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Die Zeit Constantins des Großen

Jacob Burckhardt: Die Zeit Constantins des Großen - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Zeit Constantins des Großen
authorJacob Burckhardt
firstpub1853
yearca. 1950
publisherVerlag Hallwag
addressBern
titleDie Zeit Constantins des Großen
created20040801
sendergerd.bouillon
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Dritter Abschnitt

Einzelne Provinzen und Nachbarlande
Der Westen

Im vorigen Abschnitt wurde nicht verhehlt, wie misslich es mit den Durchschnittsurteilen über manche der wichtigsten Lebensfragen im spätrömischen Reiche aussieht. Es fehlt die wesentliche Basis: die Kenntnis des Zustandes der einzelnen Provinzen. Aus vereinzelten Notizen in den Geschichtschreibern, aus den massenhaft gesammelten Inschriften und aus den Bauresten gehen wohl manche sichere und wertvolle Tatsachen, teils unmittelbar, teils durch Schlüsse hervor, allein nur um so empfindlicher sind die grossen Lücken, welche unausfüllbar dazwischenliegen. Uns ist hier nur gestattet, digressionsweise über diejenigen Provinzen das Wesentliche zusammenzustellen, welche, als die offenen Wunden des kranken Reichskörpers in dieser Zeit, ohnedies die grösste Aufmerksamkeit auf sich ziehen: zunächst über das damalige Gallien, dessen Schicksal mit demjenigen Britanniens eng zusammenhängtVgl. u. a. Am. Thierry, Hist. de la Gaule sous l'administration rom., Bd. 2. – Hallische Welthistorie, Zusätze, Bd. 6..

Die grossen Tyrannen Galliens hatten zwar einstweilen den Okzident nach Kräften gegen die eindringenden Germanen verteidigt. Allein die Gewaltsamkeit ihrer Sukzession, der fortwährende Kampf nach aussen und zuletzt der Bürgerkrieg zwischen der Partei des Tetricus und derjenigen der italischen Kaiser, wozu Aurelians Feldzug nach Gallien mit der Schlacht bei Chalons s. M. den Schluss bildete – dies alles hatte das allgemeine Elend und die Auflösung aller politischen und sittlichen Bande unerträglich gesteigert. Nun erneute sich der Kampf gegen Franken und Alamannen; noch unter Aurelian siegte der Feldherr Constantius Chlorus über die letztern bei Windisch (274)Dies die frühere chronologische Annahme; nach Preuss, a. a. O., S. 65, fiele der Sieg bei Vindonissa erst in eine weit spätere Zeit, um 298, und zwar erst nach der (unten zu erwähnenden) Schlacht bei Langres., und zwar an demselben Tage, da ihm sein Sohn Constantin geboren wurde; aber alle Siege schienen nur neue Scharen dieser unerschöpflich jugendlichen Völker über den Rhein zu rufen. Es half nichts mehr, ihre Gesandten durch weinfeste Obristen unter den Tisch trinken und in diesem Zustande aushorchen zu lassen; es machte keinen Eindruck mehr, wenn der Kaiser ihre Deputationen mit absichtlichem Pomp vor der halbmondförmigen Fronte empfing, er selber im Purpur auf hoher Bühne, vor ihm die goldenen Legionsadler und die kaiserlichen Bildnisse und die mit Gold geschriebenen Heeresverzeichnisse auf silbernen LanzenHist. Aug., Bonosus, c. 14. – Dexippi fragm. 24 ap. Müller., Fragm. hist. Graec. III.. Unter Probus nahm der Krieg wieder ganz ungeheure Dimensionen an, und ohne das Talent und den Heldenmut des grossen Kaisers wäre Gallien entschieden verloren gewesen. Dennoch regte sich immer von neuem, hauptsächlich in Lyon und der Umgegend, eine Partei, welche offenbar eine Fortsetzung des gallischen Kaisertums nach dem Vorbilde des Postumus und der Victoria erstrebte. Vielleicht musste Diocletian später bei seiner Teilung der Macht auch auf diese Umstände einige Rücksicht nehmen. Aber ehe es dazu kam, waren die Eroberungen des Probus in Süddeutschland von neuem verloren und das unglückliche Gallien noch einmal von deutschen Scharen überzogen worden; Carinus hatte diese zwar geschlagen und ein Heer dort gelassen, dieses jedoch bei seinem Kriege gegen den Usurpator Julian und den heranziehenden Diocletian wieder abrufen müssen, worauf in Gallien der ganze gesellschaftliche Zustand aus den Fugen ging.

Diesmal sind es die Bauern, welche seitdem in den grossen Krisen des alten Frankreichs mehr als einmal plötzlich in furchtbarer Machtfülle aufgestanden sind. Damals lebten sie in altererbter Sklaverei, wenn das Verhältnis auch in der Regel nicht diesen Namen trugGuizot, Hist. de la civilisation en France, vol. I, p. 73.. Eine Anzahl Bauern waren wirkliche Ackersklaven, andere erschienen als Leibeigene an die Scholle gebunden, wieder andere hiessen Kolonen, das heisst Kleinpächter auf halben ErtragÜber den vermutlichen Ursprung dieser Kolonen hauptsächlich von angesiedelten Germanen seit Augustus vgl. Preuss, Kaiser Diocletian, S. 25 ff., wo der ganze Zustand Galliens eingehender geschildert wird.; auch bessergestellte Pächter um Geldzins fehlten nicht; endlich gab es eine Masse sogenannter freier Arbeiter und Taglöhner. Aber alle vereinte jetzt dasselbe Unglück. Die Grundeigentümer, ausgesogen durch die raubähnlich steigenden Bedürfnisse des entzweiten Staates, wollten sich an ihren Bauern erholen, gerade wie der französische Adel nach der Schlacht bei Poitiers, als es sich um die Loskaufssumme für die mit König Johann dem Guten gefangenen Ritter handelte. Das einemal nannte man, was daraus entstand die Bagauda, das anderemal die Jaquerie (1358). – Die Bauern und Hirten hatten scharenweise ihre Hütten verlassen, um auf Bettel herumzuziehen. Überall abgewiesen und von den Garnisonen der Städte verjagt, taten sie sich in Bagauden, das heisst Banden, zusammen. Ihr Vieh töteten sie und assen es auf; mit den Ackerwerkzeugen bewaffnet, auf ihren Ackerpferden beritten, durchzogen sie das flache Land, nicht nur, um für ihren Hunger zu sorgen, sondern um es in wahnsinniger Verzweiflung zu verwüstenPanegyr. II (Mamertin., Ad Max. H.), c. 4: cum arator peditem, cum pastor equitem, cum hostem barbarum suorum cultorum rusticas vastator imitatus est. – Vgl. auch Paneg. IV und VII (Eumenius, Pro rest. schol. und Gratiar. actio) und die wenigen Worte in den Geschichtschreibern. – War der Bürgerkrieg in Gallien, welchen Eutrop IX, 4 unter Decius erwähnt, ein Vorspiel dieser Bagauda?. Dann bedrohten sie die Städte, wo ihnen oft ein plünderungssüchtiger, im Elend verkommener Pöbel die Tore öffnete. Die allgemeine Desperation und die dem Gallier angeborene Sucht nach Abenteuern vergrösserten ihr Heer in kurzem dergestalt, dass sie es wagen konnten, zwei von den Ihrigen, Aelianus und Amandus, zu Kaisern zu erheben und so den Anspruch auf das gallische Imperium zu erneuern. Bunt und sonderbar mag die Hofhaltung dieser ländlichen Imperatoren ausgesehen haben; das dritte Jahrhundert hatte zwar Bauernsöhne und Sklavenkinder genug auf den Thron der Welt gesetzt, aber in der Regel solche, die in den Armeen und dann im kaiserlichen Generalstab eine Vorschule der Herrschaft durchgemacht hatten. Aelianus und Amandus besassen einen solchen Anspruch nicht, dafür aber möglicherweise einen andern, der die sonstigen Mängel aufwog. Die christliche Sage, nachweisbar seit dem siebenten Jahrhundert, hat sie nämlich zu Christen gemachtDie Münzen, deren heidnische Reverse das Gegenteil beweisen würden, sind notorisch aus Münzen früherer Kaiser durch Änderung des Namens gefälscht. und ihnen auf diese Weise ein Recht verliehen gegenüber den götzendienerischen Kaisern. Soviel darf immer angenommen werden, dass eine Menge Christen unter den Armen und Elenden waren, welche sich den Bagauden anschlossen. Wir können dasselbe von Verfolgten aller Art, sogar von Verbrechern vermutenDie Sage von dem Martertod der thebäischen Legion, welche Maximian gegen die Bagauden führen wollte, ist von der Kritik vollkommen zernichtet. Vgl. Rettberg, Kirchengesch. Deutschlands I, S. 94, und (gegen Gelpkes teilweisen Rettungsversuch): Hunziker, Zur Regierung und Christenverfolgung Diocletians, S. 265 ff. – Vogel, Der Kaiser Diocletian, S. 93, weist bei Anlass der Bagauden auf die afrikanischen Circumcellionen hin, welche 30 Jahre später auftraten, als christliche Sekte und zugleich als Auflösung des Bauernlebens in Vagabundentum..

Es scheint, dass das südliche und westliche Gallien weniger von der Bewegung berührt wurde als der Norden und Osten, wo die Not der Barbaren wegen viel grösser sein musste. Eine Stunde über Vincennes hinaus bildet die strengfliessende Marne, kurz vor ihrem Ausfluss in die Seine, eine Halbinsel, auf deren Rücken später die Benediktinerabtei St. Maur-les-fosses erbaut wurde. Schon die alten Kelten hatten mit Vorliebe solche Punkte zu ihren Kriegsfesten (oppida) gewählt, und gewiss gab es an Ort und Stelle schon Wall, Graben und Mauern aus alter ZeitDie Vita S. Baboleni, bei Bouquet, Scriptores, T. III, lässt darüber kaum einen Zweifel, wenn man die keltische Befestigung des Bremgarten bei Bern und anderer Halbinseln damit vergleicht. Wie überall nannte die Volkssage auch in S. Maur Caesar als Erbauer., als Aelianus und Amandus die Halbinsel zum »Bagaudenschloss« machten, ein Name, den sie noch Jahrhunderte hindurch geführt hat, obwohl in dem einen Jahre 285 auf 286 das wenigste daran gebaut sein konnte. Von diesem unangreifbaren Punkte aus, dem durch keine Furt noch Untiefe beizukommen war, machten sie ihre Streifzüge in Nähe und Ferne; hieher schleppten sie auch ihre Beute zusammen. Sie waren mit der Zeit keck genug geworden, nicht nur schwächere Städte ohne weiteres zu brandschatzen, sondern auch stärkere zu belagern. Es gelang ihnen, das alte, weitläufige Augustodunum (Autun) einzunehmen, wo weder Tempel noch Hallen noch Thermen vor ihnen Gnade fanden; alles wurde ausgeraubt und zerstört, die Einwohner ins Elend vertrieben.

Es musste mit den Bagauden aufgeräumt werden, bevor sie auf diese Weise Stadt um Stadt und damit alle Haltpunkte gegen die Barbaren zugrunde richteten. Dies war die Aufgabe des damaligen Caesars Maximianus Herculius, der sich damit den Augustustitel verdiente. Wir erfahren nur, dass er rasch und leicht fertig wurde, indem er die Banden teils aufs Haupt schlug, teils durch Hunger, wozu sich eine Pest gesellte, zur Übergabe zwang. Ob irgendeine direkte Erleichterung der erdrückenden Lasten erfolgte, welche den Aufruhr hervorgerufen hatten, ist mehr als zweifelhaft, da die Klagen über allzu hohe Steuern sich eher vermehren. Mittelbar besserte sich wohl die Lage des Landes überhaupt, als in der Folge die Germanen für mehrere Jahrzehnte eingeschüchtert wurden und die Usurpation aufhörte; aber im fünften, vielleicht schon im vierten Jahrhundert riefen ähnliche Ursachen auch wieder ähnliche Wirkungen hervor; die Bagauda hob wieder ihr Haupt emporSalvianus, De vero iudicio et providentia dei, l. V. – Marii Victoris Ep. ad Salmonem bei Wernsdorf, Poetae Lat. min., v. III. – Zosim. VI, 2., und man möchte beinahe vermuten, dass sie nie ganz aufgehört hatte.

Doch wir kehren zu den Zeiten Diocletians zurück. Viele Gegenden Galliens lagen bleibend darnieder; die tiefverschuldeten Landbesitzer um Autun zum Beispiel hatten noch unter ConstantinPanegyr. VIII (Eumen., Gratiar. actio), c. 6. Vom Jahr 311, wogegen Panegyr. IV (Pro rest. schol.) mit seinem Hymnus auf den Wiederanbau der Fluren und die Herstellung der Städte nicht als Zeugnis gelten kann. sich nicht so weit erholt, dass sie auch nur die alte Bewässerung und Reutung hätten in Gang setzen können, so dass ihr Boden in Sumpf und Gestrüpp ausartete; die Burgunderreben starben ab; das Waldgebirg füllte sich mit wilden Tieren. »Die Ebne bis an die Saone war einst fröhlich und reich, solange man die Gewässer in Ordnung hielt – jetzt sind die Niederungen zum Flussbett oder zur Pfütze geworden; die gewaltigen Weinstöcke sind verholzt und verwildertIm Schwarzwald unweit Pforzheim soll man noch jetzt zwischen römischen Überresten aller Art Stöcke der verwilderten Weinrebe, vitis labrusca, finden. Vgl. Creuzer, Zur Gesch. altröm. Cultur am Oberrhein und Neckar, S. 67., und neue kann man nicht pflanzen . . . Von der Stelle an, wo der Weg auswärts führt nach dem belgischen Gallien (also so ziemlich von Autun selbst an), ist alles wüste, stumme, düstere Einöde; selbst die Heerstrasse ist schlecht und uneben und erschwert den Transport der Früchte sowohl als die öffentlichen Sendungen.« – Im Mittelalter kam es auch einmal, um die Zeit der Jungfrau von Orleans, so weit, dass die Rede ging: es stehe von der Picardie bis Lothringen kein Bauernhaus mehr aufrecht; allein was eine lebenskräftige Nation in zwanzig Jahren wieder einholt, gereicht einer abzehrenden zur tödlichen Einbusse.

Was halfen da die grossen und dauernden Anstrengungen des Maximian und Constantius? Mit der Deckung des Rheines, wozu sie es samt aller Tapferkeit und allem Talent brachten, war doch erst die Möglichkeit einer Heilung des zerstörten Innern gegeben, aber noch lange nicht die Heilung selbst. Immerhin wirkte die Tätigkeit der beiden Fürsten nachhaltig, so dass die Germanen auf längere Zeit die Schläge fühlten. Mehrmals zieht Maximian gewaltig über den Rhein, gleich Probus, und bändigt (287–288) Burgundionen, Alamannen, Heruler und FrankenVgl. Preuss, a. a. O., S. 34 ff.; Constantius befreit das Bataverland von den letztern (294) und schlägt die wieder hereingebrochenen Alamannen in der furchtbaren Schlacht bei Langres (298, nach andern 300), wo ihrer 60 000 fielen. Allerdings kam den Römern dabei eine innere Krisis unter den Germanen zustatten, von der wir nur leider zu wenig wissen. »Die Ostgoten«, heisst esPanegyr. III (Mamert., Genethl. ad Max. Herc.), 16–18., »zernichten die Burgundionen, aber für die Besiegten waffnen sich die Alamannen; die Westgoten, mit einer Schar Taifalen, kämpfen gegen Vandalen und Gepiden . . . Die Burgundionen haben die Gegend der Alamannen weggenommen, aber mit schwerem Verlust bezahlt, und nun wollen die Alamannen das Verlorne wieder erkämpfen.« Hier liegt offenbar die Erklärung der seltsamen, immer nur auf kurze Zeit gestörten Waffenruhe zwischen Römern und Deutschen unter Constantin dem Grossen; die welthistorische Veränderung, welche er zu leiten hatte, sollte ohne allzu bedeutende Störung von aussen sich vollziehen können; ebendazu musste gleichzeitig im fernen Osten der Friedensschluss vom Jahr 297 und die Minderjährigkeit des Sassaniden Sapor II. dienen.

Maximian und Constantius hatten mittlerweile wenigstens die Befestigung des Rheines als Grenze durchgeführt. Auf diese »Kastelle mit Reiterschwadronen und Kohorten« in der Nähe des Stromes wird man wohl den vorgeblichen Wiederaufbau der »in Waldnacht versunkenen, von wilden Tieren bewohnten Städte« beschränken müssen, wenn schon der Lobredner, dem wir diese Worte verdankenPaneg. IV (Eumen., Pro rest. schol.) c. 18., eine allgemeine Lobpreisung des wiedergekehrten goldenen Zeitalters daran knüpft. Wo früher Städte waren, kennt das vierte Jahrhundert Kastelle, und auch da gab es auffallende LückenAmmian. Marc. XVI, 3. – Die Inschr. v. Oberwinterthur bei Orelli, Inscr. Lat. sel., nr. 467. – Über die einzelnen Stücke des obern rechten Rheinufers, welche auch nach Probus zeitweise römisch waren, vgl. Mone, Urgeschichte des badischen Landes, II, S. 286. Im ganzen blieb eben doch der südwestliche Winkel Deutschlands, die sog. agri decumates, von Carus bis zu Julian verloren, und der Rhein galt als Grenze..

Prachtvoll hergestellt wurde vielleicht nur die nordische Residenz, Trier. Da erhoben sich aus den Trümmern, welche der Besuch der Franken, vielleicht auch der Bagauden hinterlassen, ein grosser Zirkus, mehrere Basiliken, ein neues Forum, ein gewaltiger Palast und andere Luxusbauten mehrPanegyr. VII (Eumen. Constantino, vom J. 310), c. 22, wo dies alles als Werk Constantins dargestellt wird. Den Anfang möchten doch schon Maximian und Const. Chlorus gemacht haben. – Die Porta nigra gilt gegenwärtig als beträchtlich älter, als Werk des ersten Jahrh. n. Chr.. – Das unglückliche Autun fand einen warmen Fürsprecher an Eumenius, den wir hier von der bessern Seite kennenlernen. Er war ein Sekretär (magister sacrae memoriae) des Constantius gewesen und hatte (wahrscheinlich infolge sehr wichtiger Dienstleistungen) eine Pension von mehr als 26 000 Franken unseres Geldes zu verzehren mit der Sinekure eines Vorstehers der Schulen zu Autun, wo schon sein aus Athen gebürtiger Grossvater eine Professur bekleidet hatte. Nun geht sein ganzer Ehrgeiz dahin, sein Einkommen (obwohl er Familie hatte) diesen Schulen zum Geschenk zu machen und überdies die Gnade des Constantius und nachher des Constantin auf diese arg zerrütteten Anstalten und auf die ruinierte Stadt hinzulenken. Es ist derselbe schöne antike Lokalpatriotismus, der uns in den Schilderungen des Philostratus mit so manchem griechischen und asiatischen Sophisten des ersten und zweiten Jahrhunderts nach Christus versöhnt und befreundet. Man muss diese seltsame Mischung von Edelsinn und Schmeichelei aufnehmen und würdigen, wie jene Zeit sie hervorbrachte. »Diese Besoldung«, sagt Eumenius, »nehme ich, was die Ehre betrifft, anbetend in Empfang, schenke sie aber weiter . . . Denn wer wird jetzt so erbärmlicher Gesinnung, so allem Streben nach Ruhm abhold sein, dass er sich nicht ein Andenken stiften und eine günstige Meinung von sich hinterlassen wollte?« – In den hergestellten Schulen werde man lernen, die Fürsten auf würdige Weise zu loben, und einen bessern Gebrauch der Eloquenz gebe es ja überhaupt nicht. Selbst der alte Maximian kömmt hier noch zu einer recht unverdienten Parallele mit Hercules musagetes, dem Vorsteher der Musen; denn – ihm ist die Ernennung eines Scholarchen für Autun so wichtig gewesen, als handelte es sich um eine Reiterschwadron oder um eine prätorianische KohortePanegyr. IV (Pro rest. schol.), passim. – Vom J. 295. – Für das Nähere über Eumenius vgl. Preuss, a. a. O., S. 60 ff.. Mit der Herstellung der ganzen Stadt hatte es indes noch gute Weile; erst Constantin konnte mit einem bedeutenden Steuererlass und mit direkten Bewilligungen nachdrücklicher aushelfen. Fast rührend schildert Eumenius seinen Einzug (311): »Wir schmückten Dir die zum Palatium führenden Gassen mit ärmlichem Zierat aus; doch trugen wir wenigstens die Symbole aller unserer Zünfte und Körperschaften und die Bilder aller unserer Götter hervor; einige wenige Musikinstrumente hast Du mehrmals angetroffen, weil wir Dir damit durch Nebenwege vorauseilten. Dir entging wohl nicht die gutwillige Eitelkeit der Armut«Panegyr. VIII (Gratiarum actio, vom J. 311), c. 8..

In den verödeten, nördlichen und östlichen Teilen Galliens musste man wohl oder übel in dem seit Claudius und Probus begonnenen System fortfahren und die kriegsgefangenen Germanen als Ackerknechte, teilweise aber auch als freie Bauern, ja als Grenzwächter ansiedeln. Die LobrednerPanegyr. V (Eumen. Constantio, vom J. 297) und VII (Constantino, vom J. 310), passim. Vgl. Hist. Aug., Probus 15. rühmen es, wie alle Markthallen voll Gefangener sitzen, welche ihr Schicksal erwarten; wie der Chamave, der Friese – einst so leichtfüssige Räuber – jetzt im Schweiss ihres Angesichtes das Feld bauen und die Märkte mit Vieh und Korn besuchen; wie sie sich auch der Aushebung und der römischen Kriegszucht unterwerfen müssen; wie Constantius die Franken von den fernsten Gestaden des Barbarenlandes hergeholt, um sie in den Einöden GalliensNachweisbar z. B.: in den Vogesen, wo es noch im Mittelalter einen Chamavengau und einen Chattuariergau gegeben hat. Vgl. für die ganze Völkerwanderung: Zeuss, Die Deutschen und ihre Nachbarstämme, und Wietersheim, Gesch. der Völkerwanderung. zum Ackerbau und Kriegsdienst zu erziehen, u. dgl. m. – tatsächlich waren es doch lauter Experimente der Not, und zwar sehr gefährliche, tatsächlich war das nördliche Gallien bereits halb germanisch geworden. Sobald die Stammesgenossen dieser Gefangenen wieder in Gallien einbrachen, konnten sie in den letztern lauter Verbündete finden, wenn nicht eine geraume Zeit dazwischen verstrichen war.

Diese Eventualität einstweilen abzuhalten, gelang dem Glück, dem Talente und der Grausamkeit Constantins, als er in dem ersten Jahre nach seines Vaters Tode (306) den Bund einiger Frankenvölker zu bekämpfen hatte, welche zu den später so genannten ripuarischen Franken gehörten (wahrscheinlich Chatten und Ampsivarier, nebst den Brukterern). Sie hatten schon bei Lebzeiten seines Vaters den Rhein überschritten; nun schlug er sie und bekam ihre Fürsten Askarich und Regais (oder Merogais) gefangenPanegyr. VI (Eumen. Constantino), c. 11. 12.. In dem Amphitheater zu Trier, dessen gewaltige Überreste man noch jetzt in den Weinbergen aufsucht, wurden die beiden den wilden Tieren vorgeworfen; dasselbe geschah massenweise mit den gefangenen Brukterern, »die zu unverlässig waren, um als Soldaten, zu unbändig, um als Sklaven zu dienen«; »die wilden Bestien ermatteten ob der Menge ihrer Opfer«. – Noch zweimal, im Jahr 313 und 319, werden kurze Feldzüge gegen die Franken erwähnt, freilich bei den Geschichtschreibern nur mit einem Worte, woraus schon ihre geringe Bedeutung hervorgehtEtwas umständlicher Panegyr. IX, 23 und X, 17 und 18, hier mit offenbarer Übertreibung. Bei einem dieser Züge soll z. B. Constantin selber verkleidet die Feinde ausgekundschaftet und durch Zureden zum Angriff provoziert haben.. Constantin nahm sogar wieder von einem Stücke des rechten Rheinufers Besitz und erbaute zu Köln eine grosse steinerne Brücke, welche bis in die Mitte des zehnten Jahrhunderts vorhanden war, aber in einem so baufälligen und gefährlichen Zustande, dass Erzbischof Bruno, der Bruder Ottos des Grossen, sie abbrechen liessFiedler, Rom. Gesch., 3. Aufl., S. 433. – Noch 1766 sah man bei niedrigem Rheinstande einige Pfeiler davon.. Den Brückenkopf bildeten die Castra Divitensia, das heutige Deutz. – Ein periodisches Fest, die Fränkischen Spiele (ludi Francici) verewigte diese Erfolge. Bei der Siegesfeier vom Jahr 313 stürzten sich die dem Tode geweihten Franken den wilden Tieren mit sehnsüchtiger Ungeduld entgegen.

Vergebens sucht man das Gesamtbild des alten Galliens, wie es unter Diocletian und Constantin sein mochte, weiter zu vervollständigen, indem die ergiebigern Quellen erst für die Zeit von Valentinian I. an zu fliessen beginnen. Von dem Los der Landbevölkerung kann man sich nach dem Obigen einen ungefähren Begriff machen. Der Gallier fühlte aber auch seine Not viel lebhafter als manche andere Bevölkerungen des Reiches. Schon physisch sehr bevorzugt, hoch und derb, hielt er etwas auf seine Person, liebte die Reinlichkeit und wollte nicht in Lumpen einhergehen. Er verzehrte viel, namentlich in Wein und andern berauschenden Getränken, hatte aber dafür jene Anlage des geborenen Soldaten, welche bis ins vorgerückte Alter keine Furcht kannte und keine Anstrengung mied. Man meinte, dies hänge mit seiner kräftigen Blutfülle zusammen und verglich ihn mit jenen magern, verkommenen Südländern, welche zwar mit einer Zwiebel des Tages ihren Hunger stillen, dagegen im Krieg ihr Blut sparen, dessen sie so wenig übrig habenVeget., De re milit. I, 2.. Auch die gallischen Weiber, blonde, gewaltige Figuren, scheuten den Streit nicht; sie waren furchtbar, wenn sie die weissen Arme aufhoben und ihre Schläge und Fusstritte »gleich Katapult-Schüssen« austeiltenAmmian. Marc. XV, 12.. Eine solche Bauerschaft lässt sich nicht zuviel bieten, und ein gewisser Grad von Elend wird unvermeidlich den Ausbruch herbeiführen, wie damals geschah. – Allein auch in den Städten herrschte Not und Dürftigkeit; der wichtigste Besitz des Stadtbewohners in diesem fast ausschliesslichen Agrikulturlande war der ausgeliehene oder durch Knechte bewirtschaftete Boden, dessen Unglück der Eigentümer in vollem Masse mitempfand. Sodann erdrückte der Staat hier wie im ganzen Reiche durch das Dekurionenwesen auch die Wohlhabenden, insofern er die Besitzer von mehr als fünfundzwanzig Morgen Landes insgesamt für die fixen, oft noch willkürlich erhöhten Steuern des Bezirkes haftbar machte; eine Lage, welcher sich der einzelne bisweilen durch ganz verzweifelte Schritte, später selbst durch Flucht zu den Barbaren, zu entziehen suchte. Wenn man nun doch noch Beispiele von ausserordentlich reichen Leuten und einem grossen Luxus findet, so erklärt sich dies fürs erste durch das Fortbestehen der sogenannten senatorischen Familien, welche durch erbliche Verleihung Mitglieder des römischen Senates gewesen sein müssen und ausser ihrem Titel clarissimi und andern Ehrenrechten auch die Befreiung von dem Ruin der übrigen Städter, dem Dekurionat, für sich hatten. Ein anderer Grund liegt wohl in einem merkwürdigen Zuge des alten gallischen Nationalcharakters, welcher aus Liebe zu Parteiungen aller Art, später dann natürlich aus Not, beständig auf Verhältnisse der Klientel, des Schutzes Geringerer durch Mächtige, hindrängt. Schon CaesarBellum Gall. VI, 13. fand in dieser Beziehung einen ganz ausgearteten Zustand vor; die Masse war bereits in die Knechtschaft des Adels geraten. Aber ein halbes Jahrtausend nach ihm kehrt dieselbe Klage fast unverändert wieder; SalvianDe vero iudicio et provid. dei, l. V. bejammert das Los der kleinen Grundbesitzer, welche aus Verzweiflung über den Beamtendruck und die ungerechten Richter den Grossen des Landes sich und ihre Habe zu eigen überlassen. »Dann ist ihr Grundstück die LandstrasseWenn fundos viarum quaerunt so zu übersetzen ist. und sie sind die Kolonen der Reichen! Der Sohn erbt nichts, weil der Vater einmal Schutz nötig gehabt hat!« – Auf diese Weise war es schon möglich, dass der einzelne Vornehme, der einzelne Grosspächter von Staatsländereien usw. ganz endlose Latifundien zusammenbrachte und dann wieder in antiker Weise gegen seinen Wohnort oder seine Provinz freigebig sein, zum Beispiel prächtige öffentliche Gebäude errichten konnte, während alles um ihn her darbte oder von seiner Gnade lebte. Ist dies im einzelnen für Gallien nicht nachzuweisen, so bleibt es doch die einzige Erklärung des Kontrastes zwischen der äussern Pracht der Städte (soweit dieselbe nicht kaiserliche Munifizenz war) und dem notorischen Elend. An Tempeln, Amphitheatern, Theatern, Triumphbögen, Fontänen, Thermen, Doppelpforten konnten namentlich die südgallischen Städte es mit den meisten italienischen aufnehmen, wie ihre Ruinen beweisen – noch jetzt die Zierden jedes betreffenden Ortes, wie sie einst als unversehrtes Ganzes den Dichter Ausonius entzückten. Abgesehen von Schenkungen mussten ohne Zweifel auch oft die Dekurionen aus ihrem eigenen und aus dem Stadtgut dergleichen Ausgaben bestreiten helfen. Von den Lehranstalten Galliens wird weiterhin die Rede sein; durch sie erhielt sich das Land seine bedeutende Stellung im Verhältnis zum römischen Geistesleben, auf welche es so stolz war. Denn man wollte ja nicht mehr zum alten Keltentum zurückkehren, sondern nach Kräften Römer sein; mit einem wahren Eifer muss das Volk zum Beispiel seine alte SpracheL. Dieffenbach, Celtica II, 84. Noch Anfang des dritten Jahrhunderts werden einzelne Urkunden keltisch abgefasst. – Vgl. besonders Panegyr. IX, c. 1. zu vergessen gesucht haben, die durch blosse römische Kolonisation und Verwaltung nicht so völlig zurückgedrängt worden wäre. Vielleicht gibt bis zu einem gewissen Grade der Sprachenzustand des Elsass eine Vorstellung des damaligen gallischen; die alte Sprache dauert im täglichen Leben fort, sobald aber ein Interesse höherer Bildung berührt wird, oder sobald man sich irgendwie offiziell zu gebärden hat, tritt die neue in ihr Recht, auf deren wenn auch mangelhafte Kenntnis alle Welt sich etwas zugute tut. Auch die alte Religion der Gallier hatte sich bequemen müssen, ein römisches Gewand anzuziehen, und die Götter haben sich nicht bloss (wo es anging) im Namen, sondern auch in der plastischen Darstellung dem römischen Stil gefügt, mag er auch nicht wenig provinziell verwildert erscheinen, sobald er sich über die alten, kunstverständigen Städte des Südens hinauswagt. In einem Falle mindestens hat aber der klassische Bildhauer auch ein rein keltisches Götterideal verwirklichen müssen, nämlich die geheimnisvollen MatronenVgl. H. Schreiber: Die Feen in Europa, Freibg. 1842. – Auch diese ausgezeichnete Monographie hätte nebst mehrern andern dringend wünschen lassen, dass der seither verewigte Verfasser, welchem einst die erste Auflage dieses Buches gewidmet war, der deutschen Wissenschaft eine Gesamtdarstellung des Keltentums geschenkt haben möchte., welche in ihrem wunderlichen Kopfputz, Fruchtschalen auf dem Schoss, zu dreien nebeneinander zu thronen pflegen. Von einer ganzen Menge zumal lokaler Gottheiten, deren Namen sich schon deshalb nicht ins Lateinische übersetzen liessen, haben wir bloss die WeiheinschriftenOrelli, Inscr. Lat. sel. I, cap. IV § 36 u. 37. – S. den V. Abschnitt. ohne Bildwerke.

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