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Die Zeit Constantins des Großen

Jacob Burckhardt: Die Zeit Constantins des Großen - Kapitel 23
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Zeit Constantins des Großen
authorJacob Burckhardt
firstpub1853
yearca. 1950
publisherVerlag Hallwag
addressBern
titleDie Zeit Constantins des Großen
created20040801
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Neunter Abschnitt

Constantin und die Kirche

Man hat öfter versucht, in das religiöse Bewusstsein Constantins einzudringen, von den vermutlichen Übergängen in seinen religiösen Ansichten ein Bild zu entwerfen. Dies ist eine ganz überflüssige Mühe. In einem genialen Menschen, dem der Ehrgeiz und die Herrschsucht keine ruhige Stunde gönnen, kann von Christentum und Heidentum, bewusster Religiosität und Irreligiosität gar nicht die Rede sein; ein solcher ist ganz wesentlich unreligiös, selbst wenn er sich einbilden sollte, mitten in einer kirchlichen Gemeinschaft zu stehen. Das Heilige kennt er nur als Reminiszenz oder als abergläubische Anwandlung. Die Momente der innern Sammlung, die bei dem religiösen Menschen der Andacht gehören, werden bei ihm von einer ganz andern Glut aufgezehrt; weltumfassende Pläne, gewaltige Träume führen ihn glatt auf den Blutströmen geschlachteter Armeen dahin; er gedenkt wohl, sich zur Ruhe zu setzen, wenn er dieses und jenes erreicht haben wird, was ihm noch fehlt, um alles zu besitzen; einstweilen aber gehen alle seine geistigen und leiblichen Kräfte den grossen Zielen der Herrschaft nach, und wenn er sich einen Augenblick auf sein wahres Glaubensbekenntnis besinnt, so ist es der Fatalismus. Man will sich nur im vorliegenden Fall nicht gerne davon überzeugen, dass ein Theologe von Bedeutung, ein Forscher zwar von geringer Kritik, aber von grossem Fleisse, ein Zeitgenosse, der den Ereignissen so nahe stand, dass Euseb von Caesarea durch vier Bücher hindurch eine und dieselbe Unwahrheit hundertmal sollte wiederholt haben; man beruft sich auf eifrig christliche Edikte, ja auf eine Rede des Kaisers »An die Versammlung der Heiligen«, welche im Munde eines Nichtchristen ganz undenkbar wäre. Allein die Rede wurde, vorläufig bemerkt, weder von Constantin verfasst noch jemals abgehaltenWäre dies geschehen, etwa auf einer Synode, so würde es an einer Notiz darüber gewiss nicht mangeln., und in den Edikten liess er teilweise den christlichen Priestern freie Hand; Eusebius aber, obschon ihm alle Geschichtsschreiber gefolgt sind, hat nach so zahllosen Entstellungen, Verheimlichungen und Erdichtungen, die ihm nachgewiesen worden, gar kein Recht mehr darauf, als entscheidende Quelle zu figurieren. Es ist eine traurige, aber sehr begreifliche Tatsache, dass auch die übrigen Stimmführer der Kirche, soviel wir wissen, die wahre Stellung Constantins nicht verrieten, dass sie kein Wort des Unwillens hatten gegen den mörderischen Egoisten, der das grosse Verdienst besass, das Christentum als Weltmacht begriffen und danach behandelt zu haben. Wir können uns lebhaft vorstellen, wie glücklich man sich fühlte, endlich eine feste Garantie gegen die Verfolgungen gewonnen zu haben, allein wir sind nicht verpflichtet, nach anderthalb Jahrtausenden die damaligen Stimmungen zu teilen.

Als die Reminiszenz, welche Constantin aus dem Hause des Chlorus mitbrachte, erscheint der tolerante MonotheismusWogegen die Inschrift bei Orelli 1061 zu Ehren Mercurs bei der damaligen Götteransicht nichts beweisen würde. – Vgl. oben S. 288 f. und S. 369 nebst Anmerk., welchem dieser ergeben war. Das erste selbständige religiöse Lebenszeichen gewährt dannPanegyr. VII, 21. der Besuch Constantins in dem Apollstempel zu Autun (308) vor seinem erneuten Angriff gegen die Franken; er scheint das dortige Orakel befragt und reiche Geschenke dargebracht zu haben. Dieser Apollsdienst steht vielleicht mit jenem Monotheismus des elterlichen Hauses nicht im Gegensatze, insofern etwa schon Chlorus sein höchstes Wesen als Sonnengott auffasste. Auch der Neffe JulianSiehe das Zitat aus Orat. VII, fol. 228, bei Neander, K. Gesch., Bd. III, S. 13. – In den Caesares, p. 144 höhnt Julian über das andächtige Verhältnis Constantins zur Mondgöttin (Selene). wusste von einem besondern Helioskultus des Constantin zu melden. Dass hiebei an die Personifikation der Sonne als Mithras[Nachtrag:] »Der erste Kaiser, welcher verurteilte Christen in Masse begnadigt hat, Commodus, ist ein eifriger Mithrasverehrer gewesen.« (Zahn, Constantin und die Kirche, S. 10.) zu denken ist, schliessen wir aus dem bekannten constantinischen Münzreverse, welcher den Sonnengott mit der Inschrift SOLI. INVICTO. COMITI darstellt. Wer mit antiken Münzen zu tun gehabt hat, weiss, dass unter fünf constantinischen Stücken wohl vier keine andere Rückseite haben als diese, woraus mit überwiegender Wahrscheinlichkeit hervorgeht, dass dieser Stempel bis zum Tode des Kaisers beibehalten wurde[Nachtrag:] In dem mannigfach belehrenden Aufsatz von Brieger, »Constantin d. Gr. als Religionspolitiker« (Briegers Zeitschrift für Kirchengeschichte IV, Heft II, Gotha 1880) findet sich S. 176 und S. 180 eine Zusammenstellung in betreff der Münzen mit heidnischen Reversen und derjenigen (erst aus den letzten Jahren), welche etwa das christliche Monogramm tragen. Die übergrosse Häufigkeit der Münzen mit dem von mir im Text erwähnten Revers macht es indes doch wahrscheinlich, dass auch dieser bis gegen den Tod des Kaisers hin in Anwendung blieb.. Ausserdem kommen Victorien, der Genius populi Romani, Mars und Juppiter mit verschiedenen Beinamen, sowie eine Anzahl weiblicher Personifikationen am häufigsten vor. Dagegen müssen die Münzen mit unzweideutigen christlichen Emblemen, die er geprägt haben soll, überhaupt noch gefunden werdenNamentlich die von Euseb. l. c. IV, 15 erwähnten, wo er betend dargestellt sein soll.. In der Zeit, da er neben Licinius herrschte, erscheint die Figur des Sonnengottes mit der Inschrift COMITI. AVGG. NN., das heisst »dem Begleiter unserer beiden Kaiser«, und auch viele Münzen des Crispus und des Licinius selbst haben noch den gleichen Revers. Fortwährend nennt sich Constantin auf Inschriften und auf Münzen Pontifex maximusSo auch die folgenden Kaiser bis auf Gratian, Zosim. IV, 36. und lässt sich als solcher mit verschleiertem Haupt abbilden; in den Gesetzen der Jahre 319 und 321Cod. Theodos. IX, 16. XVI, 10. erkennt er den heidnischen Kultus noch als zu Rechte bestehend an und verwahrt sich nur gegen den geheimen, gefährlichen Gebrauch der Magie und der Haruspicin, während er das Beschwören des Regens und des Hagels gestattet und bei Blitzschlägen auf öffentliche Gebäude das Gutachten der Haruspices ausdrücklich verlangt. Zosimus, wenn wir dem Heiden des fünften Jahrhunderts glauben dürfen, bestätigt diese Befragung heidnischer Priester und Opferer in noch weiterem Umfange und lässt sie bis zur Tötung des Crispus dauern (326), welche nach seiner Ansicht der wahre Termin für Constantins sogenannte Bekehrung wäre.

Diesem allem steht aber entgegen, dass Constantin seit dem Kriege mit Maxentius (312) nicht bloss die Duldung des Christentums als einer erlaubten Religion eintreten liess, sondern in der Armee ein Sinnbild verbreitete, wobei sich zwar jeder seine eigenen Gedanken machen konnte, das aber die Christen auf sich beziehen mussten. Die verschlungenen Buchstaben Χ und Ρ, welche den Anfang des Wortes Christus (ΧΡΙΣΤΟΣ) ausmachen, wurden, wie es heisst, noch vor dem Kriege an den Schilden der Soldaten angebrachtDe mort. persec. 44. – Dass eine sehr ähnliche Chiffre wie diese Kreuzung von Χ und Ρ schon in der vorchristlichen Zeit auf orientalischen Feldzeichen vorkam, und zwar als eine Abbreviatur der Sonne, vgl. Zahn, Constantin d. Gr. und die Kirche, S. 14. – [Nachtrag:] Über das Monogramm, dessen beide Formen, unleugbar christlich gemeinte Bedeutung und vermutliches Vorkommen schon vor Constantin, vgl. den Exkurs bei Brieger, a. a. O., S. 194 ff.. Zugleich oder erst später wird an einem grossen Feldzeichen, an einer Heerfahne dasselbe Monogramm, von Gold und Juwelen umgeben, befestigt, worauf dieses Feldzeichen einen besondern, wunderlichen Kultus erhält und den Kriegern die grösste Siegeszuversicht einflösst. Bald werden für alle Heere dergleichen Feldzeichen (labarum, semeion) angefertigt; einer eigenen Garde wird die Bewahrung des Idols in der Schlacht anvertraut; man widmet ihm sogar ein eigenes Zelt, in welches sich der Kaiser vor jeder wichtigen Affäre geheimnisvoll zurückzieht. Sollte dies alles nicht die Bedeutung eines öffentlichen Bekenntnisses haben?

Zunächst beachte man, dass Constantin sich mit diesem Abzeichen nicht an die Bevölkerungen, sondern an das Heer wendet. Dasselbe kannte ihn bereits aus den Frankenkriegen als einen glücklichen und bedeutenden Feldherrn, es gehörte ihm teilweise schon vom Vater her an und hätte sich alle beliebigen Symbole und Embleme von seiner Seite gefallen lassen. Unter den Galliern und Briten, welche dabei waren, gab es sicher viele Christen und indifferente Heiden, und den Germanen war die Religion des Führers vollends ganz gleichgültig. Von seiner Seite aber war es ein Versuch, der ihn vorderhand zu gar nichts verpflichtete als zu der Toleranz, die in seinen bisherigen Gebieten tatsächlich schon herrschte und die er dann auch über die eroberten ausdehnte. Christus konnte ihm als Gott neben andern Göttern gelten, die Bekenner desselben als Untertanen neben den Dienern der Heidengötter. Wir wollen die Möglichkeit nicht leugnen, dass Constantin eine gewisse Superstition zugunsten Christi in sich habe aufkommen lassen, ja dass er diesen Namen vielleicht mit seinem Sonnengott in eine konfuse Verbindung brachte; es kam ihm aber gewiss ausschliesslich auf den Erfolg an; hätte er in Italien sogleich einen übermächtigen Widerwillen gegen das ΧΡ angetroffen, so wäre es wohl bald wieder von den Schilden und Feldzeichen verschwunden. Statt dessen konnte er sich wahrscheinlich mit Sicherheit überzeugen, dass die grosse Masse der Heiden der Verfolgung abhold war und dass er keine Gefahr dabei lief, seine Statue mit dem Labarum in der Hand mitten in Rom aufstellen und darunter schreiben zu lassen, dieses rettende Zeichen sei der wahr Beweis aller TapferkeitEuseb., Vita Const. I, 40. Hist. eccl. IX, 9. Offenbar unrichtig aus dem Latein übersetzt. [Nachtrag:] Die Statue Constantins würde nicht, wie im Text gesagt ist, das Labarum, sondern nach Eusebs Worten ein Kreuz gehalten haben, und dies muss ich mit Brieger (a. a. O., S. 200) in jenem Augenblick für nahezu undenkbar halten..«Wenn er ein eigentliches Bekenntnis des Christentums hätte ablegen wollen, so wäre doch eine ganz andere Erklärung vonnöten gewesen! – Ein Blick auf das Jahr 312 würde alles klarmachen, wenn wir über die allgemeinen Zustände besser berichtet wären. Nichts ist schwerer zu belegen und doch nichts wahrscheinlicher, als dass in jenem kritischen Moment am Ende der Verfolgungen die Gemüter der Heiden milder und nachgiebiger gestimmt waren als je zuvor und nachher; sie wussten nicht oder sie vergassen auf einen Augenblick, dass das Christentum, einmal geduldet, zur herrschenden Religion werden musste.

Auch Constantin wusste es vielleicht nicht, aber er liess geschehen und behielt die Augen offen. So wie ihm sein heller empirischer Verstand sagte, dass die Christen gute Untertanen seien, dass ihrer viele seien, und dass die Verfolgung für eine vernünftige Staatsgewalt gar keinen Sinn mehr haben könne, war sein Entschluss gefasst. Und die praktische Ausführung darf man wohl vom politischen Standpunkte aus in hohem Grade bewundern. Das Labarum in seinen siegreichen Händen versinnlicht die Herrschaft, die Kriegsgewalt und die neue Religion zugleich. Der Korpsgeist eines Heeres, welches über eine der grössten Armeen der alten Geschichte gesiegt hat, gibt dem neuen Symbol die Weihe der Unwiderstehlichkeit.

Das bekannte Wunder aber, welches Euseb und seine Nachschreiber auf dem Zuge gegen Maxentius geschehen lassen, dürfte wohl endlich aus den geschichtlichen Darstellungen wegbleiben, weil es nicht einmal den Wert einer Sage, überhaupt keinen populären Ursprung hat, sondern erst lange hernach von Constantin dem Euseb erzählt und von diesem in absichtlich unklarem Bombast aufgezeichnet worden istVita Const. I, 27 s.. Der Kaiser hatte dem Bischof zwar einen hohen Eid darauf geleistet, es sei nicht ersonnen, er habe wirklich jenes Kreuz am Himmel gesehen mit der Inschrift: »Durch dieses siege!« und Christus sei ihm wirklich darauf im TraumEn animam et mentem, cum qua dii nocte loquantur! würde Juvenal gesagt haben. erschienen usw.; allein die Geschichte weiss mit einem Eid Constantins des Grossen nicht viel anzufangen, weil er unter anderm seinen Schwager trotz eidlicher Versicherung hat ermorden lassen. Und dann ist auch Euseb nicht zu gut dazu, zwei Dritteile der Erzählung selber erfunden zu haben.

Nun bleibt offenbar in Constantins äusserem Verhalten eine grosse Ungleichheit; er nimmt das Monogramm Christi zum Abzeichen seines Heeres und lässt den Namen Juppiters auf dem Triumphbogen (S. 395 f.) auslöschen, während er auf den Münzen die alten Götter, besonders den Sonnengott als unbesiegten Begleiter beibehält und sich bei wichtigen Anlässen ganz heidnisch äussert. Dieser Zwiespalt nimmt in seinen letzten Lebensjahren eher zu als ab. Allein er wollte vorderhand beiden Religionen Garantien geben und war einstweilen mächtig genug, eine solche Doppelstellung auszuhalten.

Seine Toleranzedikte, von welchen das zweite, zu Mailand (313) in Gemeinschaft mit Licinius erlassene erhalten ist, gestatteten vorderhand nichts als die Gewissens- und Religionsfreiheit, allein das letztere gab diese unbeschränkt und unbedingt. Damit war der Begriff einer Staatsreligion vorderhand aufgehoben, bis das Christentum diese dem Heidentum abgenommene Hülle anzog. Bald riss eine Massregel die andere nach sich, besonders als Maximinus Daza dem Licinius gegenüber und später Licinius selbst dem Constantin gegenüber das Christentum anfeindeten. Die während der Verfolgung konfiszierten Versammlungsplätze und andere Grundstücke der christlichen Gemeinden wurden zurückgegeben, die Christen offenbar begünstigt und ihr Proselytismus tätig unterstützt. Ein Moment der Besorgnis vor dem Unwillen der Heiden verrät sich noch in den oben angeführten Gesetzen vom Jahre 319, in welchen der Privatgebrauch der Haruspicin und die Hausopfer strenge verboten werden, wahrscheinlich weil die geheime Befragung der Haruspices und die Opferfeste bei verschlossenen Türen politisch gemissbraucht wurden. Endlich folgt mit dem Edikt an die Provinzialen von Palästina und mit demjenigen an die Völker des Orientes nach dem letzten Siege über LiciniusEuseb., Vita Const. II, 24–42 und 48–60. (324) eine scheinbar ganz rückhaltlose persönliche Hingabe des Kaisers an das Christentum, dessen Bekenner mit aller möglichen Gunst von den Konsequenzen der Verfolgung befreit und in ihre frühere Stellung und Habe wieder eingesetzt werden. Gegen den Polytheismus wird in diesen Aktenstücken schon nachdrücklich polemisiert; es ist die Rede von Weihestätten der Lüge, von Finsternis, von elendem Irrtum, den man eben nur noch dulden müsse usw. Allein Constantin hat hier nicht selber die Feder geführt, obgleich Euseb das Autographum gesehen zu haben behauptet; der Konzipient verrät sich wenigstens im zweiten Schreiben, in dem er den Kaiser sagen lässt, er sei zu Anfang der Verfolgung »gerade ein Knabe« gewesen, während Constantin doch im Jahr 303 fast ein Dreissiger warWeshalb man in der Überschrift des Kap. παι̃ς in νέος korrigiert hat. Der Schreiber wusste nicht, wann die Verfolgung begonnen hatte. Er bezeichnet ganz wie Lactantius den Diocletian als feig, δείλαιος, worauf man sich das Wort gegeben hatte. – Es wird mir doch fast zu schwer, mit Hunziker (a. a. O., S. 156) anzunehmen, Constantin habe durch die falsche Altersangabe nur die gedankenlosen Leser verhindern wollen, zu fragen, warum er nicht damals für die Christen eingestanden sei.. Der ganze wesentliche Inhalt aber ist wohl unmittelbar des Kaisers Werk, der sich, wie man bei näherer Prüfung bemerkt, nicht einmal als Christ hinstellt; was sich persönlich laut macht, ist der öde Deismus eines Eroberers, welcher einen Gott braucht, um sich bei allen Gewaltstreichen auf etwas ausser ihm berufen zu können. »Ich, ausgehend vom britannischen Meer und von den Gegenden, wo der Sonne vorgeschrieben ist unterzusinken, vertreibend und zerstörend durch eine höhere Gewalt die alles beherrschenden Übel, damit das Menschengeschlecht, durch meine Hülfe erzogen, zurückgerufen werde zum Kultus des erhabensten Gesetzes usw. – ich also bin bis in die Gegenden des Orients gekommen, welche, in je tieferm Unglück sie sich befanden, zu um so grösserer Hülfe mich herbeiriefen usw. – Ihr sehet alle, welche Macht und Gnade das ist, die der gottlosesten und beschwerlichsten Menschen ganzes Geschlecht hat verschwinden und untergehen lassen« usw. usw. – Dinge die auch ein erobernder Khalif unterschreiben könnte. Und auf ganz ähnliche Wendungen ist Napoleon in seinen arabischen Proklamationen in Ägypten verfallen[Nachtrag:] In der Inhaltsangabe des Ediktes vom J. 324 hätte (wie ich aus Brieger ersehe) hervorgehoben werden sollen, dass neben allen Ausdrücken der Verachtung doch die Weiterduldung des Heidentums nachdrücklich befohlen wird. Constantin will eine Art von Parität, welche freilich in der Tat zugunsten des Christentums ausschlagen musste. Er will aber nicht genau ausgerechnet sein, und es hat seine Schwierigkeit, ihn genau bei einem Prinzip zu behaften..

Es ist nicht unmöglich, dass Constantin in seinem ursprünglich an die Sonne und an Mithras angelehnten Deismus eine allgemeinere und deshalb vermeintlich höhere Grundgestalt aller Religionen zu besitzen glaubte. Zeitweise hat er wirklich neutrale Lebensformen für religiöse Dinge aufgesucht, welchen sich Christen und Heiden fügen sollten. Dieser Art ist der gemeinsame Sonntag und das gemeinsame VaterunserEuseb., Vita Const. IV, 18–20. Laut dem Anfang von Kap. 19 sollte man glauben, das Gebet habe nur den Heiden gegolten; nachher ist aber doch wieder von »allen Soldaten« die Rede. Das Gebet ist offenbar darauf berechnet, beiden Religionen zu genügen. – Das Verbot der Handarbeit und der Gerichtssitzungen am Sonntag stammt wahrscheinlich schon aus dem Jahr 321; vgl. Manso, a. a. O., S. 95 n. Die Heiden kehrten sich wenig daran. Vgl. Euseb. l. c. IV, 23. – Heiden feierten früher etwa den dies Saturni, vgl. Tertullian., Apolog. 16.. »Er lehrte alle Armeen, den Tag des Herrn, welcher gerade auch als der des Lichtes und der Sonne benannt wird, mit Eifer ehren . . . Auch die Heiden mussten am Sonntag hinaus auf das freie Feld und miteinander die Hände aufheben und ein auswendig gelerntes Gebet hersagen zu Gott als Urheber alles Sieges: ‹Dich allein erkennen wir als Gott und König, Dich rufen wir als unsern Helfer. Von Dir haben wir die Siege erlangt, durch Dich die Feinde überwunden. Dir danken wir das bisherige Gute, von Dir hoffen wir das künftige. Zu Dir flehen wir alle und bitten Dich, dass Du unsern Kaiser Constantin und seine gottliebenden Söhne uns lange unversehrt und siegreich bewahrest.›« Diese Formel konnten sich auch die Christen gefallen lassen; die Heiden aber, welche an einem so ausgesprochenen Monotheismus hätten Anstoss nehmen können, waren vor allem Soldaten. Dass auch an die Mithrasgläubigen sehr speziell gedacht war, deutet Euseb mit seinem »Tag des Lichtes und der Sonne« ziemlich klar an. Wie bezeichnend lautet übrigens dieses sogenannte Gebet! Kaiser, Heer und Sieg – weiter nichts; kein Wort an den sittlichen Menschen, keine Silbe an den Römer.

Bei diesem Anlass noch ein Wort über Constantins geschichtliche Tat im ganzen[Nachtrag].. Er wagte eine der kühnsten Sachen, die sich denken lassen, vor welcher vielleicht schon mehr als ein Imperator zurückgeschaudert war: die Ablösung des Reiches von der alten Religion, welche in ihrer damaligen Zerrüttung trotz dem obligaten Kaiserkultus keine Hilfe mehr für die Staatsgewalt sein konnte. Dies setzt voraus, dass er schon in seiner Jugend, schon vor der Verfolgung auch über die christliche Kirche ins klare gekommen sein muss; eine so kleine Minorität dieselbe gegenüber der ganzen Heidenwelt umfasste, so war sie doch – das Heer abgerechnet – die einzige organisierte Kraft im Reiche, während alles übrige Staub war. In dieser Kraft eine künftige Stütze des Imperiums geahnt und sie danach behandelt zu haben, ist nun der ewige Ruhmestitel Constantins. Neben einer hohen und eiskalten Intelligenz, neben einer völligen innern Unabhängigkeit von allem christlichen Empfinden gehörte hiezu eine ebenso ausserordentliche Entschlossenheit wie Tagesklugheit; Constantin wusste, wie Heinrich VIII. von England, seine einzelnen Massregeln jedesmal den vorherrschenden Stimmungen anzupassen und war bis gegen sein Ende hin furchtlos genug, um dem Heidentum zu gleicher Zeit Trotz und etwas Gunst zu bieten.

Ehe wir weiter gehen, mag noch dasjenige kurz abgetan werden, was Euseb sonst über das vorgebliche Christentum seines Helden berichtet. Christliche Priester begleiten ihn seit dem Kriege mit Maxentius selbst auf Reisen als »Beisitzer« und »Tischgenossen«Euseb., Vita Const. I, 36. 42. 44. Ja, als »Hüter seiner Seele«, und als »Fürbitter«, ibid. II, 4. IV, 14 usw.; bei den Synoden setzt er sich mitten unter sie. Dies sind leicht erklärliche Tatsachen; es handelte sich für ihn ganz wesentlich darum, der damaligen Kirche ihre Anschauungsweise abzulauschen, wie er sich denn eigene Berichterstatter hielt, die ihm über alle einzelnen Sekten Vortrag halten mussten. Einem derselben, Strategius, gab er aus Freude an seiner beredten Darstellungsweise den Beinamen MusonianusAmmian. Marc. XV, 13.. Das Präsidium der Synoden konnte ein kluger und kraftvoller Herrscher vollends nicht aus den Händen geben, weil es eine neue Macht im öffentlichen Leben war, die er sich unmöglich durfte entgehen lassen. Man kann diesen Egoismus beklagen und verabscheuen, aber eine intelligente Gewalt zweideutigen Ursprunges wird jederzeit so handeln. Wenn dann weiter berichtet wirdEuseb. l. c. I, 47. II, 12. 14. IV, 22. 29. Eine der schönsten Vieldeutigkeiten dieses Autors sind IX, 22 die Worte θείας ιεροφαντίας ετελει̃το, in einer Zeit, da Constantin noch nicht einmal Katechumen, geschweige denn Christ sein konnte., wie oft der Kaiser göttlicher Erscheinungen gewürdigt worden, wie er in dem Zelte des Labarums insgeheim gefastet und gebetet, wie er täglich sich einsam eingeschlossen, um knieend mit Gott zu verkehren, wie er seine Nachtwachen mit Gedanken über göttliche Dinge ausgefüllt usw., so sind dies im Munde eines Euseb, der die Wahrheit wusste, nichts als verächtliche Erfindungen. – In der spätern Zeit hat sich Constantin offenbar den Bischöfen noch mehr hingegeben und ihnen bei Hofe das erste Wort eingeräumt, wahrscheinlich weil er einsah, dass sie vorderhand das grösste Interesse dabei hatten, den Thron auf jede Weise zu stützen, und weil er am Ende gar nicht mehr anders konnte. Sie werden in den Kreisschreiben »geliebter Bruder« angeredetEuseb. l. c. II, 46., wie er sich selber als »gemeinschaftlicher Bischof«, als einer der Ihrigen zu gebärden pflegteEuseb. l. c. I, 44. IV, 22. 24.. Er gab ihnen die Erziehung seiner SöhneEuseb. 1. c. IV, 51. 52. wenigstens zum Teil preis und leitete es überhaupt so ein, dass dieselben unbedingt als Christen galten; ihre ganze persönliche Umgebung, ihr Hofstaat bestand aus lauter Christen, während der Vater sich nach Eusebs indirektem Geständnis nicht scheute, bis in die letzten Zeiten neben den Geistlichen auch Heiden in hohen Stellungen um seine Person und als Praesides in den Provinzen zu habenEuseb. l. c. II, 44. IV, 52. Von den höchsten Dienern des Reiches seien mehrere, τινες Christen; von den Praesides die Mehrzahl, τοὺς πλείους.. Auch das Verbot der Gladiatorspiele war ohne Zweifel eine Konzession an die geistliche Umgebung, obwohl das betreffende GesetzCod. Theodos. XV, 12. Vom J. 325. – Vgl. Euseb., Vita Const. IV, 25. nur von »Landfrieden und häuslicher Stille« spricht, wozu blutige Schauspiele nicht passten. Übrigens war dies eines von denjenigen Gesetzen, welche nur gegeben wurden, um sofort in Vergessenheit zu geraten, wie denn Constantin selbst es später nicht mehr berücksichtigt hat.

Ganz rätselhaft scheinen die Predigten, welche Constantin zu Zeiten in Gegenwart des Hofes und »vieler tausend Zuhörer« hieltEuseb. l. c. IV, 29–33.. Er wollte nämlich auch »durch Ansprachen mit Erziehungszweck« seine Untertanen beherrschen und »die Regierung ganz zu einer redenden (λογικὴν) machen«. Es wurden Versammlungen zu diesem Behuf angesagt; da trat der Herr der Welt ganz unbefangen auf und redete; kam er auf die Religion, so nahmen Züge und Stimme den Ausdruck tiefer Demut an; den Zuruf verbat er sich durch einen Wink gen Himmel. Sein Thema war in der Regel die Widerlegung der Vielgötterei, der Monotheismus, die Vorsehung, die Erlösung und das göttliche Gericht. Bei diesem Abschnitt (fährt der Hofbischof fort) pflegte er seine Zuhörer am unmittelbarsten zu treffen, indem er die Räuber und Gewalttätigen und Geldsüchtigen durchnahm; da trafen die Geisselhiebe seiner Worte auch einige der umstehenden Vertrauten, dass sie zur Erde blickten . . . Er meinte es aufrichtig, sie aber blieben taub und verhärtet; sie riefen und klatschten Beifall, während doch ihre Unersättlichkeit keine Rührung in ihnen aufkommen liess. Constantin schrieb diese Reden lateinisch, worauf die Dolmetscher sie ins Griechische übersetztenDass die Rede Ad sanctorum coetum ein Muster dieser Art sei, wie Euseb. l. c. IV, 32 behauptet, ist eine reine Unmöglichkeit; vielleicht hat man über ein kaiserliches Canevas eine weitläufige theologische Abhandlung gestickt. – Eine genügende Analyse davon bei Gfrörer, Kirchengesch. II, S. 14.. – Was soll man zu dieser Erzählung denken? Constantin, der die diocletianische Repräsentationsweise so eifrig fortsetzte und auf seine persönliche Majestät so grosse Dinge hielt, bequemt sich zum Auftreten vor den Massen der Hauptstadt! Die Kritik, welcher er sich aussetzte, war noch das wenigste, und die Zuhörer verzichteten vielleicht aus guten Gründen darauf; allein wozu die Reden, wenn man die Macht, d. h. das grosse Privilegium zu handeln besitzt? Ein Grund lässt sich vielleicht erraten. In dieser Zeit der religiösen Krisis muss das öffentlich gesprochene Wort, bisher auf rhetorische Exerzitien und Lobreden beschränkt, auf einmal vom Predigtstuhl herab einen so ungeheuern Einfluss gewonnen haben, dass Constantin es schon als Mittel der Macht nicht ganz entbehren mochte, ungefähr wie heute auch die mächtigsten Regierungen sich in der Zeitungspresse müssen vertreten lassen. Wenn es ihm, dem Ungetauften, dem Nicht-Katechumenen, einfallen durfte, sich als »gemeinsamen Bischof« auszugebenSpätere, wie z. B. Glykas, die nicht begreifen konnten, wie ein Ungetaufter zu Nicaea hätte präsidieren dürfen, schlossen sich desto eifriger der bekannten Sage an, dass er zu Rom durch den heil. Silvester schon früher sei getauft worden., so konnte er ganz ebensogut einen christlichen Prediger vorstellen. Wie er die christlichen Dogmen dabei behandelt hat, wissen wir nicht; dass er sich unbedingt als Christ gestellt habe, ist nicht einmal wahrscheinlich. Sodann deutet Euseb sehr klar auf einen Nebenzweck dieser Reden hin; sie waren ein willkommener Anlass, Gnade und Ungnade zu äussern, die Umgebung in Schrecken zu setzenNoch in der letzten erbaulichen Rede kurz vor seinem Tode wandte er sich auf einmal sehr nachdrücklich zum »Ende der Gottlosen« und schien damit auf »die Umstehenden« deuten zu wollen. Euseb. l. c. IV, 55. und eine Menge Dinge in künstlich zweideutiger Form unter die Leute zu bringen, die sich selbst im weitschweifigsten Edikt nicht wohl sagen liessen. Es sind die Senatsreden des Tiberius in anderer Gestalt! Man darf nicht vergessen, dass Constantin unter anderm auch »eine Menge seiner Freunde tötete«, wie der ganz unverdächtige Eutropius sagt, der mehr als verdächtige Eusebius dagegen zu beschweigen für gut findetConstantin soll auch eitel gewesen sein, was dahingestellt bleiben mag. Er besass ausser dem Reden auch die Geduld des Zuhörens, Euseb. l. c. IV, 33. 46. Panegyr. IX, 1, vielleicht weil man ihn dabei stark ins Gesicht zu rühmen pflegte. Er konnte den Redner verachten und das Lob doch in dieser redenden Zeit zweckmässig finden.. (S. d. folg. Abschn.)

Es haftet auf Constantin noch stets ein letzter Schimmer von Erbaulichkeit, weil ihn so viele sonst verehrungswürdige Christen aller Jahrhunderte als den ihrigen in Anspruch genommen haben. Auch dieser letzte Schimmer muss schwinden. Die christliche Kirche hat an diesem furchtbaren, aber politisch grossartigen Menschen nichts zu verlieren, so wie das Heidentum nichts an ihm zu gewinnen hätte. Übrigens verfielen die Heiden in denselben Irrtum, bei ihm einen wirklichen, nicht bloss äusserlich gemeinten Übertritt vorauszusetzen. Zosimus erzählt (II, 29) die bekannte feindselige VersionWelche dann Sozomenus I, 5 mit schwachen Gründen zu widerlegen sucht. der Bekehrungsgeschichte: ob der Hinrichtung des Crispus und der Fausta und ob dem Eidbruch (gegen Licinius) seien dem Kaiser Gewissensbisse aufgestiegen, und er habe sich an die heidnischen Priester (laut Sozomenus an den berühmten Neuplatoniker Sopater) um Entsündigung gewandt; als ihm erwidert wurde, für solche Missetaten gebe es keine Art von Sühne, habe sich ein aus Spanien nach Rom gekommener Ägypter (wahrscheinlich Hosius) durch die Frauen bei Hofe in seine Nähe zu drängen gewusst und ihm die Überzeugung beigebracht, dass das Christentum jede Missetat abzuwaschen imstande sei; darauf habe er seinen Übertritt zuerst zu erkennen gegeben durch seine Massregeln gegen die heidnische Erforschung der Zukunft, und weiter durch den Bau einer neuen Hauptstadt. Es ist möglich, dass diese Erzählung einen wahren Kern enthält, aber die vorliegende Fassung ist sicher nicht die richtige. Ereignisse von so grässlicher Art im eigenen Hause müssen allerdings in Constantins Seele wachgerufen haben, was noch etwa von römischem Glauben in ihm steckte, und er war vielleicht bei aller sonstigen Bildung roh genug, von kräftigen heidnischen Bannsprüchen einige Erleichterung, ein Wegspülen des hässlichen Eindruckes zu erwarten, aber der weitere Kausalzusammenhang ist erweislich falsch.

Gerade in dem letzten Jahrzehnt seines Lebens gibt Constantin noch einige sehr deutliche Zeichen unchristlicher, ja unmittelbar heidnischer Sympathien. Während er und seine Mutter Palästina und die grossen Städte des Reiches mit den prachtvollsten Kirchen schmücken, lässt er in dem neuen Konstantinopel doch auch heidnische Tempel bauen; zwei davon, die der Göttermutter und der Dioskuren, können blosse Ziergebäude für die als Kunstwerke darin aufgestellten Bilder gewesen sein, der Tempel und das Bild der Tyche dagegen, der vergöttlichten Personifikation der Stadt, sollten einen eigentlichen Kultus geniessen. Bei der Einweihung der Stadt wurden erweislich heidnische Geheimbräuche gefeiert, wie denn diese ganze wichtige Angelegenheit von allerlei Superstitionen bedingt war, die bei den spätern Schriftstellern vergebens mit christlicher Andacht zugedeckt werden. (S. d. folg. Abschn.)

Auch andern gestattete Constantin noch die Erbauung heidnischer Tempel. Eine InschriftBei Muratori, Inscr. III, p. 1791 unter den Unechten abgedruckt. des umbrischen Städtchens Spello (zwischen Foligno und Assisi), welche ihres befremdlichen Inhalts wegen lange für unecht gegolten hat und durch die nachlässige und barbarische Schreibung dieses Vorurteil zu rechtfertigen schien, ist höchst wahrscheinlich ein durchaus echtes Denkmal dieser Gunst gegen die Heiden, und zwar aus den zwei letzten Lebensjahren des Kaisers. Er erlaubt den Hispellaten, seinem Geschlecht, das er bekanntlich gens Flavia nannte, einen prächtigen Tempel zu bauenIn Afrika hatte Constantin schon nach dem Siege über Maxentius die Errichtung von Priestertümern zu Ehren seines Geschlechtes gestattet. Aurel. Vict., Caes. 40., und bedingt sich nur aus, dass derselbe nicht »durch den Trug ansteckenden Aberglaubens« befleckt werde, worunter sich jeder denken konnte, was er wollte. Auch über das heidnische Priestertum des Ortes und über die Verlegung der Festspiele von Bolsena nach Spello gibt er einlässlichen Bescheid, mit ausdrücklicher Nennung der Gladiatoren. In denselben Jahren spricht er auch gewisse heidnische Priesterkollegien, die Sacerdotes und lebenslänglichen Flamines, von den lästigen Lokalämtern frei, zu welchen man sie, insonderheit in Afrika, christlicherseits nötigen wollteCod. Theodos. XII, 1 & 5.. Ohne Zweifel mit seinem Vorwissen darf der Senat noch im Jahr 331 den zerfallenen ConcordientempelGruter, Thes. inscr., p. 100. wiederherstellen, einzelner Götteraltäre aus den nächst vorhergehenden Jahren zu geschweigen.

Ja, das Heidentum tritt dem Herrscher in dieser letzten Zeit auch persönlich sehr nahe. Der Neuplatoniker Sopater, ein Schüler des Iamblichus, erscheint in seiner Nähe mit allen Ansprüchen eines hochmütigen griechischen Sophisten; »die andern Menschen sind ihm zu gering; er eilt an den kaiserlichen Hof, um ohne weitere Umstände über Constantins ganzes Tun und Denken einen herrschenden Einfluss zu übenWie sehr die Bischöfe den Einfluss heidnischer Sophistik auf den Kaiser fürchteten, erhellt unter anderm aus einer Anekdote vom Bischof Alexander, bei Sozom. I, 18.. Der Kaiser ist auch bald von ihm gänzlich eingenommen und lässt ihn zu seiner Rechten sitzen, zum allgemeinen Neid und Ärgernis der Höflinge«. So weit Eunapius, dem freilich so wenig als dem Philostratus unbedingt zu glauben ist, wenn er mit vornehmen Konnexionen der Philosophen prahlt. Hier liegt aber etwas Wahres zugrunde; Sopater hat jedenfalls ein bedeutendes Verhältnis zu Constantin gehabtWir erinnern hier wieder an jenen Nikagoras von Athen (S. 272 f.), der als Neuplatoniker und Fackelträger bei den eleusinischen Mysterien doch von Constantin ein Reisestipendium zum Besuch Ägyptens erhielt. Er dankt in jener Inschrift (Boeckh 4470) den Göttern und Constantin, »der mir dieses gewährt hat«.. Dass er es war, der die Sühnung wegen der Hinrichtung des Crispus verweigerte, lassen wir ganz beiseite; unleugbar aber wurde er bei den Einweihungszeremonien von Konstantinopel gebraucht. Später, jedenfalls nach 330, stürzte ihn der Gardepräfekt Ablavius, welcher bei der Hungersnot in der neuen Hauptstadt dem Kaiser die Meinung beigebracht haben soll, Sopater halte durch seine grosse Wissenschaft die Winde gefesselt, die den ägyptischen Korntransport über das Meer befördern sollten. Jedenfalls liess Constantin den Sophisten hinrichten. Ob aber der blosse Hofneid des Ablavius dies bewirkteWie auch Zosimus II, 40 annimmt. – Vgl. Suidas s. v. Sopater., darf nach einer Notiz bei Suidas wohl bezweifelt werden; »Constantin«, heisst es, »tötete den Sopater, um zu beweisen, dass er in der Religion nicht mehr heidnisch gesinnt sei. Denn früher war er mit jenem sehr vertraut gewesen«. – Wir werden bei einem andern Anlass (zur Geschichte des Athanasius) die Vermutung wiederholen müssen, dass die christlichen Priester dem alternden Kaiser einigermassen furchtbar geworden waren und dass er seine so lange bewahrte persönliche Freiheit in den letzten Jahren nicht mehr durchgängig behaupten konnte.

Manche glauben sogar annehmen zu dürfen, dass Constantin die heidnischen Opfer zuletzt irgendwann ganz verbotEin Gesetz des Constantius vom J. 341, Cod. Theodos. XVI, 10 beruft sich sehr unbestimmt auf ein allgemeines Opferverbot seines Vaters.; und wenn Euseb (IV, 25) Rücksicht verdiente, so wären ausser den Opfern auch die Befragung von Orakeln, die Aufrichtung von Götterbildern und die Feier der Mysterien durchaus abgeschafft worden. Dass irgendeinmal seit dem Jahr 326 ein Gesetz gegen die Befragung der Orakel gegeben wurde, bestätigt auch Zosimus (II, 29). Allein es muss bei all diesemWie bei dem frühern sehr vagen Verbot, welches Euseb. l. c. II, 45 erwähnt wird. merkwürdig durch die Finger gesehen worden sein. Auch wenn das Dekret für Spello unecht wäre, so blieben noch Indizien genug übrig. Gerade die Haupturkunde für den massenhaften Fortbestand der Opfer und Mysterien, die Schrift des christlichen Firmicus, stammt aus den nächsten Jahren nach Constantins Tode, dessen Söhne mit den heftigsten Worten erst zu dem aufgefordert werden, was der Vater schon getan haben soll: »Haut sie zusammen, mit dem Beil zusammen, diese Tempelzierden! Zur Schmelze, zur Münze mit diesen Göttern! Alle Weihgeschenke sind euer, nehmt und braucht sieFirmicus, De errore etc., p. 39. – Seine Aufforderung, dem Heidentum überhaupt ein gewaltsames Ende zu machen, pag. 28.

Es sind indes allerdings schon unter Constantin Tempel aufgehoben und zerstört und Götterbilder eingeschmolzen wordenEuseb., Vita Const. III, 54–58. De laudibus Const. 8.. Ein Heiligtum wie das der Himmlischen Göttin zu Aphaca im Libanon (S. 204) verdiente nichts Besseres, als dass Soldaten hingeschickt wurden, die alles dem Boden eben machten (um 330); der Ort war in der Tat »nicht wert, dass ihn die Sonne beschien«. Schon bedenklicher war die Schleifung des berühmten Asklepiostempels zu Aegae in Cilicien, wo bis damals eine Menge Menschen sich um der Kurträume willen einfanden. Wahrscheinlich hatte der Gott (der »Seelenirrer«, wie ihn Euseb nennt) sich auch auf politische Fragen eingelassenUnd etwa beim Aufstand des Calocerus (S. 412 f.) eine Rolle gespielt?. In Heliopolis, wo ein kaum minder unzüchtiger Kultus vorkam als in Aphaca, blieb es beim blossen Verbot und bei der gewaltsamen Stiftung eines Bistums, dem dann erst durch Geld eine Gemeinde geworben wurdeÜber die vorgebliche Ausrottung der Nilpriester vgl. S. 218.. Anderwärts kam es vor, dass bekehrte Bevölkerungen aus eigenem Antrieb die Heidentempel des Ortes niederrissen und dafür die offizielle kaiserliche Billigung ernteten; Maiuma, die Hafenstadt von Gaza, erhielt den Namen Constantia, ein anderer phönicischer Ort den Namen Constantina, wahrscheinlich um eines solchen Verdienstes willenSozomenus II, 5. Euseb., Vita Const. IV, 37–39..

Ausserdem hat Constantin aus Raubsucht oder Geldnot, wie es scheint, viele Tempel plündern lassen. Zwar verhehlt Euseb hier wieder den Grund und die wahre Ausdehnung dieser Spoliationen, allein er verrät sich wider Willen. Es ist nämlich bei ihm zunächst gar nicht von Marmorstatuen die Rede, sondern von lauter solchen Bildern, deren Inneres aus einem besondern Stoffe bestand – Euseb meint: aus Schädeln, Totenbeinen, alten Lumpen, Heu, Stroh u. dgl. –, es handelt sich aber offenbar nur um den hölzernen etc. Kern oder das hohle innere Gestell von sogenannten Chryselephantinstatuen das heisst Bildern von Gold und Elfenbein, dergleichen der olympische Zeus eines war. In der Lobrede auf Constantin (Kap. 8) wird dies dann in vollem Umfang zugestanden: »die kostbaren Teile wurden eingeschmolzen und der formlose Rest den Heiden gelassen, zum ewigen Angedenken ihrer SchmachWie Arnobius die Götterbilder durch Analyse ihres Innern lächerlich zu machen sucht, Adv. gentes VI, p. 201.«. Welche und wieviele Werke (vielleicht der besten griechischen Kunst!) dieses von der Kostbarkeit des Stoffes unzertrennliche Schicksal traf, erfährt man nicht näher. Übrigens nahm Constantin für die Ausschmückung seiner neuen Hauptstadt allerdings auch mit Götterbildern ohne höhern Materialwert vorlieb, wie wir sehen werden; von den ehernen zum Beispiel heisst es a. a. O.: »Man führte sie wie Gefangene fort, diese Götter abgelebter Fabeln, an Stricken wurden sie fortgeschleppt!« Die Wegnahme war vertrauten Kommissaren übertragen, welche unmittelbar vom Hofe kamen; Widerstand fanden sie nirgends; die Priester mussten ihnen die geheimsten Gewölbe öffnen. Es ist aber auch denkbar und wahrscheinlich, dass Constantin dergleichen nur in durchaus zuverlässigen, überwiegend christlichen Städten der nähern Umgebung seiner Residenz wagte. Er hätte wohl die Gold- und Silberstatuen gerne unangegriffen gelassen, allein sie lagen ihm zu bequem, und die Versuchung war zu stark gegenüber dem dringenden Geldbedürfnis, das bei den Herrschern dieser Art jeder andern Rücksicht vorangeht. In dieselbe Kategorie gehört ohne Zweifel das Ausheben von Türen und von GebälkenEuseb., Vita Const. III, 54., das bei mehrern Tempeln vorgekommen sein soll; diese Teile waren nämlich oft von massivem Erz und lohnten wohl die Mühe des Einschmelzens. Wenn damit der Anfang der Zerstörung gemacht und das Innere durch teilweisen Einsturz und Unbill der Witterung geschändet war, so konnte man es schwerlich mehr verhindern, dass die Anwohner sich auch an Säulen und andere Bauteile wagten, wäre es auch nur zum Behuf des Kalkbrennens gewesen. Dass dies seit dem Jahr 333 wenigstens an heidnischen Grabmonumenten geschah, ist offiziellDurch ein Gesetz des Constans, Cod. Theodos. IX, 17. bestätigt. Schon früher war die Reparatur verfallener oder unvollendeter Tempel durch ein GesetzVom J. 326. Cod. Theodos. XV, 1. stillegestellt worden. Wie es mit den Tempelgütern ging, ist nicht näher bekannt; in einzelnen Fällen wurden sie sicher eingezogen, doch erst unter Constantins Nachfolgern in Masse und planmässig. Von einem Gesetz, welches die allgemeine Zerstörung der Tempel verfügt hätte, wie die Chronik des Hieronymus zum Jahr 335 erzählt, kann bei Constantin selber keine Rede sein. Was er tat und geschehen liess, geschah gelegentlich, aus frivoler Raubsucht und unter schwankender geistlicher Einwirkung, deshalb auch so ungleich. Ein konsequentes System wird man bei einem hierin mit Willen inkonsequenten Menschen vergebens nachweisen wollen.

Das Urteil über sein christliches Bekenntnis und seine Taufe auf dem Sterbebette wird vollends jeder nach eigenem Maßstab beurteilen müssenÜber die weitern Schicksale des Heidentums, seiner Einrichtungen und Tempelgüter, von den Söhnen Constantins bis auf Justinian, vgl. Lasaulx, Der Untergang des Hellenismus usw., München 1854..

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