Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Clara Blüthgen >

Dilettanten des Lasters

Clara Blüthgen: Dilettanten des Lasters - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDilettanten des Lasters
authorClara Blüthgen
firstpub1902
year1902
publisherHermann Seemann Nachfolger
addressLeipzig
titleDilettanten des Lasters
pages294
created20090103
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

221 XIV.

»Launen und Stimmungen aus allzureichem Glück heraus«, hatte Vilma dem Freunde gegenüber die plötzliche trübe Anwandlung entschuldigt.

Seit dem Tode ihrer Mutter und ihren eigenen zunehmenden Herzbeschwerden hatte es bei ihr festgestanden, daß sie früh sterben werde, ein Gedanke, der sie mit einem idealen Nimbus umkleidete. Er trieb sie an, in ihrer Kunst das Möglichste zu leisten, um doch wenigstens etwas wie einen Namen zu hinterlassen, er lehrte sie jetzt das Genießen und Geben, machte die große Hingebungsfähigkeit ihres Wesens frei.

Das war die Sühne – für sie gab es keine Sünde, denn mit ihrem Tode würde sie das, was nach gemeinen Moralbegriffen Schuld war, bezahlen.

Kaum jemals peinigte sie die Vorstellung von den Schrecken des Todes, sie sah ihn als den Freund, der ihr sanft den Becher von den Lippen zog, nachdem sie ihren Durst gelöscht. Wunderlicherweise kam ihr nie der Gedanke, daß der Tod doch wohl nicht zur rechten Zeit, wie gerufen, sich einstellen könne, daß ein 222 Abschied von Felix, daß trostlose Monate der Vereinsamung, des Siechtums, eines jammervollen Krankenlagers vorausgehen würden. Ihre Gedanken reichten nicht weiter, als bis zu dem Augenblick der Trennung, dahinter gab es nichts mehr.

Das junge Weib hatte sich vollständig in den Geliebten hinein gelebt. Sie war keine ausgiebige Natur, aber sie besaß die Schmiegsamkeit, sich anzupassen, ein feines Frauenempfinden dafür, wo ihre Teilnahme erwünscht war. Der brennende Wunsch, Felix unentbehrlich zu sein, steigerte ihre Denkfähigkeit, so daß sie ihm oft auf den entlegensten Gebieten folgen konnte; da, wo sie es nicht mehr vermochte, verstand sie, so klug zu fragen, daß ihm das erst recht eine Freude war, denn nach Art eitler Männer gab er gern von seinem Wissen ab.

Für sich selbst verlangte sie wenig. Ihre Kunst war ihr nur insofern wichtig, als Felix seine Freude daran hatte. Er war weder musikalisch, noch heuchelte er besonderes Interesse für die Musik, aber in stimmungsvollen Momenten, wenn seine Sentimentalität sprach, hörte er Vilma gern zu. Es schmeichelte ihm, eine so große Künstlerin für sich allein spielen zu hören, er würde wahrscheinlich nicht halb so viel Freude an ihrem Spiel gehabt haben, wenn sie ebenso tüchtig, aber weniger bekannt gewesen wäre.

In letzter Zeit war Vilma mehr allein als früher. In Dr. Jentsch ließ sich doch auf die Dauer der Arzt nicht unterdrücken, er kultivierte jetzt die 223 Bekanntschaft mit einem Wiener Professor, der schon von ihm gehört hatte und ihn stark bewunderte. Die beiden waren viel in Venedig zusammen, was für Vilma ein paar ruhige Stunden für ihr Klavierspiel, eine süße sehnsüchtige Erwartung und schließlich eine besonders liebenswürdige Stimmung ihres Freundes brachte, der stets angenehm angeregt zurückkam.

Zuweilen packte ihn doch eine prickelnde Ungeduld, weil immer noch nichts von Beyer-Waldau verlautete. Dann wieder trat die geplante Operation zurück wie etwas Unwirkliches, er lebte ganz im Tage und für Vilma.

Sie hatten nun Venedig und seine Umgebung so ziemlich erschöpft, hatten in Murano Einblicke in die Glas- und in Burano in die Spitzenindustrie gethan, waren nach der von malerischem Schmutz starrenden Fischerstadt Chioggia gefahren. Allein war dann der Doktor in dem Armenierkloster auf dem Inselchen San Lazzaro gewesen, wo Byron in der tiefen Stille seinen Childe Harold vollendete, und in den großen Irrenanstalten von San Servilio und San Clemente.

Kam der Doktor von einem solchen Ausflug, bei dem Vilmas Gesellschaft unmöglich war, zurück, so gab es eine so tolle, unsinnige Freude des Sichwiederhabens, daß die kurze Trennung dadurch reichlich aufgewogen wurde.

Manchmal nahmen die beiden halbe Tage lang überhaupt nichts vor. Dann saßen sie auf der Steintreppe, die von dem Garten der Villa in die Lagune 224 führt, der Doktor rauchend, und fischten Krabben und Einsiedlerkrebse, oder sie schlenderten ein Stückchen am Wasser hin, bis wo der Lido fast menschenleer ist, setzten sich an das flache Ufer und ließen die bloßen Füße ins Wasser hängen, die göttliche Faulheit und Ungeniertheit des italienischen Volkes färbte auf sie ab.

Am schönsten waren aber die Abende, an denen sie gar nicht nach Venedig hinüberfuhren; an denen ihnen die Wirtin etwas ganz besonderes Italienisches zubereiten mußte, Krabbensalat mit feinen Kräutern, oder die Fangarme des Polypos in Olivenöl gebacken; an denen sie in stimmungsvoller Sentimentalität in dem kleinen Grasgarten lagen und auf die Lagune sahen. Dann erfaßte sie wohl in alle himmlische Trägheit hinein eine Art Rausch, sie benahmen sich ganz kindisch, jagten sich auf der Chaussee, und wer sich haschen ließ, mußte mit Küssen zahlen; oder sie tanzten auf dem Landwege hinter der Villa Walzer und amüsierten sich damit, sich recht auffällig zu benehmen, um die beiden Gendarmen, die wie ein Zwillingspaar in ihren antiquierten französischen Generalsuniformen, die noch Napoleon I. für sie erfunden, auf sich aufmerksam zu machen. Die aber ließen sich nicht düpieren, sie kannten ihre Leutchen und schritten in unveränderlicher Grandezza weiter. –

Eines Nachmittags war Dr. Jentsch allein in Venedig gewesen, um dort mit seinem Wiener Freunde zusammenzutreffen. Der hatte ihn mit noch zwei 225 andern Aerzten bekannt gemacht, man hatte wacker gefachsimpelt, aber den Berliner Arzt wie den überlegenen Meister behandelt.

Er war in allerbester Laune, als er zurückfuhr, und dabei faßte ihn, als er sich auf dem kleinen Dampfer einen stillen Platz gesucht hatte, eine plötzliche brennende Sehnsucht nach Vilma, halb geistiger, halb seelischer Art, als wenn sie es sei, die unter allen seinen Bestrebungen das allertiefste innerliche Verständnis entgegenbrächte. Er war doch ein glücklicher Mann! Hier die schmeichelhafte Hochachtung seiner Kollegen, die ihm wie ein Symptom der allgemeinen Achtung der ärztlichen Welt erschien, dort ein junges Weib, das aus Liebe zu ihm über sich selbst emporwuchs. Er fühlte sich so zu ihr gehörig, daß es ihm ganz unmöglich erschien, sie aus seinem Leben fortzudenken.

Fast war es ihm eine Enttäuschung, daß er nicht ihre weiße Gestalt auf dem Balkon der Villa Laguna erblickte, wo sie ihn sonst zu erwarten pflegte, ganz gleich, wann er kam; Schmollen über eine Verspätung kannte sie nicht.

Als er die Stubenthür öffnete, fuhr sie vom Schreibtisch empor und bekam einen roten Kopf. »Jetzt schon, Felix? So früh hatte ich dich nicht erwartet.«

»Nun erlaube mal, das ist nicht gerade schmeichelhaft für mich. Ich dachte, ich müßte deine 226 Nachsicht erbitten für die Verspätung, und statt dessen –« sagte er ein bißchen verstimmt.

Da flog sie ihm an den Hals und barg, verlegen lachend, den Kopf an seiner Brust. »Ja, aber nun bist du da – war's hübsch in Venedig? Hat man meinem Liebsten wieder viel Weihrauch gestreut? Ah – mir ist's, als ob ich ihn noch in deinen Rockfalten röche. Das ist ja das allerfeinste Parfüm, daran labe ich mich.«

»Du bist total verdreht«, lachte er und hielt sie mit beiden gestreckten Armen von sich, um sich an ihrem Anblick zu weiden; die Genugthuung über ihre Verdrehtheit lag in seiner Stimme. »Was hat denn mein Schatz die Zeit über angefangen? Klavier gespielt? Geschrieben? Darf man das nicht einmal sehen?«

Im Nu saß sie vor dem Schreibtisch und legte, wie ein Schulmädchen, das beim Abschreiben ertappt wird, beide Ellbogen breit über das Geschriebene, und ihre Augen suchten unter gesenkter Stirn hervor schelmisch die seinen. »Ich schäme mich, Felix, furchtbar.«

»Aber Liebchen!«

»Du wirst mich auslachen – ich bin keine Dichterin, aber die Verse kamen mir so plötzlich, fast von selbst.«

»Verse? So, so.«

Sie widerstrebte nur wenig, als er, den Arm um ihren Nacken gelegt das Blatt unter ihrem Arm 227 fortzog. »Du wirst mich auslachen – sicher«, wiederholte sie.

Ueber ihre Schulter gebeugt las der Doktor:

Im Abendschlummer liegt dahingesunken
Der schweigenden Lagune blasse Flut.
Ein zitternd Heer von letzten Sonnenfunken
Küßt ihre Stirn zu purpurfarbener Glut.
    Küsse auch Du mich, Liebster!

San Marco sendet seine Glockenklänge
Wie aus vergessenen Welten zu uns her –
Von jener Stadt der Freuden, der Gesänge,
Des lauten Lebens scheidet uns das Meer.
    Küsse, küsse mich, Liebster.

Der Sel'gen Eiland dünkt uns dies Gelände,
Der Lido wird zum stillen Zauberhain;
Ich sehe Dich, ich halte Deine Hände,
Die Welt versinkt – mit Dir bin ich allein.
    Küsse, küsse mich, Liebster.

Kein Flüstern in den sommermüden Bäumen –
Vom Gärtchen nur, vom Sommer ausgebleicht,
Sirrt es in unser weltentrücktes Träumen:
Des Schnitters Ton, der seine Sense streicht.
    Küsse mich rasch, mein Liebster!

»Kind«, rief der Doktor, ganz verwundert, »das hätte ich ja gar nicht in dir gesucht, das ist ja famos, wirklich wunderhübsch, wenn man hier und da noch ein bißchen ausfeilte, könnte das überall bestehen – du bist wirklich eine Dichterin.«

228 Wäre Vilma Felix weniger ergeben gewesen, so würde es sie wohl verletzt haben, daß er in der Ueberraschung über ihr neuentdecktes Talent den heißen Inhalt der Verse gar nicht beachtete. In ihrer überschwänglichen Liebe war ihr jedoch alles, was er that, recht.

»Eine Dilettantin, Felix. In allem. Nun pfusche ich wieder hier hinein – als wenn meine Musik nicht genügte!«

»Das ist der Reichtum italienischen Kunstschaffens, der auf dich gekommen ist, du weißt, die Meister der Renaissance waren auch nicht einseitig, Michel Angelo bewährte sich als Maler, Bildhauer, Architekt und Dichter in einem, und Leonardo da Vinci – –«

»Du Spötter! Weißt du übrigens, wie es kam? Der Padrone schnitt für seine Ziege ein paar Hände voll Gras, und der eigentümlich sirrende Ton der Sichel, es war noch nicht einmal eine Sense, brachte mir den Gedanken.«

Noch einmal lasen sie, Stirn an Stirn gelehnt, Vilmas Verse, an denen sie jetzt, nun sie dem Geliebten gefielen, eine kindische Freude hatte.

»Küsse mich rasch, mein Liebster!« wiederholte sie die letzte Reihe und hielt ihm den Mund entgegen.

Er küßte gierig die blühenden Lippen und drückte den zarten Körper, der ihm entgegenstrebte, an sich. Dabei kam ihm wieder das zwingende Gefühl, daß es unmöglich sei, sich je von diesem Mädchen zu trennen. Dieses Liebesgefühl, vermischt mit seinem starken 229 Herrenbewußtsein, ausführen zu können, was ihm gutdünkte, riß ihn fort zu etwas Unüberlegtem.

»Vilma – ich werde mich von meiner Frau scheiden – –.«

»Felix!«

»Du bist meine Frau, das Weib, das zu mir gehört, du sollst es auch ganz werden. Ella wird vernünftig genug sein, sich zu fügen.«

In klaren Worten das, was er ein paar Tage zuvor in der Markuskirche angedeutet. Wiederum nicht die Frucht der Erwägung, nur ein plötzlicher Impuls aus einer Stimmung heraus und dennoch sein vollster Ernst – für den Augenblick wenigstens.

Er fing sogar in seiner rasch entschlossenen Art an, Pläne zu machen, auseinanderzusetzen, wie alles werden sollte.

Vilma hörte ihm ganz ruhig zu, mit einem besonderen Ausdruck auf dem nun wieder blassen Gesicht.

»Geliebter Träumer«, flüsterte sie, nachdem er geendet und zog seinen Kopf zu sich hernieder. »Das ist ein hübsches Märchen, für das ich dir aus tiefster Seele danke. Aber ich will nur für dich vernünftig sein. Was du vorschlägst ist unausführbar – du würdest es dir selbst sagen, wenn du zu klarer Besinnung kommst – und auch unnötig.«

»Unnötig? Warum unnötig, Vilma?«

»Weil ich dir so wie so gehöre, mit Leib und Seele gehöre, so lange ich lebe – aber das ist nicht mehr lange. Ich höre die Sense schon sirren.«

230 Wieder dieses Kokettieren mit dem Tode! Was sie nur darunter sucht? Ist es ein Trick, um ihn durch das Mitleid noch fester an sich zu ketten?

Im nächsten Augenblick verwirft er diesen Gedanken wieder. Vilma ist exaltiert, aber keine Komödiantin. Außerdem hat er ihr soeben geboten, was ein Mann nur zu bieten hat, sie brauchte nur zuzugreifen, und hat es abgelehnt. So ernst es ihm vor zwei Minuten gewesen, so fällt ihm jetzt doch ein Stein vom Herzen: das Peinliche einer Ehescheidung – Termine – Zeit- und Geldverlust – die Kinder – vielleicht ein ungünstiger Rückschlag der Affaire auf seine Praxis – wie glücklich sich das nun löst. Das ist doch die wahre Liebe eines Weibes, ihm das alles zu ersparen und ihm weiter in köstlicher, freier Liebe anzugehören. Die Dankbarkeit für so viel Großmut machte ihn weich.

»Süße, mein geliebtes Weib du«, sagte er zärtlich, »das sind Hirngespinste, mit denen du dich ganz grundlos quälst. Du hast noch ein langes, gesundes Leben vor dir, Liebste.«

»Doch nicht, ich weiß bestimmt, daß ich bald sterben muß. Darum habe ich mich dir ja so ganz geschenkt.«

Der Doktor setzte sich neben sie und nahm ihre Hand. »Wenn das der Grund deiner Hingabe gewesen, so muß ich für diese Täuschung dankbar sein, selbst wenn du dich damit gequält hast. Nun aber höre: wirst du mir nicht Glauben schenken, wenn ich 231 als Arzt dir auf meine Ehre versichere, daß nicht die geringste Ursache zu Besorgnissen vorliegt? Du bist organisch so gesund wie irgend wer, du kannst hundert Jahre alt werden.«

»Aber der Düsseldorfer Geheimrat hat mich doch darauf vorbereitet, daß ich bald sterben würde«, stammelte Vilma.

»Mit klaren Worten? Hat er dir das wirklich gesagt, Liebste?«

»Ja, wenn auch mit der Schonung, die gegen Kranke geübt wird.«

»Nun so sage ich dir, dieser alte Herr ist entweder ein Ignorant, oder er hat dich nur bange machen wollen, um dich zur Vorsicht zu ermahnen. Ich aber kenne dich besser, auch ohne Untersuchung, ich habe mein Liebstes, das ich mir erhalten will, nun einen Monat lang auf das genaueste beobachtet und weiß Bescheid. Dich quält nichts, als eine chronische nervöse Störung, durch starkes Arbeiten und dein unruhiges Künstlerleben hervorgerufen. Frage dich doch selbst, ob du jetzt, wo du glücklich und in Ruhe lebst, dich nicht viel wohler fühlst? Noch einmal vier solcher Wochen, und du würdest ganz gesund sein.«

Vilmas Antlitz war fahl geworden. Sie konnte nicht an dem zweifeln, was der Doktor sagte, zudem hatte sie in der letzten Zeit sich selbst schon über ihr Wohlbefinden gewundert. Hiermit fiel ihre Theorie, 232 ihre Sündlosigkeit. Ein heißes, unklares Schuldgefühl, das sie zittern machte, wurde in ihr wach.

Ihr Freund nahm es für die übergroße Erregung einer Erlösten und redete ihr gut zu. »Mein Liebling, jetzt fängt für dich erst das wahre Leben an; ich Barbar, der ich neben dir hergegangen bin, ohne zu ahnen, wie die Todesangst immer an dir nagte, wie gut hätte ich dich schon vor Wochen beruhigen können. Mein Armes, Liebes, sei glücklich! Nun kommen erst in Wirklichkeit die goldenen Tage für dich«, rief er in enthusiastischer Freude, während er sie auf den Knieen hielt und ihren Oberkörper an sich drückte. Dabei fühlte er, wie nun wieder ihr Herz stärker klopfte, als er es auf der ganzen Reise bemerkt hatte. »Sie ist doch nervöser, als ich gedacht habe«, sagte er sich. »Das kommt von ihrer schiefen Stellung. Eine reguläre Heirat würde sie vollständig kurieren – – –«

Da wurde an der Thür geklopft, und als der Doktor öffnete, stand dort die Padrona mit ihrem breiten, lächelnden Gesicht und reichte ein Telegramm hinein.

Noch ehe sie es eröffnet hatten, wußten Felix und Vilma ganz genau, was es enthielt.

Das Signal, das ihn aus dem Venusberg hinausrief.

Mit dem Liebesrausch war es vorbei, der Doktor zog rasch die Uhr. »Es ist möglich, daß ich den 233 Abendzug noch erreiche, wenn wir uns sehr beeilen, aber du mußt mir tüchtig packen helfen, Vilma.«

Ihre angstvollen Augen folgten seinen Bewegungen. Jetzt schluchzte sie auf und klammerte sich an ihn. »Nicht heute, Felix, nicht heute, warte bis morgen früh.«

»Aber Liebe, du weißt doch, was mich ruft.«

»Wir werden nicht fertig, deine Sachen sind überall zerstreut, welche bei dir, welche bei mir, wir können sie nicht so rasch zusammenfinden.«

»Ist das wirklich der einzige Grund, Vilma?«

»Nein«, hauchte sie und wurde rot. »Geh nicht so plötzlich, ohne Abschied, Felix – ich muß mich erst an den Gedanken gewöhnen.«

Schon in der ersten Zeit ihrer Reise war ganz genau verabredet worden, wie alles einzurichten sei, wenn die plötzliche Nachricht, daß Beyer-Waldau sich wieder in Berlin eingestellt, den Doktor zurückrufe. Vilma sollte nicht mit ihm reisen, damit ihn in der letzten Zeit vor der Operation nichts ablenke, erst wenn alles glücklich vorüber, sollte sie zurückkommen – als Belohnung für seine That. Inzwischen wird sie auf dem Lido gut aufgehoben sein, sie hat sich gut eingewöhnt, sie hat ihre Musik, ihre Bücher, die Venetianer Kunstschätze, sie wird ihm schreiben, oft und ausführlich schreiben, damit sie sich bis zu ihrem Wiedersehen nicht fremd werden – –

Einem hastigen Zusammensuchen und Einpacken folgte ein ruhiger Abend am Meere.

234 Am liebsten hätte Vilma mit dem Freunde noch einmal alle jenen stillen Winkel auf dem Lido aufgesucht, die von so glücklichen Erinnerungen umflattert waren, hätte mit ihm Hand in Hand dagesessen, schweigend oder von ihrer Liebe redend.

Aus ihm aber sprach jetzt nur der Arzt. Da stand nun wieder das Ziel seines Ehrgeizes vor ihm, jetzt zum Greifen nahe. Es war ihm unmöglich, von etwas anderem zu sprechen, einen anderen Gedanken festzuhalten; Vilma konnte sich an diesem letzten Abend noch einmal in der Rolle der verständigen Zuhörerin bewähren.

Und nicht viel besser erging es ihr am anderen Morgen.

Sie saß neben ihm in der Gondel, die ihn zum Bahnhof bringen sollte, und preßte seine Hand in leidenschaftlichem Schmerze.

Hier alle diese Schönheit um sie her wird versinken, wenn er nicht mehr bei ihr ist – eine halbe Stunde bis zum Abgang des Zuges, was hat man sich noch alles zu sagen, was zu fühlen, wenn man sich wortlos aneinanderdrückt – –

Und dabei sieht sie, wie ihr Freund mit den Augen die Gepäckstücke überzählt, wie er das Portemonnaie öffnet, um sich zu überzeugen, daß er auch genügend Kleingeld für den Gondolier bei sich hat.

Sie stehen zusammen auf dem Bahnsteig und erwarten den Zug, Vilma in einer starren Verzweiflung, die sie nicht mehr denken, nur noch die 235 Minuten zählen läßt. Wenn der Zug nun aus der Halle braust! – Dahinter klafft ein schwarzer Abgrund, über den sie nicht fort kann.

»Ich habe dir ein Billet nach Verona genommen, weil ich denke, du wirst mir noch soweit das Geleit geben wollen«, sagt da im letzten Augenblick der Doktor, stolz auf seine überraschende Idee.

Vilma sieht ungläubig auf das Billet, das er ihr in die Hand drückt. »Ach, du – du bist grausam in deiner Güte«, und dennoch fliegt es wie Sonnenschein über ihr Gesichtchen.

Nun sitzen sie in dem überfüllten Coupé aneinandergedrückt und halten sich bei den Händen. Um sie herum lacht und schwatzt es unermüdlich. Die Anstrengung der Stimmen, um gegen das Klappern des Zuges aufzukommen, vermischt sich damit zu einem starken komplizierten Geräusch, das auf die Nerven fällt. Auf dem gewaltigen, eine Stunde langen Damme, der Venedig mit dem Festlande verbindet, saust der Zug dahin, zu beiden Seiten graues Wasser, es ist als ob die Lokomotive wie ein Schiff die Wasserfläche durchschnitte.

Welche unnötige Qual! Da denkt man nun, es recht gut zu machen und verpfuscht es nur, denkt Dr. Jentsch, dessen Gedanken zwischen Vilma und Berlin hin- und herpendeln. Ein solcher hinausgezerrter Abschied hat fast etwas Komisches, er steigert den Abschiedsschmerz auf eine unnatürliche Höhe, die im Mißverhältnis zu der Trennung selbst steht. Es 236 ist doch keine Tragödie, sich adieu zu sagen, wenn man nach vier Wochen sich wieder guten Tag sagen wird!

Vilma spricht nichts, aber ihre Hand, die kalt und leblos in der seinen liegt, sagt ihm, was ihre Seele leidet, wenn auch nicht das eine, daß sie fühlt, wie er ihr schon jetzt nicht mehr gehört.

»Kopf oben, Liebchen! In ein paar Wochen haben wir uns wieder«, flüstert er ihr tröstend zwischen den letzten Küssen zu, aber er ist nicht sicher, ob sie es gehört hat, so starr sieht sie geradeaus.

Mit trockenen Augen folgt sie dem Zuge. »Es hilft doch nichts, sich auch nur einen Tag ertrotzen zu wollen, wenn das Glück einmal den Finger erhoben hat: Nun ist's genug«, denkt sie. »Wären wir doch gestern auseinander gegangen.«

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.