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Dietwald Werneken

Wilhelm Jensen: Dietwald Werneken - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorWilhelm Jensen
titleDietwald Werneken
seriesAus den Tagen der Hansa
volumeBand 3
publisherH. Haeffel Verlag
printrunSechste bis achte Auflage
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20070910
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Erstes Kapitel.

Im ersten Anbeginn des zweiten Drittels des 16. Jahrhunderts war's, daß an einem Frühlingsmorgen in der Hansestadt Hamburg sich großer Volksauflauf in einer Gasse drängte. Alle Augen bestaunten einen Schauzug, obwohl er an sich nichts sonderlich Ungewohntes, noch in seiner Ausdehnung Übermäßiges darbot. Ein sehr großer und noch mehr breitwüchsiger Mann in ritterlicher Panzerrüstung ritt an der Spitze von vierzig Harnischreitern, hinter denen angehäufte Wagen mit allerhand erbeutetem, wertvollem fremdländischen Streitgut folgten. Ihm voran zogen Trompeter, laut in ihre gewundenen Metallhörner blasend, das Visier seines federüberwallten Helmes war aufgeschlagen und wies ein kraftvolles Mannesgesicht in der Mitte der dreißiger Jahre mit langem braunrotem Bart und außerordentlich lebendigfeurig blitzenden Augen. An seiner Seite gab eine Anzahl wohlbenamter Hamburger Bürger, Herr Jochim Twestreng, Cord Goldener, Tydeke Moller und andere ihm bis vors Tor hinaus das Ehrengeleit; er redete lustigen Tons weithin hörbar mit ihnen und lachte noch lauter. Überall empfing die Volksmasse ihn mit Zuruf und Jubel, dann zog er die Lippen über ein mächtiges, weiß aufglänzendes Gebiß und grüßte mit etwas ungeschlachter Armbewegung, doch schien's, als diene gerade diese dazu, das Gejauchz der Menge noch höher zu spornen. So ritt er, in den Zügen ein Gemisch von trotzigem Stolz und geschmeichelter eitler Wohlgefälligkeit, langsam dahin. Seine Gefolgschaft bedünkte wie diejenige des Reiseaufzugs eines benachbarten, von einer Fehde kehrenden Herzogs oder Grafen, doch war sein äußeres Behaben kein fürstliches, kaum das eines Ritters, höchstens gemahnte es an einen unhöfischen Landjunker, dessen Manier sich nicht erheblich von der seiner Fronbauern und Knechte unterschied. Aber ein hochfahrendes Selbstgefühl, Kühnheit und sicheres Wertbewußtsein sprachen sich darum nicht minder zuversichtlich drin aus.

Nicht bei allen auf der Gasse Befindlichen erregte sein Anblick die stürmische Begeisterung. Die, welche ihm hauptsächlich zujubelten, kennzeichnete ihre Arbeitsgewandung zumeist als Gewerksleute aller Arten, die aus ihren Werkstätten hervoreilten, um den Vorüberziehenden mit Zurufen zu begrüßen und tätig wieder an ihre Hantierung zurückzukehren. Was sich mit den Reitern bis zum Tor fortdrängte, bestand aus niederer Volksmasse, sie schrie am lautesten, aber sichtlich die meisten nur, weil ihre Nachbarn ihnen mit dem Beispiel vorangingen. Von den vornehmen Bewohnern der Stadt befanden sich wenige um die frühe Morgenzeit auf der Straße, doch wo da und dort einer der ›Junker‹ aus den reichen patrizischen Geschlechterhäusern dem Zug begegnete, schritt er achtlos, ohne den Blick darauf zu verwenden, rasch vorbei.

An einer Ecke des Horsemarktes dagegen hielt ein wenn auch nicht nach vornehmem Geschmack der Zeit aufgeputzter, doch wohlgekleideter, unverkennbar oberm Stand zugehöriger Mann den Schritt und sah mit drein. Nicht teilnahmvoll, denn er beteiligte sich nicht an dem Gelärm, auch nicht neugierig, sondern nur mit unwillkürlichem Augenaufschlag seines gleichgültig ausdrucksleer auf den waffenklirrenden Zug hinblickenden Gesichts. Er bot ein noch voll jugendliches Antlitz, ans Ende des dritten Jahrzehnts streifend, doch von ernster Schwermütigkeit überlagert. Nun wandte er den Blick und wollte sich, da das Getümmel den Platz verließ, weiter begeben, allein höflichen Grußes trat einer auf ihn zu, dem man patrizische Abstammung an modischem Gewandschnitt, Miene und Gebaren sogleich ansah. Es war Herr Hinnerk Krevet, eines Oberalten der Stadt jüngster Sohn, ungefähr gleichen Alters mit dem, welchen er ansprach:

»Habe mit Bedauernis von Eurem schweren Verluste Kenntnis erhalten, Herr Werneken, und wollte Euch schon seit geraumer Weile aufsuchen, Euch schicklich mein Beileid zu erstatten. Verhält es sich in Wirklichkeit, daß Eure Eltern und Geschwister insgesamt um den Jahresbeginn an der Krankheit, deren Namen man nicht nennt, verstorben sind?«

Der Angesprochene, Herr Dietwald Werneken, Sohn des zu Tode verblichenen Kaufherrn Reginald Werneken, sah kurz empor und erwiderte:

»Ihr habt nicht Unrichtiges vernommen, Herr Krevet, die Angehörigen meines Hauses sind im Winter alle an der Pest hingerafft worden.«

Herr Hinnerk Krevet zog die Lippe ein wenig über die unbemäntelte Namensbelegung der Krankheit, von der er angedeutet, daß man sie schicklicherweise nicht mit geradem Wort benenne, dann äußerte er rasch:

»So ist es nach der Ratschlagung Gottes Euch also widerfahren, doch verbleibet in solcher Betrübnis die Hoffnung, Ihr werdet in unserm alten herrlichen Glauben zur Getröstung darüber gelangen.«

»Verbleibt Euch solche Hoffnung?« wiederholte Dietwald Werneken mechanisch die Worte des andern, indem er ohne Ausdruck an diesem vorübersah. Aber unverkennbar berührte es ihn schmerzlich, weitere Zwiesprache über den belegten Gegenstand zu führen, seine Augen suchten nach einer Ablenkung umher und, dem an der Ecke verschwindenden Zuge nachblickend, fügte er drein:

»Kanntet Ihr den Ritter, der soeben vorbeizog?«

»Ihr nicht?«

»Nein, sonst hätte ich Euch nicht mit einer Frage bemüht,« entgegnete Dietwald Werneken und hob den Fuß, seinen Weg fortzusetzen. Sichtlich hatte er die Frage nur gestellt, um von dem Vorherigen abzubrechen, und lag ihm weder an ihrer Beantwortung, noch an Fortdauer der Unterredung. Doch Hinnerk Krevet schritt unaufgefordert neben ihm her und erwiderte:

»Müsset Euch in letzten Jahren nicht viel um Menschen und Dinge Eurer Vaterstadt bekümmert, sondern gar abgesondert Eurer Büchergelahrtheit obgelegen haben, Herr Werneken, von der man redet, daß Ihr sie neben Eurem großen Handelsgeschäft bei Nächten mit sondrem Eifer betreibt. Wenn Ihr ihn so heißen wollt, prahlt er freilich als ein Ritter mit Goldsporen und Wappenschild, doch nicht von eines christlichen Fürsten, sondern von König Heinrichs von England, des vielweiberischen Ketzers Hand.«

Der Sprecher zog diesmal mit einem Ausdruck wegwerfender Mißachtung die Oberlippe über den Zahnrand auf. Dietwald Werneken gab gleichgültig Antwort:

»Wer denn ist er und wie benamt er sich?«

»Unserer beider Vaterstadt aufgeschwollener Sohn und des gemeinen Gewerks Faustheld und Schmiederitter ist's,« entgegnete Herr Hinnerk Krevet jetzt aus hörbarem innerlichen Ingrimm, »Marx oder Markus Meyer, wie er heut vornehm seinen Namen schreibt.«

»Kenne ihn nicht, habe nur vorzeiten von einem Grobschmied des Namens zu Hamburg vernommen.«

»Ist derselbige, Herr Werneken,« fiel Hinnerk Krevet mit einem Gemisch von heftig ausbrechendem Haß und aristokratisch spöttischer Geringschätzung ein, »der noch vor drei Jahren mit Hammer und Blasebalg die Eisenröhren zur Bornmühle an der Alster selbst geschmiedet. Ist ein gar großer Held seitdem im Abend- und Morgenland geworden, hat in Friesland und Norwegen als Landsknecht und Fähndrich unter dem blutgierigen Dänenkönig Christiern dem Zweiten, dem Adelsfeind und Pöbelfreunde, zu Kopenhagen die Gunst des Lübecker Ratsherrn Jürgen Wullenweber, zeitigen ersten Burgemeisters der Stadt, erworben, wie gleich und gleich sich leichtlich zusammenfindet, so daß er von ihm als Hauptmann über die achthundert Knechte gesetzt worden, welche Lübeck dem Kaiser als Reichshülfe wider den Sultan Suleiman ins Ungarland gestellt. Ist danach zum Admiral von hansischen Orlogsschiffen aufgestiegen, hat auf eigene freche Faust Krieg mit den Burgundern begonnen und holländische Schiffe geschädigt, daß König Heinrich von England ihm zum Lohn für solches Verdienst wider seine glaubenstreuen Feinde goldene Gnadenkette und Ritterschlag verliehen. Jetzt ist der Grobschmied, um sich bei seinen ehmaligen Genossen damit zu brüsten, als stolzer Herr, aber als ein alter Freund des Volkes, zum Besuche seiner Vaterstadt gekommen, wo der Pöbel ihm als einem seines Bluts zujauchzt, und gegenwärtig reitet er mit seiner reisigen Gefolgschaft wie ein Fürst gen Lübeck, dort die junge reiche Wittib des vor zwei Jahren verstorbenen Burgemeisters Gottschalk Lunte zu freien, deren Seele der Teufel zu seiner Lust eingegeben, daß sie sich in den gemeinen Ketzer mit unehrbarem weiblichen Gelüst vernarrt hat.«

Herr Hinnerk Krevet hatte seine Mitteilung mit anwachsendem Eifer gesprochen, doch erst ihr Abschluß schien einem Interesse des Hörers zu begegnen, denn dieser versetzte:

»Ist Herr Markus Meyer lutherischer Lehre zugetan?«

Jener warf unvermerkt einen mißtrauisch spähenden Seitenblick über das Gesicht des Fragestellers und erwiderte mit Nachdruck:

»Wie das gemeine Volk allerorten, das nach Neuerung begierig ist und auf Umsturz göttlichen und irdischen Rechtes trachtet –« doch Dietwald Werneken fiel jetzt lebhafter ein:

»Solche Rede muß aus dem Munde eines Bürgers unserer Stadt befremden, Herr Krevet, denn Ihr wisset wie ich, daß nicht nur die große Mehrzahl aller Insassen Hamburgs dem protestantischen Glauben zugewandt ist, sondern bereits seit nunmehr fünf Jahren auch der Rat sich zu der gereinigten Lehre, wie man sie heißet, bekannt und Abschaffung alles römischen Gottesdienstes in den Kirchen geboten hat.«

Hinnerk Krevet dämpfte den Ton seiner Stimme mehr herab, doch die zornige Erregung war in seiner Antwort noch gestiegen:

»Und warum, Herr Werneken, ist das geschehen? Weil wir alle von den Geschlechtern, Ihr wie ich, gleich dem Rat zu schwach, unbeherzt und kurzsichtig waren, um zu erkennen, daß es sich nicht allein um den Glauben unserer Väter, sondern vielmehr um ihren Vorrang, Recht und Macht im Gemeinwesen handelte. So ist es hier gewesen, so zu Lübeck, Wismar, Rostock und Stralsund; überall haben die Gewerke die neue Lehre genutzt, um sich in die erbgesessene Bürgerschaft einzudrängen und Teil am Regiment zu erlisten. Ihr wisset auch, daß es die Gewalt der Faust war, die den Rat bei uns genötigt, zubilligende Miene zum bösen Spiel zu machen und Herrn Joachim Wullenweber hier einen Sitz unter den Oberalten einzuräumen, gleichwie sein Bruder zu Lübeck sogar in schier unglaublicher Weise durch des niedern Volks Gunst und Getobe den hochedlen Herrn Nikolaus Brömse vom Burgemeisterstuhl verdrängt hat. Das hätte zu unserer Väter Zeit und ohne des fortgelaufenen Mönches Irrlehre von der Gleichheit der Menschen nicht widerfahren können, denn die Wullenweber sind vom untern Kaufmannsstande unserer Stadt, keinem edlen Geschlechte versippt. Ich vergönne jeglichem das unschädliche Gelüst, wenn er in die Erde hineingekarrt worden, sich gleichen Rechtes mit uns für ein anderes Leben zu halten, denn ich hebe keinerlei Anspruch darauf, ein solches in Gemeinschaft von Schreinern, Schmieden und Schustern wieder zu beginnen. Aber weil das Volk aus dieser Lehre auch sein Trachten und Gleichberechtigung schöpft, solang' es noch lebendig zwischen uns die Straßen anfüllt, da ist es unsere vornehmlichste und oberste Pflicht, in sicherm Einvernehmen Obacht zu üben, daß der verderbliche Glaube baldig wieder ausgerottet werde. Wenn wir gemeinsam gute Wacht halten, mag günstiger Zeitumstand dafür nicht fern liegen, da zum Glück, nicht wie zu Lübeck, bei uns keiner aus vornehmem Hause in Wirklichkeit dem Luthertum anhängt, obzwar man munkelt, daß hie und da einer ihm im geheimen zugeneigt sei, dessen Name solchen Abfall von der gemeinen Sache aller Patrizischen nicht vermuten lasse. Aber sollte es sich auch dergestalt verhalten, so bin ich doch zuversichtlich, daß keiner so töricht wider sich selber handeln wird, sich vor öffentlichem Ohr als Anhänger der bösartig umherfressenden Neuerung zu bekennen.«

Die beiden nebeneinander Fortgeschrittenen waren bis an die Tür des Hauses Dietwald Wernekens gelangt, dieser stand jetzt still und entgegnete ruhig:

»Ich weiß nicht, ob Eure Rede auf mich abstehet, Herr Krevet, doch Ihr drücket besondere Anschauung von der vornehmlichsten Pflicht eines Menschen aus. Das mag eine in Eurer Freundschaft hergebrachte und viel verbreitete sein, aber Ihr wisset, ich gehöre nicht zu den Geschlechtern Eurer Stadt.«

Hinnerk Krevet fiel rasch mit einem Erstaunen kundgebenden künstlichen Lächeln ein: »Müsset mich durchaus mißverstanden haben, Herr Werneken; wie könnte bei Eurem Reichtum und hoher Geisteskraft ein derartiger Verdacht auf Euch haften? Aber da Ihr von Eurer Abstammung redet, habe ich Euch bereits früher einmal darum befragen wollen, woher und welcherlei Ursprung Euer edles Geschlecht genommen.«

Es war offenbar, daß diesmal Herr Krevet mit der letzten Frage von der Wendung, die das Gespräch eingeschlagen, abzulenken trachtete; Dietwald Werneken machte jedoch kein Hehl daraus, daß er einer Fortsetzung desselben ziemlich überdrüssig sei. Er hob den Fuß auf den Schwellenstein seines Hauses und entgegnete, den Kopf zurückdrehend:

»Ich kann Euch darüber nicht Auskunft geben, Herr Krevet, und gleichwie Ihr nach Eurer vorigen Aussage keinen Anspruch auf ein künftiges Leben erhebt, so mache ich keinen darauf, einem edlen Geschlechte nach Eurer Unterscheidung menschlicher Herkunft anzugehören. Was ich Euch zu erwidern vermag, ist nur, daß mein Ältervater als ein junger Mann von der Stadt Rostock hierhergekommen und ein kaufmännisches Geschäft in diesem Hause begonnen hat. Von welchem Stammbaume er als ein Zweig aufgewachsen, weiß ich nicht, halte aber dafür, daß ein solcher sich am besten an seiner Frucht erweist, und danach mein Ältervater, wie ingleichem mein Vater, sich wohl einen edlen Namen im Gemeinwesen zu Hamburg erworben. Solches Erbe nach Kräften zu hüten, erscheint mir als die oberste Pflicht eines Sohnes und redlichen Mannes, Herr Krevet, und danach lasset uns, ob mit neuem oder altem Glauben, jeglicher an seiner Stelle zum eigenen und gemeinen Wohles Besten trachten.«

Der Sprecher nahm mit einer kurzen, nur der Anforderung üblichen Brauches entsprechenden Verneigung, doch ohne Handreichung von seinem Begleiter Abschied, der mit einem überaus höflichen und freundschaftlich lächelnden Gruß darauf erwiderte, dann schritt Herr Hinnerk Krevet, einen finstern Blick auf die hinter ihm geschlossene Tür zurückwerfend, weiter.

Dietwald Werneken begab sich in das Kontor seines großen Handelsbetriebes, das von zahlreichen Gehülfen angefüllt war. Aus der Art, wie auch die ältern derselben seinen Rat erholten und ihm ihre Meinungen unterbreiteten ward ersichtlich, daß er mit überaus sicherm kaufmännischen Geist und Scharfblick die Oberleitung des Geschäftes fest in Händen hielt; eingelaufene Schiffe hatten vielfältige Briefe vom Norden und Osten mit sich gebracht, aus Opslo und Bergen, zumeist jedoch von den Seestädten der preußischen, livländischen und estnischen Küste, da das Kaufgeschäft Dietwald Wernekens hauptsächlich auf dem ›Buntwerk‹ wertvoller ostländischer Felle und Pelze beruhte. In gleichmäßig arbeitsamer Tätigkeit öffnete er die Schriftstücke, versah sie mit Randbemerkungen für den ihm gegenübersitzenden Buchhalter oder vollzog sofort ihre Beantwortung. Das letzte Schreiben kam aus der Stadt Dorpat von der Hand seines dortigen Handelsfreundes, Herrn Goswin Wulflams, und wurde von ihm mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen. Es enthielt die Nachricht von dem vor kürzester Frist zu Moskau eingetretenen Tode des russischen Großfürsten Wassilij des Vierten, daß sein Sohn und Nachfolger Iwan der Vierte erst drei Jahre zähle und deshalb die Mutter desselben, die Großfürstin Helena, für ihn die Vormundschaftsherrschaft führe. Da diese für lange Zeit andauern werde und die Regentin von halb deutscher Abkunft aus dem Litauerland herstamme, sei viel Hoffnung unter allen deutschen Kaufleuten in Kurland, Livland und Estland, daß die nun bereits seit einem Menschenalter üblen Jahre der gewalttätigen und grausamen Großfürsten von Iwans des Dritten Thronbesteigung her zum Aufhören gelangt und die Hanse mählich wieder zu altem Ansehen, Recht und Vorteil im russischen Lande gedeihen möge. Seit der schreckensvollen Eroberung und Verwüstung Groß-Nowgorods am Schlusse des vorigen Jahrhunderts habe so sehr jegliche Verbindung mit demselben ein Ende genommen und sei alles dort so fremd und unbekannt selbst zu Dorpat worden, daß man jetzt zuerst mit Erstaunen Kunde gewonnen, es habe auf dem großen Trümmerfeld der einst so weit gerühmten Stadt, daß man dort im Sprichwort geredet: »Wer kann gegen Gott und Groß-Nowgorod?« eine Anzahl deutscher Bewohner die Schreckenszeit überdauert und freilich bis heut ein gar ärmliches, bedrücktes und trostloses Leben an Leib und Seele hingeschleppt. Aber unter den verwandelten bessern Umständen bedürfe es vielleicht nur einer kräftigen Unterstützung, minder noch an äußerer Beihülfe als an geistiger Förderung und Zuspruch, um den Mut wieder in ihnen aufzuwecken, daß sie Versuche anstellten, den gewinnreichen Handel der Vorväter zu erneuern. Obendrein füge die Botschaft aus Nowgorod hinzu, es sei bei dem Überfall von seiten Iwans des Dritten damalig nicht der gesamte ›Kaufhof bei Sankt Peter‹ durch Brand in Asche niedergelegt worden, sondern das gotische und das deutsche Haus erhalten geblieben, stehe allerdings wohl zu vermuten, in nicht sonderlichem Stande, als der zurückverbliebene Rest ihrer ehmaligen zahlreichen Insassen. Solches vermelde der Schreiber heut gleicherweise zur Hälfte freudigen Sinnes über die unverhoffte Kundschaft, halb mit innerlicher Bekümmernis, da es nicht zu verkennen, wie die Hanse schon seit geraumer Zeit mehr und mehr niedergegangen und an Stelle der vormaligen hochkräftigen Einigkeit der Städte überall schwächliche Sonderbestrebungen und Zerfall gemeinsamer Bundesstärke zu treten begonnen. Vom fernen Ostland aus gewahre man dies bösliche Übel wohl deutlicher, als in den Hauptstädten und dem Vorort der Hanse selber, und erkenne, daß allerorten die tödliche Krankheit aus dem üppigen Blut der Geschlechter sprieße, die nirgendwo mehr auf Förderung gemeinen Wohles, sondern lediglich auf junkerhaften Hochmut und Befestigung ihrer Herrschaft mit Fürsten- und Pfaffen-Beihülfe bedacht seien. Daran werde nunmehr in kläglichen Tagen der Enkel das mächtige und erstaunliche Werk der Väter zuschanden, an dem Vornehme und Gewerke jahrhundertelang in treuer Gemeinsamkeit gearbeitet, und scheine kein Arzt mehr wider solch schnell hinraffendem Siechtum zu erstehen. Denn wie in den nordischen Reichen zu Schweden, Norwegen und Dänemark, fühle der deutsche Kaufmann besonders gar empfindlich am russischen Meerbusen, daß er nicht wie einst auf die gebieterische Schutzhand der Hanse vertrauen dürfe und die Ostsee dieser nicht mehr als ein Eigentum angehöre, da burgundische und holländische Schiffe sich in ganzen Geschwadern bis nach Finnland hinaufgetrauten. Drum werde wohl das nachfolgende Geschlecht bereits klagen müssen, der Ruhm, der Stolz und die Macht der Hanse seien von unwürdiger Selbstsucht, Hinterhalt, weibischer Eitelkeit und schimpflicher Herrschbegier solcher, die sich mehr als ihre Vorväter bedünkt, schmählich zu Grabe getragen worden, und werde auch wohl der verbliebene Überrest deutschen Blutes zu Nowgorod vergeblich auf Beistand und Wiederverknüpfung mit dem Vaterlande harren, sondern kümmerlich verderben und auslöschen, wie es allen andern hansischen Kaufhöfen in fremden Landen unabwendbar früher oder später bevorstehe.

So schloß, anders als der hoffnungsvoll klingende Anfang, der von Dorpat eingelaufene Brief mit elegisch auslautender, sich Unvermeidlichem entsagend hingebender Klage. Dietwald Werneken hatte das Schreiben langsam nachdenklich durchlesen und verwandte seine Augen vom Schluß nochmals auf den Beginn zurück, bis von der unfern belegenen Peterskirche die Mittagsstunde schlug. Nun legte er das Schriftstück nicht zu den übrigen Briefschaften, sondern bewahrte es in der Brusttasche seines Wamses und begab sich mit allen Gehülfen des Handelsgeschäfts zu der im Wernekenschen Hause nach herkömmlicher Überlieferung gemeinsam verbliebenen Mahlzeit, an der er jedoch heut noch bedürfnisloser und schweigsam-bedachter als gewöhnlich teilnahm. Dann ging er allein die Treppe zu den Wohngemächern des Hauses hinan.

Es waren prunklos, doch schön und behaglich eingerichtete Stuben, die überall von dem feinen, neuartig aus Italien herübergekommenen Kunstsinn und von freudigem Verständnis desselben redeten. Aber die Bilder und kostbaren Erzgeräte an den Wänden, die Sessel mit reich ausgeschnitzten Lehnen, hundertfältig stilvoller Zierat auf Sims und Tisch, alles hing und stand in einer toten Lautlosigkeit, welche stumm auszusprechen schien, daß sich kein fröhliches Leben mehr an ihrem Anblick erfreute. Der Fuß des Hindurchschreitenden rief einen geisterhaften Nachhall von den Wänden, scheu streifte sein Auge die schweigende Ausstattung der Wohnräume, über deren reglose Unbeweglichkeit ein mattgedämpftes Licht zahlreicher kleiner, bleigefaßter Rundscheiben einfiel. Er war der Letzte, Einzige in dem ausgestorbenen Hause.

Hastig durchschritt er die Stuben bis zu einem kleineren Gemach, das er sich für seinen gewöhnlichen Aufenthalt außerhalb der Geschäftsräume eingerichtet. An den Wänden waren hier mehrere Gestelle mit Büchern angefüllt, eines von großem Format lag geöffnet auf dem Tisch vor einer einfachen, lederüberzogenen Ruhbank. Der Eintretende stützte die Hand auf den Tischrand und sah stumm vor sich hinaus. Nach einer Weile sprach er laut: »Warum und wozu? Warum mußten sie alle sterben, mich allein übrig lassen, und wozu lebe ich noch? Um mehr Geld in die Truhen zu füllen, das keinen Wert mehr für mich hat? Um von der Erinnerung jeglicher Stunde gemartert zu werden, daß ich euch alle besessen und für immerdar verloren? Wozu bin ich sonst geblieben? Weißt du eine Antwort darauf?«

Er legte die Hand auf das geöffnete Buch, tiefer als bisher noch fielen die Schatten der Schwermut über sein schönes jugendliches Gesicht, dessen dunkelblaue Augen glanzlos niederblickten. Er war von Kindheit auf ernsten, doch nicht trüben Sinnes gewesen, in seinen Mußestunden allzeit vielfältig mit eigenen Gedanken beschäftigt, indes zugleich der Schönheit der Natur und Künste und auch echter, vom Herzen stammender Heiterkeit gern zugetan. Vor allem aber hatte er mit Liebe an seinen Eltern und Geschwistern gehangen und so sicher-freudige Heimat des Gemütes bei ihnen gefunden, daß es ihm nie in den Sinn gefallen, die Erde könne außerhalb seines Vaterhauses noch wahrhaft Begehrenswertes enthalten. Nun lag dies verödet um ihn, mit entsetzensvoller Krankheit hatte ein grausames Geschick ihm fast in wenig Stunden alles, was er innig geliebt, hinentrafft, und nur noch vom rechnenden Verstande seines Berufes in einem Zusammenhange mit dem Leben anderer forterhalten, stand er, vereinsamten Herzens, in einer fremden, kalten Welt. Eine Reihe von Monden war schon so über ihn weitergegangen, doch die Tage einstigen schönen Frohsinnes lagen unwiederbringlich ausgelöscht hinter ihm, frostig umgab ihn die Gegenwart und zwecklos rollte die Zukunft ihm leere Stunden auf. Lange Nächte hatte er schlaflos grübelnd gesessen und umsonst, wie heut, gefragt, warum das alles so geschehen und ihm solch trostloses Dasein fortbeschieden sei? Und er hatte in den Lehren seiner Kirche eine Antwort darauf gesucht, aber der Streit und Hader in seiner Brust wider die an ihm geübte unerbittliche Gewalttat war von keiner überzeugt worden. Da war ihm bei seinem verzweiflungsvollen Umhersuchen mehr durch Zufall als eigene Absicht die erst im vorigen Jahre zu Lübeck durch Herrn Dr. Johannes Bugenhagen, genannt Pommeranus, in Druck ausgegebene niedersächsische Bibel nach der oberdeutschen Schriftübersetzung Martin Luthers zu Händen geraten und seit Monden tagtäglich nicht ohne tiefgreifende Einwirkung von ihm gelesen worden. Zwar hatte er auch darin nicht Tröstigung für seinen eigenen Lebensgram zu finden vermocht, allein ein anderes war ihm daraus aufgegangen, daß die Menschheit bisher durch Trug, Herrschgier und Verderbnis der römischen Klerisei schmachvoll in geistigen und leiblichen Fesseln gelegen. Von diesen trachtete die gereinigte Lehre sie frei zu machen, so daß jeglicher die Erkenntnis des göttlichen Willens und Waltens in sich selber, im Spruch des Gewissens, vor allem auch im steten Streben nach irdischer Rechtschaffenheit finde und keiner Menschengnade von käuflichen Pfaffenlippen bedürfe, um zur Versöhnung mit dem unerforschlichen ewigen Richter alles unzulänglichen menschlichen Denkens und Handelns zu gelangen. Dies nämliche Gefühl aber hatte schon von Knabentagen her in seiner eigenen Seele gelegen, nur ohne aus der innerlichen Empfindung zu einem in Worte gefaßten Denken weitergeschritten zu sein, da kindliche Ehrerbietung und Liebe ihn zurückgehalten, sich mit der römischen Strenggläubigkeit seiner Eltern in einen Widerspruch zu setzen.

Um so größer und tiefer reichend war nun jedoch die Wirkung der lutherischen Lehre, die Erkenntnis seiner bereits heimlich vorgebildeten Übereinstimmung mit ihr auf ihn gewesen. Er erkannte in dem Grundgedanken des Protestantentums die Wiederherstellung des Anfanges der christlichen Religion, die seit mehr als einem Jahrtausend von geistlicher Herrschsucht, blindem Fanatismus, scholastischer Wortklauberei und mönchischem Unverstand gefälscht, fast in ihr Gegenteil entstellt worden. Der gereinigte Glauben enthielt nicht allein eine Befreiung des Geistes zur Selbständigkeit von leerem Formelwesen, Wahn, Dünkel und absichtlichem Betrug schlau ausersonnener menschlicher Satzungen, vielmehr auch eine göttliche Mahnung zum Erlösen aus irdischer Not, wie der Nazarener seine Verheißungen nicht an die Reichen und Mächtigen gerichtet, sondern vor allem ein Heiland der Armen und Bedrängten gewesen. Dietwald Werneken empfand in tief ergriffenem Gemüt, es war eine Neuverkündigung des wahren, ursprünglichen Wesens des Christentums, der Duldsamkeit, des gleichen Wertes aller Menschen, ihrer gleichen Berechtigung im Erdenleben wie nach diesem in einem höheren Dasein. Wer den Inhalt dieser Erlösung der Menschheit von der alten römischen Fälschung und Bedrückung mit ganzer Seele erfaßte, mußte, ob mit oder ohne geistliche Gewandung, ein Prediger des Lichtes sein, mit ihm in die Gemütsverdumpfung und Finsternis der Geistesarmut hineinzuleuchten, und ein Priester der erbarmenden, werktätigen Nächstenliebe aller menschlichen Brüder untereinander.

Das hatte seit manchen Wochen die Gedanken des vereinsamten jungen Kaufherrn unausgesetzt gewaltig erfüllt und ihm ein Gefühl aufgeweckt, daß sein Leben vielleicht doch noch einen Zweck besitzen, sich einen Inhalt schaffen könne, um sich nicht mehr und mehr von der Trostlosigkeit seines Herzens zu dumpfer Gleichgültigkeit an seinem eigenen und allem andern menschlichen Tun und Treiben überwältigen zu lassen. Nur wußte er nicht, wie sich ihm eine Möglichkeit bieten solle, die in seinem Innern aufgeloderte Begeisterung für die neue Lehre aus der Empfängnis in eine Wirkung, eine Tat, ein Verdienst an andern umzusetzen; denn er hatte zur Genüge die festgefügte Verknüpfung wechselseitigen weltlichen Vorteils zwischen dem Junkertum und päpstlichen Pfaffentum erkannt, um irgendeine Hoffnung in dieser Art auf seine patrizischen Standesgenossen setzen zu können. Die Gewerke und die niedere Bevölkerung der Stadt Hamburg hingen zwar bereits seit etlichen Jahren völlig dem Protestantismus an, doch hielt die Erinnerung an seine Eltern ihn noch immer mit einer geheimen Scheu, an dem Ort, wo sie gelebt, mit einem öffentlichen Bekenntnis seiner Absagung von dem Glauben, dessen letzte Tröstung sie mit in die Erde genommen, hervorzutreten.

So stand Dietwald Werneken, sich mit der Hand auf die geöffnet liegende niedersächsische Bibel des Dr. Johannes Bugenhagen stützend, in der stillen, abgelegenen Stube da. Nun setzte er sich auf die Ruhbank und begann bei dem Zeichen, das er in das Buch gelegt, weiter zu lesen. Aber seine Gedanken faßten heut nicht die Schrift wie sonst auf, sie schweiften unstet ab, er wußte nicht wohin und warum, doch nach einer Weile kam es ihm klar zur Erkenntnis, daß er nur mit den Augen, nicht mit dem Verständnisse las. Die Luft in dem niedrigen Gemach war dumpf, das mochte ihn an der geistigen Achtsamkeit behindern. Er stand auf und öffnete das Fenster mit den fast dunkelgrünen runden Buckelscheiben, nun fiel über ein Gewirre brauner Ziegeldächer, Giebelzacken und Hausrückwände warme, goldhelle Sonnenstrahlengarbe herein. Mit blauem Himmel lag ein erster Maientag draußen licht- und lenzfreudig über der lautlosen, alten, unbewegten Dächerwelt, nur auf einem ihrer Firste saß ein kleiner Vogel und sang ein paar hellstimmige Töne in die heitere Luft. Dann schwang er rasch die Flügel und verschwand, mutmaßlich grünem Laubwerk jenseits der hohen Stadtmauern zu. Dietwald Werneken hatte sich mechanisch auf einen Stuhl am Fenster gesetzt und blickte dem Vogel nach. Er war selten weiter als für Stunden über die Grenzen seiner Vaterstadt hinausgekommen und nie von einem Verlangen geregt worden, die Welt der Fremde mit eigenen Augen zu gewahren. Als Kaufmann kannte er alles genau von ihr, was sein Handelsberuf erforderte, das hatte ihm voll genügt. Doch in der warmen Sonne kam's ihm jetzt, es müsse schön sein, so Flügel über die Dächer hinspannen zu können, irgendeinem frischgrünenden Walde zu. Geraume Zeit schaute er das Rinnen, Spielen und Weiterwandeln des Lichtes auf den stillen, braunen Ziegelpfannen, dann zog er den aus Dorpat eingelaufenen Brief hervor und durchlas diesen nochmals vom Beginn bis zum Schluß. Die Sonnenstrahlen flimmerten auch über den Buchstaben, daß er zuletzt halb geblendet wieder von ihnen aufsah. Blau und köstlich lag der Himmel draußen wie zuvor, er faltete langsam das Blatt zusammen und blickte abermals hinaus. Ein fremdartiges Gefühl kam zum erstenmal im Leben über ihn, er wußte nicht, was es wollte, doch als ziehe etwas ihm bisher Unbekanntes in seinem Blute ihn mit einer seltsam aufwachenden Frühlingssehnsucht in die sonnige Weite hinüber.

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