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Dilettanten des Lasters

Clara Blüthgen: Dilettanten des Lasters - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDilettanten des Lasters
authorClara Blüthgen
firstpub1902
year1902
publisherHermann Seemann Nachfolger
addressLeipzig
titleDilettanten des Lasters
pages294
created20090103
sendergerd.bouillon@t-online.de
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186 XI.

Am Pfingstsonntag fand wirklich in Quedlinburg Lotte Rienackers Hochzeit mit dem Oberlehrer Dr. Richard Menzel statt.

Wäre nicht zufällig des Doktors Bestallung zum fest angestellten Gymnasiallehrer erfolgt, so würde er wahrscheinlich auch ohne diese seine Braut zu einer Hochzeit auf ziemlich ungewisse Zukunftsaussichten hin gezwungen haben.

Bei seinem letzten Berliner Besuch war es ihm, als ob er plötzlich sehend würde, und vor allem war es der Abend bei Dr. Jentsch, der ihm die Binde von den Augen nahm. Wie kam Lotte, seine Braut, seine langjährige Liebe, unter alle diese Menschen? Was that sie auf diesem Diner, das zum mindesten so viel gekostet hatte, wie sein Gehalt in einem Vierteljahre ausmachte? Daß sie dort gewesen, und daß auch er durch sie dort mit zugelassen gewesen, schmeichelte zwar seiner Eitelkeit mächtig, dennoch mißbilligte er das Ganze, und es machte ihn besorgt. Sie muß sich verwöhnen, untauglich für kleine Verhältnisse werden. Und dann der Ton in diesen Mädchenkreisen. Man 187 hatte sich, ihm zu Gefallen, bedeutend gemäßigt, früher hatte er es für echt und für das dort Uebliche gehalten – jetzt horchte er schärfer zu und es war ihm aus einigen unbewachten Aeußerungen klar geworden, wie man dort wohl für gewöhnlich sprach. Seine Lotte, die es ihm damals vor sechs Jahren durch ihre scheue Mädchenhaftigkeit angethan hatte – was war jetzt schon aus ihr geworden. Noch ein Jahr länger, und sie würde ein für allemal für Quedlinburg, sowie für ihn selbst verdorben sein. Deshalb ein schneller Entschluß – –

Die alte Stadt Heinrich des Voglers präsentierte sich auf das Beste. Die großartigen gärtnerischen Kulturen, die Quedlinburg jetzt seinen Charakter verleihen, standen in vollster Blüte. Unabsehbare Blütenfelder, rot, gelb, orange, blau und violett, Blüte an Blüte gereiht, so daß sich eine leuchtend farbige Fläche bildete, breiteten sich um die ganze Stadt – ein blühender Riesenteppich zum festlichen Empfange der Braut. Ueber den stillen Straßen, den alten Bauwerken mit ihrer historischen Vergangenheit, schwebte der Duft dieser Milliarden Blüten, zumeist der Reseda, die hier in unendlichen Mengen gebaut wird.

Die vier Freundinnen waren freudig überrascht, als der Zug sich der Stadt näherte, als das auf dem Berge, wie auf einem Sockel aufgebaute Schloß sichtbar wurde, das dem, durch Julius Wolff so populär gewordenen »Raubgrafen« zum Wohnsitz gedient, in 188 dessen mit Salpeter durchsetzten Steingewölbe Aurora von Königsmarck in unvergänglicher Lebensfrische schlummert. Rechts davon der Münzenberg, eine Ansiedelung von winzigen Hütten auf einem Bergkegel angeklebt wie Schwalbennester. Es haust dort eine böse Gesellschaft, hauptsächlich Musikanten, die die ganze Gegend mit Straßenmusik versorgen; man sagt, daß, wenn ein Kind geboren ist, der Vater es aus dem Fenster hält und ihm die Stadt zeigt: Sieh, das gehört nun alles dir – eine Aufforderung, es mit fremdem Eigentum nicht zu genau zu nehmen. Hinter der Stadt die Bergkette des Harzes, dunkelgrünviolette Tannenwaldungen mit mächtigen schroffen Felsen durchsetzt.

Die Sonne lag über der Gegend, und der Himmel war durchsichtig blau – es war das echte, rechte Hochzeitswetter.

»Das ist ja ein kleines Paradies, hier wird es sich schon leben lassen«, sagte Vilma aufmunternd zu Lotte, die während der ganzen Fahrt schweigsam gewesen war und auch jetzt recht blaß und gedrückt dasaß.

»Man könnte dich beneiden, Lotte, um dieses köstliche Ausruhen, das es hier gegen Berlin sein wird.«

»Wir wollen uns doch nichts weismachen«, erwiderte Lotte in recht unbräutlicher Stimmung, »man lebt ja doch nicht mit der Natur, die ist einem gleichgültig, nur mit den Menschen, und vor denen graut mir. Und was das Ausruhen betrifft – das haben 189 wir ja längst verlernt. Wir geben uns zwar den Anschein, als ob wir danach verlangten, und schließlich können wir es doch nur in der Hetze aushalten, an die wir uns einmal gewöhnt haben. Kinder, ich bereite euch schon jetzt darauf vor: in einem Vierteljahr spätestens habt ihr mich wieder in Berlin.«

»Dann hättest du lieber gar nicht weggehen sollen«, warf Martha Ihring ganz logisch ein, die sich durchaus nicht mit dem Gedanken vertraut machen konnte, daß ihre gemeinschaftliche Wirtschaft nun für immer ein Ende haben sollte. »Ach Lotte, deine Abtrünnigkeit gegen mich ist gar nicht zu vergeben. Was soll nun aus mir werden?«

»Du nimmst Mia Bernhardt in die Wohnung, wie du es dir vorgenommen hast; zur Warnung, damit du in deiner Einsamkeit nicht auf böse Gedanken kommst.«

»Es sollte polizeilich unzulässig sein, daß von unserem Vierblatt sich nur eine einzige verheiratet. Entweder alle oder keine.«

»Ich opfere mich für euch alle mit dem Versuch. Aber jetzt eure holdseligen Gesichter, Kinder – dort steht meine Schwiegermutter – und dort ist meine Schwester – –«

Sie grüßte aus dem Fenster, während der Zug in den Bahnhof einfuhr und winkte mit der Hand.

Dann gab es ein großes Begrüßen und Austauschen von liebenswürdigen Phrasen, ein Händeschütteln und Umarmen. Die drei Brautjungfern 190 waren von einer ehrerbietigen Liebenswürdigkeit gegen die alte Dame, Lotte erschien ganz als die befriedigte Braut, die nun endlich nach langem Hoffen und Harren an das ersehnte Ziel gelangt ist.

Lotte, ihre Schwester und ihre Schwiegermutter waren zusammen in der Familie eines Oberlehrers untergebracht, die drei Freundinnen, jede für sich, in den Familien anderer Kollegen des Bräutigams. Da Dr. Menzel bei seinem Direktor gut angeschrieben war, hatte man ihm für die Polterabendfeier die Aula des Gymnasiums zur Verfügung gestellt, das Hochzeitsdiner fand im »Bären« statt, dem ältesten und feudalsten Hotel der Stadt.

Für den Polterabend hatten die drei Berlinerinnen sich mit einer großen Festdichtung angestrengt, »Das Zukunftsweib«, das die Stellung der Frau als wirkliche Gehilfin und gleichstrebende Gefährtin des Mannes behandelte, ein Werk, das ihnen außerordentlich brav vorkam, das viel beklatscht, aber hinterher im engeren Kreise als »doch allzu modern« mißbilligend abgethan wurde. Auch die Toiletten der Mädchen, die Ausschnitte, obgleich sie züchtig mit Krepp verschleiert waren, die Frisuren, die trotz aller angestrebten Milderung weit über das für die Gesellschaft bei Dr. Jentsch geleistete hinausgingen, erregten Anstoß, das einzige, das unbedingt Gnade fand, war Vilmas Klavierspiel, zu dem sie sich im Verlauf des Abends bestimmen ließ. Von beiden Seiten war gewiß der beste Wille vorhanden, ein Kompromiß zu schließen, 191 aber die Parteien waren eben untereinander so grundverschieden, daß dieses Bestreben von vornherein als verlorene Liebesmühe erschien. Arme Lotte Rienacker!

Sie selbst war als Braut auch nicht ganz so, wie eine Braut eigentlich sein muß. Sie weinte nicht, war nicht einmal von sanfter, verschwommener bräutlicher Rührung erfaßt, sondern hörte sehr aufmerksam die Rede des Pastors an, und als er davon sprach, wie gütig der liebe Gott es nun gefügt, daß er der Braut, die nach dem Tode der Eltern so lange allein und schutzlos in der rauhen Welt dagestanden, nun das Glück eines eigenen Herdes beschere, sie unter den liebenden Schutz eines hochgebildeten Mannes stellen wolle, zuckte es ein bißchen um ihre Lippen und die schwarzen Wimpern senkten sich tief auf die blassen Wangen – –

»So, das wäre glücklich überstanden«, seufzte Lotte, nachdem das Diner vorüber war, und Vilma begann, ihr das weißseidene, hinten geschlossene Prinzeßkleid aufzuhaken. Mit dem Neunuhrzuge wollte das junge Paar nach Thale abdampfen, um wenigstens noch zwei Tage Hochzeitsreise im Harz zu genießen. Dazu langte es gerade noch, trotz Lottes Generösität gegen Mia, und gegen die Reise an sich hatte sich mit vernünftigen Gründen nichts einwenden lassen. So hatte Lotte sich denn gefügt. »Erinnerst du dich noch daran, wie Dr. Jentsch uns einmal gestand, auf der Welt gäbe es nichts Langweiligeres, als die eigene Hochzeit? Bitte, das Band da unter dem 192 Taillenschluß, das mußt du vorsichtig aufknoten – so – danke – Ja, damals waren wir entrüstet, aber der Mann hat recht.«

Vilma hatte sich bei ihren Hilfeleistungen gebückt, als sie sich wieder aufrichtete war ihr Gesicht gerötet.

»Du solltest nun wirklich deine herbe Art, die du jetzt nur aus Trotz noch mehr verschärfst, fortlassen«, sagte sie. »Es liegt doch Wahrheit in den Gemeinplätzen, die dein Traupastor zum besten gegeben hat. Ja, Lotte, es ist etwas, aus Liebe ganz zu einem Menschen zu gehören, sich ihm hinzugeben, und es ist auch etwas um den Schutz des eigenen Heims, des legitimen Namens. Unterschätze es nicht, was du gewonnen hast, du mußt glücklich sein, Lotte, du mußt

Sie hatte in einem so tiefen Ton der Trauer gesprochen, daß die Braut, die inzwischen ein einfaches Reisekleid aus dunkelblauer Serge angelegt hatte, und eben den Gürtel schloß, überrascht aufsah.

»Was fällt dir ein?« sagte sie. »Eben dieses legitime Dürfen und Müssen ist's, was mich abstößt. Liebe sollte unter allen Umständen frei sein. Ein freies Geschenk. Das wäre das Köstlichste.«

Aus dem Festsaal schallte Gläserklingen und Hochrufen. Noch zuguterletzt schien sich unter der Wirkung eines verspäteten Toastes die Stimmung zu freierer Lustigkeit entwickelt zu haben.

»Das gilt mir«, sagte Lotte aufhorchend. »Sie 193 trinken darauf, daß ich nun eine Leibeigene geworden bin – das verlohnt freilich, um mit Hochrufen und wohlfeilem Kaisersekt gefeiert zu werden – – Vilma, Liebes, was ist dir? Denkst du, du mußt für die Rührung sorgen, die ich euch schuldig geblieben bin?«

Auf einem Stuhl am Tische saß Vilma, hatte die Arme langgestreckt auf die Platte und den Kopf auf die Arme gelegt und weinte. Es wurde kaum ein Ton laut, aber das Zucken ihrer schmächtigen Schultern, und die zitternde Bewegung, die durch ihren Körper bis zum Kleidersaume niederlief, sprach erschütternder als ein lautes Schluchzen.

Lotte beugte sich zu ihr nieder und versuchte, ihren Kopf aufzurichten. »Um Gottes willen, Vilma, was soll denn das? Ist wieder etwas mit deinem Herzen in Unordnung?« fragte sie besorgt.

Aber Vilma machte nur eine abwehrende Bewegung mit den Schultern, und der Krampf, der sie schüttelte, verstärkte sich.

»Vilma!« rief Lotte in plötzlichem Verstehen entsetzt und kniete neben der Freundin nieder. »Vilma! Ist es wahr?«

»Frage mich nichts«, sagte Vilma tonlos und verharrte in ihrer hingesunkenen Stellung. Nach einer Minute hob sie den Kopf und ein seltsames Lächeln flog um ihre Lippen. »Liebe als freies Geschenk ist doch das Köstlichste? War es nicht so? Wo ist deine Konsequenz, Lotte?«

194 Die Freundinnen hatten die Köpfe gegeneinander gedrückt; jetzt war es Lotte, die schluchzte, während Vilmas Thränen versiegten. »Er hatte recht«, sagte endlich Lotte leise. »Wir sind nichts, als elende Dilettanten, Dilettanten des Lasters. Alles Wollen dazu liegt in uns und die Kraft zur Ausführung fehlt. Und wenn wirklich einmal eine von uns den Mut hat, das zu thun, was wir alle möchten, so schaudern wir. Das ist das Niedrige, das Verächtliche an uns. Mein Liebes, Armes, verzeihe mir, und zeige, daß du den Mut hast, wirklich glücklich zu sein.«

Ehe Vilma noch erwidern konnte, wurde an der verschlossenen Thür gerüttelt und Martha Ihrings Stimme rief: »Schnell, Lotte, dein Herr und Gebieter wartet. Es ist die höchste Zeit. Das muß ich sagen, daß die Frau Oberlehrer sich etwas reichlich Zeit für ihre Toilette gönnt.«

Es wurde ihr geöffnet und sie sah überrascht von einer zur andern. »Verzeiht, daß ich die rührende Abschiedsscene störe, ich war nicht darauf vorbereitet, hier alles in Thränen schwimmend zu finden«, meinte sie empfindlich, weil die Thränen von Lottes vermeintlichem Trennungsweh nicht ihr galten. »Nun aber fix«, und sie half Lotte in das Jackett. Noch einen Blick warf Lotte rundum durch das ungemütliche Hotelzimmer, dem ihre letzte Mädchenstunde gehört hatte. Das Gas in der Milchglasglocke flackerte noch im Luftzug der hastig geöffneten Thür, über einem der häßlichen grünen Ripssessel lag das weiße Brautkleid, 195 nachlässig, wie es abgestreift worden war, Kranz und Schleier waren auf den Teppich gesunken. »Das bringst du wohl in Sicherheit, Martha?«

Dann lagen Lotte und Vilma sich in den Armen.

»Du schreibst mir, Liebes? Nach drei Tagen hier nach Quedlinburg.«

»Ja – – ich werde dieses Mal meine Sommerreise wohl früher antreten, womöglich gar nicht wieder nach Berlin zurückkehren. Martha, nehmen Sie meine paar Siebensachen in Obhut, wenn ich inzwischen meine Pension aufgebe? Sie haben ja jetzt reichlich Platz in Ihrer Wohnung – –«

Martha versprach es, ein wenig erstaunt über den plötzlichen Entschluß, aber es war keine Zeit zur Verwunderung, denn soeben wurde im Korridor die Gestalt des Oberlehrers sichtbar, der sich nun einmal selbst nach seiner jungen Frau umsehen wollte. –

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