der Region des Phantastischen zu liegen und doch ist nicht jede Möglichkeit der Verwirklichung ausgeschlossen. Es giebt ja derartige zeitweilige Unterbrechungen der Lebensfunktionen – die indischen Fakire können sich durch den eigenen Willen in diesen Zustand versetzen. Ihr Atem setzt aus, 48 auch die Herzthätigkeit, wie Tote liegen sie da, und wenn man ihnen eine Ader öffnet, so entströmt ihr kein Blut. Welche Verfassung des Körpers, um daran zu operieren – das Verwegenste erscheint hier möglich!

Das Bild des Fakirs läßt ihn nicht los, er sieht den leblosen Körper vor sich, fühlt den erstarrten Muskel unter dem Operationsmesser. Was der eigene Wille vermag, muß fremder Wille auch erreichen können. Man hat ja in Paris wunderbare Operationen in der Hypnose ausgeführt, wenn man nun noch einen Schritt weiter ginge – der Hypnose Betäubungsmittel zugesellte – –?

Noch ist alles ungeklärt, ein wirres Haschen nach Möglichkeiten, aber immerhin reiht sich Moment an Moment, um das Experiment ausführbar erscheinen zu lassen.

Studieren – ausreifen lassen, und erst dann damit an die Oeffentlichkeit treten, wenn der Erfolg ganz gesichert ist.

Und doch thut wohl Eile not –? Der Gedanke ist eigentlich gar nicht so besonders, liegt förmlich in der Luft, jetzt, wo man immer mehr hinter die Bedeutung der Hypnose für Heilzwecke kommt. Möglicherweise verfällt ein anderer auch auf etwas Aehnliches, kommt ihm zuvor – –? Das darf nicht sein, dies will er für sich behalten, nach irgend einer großen Lebensthat, die ihm allein gehört, verlangt jeder, der strebt.

49 Und plötzlich kam ihm ein ganz verrückter Gedanke: wenn er mit dieser Entdeckung hervorgetreten sein würde, wenn erst sein Name zu jenen vom vollwichtigsten Klange gehörte, dann würde auch jenes Mädchen ihn nicht mehr ablehnen wie bisher. Wie sie ihm gestern abend wieder entgegengetreten war, wie mit siebenfachen Schleiern umhüllt, sie, die doch mit ihrem ganzen Kreise schon halb zur Bohème gehörte. Vilma! Seine stählernen Nerven, denen sonst so leicht nichts etwas anhaben konnte, begannen zu vibrieren, wenn er sie sich vorstellte: diese überschmächtige Gestalt und den blassen Kopf mit dem Dante-Profil, der nach den landläufigen Begriffen so gar nichts mit Schönheit zu thun hatte. Aber ganz Nerv war sie – wie sich das gestern in ihrem Spiel offenbart hatte, während sie es sonst ängstlich zu verbergen trachtete. Vilma!

In seiner Versunkenheit hatte er es kaum bemerkt, daß er die Potsdamerbrücke erreicht hatte. Er traf gerade auf die Wilmersdorfer Elektrische, die zu seinem äußersten Westen fuhr und ihn fast vor seiner Wohnung in der Schaperstraße absetzte.

Durch das monotone Schleifen des Wagens wurden seine Gedanken abgelenkt. Stumpfsinnig sah er geradeaus, auf eine ältliche dicke Dame mit auffälliger heller Boa, auf die Anzeigen der Wagenfenster, die Firmenschilder und Auslagen der Potsdamerstraße.

Da fühlte er, daß ein Paar Augen unausgesetzt 50 auf ihm ruhten, und als er sich zur Seite wendete, sah er dicht neben sich in ein Mädchengesicht, das ihn lächelnd anblickte. Es lag in diesem freien Anblicken eine Aufforderung, der er nachgeben mußte, wenn er auch nicht die leiseste Ahnung hatte, mit wem er es zu thun hatte. Höflich lüftete er den Hut: »Gnädigste müssen mir schon verzeihen, wenn ich im Augenblick nicht weiß, wann ich den Vorzug hatte – mein Gedächtnis – –«

»Das ist für Ihr Gedächtnis allerdings ein schlechtes Zeugnis, Herr Dr. Jentsch, und für eine Dame auch nicht eben schmeichelhaft, wenn sie in einem Zeitraum von nicht viel über zwölf Stunden total vergessen wird«, erwiderte das Mädchen belustigt. »Denken Sie ein bischen nach, Herr Doktor. Damals trug ich allerdings kein Jackett mit Sturmkragen, sondern ein loses Märchengewand aus fliederfarbener Seide – –«

»Wo habe ich denn meine Augen gehabt! Vergeben Sie die Sünde, Fräulein von Lietzow, wenn man aber eben aus der Klinik kommt, so steht man noch im Banne der Nachwirkung, die Gedanken sind total absorbirt. Diese moderne Damenkleidung mit ihren Schleiern und hohen Kragen scheint zudem extra dafür erfunden, um uns Männer irre zu führen. Wer soll eine Almeh von gestern auch unter dem Filzhütchen mit den gebogenen Federn suchen!« Trotzdem ruhte sein Blick mit Wohlgefallen auf diesem kecken, modischen Hütchen, das dem frischen Antlitz allerliebst 51 stand. »Das war ein reizender Abend gestern, gnädiges Fräulein.«

»Gewiß. aber doch vielleicht ein bischen zu – zu ausgelassen. Man gewöhnt sich so schnell in diesen Ton hinein und wird davon fortgerissen. Andern Tages kommt dann die Depression«, gab sie etwas befangen zurück.

»Die man Ihnen aber nicht im geringsten ansieht und für die auch wahrhaftig kein Grund ist«, sagte er liebenswürdig.

»Meinen Sie? Solche Beruhigung hört man immer gern. Es mag sein – was ist auch schließlich dabei! Wir sind alle erwerbende Mädchen, arbeiten wie die Männer, da können wir doch auch etwas Amüsement verlangen; das ist das mindeste.«

»Wir Männer glauben immer noch nicht so recht an die Ernsthaftigkeit der Frauenarbeit, wahrscheinlich haben wir nur zu wenig Einblick in die Verhältnisse. Das spielt sich alles so unter sich ab. Für uns ist ›Beruf‹ immer nur das, was wir selbst ausüben.«

»Das ist aber sehr unrecht«, sagte sie eifrig. »Sie sollten nur sehen, wie alle diese Mädchen ihren Mann stehen. Nehmen Sie Lotte Rienacker an: sie führt eine Feder wie ein Mann, sie könnte sich eine Stellung in der Litteratur sichern, wenn sie nur einmal frei aus sich herausgehen könnte. Aber da giebt es eine Schwester, die früh verwittwet ist und mit zwei Würmern dasitzt – das heißt für Lotte soviel, wie arbeiten, arbeiten, was sofort Geld 52 einbringt, lauter kleine Sachen, Feuilletons, die die Leute köstlich amüsieren, wenn sie erscheinen, an die aber andern Tags kein Mensch mehr denkt.«

»Alle Achtung vor einer solchen Selbstverleugnung. Was ist es aber mit Fräulein Ihring? Nicht wahr, es ist sonderbar, daß ich Sie, gnädiges Fräulein, danach frage, nachdem ich gestern erst bei den Damen Gastfreundschaft genossen habe – aber das ist nun mal Berlin. Die verschiedensten Kreise streifen sich und man hat keine Zeit, andere als den eigenen, engsten kennen zu lernen. Ich weiß nur, daß Fräulein Ihring Kunststickerin ist – –«

»Und da schwebt Ihnen so was wie eine Dachstubenidylle vor: ein blasses, verblühtes Gesicht über den Stickrahmen geneigt, ein gedankenloses Stich an Stich reihen vom Morgen bis zum Abend – als einziger Freund der Kanarienvogel im weißlackierten Bauer – –?«

»So ungefähr.«

»So lassen Sie sich belehren, daß eine Kunststickerin von heute doch etwas ganz anderes ist. Sie müssen doch auch bemerkt haben, welche Wandlung im Geschmack gerade auf diesem Gebiete vor sich gegangen ist – oder sind etwa die gestickten Kissen, die Ihnen die dankbaren Patienten verehren, noch ganz aus der alten Schule? Was jetzt in dieser Richtung geleistet wird, ist echte Kunst. Sie machen sich gar keinen Begriff davon, wieviel Studium, wieviel Raffinement zuweilen nötig ist, um solch modernes Muster 53 auszuklügeln und die richtige Farbenzusammenstellung zu finden.«

»So, so. Das sind mir allerdings bisher immer böhmische Dörfer gewesen.«

»Sie hätten sich gestern etwas mehr im Atelier umsehen sollen. Ist Ihnen nicht das wundervolle Wandbild aufgefallen – eigentlich die Füllung für einen Schirm, der noch nicht montiert ist – auf Goldgrund eine Frauengestalt, in Schleiergewänder gehüllt, mit Lilien in den Händen, Malerei und Stickerei unter einander gemischt?«

»Ich bedauere nachträglich. Was stellte denn diese Dame vor?«

»Die Unschuld natürlich.«

Dem Doktor schwebte ein garstiges Wort auf den Lippen, aber er verbiß es glücklich, und der Wagen, der eben ratschend auf eine Weiche einbog, half ihm, die Pause zu verbergen. »Aber Sie, gnädiges Fräulein, haben mit diesen Kreisen der Erwerbenden doch wenig Fühlung? Sie sind doch durch die Geburt auf einen anderen Platz gestellt?«

Ein malitiöses Lächeln glitt über das Mädchengesicht. »Ich fürchte, ich werde Sie gründlich enttäuschen. Sehen Sie mich einmal genau an, was glauben Sie, das ich bin?«

»Sie sind Fräulein von Lietzow, soviel ich weiß, gnädiges Fräulein.«

»Für die Gesellschaft. Sonst bin ich nur H. Lietzow. Ich habe eine Tischlerei.«

54 »Sie? Aber das ist doch einfach unmöglich.«

»Acht Gesellen beschäftige ich jetzt«, erwiderte sie nun doch voller Stolz. »Das kommt Ihnen natürlich sehr merkwürdig vor? Nun, zum Trost will ich Ihnen sagen, daß ich nicht gerade Küchenstühle oder die berüchtigte Berliner ›Muschelgarnitur‹ baue. Ich beschränke mich auf das englische Genre. Das ist jetzt gerade Mode und verlohnt sich.«

Dr. Jentsch war vollständig verdutzt. »Aber Sie können doch unmöglich ein solches Geschäft leiten, Einkäufe machen und Verkäufe abschließen – und dann der Verkehr mit den Arbeitern – –«

»Aber warum denn nicht? Ob ich nun als Gutsfräulein auf dem Lande mit Bauern verkehre oder in Berlin mit Tischlergesellen, kommt auf eins heraus. Freilich hielt es recht schwer, meinen Verwandten das klar zu machen, als mein Vater gestorben war und ich auf eigenen Füßen stehen mußte, denn von den paar tausend Mark, die auf mein Teil fielen, konnte ich unmöglich leben. Nun, ich hab es durchgesetzt, vor zwei Jahren schon, und ich stehe mich nicht schlecht dabei. Ich mache die Entwürfe, d. h. was man Entwürfe machen nennt: stehle Motive oder komponiere welche um. Jedes Frühjahr und jeden Herbst fahre ich mal nach England hinüber, um mir Anregungen zu holen, das neueste zu sehen. Von dort bringe ich auch die Stoffe mit, man hat dort reizende Sachen, neulich habe ich erst einen Blumensammet aufgetrieben, wie man ihn in Berlin noch gar nicht 55 kennt, auch die Patterien hole ich mir aus England. Jetzt habe ich wieder eine neue Kollektion zusammengestellt, die ganz famos ist.«

»So haben Sie also auch ein Verkaufslokal, wo man auswählen kann?«

»O nein, das würde mir doch nicht passen. Ich habe einfach die ganze Wohnung zur Auslage gemacht, vollständig englisch eingerichtet, die Wände hellgrün und hellblau streichen lassen, englische Stiche und Radierungen, Teppiche und Draperien angebracht. Jedes Stück steht so wie in einer englischen Stube, man hat vollständig den Eindruck, in einem englischen Landhause zu sein. Ich lasse ja nicht dutzendweise auf Vorrat arbeiten, sondern stets nur die einzelnen Stücke auf Bestellung. – Nun muß ich aber gleich aussteigen, meine Werkstatt liegt in der Passauerstraße, und das Auge der Chefin muß stets auf dem Ganzen ruhen, ich habe mich schon verspätet.«

»Würde es nicht erlaubt sein, gnädiges Fräulein, Ihnen einen Besuch abzustatten und dabei die englischen Herrlichkeiten in Augenschein zu nehmen?«

»Aber gewiß, gern. Ich selbst darf nur niemanden dazu auffordern, nachdem ich mich eben erst so sehr als Geschäftsfrau aufgespielt habe. Meine Wohnung ist in der Uhlandstraße« – sie nannte ihm die Nummer – »ein bischen weit draußen zwar, aber Sie haben ja die Elektrische. Ich darf also sagen: Auf Wiedersehen?«

Sie reichte ihm lächelnd die Hand, und jetzt 56 war sie mit einemmale ganz das junge Mädchen aus vornehmer Familie, das dem anderen gegenüber die Form bestimmte.

Der Doktor notierte rasch die Nummer ihrer Wohnung in seinem Taschenbuche und sah ihr nach, wie sie, das Kleid hochgenommen, in ihren festen, schmalen Stiefelchen sicher auf dem aufgeweichten Boden dahinschritt. Sie war in einen ganz einfachen, dunkelblauen Jackettanzug gekleidet und der Wind, der unter dem festgeknoteten Schleier der Frisur nichts anhaben konnte, spielte wenigstens mit ihren Nackenlöckchen.

»Eine Prachtfigur!« murmelte Jentsch, während der Wagen sich wieder in Bewegung setzte. Und dabei fiel ihm etwas ein, das recht ärgerlich war: Er hatte sich da zwanzig Minuten lang von Kunststickereien und englischen Möbeln erzählen lassen und darüber die gute Gelegenheit versäumt, das Gespräch auf Vilma Sommer zu bringen.

Im nächsten Augenblick dachte er wieder nur an das andere. Wenn man das in der Praxis ausprobieren könnte!

Beim Mittagessen zu Hause nahm er sich zusammen. Es herrschte ein unausgesprochenes Kompromißverhältnis zwischen den beiden Gatten, wonach jeder aus seinem Interessenkreise nur oberflächlich berichtete, der andere mit guter Manier zuhörte, selbst wenn ihm die Sache ganz gleichgültig war. 57 Irgend eine Brücke zwischen dem, was jedem wichtig war, existierte nicht.

Dr. Jentsch saß seiner außergewöhnlich hübschen blonden Frau, die für die Mahlzeiten auf seinen Wunsch immer elegant gekleidet sein mußte, mit vollster Seelenruhe gegenüber. Wäre sie nicht zufällig seine Frau gewesen, so würde er sicher versucht haben, allerlei aus ihr herauszulocken – so wußte er, daß es sich nicht verlohnte. Es wurde eine vortreffliche Küche geführt, der Doktor, der viel Kräfte verbrauchte, war ein starker und anspruchsvoller Esser; die Tafel war mit Blumen und allerlei schönen gewählten Geräten wie für eine Feier hergerichtet, der Kutscher, der während der Sprechstunden und Mahlzeiten als Diener figurierte, servierte lautlos. Von den Kindern wären die beiden Mädchen zur Not schon tafelfähig gewesen, blieben aber auf Wunsch des Vaters von den Mahlzeiten ausgeschlossen. Ein hoher Kinderstuhl am Tische, ein schützendes Wachstuch an der betreffenden Stelle über dem Tafeltuch – ihm grauste bei dieser Vorstellung. Alles sollte, da das Essen doch einmal eine Notwendigkeit war, einen ästhetischen und festlichen Anstrich haben.

Nach aufgehobener Tafel küßte er seiner Frau die Hand. Es war seine ständige Gewohnheit, war bequem und gab der kleinen Frau ein Gefühl von Geachtetsein, das sie mancherlei Zurücksetzungen vergessen ließ. »Wie hübsch du heute frisiert bist! Diese lose Frisur steht dir wirklich ausgezeichnet, die solltest 58 du beibehalten« – es war, als wenn er einem Kinde einen Zuckerkringel zuwarf. – – –

Endlich war er in seinem Arbeitszimmer, einem kleinen Erkerzimmer neben dem großen Ordinationsraume. Nachdenken, nachdenken – das Problem weiter in sich verarbeiten.

Da klopfte es: die Post. Diese ewigen kleinen Störungen, die die Gedanken zerreißen, einen um die Stimmung bringen. Ein paar Offerten von Wein- und Cigarrenhändlern, der überschwänglich dankbare Brief einer früheren Patientin. Er las ihn mit cynischem Lächeln und legte ihn dann in ein besonderes Fach seines Schreibtisches, diese Art gerührter Dankbarkeit wurde von ihm nach ihrem richtigen Wert gewürdigt. Dann die Anmeldung eines neuen Patienten für die Klinik durch einen Arzt aus der Provinz. Seine Stirn erhellte sich. Zwar war kein Bett frei, aber immerhin war es angenehm, das Gesuch wegen »Ueberfüllung sämtlicher Krankenzimmer« abschlagen zu müssen. Auf die Dauer ging das nicht weiter, da würde er die Klinik verlegen müssen, vielleicht selbst bauen, irgendwo hier in der Gegend. Er verfolgte den Gedanken. Vor seinen Augen wuchs es auf: in der Mitte ein großes Gebäude mit dem durch Oberlicht erhellten Operationssaal, zu den Seiten kleine Pavillons, die Wohnungen der Assistenten und Wärter, ein villenartiges Gebäude für seine Familie – alles in rotem Backstein mit dunkelgrünen glasierten Querstreifen. Und innen die sanitären 59 Einrichtungen so raffiniert wie möglich, alles auf der Höhe, ganz Numero Eins, das Ganze eine Musteranstalt. Wie das seinen Namen hinaustragen sollte, weit über Berlin, ja über ganz Deutschland hinweg.

Nun noch ein letzter Brief. Eine Männerhandschrift auf einem schmalen, langen Couvert, das aussieht, wie von einer Dame entliehen.

Hochgeehrter Herr Doktor!

Wenn jemand die Bekanntschaft von nicht viel mehr als von einem einzigen Abend ausnutzt, um einen andern um eine Gefälligkeit – ohne Umschweife gesagt, um ein Darlehn zu bitten, so muß er entweder ein gewohnheitsmäßiger Borger sein oder die Not muß wie mit einer Peitsche hinter ihm stehen. Ich befinde mich im letzteren Falle. Es wird mir bitter sauer, mich an Sie zu wenden, aber ich weiß mir thatsächlich nicht mehr anders zu helfen.

»Aha, ein Bettelbrief von der bekannten Sorte«, sagte sich der Doktor und las nur flüchtiger weiter, immer nur die Stichworte erfassend:

Meine Gedichte – von der Kritik so warm aufgenommen – möglicherweise in Kürze eine zweite, gut honorierte Auflage – ein großer Roman, den ich begonnen, auf den mir eine unserer größten Verlagsfirmen schon früher Vorschuß gewährte – ein Risiko für Sie nur dann sein, wenn ich arbeitsunfähig würde.

Und dann die Unterschrift:

Ihr ergebenster Alfred Beyer-Waldau.

60 Der Doktor lächelte malitiös vor sich hin: Man kennt das. Sie tragen gar kein Risiko, es ist immer dieselbe Geschichte. Aber was thut's? Schließlich ist es nur eine Steuer mehr, die dem Besitzenden auferlegt wird. Besitz verpflichtet, mehr noch als der Adel. Er schlägt das Blatt zurück, um die geforderte Summe noch einmal zu lesen: Hundert Mark. Da ist er vielleicht ein bischen hoch eingeschätzt worden, nach der kurzen Bekanntschaft; aber gegen die Vision seiner neuen Klinik, den gewaltigen roten Backsteinbau erscheint es ihm mäßig. Er pfeift leise ein paar Takte einer Operettenmelodie vor sich hin, entnimmt seinem Schreibtisch einen Bläuling, steckt ihn in ein Couvert mit seiner aufgedruckten Adresse, schreibt flüchtig auf seine Visitenkarte ein paar höfliche Worte und steckt sie dazu. So ist's recht, keine Quittung, nicht einmal ein Postschein, ein Geschenk, denn das ist es, braucht man nicht in irgend eine andere Form zu kleiden. In der nächsten Minute hat er die Angelegenheit total vergessen.

Wieder steht die Operation, wie er sie sich denkt, vor seinen Augen. Er reißt ein paar Bände aus dem Bücherständer, schlägt darin nach, liest, dann nimmt er einen anatomischen Atlas zur Hand und betrachtet die Farbendrucke, obgleich er die Lage jedes einzelnen Muskels klar in der Erinnerung hat. Es könnte sein, es könnte!

Die Hypnose ist das wichtigste, das steht bei ihm fest. Man kann organische Veränderungen durch 61 Suggestion herbeiführen, krankhafte Zustände beseitigen, man kann organische Prozesse, die der Arzt für angezeigt hält, durch die Suggestion einleiten. Einzelne physiologische Funktionen, welche für uns unbewußt verlaufen, nicht durch unseren Willen zu beeinflussen sind, können durch Suggestion geregelt werden – auch der Blutumlauf. Man muß ihn verlangsamen können, für ein Weilchen ganz zum Stocken bringen. Das Blut, das das Messer des Operateurs hindert, dem Kranken die beste Lebenskraft entführt.

Man könnte verschiedene Verfahren kombinieren –? Der Hypnose mit Chloroform nachhelfen, mit inneren Mitteln den Zustand der Leblosigkeit langsam vorbereiten, mit äußeren, auf die Haut wirkenden ihn unterstützen – –?

Die Hauptsache bleibt aber die Hypnose. Diese seltene hypnotische Kraft, die den Patienten in den Zustand vollkommener physischer Abhängigkeit versetzt, ist ihm eigen. Zwar hat er sie nie bisher zu Heilzwecken verwendet, aber er hat sie an dem Krankenbette erprobt; wenn er dem Leidenden gesagt: Nun werden die Schmerzen geringer, so hat jener es so empfunden – diese Gabe wird er in sich ausbilden!

Gegen diese Operation wird alles verblassen, was die gesamte Chirurgie in den letzten zwanzig Jahren geleistet hat – aber sie wird nicht Allgemeingut werden. Nur Bevorzugte werden sie ausüben können. Um so besser für ihn, da er zu diesen 62 gehört! Neben dem Entdeckerruhm wird er noch eine Art Monopol besitzen – die Kranken sind auf ihn angewiesen. Wieviel Ruhm – wieviel Geld – und damit wieviel Unabhängigkeit! –

Zuvor aber heißt es studieren, experimentieren. Da aber steckt der Haken.

Jede Putzmacherin, die einen Hut gebaut hat, kann seine Wirkung auf dem wächsernen Modellkopf studieren; wenn ein Denkmal ausgeführt werden soll, so probiert man die Größe der Figur an einer Puppe aus, die auf das Postament gestellt wird – nur in der Chirurgie ist jeder Versuch unzulänglich.

In anderen Fällen bedient man sich der Versuchstiere – hier kommen sie nicht in Betracht, man kann doch ein Tier nicht hypnotisieren. Sicherheit für die Operation würde nur der Versuch am menschlichen Körper geben.

Daß man nicht Operateur und Versuchsobjekt in eins sein kann! In seiner Studienzeit hatte er einmal einen Influenzaanfall dazu ausgenutzt, um ein unerprobtes Mittel, dem er große Wirksamkeit gegen das Fieber zutraute, in Menge zu verschlucken, und der Versuch war ihm schlecht genug bekommen. Aber was er damals in kopflosem Enthusiasmus für eine Idee gewagt, würde er heute wiederholen – –

Mit langen Schritten geht er durch das Zimmer, wirft den Rock ab, streift die linke Manschette von der Hand und schiebt den Hemdärmel bis über den 63 Ellbogen hinauf. Er biegt den Arm im Gelenk, spannt ihn an, bewegt ihn vorwärts und rückwärts und studiert dabei das Spiel der Muskeln. Wie sich das aneinander schmiegt, sich zitternd krampft und wieder wie befreit streckt, jeder Muskel etwas Lebendiges für sich, aber alle getränkt durch den einen großen Strom von Lebenssaft! Nun streicht er die Armfläche mit losen Strichen vom Ellbogen bis zum Handansatz und dabei setzt er den Willen dahinter: Das Spiel der Muskeln soll sich beruhigen, es soll durch vollständige Starre abgelöst werden. Und die Autosuggestion wirkt, er beobachtet, wie der Arm beweglos und bleich wie Marmor wird. Er betupft die Oberhaut wiederholt mit Aether, dann nimmt er ein kleines Operationsmesser und läßt die blitzende, haarscharfe Klinge spielerisch über die Haut gleiten. Ein einziger Druck! Aber er widersteht der Versuchung, der Leib des Operateurs ist geheiligt, er darf nicht die kleinste Wunde, nicht den leisesten Hautdefekt aufweisen, damit er nicht Ansteckung aufnimmt, Ansteckung überträgt.

Der Doktor legt das Messer aus der Hand, ein Gefühl tiefer Mutlosigkeit kommt über ihn. Alles vielleicht erreichen können und auf alles verzichten müssen, weil das Versuchsmaterial fehlt! Es fällt ihm ein, wie vor Jahren die Nachricht durch die Zeitungen ging, daß ein junger, halbverkommener Mensch sich den Aerzten angeboten hat, um gegen hohe Bezahlung allerlei Operationen und Vivisektionen 64 an sich ausführen zu lassen – und es kommt ihm gar nicht mehr so ungeheuerlich vor.

Den armen Teufel treibt der Hunger dazu – aber trägt nicht schließlich im Kampfe um das tägliche Brot jeder seine Haut zu Markte? Wenn er selbst operiert, und eine einzige Wunde an seinem Finger, die er nicht bemerkt, das Infektionsgift aufnimmt, ist sein Leben ebenso gefährdet wie das des anderen.

Draußen hatte wieder die Klingel angeschlagen, das Wartezimmer muß ganz gefüllt sein. Rasch bringt er seine Toilette in Ordnung, und als er den Patienten gegenübertritt, ist er ganz der interessierte Arzt, der keinen anderen Gedanken gehabt hat, als an eben diese Kranken.

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