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Dilettanten des Lasters

Clara Blüthgen: Dilettanten des Lasters - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDilettanten des Lasters
authorClara Blüthgen
firstpub1902
year1902
publisherHermann Seemann Nachfolger
addressLeipzig
titleDilettanten des Lasters
pages294
created20090103
sendergerd.bouillon@t-online.de
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258 XVII.

Es ist soweit.

Die Aerzte haben heute früher mit ihren Visiten begonnen als sonst und sie bedeutend abgekürzt, Dr. Jentsch ist ganz unsichtbar geblieben.

Ein hastiges, gedämpftes Leben – schnelle Fußtritte im Korridor, Geflüster. Im Operationssaal wird gearbeitet – man trägt etwas Schweres hinein, vermutlich ein Ruhebett, und stößt damit gegen die Thürkante – es hört sich an, als ob ein Sarg abgesetzt würde. Ein verstärkter Geruch nach Aether und Karbol zieht durch die Räume.

Für ein paar Augenblicke hört man auch Dr. Jentschs Stimme im Korridor, halblaut, nur ein paar Worte. Dann wieder schlürfende Tritte, es scheint, daß wiederum etwas getragen wird – ein paar kurze Kommandoworte Dr. Stephanys. Dann schließt sich die Thür des Operationszimmers.

Sie bewegt sich lautlos in ihren Angeln, aber man merkt, wie jedes Geräusch plötzlich abgeschnitten 259 ist. Die schallsicher gebauten Wände, die überpolsterten Thüren lassen keinen Laut hinausdringen.

Und nun ist es, als ob von dort aus eine weite, lautlose Stille sich über die ganze Klinik breite. Man fühlt sie fast wie etwas Körperliches. Sie saugt alles in sich hinein, die frühere banale Neugier, die Empfindung für Zeit und Umgebung. Es ist, als ob ein Loch in der Natur klaffe, vor dem man ratlos steht. In dem Menschenleben, das dort an der Schneide des Messers hängt, glaubt jeder das eigene Leben gefährdet, das egoistische Mitgefühl mit jenem Unbekannten steigert sich zum herzbeklemmenden Druck. Man weiß nicht mehr, handelt es sich um Minuten oder Stunden, aber die Stille dauert und die Bangigkeit wächst.

Und da wieder der Ton der geöffneten Thür, kein eigentlicher Ton, aber das Freiwerden eines kleinen, komplizierten Geräusches – wieder Schritte im Korridor, hastige – schnelles, halblautes Sprechen – – – –

Dr. Jentsch wandte sich mit einem Achselzucken von dem Operationstische ab. Sein Gesicht war genau ebenso blaß wie der leblose Körper vor ihm, der von dem Licht des Riesenfensters grell beleuchtet, auf des Glasplatte des Tisches von allen Seiten deutlich sichtbar dalag, wie ein Schaustück. Brust und Leib waren mit Gazebinden fest und gleichmäßig umwickelt, es war das Muster eines Verbandes, an 260 dem jeder Chirurg seine helle Freude hätte haben müssen.

»Da ist nichts zu machen – alles umsonst«, sagte Dr. Jentsch und biß die Zähne zusammen.

Die Assistenten, die sich bisher respektvoll zurückgehalten hatten, traten näher an den Leichnam heran, um flüsternd ihre Ansichten auszutauschen; Dr. Kayser, der jüngere, machte den kindlichen Vorschlag eines nochmaligen Belebungsversuches. Ja, es war das Wunder einer Operation gewesen, ein Eingriff, wie er mit dieser Kühnheit niemals zuvor ausgeführt worden war – theoretisch ein Meisterstück, Dr. Jentsch hatte sich wiederum als unvergleichlicher Operateur erwiesen.

Geräuschlos begannen die beiden Wärter aufzuräumen und horchten dabei auf das, was die Assistenten sich erzählten.

»Lassen Sie einstweilen alles liegen. Und das dort decken Sie zu«, befahl Dr. Jentsch scharf, mit einer Bewegung nach dem Operationstische hin. »Die Herren werden vermutlich müde sein? Hier ist leider nichts mehr zu thun.«

Obgleich die Assistenten gern noch mit ihrem Chef über den Fall gesprochen hätten, richteten sie sich doch wie auf Kommando auf, und schickten sich an, den Operationssaal zu verlassen. Ihr Respekt hatte nicht durch das Unglück gelitten.

»Herr Kollege Stephany!«

Es sah aus, als wolle Dr. Jentsch sich nun doch 261 noch gegen den Assistenten aussprechen, aber er besann sich anders.

»Sie vertreten mich wohl jetzt in der Klinik – bitte.«

Dann nahm er der Schwester, die bereit stand, ein großes Leinentuch ab und breitete es über die Leiche.

»Wünschen Sie noch etwas? Ich meine, ich hätte ziemlich deutlich gezeigt, daß ich allein bleiben möchte«, fuhr er die Schwester an, als er, sich wieder umwendend, ihre Augen mit einem sonderbaren Ausdruck, halb Triumph, halb Gier, auf sich gerichtet sah

»Ich respektiere jederzeit den Willen des Herrn Doktors«, sagte sie unterwürfig und ging.

In keiner Situation erlaubte sich Dr. Jentsch ein weichliches Nachgeben, auch jetzt blieb er aufrecht stehen, nicht einmal, daß eine körperliche Schwäche ihn zum Niedersitzen zwang.

Vor ihm breitete es sich weiß aus. Durch das übergelegte Laken konnte er undeutlich die Körperformen erkennen, das emporgerichtete Kinn, die angestraffte Halsmuskulatur, die Höhlung der eingesunkenen Augen. Es sah aus, wie ein gypsernes Flachrelief, das man von einem unvollkommen ausgeführten Modell gewonnen.

Da war nichts zu machen: diese künstliche Leichenstarre, die mit so unendlichem Scharfsinn 262 hervorgerufen worden, war der natürlichen Totenstarre gewichen.

Und dennoch hatte der Verlauf des Experimentes dessen Ausführbarkeit auf das Sicherste bewiesen. Das Zusammenwirken von Hypnose und Narkose, dazu noch ein paar innerliche Mittel, hatte bewunderungswürdig gestimmt, ganz genau war das eingetroffen, was der Arzt ausgerechnet: die Lebensmaschinerie war auf Zeit abgestellt gewesen. Nur die leise Herzthätigkeit, die der kontrollierende Assistent feststellte, sonst ein toter Körper, an dem man arbeiten konnte, wie der Anatom an der Leiche. Es war ein Hochgefühl, so zu operieren. Dieser stolze Moment: zu wagen, was nie einer vor ihm gewagt – sein die Idee, wie die Verwirklichung. Der kühnste Ehrgeiz ist befriedigt – fast ist es ein Zuviel, eine Uebersättigung – –

Und dann, nachdem die letzte Nadel an dem nach allen Regeln der Kunst gelegten Verbande geschlossen, ein plötzliches Erlöschen des Herzschlages. Jeder Versuch, den starren Körper zu beleben, vergebens. Lange genug hat man sich damit abgequält, ehe man es glauben mochte – –

»Welche Tragödie!« murmelte der Arzt durch die Zähne, aber er denkt dabei nicht an das junge vernichtete Leben, nur an sich selbst.

Nun zieht er wieder das Laken vom Gesicht des Toten und studiert es aufmerksam, als müsse sich dennoch eine Lösung für das Rätsel finden. Er, der 263 Arzt fühlt nicht die Scheu des gewöhnlichen Menschen vor einem Leichnam, ihm ist der Tod ein natürlicher Prozeß, den er in allen Einzelheiten zu kennen glaubt, zudem hat ihn die Gewohnheit der letzten Jahre abgehärtet.

Was ist da so besonderes, daß ein Mensch bei der Operation stirbt? Die Statistik hat festgestellt, daß von 2000 Chloroformierten einer in der Narkose bleibt, jeder Fortschritt der Chirurgie ist durch Blut erkauft worden. Wer vermag es, die Widerstandsfähigkeit eines Körpers so genau zu bestimmen, daß jedes Verrechnen ausgeschlossen bleibt? Wäre dieser junge Federheld nur ein wenig derber organisiert gewesen! Fast fühlte er Haß gegen den Toten, der ihn um die Frucht seiner Arbeit betrogen.

Ja, eine Tragödie: die Operation ist ausführbar, aber sie wird schwerlich wiederholt werden, da eine Kleinigkeit versagte. Wenn an einer neuerfundenen Maschine ein Federchen nicht funktioniert, so ersetzt man es durch ein anderes, besseres, der Wert der Erfindung wird dadurch nicht angetastet – hier wirft man das Ganze als unbrauchbar beiseite und macht den Erfinder noch dafür verantwortlich. – Hoffentlich wird von der Sache nichts an die Oeffentlichkeit gelangen – daran klammert er sich.

Durch die gepolsterte Thür drang von außen leises Stimmengeräusch, während die Klinke sich bewegte, als ob dort eine Hand daran griffe.

Aergerlich über die Störung trat Jentsch 264 hinaus und stand einer hübschen jungen Dame, mit einem bunten, recht auffälligem Blumenhute, gegenüber.

»Ich bin seine Frau, Frau Beyer, und möchte wissen – –« stößt sie ängstlich, aber doch mit dem gewohnheitsmäßigen Lächeln auf den vollen Wangen, hervor. »Die Operation ist doch heute? Er hat mir davon geschrieben.«

Bisher hatte der Doktor mit keinem Gedanken diese Frau gestreift. Das hingeopferte Menschenleben war ihm nur Material gewesen – kein Gedanke an dessen menschliche Beziehungen hatte ihn gerührt. Und nun hier diese junge Frau, seit einer Stunde Witwe, es hatte sogar den Anschein, als wenn sie Mutterfreuden entgegenginge – – –

Sie schien auf seinem Gesicht zu lesen, und da hatte sie sich, einem Instinkt folgend, schon an ihm vorbei, in das Operationszimmer geschoben.

Der Doktor folgte ihr. Sie stand in starrem Staunen, mit halbgeöffnetem Munde wie ein Kind, vor der Leiche, noch ohne bewußtes Entsetzen. Das Weißverhüllte und dieses ganz fremde, gelbe Gesicht – das kann doch nicht ihr Mann – –?

Fragend sah sie zu dem Doktor auf, immer noch den Rest eines Lächelns auf den Lippen.

Doch als er auf sie zutrat und versuchte, ihr teilnahmsvoll die Hand zu drücken, kam ihr das Verstehen. Sie wich einen Schritt zurück und der Ausdruck des Grauens trat auf ihre Züge: »Sie – Sie haben ihn – –« murmelte sie scheu.

265 »Ihr Gatte war ein aufgegebener Mann, in jedem Falle. Ich habe mein Bestes versucht«, schnitt der Doktor ihre Anklage ab. Aber sie hörte ihn nicht mehr, sondern sank in einer plötzlichen Ohnmacht zu Boden, wobei ihr Kopf an der Kante des Operationstisches anschlug.

Einen Augenblick bedachte sich Dr. Jentsch, dann klingelte er und ließ die junge Frau in einen anderen Raum tragen.

»Sie haben ihn gemordet.« Das unausgesprochene Wort werden andere ergänzen. Er ist ein Mörder – das nun die Frucht seines besten Wollens, seines Forscherdranges!

Jetzt wird er auch in seinem eigenen Gefühl schwankend, ist nicht sicher, ob ihn nicht allein der Ehrgeiz getrieben.

Es ist etwas eigentümlich Schweres in seinen Bewegungen, als er sich des leinenen Operationskittels entledigt, aber als er klingelt, sich den Ueberzieher reichen läßt und sein Coupé bestellt, ist er wieder ganz der alte.

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