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Die Zeit Constantins des Großen

Jacob Burckhardt: Die Zeit Constantins des Großen - Kapitel 26
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Zeit Constantins des Großen
authorJacob Burckhardt
firstpub1853
yearca. 1950
publisherVerlag Hallwag
addressBern
titleDie Zeit Constantins des Großen
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Zehnter Abschnitt

Hof, Verwaltung und Heer
Konstantinopel, Rom, Athen und Jerusalem

Constantin pflegte zu sagen: »Kaiser zu werden, ist eine Sache des Schicksals; wen aber die Gewalt des Fatums in die Notwendigkeit des Herrschens versetzt hat, der bemühe sich, des Imperiums würdig zu erscheinenHist. Aug., Heliogab. 33.

Alles wohl erwogen, war er in der Tat vor all seinen Zeitgenossen und Mitregenten der Herrschaft würdig, so schrecklich er sie bisweilen missbraucht hat. Der Name des »Grossen«, der trotz allen Schmeichlern nur an so wenigen Menschen haften will, ist ihm unbestritten gebliebenBereits absichtlich betont bei dem Zeitgenossen Praxagoras, s. Müller, Fragm. hist. Graec. IV, p. 2 τὸν μέγαν Κωνσταντι̃νον, τη̃ς μεγάλης αρχη̃ς τὸν άξιον επιζητούσης κ.τ.λ. wenn es nicht Zutat des Excerptors Photius ist. – Dann jedenfalls schon bei Eutrop. X vir ingens etc.. Das übermässige Lob der christlichen Schriftsteller hat hier nicht entschieden; sondern vielmehr der gewaltige Eindruck, den die römische Welt von Constantin erhalten hatte. Sie war von ihm zuerst erobert, dann mit einer neuen Religion versöhnt und in den wichtigsten Beziehungen neu eingerichtet worden. Auf solche Beweise von Tatkraft hin durfte sie ihn »den Grossen« heissen, selbst wenn alles, was er getan, zum Schaden ausgeschlagen wäre. In einer weniger ungewöhnlichen Zeit hätte Constantin bei der gleichen Begabung eine solche geschichtliche Stellung schwerlich erreicht; er hätte mit dem Ruhm eines Probus oder Aurelian sich begnügen müssen. Da ihn aber »die Gewalt des Fatums«, wie er sich ausdrückt, auf die Grenzscheide zweier Weltalter stellte und ihm dazu eine lange Herrschaft verlieh, so konnte sich seine Herrschernatur ungleich vielseitiger offenbaren.

Es ist aber nicht unsere Aufgabe, seine Lebensgeschichte zu schildern; wir übergehen auch das ganze mittelalterliche Phantasiebild des Helden, seine angebliche Taufe durch Papst Silvester in Rom, die Schenkung Italiens an denselben usw.Der kleine Roman eines Ungenannten (dreizehntes Jahrhundert?) De Constantino magno eiusque matre Helena enthält nicht einmal eine Sage, sondern – mit Ausnahme des Schlusssatzes – bloss willkürliche Erdichtungen.. Wie im Bisherigen von seinem Verhältnis zum Thron und zur Kirche nur die notwendigen Umrisse gegeben wurden, so darf auch von seiner sonstigen Regierung nur in Kürze die Rede sein. Über die meisten der betreffenden Fragen steht übrigens das historische Urteil nicht durchaus fest, und selbst die Tatsachen sind nicht selten streitig.

So zunächst in betreff der Vervollständigung des Hofzeremoniells und der Hofwürden. Die sogenannte Notitia dignitatum, ein Hof- und Staatskalender vom Anfange des fünften Jahrhunderts, zählt eine reich abgestufte Hierarchie der Hof- und Staatsämter auf, welche wohl im allgemeinen durch Constantin ihre Gestalt erhalten haben mag, wenn sich dieses auch nicht direkt beweisen lässtDie zugänglichsten Auszüge aus der Notitia u. a. bei Kortüm, Römische Geschichte, S. 418 ff. Fiedler, Römische Geschichte, in den Beilagen, u. a. a. O.. Allein von den einzelnen Hofwürden hatten gewiss schon viele unter Diocletian und noch weit früher, etwa seit Hadrian, bestandenS. die bekannte Stelle bei Aurel. Vict., Epit. 14. – Vgl. Preuss, Kaiser Diocletian, S. 95 ff.. Das Verzeichnis hat allerdings, da man diese Vorgänge nicht näher kennt, etwas Überraschendes, so feierlich spricht sich darin der Prunk des Despotismus aus. Überall ertönt das Adjektiv sacer »geweiht«, wo man schlechtweg »kaiserlich« sagen würde; mehrere Würden sind zum Beispiel nach dem sacrum cubiculum, dem kaiserlichen Gemach, usw. benannt. Um aber zu einem festen Schluss zu gelangen, um genau zu ermitteln, wie es bei Hofe zuging, musste man wissen, welche von den vielen Ämtern mit einer wirklichen Aufwartung verbunden und welche blosse Titel waren. Gibt es doch noch jetzt Höfe, welche bei einer tatsächlich sehr mässigen, ökonomischen Einrichtung eine ausserordentliche Menge von Ehrenchargen austeilen. – Wie sehr sich aber die damalige römische Welt an das Titelwesen als Symbol der Rangordnung gewöhnen musste, lehren die üblichen Ehrenprädikate illuster, spectabilis, honoratus, clarissimus, perfectissimus, egregius, und die Anreden amplitudo, celsitudo, magnitudo, magnificentia, prudentia tua usw., welche zum Teil auch die obligate Begleitung gewisser Ämter waren. Schon bei Anlass Diocletians ist von der Bedeutung dieser Neuerungen kurz die Rede gewesen; wir dürfen auch hier vermuten, dass die betreffenden Fürsten nicht sowohl willkürlich Neues schufen, als vielmehr dasjenige konstatierten und in Form und Regel brachten, was ohnedies in der Zeit lag. Constantin freilich verfuhr dabei mit vollem Bewusstsein; »er erfand«, sagt Euseb IV, 1, »verschiedene Ehrentitel, um möglichst vielen Ehre anzutun«. – Übrigens mussten die Vorrechte der Hofleute, konsequent gehandhabt und erweitert, allmählich einen neuen Erbadel hervorbringenVgl. Cod. Theodos. VI, 35. Gesetze v. d. J. 314, 319, 321, 328.; sie sind nicht nur aus dem ganzen drückenden Steuerwesen, aus dem Munizipalelend herausgehoben in eine höhere, verklärte Sphäre, sondern auch gegen das Schicksal der gemeinen Sterblichen, die »calumnias«, geschützt; die Privilegien gelten nicht nur ihnen, sondern auch ihren Kindern und Enkeln und dauern auch im Fall der Pensionierung fort. Schon besass man eine Aristokratie, welche auf erblich werdender Steuerfreiheit beruhte, nämlich die der senatorischen Familien; hier liess sich nun alles dazu an, eine zweite aus Hofleuten (Palatini) und höhern Beamten zu schaffen.

Allein Constantin wusste wenigstens für seine Person die Dinge im Gleichgewicht zu halten. Sein Hof war ein überaus schlüpfriger Boden, und wer da stand, der musste wohl zusehen, dass er nicht falle. In seiner nächsten Umgebung hatte der Kaiser eine Menge »Freunde«, »Getreue«, »Vertraute« und wie sie sonst heissen; er war keiner von den verschlossenen Tyrannen; neben seinem beständigen »Lesen, Schreiben und Nachdenken«Aurel. Vict., Epit. 41. – Constantin hatte wenigstens eine gesunde Abneigung gegen die Verschnittenen (Euseb., Vita Const. IV, 25. Hist. Aug., Alex. Sev. 66), die an seinem Hofe nie zur Geltung kamen. empfand er die Bedürfnisse eines expansiven Gemütes. Dies schliesst jedoch eine grosse Ungleichheit und Duplizität nicht aus; es gibt Charaktere, welche in dieser Beziehung ganz sonderbar gemischt sind, aus Hingebung und Falschheit, aus Bedürfnis nach Umgang und tückischer Selbstsucht, welch letztere sich bei einem Gewaltherrscher jener Art in das Gewand der Staatsraison zu hüllen pflegt. So sehen wir, wie Constantin seine »Freunde« zunächst erhebt und reich machtEutrop. X, 7. – Vgl. Iulian., Caesares, gegen Ende., ja ihnen in der kaiserlichen Kasse zu wühlen gestattet; Missbräuche, die selbst einem Euseb die schwersten Seufzer auspressenEuseb., Vita Const. IV, 29. 31. 54. 55, nachdem er IV, 1 Constantins Freigebigkeit auf ganz kindische Weise gerühmt hat. und bei Ammian (XVI, 8) als ein Krebsschaden des Reiches anerkannt werden. Plötzlich erfolgen dann Katastrophen, welche gewiss oft den ganzen Hof zittern machten; die »Freunde« werden hingerichtet und – wir wagen es unbedenklich zu behaupten – ihr Vermögen wird eingezogen. Vielleicht waren jene Predigten des Kaisers, wovon oben (S. 435 f.) die Rede gewesen ist, die warnenden Vorboten, vielleicht auch die unmittelbare Ankündigung des Sturzes. Wer aufmerken wollte, konnte sich warnen lassen; Constantin redete schon im Gespräch lieber höhnisch als verbindlich, irrisor potius quam blandusAurel. Vict., Epitome. – Sein Beiname Tracala bedeutet wohl: steifnackig, hochmütig.. In einer ganz besonders drohenden Stimmung ist wohl das GesetzCod. Theodos. IX, 1. vom Jahre 325 erlassen: »Wer, woher, wes Standes und Ranges einer sei, der gegen einen meiner Richter, Grossbeamten, Freunde oder Hofleute etwas Ungerades oder Ungerechtes mit Wahrheit zu beweisen sich getraut, der komme furchtlos und wende sich an mich; ich will in Person alles anhören und erkunden, und wenn es erwiesen ist, werde ich mich selber rächen . . .; rächen will ich mich an dem, der bis jetzt mit erheuchelter Unschuld mich betrogen. Denjenigen aber, welcher Anzeige und Beweis leistet, will ich durch Würden und Gut belohnen. Und dies, so wahr mir die höchste Gottheit immer gnädig sei und mich erhalten möge zum Glück und zur Blüte des Staates.« Ob jemand dieser heftigen Aufforderung Folge leistete, ist nicht bekannt, wie denn die ganze innere Hofgeschichte im Dunkel liegt. Eine Besserung erfolgte keinenfalls; gerade im letzten Jahrzehnt seines Lebens wird ConstantinBei Aurel. Vict., Epit. 41. als pupillus, das heisst eines Vormunds bedürftig, verspottet, wegen der unmässigen Verschleuderung. Der ganze Zustand hat etwas sehr Rätselhaftes; ein rastlos tätiger Selbstherrscher, der so weit entfernt ist, eine erklärte Günstlingsregierung neben sich aufkommen zu lassen und dabei doch ein solches Treiben duldet und provoziert, um dann auf einmal mit schrecklicher Strafgerechtigkeit dagegen einzuschreiten – worauf er dann bisweilen eine Übereilung zu bereuen hat und den Hingerichteten Statuen setztAnonym. Bandurii, p. 61, und in derselben Sammlung p. 83. wie dem gemordeten Crispus! Man kann in diesen Dingen einen berechneten Plan oder eine ungleiche, fahrige Gemütsart erkennen – wir wissen zu wenig von Constantin, um uns unbedingt für das eine oder das andere entscheiden zu dürfen und möchten am ehesten eine gemischte Handlungsweise annehmen, wie bereits angedeutet wurdeNoch eine Hypothese möge gestattet sein. Constantin übernahm 324 den Hof und die Generale des Licinius; musste er sich etwa dieser Leute durch Bestechung versichern? Die Verhältnisse zu dem Klerus des licinischen Reiches waren, wie wir sahen, auch nicht ganz rein.. Mit einigem Pragmatismus und einiger Phantasie gelangt man leicht dazu, aus den zerstreuten Nachrichten über Crispus, die Helena, den Präfekten Ablavius, den Usurpator Calocerus und den Thronfolger Dalmatius einen Hofroman aufzubauen, der zugleich sehr interessant und doch von Anfang bis Ende unwahr sein könnte. Jedenfalls galt es als eine allgemeine Wahrnehmung, dass Constantin in seinem letzten Decennium bei weitem nicht mehr derjenige Regent war, wie in der Blütezeit seines LebensEutrop. X, 7 und derber Aurel. Vict., Epit. 41: er hiess in den zehn ersten Jahren trefflich, in den zwölf folgenden ein Räuber, in den zehn letzten ein pupillus, unmässiger Verschleuderung halber.. Von der völligen Ausartung des Hofes unter seinen Söhnen gibt dann Ammian (u. a. XXII, 4) das vollgültigste Zeugnis.

Das Finanzwesen, welches mit diesen Hofbegebenheiten in engem Zusammenhang stehen mochte, übergehen wir hier ganz, weil die wesentlichen Resultate fehlen, so dass man zum Beispiel nicht weiss, ob die von Constantin neu eingeführten Steuern im ganzen eine Wohltat oder eine Erschwerung waren. Die wahre Bilanz des Römischen Reiches bleibt auch für diese Zeit ein Rätsel. In dem ererbten System war, wie bemerkt, vieles unbedingt fehlerhaft; von dem, was wahrscheinlich unter Constantin hinzukam oder grössere Ausdehnung erhielt, ist das Monopol zahlreicher Industriezweige, welche der Staat sich vorbehielt und durch seine Leibeigenen betreiben liess, ohne weiteres verwerflich. Man darf nur nicht vergessen, dass unsere heutige staatsökonomische Erkenntnis diese und ähnliche Hüllen erst nicht vor langer Zeit abgestreift hatÜber Constantins Finanzwesen vgl. Manso, a. a. O., S. 181 ff.. Die Art der Eintreibung, vor allem die Haftbarkeit der Dekurionen (S. 107) für die Steuern ihres Bezirkes, war vielleicht schlimmer als die Geldsucht des Staates an sich. Eine Reihe von GesetzenCod. Theodos. XII, 1. Aus den Jahren 313 bis 331. Constantins belehrt uns, durch welche zum Teil verzweifelte Mittel man sich dem Dekurionat zu entwinden suchte: durch Vermählung mit Sklavinnen, durch Flucht in die Armee, durch Beförderung in den Senat, durch Übersiedelung in weniger gedrückte Städte, durch Versteck und Incognito, später selbst durch Flucht zu den Barbaren. Einen Augenblick hindurch galt auch der Eintritt in den geistlichen Stand als Rettung; aber auf plötzlichen Zudrang folgte ein ebenso plötzliches Verbot (S. 447). Der Staat hat vollauf damit zu tun, das Entwischen aus diesem Steuerverband unmöglich zu machen. Der lokale Jammer war um so grösser, wenn die christlichen Kirchen des Ortes aus dem Stadtgut dotiert wurden, was wenigstens stellenweise geschehen sein mussNach einer vielleicht zu allgemeinen Aussage bei Sozomenus V, 5. Vgl. Manso, a. a. O., S. 228 ff..

Auch die neue Reichseinteilung darf hier nur mit einem Wort berührt werden. Jetzt erst wurden nämlich die 12 Diözesen und über 100 Provinzen Diocletians (vgl. S. 186) in vier grosse Präfekturen zusammengruppiert, was von aussen angesehen allerlei Gründe für sich und wider sich haben mag; ob man aber mit deren Erörterung die wahren Motive Constantins in den einzelnen Fällen richtig treffen würde, ist eine andere FrageBei seiner letzten Verfügung über die Teilung des Reiches (vgl. S. 411) scheint sich der Kaiser genau nach den Präfekturen gerichtet zu haben., aus blosser müssiger Neuerungssucht aber hat er diese grosse Veränderung nicht durchgeführt. Dass die Zahl der Beamten auch bei diesem Anlass sehr stark vermehrt wurde, wird vorausgesetzt; wie weit dies aber auf nutzlose und drückende Weise geschah, ist nicht leichthin auszumachen. Das Urteil hat keinen genügenden Stützpunkt, solange man den Geschäftskreis, die Tätigkeit und die Besoldung dieser Beamtenwelt nur unvollständig und grossenteils gar nicht kennt und von dem Verhältnis ihrer Masse zur Zahl der Untertanen vollends keinen Begriff hat. Viele und mächtige darunter waren böse und korrumpiert zur Zeit Constantins wahrscheinlich wie zur Zeit seiner Vorgänger und Nachfolger.

Hochwichtig und vollkommen deutlich ist nur die Trennung der Zivil- und MilitärgewaltWie weit schon Diocletian dieselbe angebahnt hatte, vgl. Preuss, a. a. O., S. 120.. Die frühern praefecti praetorio, welche einst zugleich die ersten Minister und oft die Beherrscher des Kaisers gewesen, behalten wohl ihren Titel bei, sind aber fortan nur die obersten Verwaltungsbeamten der vier grossen Präfekturen Oriens, Illyricum, Italia und Gallia; der Name hat seine Bedeutung völlig verändert. Für das Kriegswesen treten jetzt zwei Grossfeldherrn, der magister equitum und der magister peditum auf; schon dass ihrer zwei waren und dass ihre Geschäfte sich nicht nach Örtlichkeiten, sondern nach Reiterei und Fussvolk einteilten, zeigt den tiefern Zweck, welcher dieser Veränderung zugrundelag; jeder Gedanke an Usurpation wurde erschwert oder vereitelt, solange einer ohne den andern nichts anfangen konnte. Die allgemeine Trennung der Zivil- und Militärverwaltung ging aber auch durch alle Verhältnisse hindurch; jene gefährlichen grossen Provinzialbeamten, welche als Prokonsuln, Propraetoren, Rectoren usw. auch den Heerbefehl ihrer Gegend innegehabt und nur mit den ihnen untergeordneten Legaten geteilt hatten, sollten fortan den Thron nicht mehr in Besorgnis versetzen dürfen. Die Folgen dieser Trennung für das Schicksal des Reiches müssten noch mehr in die Augen fallen, wenn nicht das Haus Constantins durch Familiengreuel den Mangel der FeldherrnusurpationDie dann mit Magnentius unter gewissen Bedingungen doch eintrat. ersetzt hätte.

Im Kriegswesen an sich betrachtet glaubt man für die Regierung des sonst so kriegstüchtigen Constantin eher Rückschritte als Fortschritte annehmen zu dürfen. Die bereits unter Diocletian begonnene, nach dem Sieg über Maxentius vollendete Auflösung der Prätorianer (S. 392) gehört nicht hieher; sie war eine Sache der politischen Notwendigkeit, und das Reich verlor an jener persönlich tapfern, aber bösartigen Schar nicht viel. Natürlich bildete sich eine neue Leibwache, die PalatinenLange, Hist. mutationum rei milit. Romanor., p. 100 seq. Anders Manso l. c., p. 140 seq.. Das übrige Heer, unter den alten Namen der Legionen, Auxilien usw., zerfiel je nach der Garnisonierung (wie es scheint) in Comitatensen, welche in den Städten des Binnenreiches lagen, und in Pseudocomitatensen, wozu hauptsächlich die Truppen an den Grenzen und in den Kastellen derselben gehörten. In dem grossen Sündenregister Constantins, womit der Heide Zosimus dessen Lebensgeschichte beschliesst, wird jene Einquartierung der Comitatensen in die grossen Städte scharf getadelt (II, 34); dadurch seien die Grenzen halb entblösst und den Barbaren geöffnet, die Städte aber ohne Not in den jammervollsten Druck gebracht worden, während die Soldaten selbst den Theatern und dem Wohlleben nachgehen lerntenIoh. Lydus, De mag. II, 10. III, 31. 40 klagt namentlich über Entblössung der Donaugrenzen, deren Truppen durch Asien verteilt worden seien.. Ganz anders sei das Reich gehütet gewesen unter Diocletian, als alle Truppen an den Grenzen lagen, so dass jeder Barbarenangriff gleich zurückgewiesen wurde. – Die Rechtmässigkeit dieses Vorwurfes wird man weder ungeteilt annehmen noch verwerfen können. Die grossen Städte mochten wohl auch der Hütung bedürftig scheinen. Ob Constantin wirklich gegen Ende seines Lebens so indolent wurde, dass er samt seinem Heer vor ein paar hundert Taifalen die Flucht ergriff, wie derselbe Autor (II, 31) meldet, bleibt sehr zweifelhaftJulian in den Caesares findet ganz im allgemeinen, Constantin habe gegen die Barbaren lächerlich wenig ausgerichtet und sie mit Tribut abgekauft.; zu einem Krieg gegen die PerserDessen mit Fabeln durchflochtene Motive wir absichtlich übergehen. Vgl. Ioh. Lydus l. c. III, 33. Die Stellen u. a. bei Pauly, Realencycl. VI, p. 794. machte er wenigstens noch kurz vor seinem Tode sehr bedeutende Anstalten. – Die zunehmende Barbarisierung des römischen Heeres selbst war das notwendige Ergebnis der Entvölkerung im Innern und der BarbarenansiedelungEusebs erbauliche Auslegung hievon, Vita Const. IV, 6. – S. oben S. 319 und Anmerkung., wodurch man derselben begegnen wollte; auch entzog man den freien Völkern jenseits der Grenze durch Werbung am sichersten die angriffslustige junge Mannschaft. Vorzüglich müssen die Franken eine grosse Stelle im Heer eingenommen habenÜber die Herkunft der vielen andern barbarischen Heeresabteilungen, welche im Verlauf des vierten Jahrhunderts zum Vorschein kommen, vgl. Röckings Kommentar zur Notitia dignitatum in part. Orient., Kap. 4–8. 25–39; in part. Occid., Kap. 5–7. 24 seqq., wenigstens konnten später unter der Dynastie des Constantin fränkische Offiziere bei Hofe das grosse Wort führen. Die Erhaltung des Staates ging derjenigen der römischen Nationalität voran; und auch von dieser letztern mochte man vielleicht noch hoffen, dass sie die einverleibten barbarischen Elementen allgemach bemeistern, sich assimilieren würde, wie sie dies bei den frühern Eroberungen zur Zeit der Republik und in den ersten Jahrhunderten des Kaisertums vermocht hatte.

Ob Constantin wirklich eine Vorliebe für die Barbaren hatte, und in welchem Sinne, bleibt unentschieden. Er wurde angeklagt, zuerst von allen Kaisern Barbaren zu Konsuln gemacht zu habenAmmian. Marc. XXI, 10. – Dass mancher Barbar, mit römischen Ehren bekleidet, der Heimkehr vergessen habe, sagt ganz im allgemeinen Euseb., Vita Const. IV, 7., allein dies lässt sich nicht näher belegen. In den Verzeichnissen der Konsuln aus seiner Zeit findet man – mit Ausnahme der öfter eintretenden kaiserlichen Personen – fast lauter Stadtrömer vornehmen Standes. Andere Staatswürden gab er allerdings auch an Barbaren, und es mögen dieses kaum seine schlechtesten Ernennungen gewesen sein. Gefangene barbarische Soldaten seiner Gegner hat er auf dem Schlachtfelde zu Tausenden seinen eigenen siegreichen Leuten mit Geld abgekauftEuseb., Vita Const. II, 13.. Es ist denkbar, dass er der grossen Möglichkeit, das menschenleere römische Reich mit Barbaren zu füllen, ja sie zur herrschenden Kaste zu machen und dennoch das Imperium oben zu halten, mutig ins Angesicht geblickt habe, nur sind deutliche Aussagen hierüber nicht zu verlangen. – Die stärkste Negation des eigentlich römischen Wesens lag aber nicht in diesem Verhalten gegen die Unrömischen, sondern in der Gründung der »Neuen Roma« am Bosporus. Von dieser muss nunmehr die Rede sein.

Welchen Sinn konnte die Gründung einer neuen Hauptstadt unter jenen Umständen haben?

Der blosse Residenzwechsel des Fürsten kam hier nicht sehr in Betracht. Es liess sich voraussehen, dass der Aufenthaltsort der Kaiser sich noch oft und auf lange Zeit nach dem Kriegszustande an den verschiedenen Grenzen werde richten müssen. Wenn auch unter Constantin selber im ganzen eine merkwürdige Waffenruhe herrschte, so haben doch die folgenden Kaiser des vierten Jahrhunderts die neue Hauptstadt und ihre Herrlichkeiten in der Tat nur wenig geniessen können. Ein blosser Residenzwechsel hätte auch einen ganz andern Charakter gehabt; Constantin hätte etwa in Byzanz, wie Diocletian in NikomedienÜber den traurigen Verfall dieser Stadt seit Constantin vgl. Ammian. Marc. XXII, 9., einen neuen Palast gebaut, die Stadt verschönert, auch je nach Umständen stark befestigt und es seinen Nachfolgern überlassen, anderwärts etwas Ähnliches zu versuchen. Der grösste Gewinn bestand für diesen Fall in der militärischen Sicherheit der Zentralregierung durch die unvergleichliche Lage der Stadt.

Die ganze Frage über die Wahl des Ortes wird aber ausserordentlich erschwert durch unsere Ungewissheit über Constantins letzte politische Pläne. Er vergiesst Ströme von Blut für Herstellung der Reichseinheit und macht dann doch eine ganz rätselhafte Teilung. War sein Beschluss hierüber schon gefasst, als er die neue Hauptstadt gründete? – Man wird es nie ermitteln können. Der Herr der Welt war nicht imstande, das Schicksal seiner Dynastie zu leiten und zu sichern, schon weil sie ein entsetzliches Geschlecht war. Er musste es darauf ankommen lassen, welchem Erben einst das Reich und die Constantinopolis schliesslich anheimfallen würden.

Die geographischen Gründe, welche man sonst geltend macht, dürfen wenigstens nicht überschätzt werden. Byzanz lag allerdings den am meisten bedrohten Grenzen viel näher als Rom; die Donau- und Pontusgoten und die Perser konnte man von hier aus weit besser beobachten. Allein mit den Franken und Alamannen war es trotz aller Siege noch nicht so zu Ende, dass die so weit entlegene Rheingrenze als unbedingt gesichert hätte gelten können. Ausserdem ist es noch eine Frage, ob die Hauptstadt vorzugsweise in eine der am meisten gefährdeten Gegenden des Reiches gehörte, wo noch vor wenigen Jahrzehnten gotische Raubflotten ihr Wesen getrieben hatten. Diesmal erhielt sie freilich eine solche Befestigung, dass neun Jahrhunderte hindurch alle Völkerstürme vergebens an ihre Mauern prallten.

Byzanz hatte aber noch eine ganz andere geographische Bedeutung als bloss die eines uneinnehmbar festen Waffenplatzes. Erinnern wir uns, welche Rolle das sogenannte illyrische Dreieck, das heisst die Ländermasse zwischen dem Schwarzen, Ägäischen und Adriatischen Meer im dritten Jahrhundert gespielt hatte; seine Feldherrn und Soldaten, darunter die constantinische Familie selber, hatten das Reich gerettet und beherrscht; es durfte nun die Residenz für sich verlangen, und so ist die Constantinopolis zunächst der Ausdruck und die Ehrenkrone von Illyricum. Eine Aussage des Zonaras berechtigt zu dieser Vermutung; Constantin soll nämlich anfangs sogar an eine Stadt des tiefen Binnenlandes, Sardica (das jetzige Sofia in Bulgarien) gedacht habenVgl. auch den Anonymus bei Müller, Fragm. hist. Graec. IV, p. 199. Constantin pflegte damals oft zu sagen: »Mein Rom ist Sardica.« Es ist nicht die Gegend von Sardes in Kleinasien gemeint., wobei ihn offenbar nur die Rücksicht auf das bevorzugte Volk im Reiche leiten konnte.

Die Constantinopolis sollte aber – wohin sie auch zu liegen kam – überhaupt keine blosse Residenz, sondern der Ausdruck der neuen Zustände in Staat, Religion und Leben werdenWie untergeordnet die Idee der Residenz erschien, geht schon daraus hervor, dass die neue Stadt »gleichen Rang mit Rom« (Sozom. II, 3) erhalten sollte, während Rom gerade keine Residenz mehr war.. Der Gründer hatte hievon ohne Zweifel ein klares Bewusstsein; er musste sich einen neutralen Ort ohne Prämissen schaffen, weil er keinen vorfand. Die Geschichte hat dieser Tat, verdienter- oder unverdientermassen, den Stempel des Grossen, Welthistorischen aufgedrückt; sie hat in der Stadt Constantins einen ganz eigentümlichen kirchlich-politischen Geist, eine ganz eigene Gattung von Kultur entwickelt, den Byzantinismus, welchen man lieben oder hassen mag, jedenfalls aber als Weltmacht anerkennen muss. Oben der Despotismus, unendlich verstärkt durch die Vereinigung der kirchlichen mit der weltlichen Herrschaft; an der Stelle der Sittlichkeit die Rechtgläubigkeit, statt des schrankenlos entarteten Naturlebens die Heuchelei und der Schein; dem Despotismus gegenüber eine sich arm stellende Habsucht und die tiefste Verschlagenheit; in der religiösen Kunst und Literatur eine unglaubliche Hartnäckigkeit zu beständiger Wiederholung des Abgestorbenen – im ganzen ein Charakter, welcher viel an den ägyptischen erinnert und mit demselben eine der höchsten Eigenschaften, die Zähigkeit gemein hat. Doch wir haben es nicht mit den spätern geschichtlichen Perspektiven, sondern mit den Anfängen zu tun.

Man nimmt wohl an, dass Constantin einen ausgesprochenen Widerwillen gegen Rom empfunden habe, und dass die Römer denselben hervorgerufen oder erwidert hätten durch ihren Abscheu an seiner Vernachlässigung heidnischer Zeremonien. Allein es bedurfte dessen nicht mehr. Seit Diocletian war mit der Notwendigkeit der Reichsteilungen auch die Untauglichkeit Roms zur Residenz eine klar erkannte Sache. Die Zwischenherrschaft eines Maxentius hatte zwar zu Roms grossem Schaden gezeigt, wie gefährlich der hohe alte Name der Weltherrin gemissbraucht werden könne, wenn die Kaiser ferne im Orient und im Norden sassen, allein Constantin wusste, dass nach Aufhebung der Prätorianer nichts Ernstliches mehr zu befürchten warDie Zusammensetzung der spätem Garnison von Rom s. bei Preller, Die Regionen der Stadt Rom, S. 30. 31. 93 ff.. Dass er in Rom residieren sollte, erwartete wohl im Ernste niemand mehr von ihm. Das Zentrum der höchsten Reichsgeschäfte war lange Zeit in Diocletians Kabinett, also vorzugsweise in Nikomedien zu finden gewesen; später hatte Constantin als Herr des Westens, neben Licinius, Rom nur von Zeit zu Zeit besucht, sonst aber sich meist in Gallien und in den Feldlagern aufgehalten. Dem Osten aber durfte er vielleicht (abgesehen von den besondern Ansprüchen Illyricums) nach dem Siege über Licinius die Hauptstadt nicht wohl verweigern, so wie er auch in andern bedenklichen Beziehungen den Sachen ihren Lauf scheint gelassen zu haben. Die geheimen persönlichen Nebenereignisse, welche den Sturz des Licinius begleiteten, würden vielleicht auch hier einiges aufklären können.

Endlich war in Constantin die Leidenschaft des Bauens – eine der stärksten, die es im Gemüte mächtiger Fürsten geben kann – offenbar gewaltig entwickelt. Es lässt sich kein solideres äusseres Symbol der Herrschergewalt denken als Gebäude von bedeutendem Charakter; ausserdem ist das Bauen selbst, mit massenhaften Kräften rasch gefördert, schon an sich ein Gleichnis des schaffenden Herrschens und für ruhige Zeiten ein Ersatz desselben. Vollends gilt eine neue Stadt für den Gründer als das Sinnbild einer neuen Welt.

Es gingen der neuen Gründung wunderbare Entschlüsse und Versuche voraus. Ausser Sardica hatte der Kaiser auch Thessalonich, dann Chalcedon, auf der asiatischen Seite des Bosporus, im Auge gehabt. Der erste feste Entschluss aber galt keiner andern Örtlichkeit als der Gegend des alten Troia, von wo einst durch Aeneas die Auswanderung nach Latium und mittelbar die Gründung Roms ausgegangen. Von historischer Sentimentalität darf hier nicht die Rede sein, bei Constantin so wenig als einst bei Caesar und bei Augustus, welche denselben Plan gehegt hattenSueton., Caes. 79 und die Ausleger zu Horat. Od. III, 3.. Es kamen gewiss sehr bestimmte Gründe heidnischer Superstition in Betracht, über welche der Kaiser, wie oben bemerkt, keinesweges hinaus war. Ilion ist die heilige alte Heimat der Römer; durch irgendeinen Schicksalsspruch, den wir nicht mehr kennenWenn nicht das Chron. paschale, ed. Bonn. p. 517 genügt: Constantin habe ein Orakel erhalten, wonach die Herrschaft Roms dem Untergang nahe sein sollte., waren sie angewiesen, den Sitz ihrer Herrschaft einst wieder dahin zu verlegen, von wo ihre Anfänge entstammten. Constantin begab sichSozomenus II, 3. Kürzer Zosim. II, 30. in Person nach dem berühmten Gefilde, wo an den Grabhügeln der Helden Homers schon seit tausend Jahren geopfert wurde; beim Grab des Aiax, an der Stelle des griechischen Lagers, begann er selbst die Umrisse der künftigen Stadt zu zeichnen. Bereits waren die Tore gebaut, als ihm eines Nachts Gott erschien und ihn ermahnte, eine andere Stätte zu wählen; darauf entschloss er sich für Byzanz. Noch hundert Jahre später sahen die bei Troia Vorüberfahrenden vom Meere aus den Bau, den er unvollendet gelassen. – Wer in dieser Erzählung einen Kampf der heidnischen und der christlichen Umgebung des Kaisers erkennen will, dem kann man wenigstens nicht widersprechen. Es ist wohl denkbar, dass die Hofgeistlichen alle Mittel des Widerstandes in Bewegung setzten, als sich Constantin mit wesentlich heidnischen Zeremonien und Orakeln beschäftigte.

Aber auch bei der Gründung von Konstantinopel ging es ohne dergleichen nicht ab. Für die Adler, welche beim vorgeblichen Neubau von Chalcedon Meßschnüre oder Steinchen rauben und über den Bosporus nach Byzanz tragen, mögen sich Zonaras und Cedrenus verantworten; ähnlicher Art sind mehrere andere Züge, die nur das Bedürfnis der Zeitgenossen nach übermenschlichen Beziehungen grosser Ereignisse ausdrücken. Allein Constantin hätte schon der heidnischen Bevölkerung des Reiches wegen sich auf die Superstition einlassen müssen, und wahrscheinlich war er auch in seinem Innern durchaus nicht frei davon. Er selber spricht sich unbestimmt monotheistisch und dabei sehr geheimnisvoll aus: »Wir haben die Stadt auf Gottes Befehl mit einem ewigen Namen beschenktCod. Theodos. XIII, 5.Welches ist dieser ewige Name? Wahrscheinlich nicht Constantinopolis, vielleicht nicht einmal Neurom (Νέα Ρώμη), sondern Flora oder Anthusa, die Blühende, welches auch der priesterliche Geheimname Roms warIoh. Lydus, De mens. IV, 51; Chron. paschale, ed. Bonn, p. 528.. Der Gott aber, welcher diese Benennung befahl, war schwerlich der Christengott. Auch das Traumgesicht, womit spätere Chronisten den Kaiser beehrenDie Stellen bei Ducange, Constantinopolis Christiana l. I, p. 24. – ein zerlumptes Weib bittet ihn um Kleidung – hat durchaus keinen christlichen Charakter.

Die feierliche Grundlegung der westlichen Ringmauer fand stattDer Anonymus bei Banduri, Imperium Orientale, tom. I, p. 3. – Anders Codinus, ed. Bonn. p. 17. – Laut Glycas, pars IV, war ein berühmter Astronom Valens herberufen worden, um der Stadt das Horoskop zu stellen; er weissagte ihr ein Bestehen von 696 Jahren. den 4. November des ersten Jahres der 276. Olympiade, das heisst des Jahres 326, als die Sonne im Zeichen des Schützen stand, der Krebs aber die Stunde beherrschte. Kurz vorher war der Thronerbe, vielleicht auch schon die Kaiserin hingerichtet worden. Es war die Zeit, da Constantin sich mit dem Neuplatoniker Sopater (S. 440 f.) enge befreundet hatte, und diesen finden wir auch bei der Gründung als Telesten tätigIoh. Lydus, De mens. IV, 2., das heisst er vollzog gewisse symbolische Handlungen, welche das Schicksal der neuen Stadt magisch sichern sollten. Ausser ihm wird auch ein Hierophant Praetextatus, wahrscheinlich ein römischer Pontifex, namhaft gemacht. Es ging später eine SageChron. paschale, ed. Bonn. p. 528. – Beim Anon. Banduri, p. 14 wird dem Palladium beigegeben καὶ έτερα πολλὰ σημειοφορικά. – Auch die zehn vergrabenen Körbe, ebendaselbst, haben den Wert eines Telesma., unter der Porphyrsäule auf dem Forum von Konstantinopel, welche das Standbild des neuen Gründers trug, liege das Palladium, welches er insgeheim aus Rom weggenommen. Dies wäre ein wahres Telesma gewesen, dergleichen zur Abwendung von Plagen und Bannung des Glückes im Altertum so manche waren vollzogen worden; noch Apollonius von Tyana zum Beispiel hatte gerade in ByzanzMalalas, l. X, ed. Bonn. p. 264. Anon. Banduri, p. 15. 36. 42. Apollonius genoss bei den spätern Byzantinern einen mythischen Ruf; sie versetzten ihn in die Zeit Constantins. durch solche Mittel dem Austreten des Flusses Lycus, den lästigen Flöhen und Mücken, dem Scheuwerden der Pferde und andern Übeln abgeholfen.

Diesmal handelte es sich aber für die Stadt des Byzas nicht mehr um solche Kleinigkeiten, sondern um das Weltschicksal, welches an diese Stätte gefesselt werden sollte. Die ältere Geschichte der Stadt, auf welche man jetzt mit gesteigertem Interesse hinblickte, die alten Mythen und Orakel, welche sich auf sie deuten liessen, alles schien voller Ahnungen einer grossen, der Erfüllung sich nähernden Zukunft. Noch durch das kräftige Aufraffen aus dem schweren Unglück unter Septimius Severus und Gallienus, namentlich durch die heldenmütige Verteidigung gegen den erstern hatte Byzanz die Augen der Welt auf sich gezogen; jetzt war es zu ihrer Herrscherin bestimmt.

Wir wollen es nicht versuchen, die alte oder die neue Stadt zu beschreiben; nur was für Constantin selber bei diesem grossen Unternehmen charakteristisch ist, darf hier in Kürze erwähnt werden.

Er selber bezeichnete, einen Speer in der Hand, den Lauf der Ringmauer. Eine Sage, die sich hier anschliesstBei Philostorg. II, 9., ist vielleicht nicht ganz zu verwerfen; seine Begleiter fanden, er schreite zu weit aus, und einer wagte die Frage: »Wie weit noch, Herr?« – worauf er antwortete: »Bis der stehen bleibt, der vor mir her geht«, als sähe er ein überirdisches Wesen vor sich herwandeln. Es ist wohl möglich, dass er es für zweckmässig fand, wenn die andern solches glaubten oder zu glauben vorgaben. Ob die übrigen Zeremonien wirklich nichts anderes waren als eine Wiederholung der bei Roms Gründung vorgekommenen, wie sie Plutarch im eilften Kapitel des Romulus schildertAnsicht Gibbons, Kap. XVII, Anmerk. 28., mag dahingestellt bleiben. Vierthalb Jahre später, den 11. Mai 330, erfolgte unter abermaligen grossen FestlichkeitenAm genausten in den Beilagen zum Anonymus des Banduri, p. 98. und prächtigen Zirkusspielen die Einweihung des Neubaues und die Namengebung: Constantinopolis. Dass Constantin die Stadt der Gottesmutter Maria geweiht habe, ist entschieden eine spätere Erdichtung. Beim Lichte betrachtet, weihte er sie vor allem sich selber und seinem Ruhm. Es genügte ihm nicht, dass schon der Name, dass jeder Stein an ihn erinnerte, dass mehrere Prachtdenkmäler ihm ausdrücklich gewidmet waren; alljährlich am Einweihungstage sollte eine grosse vergoldete Statue, welche ihn vorstellte mit der Tyche, das heisst dem Schutzgenius der Stadt, auf der ausgestreckten rechten Hand, in feierlichem Fackelzuge durch den Zirkus gefahren werden, wobei der jeweilige Kaiser von seinem Sitz aufstehen und vor dem Bild Constantins und der Tyche sich niederwerfen mussteChron. paschale, ed. Bonn. p. 530.. Wer wollte es da den Leuten wehren, wenn auch die oben (S. 506) erwähnte Porphyrsäule mit dem Constantinskoloss allmählich einen gewissen Kultus erhielt, wenn man Lichter und Weihrauch davor anzündete und Notgelübde tat? Der Arianer Philostorgius gibt dies (II, 17) den Christen schuld und kann damit gegen alle Widerrede recht haben, denn wo der Weltherrscher mit einem Beispiel wie jenes voranging, durften Christen und Heiden ungescheut seine Vergötterung selbst bei lebendigem Leibe aussprechenMan konnte sich vielleicht damit entschuldigen, dass Constantin in den Koloss hinein ein Stück des wahren Kreuzes (Socrates I, 17) verborgen hatte. Unten das Palladium, oben – wie wir sehen werden – ein zum Constantin metamorphosierter Apoll, und darin die Reliquie! – Vgl. Lasaulx, Untergang des Hellenismus, S. 47 ff..

Dieser nämliche Geist drückt sich auch in der Art und«Weise aus, wie die neue Stadt zwangsweise bevölkert und bevorzugt wurde. Ihre Gleichberechtigung mit Rom wurde ganz buchstäblich aufgefasst, und demgemäss erhielt sie dieselben Einrichtungen, Behörden und VorrechteSozom. II, 3.; hatte sie doch auch sieben Hügel wie das Rom an der Tiber! Vor allem einen Senat musste sie haben, auch wenn man nicht wusste, wozu; höchstens brauchte etwa der Hof Figuranten bei Prozessionen. Eine kleine Anzahl römischer Senatoren liess sich allerdings durch äussere Vorteile, durch Paläste und Landgüter zur Übersiedelung bewegen; und wenn eine spätere SageBeim Anonymus des Banduri l. c., p. 4. – In spätern Zeiten meinten die Byzantiner, Constantin habe geradezu den ganzen Senat von Rom hergeholt und dort überhaupt nur den armen Pöbel zurückgelassen. Liudprandi Legatio, c. 51. – Wurde doch, der Sage nach, auch echte Puzzolanerde von Puteoli hergeführt und unter den Baukalk gemischt. Iovian. Pontan., De magnificentia. recht hätte, so wäre sogar dies nur durch die feinste Zuvorkommenheit möglich geworden, indem sie der Kaiser durch identische«Wiederholung ihrer römischen Villen und Paläste am Ufer des Bosporus überraschte. Auch ein prächtiges SenatslokalZosim. V, 24. baute er ihnen; allein weder die Bilder der Musen, welche einst auf dem geweihten Helikon aufgestellt gewesen, noch die Statuen des Zeus von Dodona und der Pallas von Lindos, die jetzt an der Pforte des Gebäudes prangten, waren imstande, der Nichtigkeit der neuen Korporation abzuhelfen.

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