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Die Zeit Constantins des Großen

Jacob Burckhardt: Die Zeit Constantins des Großen - Kapitel 28
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Zeit Constantins des Großen
authorJacob Burckhardt
firstpub1853
yearca. 1950
publisherVerlag Hallwag
addressBern
titleDie Zeit Constantins des Großen
created20040801
sendergerd.bouillon
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Ganz unersättlich war der Römer aber in all dem, was Schauspiel hiess. Im vierten Jahrhundert waren es bei weitem nicht mehr die von Staats wegen bewilligten Geldmittelsumma decreta populi voluptatibus. Symmachi Ep. II, 46., welche hier für den Hauptbedarf sorgten, sondern die Munifizenz der neuernannten höhern Beamten, auch der Senatoren. Es lastete damit eine sehr schwere Abgabe auf diesen nicht immer reichen Leuten, indem jeder nicht bloss aus Ehrgeiz, sondern noch mehr wegen der Ungenügsamkeit des Volkes seine Vorgänger musste zu überbieten suchen. Ein grosser Teil der Korrespondenz des Symmachus ist den Sorgen gewidmet, welche ihm die Aufführungen bei seiner und seiner Verwandten Beförderung und bei andern Gelegenheiten verursachen. Seit Diocletian war es mit derjenigen kaiserlichen Spielverschwendung vorbei, welche einst noch dem Carinus die Idee eingegeben hatte, ein halbes Quartier in der Gegend des Kapitols mit einem hölzernen Amphitheater zu überbauen und daran allen möglichen Schmuck von kostbaren Steinen, Gold und Elfenbein anzubringenCalpurn. Siculus, Ecloga VII (XI). – Hist. Aug.,Carus,c. 19., worauf dann unter andern seltenen Tieren auch Steinböcke und Nilpferde auftraten und Bären mit Seerobben kämpfen mussten. Die Kaiser sorgten noch für die Baulichkeiten, wie zum Beispiel Constantin den Circus maximus prächtig restauriert hatte (S. 324, Anm. 493); allein die Aufführungen selber waren überwiegend Sache der reichen Würdenträger geworden, welche auf diese Weise dem Staat ihre sonstige Steuerfreiheit bezahlen und ihre Einkünfte ausgeben mussten. Es half nichts, wenn man von Rom fortging; die Steuerregistratoren hielten in diesem Fall, wie es scheint, die Spiele im Namen der AbwesendenSymmachi Ep. IV, 8.. Man war froh, wenn nur für die fremden Tiere der Zoll erlassen wurdeSymmachi Ep. V, 62.. Das Wichtigste war immer die Auswahl der Pferde für die Zirkusspiele; hier war es, wo der vornehme wie der gemeine Römer seine abergläubische Leidenschaft des Wettens stillte, wo für einen Wagenlenker der grösste persönliche Virtuosenruhm, ja eine Art von Unverletzlichkeit erblühen konnte. Nun hatte sich der römische Geschmack in dieser Beziehung dergestalt verfeinert, dass man beständig mit Pferderassen abwechseln mussteDer Römer unterschied zum Beispiel die einzelnen spanischen Rassen im Zirkus genau, s. Symmachi Ep. IV, 63. – Ausserdem vgl. IV, 8. 58. 59. 60. 62. V, 56. 82. 83. VI, 42. VII, 100s. IX, 20. 24.; Kommissionäre durchstrichen die halbe Welt, um Neues und Ausserordentliches zu finden und behutsam nach Rom zu transportieren; Symmachus schreibt an diese Lieferanten in so verbindlichem Tone als an irgend jemand. Für die Tierkämpfe in den Theatern und im Kolosseum, für die Jagden (silvae) im Circus maximus bedurfte man zunächst der Gladiatoren, »einer Fechterschar, schlimmer als die des Spartacus«; auch gefangene Barbaren, zum Beispiel Sachsen, traten bisweilen aufSymmachi Ep. II, 46. Das Folgende aus II, 76. 77. IV, 12. VI, 43. VII, 59. 121. 122. IX, 125. X, 10. 13. 15. 19. 20. 26. 28. 29., doch mag bereits, dem Geiste der Zeit gemäss, der Kampf von Tieren gegen Tiere überwogen haben. Hier finden wir nun die Spielgeber in einer ewigen Verlegenheit, wie die nötigen Bestien beizuschaffen seien, diese Bären, die bisweilen ganz abgezehrt oder gar ausgetauscht ankamen, diese libyschen Löwen, diese Scharen von Leoparden, schottischen Hunden, Krokodilen und selbst solchen Tieren, die gegenwärtig nicht mehr mit Sicherheit zu erkennen sind, wie die Addaces und die Pygargi, u. dgl. Es kommt wohl vor, dass die Kaiser nach einem persischen Siege mit ein paar Elefanten aushalfen, allein dies war eine Ausnahme. – Zu diesem ganzen Treiben gehört noch eine szenische Ausschmückung des Zirkus oder der betreffenden Theater, wozu Symmachus einmal die Künstler aus Sizilien kommen liessSymmachi Ep. VI, 33. 42.. Wir können von ihm annehmen, dass er nur tat, was seines Amtes war, und innerlich über diesen Dingen stand; es gab aber damals so fanatische Bewunderer einzelner Gladiatoren wie nur irgend in der frühern Kaiserzeit. Aus dem vierten Jahrhundert mögen die sehr ausgedehnten, aber schon rohen Mosaiken mit Fechterspielen und Tierkämpfen in der Villa Borghese stammen, wo den einzelnen Personen sogar die Eigennamen beigeschrieben sind; musste sich doch die Kunst oft genug zur Verewigung solcher Aufführungen bequemen und ganze Hallen und Fassaden damit verzieren!Hist. Aug., Gord., c. 3. Carus, c. 19. – Auch das eigentliche Theater hatte noch seine feurigen Liebhaber, darunter Leute von grossem Namen, wie jener Iunius Messala, welcher zur Zeit Constantins seine ganze Habe, auch die kostbaren Kleider seiner Eltern an die Mimen wegschenkteHist. Aug., Carus, c. 20.. Überhaupt genoss in Rom wenigstens die »Komödie« noch ein gewisses Interesse, wenn auch mehr beim gemeinen Mann, dessen grösster Genuss überdies das Auszischen gewesen sein soll, wogegen die Schauspieler sich durch Bestechung zu schützen suchten. Man darf vermuten, dass es sich nur um die Posse (Mimus) handeltetheatralem vilitatem nennt sie Ammian. XXVIII, 4 Ende. (S. 338, Anm. [26]). Wichtiger war jedenfalls die Pantomime, das heisst das Ballett, welches nach einer vielleicht hyperbolischen Angabe noch immer 3000 Tänzerinnen nebst einer Unzahl von Musikanten beschäftigte.

Wenn nun in Hinsicht auf Brot und Schauspiele unsere Geschichtsquellen den Tatbestand hinlänglich genau schildern, so werden wir dafür über tausend andere Umstände, welche das Bild des damaligen Roms vervollständigen müssten, vollkommen im Dunkel gelassen. Die Kapitalfrage zum Beispiel, welches das Zahlenverhältnis der Sklaven zu den Freien war, ist nicht einmal annähernd zu beantworten, und die versuchten AnnahmenVgl. die ingeniösen Berechnungen bei Dureau de la Malle l. c. I, 150 s., welche doch niemanden überzeugen werden. gehen weit auseinander. Da und dort öffnet sich ein Abgrund vor den Augen des Forschers und gestattet einen Einblick in jenes Mittelding von Staatsfabrik und Galeere, wo für öffentliche Bedürfnisse gearbeitet wurde. So die grossen Bäckereien für die allgemeinen BrotverteilungenVgl. Socrates, Hist. eccl. V, 18.; die Vorsteher derselben (mancipes) hatten im Lauf der Zeit Wirtschaften und Bordelle darangebaut, aus welchen mancher Unvorsichtige plötzlich in die Fabrik geschleppt und dort auf Lebenszeit als Sklave eingestellt wurde; wem dies geschah, der war verschollen und die Seinigen hielten ihn für tot. Die Römer müssen um die Sache gewusst haben, wenigstens traf dies Los vorzugsweise Ausländer. Die Behörden vollends hatten so sicher Kunde davon als gewisse neuere Regierungen vom Matrosenpressen, und wenn Theodosius bei einem bestimmten Anlass dem Greuel ein Ende machte, so darf man deshalb nicht glauben, dass erst damals die Entdeckung gemacht worden sei.

Was endlich Ammian von dem Leben und Treiben der höhern Stände erzählt, erregt die unabweisbare Vermutung, dass der brave und tüchtige Mann hier einem Gefühl gekränkter Eitelkeit mehr als billig sich hingegeben habe. Als Antiochener hatte er jedenfalls kein besonderes Recht, die Römer herabzusetzen; als Hofangehöriger des Constantius und Julian aber mochte er vielleicht in den grossen römischen Familien keine sehr zuvorkommende Begegnung gefunden haben. Vieles von seinen Klagen geht auf die Untugenden, welche man den Reichen und Vornehmen zu jeder Zeit und überall zugeschrieben hat; anderes bezieht sich auf jene Zeit überhaupt. Ammian klagt über die monumentale Sucht nach vergoldeten Ehrenstatuen, während dasselbe Geschlecht sich im vergänglichsten Modetand, in der tiefsten Verweichlichung gefällt; er brandmarkt jene fatale Art, die vorgestellten Fremden nach dem ersten Besuch nicht mehr kennen zu wollen, und solchen, die man nach längerer Abwesenheit wiedersieht, zu verraten, dass man sie nicht vermisst habe. Er schildert die Unsitte jener Gastmähler, die man nur gibt, um niemandem etwas schuldig zu bleiben, und wobei die Nomenclatoren (eine Art von Zeremonienmeistern aus dem Sklavenstande) bisweilen gegen ein Trinkgeld gemeine Leute unterschieben. Schon zu Juvenals Zeiten hatte die Eitelkeit mancher etwas darin gesucht, halsbrechend schnell zu fahren und sich für die eigenen wie für die Zirkuspferde zu fanatisieren; auch dies dauerte noch fort. Viele erschienen öffentlich nicht anders als mit einer ganzen Prozession von Dienern und Hausgenossen, »unter dem Kommando der Hausmeister mit Stäben zieht zunächst am Wagen einher die ganze Schar der Webesklaven, dann in schwarzer Tracht die Küchensklaven, ferner die übrige Dienerschaft des Hauses, untermischt mit müssigem Volk aus der Nachbarschaft; den ganzen Zug schliesst ein Heer von Verschnittenen jedes Alters, vom Greise bis zum Knaben, alles sieche und entstellte Figuren«. – Zu Hause aber musste selbst in den bessern Familien, wie jetzt bei uns, die Musik eine Menge gesellschaftlicher Lücken verdecken. Da ertönte unaufhörlich Gesang und Saitenspiel; »statt des Philosophen wird der Sänger berufen, statt des Redners der Lehrer vergnüglicher Künste; während die Bibliotheken wie Gräber geschlossen stehen, werden Wasserorgeln gebaut und Lyren so gross wie Stadtkutschen«. Der Eifer für das Theater war auch den Vornehmen in hohem Grade eigen, und die Koketterie mancher Dame bestand ausdrücklich darin, theatralische Attitüden in leichter Abwechselung nachzuahmen. Auch die äussere Gebärde sollte noch immer ein Kunstwerk sein; Ammian kannte einen Stadtpräfekten Lampadius, welcher es übel aufnahm, wenn man das Stilgefühl nicht bemerkte, mit welchem er auszuspucken pflegte. – Das Klienten- und Parasitenwesen mochte seine Gestalt seit Juvenals Zeiten nicht viel verändert haben, ebenso die Erbschleicherei bei Kinderlosen und so manche andere Sünden der frühern Kaiserzeit; es muss aber mit grossem Nachdruck hervorgehoben werden, dass Ammian trotz seiner übeln Stimmung von jenen kolossalen Lastern und Verbrechen, die Juvenal züchtigt, fast gänzlich schweigt. Das Christentum war hier kaum beteiligt; die grosse Veränderung in den Gemütern, welche den neuen Standpunkt der Moralität hervorrief, war schon im dritten Jahrhundert eingetreten (S. 316 ff.).

Diese vornehme Gesellschaft gibt sich noch als eine heidnische zu erkennen, zunächst durch ihren Aberglauben; sobald es sich zum Beispiel um Testamente und Erbschaften handelt, werden die Haruspices gerufen, um in den Eingeweiden der Tiere Bescheid zu suchen; ja, ganz Ungläubige mögen doch weder über die Strasse, noch zu Tische, noch ins Bad gehen, ohne sich in der Ephemeris, dem astrologischen Kalender, nach dem Stand der Gestirne umzusehenÜber die Fortdauer des Zaubers und der Beneficien vgl. S. 299. Über die der einzelnen Götterkulte Prudent. in Symm. I, 102. 116. 127. 218. 226. 237. 271. 344. 356. 379. 610 etc.. Wir wissen aus andern Quellen, dass namentlich die grosse Mehrzahl des Senates bis auf die Zeiten des Theodosius heidnisch warVgl. Zosim. IV, 59 und a. a. O. Bes. Prudentius, Peristephanon, Hymn. II, Strophe 112, 5; die Bekehrung der Senatoren: Prudent. in Symm. I, 507. 552. 567. 612.. Man tat alles mögliche, um die Priestertümer und Zeremonien vollständig zu erhalten; wie viel Mühe und Kummer hat es sich zum Beispiel Symmachus kosten lassenFür seinen religiösen Standpunkt sind besonders bezeichnend. Ep. III, 52. IV, 33. VI, 40. VIII, 6. IX, 108. 128. 129. X, 61 etc.! Allein neben den öffentlichen Sacra wurden auch die Geheimdienste von den angesehensten Römern des vierten Jahrhunderts mit dem grössten Eifer betrieben, und zwar, wie oben (S. 256 f.) bemerkt, in einer eigentümlichen Verschmelzung. Indem der einzelne womöglich alle üblichen Geheimweihen auf sich nahm, wollte er sich stärken und zusammennehmen gegen das überall vordringende ChristentumDie zahlreichen Inschriften mit Mysterientiteln aus dieser Zeit gesammelt bei Beugnot l. c., vol. I..

Alles erwogen, möchte dieser heidnische Senat von Rom noch immer die achtungswerteste Versammlung und Gesellschaft des Reiches gewesen sein. Trotz den Übelreden Ammians müssen sich hier noch sehr viele Männer – Provinzialen wie Stadtrömer – von tüchtiger, altrömischer Gesinnung gefunden haben, in deren Familien gewisse Überlieferungen herrschend waren, welche man in Alexandrien und Antiochien oder gar in Konstantinopel vergebens gesucht hätte. Vor allem achteten die Senatoren selber den Senat – asylum mundi totiusAmmian. XVI, 10.. Sie verlangten noch einen eigenen, einfach ernsten RedestilSymmachi Ep. I, 89. – Sie nannten sich untereinander frater, ibid. V, 62., der nichts Theatralisches haben durfte; überall sucht man wenigstens die Fiktion aufrechtzuhalten, als ob Rom noch das alte und der Römer noch Bürger wäreVgl. u. a. Symmachi Ep. VI, 55. VIII, 41. IX, 67. civicus amor . . . Romanum nomen usw.. Es sind wohl nur grosse Worte, wenn man will, aber einige treten doch auf, deren Schuld es nicht ist, wenn keine grossen Dinge mehr daraus entstehenEin paar Namen altgesinnter Römer aus der Zeit Constantins durch Epigramme verherrlicht: Symm. Ep. I, 2.. Bei Symmachus selber erscheint der Mut der Fürsprache für BedrängteBes. Ep. III, 33–36 und X, 34 mit einer gewagten Vorstellung an Valentinian I. höchst achtungswert und wiegt, ähnlich wie der Patriotismus des Eumenius (S. 103 ff.), die unvermeidlichen Schmeichelformen wohl auf, denen er sich anderwärts unterzieht. Als grosser, unabhängiger Herr war er persönlich über die Titulaturen hinausEp. IV, 42., welche so manchen glücklich machten.

Die höhere Bildung, die in diesen Kreisen waltete, darf man so wenig als das übrige buchstäblich nach den Aussagen Ammians beurteilen, der den Römern keine andere Lektüre zugesteht, als den Juvenal und die Kaisergeschichte des Marius Maximus, wovon bekanntlich die erste Hälfte der Historia Augusta eine dürftige Bearbeitung ist. Auf das literarische Stelldichein beim Friedenstempel (wo sich auch eine der achtundzwanzig öffentlichen Bibliotheken befand) ist nicht viel zu geben, indem dort sogar ein Trebellius Pollio mit seiner Ware auftreten durfteHist. Aug., XXX Tyr., c. 30 (31).. Wohl aber zeigt der Freundeskreis, den Macrobius um sich versammelt, die Umgebung, in der sich Symmachus bewegt, wie viel wahre Bildung in den höhern Ständen noch vorhanden war. Man darf sich durch die (für uns sehr nützliche) Pedanterie des erstern, durch die gesuchte plinianische Schreibart des letztern nicht irre machen lassen. Es handelt sich allerdings um eine sinkende, mehr zum Sammeln und Betrachten als zum Schaffen geeignete Literaturepoche; der Epigone verrät sich durch sein Schwanken zwischen plautinischen Archaismen und den allermodernsten abstrakten SubstantivenVgl. Symmachi Ep. III, 22. 44.; schon glaubt man die Einseitigkeit der romanischen Völker zu erkennen, welche mit einem Wörterbuch eine Literatur aufrecht halten möchten; in den niedlich gedrechselten Briefen und Billets des Symmachus ist unleugbar lauter bewusste KunstSeine Reflexionen hierüber Ep. I, 45. IV, 28. V, 86. VII 9 etc. Seine bittere Empfindung über die notwendige politische Bedeutungslosigkeit seiner Korrespondenz II. 35.. Allein die Verehrung der ältern Literatur, welcher allein wir vielleicht deren Erhaltung verdanken, war für das damalige geistige Leben so viel wert, als der Kultus Ariosts und Tassos für das jetzige Italien. Das höchste Geschenk, welches Symmachus einem Freunde machen kann, ist eine Abschrift des LiviusEp. IX, 13. – Für seine sonstige literarische Umgebung und Tätigkeit vgl. III, 11. 13. IV, 34 usw. Ob die Philosophen, die er beschützte und empfahl (I, 29. II, 39), Neuplatoniker waren?; eine wahre Anbetung genoss vollends Virgil, der unaufhörlich analysiert, erklärt, auswendig gelernt, zu Centonen verarbeitet und sogar als Schicksalsbuch (S. 294) aufgeschlagen wurde. In dieser Zeit schon mochte die Sage das Leben des grossen Dichters in das Wunderbare und Zauberhafte zu verkehren begonnen haben.

Einen flüchtigen Blick verdient endlich auch das Landleben dieser vornehmen Römer. Derselbe Mann, der seiner Tochter vor allem das emsige Wollespinnen, wenigstens die Aufsicht über die spinnenden Mägde zum Ruhme anrechnetSymmachi Ep. VI, 67. 79., besass Dutzende von Villen, deren ungeheuer ausgedehnte Bewirtschaftung allein schon an Aufsehern, Notarien, Zinseintreibern, Bauleuten, Fuhrleuten und Boten eine ganze Schar erforderte, der Tausende von landbauenden Sklaven und Kolonen zu geschweigen. Durch das Aussterben so vieler grosser Familien müssen die Latifundien, welche schon längst »Italien zugrundegerichtet«, sich in immer wenigem Händen konzentriert haben. Niemand leugnet, dass dies im ganzen ein Unheil war, und die Abhängigkeit Italiens von den afrikanischen Kornflotten beweist es zur Genüge. Auch die Besitzer selbst waren nicht immer glücklich; von der Regierung mit Verdacht angesehen, mit Ehrenpflichten überlastet, mit Einquartierungen heimgesuchtVgl. Symmachi Ep. I, 5. 10. II, 52. VII, 66. IX, 40. 48., vielleicht auch oft durch eine verwickelte Geldwirtschaft gedrückt, erfreuten sie sich doch nur in beschränktem Mass ihrer beinahe fürstlichen Stellung. Wer aber noch geniessen konnte, den musste die nach Jahreszeiten abwechselnde Residenz auf diesen Landhäusern beglücken, von welchen wenigstens die ältern noch an die Schönheit plinianischer Villen erinnern mochten. Symmachus besass, um in der Nähe von Rom zu beginnen, Landhäuser an der Via Appia und am Vatikan, bei Ostia, Praeneste, Lavinium und dem kühlen Tibur, dann einen Landsitz bei Formiae, ein Haus in Capua, sowie Güter in Samnium, Apulien und selbst in Mauretanien. In einer solchen Reihe durften auch Besitzungen an der paradiesischen Küste von Neapel nicht fehlen. Die Römer gaben hier von jeher dem Golf von Baiae einen für uns nicht wohl begreiflichen Vorzug vor dem neapolitanischen; vom Avernischen See auf buntbemalter Barke hinauszufahren in das Meer nach Puteoli, galt noch immer als wonnevolle Lustpartie; über die ruhige Flut tönte von allen Schiffen Gesang, aus den ins Meer gebauten Villen das Geräusch froher Gelage, und weit draussen das Plätschern mutwilliger SchwimmerSymmachus VIII, 23 macht für sich eine absichtliche Ausnahme.. Wenn nun hier Lucull mit seiner Üppigkeit das höchste Vorbild war, und die EinsamkeitSymmachi Ep. I, 8. Campania . . . ubi alte turbis quiescitur; . . . Lucrina tacita . . . Bauli magnam silentes . . . Noch Statius (Silvae III, V, 85) rühmt Neapel wegen seiner Stille., die man zu suchen vorgab, in dieser mehrere Meilen langen Reihe von Villen und Palästen kaum gedeihen konnte, so wird das echte römische Landleben viel eher auf den zur eigentlichen Ökonomie bestimmten Gütern geblüht haben. Hier feierte der Römer vorzüglich gern seine Herbstfreude: »Der neue Wein ist gekeltert und den Fässern anvertraut; Leitern führen bis in die Wipfel der Fruchtbäume; jetzt wird die Olive gepresst; dazwischen zieht die Jagdlust den Wildstätten nach, und scharfriechende Hunde verfolgen die Spuren der EberSymmachi Ep. III, 33..« Was die Jagd betrifft, welche nach aller Vermutung vortrefflich sein musste, so meint zwar Ammian, die Weichlichkeit vieler habe sich mit dem blossen Zusehen begnügtalienis laboribus venaturi gehen die römischen Grossen auf das Land XXVIII, 4, § 18., allein wer irgend kräftige Glieder hatte, für den war die Jagd im möglichst weiten Umfange des Wortes so gewiss eine Lebensfrage als für den jetzigen Italiener. Auch in diesem Fache verlangte man noch ein Gedicht statt eines Handbuches in Paragraphen; wie die Georgica das Landleben überhaupt künstlerisch darstellen sollten, so verherrlichten die Cynegetica und Halieutica, die zum Teil bis ins vierte Jahrhundert herabreichen mögen, das Weidwerk und den Fischfang. – Ein paar Verse des Rufus Festus AvienusBei Wernsdorf, Poetae Lat. min. V, II: Ad amicos de agro., vom Ende des vierten Jahrhunderts, geben zum letztenmal die Stimmung wieder, welche das Landleben des römischen Heiden beseelte. »Bei Tagesanbruch bete ich zu den Göttern, dann gehe ich bei den Knechten auf dem Gut herum und weise jedem seine gemessene Arbeit zu. Darauf lese ich und rufe Phoebus und die Musen an, bis es Zeit ist, mich zu salben und auf der sandbestreuten Palaestra mich zu üben. Heitern Mutes, den Geldgeschäften fern, esse, trinke, singe, spiele, bade ich und ruhe aus nach dem Abendessen. Während der kleine Leuchter sein bescheidenes Mass von Öl verzehrt, seien diese Zeilen den nächtlichen Camoenen geweiht.«

Wohl mochten es allmählich wenige sein, die noch ganz ungebrochen zu geniessen wussten, seitdem die Reichsnot, der Dämonenglaube und die Sorge um das Jenseits auch die Heiden so tief erschüttert hatten. Jene eigentümliche Weltanschauung, welche den edlern Epikureismus und den Stoizismus in sich vereinigt und das irdische Leben der Bessern zu einem so würdigen und liebenswürdigen Ganzen abgeschlossen hatte – sie war am Aussterben begriffen. Einen späten Nachklang davon, aus dem Zeitalter Constantins, gewährt unter anderm das kleine Gedicht des PentadiusBei Wernsdorf l. c. III. »Vom glücklichen Leben«. Es sind aber blosse Erinnerungen aus Horaz, die hier schon deshalb nicht wiederholt werden dürfen, weil man nicht weiss, ob der Verfasser im Ernst dazu hätte stehen können.

Es gab noch eine Stadt in dem alten Weltreiche, die unter Constantin vielleicht nirgends genannt wird, nach deren Leben und Fortdauer wir aber doch mit voller Teilnahme fragen dürfen.

Athen, schon vom Peloponnesischen Kriege her in seinem Bestand erschüttert, war seit Sullas Eroberung mehr und mehr verödetvacuas Athenas, sagt schon Horaz, Epist. II, 2, 81. und ins Kleine zusammengezogen. Allein der Lichtglanz des Ruhmes, welcher die Stadt umgab, das leichte, angenehme Leben, die herrlichen Denkmäler, die Ehrfurcht vor den attischen Mysterien und das Bewusstsein der ganzen hellenischen Welt von dem, was sie Athen verdankte – dies alles zog fortwährend eine Menge freier, gebildeter Menschen dorthin; Philosophen und Rhetoren traten auf und zahlreiche Schüler folgten nach. Seit Hadrian – dem neuen Gründer Athens, wie ihn die Dankbarkeit nannte – schwang sich das Studium zu einer Art von Universität empor, welche durch kaiserliche Dotation einigermassen gesichert und später die wichtigste Lebensquelle der verarmten Stadt wurdeFür das Nähere ist auf die bekannte Abhandlung Schlossers im ersten Bande des Schlosser-Berchtschen Archives zu verweisen..

Wer in diesen späten Zeiten noch antik gesinnt war, der musste vor allem die Athener lieben. Schön und ergreifend lässt LucianLuciani Nigrin., c. 12. seinen Nigrinus über dieses Volk reden, bei welchem Philosophie und Armut zusammengehören, und das sich der letztern nicht schämt, wohl aber sich reich und glücklich fühlt in seiner Freiheit, seinem mässigen Leben und in der goldenen Musse. »Es herrsche dort ein ganz philosophisches Klima, das schönste für schön denkende Menschen; freilich, wer Luxus, Macht, Schmeichelei, Lüge, Knechtschaft wolle, der müsse in Rom leben.« Aber nicht bloss der Syrer von Samosate, der es sich sonst mit so wenigen Dingen ernst sein lässt, auch ein AlciphronAlciphron gilt jetzt als etwas jüngerer Zeitgenosse Lucians. Ausbrüche der Begeisterung Ep. II, 3. III, 51. Die fingierte Zeit ist die macedonische., ein Maximus von Tyrus, ein Libanius von Antiochien und andere noch Spätere geraten ins Feuer, sobald von den Athenern die Rede ist, wobei es unentschieden bleiben mag, ob im einzelnen Fall an das alte Athen der Blütezeit gedacht, oder die Tugenden desselben noch in der damaligen Bevölkerung gefunden oder vorausgesetzt werden. Libanius sagt zum Beispiel von der Verzeihung für Beleidigungen, die man rächen könnte, sie sei »der Griechen, der Athener, ja der gottähnlichen Menschen würdig«. Heliodor, der Emesener, lässt eine bei ägyptischen Räubern gefangene Athenerin schreiben, barbarische Liebe sei noch nicht einmal soviel wert als athenischer HassHeliodor., Aethiop. II, 10.. Diese spätern Heiden, welchen weder im römischen Staatswesen noch in der christlichen Kirche wohl zumute sein konnte, schliessen sich mit einer wahren Zärtlichkeit an die geweihteste Stätte altgriechischen Lebens an. Glücklich schätzt sich jeder, der sein Leben in dieser Umgebung zubringen darf.

Die Studien aber, um derentwillen Sophisten und Schüler in Athen sich sammelten, trugen das Gepräge der Zeit nur allzudeutlich. Wie Philostratus und Gellius für die athenische Schule in der frühern Kaiserzeit, so sind LibaniusLiban, Opera, ed. Reiske, vol. I. Περί τη̃ς εαυτου̃ τύχης. und EunapiusBesonders in den Biographien des Iulianus von Kappadocien, des Proaeresius und des Libanius. ergiebige Quellen für deren Zustand im vierten Jahrhundert, und man kann nicht sagen, dass sie sich in der Zwischenzeit gebessert hätte. Das einseitige Überwiegen der rhetorischen Bildung und daneben die Überschwenglichkeit und Mystik der einzelnen Neuplatoniker, die Eitelkeit der Dozenten und das Faktionswesen ihrer Anhänger – dies alles füllte das stille Athen mit einer Unruhe, einem Hader von ganz eigener Art an. Schon der Empfang des Studenten war eine lebensgefährliche Sache; im Piraeus, wenn nicht schon am Vorgebirge von Sunium, standen Leute bereit, welche ihm aufpassten, um ihn für dieses oder jenes Auditorium (Didaskaleion) in Pflicht zu nehmen und ihn sogar durch Drohungen von dem schon zu Hause gefassten Beschluss abwendig zu machen; einzelne Dozenten erschienen plötzlich im Hafen, um sich ihrer Beute zu versichern. War man dann, etwa unter dem Schutz des Schiffskapitäns, glücklich nach Athen gelangt, so fand man sich in den gewaltsamsten Zustand hineinversetzt; nicht selten gab es Mord und Totschlag nebst den dazu gehörenden Kriminaluntersuchungen, alles wegen der Lehrerkonkurrenz. Zunächst redete die Landsmannschaft ein grosses Wort in diese Dinge; als Eunapius in Athen studierte, hielten die Orientalen vorzugsweise an Epiphanius, die Araber an Diophantus, die vom Pontus an ihren göttergleichen Landsmann Proaeresius, welchem auch viele Kleinasiaten, Ägypter und Libyer anhingen. Allein man war daran nicht gebunden, und überdies hielt das unaufhörliche Überlaufen von Schule zu Schule die Feindschaften beständig in Flammen. Die Studentenschaft war in bewaffnete »Chöre« geteilt, mit »Prostaten« an der Spitze; ihre blutigen Händel schienen ihnen »ebensoviel wert als der Kampf fürs Vaterland«. Hatte man es endlich so weit gebracht, dass zwei Parteien, Dozenten und Auditoren, zur Verantwortung vor dem Prokonsul von Achaia nach Korinth reisen mussten, so wurde in dessen Gegenwart ein wahrhaft feierlicher rhetorischer Wettkampf aufgeführt, zumal wenn es sich der Mühe lohnte, wenn der Beamte »für einen blossen Römer ziemlich gebildet« warDie Sophisten bemerkten wohl nicht immer die Ironie, womit einzelne Prokonsuln verfuhren. Ein Beispiel vielleicht in der Vita Proaeresii, vet. ed. p. 139 s.. Von irgend einer Art von Kollegialität war nicht die Rede. Schon längst wagte man es nicht mehr, öffentlich in Theatern und Hallen aufzutreten, um nicht sofortigen, blutigen Tumult zu erregen; die wohlhabendem Sophisten bauten sich eigene kleine Haustheater. Eunapius schildert uns die dazu eingerichtete Wohnung des Iulianus: »ein kleines, bescheidenes Haus, aber es atmete Hermes und die Musen, so sehr sah es einem Heiligtum ähnlich, mit den Bildnissen der Freunde des Besitzers; das Theater war von Quadern, eine Nachahmung der öffentlichen Theater im Kleinen«. Wer dagegen so arm war als Proaeresius, der anfangs mit seinem Freunde Hephaestion zusammen nur ein Kleid und einen Mantel nebst ein paar Teppichen besass, musste sich helfen, wie er konnte.

In den »Chören« der Studenten herrschten starke eingewurzelte Missbräuche. Schon bei der Ankunft wurden die Neulinge auf einen glänzenden Einstand und auf dauernde Verbindlichkeiten vereidigt, welche nicht selten zur Bekanntschaft mit Wucherern hinführten. Am Tage wurde viel Ball gespielt; bei Nacht zog man herum und gab »den süßsingenden Sirenen« Gehör; gemeine Subjekte machten auch wohl raubähnliche Angriffe auf schutzlose HäuserVielleicht lässt sich damit das berüchtigte Universitätsleben von Padua im siebzehnten Jahrhundert vergleichen.. Als Libanius sich nicht ohne Mühe von diesen Verbindungen losgemacht hatte, vergnügte er sich mit friedlichen Ausflügen, namentlich nach Korinth. Wahrscheinlich zogen viele, wie einst zur Zeit des Philostratus, den noch immer in hohem Wert gehaltenen olympischen, isthmischen und andern Nationalfesten nach. Das Höchste aber, was ein eifriger Heide von Athen mitnehmen konnte, waren die eleusinischen Weihen.

Dieses ganze bunte Treiben bewegte sich zwischen den herrlichsten Denkmälern der Welt, in welchen die edelste Form und die grössten geschichtlichen Erinnerungen sich zu einer unaussprechlichen Wirkung vereinigten. Wir wissen nicht mehr, was diese Werke dem Sophisten des vierten Jahrhunderts und seinen Schülern sein mochten. Es war die Zeit, da dem griechischen Geist ein Lebensinteresse nach dem andern abstarb, bis auf die begriffspaltende Dialektik und das tote Sammeln. In alter, vielleicht fast unberührter Herrlichkeit schaute das Parthenon der Pallas Athene, schauten die Propyläen auf die Stadt hernieder; vielleicht war trotz dem Gotenüberfall unter Decius, trotz den Räubereien unter Constantin noch weit das meiste von dem erhalten, was im zweiten Jahrhundert Pausanias gesehen und geschildert hatte. Aber die reine Harmonie der Bauformen, die freie Grösse der Götterbilder redete nicht mehr vernehmlich genug zu dem Geiste dieser ZeitÜber Athen um das Jahr 400 vgl. Synesii Epistolae 54 (p. 190) und 135 (p. 272). Es trat damals ein völliger Verfall der Schulen ein..

Das Jahrhundert war ausgegangen, sich eine neue Heimat für seine Gedanken und Gefühle zu suchen. Für die eifrigen Christen war dieses irdisch-himmlische Vaterland gegeben: es hiess Palästina.

Wir wollen nicht wiederholen, was Euseb, Socrates, Sozomenus und andere über die offizielle Verherrlichung des Landes durch Constantin und Helena, über die prächtigen Kirchenbauten von JerusalemEs genügt, auf die treffliche Monographie T. Toblers, »Golgatha«, zu verweisen, welche nebst dem »Bethlehem« desselben Verfassers eine Menge wichtiger antiquarischer Fragen erledigt., Bethlehem, Mamre, auf dem Ölberg u. a. a. O. berichten. Bei Constantin war es ein ganz äusserliches Motiv, das ihn zu solchem Aufwand bewog; das Höchste, wozu er es in der Verehrung heiliger Gegenstände brachte, war eine Art von Amulettglauben, wie er denn die Nägel vom wahren Kreuz zu Pferdezügeln und zu einem Helm verarbeiten liess, deren er sich im Kriege bedienen wollteSocrates I, 17. Sozom. II, 1. Die Diskussion über den Moment der Kreuzfindung (welche erst bei Eusebs Überarbeitern erwähnt wird) findet man u. a. bei Sybel und Gildemeister, Der heilige Rock von Trier, 2. Ausg., S. 15 ff..

In zahllosen Gläubigen aber erwachte unwiderstehlich der natürliche Drang, Orte, die dem Gemüte heilig waren, in Person zu besuchen. Es ist wohl wahr, dass der geistdurchdrungene Mensch solche Wallfahrten entbehren kann, dass sie das Heilige schon halb veräusserlichen, es gleichsam »an die Scholle binden« lehren. Und doch wird, wer nicht ganz roh ist, einmal wenigstens den Stätten nachgehen, die für ihn durch Erinnerungen der Liebe oder der Andacht geweiht sind. Im Verlauf der Zeit, wenn aus der Herzenssache eine Sitte geworden, wird das Gefühl des Pilgers wohl leicht in eine Art von abergläubischer Werkheiligkeit ausarten, allein dies beweist nichts gegen den reinen und schönen Ursprung.

Schon seit der apostolischen Zeit kann es nicht an frommen Besuchen derjenigen Stellen Palästinas gefehlt haben, welche mit den Erinnerungen des alten Bundes zwischen Gott und den Menschen die des neuen auf so erschütternde Weise verbanden. Vielleicht die erste weite WallfahrtEuseb., Hist. eccl. VI, 11. war die des kappadocischen Bischofs Alexander, welcher unter Caracalla Jerusalem – das damalige Aelia Capitolina – besuchte, »um des Gebetes und der Geschichte der Orte willen«. Auch Origenes kam, »um die Fußstapfen Christi, der Jünger und der Propheten aufzusuchen«. – Zur Zeit Constantins aber trifft die Sehnsucht nach Palästina schon sehr auffallend mit dem gesteigerten Kultus der Märtyrergräber und der Reliquien überhaupt zusammenHieronym., Contra Vigilantium I, p. 390 ist hiefür belehrend. Unter Constantius glaubte man zum Beispiel die echten Reliquien des Andreas, Lukas und Timotheus zu besitzen; er liess sie nach Konstantinopel bringen. Unter Arcadius kommen die Gebeine Samuels aus Iudaea nach Thracien.. Jerusalem ist gleichsam die grösste und heiligste aller Reliquien, an welche sich dann noch eine Reihe anderer Weihestätten ersten Ranges, viele Tagereisen lang, anschliessen. Aus dem Stationenbüchlein eines Pilgers von BordeauxItinerarium Hierosolymitanum, u. a. in der Ausg. des Itinerar. Antonini von Parthey und Finder., welcher im Jahre 333 das heilige Land bereiste, ersieht man, wie schon damals die fromme Sage, vielleicht auch die Spekulation, das ganze Land mit klassischen Stellen angefüllt hatte, an deren Echtheit später auch das Mittelalter nicht zweifelte. Man zeigte das Gemach, in welchem Salomo das Buch der Weisheit geschrieben, die Blutflecken des Priesters Zacharias auf dem Boden des ehemaligen Tempels, das Haus des Kaiphas und das des Pilatus, den Sykomorenbaum des Zachaeus, und so viele andere Dinge, welche den Spott der historischen Kritik herausfordern können. Einige Jahrzehnte später zählt Hieronymus in der Reisebeschreibung der PaulaHieron., Ep. CVIII, 8 s. ad Eustochium. noch weit gründlicher die Stätten der Andacht von Dan bis Berseba auf. Er selber, sonst so besonnen in seinen Ansichten über die Reliquien, hat sich in Bethlehem für den Rest seines Lebens angesiedelt und alles, was an ihm hing, nach sich gezogen. Gegen das Ende des vierten Jahrhunderts lebt in Jerusalem und der Umgegend eine ganze grosse Kolonie frommer Leute aus allen Gegenden des Reiches in tiefer EntsagungVgl. Ep. XLVI. LVIII. LXXI. CVIII. CXXIX. CXLVII und a. a. O.; »fast so viele psallierende Chöre, als es verschiedene Völker gibt«. Es waren darunter Okzidentalen von hohem Rang und grossem Reichtum, die alles zurückgelassen hatten, um hier in reinerer Stimmung auszuleben, als sie es sonst irgendwo vermocht hätten. Wem die Verhältnisse dies nicht gestatteten, der grämte sich; Hieronymus schrieb mehr als einen Brief, um solche zu beruhigen und ihnen zu sagen, dass die ewige Seligkeit nicht am Besuch Jerusalems hänge.

Und auch diese beneidete Existenz war keine ideale. Abgesehen von der äussern Gefahr durch räuberische Saracenen, welche bis vor die Tore von Jerusalem streiften, hielt sich noch ganz in der Nähe, im peträischen Arabien, in Coelesyrien das Heidentum mit einer verzweifelten Hartnäckigkeit; sodann trat das Dämonenwesen, welches schon so lange her in Palästina heimisch war, in so heftiger Gestalt auf als jemals. Wir kennen bereits Sanct Hilarion als Dämonenbanner (S. 477, 478); Hieronymus selber führt uns zu den Prophetengräbern unweit Samaria, wo eine ganze Anzahl Besessener auf Genesung warteten; weithin hörte man sie wie mit verschiedenen Tierstimmen heulen. Es sind gleichsam die irren Geister, welche über diesem Schlachtfeld aller Religionen, dem Land zwischen Jordan, Wüste und Meer herumschweben.

Eine merkwürdige Fügung hat es gewollt, dass Constantin auch in dem, was er für Palästina tat, weltgeschichtlich auf viele Jahrhunderte hinaus wirken sollte. Ohne den Glanz, welchen er über Jerusalem und die Umgegend verbreitete, hätte sich die Andacht der römischen Welt und folgerichtig die des Mittelalters nicht mit solcher Glut an diese Stätten geheftet und sie nicht nach einem halben Jahrtausend der Knechtschaft unter dem Islam wieder entrissen.

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