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Die Zeit Constantins des Großen

Jacob Burckhardt: Die Zeit Constantins des Großen - Kapitel 20
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Zeit Constantins des Großen
authorJacob Burckhardt
firstpub1853
yearca. 1950
publisherVerlag Hallwag
addressBern
titleDie Zeit Constantins des Großen
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Achter Abschnitt

Die Christenverfolgung
Constantin und das Thronrecht

Mitten in klaren, historisch genau bekannten Verhältnissen taucht bisweilen eine Tatsache von erster Wichtigkeit auf, deren tiefere Gründe sich dem betrachtenden Auge beharrlich entziehen. Ein solches Ereignis ist die grosse diocletianische Christenverfolgung, der letzte Vertilgungskrieg des Heidentums gegen das Christentum. Auf den ersten Blick ist nichts Befremdliches dabei; Diocletian hatte nur allzuviele Vorgänger auf dem Throne der Welt, welche ebenfalls die Christen hatten ausrotten wollen, und von einem so eifrigen, altgesinnten Heiden, wie er war, sollte man kaum etwas anderes erwarten. Allein die Frage gewinnt eine ganz andere Gestalt, wenn man die nähern Umstände in Betracht zieht. Seit Gallienus, das heisst seit mehr als vierzig Jahren, waren die Christen unangefochten geblieben, und zu dieser Zeit gehören noch die achtzehn ersten Regierungsjahre Diocletians selber. Nachdem er bereits die Manichäer mit Scheiterhaufen zu bestrafen befohlen (296), liess er die Christen noch sieben Jahre in Ruhe. Seine Gemahlin Prisca und seine Tochter Valeria sollen den Christen nicht ungünstig gesinnt gewesen sein; ja, er duldete um seine geheiligte Person herumEuseb., Hist. eccl. VIII, 1 & 6. Das Folgende wird ohne Unterschied von den Regenten überhaupt ausgesagt, allein es versteht sich, dass der Oberkaiser hier wie in allen Dingen den Ton angab. christliche Kammerherrn und Pagen, denen er wie ein Vater zugetan war; die Hofleute durften mit Weib und Kind unter seinen Augen der christlichen Andacht pflegen; Christen, die er als Statthalter in die Provinzen sandte, wurden von den mit dieser Stellung verbundenen feierlichen Opfern in Gnaden dispensiert. Die christliche Gemeinde, in dem Gefühl totaler Sicherheit, verstärkte sich ausserordentlich, so dass nirgend mehr die alten Versammlungsorte genügten. Überall musste neu gebaut werden; in den grossen Städten erhoben sich ungescheut sehr prachtvolle Kirchen. – Wenn die Regierung irgendeinen Gedanken künftiger Verfolgung hatte, so durfte sie die Christen nicht so ohne Widerstand zur Macht im Staate anschwellen lassen. Man könnte sagen, sie sei es eben erst spät und allmählich innegeworden, dass das Christentum bei absoluter Duldung nach dem ÜbergewichtDie damalige Machtstellung der Christen gegenüber vom heidnischen Imperium ist gut, doch wohl etwas zu imposant geschildert bei Preuss, Kaiser Diocletian, S. 136 ff. – Die verschiedenen Annahmen über ihre Zahl s. oben S. 173. streben würde, allein so gedankenlos war Diocletian nicht. Aus seiner entweder ursprünglichen oder allmählich gebildeten Denkweise allein, ohne besondern Anlass, kann die Verfolgung, wie mir scheint, unmöglich hervorgegangen sein. Die Beurteilung dieses Gegenstandes muss überhaupt davon ausgehen, dass man es mit einem der grössten römischen Imperatoren, mit einem Retter des Reiches und der Zivilisation, mit dem scharfsichtigsten Beurteiler seiner Zeit zu tun hat, dessen politisches Andenken ganz anders dastände, wenn er im Jahre 302 gestorben wäre. »Er war ein hervorragender Mensch, klug, eifrig für den Staat, eifrig für die Seinigen, gerüstet, welche Aufgabe auch an ihn kommen mochte, stets unergründlich in seinen Gedanken, bisweilen verwegen, sonst vorsichtig; die Bewegungen des unruhigen Innern drängte er durch gewaltige Beharrlichkeit zurückHist. Aug., Numerian., c. 13. Vielleicht die wichtigsten zusammenhängenden Worte über Diocletians Charakter.

Es handelt sich nun darum, zu erforschen, ob das, was dieses grosse Andenken verdunkelt, ein blosser Ausbruch angeborner Grausamkeit und Brutalität war, oder eine Folge des oben geschilderten Aberglaubens, oder eine elende Nachgiebigkeit gegen Mitregenten, die tief unter ihm standen, oder ob nicht endlich für den Geschichtsforscher hier die Pflicht vorliegt, nach einem Auswege zu suchen, der neben dem geschriebenen Buchstaben vorbeiführt. Die Christen haben den Namen Diocletians mit Fluch völlig zugeschüttet; die Heiden von römisch-griechischer Bildung konnten ihm ebenfalls nicht hold sein, weil er den Orientalismus in das politische und gesellige Leben einführte; die einzigen Geschichtschreiber aber, die möglicherweise den wahren Zusammenhang der Dinge darstellten – Ammian und Zosimus – sind verstümmelt, und zwar vielleicht ebendeshalb. Unter solchen Umständen ist es ganz überflüssig, aus den vorhandenen Quellen das Wesentliche und Entscheidende direkt ermitteln zu wollen.

Der gewöhnlich zugrunde gelegte Bericht, nämlich die Schrift des Lactantius »Von den Todesarten der Verfolger«, beginnt gleichDe mortibus persecutorum, c. 10 ff. – Die sehr verdächtigen Aussagen, welche dem Constantin beigelegt werden, s. Euseb., Vita Const. II, 50 s. mit einer erweislichen Unwahrheit. Eine wichtige Eingeweideschau in Gegenwart des Kaisers wird dadurch gestört, dass die anwesenden christlichen Hofleute das Kreuz schlagenOder an ihren Stirnen wirkliche Kreuze befestigten, je nach der Erklärung. und damit die Dämonen vertreiben; vergebens wird das Opfer mehrmals wiederholt, bis der Vorsteher der Haruspices die Ursache ahnt und ausspricht. Darauf soll Diocletian in vollem Zorn von allen Hofleuten das Götzenopfer verlangt und dies Gebot sogar auf die Armee ausgedehnt haben, unter Androhung des Abschieds, wobei es einstweilen sein Bewenden hatte. Diese Geschichte beruht auf der durch Euseb hinlänglich widerlegten Meinung, als hätte der Kaiser die Christen an seinem Hofe nicht als solche gekannt und nicht dulden wollen. Das Wahrscheinliche ist, dass die christlichen Kammerherrn und Pagen entweder bei den Opfern überhaupt nicht anwesend zu sein brauchten, oder wenn sie zugegen waren, sich so aufführten, wie es der Dominus für passend fandSein Prinzip in diesen Dingen ist im Manichäergesetz sehr deutlich ausgesprochen: neque reprehendi a nova vetus religio debet. Die Polemik soll schweigen.; eine Szene wie die geschilderte aber hätte entweder schon weit früher, etwa bei seinem Regierungsantritt, stattfinden müssen, oder sie war überhaupt undenkbar. Die heidnische Überzeugung des Kaisers, die sich achtzehn Jahre in die Existenz und Macht der Christen gefügt hatte, kann für sich allein überhaupt nicht das entscheidende Motiv zur Verfolgung gewesen sein, so ernst und eifrig sie auch war.

Die zweite Unwahrheit des genannten Berichtes liegt in der erschrockenen Nachgiebigkeit Diocletians gegen den Galerius, welcher (wahrscheinlich von der Donau her) in Nikodemien eingetroffen war, um den Oberkaiser für die Verfolgung zu gewinnen; seinerseits soll er wieder von seiner Mutter Romula aufgehetzt worden sein. Diese war nämlich eine eifrige Dienerin der grossen Magna Mater (welche hier als Berggöttin bezeichnet wird) und nahm es sehr übel, dass die Christen ihres Wohnortes nicht wie die Heiden an ihren täglichen Opferschmäusen teilnehmen wollten. Dieses ganze Gerede, welches die grosse Tatsache schliesslich auf die Laune eines fanatischen Weibes zurückführen würde, fällt dahin, sobald man weiss, dass Diocletian sich vor Galerius nicht fürchtete, und dass der Autor über den ganzen Charakter des Fürsten in den stärksten Irrtümern befangen istSo heisst Diocletian bei Anlass des persischen Krieges in omni tumultu meticulosus animique disiectus, er, welcher den Aper vor dem Tribunal getötet und die furchtbarsten Kriege in Person kommandiert hatte. Auch würde ein Zaghafter im J. 303 wahrscheinlich das nahe Ende der zwanzigjährigen Herrschaft und die Abdankung abgewartet und das furchtbare Geschäft gegen die Christen den neuen Imperatoren und Caesaren überlassen haben.. Auch auf die vorgeblichen Abreden, welche im Winter 302 auf 303 zu Nikodemien gehalten worden sein sollen, ist gar nichts zu geben, da der Autor anderweitig (S. 60) sich allzusehr als Liebhaber dramatischer Fiktionen bloßstellt. Er sucht freilich den Diocletian als den Widerstrebenden und Besonnenem zu charakterisieren, um den grössern Hass auf das Scheusal Galerius zu häufen. »Als sie sich den ganzen Winter hindurch berieten und niemand zugelassen wurdeWas die billige Frage veranlasst, woher denn der Autor diese Verhandlungen kenne! und jedermann glaubte, sie verhandelten über Staatssachen, widersetzte sich der Alte lange der Wut des Kollegen, indem er ihm vorstellte, wie gefährlich es sei, die Welt zu beunruhigen und Blut in Menge zu vergiessen. Die Christen stürben gerneDie starken Stellen aus den Apologeten über die verjüngende Kraft des Martyriums s. bei Lasaulx, Der Untergang des Hellenismus, S. 14 f.. Es sei genug, wenn die Hofleute und Soldaten dieser Religion entsagen müssten. Allein Galerius habe auf seinem Sinne beharrt, und Diocletian darauf einen geheimen Rat von Juristen und Offizieren berufen, um über die Frage der Verfolgung zu entscheiden. Denn das sei so seine Art gewesen, bei verhassten Massregeln mehrere zu Rate zu ziehen, um das Böse auf diese schieben zu können, das Gute dagegen ohne Beirat zu tun, um das Lob allein zu haben.« Eine solche Handlungsweise ist bei allem, was wir sonst von Diocletian wissen, völlig undenkbar. Die Herrscheridee, welche ihn beseelte, lässt sich auf den populären Unterschied von beliebt und verhasst gar nicht ein und nimmt auch dasjenige auf eigene Verantwortung, was sie nur durch andere wohl oder übel ausführen lässt. Denn alles, was zugestandenermassen ohne den Herrn geschähe, würde seiner Macht zum Abbruch gereichen, die sein erster und letzter Gedanke sein muss. Doch man höre weiter. Auf den bejahenden Entscheid jenes geheimen Rates hin lässt Diocletian noch zu allem Überfluss beim milesischen Apoll anfragen und erhält natürlich dieselbe Antwort, gibt aber auch jetzt nur unter der Bedingung nach, dass kein Blut fliessen dürfe, während Galerius grosse Lust gehabt haben soll, die Christen lebendig zu verbrennen. Doch wir haben ja soeben aus des Oberkaisers Munde vernommen, dass er zahlreiche Martyrien der Christen voraussieht! Besser als irgend jemand konnte er wissen, dass die Christen entweder in Ruhe gelassen oder mit den äussersten Mitteln bekämpft werden müssten, und dass das Einbedingen eines unblutigen Verfahrens eine Torheit wäre.

Dieser Art ist die einzige zusammenhängende Darstellung der grossen Katastrophe. Und Lactantius war damals in Nikodemien und hätte uns zwar nicht die geheimen Verhandlungen, wohl aber den ganzen wesentlichen Hergang vielleicht sehr genau überliefern können; seine Schrift ist uns für sehr vieles einzelne so unentbehrlich als eine höchst einseitige Parteischrift sein kann.

Euseb findet es angemessen, von den besondern Beweggründen der Verfolgung gänzlich zu schweigen. Die Aurelius Victor, Rufus Festus, Eutropius u. a. erwähnen nicht einmal die Verfolgung selbst.

Diocletian selber kann sich nicht verteidigen; seine Edikte sind untergegangen und seine geheimen Ratschläge können das gerade Gegenteil von dem gewesen sein, was ihm angedichtet wird.

Von da an sind also die Vermutungen in ihrem Rechte, sobald sie nicht in der Luft schweben, sondern den echten vorhandenen Spuren nachgehen und zu dem sonstigen Charakter der Zeit und der handelnden Personen passen.

Zunächst liesse sich vermuten, die Regenten hätten, wie mehrere ihrer Vorgänger, der allgemeinen Volkswut gegen die Christen nachgeben müssen. Allein dieselbe tritt im Verlauf der Ereignisse nicht einmal sichtbar hervor, und die Staatsmacht war reichlich gross genug, um dergleichen zu unterdrücken. Wohl kam es einmal vor, dass dem Maximian bei den Spielen im Circus Maximus zu Rom in jener taktmässigen Wiederholung zehn- und zwölfmal zugerufen wurde »Christiani tollantur! Christiani non sint!« – allein dies geschah wahrscheinlich, als die Verfolgung schon geraume Zeit im Gange warHunziker, Zur Regierung und Christenverfolgung Diocletians (abgedruckt in Büdingers Untersuchungen zur römischen Kaisergeschichte, Band II), S. 189 ff., aus der Passio S. Sabini., und Zurufe dieser Art bedeuteten überhaupt nicht viel.

Oder man könnte annehmen, die heidnischen Priester hätten die Verfolgung plötzlich und unbedingt verlangt und die Kaiser aus irgendeinem Grunde des Aberglaubens von deren Notwendigkeit überzeugt. Diocletian mit all seiner Tüchtigkeit ist in dieser Beziehung befangen genug, um auch sehr traurigen Vermutungen Raum zu geben; jedenfalls würde sich das Gegenteil nicht beweisen lassen. Allein in diesem Falle würden uns bestimmte Namen solcher mächtigen Priester genannt werden, und die blosse ErwähnungDe mort. persec., c. 16. – Vgl. Keim, Der Übertritt Constantins, S. 73 ff., wo die Kunden über Hierokles, auch die übrigen Spuren neuplatonischer Einflüsse auf die damaligen Machthaber gesammelt sind. – Über Hierokles auch Preuss, S. 143. des Statthalters Hierokles von Bithynien (welcher anderweitig als eifriger Neuplatoniker nachgewiesen ist) unter den Helfern und Antreibern genügt hiezu nicht.

Oder kam vielleicht seine Privatmoralität ins Spiel? Er war hierin nicht indifferent; die Haruspicin, welche ihm unaufhörlich die Zukunft und ihre Schicksale verkünden muss, hatte ihn doch nicht über die Sittlichkeit hinweggehoben. Wenn darin eine Inkonsequenz lag, so war es eine ehrenwerte; auch findet sich diese Vermischung der Standpunkte nicht bloss bei ihm, sondern, wie wir sahen, bei den Bessern des dritten Jahrhunderts überhaupt, in welchen der Unsterblichkeitsglaube den irdischen Fatalismus und die Moralität wenn nicht versöhnt, doch zu einem Vertrage genötigt hatte. Das Privatleben des Kaisers gibt selbst den tadelsüchtigen Christen keinen Anlass zur Kritik, und so hatte er denn auch ein persönliches Recht, den Staat zum Hüter der allgemeinen Sittlichkeit zu proklamieren. Er tat dies unter anderm in dem schon angeführten Ehegesetz vom Jahre 295 unter sehr prinzipiellen Ausdrücken: »Die unsterblichen Götter werden dem römischen Namen wie bisher günstig und mild gesinnt sein, wenn wir dafür sorgen, dass alle unsere Untertanen einen frommen, ruhigen und sittenreinen Wandel führen . . . Die Herrlichkeit Roms ist nur dadurch mit der Gunst aller Götter zu solcher Höhe gelangt, dassWörtlich quoniam (maiestas Rom.) omnes leges suas religione sapienti pudorisque observatione devinxit. ein frommes und keusches Leben den Schlußstein aller Gesetzgebung bildete usw.« – Haben nun etwa die Christen sittlichen Anstoss gegeben?

Bekanntlich trugen sich die Römer im ersten und zweiten Jahrhundert mit Gerüchten von greulichen Ausschweifungen, welche beim Gottesdienst der Christen stattfinden sollten. Allein dies kömmt hier gar nicht in Betracht; diese Gerüchte waren längst völlig verstummtWorüber eine förmliche Aussage bei Euseb., Hist. eccl. IV, 7., und Diocletian selber, der eine Menge von Christen an seinem Hofe täglich vor sich sah, kann vollends solchen Nachreden nicht den mindesten Glauben geschenkt haben.

Anders verhält es sich scheinbar mit den Klagen des EusebEuseb., Hist. eccl. VIII, 1. über den innern Zerfall der christlichen Gemeinde unmittelbar vor der Verfolgung, da eine grosse Menge von Unwürdigen sich in die Kirche sowohl als namentlich auf die Bischofsstühle gedrängt hatte. Er erwähnt unter diesen Übeln vor allem den bittern Hader zwischen Bischöfen und zwischen den einzelnen Gemeinden, die Heuchelei und Verstellung, den fast atheistischen Unglauben, die Übeltaten (κακίας), dann nochmals Zank, Neid, Hass und Gewaltherrschaft der Geistlichen.

Dies sind alles noch keine Unsittlichkeiten von der Art, wie sie der Staat moralitätshalber glaubte verfolgen zu müssen, und wie er sie jedenfalls bei den Heiden in grösserm Maßstab vorfand. Allein merkwürdigerweise scheint eines der wenigen erhaltenen Aktenstücke von heidnischer Seite, das Revokationsedikt des GaleriusDe mort. persec., c. 34. Griechisch b. Euseb., Hist. eccl.VIII, 17. vom Jahre 311, wirklich die schwere und vielfache Spaltung unter den Christen selbst als den Hauptgrund ihrer Verfolgung bezeichnen zu wollen. Sie seien von dem Glauben ihrer Vorfahren abgefallen und hätten Sekten gebildet; darauf habe man ihnen befohlen, zu den Einrichtungen der Alten zurückzukehren usw. Freilich ist hier jedes Wort so geflissentlich schief und zweideutig, dass die meisten Erklärer unter den »Vorfahren« und »Alten« ebensogut die Heiden verstehen konnten, allein mehrere Ausdrücke scheinen doch eher den Christen den Abfall von ihrem eigenen Prinzip zum Vorwurf zu machen. Es heisst weiterhin: »Wir sahen, dass sie weder den Göttern die schuldige Verehrung erwiesen, noch den Gott der Christen ehrten.« Dies würde etwa an die Prinzipien der katholischen Partei im Dreissigjährigen Kriege erinnern, welche nur mit den Lutheranern auf einem Rechtsboden zu stehen glaubte, die Calvinisten dagegen als Nebensekte perhorreszierte.

Doch auch diese Spur ist schwerlich die richtige. So bedeutend kann das Ärgernis und die Spaltung unter den Christen unmöglich gewesen sein, dass der Staat deshalb die Aufhebung der ganzen Gemeinde hätte für nötig halten können. Die eifrigen Heiden konnten vollends bei einigem Nachdenken nichts ernstlicher wünschen als die ungestörte Fortdauer dieses Prozesses der Fäulnis, der die Christen unfehlbar in ihre Hand gab.

Welche Erklärung bleibt nun übrig? Ich glaube, es spielte hier ein wichtiges persönliches Ereignis mit, dessen Spuren später auf das emsigste verwischt worden sind. Eine Inschrift zu Ehren DiocletiansGruter, pag. 280, nr. 3. – Bei Muratori, t. III, p. 1797 steht sie nebst einigen ähnlich lautenden, nur ungleich verdächtigern Inschriften von Ascoli unter den unechten. gibt den Christen schuld, dass sie den Staat umstürzen wollten, rem publicam evertebant, eine Aussage, die in dieser Fassung ganz wertlos scheint, dennoch aber einen echten Kern bergen kann. Suchten sich etwa die Christen, im Gefühl ihrer wachsenden Ausdehnung, des Kaisertums zu bemächtigen?

Dies konnte auf ganz friedliche Weise geschehen, indem man den Diocletian selber bekehrte. Und dass etwas der Art wenigstens beabsichtigt wurde, ist beinahe streng zu beweisen. Es gibt einen Brief von einem Bischof Theonas an einen christlichen Oberkammerherrn LucianusAbgedruckt bei d'Achery, Spicilegium etc., tom. III, p. 297. – Vgl. Neander, Allg. Geschichte der christlichen Religion und Kirche, II. Aufl., Bd. I, S. 244. mit Massregeln des Benehmens an dem Hofe eines heidnischen Kaisers, womit nach allgemeiner Ansicht nur Diocletian gemeint sein kann. Lucianus hat bereits in seiner Umgebung nach Kräften gewirkt und viele bekehrt, die als Heiden in den Hofdienst gekommen waren; schon sind die Aufseher der kaiserlichen Schatulle, des Schatzes und der Garderobe zum Christentum übergetreten; nun findet Theonas, dass es von grösstem Werte wäre, wenn zum Beispiel ein christlicher Kammerherr die Aufsicht über die kaiserliche Bibliothek erhielte und bei Gelegenheit literarischer GesprächeDiocletian war durchaus nicht so ungebildet, wie Gibbon, Kap. XIII (Bd. II, S. 144), ihn darstellt; für seinen Gebrauch wurde z. B. ein grosser Teil der Historia Augusta geschrieben, und ein Römer Samonicus verfasste für ihn ein geschichtliches«Werk »Verschiedene Untersuchungen« betitelt. Vgl. Ioh. Lydus, De magistrat. III, 32. den Kaiser behutsam und allmählich von der Wahrheit der christlichen Religion überzeugen könnte. Wahrscheinlich imponierte den Christen der Ernst und die sittliche Richtung des grossen Fürsten, und sie sahen ein, dass gerade jetzt, bei der unerhörten Steigerung der Herrschergewalt durch Siege über Barbaren und Usurpatoren und durch den Neubau des ganzen innern Staatswesens der Übertritt des Kaisers wichtiger und entscheidender wäre als jemals. Es braucht indes kaum gesagt zu werden, dass alle Versuche dieser Art bei einem Heiden wie Diocletian eitel und vergeblich bleiben mussten.

Nun behalte man wohl im Auge, wie die Verfolgung anfing. Eusebius und LactantiusDe mort. pers. 10 und Euseb., Hist. eccl. VIII, 1 & 4. stimmen darin überein, dass einige Zeit vor den grossen allgemeinen Massregeln einstweilen die Christen aus der Armee gestossen wurden. Es findet, vielleicht schon im Jahre 298S. Euseb., Chron., ad a. 301, womit 298 gemeint ist., oder auch früher, eine Musterung statt, bei welcher den christlichen Soldaten die Wahl gelassen wird, ob sie Heiden werden und ihren Dienst behalten oder denselben verlieren wollen, worauf die meisten ohne Besinnen das letztere vorziehen; einige sollen darob schon damals das Leben eingebüsst haben. – Es leuchtet ein, dass man zu einem solchen Schritte sich nur ungern und gezwungen verstand, indem gute Soldaten und Offiziere damals der höchste Besitz des Reiches waren. Ferner möchten wir den Schluss wagen, dass diese Säuberung des Heeres keine religiöse, sondern eine politische Grundursache gehabt habe, indem sonst ebensogut bei allen andern Ständen hätte begonnen werden können, zum Beispiel mit einer plötzlichen Verhaftung aller Bischöfe, wie sie dann später wirklich eintrat. Die Kaiser fühlen sich entweder unter christlichen Truppen nicht mehr persönlich sicher, oder sie glauben, sich auf deren Gehorsam im Kriege wie im Frieden nicht mehr verlassen zu können. Die Weigerung des heidnischen Opferns, wo sie als Grund der Verabschiedung angegeben wurdeVgl. das Martyrium des Marcellus, bei Neander, a. a. O., S. 252. Es kam wohl vor, dass Christen überhaupt den Kriegsdienst verweigerten, weil Krieg etwas Böses sei, allein dies mögen wohl nur seltene Ausnahmen gewesen sein. Vgl. oben S. 312. – Über die vereinzelten Martyrien vor dem J. 303 vgl. die kritischen Resultate bei Hunziker, a. a. O., S. 149 und 261., konnte nichts als ein Vorwand sein, nachdem anderthalb Jahrzehnte hindurch der Kriegsdienst der Christen sich durchaus von selbst verstanden hatteDie Geschichte des Märtyrers Maximilian (bei Neander, a. a. O., S. 249) enthält den entscheidenden, obwohl nur negativen Beweis, dass den christlichen Soldaten bisher keine heidnischen Zeremonien zugemutet wurden. – Vgl. auch De mort. persec. 10.. Man könnte zwar sagen, die Kaiser hätten aus teuflischer Bosheit das Heer epuriert, um es bei der bevorstehenden Verfolgung ohne Widerrede gegen die Christen brauchen zu können. Das Gegenteil hievon lässt sich um so weniger beweisen, als wir nicht einmal den Zeitraum genau kennen, welcher zwischen der Epuration und der Verfolgung lag. Verstrichen aber wirklich mehrere Jahre, so schwindet auch diese Probabilität ausserordentlich zusammen. Grosse Bluttaten mögen lange vorbedacht und vorbereitet werden, allein mit so auffallenden Rüstungen, wenn sie nichts als das sind, darf man doch erst im Augenblick vor der Ausführung ans Licht treten. Und am Ende handelt es sich hier um schwer zu unterscheidende Übergänge. Wenn Diocletian eine rein heidnische Armee wollte, so wollte er sie wegen des Gehorsams überhaupt, wahrscheinlich ohne sich genau Rechenschaft zu geben, wozu er sie eventuell in den äussersten Fällen gebrauchen würde. Merkwürdig genug, dass Diocletian doch seinen ganzen christlichen Hof bis in die Verfolgung hinein um sich behielt, vielleicht weil er hier auf ein altgewohntes persönliches Vertrauen erst so spät als möglich verzichten wollte.

Mit diesem allem halte man zusammen, was EusebHist. eccl. VIII, 6, zuerst von Valesius mit Unrecht in Beziehung gesetzt zu mehrern Stellen in den Reden des Libanius, sämtlich im ersten Bande der Ausgabe von Reiske, p. 323 f. 644. 660 f. Es ist in den letztern auf sehr dunkle Weise von Unruhen in Antiochien unter Diocletian die Rede, welche sich vielleicht auf ein ganz anderes Jahr beziehen könnten. Ein Tribun namens Eugenius, der mit einer Schar von 500 Soldaten die Ausschlämmung des Hafens im nahen Seleucia besorgen sollte, kann der eigenen Versuchung und dem drohenden Zureden seiner Soldaten nicht widerstehen, das unbewachte Antiochien durch einen Handstreich zu nehmen. Mit dem Purpur von einem Götterbilde angetan, überrascht er und seine wilde, betrunkene Schar die Stadt, wird aber von den Antiochenern gleich am ersten Tage niedergemacht samt all den Seinigen. Die Behörden, die sich schwach gezeigt hatten, unterlagen einer schlimmen Kriminaluntersuchung. Da dies unter anderm die gewiss heidnische Familie des Libanius betraf und letzterer in seinen Berichten auch nicht den leisesten Wink über eine Einmischung religiöser Parteiung fallen lässt, so müssen die syrischen Unruhen bei Euseb ein ganz verschiedenes Ereignis gewesen sein, und vollends die kappadocischen. – Für letztere ist allerdings eine späte Aussage (Hunziker, a. a. O., S. 174, Anm.) vorhanden, wonach erst auf das Edikt hin »ganz Grossarmenien und Kappadocien« einmütig sich zum Abfall gerüstet hätten. Aber auch dies setzt wahrlich eine schon vorher sehr bedenkliche Stimmung voraus. halb zugesteht und halb vertuscht, dass nämlich um den Anfang der Verfolgung an zwei Orten, in der kappadocischen Landschaft Melitene und in Syrien, Aufstände ausbrachen. Die Reihenfolge der Ereignisse ist bei diesem Schriftsteller nie ganz zuverlässig, allein wir sind hier auf ihn beschränkt. Er hat die Publikation des Edikts, dann den Anfang der Verfolgung in Nikomedien, und zwar im kaiserlichen Palast, erzählt und den standhaften Tod der christlichen Pagen und Kammerherrn geschildert; darauf ist von den Feuersbrünsten im Palast und den bei diesem Anlass getöteten Christen sowie von der Ausgrabung der hingerichteten Pagen die Rede; und nun heisst es weiter: »Da nicht lange hernach andere in der Gegend, die Melitene heisst, und wiederum andere in Syrien das Herrschertum an sich zu reissen suchten, so erging ein kaiserliches Gebot, dass überall die Vorsteher der Gemeinden verhaftet und gefesselt werden sollten.« Mit Recht oder Unrecht schrieb man also diesen Usurpationsversuchen einen christlichen Ursprung zu und griff deshalb auf die Bischöfe; die unmittelbaren Täter aber müssen zum Teil Soldaten gewesen sein, ohne welche in dieser Zeit keine Usurpation denkbar ist, und zwar, wenn es Christen waren, abgedankte Soldaten. Man kann nun einwenden, diese Usurpationen seien wohl erst aus der Verzweiflung wegen der bereits befohlenen Verfolgung hervorgegangen, allein mit derselben Wahrscheinlichkeit liesse sich auch behaupten, dass die Kaiser von einer Gärung unter abgedankten Soldaten bereits Kunde gehabt haben müssten. Wenn sich die Aussage Eusebs auf Zeiten und Ereignisse bezöge, die uns nur wissenschaftlich interessant und sonst gleichgültig wären, so würde die Kritik ohne Schwierigkeit zugeben, dass die Kaiser hier eine schon gerüstete politische Gegnerschaft vorfanden und bekämpften.

Endlich ist der Inhalt des Ediktes selber, soweit man ihn kennt, nicht direkt auf Vertilgung, sondern auf eine durchgehende Degradation der Christen berechnet, wodurch man sie zum Übertritt bewegen wollte. Ihre gottesdienstlichen Versammlungen sollten verboten sein, ihre Kirchen niedergerissen, ihre heiligen Schriften verbrannt werden; diejenigen, welche Ehrenstellen und Würden besässen, sollten dieselben verlieren; gegen Christen jeden Standes sollte bei gerichtlichen Untersuchungen die Folter angewandt werden dürfen; die Wohltaten des gemeinen Rechtes sollten ihnen entzogen sein, die christlichen Sklaven aber, solange sie Christen blieben, nie freigelassen werden könnenDen Wortlaut des Ediktes kennen wir nicht. – Über die Inhaltsangaben bei Euseb und Lactantius vgl. Hunziker, a. a. O., S. 163.. Das waren ungefähr die Vorschriften, welche den 24. Februar des Jahres 303 zunächst in Nikomedien, der damaligen Residenz des Diocletian und des Galerius, und dann im ganzen Reiche durch öffentlichen Anschlag bekanntgemacht wurden.

Schon am Tage zuvor, auf welchen das Fest der Terminalien fiel, hatte in Nikomedien selbst die Verfolgung begonnen, indem der Gardepräfekt in Begleitung von Offizieren und Beamten die grosse Kirche durch seine Prätorianer plündern und demolieren liessDe mort. persec., c. 12. Man mag hier nachlesen, wie die beiden Regenten auf der Warte ihres Palastes darüber streiten, ob die Kirche durch Feuer oder auf eine andere Weise zerstört werden solle..

Nach der Publikation des Ediktes fiel als erstes Opfer ein angesehener Christ, der dasselbe abriss und zerfetzte, mit dem spöttischen Bemerken, es seien wieder einmal Goten- und Sarmatensiege angeschlagen gewesen. Er wurde verbrannt. Ein solcher Trotz wäre übrigens ganz sinnlos, wenn man nicht annehmen will, dass noch in jenem kritischen Augenblicke eine geheime Hoffnung auf allgemeinen Widerstand vorhanden war.

Das Nächste, was erwähnt wird, ist die grausame Tortur und Hinrichtung mehrerer Palastbeamten und Pagen, von welchen Petrus, Dorotheus und Gorgonius mit Namen genannt werden. Euseb sagt zwar nur ganz kurz, sie hätten um ihrer Frömmigkeit willen gelitten, allein von dieser Seite hätte sich das Gesetz mit ihrer Degradation begnügt. Woher nun diese Grausamkeit gegen solche, die bisher trotz ihres bekannten Christentums von den Kaisern »wie Kinder des Hauses« waren behandelt worden? Die Kaiser glaubten offenbar einem Komplott auf der Spur zu sein.

Zwischenhinein kömmt zweimal im Palast zu Nikomedien Feuer aus. Nach Lactantius hätte Galerius es anlegen lassen, um die Schuld auf die Christen zu schieben, welche diese Missetat mit den Eunuchen des Hofes abgeredet haben sollten, und Diocletian, der sich immer so klug dünkte, hätte wirklich den wahren Sachverhalt nicht gemerkt, sondern sich sogleich einer grenzenlosen Wut gegen die Christen überlassen. Hierüber ist mit einem Tendenzschriftsteller unmöglich zu rechten; wer aber die Geschichte Diocletians studiert, wird ihm den Verstand zutrauen, vorkommendenfalls einen so plumpen Betrug zu durchblicken. Das Feuer war in demjenigen Teile des Palastes ausgebrochen, wo Diocletian selbst wohnte, Galerius aber wäre der letzte gewesen, der ihm das Haus über dem Kopf angezündet hätte. Die höchste Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass bedrohte christliche Hofleute die SchuldigenVgl. Hunziker, a. a. O., S. 168. waren, mochte auch ihre Absicht nur etwa auf superstitiöse Einschüchterung, nicht auf Tötung des Oberkaisers gerichtet sein. Auf die ungeschickteste Weise hat Constantin, der damals in Nikomedien weilte, bei späterm feierlichem AnlassIn der, wenn auch nicht von ihm, doch unter seinen nächsten Angaben verfassten Rede Ad sanctorum coetum, c. 25, aus einer Zeit freilich, da ihm schon niemand mehr widersprach, er mochte behaupten, was er wollte. – Euseb. (Hist. eccl. VIII, 6) kennt die Ursache des Brandes nicht. jedermann zu disculpieren gesucht, indem er behauptete, der Blitz habe den Palast entzündet, als ob ein Blitzstrahl nicht deutlich von jeder andern Brandursache zu unterscheiden wäre. Die beiden Herrscher waren freilich von der Schuld der Christen überzeugt, und die Kriminaluntersuchung im Palaste nahm einen sehr blutigen Gang. »Da wurden auch die mächtigsten Eunuchen getötet, die einst den Palast und den Kaiser beherrscht hatten.« Es wäre nicht zu verwundern, wenn unter dem Eindruck dieser Erbitterung jetzt erst das allgemeine Edikt in vollster Schärfe wäre gehandhabt und durch weitere Befehle ergänzt worden.

Bald darauf erfolgten die schon erwähnten christlichen Aufstände im Orient, welche das zweite Edikt, den Verhaftsbefehl gegen alle Vorsteher der Gemeinden, hervorriefen.

Vielleicht empfindet der Leser ob dieser Untersuchung einigen Widerwillen. Sollte es nicht überaus unbillig sein, aus der Verfolgung auf eine Verschuldung zu schliessen? So hat es die fanatische Partei in Frankreich 1572, so diejenige in Veltlin 1620 gemacht: um ihr schreckliches Blutvergiessen zu rechtfertigen, hat sie nachher den unterlegenen Gegnern ein blutiges Komplott angedichtet, welchem sie habe zuvorkommen müssen.

Allein fürs erste wird hier niemand von einer allgemeinen christlichen Verschwörung gegen die Regenten oder gar gegen die Heiden überhaupt reden wollen. Die Vermutung beschränkt sich ungefähr auf folgende Umrisse: Einige, vielleicht nur sehr wenige christliche Hofleute und einige christliche Kriegsbefehlshaber in den Provinzen glaubten mit einem voreiligen Gewaltstreich das Imperium in christliche oder christenfreundliche Hände bringen zu können, wobei sie vielleicht der kaiserlichen Personen zu schonen gedachtenEs wäre eine einladende, aber mehr als gewagte Hypothese, ein Verständnis zwischen diesen Leuten und dem damals am Hofe anwesenden .jungen Constantin anzunehmen. Der Hass des Galerius gegen diesen würde sich dann noch leichter erklären.. Es ist möglich, dass in der Tat Galerius der Sache früher auf die Spur kam als Diocletian, und dass dieser sich wirklich nur mit Mühe überzeugen liess.

Fürs zweite wird man nicht leugnen können, dass es unter den Christen damals Leute gab, die für solche Staatsstreiche nicht zu gewissenhaft waren. Eusebs Charakteristik redet hierüber deutlich genug. Andererseits aber ist die Macht auf Erden, sobald sie sich gefährdet sah, noch niemals gelinde verfahren.

Das grosse Unglück bestand nun darin, dass die Herrscher das Geschehene verallgemeinerten und gegen die Christen als mitverantwortliche Partei einzuschreiten anfingen, und dass das damalige Recht so rasch mit der Folter und den grässlichsten Todesstrafen bei der Hand war. Nur müsste man bessere Urkunden vor sich haben, als die Akten der Märtyrer in der Regel sind, um die einzelnen Fälle richtig beurteilen zu können. Jedenfalls bequemte sich eine sehr grosse Mehrzahl mit der Zeit zum Opfern, und die letzten Edikte Diocletians, von welchen unten die Rede sein wird, beruhten vielleicht schon auf der Voraussetzung, dass der Erfolg im grossen und ganzen erreicht und nur noch ein Rest von Widerstand zu überwinden sei. Die Auslieferung der heiligen Schriften sollte der Gemeinde auch den geistigen Halt auf immer benehmen.

Allein es war des Kampfes noch mehr als genug übrig, um alles in Aufregung zu erhalten. Es ist nicht die Aufgabe dieses Buches, den schrecklichen Hergang im einzelnen zu verfolgen. Von den Mitregenten ging der Augustus Maximian mit Eifer auf die Verfolgung ein, während der milde, monotheistische Caesar Constantius Chlorus in seinen Ländern Gallien und Britannien sich mit der Schleifung der Kirchen begnügt haben sollEuseb., Hist. eccl. VIII, 13 lässt nicht einmal dieses gelten. – Spanien regierte Constantius nicht; übrigens kommen gerade hier einige sehr namhafte Martyrien vor, wie das des heil. Vincentius, der Eulalia u. a., welchen hundert Jahre später Prudentius einen grossen Teil seines Buches Peristephanon gewidmet hat. In der Chronik des Fl. Iulius Dexter (ed. Bivarius, Lugd. 1627) freilich werden die spanischen Märtyrer der betreffenden Jahre zu Hunderten aufgezählt, allein dieselbe ist eine anerkannte Fälschung.; jedenfalls behielt er an seinem Hofe zu Trier oder York Christen, und ebenso in Kriegswürden. Um so härter ging es in den übrigen Teilen des Reiches her. Aus den vielen Foltern und Martern erhellt, dass die Untersuchung zum Teil in die schlechtesten Hände gefallen war, doch kann man sich auch des Gedankens nicht erwehren, dass die Richter einen politischen Prozess vor sich zu haben glaubten, bei welchem es auf Erpressung von Geständnissen ankam. Übrigens war das Benehmen der Beamten sehr verschieden. In Afrika, wo der politische Verdacht vielleicht ganz wegfiel, und wo es sich also wesentlich nur um die Auslieferung der heiligen Schriften handelte, gab man den Christen mehrfach zu verstehen, dass es auch damit nicht so ernstlich gemeint sei. Aber viele erklärten nun absichtlich, sie hätten heilige Schriften in Verwahrung, die sie nie ausliefern würden, und erlitten dieses Trotzes wegen den Tod; andere lieferten auf das allgemeine Gebot hin sogleich aus, was sie hatten, und wurden später mit dem Namen Traditores, Auslieferer, gebrandmarkt. Überhaupt offenbarten sich die verschiedensten Sinnesarten, von der feigsten Schwäche bis zur schwärmerischen Herausforderung, und in der Mitte fehlten auch nicht herrliche Beispiele ruhiger, besonnener Standhaftigkeit. Wir lernen hier auch die untern Schichten der christlichen Gemeinde kennen; da gab es Leute, welche mit Verbrechen beladen waren und diese durch einen christlichen Martertod abbüssen wollten, ganz im Sinne jener Tausende von Räubern und Mördern, welche den ersten Kreuzzug mitmachten; andere waren dem Staat unerschwingliche Steuern schuldig oder hatten grosse Privatschulden und suchten sich diesem Elend durch den Tod zu entziehen; oder sie hofften durch ihr Dulden auf der Folter und in der Gefangenschaft reiche Christen zur Beihilfe zu rühren; endlich fanden sich ganz arme, verkommene Leute, die im Kerker ein besseres Leben hatten als draussen, weil die Christen ihre gefangenen Mitbrüder ganz furchtlos mit mehr als dem Notwendigen zu versehen pflegten. Solchen Missbräuchen gegenüber hatte der Bischof Mensurius von Karthago den Mut und die Konsequenz, zu verlangen, dass solche, die sich zum Martyrium ohne Not gedrängt, nicht als Märtyrer verehrt werden dürften.

Inzwischen hatte sich der Prozess in nicht viel mehr als einem Jahre zu einer wirklichen allgemeinen Christenverfolgung verschärft. Vom zweiten Edikt, welches die Verhaftung der Geistlichen befahl, war man zu einem dritten fortgeschritten, wonach die Gefangenen, wenn sie opferten, freigelassen, sonst aber auf alle Weise zum Opfern gezwungen werden solltenDies ist das zu Ende d. J. 303, bei Anlass der Vicennalien, erlassene allgemeine Amnestiedekret; es galt für die Gefangenen jeder Art; für die Christen aber war obige Beschränkung festgesetzt. Vgl. Euseb., De mart. Palaest., c. 2.; noch im Jahre 304 folgte ein viertes Edikt, welches das letztere Gebot auf alle Christen überhaupt ausdehnte und faktisch ein Todesurteil in sich begriff. In dieser Strenge dauerte die Verfolgung im Osten etwa vier Jahre fort, und dann mit Schwankungen noch weitere fünf Jahre; im Westen hatte sie schon früher aufgehört.

Die Kirchengeschichte hat es von jeher als eine heilige Pflicht betrachtet, das Andenken an die schönsten und erbaulichsten unter den Martyrien dieser blutigen Zeit aufrechtzuhalten. Wir müssen uns begnügen, für das einzelne auf Euseb und auf die Legendensammlungen zu verweisen. Was auch die historische Kritik an den einzelnen Umständen und ganz besonders an den hinzugefügten WundernIn welchem Punkte Euseb., Hist. eccl. VIII, 7 dem Leser sehr viel zumutet. Sein sonstiger Glaube an nachapostolische Wunder V, 7. VI, 9. 29 u. a. a. O. mit Recht aussetzen möge, es bleibt immerhin ein historisches Schauspiel erster Grösse, diese neue Gesellschaft mit ihrer neuen Religion und Weltanschauung gegen den gewaltigsten aller Staaten mit seinem Heidentum und seiner tausendjährigen Kultur kämpfen und durch den Untergang siegen zu sehen.

Wahrscheinlich demoralisierten sich die Verfolger erst dann völlig, als Diocletian und sein Mitkaiser ihre Würde niederlegten (305), Galerius neben Constantius zum Augustustitel vorrückte und Severus und Maximinus Daza als Caesaren an ihre Stelle traten. Von da an verwildert der Kampf namentlich in den Gebieten des letztern – dem Südosten des Reiches – zu einem wahren Vertilgungskriege, dessen über die Massen scheussliche Henkerszenen dem Leser erspart bleiben mögen.

Wir wenden uns zu der politischen Geschichte zurück, die gleichzeitig den wichtigsten Entwickelungen entgegenging.

Bald nach Anfang der Verfolgung, noch im Frühjahr 303, reiste Diocletian nach dem Westen und kam im Herbst nach Rom, um dort gemeinsam mit Maximian den längst aufgesparten Triumph für so viele Siege und zugleich die Vicennalien seiner Regierung zu feiernDies gegen die bisherige Annahme, dass Diocletian schon 302 zur Abhaltung des Triumphes und dann wiederum 303 zu den Vicennalien nach Rom gereist sei. Vgl. Preuss, a. a. O., S. 157, Anm.. Im Vergleich mit dem Luxus eines Carin war der Aufwand des Triumphes und die Zeitdauer der Feste nur sehr mässig (vgl. oben S. 71, 74), und als die Römer darob murrten, spottete der Kaiser, in Gegenwart des Censors dürften die Spiele nicht so ausschweifend seinHist. Aug., Carus 20.. Seine sonstige Denkweise gegen römisches Gerede verriet er, indem er schon den 20. Dezember die Stadt wieder verliess, ohne das neue Jahr und die Zeremonien des Konsulatswechsels abzuwarten. Es war seit seinem Kaisertum sein einziger Besuch in Rom gewesen; dass er (seit 298) die riesigsten aller Thermen gebaut hatte, scheint man ihm kaum mehr gedankt zu haben; dass er eben jetzt den Römern ein gewaltigeres Geldgeschenk (ein Congiarium von 310 Millionen Denaren, etwa 62 Millionen Taler) machte als je einer seiner Vorgänger, besserte die Stimmung nicht: man hatte prächtigere Circenses erwartet, und hier war dieser Pöbel getäuscht worden.

Das neue Jahr (304) trat Diocletian in Ravenna an. Auf der Winterreise nach Nikodemien schwer erkrankt, liess er sich bis zur Abdikation (1. Mai 305) kaum mehr öffentlich sehen. Von dieser grossen Zeremonie selbstDass der 1. Mai d. J. 305 zum Abdankungstage für Diocletian in Nikomedien, für Maximian in Mailand gewählt wurde, hing wohl daran, dass es der Abschluss der zwanzigjährigen Caesarenwürde des Maximian war. S. Vogel, S. 118, und Hunziker, S. 202. gibt Lactantius eine umständliche Schilderung, die nur den einen Mangel einer wesentlichen Unzuverlässigkeit an sich trägt. Der Hügel dreitausend Schritte vor Nikomedien, der Pfeiler mit dem Standbilde Juppiters, die Tränen des alten Imperators bei seiner Anrede an die Soldaten, der Reisewagen, der schon für ihn bereit stand – dies alles wird seine Richtigkeit haben; dass aber jedermann statt des Severus oder Maximin die Erhebung des anwesenden Constantin erwartete und dass das plötzliche Hervortreten des bisher ganz unbekannten Maximin das höchste Erstaunen erregt habe, ja dass es ausdrücklich auf die Überraschung der Soldaten abgesehen gewesen, wagen wir zu bezweifeln. Was wusste denn das Volk von Nikomedien vom Adoptivsystem des Oberkaisers? Ja, auch nur von seinem Vorhaben, neue Adoptionen an Ort und Stelle zu proklamieren? Recht wohl aber kann es Leute gegeben haben, welche das Aufkommen des Constantin wünschten – ob auch in der Armee, mag fraglich bleiben, da er als blosser Tribun ersten Ranges sich schwerlich eine ausgedehnte Popularität konnte erworben haben. Wie Diocletian um diese Zeit von ihm dachte, wissen wir nicht; früher war er ihm von den Feldzügen her offenbar gewogen, was ihm Constantin später durch geringschätzige RedenU. a. Euseb., Vita Const. II, 49. – Das weitere s. unten. und tückische Nachstellungen vergolten hat.

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