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Dilettanten des Lasters

Clara Blüthgen: Dilettanten des Lasters - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDilettanten des Lasters
authorClara Blüthgen
firstpub1902
year1902
publisherHermann Seemann Nachfolger
addressLeipzig
titleDilettanten des Lasters
pages294
created20090103
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XIX.

Zwei Tage später entbot Lotte den Doktor zu einem Rendezvous in ihre frühere Wohnung. Martha Ihring und Mia Bernhardt, die jetzt hier 281 hausten, hatten für diese Nachmittagsstunden das Feld räumen müssen.

Marthas großes Balkonzimmer machte mit den umherstehenden Staffeleien und Stickrahmen noch denselben Eindruck wie früher. Zwar hatten die angefangenen Malereien und Stickereien gewechselt, zum Teil auch ihre Verfertigerinnen, der Gesamtcharakter aber war geblieben. Es roch noch immer nach Kleister und Farbe, und der Besucher, der hier eintrat, mußte unfehlbar von der Angst befallen werden, im nächsten Augenblick irgend eins von den umherstehenden Kunstwerken umzureißen.

Vilmas Sachen, die sie vor ihrer Abreise Martha Ihring anvertraut hatte, standen wohlverpackt in dem kleinen Kramzimmer, aus dem damals der junge Schwede als »Lulu Vohberg« hervorgetreten war.

Lottes Arbeitszimmer war zu Mias Atelier umgewandelt worden. Auch hier ein Durcheinander von Staffeleien, Keilrahmen, Mappen, Farbenkasten. Mia hatte sich, seitdem sie mit der praktischen Martha zusammenwohnte, mehr von der modernen hohen Kunst zurückgezogen, malte nicht mehr unverkäufliche nackte Jünglinge unter blühenden Kirschbäumen, sondern solide Blumenstücke und Stillleben, die, wenn sie sich nicht verkauften, immerhin noch als Vorlagen für ihre Schülerinnen dienen konnten, denn auf das Unterrichten legte sie jetzt das Hauptgewicht.

Das Atelier trug denn auch nur Nützlichkeitscharakter. Die wenigen Möbel – ein paar bessere 282 Sachen hatte Mia bei ihrem Zusammenbruch verkaufen müssen – waren häßlich und einfach, das Fenster hatte keine Gardinen, nur ein graues Zugrouleaux, das jetzt nach oben aufgerollt war, so daß die ganze Nüchternheit des Raumes voll zur Geltung kam. Die Veränderung gegen die frühere hübsche Einrichtung war sehr auffällig. An Lotte selbst erinnerte nichts mehr als eine schöne Photogravüre der ruhenden Titianischen Venus im glatten, dunkelbraunen, leicht grünlich patinierten Holzrahmen.

»Sie war allzu wenig bekleidet für Quedlinburg, ich konnte sie nicht mitnehmen«, sagte Lotte, die des Doktors Blick auffing, mit dem er das bekannte Stück streifte.

Es war das erste Wort, das nach der Begrüßung zwischen beiden fiel.

»Wollen Sie sich nicht setzen, lieber Doktor?« Sie nahm auf dem harten Divan Platz, der mit einem alten türkischen Gewebe, einem sogenannten »Doppelshwal«, wie ihn unsere Großmütter trugen, bedeckt war, und wies ihm einen Rohrstuhl sich gegenüber an. »Ich wäre gern schon gestern gekommen, aber – lachen Sie mich aus! – ich hatte die Schneiderin, und die im Stiche zu lassen, wäre für eine gute Quedlinburger Hausfrau eine Unmöglichkeit, selbst wenn's den Weltuntergang gälte.«

Lauter Verlegenheitsphrasen!

Was ist das auch für eine Situation: sie sitzt hier dem Geliebten ihrer einzigen Freundin 283 gegenüber, er hat jene auf dem Gewissen und doch kann sie ihn nicht anklagen. Hunderterlei will einer von dem andern wissen und keiner findet den Anfang. Mühselig müssen sie erst den rechten Ton suchen.

Das Wort »Weltuntergang« erweckte beiden Erinnerungen. Lotte rechnete in Gedanken nach: »Gerade ein halbes Jahr seit jenem Abend. Armer Doktor, es ist viel über Sie gekommen seitdem.« Sie reichte ihm die Hand und sah ihn prüfend an, und der Zug leiser nervöser Abspannung in seinem hübschen Gesicht, den das harte Licht so unbarmherzig zeigte, rührte sie. Niemals hatte sie ihn anders als selbstbewußt und bei aller Liebenswürdigkeit herrisch gesehen, seine Gedrücktheit wirkte deshalb doppelt auf sie. Zudem war er blaß und etwas magerer geworden.

»Sie haben nichts von ihr gehört in den letzten Wochen, gnädige Frau?«

»Nichts seit meinem Hochzeitstage. Aber ich habe darum gewußt, auch seitdem. Es war ihr Abschied. Sie versprach zu schreiben, aber hat es nicht gehalten.«

»Wie war sie zuletzt? Machte sie Ihnen keine Andeutungen? Ich meine doch, wenn sie sich auch jemand hätte anvertrauen wollen, so wären Sie es gewesen.«

Lotte schüttelte trübe den Kopf. »Da ist nicht viel mitzuteilen. Vilma ist keine Natur, die das Aussprechen liebt. Die geht aus dem Leben oder ins 284 Leben hinaus, ohne jemanden ein Wort davon zu verraten.«

»Glauben Sie, daß sie es doch noch nachträglich ausgeführt hat?« forschte der Doktor. Er selbst war überzeugt, daß sie es nicht gethan, wollte aber die Bestätigung noch aus anderem Munde hören.

»Wer kann das wissen? Vilma paßte so wie so nicht in das Leben. Sie war ›überspannt‹, d. h. sie war von einer so ganz besonderen Keuschheit der Seele, daß, wenn sie sich selbst Moralgesetze zurecht machen wollte, sie ihr keine größere Freiheit gaben, sie nur noch mehr beengten. Der Gedanke, daß jeder Sünde eine Sühne folgen müsse, beherrschte sie wie eine fixe Idee, d. h. wiederum, er war so sehr in ihrer innersten Natur begründet, daß sie sich nicht dagegen wehren konnte. Demgegenüber stand freilich die große Zartheit ihres Wesens, sie scheute vor allem Harten, Plötzlichen zurück, wollte in keiner Weise Aufsehen erregen. Versetzen Sie sich nun in die Seele dieses subtil organisierten, feinnervigen Geschöpfes, das sich in einer so besonderen Lage befand wie Vilma! Ein Zufall, ein Nichts kann sie zum Entschluß getrieben, eine Stimmung wiederum zurückgehalten haben.«

»Natürlich machen Sie nun mich verantwortlich für das, was geschehen ist, oder noch geschehen kann?«

»Nein, lieber Doktor, auf die Gefahr hin, Ihrer Eitelkeit einen Stoß zu geben. Sie oder ein anderer, irgend ein ›Mann‹ in dem Vilma ihren Beherrscher 285 sah, mußte in ihr Leben treten. Sie war dazu prädestiniert, auch auf das Anormale – Sagen Sie selbst, hätten Sie sich Vilma als gute, brave Hausfrau denken können?«

Felix sah nachdenklich aus.

»Ich habe daran gedacht, sogar für mich selbst. Und wenn ich sie jetzt wiederfände – –«

»Doktor!« – Lotte war aufgesprungen und preßte wieder des Doktors Hand. »Doktor, das ist ein Wort, für das ich Ihnen aus der Seele meiner Freundin heraus danke. Es hilft nichts, wenn wir auch den Mund noch so voll nehmen, schließlich verlangen wir doch alle nach etwas Legitimem – wenn es auch hinterher eine Enttäuschung ist.«

»Sie sind wirklich mehr als offen, Frau Lotte, ein solches Bekenntnis gleich nach den Flitterwochen – –«

»Lassen Sie mich aus dem Spiele«, wehrte sie mit ihrer Frauenunlogik ab. »Wir sind beisammen, um über Vilma zu sprechen. Ich habe das sichere unverrückbare Gefühl in mir, daß sie lebt, ohne sagen zu können, worauf es sich stützt, aber ich weiß, sie lebt. Bei einem Menschen, den man sehr, sehr lieb gehabt hat, fühlt man das über jede Entfernung hinweg.«

»Ich dagegen stütze denselben Glauben auf die ärztliche Erfahrung, daß dort, wo nicht gerade eine krankhafte Disposition vorliegt, selten ein 286 Selbstmordversuch wiederholt wird. Die Angst, die sie in ihrer Gefühlsüberspannung ausgestanden, wird sie schon kuriert haben. Wenn sie aber lebt, muß man sie auch finden können.«

Lottes Gesicht wurde immer trüber. »Lieber Freund, wer kann eine Frau auffinden, die sich nicht auffinden lassen will? Vilma braucht nur ihr Haar schwarz zu färben und zu einem glatten Merodescheitel zu ordnen, braucht nur ein bischen Rot auf die Wangen zu legen und sie kann in jedem Konzertsaal des Auslandes, ja womöglich in Deutschland unter irgend einem nom de guerre auftreten, ohne daß jemand an Vilma Sommer denkt. Sie, Doktor, und ich, wir werden freilich von jetzt ab keine Zeitung in die Hand nehmen, die von einer neuauftauchenden Klavierkünstlerin berichtet, ohne zu denken, es könnte Vilma sein. Ach, sie ist dumm – sehen Sie Mia Bernhardt an, wie die hier weiter lebt, wacker in den besten Familien Stunden giebt und mit ihrem Imperatorinnenlächeln einhergeht – gerade wie früher, und deren Fall war denn doch noch ein ganz anderer. Und dagegen unsere arme Vilma – freilich sie wäre dann eben nicht Vilma gewesen.«

Plötzlich traten Lotte die Thränen in die Augen, sie wischte sie energisch ab, aber sie mußte erst eine Pause machen, ehe sie schroff fragte: »Was wollen Sie nun thun? Sich aufmachen, ganz Europa nach ihr abklappern?«

287 »Ich schrieb Ihnen, daß ich augenblicklich nicht in der Lage bin – – –«

»Verzeihen Sie« – Lotte errötete – »in meiner Sorge um Vilma hatte ich Ihr Unglück ganz vergessen. Welcher Schlag für Sie – der Erfolg so nah und nun dieser jämmerliche Ausgang.«

»Sie sehen mich hier zähneknirschend, einen Verbrecher in Handschellen. Ich kann nicht nach Venedig, um Vilma zu suchen, nicht mal nach Quedlinburg, um mit Ihnen zu sprechen. Sie mußten schon zu mir kommen.«

»Ich bin gern gekommen«, sagt sie freundlich. »Nun lassen Sie mich aber auch, so gut es geht, an Ihrer bösen Sache teilnehmen.«

Der Doktor berichtet ihr ausführlich. Einen Augenblick bedenkt er sich, ob er Schwester Renate erwähnen soll, dann entschließt er sich auch zu diesem Letzten.

Lotte hört ihm zu, die Hände im Schoße zusammengelegt. »Welche Infamie«, sagt sie, »solcher gemeinen Rache ist doch nur ein Weib fähig. Daß die allerniedrigsten Instinkte gerade in der Frauenseele liegen müssen – und wir sind immer so stolz auf unsre Seele.«

»Sie müßten doch mit dieser Nemesis zufrieden sein«, erwiderte ihr der Doktor bitter. »Es ist ja geradezu lächerlich: da spricht man immer von der Tragödie des Weibes, aber hier kehrt sich der Spieß um. Ein rachsüchtiges Weib bringt sich selbst in 288 Sicherheit, ihr Fall eröffnet ihr eine anständige Existenz und mir schaufelt sie langsam den Boden unter den Füßen fort. Mein Leben, das so unendlich viel wertvoller ist, als das irgend einer Frau, durch eine Frau ruiniert. Diejenigen, die das Leben von einem erhabenen ethischen Gesichtspunkte ansehen, die immer nach Vergeltung schreien, können zufrieden sein.«

»Man kann Sie doch auf keinen Fall verurteilen«, beschwichtigt Lotte und ist sich dabei vollauf bewußt, wie kindisch dieser Trostgrund auf Dr. Jentsch wirken muß.

»Nein, das wird man nicht und kann man nicht, doch darauf kommt es hier nicht an«, sagt er. »Haben Sie die Geduld, mich ganz anzuhören? Ich kann Ihnen nämlich den Verlauf der ganzen Affaire bis in die kleinsten Einzelheiten auseinandersetzen, meine Weisheit und die meines Rechtsanwalts durcheinander gewürfelt, die ganze Sache liegt ja so einfach. Ich werde also nächsten Montag vor dem Untersuchungsrichter vernommen werden, um meine Aussagen zu Protokoll zu geben. Das ist Material für die Sachverständigen. Nachher wird man meine Assistenten, die Wärter, kurz alle Augenzeugen der Operation ebenfalls vernehmen, darunter auch jene Person, die mich denunziert hat. Wie deren Aussage ausfallen wird, können Sie sich denken, ihre Arbeit wäre ja nur halb gethan, wenn sie jetzt nicht alles heraussuchte, um mich zu belasten. Das ist ja so leicht zu machen: da genügt eine einzige zweideutige 289 Aeußerung, ein Zaudern der Aussage. Ein Staatsanwalt läßt sein Opfer nicht so leicht locker. Das ist ja das Entsetzliche, das Widersinnige: ich kann gegen diese Person, die kaltblütig Streich um Streich gegen mich führt, nicht das Geringste unternehmen. Stellen Sie sich nun dieses Schauspiel vor: ich, der ich in uneigennützigem Forscherdrang, nach monatelangen Studien und Vorbereitungen die Operation gewagt habe, ich stehe im Verdacht der ›fahrlässigen Tötung‹. Ich bin ein Kurpfuscher, ein gefährlicher, der eine Sache unternommen hat, die er nicht durchführen konnte. Die Zeitungen bemächtigen sich der Sache, der Fall wird zur Sensationsaffaire aufgebauscht, wenn ich versuche, irgend etwas dagegen zu unternehmen, an eine Redaktion schreibe, den Verlauf klar stelle, so verschlimmere ich meine Angelegenheit nur damit. Die Berufsehre eines Arztes ist wahrhaftig noch heikler, als Frauenehre, wird daran gerührt, so ist sie schon verloren.«

»Es muß doch einmal Klarheit kommen, Sie sehen zu schwarz«, warf Lotte ein.

»Ich sehe nur ganz nüchtern, ohne Illusion. Die alten Kunden verlieren das Vertrauen, und werden sich sehr bedenken, ehe sie sich an mich wenden – die letzten acht Tage haben meine Erfahrung schon bereichert, und noch weiß überhaupt niemand, daß gegen mich etwas im Gange ist. Das ist ja eben das wahnsinnig Komische an der ganzen Sache: ich werde auf keinen Fall verurteilt werden, ja aller Voraussicht 290 nach wird es überhaupt garnicht zu einer Anklage kommen, denn da ich mit Zustimmung Beyer-Waldaus, mit schriftlicher sogar, an die Operation gegangen bin, ist der Anklage von vornherein die Spitze abgebrochen. Das schließt aber nicht aus, daß die Wirkung so ist, als wäre ich ein überführter Verbrecher. Ein Arzt, den man überhaupt zur Verantwortung zieht, ist für die Oeffentlichkeit immer schon ein Verurteilter.

Sie wollen nun sagen, das Urteil, d. h. die Einstellung des Verfahrens müsse mir zur Ehrenrettung werden? Freilich, man wird dann wohl erfahren, mit welchem Ernst ich vorgegangen bin – aber das kommt zu spät, inzwischen ist viel Zeit vergangen – Termine – ekelhaftes Warten – der ganze verzweifelt schleppende Gang solcher Verhandlungen – ich werde zermürbt und mutlos werden. Und in all dieser Zeit ist auch das Mißtrauen durchgesickert, meine Praxis ruiniert. Auf jeden Fall bin ich vor der Hand diskreditiert, als Operateur fertig für Berlin. Mein Ruf ist eben nicht alt genug, um eine derartige Erschütterung zu ertragen.«

Lotte mußte ihm recht geben. Wenn er auch wirklich in seiner augenblicklichen Niedergeschlagenheit übertrieb, wenn später seine Tüchtigkeit über das Vorurteil siegte und alles sich wieder ausglich – einstweilen war er übel genug daran. Es war eine Tragödie – oder wirklich die Nemesis, wie der 291 Doktor gesagt hatte. »Das ist ja alles noch ganz unentschieden, und, den allerschlimmsten Fall gesetzt: die Welt ist groß, und Ihr Genie wird Ihnen in jeder anderen Stadt einen neuen Wirkungskreis eröffnen«, sagte sie.

»Vielleicht, wenn ich mit einem blauen Auge davon komme, lasse ich mich in Quedlinburg nieder, und Sie gewähren mir Ihre gütige Protektion.«

»Es könnte Ihnen wenigstens nicht an Patienten fehlen, man wird dort unfehlbar krank vor grauer Langeweile.«

»Gnädige Frau – Frau Lotte, Sie bleiben doch immer die alte. Hat denn an Ihnen die Ehe gar nichts von dem großen Wunder bewirkt?«

Lotte lächelte ein wenig unsicher, dann sah sie sich ringsum, als befürchte sie, daß jemand sie hören könne. »Nun, da wir unter uns sind, und es die Stunde der besonderen Aufschlüsse zu sein scheint, will ich Ihnen die große Erkenntnis mitteilen, die mir geworden ist. Ich habe den Schleier der Maja gelüftet und gesehen, daß nichts, aber auch gar nichts dahinter ist – – Mein Rat wäre der, man ließe alle jene, die neugierig sind, alle jene Martha Ihrings, Mia Bernhardts, Hanna von Lietzows – sie soll übrigens mit Ihrem Dr. Stephany so gut wie einig sein – ein einziges Mal den famosen Schleier lüften, damit die Neugierde befriedigt wäre. Denn darauf kommt es doch im Grunde allein an. Reden Sie mir nicht von Sinnen, heißem Blut, von der Art, 292 die ihr Fortbestehen anstrebt – alles das ist nebensächlich gegen die große, verzehrende Mädchenneugierde.«

»Wie gesagt, noch immer Lotte Rienacker, selbst Quedlinburg kann Ihnen nichts anhaben«, erwiderte der Doktor mit einem kleinen Lächeln. »Was treiben Sie nun dort? Haben Sie sich eingewöhnt? Es ist unerhört, daß ich mich erst jetzt danach erkundige.«

»Was man so eingewöhnen nennt. Ich unterdrücke täglich und stündlich mein eigentliches Ich, zu Hause und nach außen hin, lebe also sehr brav, denn das Unterdrücken der eigenen Natur, die selbstverständlich immer sündhaft ist, soll ja etwas sehr Verdienstliches sein. Nebenbei arbeite ich an meinem Roman, meinem Lebenswerk, für das mir immer die Zeit fehlte, solange ich Berliner Briefe und Modeberichte schreiben mußte. Aber es wird nicht das, was ich gewollt habe, ich bin doch nur eine Dilettantin. Ich kann nicht auffliegen, die Schwungfedern sind mir ausgerissen. Das ist schade, denn wenn ich es recht bedenke, bin ich doch nur deshalb Frau Oberlehrer Menzel geworden, um Ruhe für meinen Roman zu finden.« Sie seufzte und sah vor sich hin, das spöttische Lächeln, das ihr Gesicht überflogen hatte, erlosch.

»Erzählen Sie mir nun von Ihren Venetianer Tagen mit Vilma. Nach all dem Häßlichen, das wir eben besprechen mußten, wird das gut thun«, bat sie.

Und der Doktor erzählte. Nicht nur von 293 Venedig, er griff weiter zurück, entrollte vor Lotte sein ganzes Liebesleben mit Vilma, von dem Tage an, da er sie kennen gelernt hatte. Die Berliner Zeit wurde lebendig, in der Lotte unbewußt die Kupplerin gespielt hatte, jener Abend in Vilmas Pension, wo sie den ersten Kuß getauscht hatten, nachdem Lotte das Zimmer verlassen.

Felix war es nicht gewohnt, von seinen Gefühlen zu reden, aber dies eine Mal war ihm das Aussprechen eine Erlösung. Es riß ihn mit fort, seine Sprache bekam Schwung, er wurde zum Dichter, als er von den Tagen auf dem Lido sprach, diesem Vollglück im Aufgehen eines in dem andern, diesem Zauber des Besitzes, der jeden Tag neu und reich erscheinen ließ. Die glückliche Wirklichkeit umkleidete sich, nun er davon sprach, mit einem idealen Reiz, seine Schilderung wurde zu einem Hohenliede der Liebe, der Schönheit und Leidenschaft, zu einer Apotheose der Geliebten.

Inzwischen war die Sonne gerückt, das dreiste Atelierlicht hatte von seiner Schärfe verloren und damit büßte der ganze Raum seine aufdringliche Nüchternheit ein. Auch von des Doktors Gesicht schien der abgespannte Zug, der ihn so alt machte, verwischt zu sein, er sah wieder aus wie in seiner besten Zeit, hübsch, sieghaft, dazu durchglüht von einem inneren leidenschaftlichen Feuer.

»Ich fühle es mit absolutester Gewißheit, daß ich Vilma noch einmal in meinem Leben treffen werde, 294 über kurz oder lang. Es ist mir, als brauchte ich gar nichts dazu zu thun, als müsse sie sich von selbst zu mir zurückfinden, eines schönen Morgens einfach vor mir stehen: Da bin ich, nimm mich!« schloß er seinen Bericht, und seine schöne Stimme hatte wieder den überzeugenden, zu Herzen gehenden Ton, dem sich so leicht niemand verschloß.

»Warum?« fragte Lotte. Es klang erstickt, wie durch Thränen hindurch.

»Weil ich nicht glauben will, daß mein Leben ganz zerstört sein soll, weil Vilma nun einmal der beste Teil meines Lebens ist.« Mochte es immerhin eine schöne Redensart sein, es hörte sich echt an. Lotte saß da mit geneigtem Kopfe.

»Sie weinen, liebe Freundin? Geht Ihnen Vilmas Schicksal so nahe?« fragte er besorgt, und nahm ihre kalte Hand in seine beiden warmen.

Sie senkte den Kopf nur noch tiefer. »Ich bin neidisch auf etwas, was ich niemals kennen gelernt habe«, stieß sie zwischen den Zähnen hervor.

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