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Die Zeit Constantins des Großen

Jacob Burckhardt: Die Zeit Constantins des Großen - Kapitel 22
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Zeit Constantins des Großen
authorJacob Burckhardt
firstpub1853
yearca. 1950
publisherVerlag Hallwag
addressBern
titleDie Zeit Constantins des Großen
created20040801
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Das nächste Opfer, welches fallen musste, war Maximinus Daza. Ausschweifend, abergläubig über die Massen, besass er doch jene kühne Entschlossenheit, welche den Herrscher so wesentlich ziert, und welche wohl den Galerius zu seiner Adoption bewogen hatte; sonst erscheint seine Regierung, wie aus dem Benehmen gegen die ChristenEuseb., Hist. eccl. VIII, 14, sowie das ganze neunte Buch und die Beilage De martyr. Palaest. – Maximins Charakteristik bei Aurel. Vict., Epit. 40: ein Hirte an Herkunft und Erziehung, schätzte er doch den Umgang der Weisesten und Gebildetsten; bei sonst ruhiger Gemütsart liebte er den Wein zu sehr und gab in der Trunkenheit manche grausame Befehle; da ihn dergleichen später gereute, gebot er, fortan die Ausführung immer zu verschieben, bis er nüchtern sein würde. – Ähnliches von Galerius beim Anon. Vales. 11. hervorgeht, herzlos und tückisch, lässt sich übrigens schwer im einzelnen beurteilen, weil er, wie später Julian, unter eine förmliche Mitherrschaft der Priester und Magier geraten war. Dem Ansinnen der beiden andern Kaiser um Teilnahme an den Toleranzmassregeln hatte er zwar nachgegeben, doch offenbar nur gezwungen, so dass die Christen, seiner frühern Zweizüngigkeit eingedenk, sich nicht ans Licht wagen wolltenDas Nähere bei Hunziker, a. a. O., S. 247 ff. Maximin hatte u. a. Oberpriesterstellen für die Provinzen geschaffen und angesehene Männer dafür ernannt, um dem Heidentum wieder einen innern Halt zu geben..

Er hatte schon seit Jahren geahnt, dass er sich seiner Existenz werde zu wehren haben, und war deshalb einst in jenes geheime Bündnis mit dem Usurpator Maxentius getreten, so wie Licinius mit dem Usurpator Constantin. Doch half er jenem in der Stunde der Gefahr nicht, vielleicht weil er wusste, dass ihm überhaupt nicht zu helfen war; dafür sparte er seine Kräfte zu einem neuen, plötzlichen Angriff auf Licinius (313). Blitzschnell rückte er wieder aus Syrien durch Kleinasien nach Europa und nahm in dem Gebiete seines Gegners das feste Byzanz sowie Heraklea weg. Zwischen dieser Stadt und Adrianopel kam es zu einer Schlacht mit dem überraschten Gegner. Wider Willen der beiden handelte es sich hier ganz offenbar um Christentum oder Heidentum, weil man wusste, dass Maximin als Sieger die Christenverfolgung auf das furchtbarste erneuern würde; es ist aber sehr die Frage, ob die kämpfenden Heere sich dessen irgendwie bewusst waren, obschon Lactantius (Kap. 46) das licinianische Heer ein ganzes Gebet auswendiglernen lässt, welches ein Engel dem Imperator sollte im Traum eingegeben haben. Maximin unterlag wahrscheinlich der höhern Kriegskunst oder der kriegerischen Popularität seines Gegners, zu welchem ein Teil seines Heeres überlief. Auf der Flucht sammelte er sich erst in Kappadocien wieder und suchte die Pässe des Taurus durch Verschanzungen zu sperren, starb aber, wahrscheinlich natürlichen Todesmorte simplici, sagt Aurel. Vict., Epit. 40. – fortuita morte, bei Eutrop. X, 4., zu Tarsus in Cilicien. Licinius, der bereits Nikodemien eingenommen und daselbst ein neues Toleranzedikt erlassen hatte, trat nun ohne weitern Widerstand in das Erbe von Asien und Ägypten ein.

Constantin hatte ohne Zweifel mit Vergnügen zugesehen, wie sich die beiden Legitimen untereinander bekämpften und wie ihrer wiederum einer weniger wurde. Licinius erwies ihm jetzt überdies den Dienst, mit den Familien des Galerius, des Severus und des Maximinus Daza (darunter unschuldige Kinder) aufzuräumen; selbst Prisca und Valeria, die Witwe und Tochter Diocletians, wurden später bei Thessalonich aufgegriffen und enthauptet. Greuel dieser Art würde das diocletianische System nutzlos, ja unmöglich gemacht haben. Seitdem es aber in den Köpfen der Menschen wieder eine Art von Erbrecht gab, konnten solche Prinzen und Prinzessinnen gefährlich werden; der neue Herr des Orients fand die natürlichste Ausgleichung in dem gemeinen Sultanismus, der so lange mordet, bis kein möglicher Prätendent mehr da istÜber das unglückliche Schicksal dieser Familien vgl. Lactantius 39. 40. 41. 50. 51, der es neben hie und da geäussertem Mitleid doch in der Ordnung findet, dass Gott auch die Familien der Verfolger seines Namens zernichtet habe.. Licinius soll als Regent Verdienste gehabt haben um den Bauernstand, dem er selber entstammte, sowie auch um das Gedeihen der Städte; wenn er von der literarischen Bildung als von einem Gift und einer Pest des Staates redete, so könnte er in der damaligen Not des Reiches wenigstens mit Recht gewünscht haben, dass es wenigere Redner (namentlich Sachwalter) und mehr fleissige und wehrhafte Hände gäbe; die grösste von ihmBei Malalas, 1. XII, ed. Bonn. p. 314. gemeldete Grausamkeit (er soll wegen der Spottreden der Antiochener ihrer 2000 im Zirkus haben zusammenschiessen lassen) ist von der neuern Kritik als Märchen erkannt worden –- aber nützliche Bluttaten hat er wohl nie verschmäht, und zu diesen möchten auch jene Hinrichtungen reicher Leute gehört haben, von welchen erzählt wirdIm Anonymus Valesii, dessen Aussage ich aufrechthalten möchte, während ich im übrigen Fr. Görres (Kritische Untersuchungen über die licinianische Christenverfolgung, Jena 1875) S. 92 ff. folge.. Ausser der Habe sollen auch die Frauen dem gealterten Wüstling anheimgefallen sein.

Inzwischen erinnert man sich aus der diocletianischen Zeit, dass zu einiger Sicherheit des Thrones doch designierte Nachfolger oder Caesaren gehören. Constantin wagt zuerst vorzuschlagen, und zwar einen gewissen Bassianus, der eine seiner Schwestern, Anastasia, zur Gemahlin hatte. Allein der Bruder desselben, Senecio, ein Verwandter des Licinius, wiegelt den Bassianus gegen Constantin selber auf, und der letztere sieht sich genötigt, den eigenen Schwager aus der Welt zu schaffen und von Licinius, seinem andern Schwager, die Auslieferung des Senecio zu verlangen, welche ihm keck verweigert wird; ja in einer der westlichen Grenzstädte des licinischen Gebietes, zu Aemona (Laibach), werden bereits die Statuen Constantins zu Boden geworfenSo rätselhaft alles dieses beim Anonymus Vales. 14 s. lautet, so enthält es doch eher, wenn auch in entstellter Form, die wahre Ursache des folgenden Krieges, als die allgemeinen Angaben des Zosimus und der übrigen. Euseb und Lactanz, welcher laut c. 51 frühestens gegen Ende d. J. 314 sein Buch schrieb, haben ihre Gründe, von dem Kriege zu schweigen.. Auf diese Ereignisse hin, welche irgendeine heillose Familienintrige voraussetzen, entbrennt ein gewaltiger Krieg, in welchem Constantin der angreifende Teil gewesen sein muss; wenigstens rückt er in das Reich seines Schwagers, schlägt ihn (8. Oktober 314) bei Cibalis an der Save (dem jetzigen Sevilei oder Svilaja) und verfolgt ihn bis nach Thracien, wo eine zweite, wahrscheinlich weniger entscheidende Schlacht in der mardischen Ebene vorfiel. Licinius hatte bereits von sich aus einen Grenzkommandanten Valens zum Caesar ernannt; die erste Bedingung des jetzt unterhandeltenPetrus Patricius, Legat. fragm. 15, bei Müller, a. a. O., Bd. IV, p. 189. – Constantins Ingrimm gegen den »elenden Sklaven« Valens ist nicht ohne Bedeutung. Friedens war dessen Zurücktritt in den Privatstand, damit keine dritte Dynastie aufkomme, ausserdem musste Licinius alle seine europäischen Besitzungen, also die Lande südlich von der Donau nebst ganz Griechenland abtreten mit Ausnahme Thraciens und der PontusküsteDas Genauere bei Görres, S. 29 ff..

Dahin hatte es der Legitime gebracht durch sein früheres Bündnis mit dem ihm geistig so weit überlegenen Usurpator, gegen welchen sich schon nach dem Tode des Galerius alle übrigen hätten vereinigen müssen, wenn sie sich behaupten wollten. Je weniger eine Gewalt ihres rechtmässigen Ursprunges sicher ist, desto unvermeidlicher drängt es sie, allem Legitimen rings um sich herum den Garaus zu machen. Den Licinius schon jetzt völlig zu zernichten, erschien noch zu schwer, aber die Überlegenheit war seither entschieden auf der Seite des Constantin. Scheinbar bleibt wohl völlige Gleichberechtigung zwischen beiden Herrschern; nach einiger Zeit (317) ernennen sie beiderseits ihre Söhne zu Caesaren, Constantin den Crispus und den Jüngern Constantin, Licinius den Licinianus. Aber ein Blick auf das Alter dieser Caesaren verrät die ungleiche Stellung der Imperatoren; Crispus war ein kräftiger, bald des Heerbefehls fähiger Jüngling, Licinianus dagegen ein zwanzigmonatliches Kind und dabei der einzige Sohn des schon betagten Vaters, also bei dessen Tode voraussichtlich hilflos und leicht zu beseitigen. Deshalb hätte der Legitime so gerne gemäss dem diocletianischen System Waffengenossen zu Caesaren adoptiert, wie den Valens und später den Martinian, allein Constantin liess es nicht mehr geschehen. Er selber erlaubt sich noch eine zweite Ernennung; neben seinem ältern Sohn erster Ehe, Crispus, stellt er bereits seinen noch sehr jungen gleichnamigen Sohn von der Fausta in Reserve auf.

Darauf geduldet sich Constantin bis zum Jahre 323, ehe er das Reich des Licinius seiner Herrschaft einverleibt. Er liess die Frucht reifen, bis sie ihm fast von selber in die Hände fiel.

Es waren die entscheidenden Jahre, in welchen er dem Christentum aufmerksam zusah, was es leisten, was es einem klugen Regenten nützen könne. Als er durch die bedeutende Zunahme der Gemeinde, durch die deutlicher entwickelte Natur ihrer Hierarchie, durch die eigentümliche Gestalt des Synodenwesens und den ganzen damaligen Charakter des Christentums überzeugt worden war, dass man aus dieser gewaltigen Macht eine Stütze des Thrones schaffen könne, jedenfalls aber sich ihrer rechtzeitig versichern müsse, weil diese Macht schon anfing, sich seiner zu versichern – da war auch der untrüglichste Hebel gegen Licinius gefunden. Dieser hatte inzwischen die Torheit gehabt, seinen gerechten Groll gegen Constantin die Christen entgelten zu lassenDas Datum des Beginns der Verfolgung sowie deren ganzer Verlauf ist genau festgestellt bei Fr. Görres, a. a. O., als ob diese an der ruchlosen Herrschbegier seines Gegners schuld wären (seit 319). Hätte er noch die Mittel zu einer Erneuerung der Verfolgung besessen oder anwenden wollen, so wäre wenigstens der Schrecken sein Verbündeter gewesen, und der Prinzipienkampf hätte dann im grössten Maßstab müssen ausgefochten werden. Allein er beschränkte sich auf die Verweisung der Christen von seinem Hofe und auf kleinliche Quälereien, welche dann gleichwohl durch die Widerspenstigkeit der stark angewachsenen Christenmenge notwendig sich bis zu einer Art von Halbverfolgung steigertenSulpic. Sever., Sacra hist. l. II. sed id inter persecutiones non computatur etc.. Was nur Christ hiess, vom Bischof bis zum Geringsten herab, bildete nun eine natürliche Propaganda gegen ihn zugunsten Constantins, der es an Aufreizung offenbar auch nicht fehlen liess; schon die ungleich grössere Begünstigung, welche er von jeher den Christen erwiesen, hatte die Christen des licinischen Reiches erbittern müssen. Jede Synode, jede Zusammenkunft von Bischöfen war jetzt in der Tat gefährlich – Licinius verbot sie; jeder Gottesdienst war als Zusammenrottung verdächtig – er liess Männer und Weiber sich getrennt versammeln und verbannte dann den ganzen Kultus aus der Stadt auf das freie Feld, weil draussen bessere Luft sei als in den Bethäusern; die Geistlichen suchten durch die Weiber auf die Männer zu wirken – er befahl, die Weiber sollten ihre religiöse Belehrung fortan durch Lehrerinnen erhaltenSo meldet Euseb., Vita Const., wo I, 49–59; II, 1–20 von Licinius die Rede ist. – Die Bischöfe in Licins Reiche heissen I, 56 sehr deutlich »Freunde des gottgeliebten und grossen Kaisers«, d. h. Constantins. – Den Gesamtumfang der licinischen Verfolgung gibt das Edikt bei Euseb. II, 24–42. Dagegen sind die eigentlichen Märtyrer fast sämtlich streitig, vgl. die Untersuchungen bei Görres, a. a. O. Von den Soldatenmartyrien wird als völlig feststehend nur dasjenige der 40 Krieger von Sebaste zugegeben, ebenda S. 104 ff.. Er degradierte die christlichen Offiziere; einzelne wahrscheinlich besonders verdächtige Bischöfe wurden getötet, einzelne Kirchen geschleift oder doch geschlossen. »Er wusste nicht«, seufzt Euseb, »dass man in diesen Kirchen für ihn zu beten pflegte; er glaubte, wir beteten nur für Constantin!« – Licinius gab zwar keinen allgemeinen Befehl, welcher den Toleranzedikten seiner frühern Zeit widersprochen hätte, auch konnten Arianer wie Bischof Eusebius von Nikodemien noch bis zuletzt in seiner Gunst und auf seiner Seite bleiben, allein es kam doch zu Konfiskationen, Verbannungen auf wüste Inseln, Verurteilungen zum Bergwerk, Atimie verschiedener Art, Verkauf in den Sklavenstand, und dies alles auch gegen sehr angesehene und hochgebildete Leute. Ja, der einst tolerante Fürst, der sogar bisher seinen Vorteil dabei gefunden, die Untertanen in einigem Zweifel über sein persönliches Bekenntnis zu lassenSo dass Euseb wie Lactantius sich getäuscht stellen konnten. In der früher verfassten Hist. eccl. IX, 9 ist Licinius noch ein frommer und gottgeliebter Kaiser, in der Vita Const. I, 49. II, 1und 46. III, 3 dagegen heisst er das schreckliche Tier, der böse Dämon, die falsche Schlange, und wird sogar als Drache unter Constantins Füssen abgemalt. Schon in den spätern Ergänzungen und Interpolationen der Hist. ecclesiastica selbst wird in ähnlichem Tone von Licinius geredet, was mit dem stehengelassenen frühern Lobe in argem Widerspruch steht. Vgl. Hist. eccles. X, 8 und 9., kehrt endlich vollständig den alten Heiden heraus und umgibt sich mit ägyptischen Zauberern, Gauklern und Opferern; er befragt Traumdeuter und Orakel, unter andern den milesischen Apoll, der in zwei drohenden Hexametern antwortet; endlich lässt ihn Euseb seine vertrautesten Freunde und Leibwächter in einem heiligen Hain mit Götterstatuen versammeln; nach feierlichem Opfer hält er ihnen eine Rede, deren kurzer Sinn dahin geht, der bevorstehende Kampf sei eine Entscheidung zwischen den alten Göttern und dem neuen fremden Gott.

Was war es denn, das den Licinius zu diesen verzweifelt unklugen Schritten bewog? Die einfachste Überlegung hätte ihn viel eher dahin weisen müssen, in Begünstigung der Christen mit Constantin zu wetteifern. – Wahrscheinlich ging ihm die Geduld und die Besonnenheit aus, als er die furchtbare Tücke seines Gegners inne wurde, und er verwünschte seine frühere Nachgiebigkeit gegen die Christen, die durch solch einen erbarmungslosen Anführer repräsentiert waren. Von einem Angriff auf Constantins Lande war aber so wenig als im Jahr 314 die Rede; Euseb (II, 3) glaubt auch diesmal seinem Helden die grösste Ehre damit anzutun, dass er diesen sich rüsten lässt rein aus Mitleid für die unglücklichen Untertanen des Licinius, also ohne dass dieser ihm den geringsten politischen AnlassNoch in den vielleicht bald nach dem Kriege abgefassten Nachträgen zur Hist. eccles. (X, 8. 9.) hatte Euseb für nötig gefunden, von beabsichtigten Angriffen und Nachstellungen Licins zu sprechen, in der Vita Const. (II, 3) hat sein Held schon von vornherein recht bei allem, was er tut; es bedarf jener Motive gar nicht mehr, und Constantin fängt den Krieg aus dem Stegreif an. So urteilte man um das Jahr 340. gab.

Auf einmal fallen die Goten über die Donau in das Gebiet des Licinius ein. Constantin rückt ungefragt gegen sie, drängt sie zurück und nötigt sie zur Herausgabe der mitgeschleppten Gefangenen; Licinius aber beklagt sich über diese Intervention auf seinem eigenen BodenWas Zosimus II, 21 statt dessen hier einschiebt, die Geschichte von Constantins Krieg gegen die Sarmaten unter Rausimod, ist hiemit nicht zu verwechseln und gehört wahrscheinlich in das Jahr 319.. So weit die Notiz eines einsilbigen, späten, aber sehr wichtigen Excerptors, des sogenannten Anonymus Valesianus. Daneben halte man, was der bekannte Geschichtschreiber der Goten, Iornandes (Kap. 21) erzählt: »Es kommt oft vor, dass die Goten (von den römischen Kaisern) eingeladen worden sind, wie sie denn auch von Constantin zum Zuzug aufgefordert wurden und gegen seinen Schwager Licinius die Waffen trugen, und diesen – besiegt, in Thessalonich eingeschlossen und des Reiches beraubt – mit dem Schwert des Siegers ermordeten.« – Wer Constantin aufmerksam beobachtet, weiss oder ahnt, wie er dies zusammenreimen sollDas Gesetz vom 27. April 323, Cod. Theodos. VII, 1, welches denjenigen zum Flammentode verurteilt, der den Barbaren Gelegenheit zur Plünderung gegen die Römer geben würde, darf hier nicht irre machen.. Jedenfalls gehörte jener vorgebliche Goteneinfall unter die nächsten Vorboten des Krieges.

Wir übergehen die einzelnen Ereignisse dieses letzten Kampfes um die Weltherrschaft, dieses zweiten Krieges von Actium. Constantin besass mit Thessalonich und den übrigen Häfen Griechenlands seit 314 einen bedeutenden Zuwachs zu seiner frühern Seemacht und stellte 200 Kriegsschiffe auf, Licinius, der die Küsten des Orients aufbot, 350. In diesem Maßstab ging es weiter, bis Constantin im ganzen 130 000 Mann, Licinius 165 000 beisammen hatte. Seit Septimius Severus waren wohl für keinen Bürgerkrieg so enorme Kräfte ins Feld geführt worden. Constantin aber wird schon einen grossen Vorsprung gehabt haben, indem die Mannschaft der illyrischen Provinzen unter seinen Feldzeichen stand. Bei Adrianopel, wo Constantin zuerst siegte, fielen 34 000 Mann; darauf schlug seine Flotte unter Crispus die des Licinius unter Abantus (Amandus) unweit vom Eingang des Hellespontes, und ein Sturm richtete die letztere vollends zugrunde; Licinius aber, der sich in Europa nicht mehr halten konnte, ging von Byzanz nach Chalcedon hinüber und ernannte hier einen seiner Hofbeamten, Martinianus, zum Caesar. Diese Massregel hätte zu Anfang des Feldzuges von entscheidendem Werte sein können. Der Legitime hätte durch rechtzeitige Adoptionen im diocletianischen Sinne, unbekümmert um den Einspruch des Usurpators, die drei oder vier zuverlässigsten Feldherrn seines Reiches für seine Sache interessieren müssen. Jetzt, mitten in Mutlosigkeit und Verrat, war es zu spät damit.

Nach einer Pause erneuerte sich der Kampf; Martinian, bei Lampsacus stationiert, um eine Landung der Feinde am Hellespont zu verhindern, wurde eilends wieder von Licinius zum Hauptheere an den Bosporus gerufen, wo dem Constantin die Überfahrt bereits gelungen war. Endlich entschied die grosse Landschlacht von Chrysopolis bei Chalcedon, aus welcher von den 130 000 Soldaten des Licinius (worunter ebenfalls Goten waren) kaum 30 000 entkommen sein sollenDer Anonym. Vales. 27 lässt wenigstens von Licins Heere 27 000 Mann umkommen und die übrigen fliehen. – Ob in dem ebenda genannten Gotenhäuptling Aliquaca etwa ein aliqua causa verborgen ist, lassen wir dahingestellt. – Euseb macht dem Licinius seine Barbarenwerbung (Vita Const. II, 15) zum Vorwurf, ohne zu bedenken, dass sein Held dasselbe tat.. Der unglückliche Kaiser selbst flüchtete nach Nikomedien, wo er sofort eingeschlossen wurde, während Byzanz und Chalcedon dem Sieger ihre Tore öffneten. Constantia, die Gemahlin des Licinius und Schwester des Constantin, welche zur Unterhandlung ins Lager kam, erhielt die eidliche Zusicherung, dass ihres Gatten Leben geschont werden solle, und daraufhin schritt der alte Kampfgenosse eines Probus und Diocletian aus der Stadt hervor, beugte das Knie vor dem Überwinder und legte den Purpur ab. Er wurde nach Thessalonich geschickt, Martinian nach Kappadocien. Allein schon im folgenden Jahre (324) fand Constantin es zweckmässiger, sie zu töten; »er war belehrt durch das Beispiel seines Schwiegervaters Maximianus Herculius und fürchtete, Licinius möchte zum Verderben des Reiches den Purpur noch einmal annehmenAnonym. Vales. 29.– Euseb., Vita Const. II, 18. Zosim. II, 28. Socrates I, 4. Sozom. I, 7. U. a. m.«. Mit diesem Motiv unleugbarer Zweckmässigkeit hätte sich die Nachwelt bei einem Charakter wie Constantin begnügen sollen; statt dessen wurde später von einer in Thessalonich angezettelten Soldatenverschwörung zugunsten des Abgesetzten gefabeltBei Zonaras verlangen gerade die Soldaten seinen Tod. Darauf will der milde Constantin noch den Senat fragen! –, wovon Euseb ganz gewiss etwas sagen würde, wenn sie wirklich stattgehabt hätte. Er geht aber nach seiner meisterlichen Art über Constantins Eidbruch und alle andern Umstände hinweg mit der kahlen Bemerkung: der Gottesfeind und seine bösen Ratgeber seien nach Kriegsrecht verurteilt und bestraft worden. Soviel ist gewiss, dass der alte Kaiser erdrosselt, der Caesar von Leibwachen niedergemacht wurde. Von dem ebenso traurigen Schicksal des Licinianus wird bald die Rede sein.

Euseb idealisiert diesen ganzen Krieg zum reinsten Prinzipienkampf: Licinius ist der Gottesfeind und streitet wider Gott; Constantin dagegen kämpft unter dem unmittelbarsten göttlichen Schütze, der eine sichtbare Gestalt gewinnt in dem Semeion, dem bekannten Prachtfetisch, welcher mit in die Schlacht getragen wird; an himmlischen Erscheinungen, an Geisterheeren, welche durch Licins Städte ziehen u. dgl., ist vollends kein Mangel. Euseb ist nicht etwa ein Fanatiker; er kannte die profane Seele Constantins und seine kalte, schreckliche Herrschbegier recht gut und wusste die wahren Ursachen des Krieges ohne Zweifel genau; er ist aber der erste durch und durch unredliche Geschichtschreiber des Altertums. Seine Taktik, welche für jene Zeit und für das ganze Mittelalter einen glänzenden Erfolg hatte, bestand darin, den ersten grossen Beschützer der Kirche um jeden Preis zu einem Ideal der Menschheit in seinem Sinne, vor allem zu einem Ideal für künftige Fürsten zu machen. Darob ist uns das Bild eines grossen, genialen Menschen verlorengegangen, der in der Politik von moralischen Bedenken nichts wusste und die religiöse Frage durchaus nur von der Seite der politischen Brauchbarkeit ansah. Wir werden finden, dass er sich seit diesem Kriege allerdings den Christen enger anzuschliessen für gut fand und dass damit die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion vollendet war. Allein Constantin war ehrlicher als Euseb; er hat mehr geschehen lassen als gehandelt, und in betreff seiner persönlichen Überzeugung die Untertanen so wenig zu einer bestimmten Ansicht gezwungen als Napoleon, da er das Konkordat schloss.

Es wäre auch von seiner Seite eine starke Zumutung gewesen, für einen Christen gelten zu wollen. Nicht gar lange nach dem Konzil von Nicaea lässt er auf einmal (326) seinen trefflichen Sohn aus erster Ehe, Crispus, den Zögling des Lactantius, zu Pola in Istrien umbringen und bald darauf seine eigene Gemahlin, Maximians Tochter Fausta, im Bade ersticken; auch der kaum elfjährige Licinian wurde, wahrscheinlich zugleich mit Crispus, ermordet. Ob Fausta gegen den Stiefsohn eine Phaedra war, oder wodurch sie ihn beim Vater verleumdete, ob es ihr nur um die Erhebung ihrer eigenen Söhne zu tun war, ob wirklich die Vorstellungen der alten Helena, welche um den Enkel jammerte, den Kaiser vermochten, sie ebenfalls zu töten – dies alles lassen wir dahingestellt. Dass aber diese Greuel keine blosse Familiensache, sondern auch politischer Art waren, liesse sich etwa aus der Mitermordung des Licinian schliessenGibbon (im dritten Bande) gibt ein hypothetisches Bild des ganzen Herganges. – Vogel (Der Kaiser Diocletian, S. 71) hat vermutet, Crispus möchte sich den Untergang dadurch zugezogen haben, dass er etwa den Vater an die Nähe seiner Vicennalien erinnerte, da er nach dem (von uns vorausgesetzten) diocletianischen System den Thron zu räumen hatte. – Sehr wohl denkbar!. Man spricht bei diesem Anlass wohl von Philipp II. und von Peter dem Grossen, allein die wahre Parallele bietet Soliman der Prächtige und sein edler Sohn Mustapha, der durch die Ränke Roxolanens untergehtVgl. Ranke, Fürsten und Völker von Südeuropa I, S. 34. – Dass die Meinung der Hofleute den Constantin nicht freisprach, würde aus dem Epigramm hervorgehen, welches der Gardepräfekt Ablavius an die Tür des Palastes heften liess, wenn diese Anekdote (bei Sidon. Apollinar., Ep. V, 8) besser bezeugt wäre.. Mit dem Erbrecht kehrte unabwendbar als dessen Ergänzung der Sultanismus ein, das heisst die Herrscher würden sich in der Mitte ihrer eventuell thronberechtigten Brüder, Söhne, Oheime, Neffen und Vettern keinen Augenblick sicher fühlen, wenn sie nicht jederzeit durch zweckmässige Erdrosselungen usw. nachhelfen dürften. Constantin ging hier voran; wir werden sehen, wie die Söhne nachfolgten.

Diese Söhne, Constantin II., Constantius II. und Constans, sind inzwischen in die Caesarswürde nachgerücktSie waren geboren 316, 317 und 323, und wurden Caesaren 317, 323 und 333. S. die Ausleger zu Euseb., Vita Const. IV, 40.; das Geschlecht der Herculier wächst in der Tat dem Throne entgegen, nachdem der Vater die Mutter, den mütterlichen Grossvater, den Oheim Maxentius und den Stiefbruder aus der Welt geschafft hat. Die Saat so vielen Fluches sollte später üppig aufschiessen.

Wir übergehen einstweilen die Erhebung von Byzanz zur Stadt Constantins, zur Hauptstadt der Welt. Er brauchte konsequentermassen eine voraussetzungslose Residenz und Einwohnerschaft, die ihm alles verdankte, sich nur auf ihn bezog und für so vieles Neue in Staat und Gesellschaft den Mittelpunkt und das Gefäss abgeben konnte. Denn ohne eine solche ganz ausdrückliche Tendenz hätte er ruhig in Nikomedien bleiben können. Es ist der bewussteste und absichtlichste Akt seiner ganzen Regierung.

Ungleich schwieriger ist die letzte grosse politische Entscheidung Constantins zu erklären, nämlich seine Teilung des Reiches.

Von den Brüdern Constantins hatte Dalmatius zwei Söhne, Dalmatius und Hannibalian, und Iulius Constantius ebenfalls zwei, damals noch im Kindesalter, Gallus und Julian, derselbe, den die Nachwelt den Abtrünnigen genannt hat. Von diesen vier Neffen erhob Constantin den Dalmatius, der bereits (333) ein Konsulat bekleidet hatte, zwei Jahre vor seinem Tode zum Caesar (335). Er hatte schon dessen Vater, den altern DalmatiusÜber diesen s. besonders Socrates I, 27 und die Anm. der Herausgeber. Es ist nicht durchaus sicher, wie die Nachrichten auf Vater und Sohn zu verteilen sind., besonders ausgezeichnet und ihn unter dem an sich nichtssagenden Titel eines Censors nach dem wichtigen und vielleicht gefährlichen Antiochien versetzt (332), ganz wie eine Generation später Constantius daselbst den Gallus stationieren liess, um die alte, zurückgesetzte Hauptstadt des Orients sowohl zu bewachen als zu begütigen; ja der ältere Dalmatius war sogar in der Folge (335) mit einer Art von Königtum über Kappadocien betraut worden. Dass sein gleichnamiger Sohn im gleichen Jahre Caesar wurdeadsistentibus valide militaribus, wie Aurel. Vict., Caes. 41 etwas rätselhaft beifügt., hatte vielleicht noch seinen besondern Anlass in der glücklichen Bändigung eines Aufstandes auf Cypern, wo ein Aufseher der kaiserlichen Dromedare, Calocerus, als Usurpator aufgetreten warAurel. Vict., Caes. 41 nennt zwar dies Unternehmen ein sinnloses; es ist aber die Frage, ob Calocerus nicht Anklang und Zustimmung hoffen konnte.; Dalmatius der Jüngere bekam ihn in seine Hände und liess ihn zu Tarsus lebendig verbrennen »wie einen Sklaven und Räuber«.

Bald darauf aber, noch im Jahre 335, also zwei Jahre vor dem Tode Constantins, erfolgt eine eigentliche Reichsteilung, bei welcher Constantin II. die Länder seines Grossvaters Chlorus, Britannien und Gallien, nebst Spanien, erhielt, Constantius II. Asien, Syrien und Ägypten, Constans Italien und Afrika; dagegen sollte die ganze Ländermasse zwischen dem Schwarzen, Ägäischen und Adriatischen Meer, also Thracien, Macedonien, Illyricum und Achaia (mit Griechenland), an den Neffen Dalmatius fallen, ja selbst dessen Bruder Hannibalian, welcher sonst für keinerlei Taten oder Verdienste bekannt ist, bekam das Königtum über Römisch-Armenien, Pontus und die Umgegend, man weiss nicht, ob unbeschränkt oder unter der Oberherrschaft des Constantius II., und vermählte sich damals oder schon früher mit einer Tochter Constantins und Schwester seiner Miterben, Constantia. – Dieses Reichstestament war ohne Zweifel ein öffentliches, allbekanntes. Sein Inhalt ist aber nur beim zweiten Aurelius Victor richtig angegeben, während die übrigen Schriftsteller denselben verstümmeln oder aus guten Gründen beschweigen, wie Euseb.

Die erste Frage, welche sich aufdrängt, ist die: warum teilte Constantin überhaupt, nachdem um der Einheit des Reiches willen Hunderttausende hatten bluten müssen? Sodann erstaunt man billig darüber, dass er das Zentralland mit der neuen Hauptstadt dem Neffen und nicht den Söhnen gönnte. – Die Antwort liegt wahrscheinlich in dem Charakter dieser letztern. Es ist bei EusebVita Const. IV, 51 s. – Ähnliches in Iuliani Encomium, p. 14. ein rührendes Kapitel über ihre Erziehung zur Gottesfurcht und allen Herrschertugenden nachzulesen, wovon unten noch einmal die Rede sein wird; in der Tat aber waren sie ein verworfenes Geschlecht ohne Treu und Glauben. Ernannte der Vater einen von ihnen zum Alleinerben, so war das Nächste, sobald er die Augen zudrückte, die Ermordung der übrigen Brüder und Verwandten; was sollte aber aus dem Reiche werden, wenn es einmal plötzlich gar keine Herculier und Constantier mehr gab? Constantin musste teilen, schon um die Dynastie zu schonen. Zwar sah er ohne allen Zweifel die Reichskriege seiner Söhne voraus, allein er konnte doch hoffen, dass aus drei bis fünf Fürstenhäusern seines Geschlechtes immer irgendein Erbe am Leben bleiben würde, wenn sie nur erst die Zeit gehabt hatten, sich durch Zeugung von Prinzen zu vermehren. Nicht umsonst sandte er noch bei Lebzeiten die Söhne weit auseinander in die ihnen bestimmten Provinzen.

Dass er aber die ganze illyrisch-griechische Halbinsel mitsamt Konstantinopel dem Neffen gab, geschah vielleicht nur deshalb, weil diese Perle des Reiches in den Händen eines der drei Söhne sofort der Gegenstand der grimmigsten Eifersucht werden musste, wie denn später auch geschah. Man könnte einwenden, dass dem Dalmatius damit eine sehr schlimme, bedrohte Stelle aufgenötigt wurde. Allein die Schutzmittel standen im Verhältnis zur Gefahr; wer die illyrischen Lande, ihre Feldherrn und Soldaten besass, konnte damals dem ganzen übrigen Reiche Trotz bieten.

Die Ausstattung Hannibalians endlich erscheint als einfache Konsequenz von derjenigen seines Bruders. Seine besondere Aufgabe an der nordöstlichen Grenze Kleinasiens können wir nicht näher beurteilen.

Man wird sich diesem Versuch einer Erklärung und Motivierung des dunkelsten Punktes in Constantins Geschichte nicht gerne anschliessen wollen, weil dabei so unnatürliche Feindschaften im kaiserlichen Hause vorausgesetzt werden. Ich glaube aber nicht einmal das Wahrscheinliche überschritten zu haben.

Vielleicht das einzige bessere Verhältnis in der Umgebung dieses grossen Constantin, »welcher verfolgte, was ihm nahestand, und erst den Sohn und Neffen, darauf die Gattin, dann eine Menge Freunde töteteEutrop. X, 6.«, war das zu seiner Mutter Helena. Welches auch ihre Stellung bei Chlorus gewesen sein mochte, für die orientalische Anschauung war sie hinlänglich legitimiert, weil sie den Herrscher geboren hatte. Er soll ihrem Rate beständig zugänglich gewesen seinSie hasste aus guten Gründen die Söhne des Dalmatius und Iulius Constantius, welche bei ihren Lebzeiten vom Hofe entfernt gehalten wurden. Waren es doch die Enkel Theodoras, um derentwillen sie von Chlorus verstossen worden war! – Vgl. Manso, S. 208 samt den Zitaten aus Libanius.; umgeben von sehr absichtlichen offiziellen EhrenEuseb., Vita Const. III, 46. 47. – Die zahlreichen Ehreninschriften gesammelt bei Ang. Mai, Vet. script. collectio, tom. V. – Über die Zeit ihres Todes s. Manso, a. a. O., S. 292 ff. – Ihre Statue als Gegenstück derjenigen Constantins auf dem Forum zu Konstantinopel, s. Suidas s. v. Ελένη, et s. v. Μίλιον., brachte sie ihre letzte Zeit mit Werken der Wohltätigkeit, frommen Reisen und Kirchenstiftungen zu. Sie starb, über achtzig Jahre alt, wahrscheinlich nicht sehr lange vor ihrem Sohne. Nach ihr erhielt Drepanum in Bithynien den Namen Helenopolis.

Constantin selber wurde über den Rüstungen zu einem Verteidigungskriege gegen Sapor II. von Persien von tödlicher Krankheit befallen. Jetzt erst liess er sich in der Märtyrerkirche des besagten Helenopolis unter die Katechumenen aufnehmen und dann nach der Villa Achyrona bei Nikomedien bringen, wo er auch noch die Taufe empfing und am letzten Tage des Pfingstfestes 337 verschied.

Um seinen Leichnam herum, den die Soldaten nach Konstantinopel brachten und unter grosser Feierlichkeit in einer Halle des Palastes ausstellten, gingen alsbald die wunderlichsten Dinge vor, deren weiterer Verlauf sich noch bis in das folgende Jahr hinein erstreckt.

Die Erzählung beginnt mit der heftigsten Totenklage der Soldaten; die Gemeinen zerrissen ihre Kleider und jammerten, die Offiziere klagten, sie seien verwaistEuseb., Vita Const. IV, 63 seq. Die Auffassung und der Kausalzusammenhang, welchen Beugnot, a. a. O., I, p. 133 ff. in diese Ereignisse hineinträgt, scheint mir verfehlt und willkürlich. »Eine langvorbereitete Reaktion von heidnischer Seite« vermag ich unmöglich in dieser so von selbst redenden Mordgeschichte zu entdecken.. Dieser Schmerz war gewiss ein tiefer und aufrichtiger, namentlich bei den Germanen der Leibwache, die ihr Verhältnis zu den Kaisern als das einer persönlichen Treue auffassten. Der Verstorbene war ein grosser Feldherr gewesen und hatte für die Soldaten väterlich gesorgtNoch spät unter Constantius erwähnten alte Soldaten mit Ehrerbietung die grossen Donative Constantins. Vgl. Iulian., Encom., p. 10.; – was ging sie das übrige an? Diese trauernden Soldaten sind aber zugleich in Abwesenheit der Erben diejenige Behörde, welche die nächsten Verfügungen trifft und zum Beispiel mit der Beerdigung des Kaisers zu warten beschliesst bis zur Ankunft eines der Söhne. »Inzwischen senden die Offiziere (und zwar speziell die Taxiarchen oder Tribunen) bewährte, ergebene Leute aus ihrer Mitte an die Caesaren mit der Trauernachricht. Und wie aus höherer Eingebung waren alle Heere eines Sinnes, nämlich niemanden zum Erben anzuerkennen als die Söhne. Darauf erachteten sie für gut, dass dieselben nicht mehr Caesaren heissen sollten, sondern Augusti. Die Heere sandten einander diese ihre Meinung schriftlich zu, und überall wurde zu gleicher Zeit die Eintracht der Heere bekannt.« Mehr zu sagen, findet Euseb nicht nötig.

Aber wo blieb Dalmatius? In seinem Reichsanteil, in seiner Hauptstadt lag die Leiche und herrschten die Soldaten; warum wird er nicht einmal genannt, während sie ihm das Reich absprechen? Statt seiner eilt Constantius herbei und führt dann den kriegerisch feierlichen Leichenzug vom Palast nach der Apostelkirche. Hatte Constantin dem Neffen eine grössere Entschlossenheit zugetraut, als er wirklich besass? Oder war die gegen ihn aufgeführte Intrige zu mächtig? Wir wissen es nicht. Vielleicht wurde er sogleich verhaftet, vielleicht auch einige Zeit mit einem Schatten von Mitherrschaft hingehaltenLetzteres, wenn man Socrates II, 25 mit Anonym. Vales. 35 kombinieren will.. Es dauerte aber wenige Monate, so brach (338) der grosse Staatsstreich aus, von welchem einige Autoren vergebens den Constantius lossprechen möchten, indem er denselben mehr zugelassen als befohlen habeDie Autorität des Zosimus II, 40 wird hier von der höchsten Wahrscheinlichkeit unterstützt.. Die Soldaten oder andere Mörder räumen zuerst den Julius Constantius, Bruder des grossen Constantin, aus der Welt; seine Kinder Gallus und Julian wurden nur verschont, ersterer weil er gefährlich krank lag, letzterer wegen seiner zarten Jugend. Dann wurde Dalmatius und der Patricius Optatus ermordet, daraufDie Aufzählung anders in Hieronymi Chron. ad a. 341. der früher allmächtige Gardepräfekt AblaviusNäheres über dessen Tod bei Eunapius (sub Aedesio). Die Boten des Constantius suchten ihn noch durch Überbringung des Purpurs zu kompromittieren, um einen Vorwand zu erhalten., endlich auch Hannibalian. Es ist eine blosse Ausrede, wenn behauptet wird, die Soldaten hätten durchaus nur die Söhne anerkennen wollen; allerdings mochte ihnen, zumal den Germanen, das direkte Erbrecht am verständlichsten vorkommen, allein ohne beträchtliche Aufhetzung wären sie nicht zum äussersten geschritten. Für diejenigen, welche alles glauben, erfand man eine GeschichtePhilostorgius II, 16., wasmassen der grosse Constantin eigentlich von seiten seiner Brüder vergiftet worden sei, die Missetat aber noch bemerkt und in einem letzten Willen denjenigen seiner Söhne zur Rache aufgefordert habe, welcher zuerst zur Stelle sein würde. Einfacheres liess sich nichts erdenken.

Es liegt nicht mehr in unserer Aufgabe, die weitern Schicksale und Teilungen der höchsten Reichsgewalt näher zu erörtern. Constantin hatte dieselbe durch seinen neuen Staats- und Kirchenorganismus ausserordentlich gekräftigt, und so konnten seine Söhne sich vieles erlauben, bis das ererbte Kapital gänzlich aufgezehrt war, so wie die Söhne Ludwigs des Frommen, an deren Geschichte hier so manches erinnert, mehr als ein Menschenalter hindurch ihre Bruderkriege führen konnten, bis der Schatten Karls des Grossen seinen Zauber ganz verlor. – Der erste Hader ergab sich natürlich bei Anlass der Erbschaft des Dalmatius, und zwar insbesondere über den Besitz von Thracien und Konstantinopel; die weitern Ausgleichungen, die sich daran knüpfen sollten, namentlich die von Constans geforderte Mitherrschaft über Afrika und Italien führten dann (340) den Krieg herbei, in welchem Constantin II. unterging, ohne eine Dynastie zu hinterlassen. Der Sieger Constans hätte nun mit Constantius teilen müssen, wäre dieser nicht durch seinen Perserkrieg im Osten festgehalten worden. Dies merkte sich aber auch die Umgebung des Constans, meist geworbene Germanen, unter welchen er sich bei seinen Missetaten sicherer fühlte als unter den Romanen. In der Voraussetzung, dass der Imperator des Orientes, was auch geschehen möge, kein Schwert rühren könne zur Intervention im Abendlande und in Afrika, wagte es der damalige Befehlshaber der Jovier und Herculier, der Franke Magnentius, sich bei einem Bankett in Autun plötzlich im Kaiserpurpur zu produzieren (350). Constans, der auf der Jagd aufgefangen werden sollte, erhielt zwar Nachricht, fand sich aber so plötzlich von den Soldaten und der Bevölkerung verlassen, dass ihm nur die Flucht übrigblieb. In den Pyrenäen ereilten ihn jedoch die Mörder, an deren Spitze der Franke Gaiso. Während nun der ganze Okzident dem Magnentius zufiel, meinten die Garnisonen an der Donau dasselbe Recht zur Usurpation zu haben und erhoben einen alten General Vetranio. Ja, damit auch das Lächerliche nicht fehle, liess sich in Rom nachträglich ein Neffe des grossen Constantin von seiner Schwester Eutropia, Nepotianus, zum Kaiser ausrufen; allein dieser unglückliche Seitenprinz, der die Rolle des Maxentius noch einmal durchspielen wollte, hatte nicht mehr wie dieser ein prätorianisches Lager für sich, sondern nur die Gladiatorenkasernen Roms, und so wurde das von Magnentius abgesandte Heer rasch mit ihm fertig. In Constantius dagegen hatte man sich geirrt; er unterbrach den persischen Krieg und suchte mit allen Mitteln die Gegner im Reiche zu beseitigen. Es findet sich eine merkwürdige Nachricht bei Zosimus, wonach Constantius seine Soldaten für die Dynastie als solche zu begeistern gewusst hätte, so dass sie ausriefen, die unechten Kaiser müssten von der Erde vertilgt werdenZosim. II, 44.. Jedenfalls zeigte er in diesen Zeiten Talent und Entschlossenheit. Nachdem er den Vetranio eine Zeitlang hingehalten, verdrängte er ihn mit grosser Geistesgegenwart vor der Fronte seines eigenen Heeres; dann überwand er den Magnentius in einem Kriege, der zu den schrecklichsten dieser innern Kämpfe um das Reich gehört, worauf eine abscheuliche Horde von Spähern und Denunzianten über das ganze Abendland losgelassen wurde, um die Anhänger des Usurpators zu verfolgen. Aber die trostlosesten Gedanken über die Zukunft des Reiches müssen trotz aller Erfolge den Sieger innerlich gepeinigt haben. Während die Armee keine unechten Herrscher mehr haben wollte, waren ihm zugleich seine echten Verwandten, soviele er noch nicht aus der Welt geschafft, verdächtig oder auf den Tod verhasstZosim. III, 1.; seine Ehe mit der Eusebia war unfruchtbar, und so konnte am Ende der Sohn Constantins des Grossen infolge des masslosen Sultanismus zweier Generationen auf dem Punkt anlangen, von welchem Diocletian ausgegangen war – er konnte zu Adoptionen genötigt werden. Er hatte eine Schwester, die seiner würdig war, Constantia (oder Constantina), die Witwe des ermordeten Hannibalian, die sich nachher hatte brauchen lassen, um den Vetranio zutraulich zu machen, indem sie ihm ihre Hand gab. Seitdem es sich darum handelte, den letzten noch am Leben befindlichen Zweig der Familie, die Söhne des im Jahre 338 ermordeten Julius Constantius, zu verderben, heiratete sie den ältern derselben, Gallus, und obgleich sie vor der Ermordung desselben starb, dürfen wir doch nicht zweifeln, dass sie an seinem bald darauf erfolgten Untergang nicht ohne Schuld war. Als nur noch sein jüngerer Bruder, Julian, übrigblieb und das Reich auf ihn als den Retter Galliens, den Bezwinger der Germanen mit Achtung hinblickte, liess der schändliche Vetter auch ihm nur die Wahl zwischen dem Tode und der Usurpation des Kaiserthrons, starb jedoch, als der Reichskrieg eben ausbrechen sollte, worauf Julian allgemein anerkannt wurde. Mit seiner denkwürdigen zweijährigen Regierung endigt die Familie Constantins, da seine Ehe kinderlos war.

Die nächsten Thronfolgen, die des Jovian und Valentinian, waren die Sache der Armeen, wie die meisten im dritten Jahrhundert. Allein die Erblichkeit des Kaiserthrons hatte sich den Gemütern der Menschen so stark eingeprägt, dass man fortan um jeden Preis darauf zurückkam und dabei zu bleiben suchteUsurpatoren meinten sogar durch blosse Heirat mit Kaiserwitwen sich zu legitimieren, Ammian. Marc. XVIII, 3. Ein Seitenverwandter Julians, Procopius, der im Jahr 365 gegen Valens aufstand, bemächtigte sich der einzigen, noch sehr jungen Tochter des Constantius aus seiner letzten Ehe mit Faustina und erhielt Hilfe von den Goten, weil sie ihn nun mit dem Hause des Constantius verwandt glaubten, Ammian. Marc. XXVI, 10. – Wie das Heer von Valentinian ausdrücklich eine Dynastie verlangte, meldet Zosimus IV, 1 & 12. Vgl. Ammian. XXVI, 4.. Es folgt die valentinianische und die durch Heirat daran geknüpfte theodosische Dynastie, beide wenigstens vom sultanischen Familienmorde unberührt. Von der Mitte des vierten bis in die Mitte des fünften Jahrhunderts war der Besitz des Thrones oder der beiden Throne zwar mannigfach durch Usurpation und Not aller Arten angefochten, die Sukzession aber keinen Augenblick rechtlich zweifelhaft. Die Überzeugung der meist germanischen Heerführer und die aus dem Alten Testament gerechtfertigte Ansicht der Christen wirkten zusammen, um dem Erbrecht diesen späten Triumph zu verschaffen. Dasselbe behält seinen Wert in der ganzen byzantinischen Zeit und bringt trotz aller Unterbrechung durch Sultanismus und Prätorianismus immer wieder neue und zum Teil lange dauernde Dynastien hervor.

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