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Dilettanten des Lasters

Clara Blüthgen: Dilettanten des Lasters - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDilettanten des Lasters
authorClara Blüthgen
firstpub1902
year1902
publisherHermann Seemann Nachfolger
addressLeipzig
titleDilettanten des Lasters
pages294
created20090103
sendergerd.bouillon@t-online.de
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178 X.

Ungefähr zur gleichen Zeit, in der Beyer-Waldau seinen Leib der Wissenschaft verkaufte, saßen in Hanna von Lietzows kleinem grünen Empfangssalon vier Mädchen bei einander und jammerten darüber, daß »doch alles zu einer Zeit zusammentreffen müsse.«

Warum mußte es dem Staate gerade jetzt einfallen, dem Oberlehrer Dr. Richard Menzel seine feste Anstellung am Quedlinburger Gymnasium für Johanni in Aussicht zu stellen, und warum mußte dieser Dr. Menzel in einer plötzlichen Herrenlaune darauf bestehen, schon in den Pfingstferien Lotte Rienacker heiraten zu wollen, d. h. genau zur Zeit, wo die vorschriftsmäßigen drei Wochen für das öffentliche Aushängen des aufgebotenen Brautpaares herum waren.

Man will doch eine so langjährige Freundin nicht so ohne Sang und Klang in die Ehe gehen lassen, will genügende Zeit für seine Vorbereitungen haben – ganz Quedlinburg soll staunen, was solche Berliner Damen zu stande bringen werden. – Das war noch das Vernünftige an der Sache, daß die Hochzeit in 179 Quedlinburg stattfinden sollte, und Schwiegermama Menzel sich nicht darauf gesteift hatte, die ganze Gesellschaft nach Burg zu lotsen. – Nun aber dazu noch diese andere Geschichte!

»Lassen wir meine Hochzeit, die hat ja noch drei Wochen Zeit, Mia Bernhardts Angelegenheit ist dagegen eilig«, entschied Lotte Rienacker und zog bei dem Worte »Hochzeit« ein Gesicht, als ob sie etwas Saures verschluckt hätte. »Laßt uns ernsthaft überlegen, Kinder, wie wir dem armen Wesen helfen können – und wenn's möglich ist, laßt uns über die Geschichte selbst gar nicht reden.«

Ob das wirklich möglich ist unter vier Damen? Einstweilen bemühte sich jede, die »böse Geschichte« rein sachlich zu behandeln.

»Zuerst müßte man doch wissen, wieviel sie eigentlich gebraucht, um wieder flott zu werden«, meinte Hanna von Lietzow, die in keiner Lebenslage die praktische Geschäftsfrau verleugnete. »Ich fürchte, es wird nicht wenig sein.«

»Schade ist's, daß es auf den Sommer zugeht, wo alle Welt reisen will. Man könnte sonst irgend etwas in Scene setzen: Verkauf oder Verlosung von einer meiner Stickereien oder von einem alten Ladenhüter Hannas. Vilma könnte ein Konzert geben ›zum Besten einer leidenden Künstlerin‹, oder dergleichen. Es hat nur jetzt kein Mensch Geld übrig – –« schlug Martha Ihring vor.

Lotte überlegt einen Augenblick. »Alles das ist 180 so wie so unmöglich«, sagte sie dann. »Vor allem kommt es darauf an, die ganze Sache zu vertuschen. Es darf nichts, aber auch gar nichts davon in die Oeffentlichkeit dringen, Mia wäre sonst für alle Zeiten unmöglich, mit ihren Stunden wäre es aus. Nein, Kinder, was wir thun wollen, müssen wir aus eigenen Kräften thun, jede nach ihren Verhältnissen. Freilich heißt es dabei, einen tiefen Griff in die eigene Tasche thun.«

»Jedenfalls sind Sie davon ausgeschlossen, Lotte«, sagte Hanna von Lietzow. »Eine Braut, die so dicht vor der Hochzeit steht, soll man nicht zehnten. Sie werden mit Ihren eigenen Anschaffungen genug zu thun haben.«

»Wo denken Sie hin, Hanna! Sie unterschätzen mich, Richard und ich, wir sind ja beide glückliche Möbelbesitzer und meinen Wäschebestand ergänzt Schwiegermama aus ihren eigenen gediegenen Vorräten. Meine Wirtschaft wird niemals an Handtüchern Not leiden. Ich habe da gerade für einen längeren Nachdruck unvermutet etwas eingenommen – das soll zuerst der Freundschaft geopfert werden. Viel ist's zwar nicht, aber ich schaffe wohl noch anderes.«

»Deine Hochzeitsreise giebst du hin? – Ach Lotte!« fragte Vilma leise.

»Schweig doch, du Schäfchen, – meinst du, daß ich mich deswegen bewundern lassen will?« entgegnete diese ebenso leise. »Wer weiß, ob's ein Opfer ist? 181 Dieses gezwungene en deux sein zu müssen denke ich mir entsetzlich – man spricht sich da schon für die nächsten fünfundzwanzig Jahre vorweg aus. Kennst du die Geschichte von Niemeyers? Er hatte sich ein reizendes Frauchen geheiratet, die alle Welt sehr nett fand. Nach dreitägiger Hochzeitsreise telegraphierte er aber an einen Freund – ich will ihn nicht nennen –: Komm schnell, wenn Du nicht willst, daß ich vor Langerweile sterbe, und mache unsere Hochzeitsreise mit – nun, und von da ab war die Hochzeitsreise gar nicht mehr langweilig.«

»Lotte, du bist unverbesserlich – und doch möchte ich so gerne, daß du dich bekehrtest«, sagte Vilma und sah lächelnd vor sich hin.

Inzwischen hatte Martha mit Hanna an deren Schreibtisch ernsthaft verhandelt. »Gottlob, daß die ›Unschuld‹ verkauft ist; ich habe zwar bis jetzt nur eine Anzahlung auf die Stickerei gekriegt, denke aber den Rest ernsthaft einzutreiben. Auf mich könnt ihr also rechnen«, versprach Martha.

»Ich gebe, was mir von meinem Düsseldorfer Konzert noch übrig geblieben ist«, rief Vilma dazwischen.

»Und ich«, sagte Hanna, die nun aus dem gebrechlichen grünen Schreibtisch ein sehr ernsthaft aussehendes Kontobuch genommen, und darin geblättert hatte, »ich stifte – – aber nein, ich will die Summe gar nicht nennen, ihr glaubt sonst, ich wollte protzen. Gottlob, daß ich's kann – Handwerk hat nun mal 182 einen goldenen Boden. Das bringt also zusammen nach meinem ungefähren Ueberschlag – –« Sie nahm Papier und Bleistift und begann zu rechnen. – »Na, ja, es wird das Loch nicht stopfen, aber doch, wenn wir's richtig anfangen, das arme Wesen eine Weile über Wasser halten. Nun mal vernünftig, ihr Lieben, und die Gedanken zusammengenommen – wie greifen wir die Sache am besten an?«

Und diese vier tüchtigen und gutherzigen Mädchen überlegten auf das ernsthafteste, wie sie der bedrängten Freundin aus der Not helfen und weiter für sie sorgen wollten. Sie gaben ihre Ersparnisse hin, als wäre dies das Selbstverständliche, keine drängte sich in den Vordergrund, keine erwartete Dank oder Bewunderung. Ihrer schlichten Tüchtigkeit erschien es nur natürlich, zu helfen, wo Not am Mann war. Man hätte in diesem Moment kaum glauben mögen, daß dies dieselben Mädchen seien, die es so oft darauf anzulegen schienen, sich in Mißkredit zu bringen, mit der Hinneigung zu Lastern zu kokettieren, die ihrer Natur vollkommen fremd waren.

»Wie war Mia? Du warst ja doch bei ihr?« wandte sich Vilma endlich an Lotte Rienacker.

»Wie sollte sie sein? Fertig. Vernichtet. Ist es denn auch nicht die jämmerlichste Tragikomödie, die sich denken läßt, wenn solches Wesen, das sich sein ganzes Leben lang anständig und fleißig durchgeschlagen hat, sich nun zum Schlusse an solchen grünen Jungen – – ach, man mag gar nicht daran denken. 183 Für sich hat sie in der letzten Zeit um den Groschen gerechnet, um dem Bengel seine Anzüge bei Roman bauen zu lassen und seine Passionen zu bezahlen – und das Jüngelchen nimmt das einfach hin, und nachdem er sie so ausgesogen, daß nichts mehr zu holen, verduftet er. Es ist noch ein Wunder, daß er nicht zuguterletzt ihren Schreibtisch erbrochen, und ihre Ringe mitgenommen hat.«

»Was ist das für eine Welt! Man sollte die Männer peitschen, alle miteinander«, grollte Martha Ihring, die von den Männern womöglich noch weniger wußte als die andern, und sich für diese Vernachlässigung gern mit starken Worten rächte.

»Und wenn nun wirklich niemand davon erfährt, als wir, wird Mia vor sich selbst jemals darüber hinwegkommen, wie unsagbar lächerlich sie sich gemacht hat?« warf Hanna ein, indem sie ihr dickes Kontobuch wieder verschloß.

»So dürft ihr das nicht auffassen, ganz gewiß nicht«, ereiferte sich Lotte. »Was Hanna als Lächerlichkeit bezeichnet, ist für mich vielmehr etwas Rührendes. Mir ist es, als wenn sich in Mia Bernhardt überhaupt die große Liebessehnsucht des Weibes, das gleichzeitig genießen und sich geben will, verkörpert hätte. Stellt euch doch nur vor, wie solch Leben verläuft: Zuerst das Studium, Arbeit und wieder Arbeit, ein Sichanstrengen über die Kräfte, um den andern zuvorzukommen, die vielleicht begabter sind als sie. Dann dieses Examen als Zeichenlehrerin, 184 das ihr eine Basis geben soll: wieder ein Arbeiten unter Hochdruck. Und so geht das weiter, das ganze Leben lang: immer der Kampf gegen die Konkurrenz, man darf sich nicht unterkriegen lassen, wenn man etwas sein will. Und Mia ist eine Schönheit gewesen, hat Eroberungen gemacht, wenn man sie auch nicht geheiratet hat. Sie hat gelesen, das Theater besucht – überall dasselbe, das Hohelied der Liebe und Leidenschaft, das ihr entgegenrauscht – alles genießt, und sie giebt Backfischen Malstunden. Und immer weiter verfließt das Leben. Zuerst wartet sie auf das ›Wunderbare‹ das doch noch, ohne ihr Zuthun kommen muß, und als es nicht kommt, wird sie mißvergnügt, dann verzweifelt: ihre letzte Blüte ist fast abgeblüht, sie soll aufhören, Weib zu sein und ist es nie gewesen. Ach, diese verzehrende Neugierde, doch wenigstens einmal ›wissen‹ zu wollen – – Kinder, hütet euch vor der Neugierde, ich bin sicher, nichts anderes, als diese gottesjämmerliche Neugier hat unsere Mia dem Jüngelchen in die Arme geworfen. Wenn diese Neugier auf dem Siedepunkt angelangt, ist eben der erste beste recht, sogar der puppenhafte, kleine Erikson. Und immerhin ist in aller Lächerlichkeit etwas Rührendes: das Ineinanderspielen von mütterlichen Instinkten und den Liebesregungen des Weibes. Und was das Schlimme: von der ganzen Affaire bleibt ihr auch nicht eine Stunde zurück, die ihr wirklich das gegeben hat, was sie davon ersehnte.«

185 »Das wird wohl allen so gehen«, sagte Martha Ihring trocken. »Alle, das ist übrigens das Schlagwort. Ist Mia, wie Lotte sie geschildert, nicht typisch? Wir alle sind Mias, wir verbrauchen alle Kraft in der Arbeit und werden alt ohne gelebt zu haben. Ich, Hanna, Vilma. Du freilich, Lotte, bist die Gebenedeite, dir werden sich nun bald alle Wunder des Wissens erschließen.«

Lottes Gesicht überflog wieder der Ausdruck, als schmecke sie etwas Unangenehmes auf der Zunge, Vilma wurde rot und Hanna von Lietzow steckte eine mißbilligende Miene auf. Man wußte, daß, als sie der Frau Dr. Jentsch ihren »Quittungsbesuch« nach deren Gesellschaft gemacht, sie dort mit Dr. Stephany zusammengetroffen, daß sie eines Sonntags mit ihm nach Wannsee geradelt war. Es schien sich etwas Ernstes anzubandeln, wenigstens hatten ihre Ansichten über die Ehe mit einem Male an Verachtung eingebüßt. Ihre kleine platonische Schwärmerei für Dr. Jentsch schien sie nun auch für eine andere Neigung aufgelockert zu haben.

»Seien wir nicht neidisch. Auch für uns ist ja noch nicht aller Tage Abend«, sagte sie. »Drei ansehnliche nette Mädchen wie wir – einem Paris müßte die Wahl schwer werden«, dabei warf sie einen koketten Blick in die Spiegeleinlagen über dem Sofa und lächelte. Sie sah wirklich allerliebst aus in diesem Moment.

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