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Dilettanten des Lasters

Clara Blüthgen: Dilettanten des Lasters - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDilettanten des Lasters
authorClara Blüthgen
firstpub1902
year1902
publisherHermann Seemann Nachfolger
addressLeipzig
titleDilettanten des Lasters
pages294
created20090103
sendergerd.bouillon@t-online.de
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237 XV.

Anderthalb Tage lang kam Vilma nicht zum Bewußtsein, tagsüber lag sie im Halbschlaf auf der Chaiselongue und nachts schlief sie wie eine Tote. Dann aber erwachte sie, durch diese Lähmung ihrer Seele gestärkt, mit doppelt gereiztem Empfinden.

Sie suchte klar zu denken: Was war eigentlich anders geworden gegen früher?

Da hatte sie sich eine absonderliche Theorie zurecht gemacht, eine Sündenfreiheit für sich beansprucht, weil sie den Tod vor der Thür glaubte – nun erfuhr sie, daß sie weiter leben solle, und die ganze Theorie zerbrach ihr unter den Händen. Der ideale Glorienschein um ihre Stirn zerrann, sie war nur noch eine von vielen, die da »gesündigt« hatten, nach den landläufigen Begriffen. Ob man diese nun als Verworfene betrachtet, oder ihnen ein beschönigendes Mäntelchen umhängt, kommt schließlich auf eins heraus, es ist nur ein Spielen mit Moralbegriffen, zu entscheiden hat das Gefühl in der eigenen Brust.

Sie steht allein, ist niemandem Rücksicht schuldig. Niemand weiß auch bisher, daß sie mit Felix gereist 238 ist – wenn sie nach Berlin zurückkehrt, so kann alles sein wie früher – vorausgesetzt, daß sie die nötige Vorsicht beobachtet. Und wer weiß: vielleicht dringt Felix weiter in sie, um sie zu seiner legitimen Frau zu machen, es ist keine Phrase gewesen, als er ihr sagte, sie sei die Gefährtin, die zu ihm gehöre. Seine Frau kann sterben, kann aus eigenem Antriebe zurücktreten, sie hat ja so wie so recht wenig davon, Frau Dr. Jentsch zu sein. Alles wird noch gut werden.

Gegen diese Lockung erhebt sich aber etwas in ihr: ihr Rechtlichkeitsgefühl, ihr Stolz.

Es ist unmöglich, daß sie sich selbst untreu wird. Sie kann nicht eine andere von ihrem Platze stoßen, auch nicht annehmen, daß jene ihn freiwillig räumt. Ebensowenig kann sie ein Leben des Vertuschens, der Heimlichkeit aushalten, Angst vor Entdeckung, Scheu vor jedem scheelen Blick. »Kopf oben!« wie Felix es ihr zum Abschied zugerufen.

Da liegt nun plötzlich ein Leben vor ihr, mit dem sie nichts anzufangen weiß – – –

Sie drückt sich frierend zusammen, hat die Empfindung einer grenzenlosen Weite, in der sie ganz allein ist. Die luftblau gestrichenen Wände ihres Zimmers mit den schwarzen Schwalben rücken immer mehr auseinander, das ist schon so, als ob sie mutterseelenallein in einem unbegrenzten Raume säße.

Ja, was fängt man mit solchem Leben an? Auch wenn sie nicht nach Berlin zurück will, so steht ihr noch die ganze Welt offen. Sie kann nach Paris gehen, 239 nach Rußland. Dort sind nervöse Talente ihrer Art am Platze. Die Wege sind ihr überall geebnet, nur zu spielen brauchte sie, ihre Kritiken vorzulegen, um sofort einen Impresario zu finden, der sie lanciert.

Möglich sogar, daß sie jetzt noch ganz anders spielt als vorher, »etwas zu erleben« soll ja nötig sein, um dem Genius die Flügel erst ganz zu entfesseln.

Nun malt sie sich ernsthaft die Zukunft aus; im ganzen nicht viel anderes, als eine Steigerung ihres bisherigen Lebens: eine Existenz im Eisenbahnwagen, jede Nacht ein anderes Hotelbett, Besuche von Kritikern, Rezensionen, hier Enthusiasmus, dort Neid und Anfeindung – ob sie wohl je die Scheu vor einem gefüllten Konzertsaal überwinden wird, das dumme Gefühl, als sei sie jedem einzelnen, der sein Billet gelöst hat, nun etwas ganz Extraes schuldig?

Sogar bis zum Komponieren ihrer Konzerttoiletten gelangt sie, das gehört mit zum Handwerk und kommt ebenso in die Zeitung wie ihr Programm. Hell wird sie gehen und lose, das ist das einzige, was ihr steht, aber nicht mehr weiß, in weiß will sie sich nun nicht mehr sehen.

Selbstverständlich wird man ihr als Frau huldigen, welcher Künstlerin bliebe das erspart, und mag sie sich noch so zurückhaltend geben, man wird über sie sprechen und schreiben.

»Sei rein wie Schnee, sei keusch wie Eis, der Verleumdung wirst du nicht entgehen.«

Wenn das wirklich Künstlerinnenlos ist, warum 240 denn nicht wenigstens mit Recht, für den Mann, den sie liebt? Beweist nicht dieser Argwohn der Welt, daß man der Künstlerin eine Sondermoral zubilligt?

Sie sinnt und sinnt.

In diesem Grübeln kann man ja den Verstand verlieren, vielleicht wird sie hier noch reif für San Clemente – –

Besser wäre es, man machte ein Ende, gleich auf der Stelle – das ist ein verführerischer Gedanke, wenn man dafür gerüstet ist wie sie!

Aber das Nichts kommt noch immer früh genug, einstweilen kann man es noch einmal mit dem Leben versuchen. Niemand weiß etwas. An diesen unlauteren Trost hält sie sich.

Etwas beruhigt ging sie in ihr Schlafzimmer, wusch sich Gesicht und Hände und nahm dann ihr Schreibgerät vor, um an Felix zu schreiben.

Daran wollte sie sich aufrichten. Deshalb auch kein Wort von ihren Kämpfen, nur Dank für die himmlischen Tage, Sehnsucht und viel, viel Liebe. Die Augen wurden ihr feucht als sie schrieb, vor überströmender Liebe.

In diese Liebesexaltation traf eine Ansichtspostkarte von Felix mit ein paar Grüßen, wie man sie im Coupé hinkritzelt, und ein Brief aus Berlin. Neugierig darauf, wer ihre Adresse wissen könne, die sie so sorgfältig verheimlicht hatte, schnitt sie das Couvert auf.

Sie sah nach der Unterschrift: Anonym.

241 Die bestimmte Vorstellung von etwas sehr Häßlichem, das sie erwartete, kroch an sie heran; zaghaft ließ sie die Hand mit dem Brief in den Schoß sinken: so etwas sollte man lieber gleich zerreißen, warum sich damit martern? Im nächsten Moment las sie dennoch:

»Ein gefallenes Mädchen wendet sich an das andere mit einem guten Rat: gehen Sie freiwillig, ehe man Ihnen den Stuhl vor die Thüre setzt. Jetzt ist noch der richtige Augenblick, wo Sie ein Ende machen können, ohne das Allerbitterste durchgekostet zu haben.

Sie erleben nichts anderes als eine Wiederholung dessen, was ich vor Ihnen erlebt habe, was manche andere nach Ihnen erleben wird – mit demselben Manne, natürlich.

Glauben Sie mir, der, in dem Sie jetzt wahrscheinlich Ihren Gott sehen, ist in seinem Verhältnis zur Frau ein Mann wie tausend andere, höchstens ein bißchen anspruchsvoller, ein bißchen raffinierter. Kein Mann der ewigen Gefühle, nur ein feiner Genießer, der sich am liebsten von der Schüssel abwendet, ehe er sie zur Hälfte geleert hat.

Ich bin Ihnen nur ein einziges Mal begegnet, aber ich glaube, Sie zu kennen. Ueberschätzen Sie Ihre Kräfte nicht, Sie ertragen das nicht, was über kurz oder lang Ihnen blühen würde.

Was Sie jetzt noch aufrecht erhält, ist die Idee von dem Großen, was Sie gethan, dem gewaltigen Liebesopfer – – Als wenn nicht jede von uns 242 dasselbe dächte! Was unser begehrliches Blut verlangt, nennen wir ein Opfer für den, nach dem es gerade schreit! Es wäre eigentlich zum Lachen, wenn wir es nicht vor uns selbst zur Tragödie aufbauschten. Was sind Sie? Die Maitresse eines verheirateten Mannes – weiter nichts. Machen Sie sich doch kein X für ein U!

Das kommt alle Tage vor und man findet sich damit ab, aber Sie nicht, Sie kommen nicht darüber hinweg. Sie erröten ja, weil Sie Leidensgefährtinnen haben, Sie möchten lieber die einzige große Sünderin sein, als zu uns gehören!

Absichtlich schicke ich Ihnen meine Warnung gerade jetzt, wo Sie nach der Abreise Ihres Geliebten – Sie sehen, ich bin gut unterrichtet – recht einsam sein werden. Denn Talent, um sich einen Ersatz zu suchen, traue ich Ihnen nicht zu. Ich denke, meine Worte sollen auf guten Boden fallen. Geben Sie sich keine Mühe, ein Verhältnis fortzusetzen, das seinen Höhepunkt schon überschritten hat. Es würde unklug sein.«

Vilma hatte hastig gelesen, nachdem sie zu Ende war, fing sie noch einmal von Anfang an, jetzt langsam Wort für Wort. So, das saß, davon würde sie nichts wieder vergessen.

Langsam stand sie auf, zündete eine Kerze an, verbrannte erst diesen Brief, dann ihr eigenes leidenschaftliches Liebesschreiben, mischte die Asche von beiden zusammen und ließ sie aus dem Fenster flattern.

243 »Alles besudelt!« Ihr Gesicht war starr und fremd wie eine Maske geworden.

Ein paarmal ging sie durch das Zimmer, nahm hier ein Buch, dort eine Schere hoch und legte sie wieder hin. Sie hatte die unklare Vorstellung, daß sie nicht hier bleiben könne, packen wolle.

Schließlich begann sie wirklich damit, doch kaum hatte sie den Koffer vorgerückt und ein paar Wäschestücke hineingelegt, als sie ein seltsames Zittern der Kniee fühlte, es war ihr unmöglich, weiter so gebückt zu hocken.

Sie warf sich auf das Bett. Was ist es eigentlich, das jene ihr geschrieben hat? Sie braucht nur die Augen zu schließen, um das Blatt ganz deutlich vor sich zu sehen, die großen, dreisten Schriftzüge ablesen zu können. Im Grunde ist's nur das, was ihr eigener Verstand ihr über kurz oder lang hätte sagen müssen – freilich hört es sich anders an, wenn eine Fremde es einem zuruft. Wie sie die häßlichsten Worte, die demütigendsten dafür gefunden hat, und wie die wirken – Es ist ihr, als hätte es niemals etwas Gemeinsames zwischen ihr und Felix gegeben, er verlischt förmlich in ihren Gedanken, dafür aber wird eins immer klarer: die Person hat recht, sie wird nicht darüber fortkommen. Nicht vor sich selbst, nicht vor den andern. Eine weiß davon – das heißt soviel, als: die ganze Welt weiß es. Sie drückt den Kopf tiefer in die Kissen, empfindet das kühle Leinen 244 wohlthuend an ihren Wangen – dann springt sie auf, fühlt, wie sie über den ganzen Körper errötet.

Nun kramt sie wieder in ihren Sachen, bei aller Hast nach einem bestimmten Plan. Ganz unten in ihrer Schublade, unter Handschuhen und hundert Kleinigkeiten steht eine elfenbeinerne Puderdose, eine kokette Attrappe für etwas Fürchterliches. Sie faßt hinein, nimmt etwas Winziges, Hartes heraus und steckt es, ohne es anzusehen, in die Kleidertasche.

Das hat der Düsseldorfer Arzt sich nicht träumen lassen, daß sie von dem verschriebenen Mittel bei jeder Neuanfertigung, die die Bestätigung ihres Berliner Arztes erforderte, immer ein paar Tropfen zurückstellen würde, gerade genug, um damit einen qualvollen Todeskampf abzukürzen – – –

Wie wunderlich ihr zu Mute ist, mit einem Male ganz ruhig. Wie kann das sein – ein so reiches Leben fortwerfen zu wollen – eine Welt von Gedanken und Empfinden müßte sich in ihr regen, und sie fühlt eigentlich nichts. Nichts als ein zwingendes Muß, das vor ihr steht, und zugleich ein Mißtrauen gegen sich selbst.

Dabei überdenkt sie das Nächstliegende vollkommen klar: das Einpacken, das Ankündigen ihrer Abreise. Der Koffer soll nach Deutschland, an Frau Oberlehrer Menzel in Quedlinburg geschickt werden, die Adresse steht richtig darauf, den Frachtbetrag begleicht sie mit der Rechnung, auch an Trinkgelder für das Mädchen und den Piccolo denkt sie – überreichlich, sie sollen eine gute Erinnerung an sie behalten.

245 Vor der Hausthüre stand sie ratlos und sah sich um: Das sehe ich nun alles zum letztenmal! Aber das Begreifen dieser Worte stellte sich nicht ein.

Wohin nun?

An die See, dort ist es menschenleer, niemand wird sie stören, das geleerte Fläschchen kann sie ins Wasser werfen – vielleicht dauert es eine Weile, ehe man sie selbst findet.

Aber sofort schaudert ihr vor der Stille – sie ist doch kein Tier, daß sie sich zum Sterben in die Einsamkeit verkriecht. Menschen! Noch einmal tolles Leben um sich! Laute Lust, etwas Starkes, Glänzendes!

Sie nimmt sich eine Barke, um nach Venedig hinüber zu fahren. »Ob ich wohl den Mut haben werde, es zu thun?« fragt sie sich dabei. Schließlich wird es zu einem Spiel ihrer Gedanken: bei jedem Ruderstoß sagt sie sich: »Ich thue es« und bei jedem Nachgleiten der Barke: »Ich habe nicht den Mut.« Dazwischen hin und wieder: »Er ist ein feiner Genießer, der am liebsten von der Schüssel aufsteht, ehe er sie nur zur Hälfte geleert hat.«

Es ist noch früher Nachmittag, der Markusplatz gerade um diese Zeit sehr wenig belebt. Der Himmel starrt in einem glasigen Blau, die Sonne sengt hernieder und prallt von den mächtigen weißlichen Steinplatten des Bodens zurück, die Luft zittert vor Hitze – die denkbar stimmungsloseste Szenerie, um aus dem Leben zu gehen.

246 Unter den Prokuratien ist es wenigstens schattig, wenn auch die Hitze dort brütet. Wenn sie es bei Jeserum ausführte? Dort einträte, um die Spitzengarnitur zu kaufen, die Felix ihr schenken wollte? Sie hatte es ihm abgeschlagen, wollte keine kostbaren Geschenke. Sie braucht nun keine Spitzen mehr, aber auch kein Geld – es wäre ihre erste großartige Handlung.

Im Schatten vor einem Café nahm sie einen Stuhl und ließ sich ein Glas Eislimonade geben. Man könnte die Tropfen da hinein – Limonade ist ja die klassische Flüssigkeit dafür.

Sie war so zermürbt, daß ihre Gedanken überhaupt nicht weiter gingen. Sie saß und starrte das Glas an, die gebrochene Linie des Löffels, das Eisstückchen, das langsam zerschmolz.

Gleich darauf ließ sich am Nebentische ein sehr junger Mann nieder. Er trug ein blaßrosa Chemiset mit blauen, ineinandergeschobenen Ringen gemustert, weiße Manschetten und Kragen und eine weiße Nelke im Knopfloch, und schob sich, die Arme auf die Lehne seines Stuhles gelegt, soweit herum, daß er Vilma gerade aus nächster Nähe ins Gesicht sah. Noch einen Augenblick vielleicht, und er wird sie ansprechen.

Der Gegensatz dieses Jünglings mit der bunten Wäsche und den dreisten Augen zu ihrem Vorsatz wirkte auf Vilma ernüchternd. Mit einem Male kam sie sich fast lächerlich vor. Sie stand auf und schritt in ihrer großartigen Prinzessinnenmanier, die 247 jede weitere Belästigung ausschloß, über den Platz. »An welchen Zufälligkeiten hängt es doch, daß man zum Sterben kommt«, dachte sie.

Links von der Markuskirche, unter der großen Uhr hatte sich eine ganze Gesellschaft Venetianer Kinder zusammen gefunden. Sie tanzten einen Reigen mit zierlichem Vorwärts- und Rückwärtsschreiten, faßten ihre schmutzigen hellen Kleider mit beiden Händen und verbeugten sich graziös voreinander, wozu sie etwas sangen, das Vilma nicht verstand, eine fremde, fast traurige Melodie. Vilma freute sich an den dunklen Köpfen mit dem wirren schwarzen und rotblonden Haar, die so frei auf den beweglichen Hälschen saßen, an der natürlichen Anmut dieser mageren Aermchen und Beine. Es war ihr zu Sinne, als müsse sie sich für diese letzte Erdenfreude bedanken, und so warf sie eine Menge Geld, große und kleine Münzen, ohne Wahl, den Kindern zu. Sofort entstand eine wüste Balgerei, es regnete Püffe, Stöße, Schimpfworte. Was sich in der Nähe an Kindern aufhielt, kam herbei. Auch ein ganz kleines Mädchen, noch nicht zwei Jahre alt, das Vilma vorher nicht beachtet hatte, ein süßes Geschöpfchen mit seinem wirr-lockigen Haar und dem sonnenverbrannten Nacken. Ganz unbefangen krabbelte das Dingelchen auf allen Vieren über den Platz, neugierig, was es dort gäbe.

In Vilma löste sich etwas, ihre Augen wurden feucht. Solch kleines Geschöpf, wenn man das 248 hätte, Fleisch vom eigenen Fleisch, und auch von einem andern. Wie sich das entwickeln würde, in tausend kleinen Zügen, Eigenheiten ihr den Verlorenen wiedergäbe. Ein Kind der freien Liebe, unverbildet, aus edelster Kraft hervorgegangen, stark, stolz, intelligent, ein Adelsmensch vielleicht – ihres! Sich dazu bekennen, dafür arbeiten, es auf den Höhen des Lebens gehen zu sehen, von denen man selbst abgestürzt ist– ob das nicht die edelste Sühne wäre, edler als ein nutzloses Sterben?

Das ist aber wohl nur die Lebensversuchung, die aus ihr spricht? – Schauspielert sie vor sich selbst? – Vielleicht hat sie sich auch früher nur absichtlich in den Todesgedanken hineingeredet, um sich etwas weiszumachen? – –

In diesem aufreibenden Zwiespalt zog es sie in das Gotteshaus, ein Gefühl aus Hilflosigkeit und Exaltation gemischt.

Nach der blendenden Sonnenglut draußen empfand sie hier das Zwielicht fast als kühl und dunkel. Durch diese gemalten Scheiben in ihrer satten Farbenpracht kann auch die stärkste italienische Sonne nicht wirken, und was davon hineingelangt, wird wiederum aufgesogen durch all den von der Zeit nachgedunkelten Reichtum an Gold, Mosaiken, buntem Marmorbelag.

Welch prunkvolle Umrahmung für all den Jammer, der hier zum Himmel geschrien hat! Das Marmormosaik des Fußbodens ist wellenförmig 249 ausgehöhlt von den Knieen der Gläubigen – was bedeutet das Herzeleid des einzelnen gegen die ungeheure Summe von Menschenelend, das hier um Erlösung gefleht hat! –

Vilma ließ sich auf einer Betbank nieder, und während sie, wie nur eine gute Katholikin, den Kopf fromm auf die Lehne stützte, tastete ihre Hand wiederum nach dem Gläschen: »Werde ich es thun?« Ein Selbstmord hier an geweihter Stätte, Frevel und Aergernis – – das wird sich nicht so schmerzlos abspielen – sie wird schreien, sich in Krämpfen winden, ihr Todeskampf wird ein Schauspiel für so und so viele sein. Nachher wird die Polizei sich einmischen – auch die Aerzte. Ein Zittern läuft über ihre Glieder, der Gedanke kommt ihr jetzt zum erstenmal und überflammt sie mit heißer Scham. Es fällt ihr etwas ein, das sie vor Jahren einmal irgendwo gelesen: Als zur Zeit des Verfalls des römischen Kaiserreiches der Selbstmord epidemisch auftrat, schleppte man die Leichen der Selbstmörder nackt durch die Straßen, und dieser Appell an die Scham wirkte abschreckender als ein Gesetz – Wie widerwärtig, und zugleich wie raffiniert! – Es ist ihr, als sähe sie schon ihren eigenen schmächtigen Mädchenkörper preisgegeben – – –

Und mit einem Male flüstert es in ihrem Gehirn: »Meine gute kleine Frau, alles kann noch gut werden.« Sie glaubt die zärtliche Hand zu fühlen, eine große, weiche Sehnsucht kommt über sie, in der alles 250 untergeht, was sie gewollt und was sie dem Freunde vorgeworfen hat.

Als sie ins Freie trat, zog sie den Schleier nieder, als müsse ihr jeder vom Gesicht ablesen, was sie vorgehabt. Eine Selbstmordkandidatin, die sich anders besonnen hat.

Es giebt doch in der Welt nichts Jämmerlicheres, als solchen verunglückten Selbstmord. Ein Faust darf sich durch die Glockenstimmen der Osternacht wieder ins Leben zurückziehen lassen, und bleibt dabei ein Held – der Alltagsmensch macht sich einfach lächerlich. Kein Beschönigen hilft: es hat ihr nur an Mut gefehlt, sie ist erbärmlich feige, alles andre ist nur Vorwand. Immer halb! Alles wollen, und nichts zu Ende bringen.

Ganz vernichtet kam Vilma in der Villa Laguna an. »Es wird heute noch nichts mit meiner Abreise. Erst morgen.«

Dann fiel es ihr ein, daß sie den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte, sie ließ sich etwas anrichten, das schnell fertig war, und aß mit einem Hunger wie ein Genesender nach schwerer Krankheit, ohne daran zu denken, was sie genoß.

Zuletzt schrieb sie an Felix einen langen Brief, und als sie sich endlich auf der Chaiselongue ein Lager zurecht gemacht hatte, schlief sie wie ein Siebenschläfer – –

Früh am andern Morgen war sie reisefertig und gab ihr Schreiben beim Padrone ab. »Sie müssen 251 mir versprechen, diesen Brief ganz genau erst heute über vierzehn Tage in den Kasten zu stecken, und wenn Briefe an mich ankommen, so lassen Sie sie einstweilen liegen, ich fordere sie mir später ab.«

»Signorina hinterlassen keine Adresse?« fragte der Mann erstaunt. »Und der Koffer soll gleich nach Deutschland geschickt werden?«

»Nein, ich will ihn nun doch lieber mit mir nehmen.« –

Nachdem Vilma abgereist – sie hatte sich jede Begleitung nach dem Bahnhof verbeten – zerbrachen sich ihre Wirte noch eine Weile die Köpfe über ihr sonderbares Benehmen, wobei sich die Padrona dafür entschied, die Signorina müsse doch wohl nicht recht richtig im Kopf gewesen sein, und dem lieben gnädigen Herrn sei es eigentlich gar nicht zu verdenken, daß er sie im Stich gelassen habe.

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