Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jacob Burckhardt >

Die Zeit Constantins des Großen

Jacob Burckhardt: Die Zeit Constantins des Großen - Kapitel 19
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Zeit Constantins des Großen
authorJacob Burckhardt
firstpub1853
yearca. 1950
publisherVerlag Hallwag
addressBern
titleDie Zeit Constantins des Großen
created20040801
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Viel entschiedener jedoch offenbart sich der Verfall an andern Symptomen, die auf andere Gründe hinweisen. Auffallend erscheint zunächst die geringe Zahl bedeutender Götterstatuen, welche man mit Sicherheit den Zeiten nach Alexander Severus zuweisen könnte; dafür nehmen die Mithrasbilder, die abscheulichen Äonen, die Pantheen (S. 228), die ephesinischen Dianenbilder u. dgl. überhand. Hier griff offenbar die Religion ein. Nichts war mehr geeignet, den Künstler an den alten Göttertypen vollständig irre zu machen, als jene Einmischung formwidriger Fremdgottheiten, verbunden mit der Dämonisierung der einheimischen (S. 271), welche dabei ihre schöne, anthropomorphistische Persönlichkeit einbüssten; wenigstens hatte es der Künstler schwer, sich mit der alten Pietät in dieselbe zu versenken, selbst wenn es verlangt wurde. Statt dessen galt es jetzt, Tausende von SarkophagenBekanntlich hatte seit den Antoninen das Beerdigen wieder das Übergewicht über das Verbrennen der Leichen. zu verfertigen, welche mehr als alles andere die Bildhauer des dritten Jahrhunderts beschäftigten. Ihre Reliefs stellen zwar lauter griechische Mythen dar und sind somit frei von jenen fremdgöttischen Unformen; allein sie konnten aus andern überwiegenden Gründen keinen bedeutenden Kunstwert erreichen. Die Verschmelzung der plastischen und dramatischen Gesetze zu einem vollendet reinen Reliefstil hatte nur die Sache der höchsten Kunstepoche sein können; sobald das üppige Streben nach Effekt überhandnahm – also noch in derjenigen spätgriechischen Zeit, welche sonst noch so wunderbare Dinge schuf –, musste auch das Relief aus dem Gleichgewicht geraten. Deshalb sind auch die schönsten Arbeiten der bessern römischen Zeit, die zunächst auf dieser spätgriechischen Tradition ruhen, wie zum Beispiel die Reliefs am Titusbogen, nur von bedingtem WerteVielleicht war die starke Wiederaufnahme des hieratischen Stils in der Kaiserzeit eine bewusste Reaktion hiegegen.. Später aber, als der Reichtum überhaupt an die Stelle der Schönheit trat, als man von den Reliefspiralen der Trajanssäule und ihrer Nachahmungen, von den überfüllten Triumphbögen her an jede Art plastischer Verschwendung gewohnt war, musste vollends die Anzahl, ja das Gewimmel der Figuren, wie in der Architektur die Vervielfältigung der Glieder, alle wahre und grosse Wirkung verdrängen. Ferner wurde die Sarkophagbildnerei dadurch demoralisiert, dass sie selten auf besondere Bestellung, vielmehr fast ausschliesslich auf den Kauf hin arbeitete und also dem schlechten, pompsüchtigen Durchschnittsgeschmack nachgehen musste. Endlich überwog hier der Gegenstand, und zwar in tendenzhafter Auffassung zum Nachteil der Kunst. Die betreffenden Mythen sind nämlich als symbolische Hüllen allgemeiner Ideen dargestellt, eine Scheidung zwischen Schale und Kern, deren Bewusstsein der Kunst auf die Länge nur schaden kann. Unter jenen Darstellungen der Mythen von Meleager, Bacchus und Ariadne, Amor und Psyche, Luna und Endymion, Pluto und Proserpina, unter jenen Centauren- und Amazonenkämpfen, Bacchanalien, Nereidenzügen usw. liegen abstrakte Gedanken über Schicksal, Tod und Unsterblichkeit verborgen. Eine solche Symbolik erregt wohl die geschichtliche und poetische Teilnahme des Beschauers; die Kunst aber versäumte darob eine andere Aufgabe: in jeder ihrer Gestalten durch Hoheit der Form von selber an alles Ewige und Unvergängliche zu erinnern.

Das Christentum brachte statt jener heidnischen Gestalten an den Sarkophagen Christus und die Apostel oder gewisse Szenen des Alten und Neuen Testamentes in Parallele oder auch nur einzeln an. Im Stil lässt sich hier kein Fortschritt mehr verlangen; wiederum überwiegt die Tendenz, wiederum in symbolischem Ausdruck. Bei der zunehmenden Unfähigkeit des fortschreitenden Erzählens, welches dem Relief wesentlich ist, teilt man nachgerade den Sarkophag durch Säulchen mit Bogen in so viele Felder, als Personen oder Geschichten sind. Die Darstellung wird über der Vielheit bald gänzlich ärmlich und kindisch ungeschickt.

Als weitere Aufgabe blieb der Skulptur noch das Bildnis, als Statue oder als Büste, besonders als Halbfigur in Relief übrig. Man findet an Denksteinen und Sarkophagen nicht selten jene gemütlichen Darstellungen von Mann und Frau in einer Nische, Hand in Hand geschlungen; es erscheint dabei nicht unwesentlich, dass wie auf den Münzen der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts der ganze Oberleib mit abgebildet ist. Eigentliche Büsten sind sehr selten, so dass wir zum Beispiel die grossen illyrischen Kaiser fast nur aus den Münzen kennen. Von Bildnisstatuen hat man zwar mannigfache KundeZ. B. bei Ammian. Marc. XIV, 6, § 8., allein mit Ausnahme einiger zu Ehren Constantins errichteten ist kaum etwas davon erhalten, und diese lassen uns der schweren, verdrehten Formen halber kaum bedauern, was aus dieser Zeit verlorengegangen ist – Wie das Material, so wurde in andern Fällen die Kolossalität der Hauptgegenstand der Bewunderung. Schon die Wirkung grosser Monolithen an sich wurde bedeutend überschätzt; war man bereits längst an das Herschleppen ägyptischer Obelisken gewöhnt, hatte noch Elagabal von einem aus Theben herbeizuführenden Steinblock geträumt, welcher eine Wendeltreppe enthalten und seinem Hauptgötzen zum Fussgestell dienen sollteHist. Aug., Heliogab. 23., so liess jetzt Diocletian für seine Thermen die ungeheuern Granitsäulen von fünfzehn Fuss Umfang aus dem Orient holen, und Constantin transportierte den grössten aller Obelisken einstweilen von Heliopolis nach Alexandrien, von wo ihn später Constantius nach Rom brachteVgl. Ammian. XVII, 4. Es ist der jetzt beim Lateran aufgestellte, mit Basis und Kreuz 136 Fuss hoch.. Das grösste bekannte Stück Porphyr, eine Säule von hundert Fuss, musste dann zu Konstantinopel die Statue des neuen Stadtgründers tragen. Diesen kubischen Maßstab legte das dritte und vierte Jahrhundert auch gerne an die Schöpfungen der Plastik. Alexander Severus liess eine Menge riesengrosser StatuenHist. Aug., Alex. Sev. 24. in Rom aufstellen; von allen Enden her trieb er die Künstler für diese Arbeiten zusammen. Gallienus liess sich als Sonnengott abbilden, vorgeblich in einer Höhe von etwa 200 FussHist. Aug., Gallien. 18. Die Statue sah doppelt so gross aus als der berühmte ältere Sonnenkoloss des Nero, welchen man auf 120 Fuss anschlug.; die Lanze in seiner Hand sollte stark genug werden, dass ein Kind im Innern derselben hinaufklettern konnte, Pferde und Wagen sollten im Verhältnis gebildet werden und das Ganze auf steiler Basis den höchsten Punkt Roms, den Esquilin, krönen. Das Werk blieb aber, wie billig, unvollendet. Massiger waren die beiden Marmorstatuen des Kaisers Tacitus und seines Bruders FlorianusHist. Aug., Florian. 2. zu Terni, jede von dreissig Fuss, die bald nach der Errichtung vom Blitz völlig zerschmettert wurden. – Seit den Riesenstatuen des Phidias, seit den hundert Sonnenkolossen von Rhodus waren Götter und Menschen oft in weit übermenschlichem Maßstab dargestellt worden ohne Schaden für die Kunst; wenn aber in einer Zeit sonstigen Verfalls die Zeichnung und Modellierung schon im Kleinen ihren Aufgaben nicht mehr gewachsen ist, so bildet sie im Grossen vollends monströs und verderbt das Auge ganzer Generationen, weil sie sich mit ihren Giganten ihm überall aufdrängt. Dieser grosse Aufwand für Bildnisstatuen hat übrigens seine besondere Bedeutung, die im Zusammenhang steht mit den Schicksalen der Malerei.

Diese hat ein inneres Gesetz oder wenigstens eine Erfahrung aufzuweisen, wonach auf Perioden der idealistischen Darstellungsweise eine realistische folgt, entweder weil jene die Formen der Natur noch nicht genug ergründet, sondern sich mit dem Allgemeinen begnügt hat, oder weil der Kreis ihrer notwendigen Schöpfungen durchlaufen ist und weil man im derben Naturalismus neue Mittel der Wirkung aufzufinden hofft. Eine solche Richtung entwickelt dann auch die ihr verwandten Nebengattungen der Malerei, vor allem das Genre, zu selbständigem Leben. Etwas dieser Art war auch in der antiken Kunst erfolgt; schon seit der Blütezeit gab es Genrestatuen und Genrebilder in Menge; ganze Schulen hatten sich durch engern Anschluss an die Wirklichkeit charakterisiert – allein das ganze Streben ging im Grunde doch dahin, der letztern neue Seiten des Schönen abzugewinnen, und so hielt sich das Interesse an der Einzelerscheinung immer auf einer gewissen Höhe. Sollte nun nicht im dritten Jahrhundert die Zeit eines wirklichen Naturalismus, eines völlig durchgeführten Kolorits, eines Eingehens auf täuschende Lebenswirklichkeit nahe gewesen sein? Die Analogien dazu zum Beispiel in der Literatur fehlen wenigstens nicht ganz, wie wir sehen werden.

Allein die Hauptvoraussetzung jener ausgebildeten Genremalerei, der feine, scharfe Natursinn, war nicht im Zunehmen, sondern in rascher Abnahme begriffen; längst hatte man es über dem Luxus des Materials und über der Sucht nach Dekoration im Grossen versäumt, ihm die gebührende Ehre anzutun. Die wenigen erhaltenen Wandmalereien mythologischen Inhaltes lassen eine rohe Wiederholung der ältern Motive und eine gänzliche Verkümmerung und Erstarrung des ehemals so zierlichen Arabeskensystems erkennen. Die christlichen Katakombenmalereien haben etwas Gewinnendes durch die Einfachheit und Anspruchlosigkeit der Darstellung, auch sind sie als frühste Urkunden der Typen heiliger Personen überaus merkwürdig, aber in Gruppierung und Durchführung des einzelnen herrscht bereits grosse Ungeschicklichkeit oder ältere Reminiszenz. Der neue christliche Bilderkreis verbreitet wohl ein Abendrot über die antike Kunst, allein mit dem neuen Inhalt kam kein frischer Gehalt mehr. Rasch wurde das Mosaik zu gewaltigen Programmen des siegreichen Glaubens in Anspruch genommen, über alle verfügbaren Räume der Kirche breitete es die heiligen Gestalten und Geschichten aus, mit Verkennung der architektonischen wie der malerischen Gesetze, wobei man sich nur wundern muss, dass so viele relativ ausgezeichnete Arbeiten bis in das sechste Jahrhundert zum Vorschein kamen. Kirchlicher Wert und Vollständigkeit des Gegenstandes bilden neben der Pracht der Ausführung die einzigen Rücksichten von Belang. Von einer persönlichen Freude des Künstlers an seinem Werke konnte da kaum mehr die Rede sein; die Kunst war einem ausser ihr liegenden, nicht mit ihr und durch sie aufgewachsenen Symbol dienstbar geworden, der Künstler aber, selbst bei bedeutendem Talent, der namenlose Exekutant eines Allgemeingültigen, wie einst in Ägypten. In den Miniaturen der Handschriften, soweit sie unmittelbar oder aus spätem Kopien bekannt sind, wird man nicht selten durch glückliche Allegorien und gute Einfalle überrascht, welche beweisen, dass die nichtoffizielle Kunst allerdings noch subjektive Lebenskräfte besass; ja, es sind in den Bildern eines heidnischen Kalenders aus der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts einzelne wahre Genrefiguren mit ihrer barocken Tracht und Umgebung erhaltenAnalecta Vindobonens., vol. I, ed. Kollar.. Aber die Gesamtrichtung ging unwiderruflich nach einer ganz andern Seite hin.

Wenn indes in irgendeiner Beziehung von einem Sieg des Realismus[Nachtrag:] In der spätrömischen Literatur regt sich bekanntlich oft eine grosse Lust des genauen Beschreibens, und so gibt es denn auch ganz realistisch genaue Porträts, aber nur in Worten. Vgl. z. B. Sidon. Apollinar., Epist. I, 2. III, 13. IV, 20. die Rede sein soll, so könnte man denselben in dem starken Überhandnehmen der Bildnismalerei seit dem dritten Jahrhundert finden. Wir sahen bereits, wie das Kolossalporträt eine Hauptaufgabe der Bildhauerei geworden war; auch an den Sarkophagen hatte die Hauptfigur des Mythus in der Regel die Züge des Verstorbenen erhalten. Allein nach allem zu schliessen ging die Neigung der Zeit in der Malerei viel weniger auf lebenswahre Darstellung der Charaktere als vielmehr auf das sogenannte Zeremonienbild aus, welches den einzelnen oder die ganze Familie in genauer Amtstracht und feierlicher Stellung, etwa mit symbolischen Zutaten, verherrlichen sollte. Bei den Herrschern verstand sich eine derartige Auffassung von selbst, und die Privatleute folgten nach. Wie sehr dabei das Kostüm wesentlich war, erhellt aus jener Tafel im Palast der QuintilierHist. Aug., Florian. 3., welche den Kaiser Tacitus fünfmal in verschiedenem Aufzug (Toga, Chlamys, Harnisch, Pallium, Jagdkleid) vorstellte. Kein Wunder, wenn auch auf Münzen und Grabmälern nicht mehr der Kopf allein, sondern der ganze Oberkörper mitgegeben wird, in dessen Bekleidung jetzt Rang und Würde ausgedrückt liegen. Die beiden Tetricus liessen in ihrem Palaste auf dem Cœlischen Berge ein Mosaikbild machen, auf welchem Aurelian in ihrer Mitte abgebildet war, wie er von ihnen die Zeichen der Huldigung, Szepter und Eichenkranz, empfingHist. Aug., XXX. Tyr. 24 (25).. Im Palast zu Aquileia befand sich an der Wand eines Speisesaales ein Familienbild, welches das Verhältnis der Häuser des herculischen Maximian und des Constantius Chlorus verherrlichte; man sah u. a. den damals noch jungen Constantin, der von der kleinen Fausta (seiner spätem Gemahlin) einen goldenen Helm mit Pfauenfedern erhieltPanegyr. VI (Incerti), cap. 6.. In ähnlicher Weise darf man sich die Familiengemälde in den Häusern und Landsitzen vornehmer Privatleute ausgeführt denkenSymmachus, Ep. I, 1, wo er sich über die Unrichtigkeiten im Kostüm ärgert. – IX, 50 wird ein Maler Lucillus genannt.. Einen Nachklang von dieser sonst untergegangenen Gattung besitzen wir noch in den Bildnissen der elfenbeinernen Diptychen, welche den ganz realistisch aufgefassten Kaiser oder Beamten in genau beobachteter Amtstracht gerne mit symbolischen Zutaten umgeben.

Die Malerei hatte aber in dieser Zeit ohne Presse überhaupt oft die Aufgabe, dem Volk die Macht der Herrscher rasch zu versinnlichen, wie heutigentages Manifeste und Proklamationen. Das erste bei jeder Thronbesteigung ist, dass das Bildnis des neuen Kaisers herumgesandtDe mort. persec. 25. – Zosim. II, 9. 12 u. a. a. O. und überall mit Zeremonien empfangen wird. Transportable Bilder werden im Felde mitgenommen und am Praetorium aufgestelltDexippi Fragm. 24.; sogar an Feldzeichen findet man (etwa von Metall getriebene) Porträtfiguren angebrachtEuseb., Vita Const. I, 31.. Erfochtene Siege werden auf ungeheuern Tuchflächen oder Tafeln abgemalt und öffentlich ausgestelltHist. Aug., Maximin. 12.; Aufzüge der Gesandten fremder VölkerEuseb., Vita Const. IV, 7 vergleicht wenigstens einen solchen Aufzug mit einem Gemälde., ganze Feste und SchauspieleHist. Aug., Gord. 3. Carus 19., Triumphzüge und Feierlichkeiten aller ArtHist. Aug., Pescenn. 6. Carac. 9. erhalten eine bleibende, monumentale Darstellung als Friesbilder in den Palästen. Constantin verherrlichte seinen Sieg über Licinius durch ein grosses enkaustisches BildEuseb., Vita Const. III, 1; vgl. III, 3. symbolischen Inhaltes, welches vor den Toren der Residenz aufgerichtet wurde; man sah ihn und seine Söhne, zu ihren Füssen wand sich der Überwundene als Drache mit Pfeilen im Leib, unter ihm der Abgrund; über dem Ganzen schwebte das Kreuzeszeichen. Später liess sich der Kaiser im Giebel einer Palastpforte in betender Stellung abmalenEuseb., l. c. IV, 15.. Nach seinem Tode wurde noch in RomEuseb., l. c. IV, 69. ein grosses Gemälde zu seinen Ehren aufgestellt, welches eine Allegorie des Himmels und ihn in verklärter Höhe darüber thronend schilderte.

Mit der wahren Kunst hatten Improvisationen dieser Art wenig mehr zu tun. Es drückt sich aber in ihnen eine Seite des ganzen Schicksals der Kunst aus, insofern diese schon zur heidnischen Zeit eine Dienerin der Tendenz im Grossen geworden war und mit dem Sieg des Christentums vollends nur den Herrn, nicht die Stellung wechseln konnte. Viele Jahrhunderte hindurch darf sie, von ihren Gegenständen vollkommen beherrscht, ihren innern Gesetzen gar nicht oder nur unvollständig nachleben, und damit war tatsächlich eine der stärksten Negationen der antiken Weltanschauung ausgesprochen.

Die Herrschaft der Gegenstände über die Formen war es denn auch, was im Gebiete der christlichen Kunst der Malerei den Vorrang vor der Skulptur verschaffen musste. Der plastische Typus der heiligen Gestalten allein, selbst mit den Kunstmitteln eines Phidias durchgeführt, hätte ein Götzentum geschienen; mit den Formen der sinkenden Zeit bekleidet, stellte er nur eine Karikatur vor neben den grossen Werken des AltertumsMan sehe z. B. die kümmerlichen Statuen des guten Hirten in der Galerie des Laterans.; das Christentum brauchte daher, wenn es auf künstlerischem Wege Eindruck machen wollte, eine erzählende oder symbolisch kombinierende, also eine figurenreiche Kunst und war deshalb wesentlich auf die Malerei oder auf die Zwischengattung des Reliefs angewiesen. Wir machen hier nicht einmal die falsche persönliche Stellung zu den Bildhauern geltend, welche als bisherige Götzenknechte verachtet wurden.

Was die bildende Kunst in diesen Zeiten nicht vermochte, das sollte auch die Poesie nicht leisten. Vom lebendigen Zusammenhang mit dem Drama abgeschnitten, der epischen Behandlung mythischer Stoffe im ganzen aus Ermüdung abhold (S. 187 und 188), die historische Dichtung wie alles Modern-Geschichtliche (S. 310) verschmähend, konnte sie sich nur auf die Lyrik und auf den Roman zurückziehen. Man dichtete zwar in den meisten Gattungen schulgemäss weiter und war sich dessen bewusst, allein von mehr und mehr verblassenden Reminiszenzen einer bessern Zeit, wie zum Beispiel die Bukoliker und Lehrdichter des dritten Jahrhunderts, ein Calpurnius Siculus, Nemesianus, Serenus Sammoniacus u. a. sie darbieten, kann eine Literatur nicht leben, soviel Talent auch im einzelnen Fall zum Vorschein kommen mag. Die Lyrik dagegen kann sich ewig verjüngen wie das menschliche Herz und selbst in Zeiten des allgemeinsten Jammers einzelne herrliche Blüten treiben, sei es auch in unvollkommener Form; sodann ist der Roman die eigentliche Form des Ersatzes, wenn es mit der volkstümlichen Lebenskraft des Epos und des DramasWarum aber haben es selbst das goldene und silberne Zeitalter zu keiner Blüte des Lustspiels mehr gebracht ? Die Gebildeten der Nation besassen in hohem Grade das Vermögen, den Charakter der Zeit und ihrer Torheiten objektiv anzuschauen und komisch zu gestalten. Wie vieles bei Horaz, Juvenal und unter den Griechen bei Lucian könnte als fertige Lustspielszene gelten! Und dennoch hat die Szene von dieser Möglichkeit, die römische Gesellschaft darzustellen, sozusagen gar keinen Gebrauch gemacht, und selbst die Posse (Mimus) stirbt bald aus. vorüber ist.

Leider ist diese ganze Literatur der letzten Heiden nur sehr bruchstückweise und das Vorhandene ohne den rechten Zusammenhang auf unsere Zeit gekommen, doch sind wenigstens ansehnliche Denkmäler vorhanden im RomanEs muss hier durchweg auf Rohde, Der griechische Roman und seine Vorläufer, Leipzig 1876, verwiesen werden, ein Werk, in welchem grundlegende Forschung und abschliessende Darstellung verbunden sind.. Erhalten sind zum Beispiel »Hirtengeschichten« in griechischer Sprache, welche man einem Longus zuschreibt, dessen blosser Name schon das Resultat eines Missverständnisses sein könnte und den man überdies in keine bestimmte Zeit zu verlegen weiss. Diese reizend erzählten Schicksale von Daphnis und Chloe würden aber das ganze ästhetische Urteil über dasjenige Jahrhundert – am ehesten doch noch das dritte! – wesentlich mitbestimmen, welchem der fragliche Verfasser angehört. Über den von Theokrit ererbten bukolischen Gesichtskreis gehen diese Schilderungen mit ihrem sehr durchgeführten Naturalismus der Szenerie, mit ihrer verfeinerten Seelenbeobachtung weit hinaus; eine Zeit, die dieses Buch schaffen konnte, war – so scheint es – auch von einer ausgebildeten Genre- und Landschaftsmalerei nicht mehr weit entfernt. Allein die Leistung steht für uns völlig vereinzelt, und wenn man sie mit andern spätgriechischen Romanen vergleichen will, so entziehen sich zum Teil auch diese samt ihren Verfassern der festen Zeitbestimmung. Von dem öfter erwähnten Heliodor, dem Verfasser der Aethiopica, bleibt es zweifelhaft, ob er wirklich der Bischof dieses Namens von Tricca in Thessalien um das Jahr 400 gewesen ist, oder ob man nicht viel eher dem mehr als ein Jahrhundert ältern emesenischen Heiden (als welchen sich der Verfasser zu erkennen gibt) den bischöflichen Titel beilegte, um sein Buch in christlichen Bibliotheken behalten zu dürfen. Das Ziel des Autors ist übrigens wieder wie bei Xenophon dem Ephesier eine möglichst bunte Reihe von Abenteuern, worin dann Spätere nach Kräften mit ihm gewetteifert haben; von der folgerechten, wahrhaft künstlerischen Charakterschilderung des Longus, von seiner weisen Beschränkung in Kostüm und Örtlichkeit findet sich keine Spur; es ist Lektüre der Zerstreuung und wahrlich oft keiner angenehmen.

Heliodor verweilt hin und wieder (zum Beispiel am Anfang des Werkes) mit einiger Absicht auf landschaftlichen Schilderungen, und auch bei Longus kommen Versuche dieser Art vor. Ich wage es nicht, die von Humboldt entworfene Geschichte des landschaftlichen SchönheitsgefühlesKosmos, Bd. II. hier in dürftigen Umrissen nachzuzeichnen, und verweise nur bei diesem Anlass pflichtgemäss auf jene unvergleichliche Darstellung, welche die Sache selbst und ihr Verhältnis zu den sonstigen geistigen Richtungen der spätantiken Zeit so meisterhaft erörtertDer Kaiser Julian, auch in diesem Punkte Phantast, findet die homerischen Naturschilderungen über die Natur selber erhaben. Misopogon. p. 152. – Von Neuern ist besonders Friedländer (Sittengeschichte Roms, Bd. II, S. 118 ff.) mit seiner reichen und aufs feinste motivierten Darstellung dieses Themas zu vergleichen. – [Nachtrag:] Bei Anlass der landschaftlichen Schilderung ist hier noch der Schrift von H. Motz, Über die Empfindung der Naturschönheit bei den Alten (Leipzig, Hirzel, 1865) zu gedenken, in welcher sich eine allseitige Quellenkenntnis mit einem tiefen und durchgebildeten Gefühl für den Gegenstand verbindet..

Die wahre Lyrik dieser Zeit, wenn es eine solche gab, besitzen wir nicht mehr; Klänge wie das »Pervigilium Veneris« (um 252?), wie das »Gelübde an den Oceanus«Wernsdort, Poetae Lat. min. IV, 1. reichen schwerlich über die Mitte des dritten Jahrhunderts herab. Einige leidliche Aufschwünge in der elegischen und epigrammatischen Gattung, bis in das fünfte Jahrhundert hinein, können dafür kaum Ersatz, bieten; dergleichen hat namentlich bei Ausonius einen zu starken Schulgeschmack und ist allzubewusst als Specimen der betreffenden Gattung konstruiert, als dass es einen lebendigen Eindruck machen könnte. Ganz spät folgt dann noch der überaus begabte Improvisator Claudian mit seinen Panegyriken, Mythenerzählungen und Idyllen (das heisst schlechtweg: vermischten Gedichten); ein unwürdiger Schmeichler in einer ästhetisch verkommenen Zeit, und doch strahlend im Farbenglanz fast ovidischer Erfindung und Ausführung; zur ewigen Warnung an die Literaturgeschichte, die Schranken zwischen ihren Perioden nicht zu fest zu schliessen. Dem oben erwähnten Rutilius Numatianus (um 417) fehlt auch die edlere, gemütliche Seite nicht, allein sein Reisegedicht als Ganzes ist schon sehr formlos.

Was sich offiziell als Dichtung geltend machte und in der constantinischen Zeit bewundert wurde, war freilich gerade das Allerschlechteste, das grammatische Wort- und Versespiel. Eine grosse Rolle spielen die Centonen aus Virgil, das heisst stückweise Benützung von dessen Versen zum Aufbau neuer Gedichte ganz verschiedenen Inhalts. Wie sehr dabei der Sinn Gewalt leiden mag – es sind wenigstens die wohllautendsten römischen Verse, die es gibt. Andere Künsteleien sind noch widersinniger; so die Epanalepsis, welche die Anfangsworte des Hexameters am Ende des Pentameters wiederholtZ. B. bei Pentadius, Wernsdorf III.; figurierte Gedichte, welche behutsam geschrieben zum Beispiel einen Altar, eine vielröhrige Hirtenflöte, eine Orgel vorstellenÄlteres dieser Art u. a. in der Anthologia Graeca.; Vereinigung aller römischen Versmasse in einem Gedichte; Aufzählung von Tierlauten, anacyclische Verse, welche man vorwärts und rückwärts lesen kann u. dgl. m. Das Unerreichte hat in diesen zum Teil erstaunlich schwierigen Spielereien ein gewisser Publilius Optatianus PorphyriusWahrscheinlich ein angesehener christlicher Afrikaner. Die Arbeit vollständig ediert von Welser. Beispiele bei Wernsdorf und Meyer. geleistet. Er war aus irgendeinem Grunde in die Verbannung geschickt worden und legte es nun darauf an, durch ganz verzweifelte poetische Luftsprünge sich bei Constantin wieder zu Gnaden zu bringen, was ihm denn auch gelang. Es sind sechsundzwanzig Stück Gedichte, meistens in zwanzig bis vierzig Hexametern, jeder von gleichviel Buchstaben, so dass jedes Gedicht ungefähr wie ein Quadrat aussieht. Eine gewisse Anzahl von Buchstaben aber, welche (durch rote Farbe erkennbar) zusammen irgendeine Figur, einen Namenszug, ein X mit P, einen Zierat vorstellen, bilden, im Zusammenhang gelesen, wieder besondere Sprüche. Die Marter, die der Leser empfindet, lässt auf diejenige des Dichters schliessen, welcher den nichtigsten Inhalt – Komplimente an Constantin und Crispus – unter so peinlichen Formen ausdrücken wollte. Am Ende folgen vier Hexameter, deren Worte man auf achtzehn verschiedene Weisen durcheinander mischen kann, so dass immer wieder eine Art von Metrum und Sinn herauskömmt. Constantin in einem sehr gnädigen Schreiben an Optatianus nimmt die Überwindung solcher Schwierigkeiten als einen wahren Fortschritt der Kunst mit Gönnermienen auf: »Wer in meinem Jahrhundert schreibt und dichtet, dem folgt mein geneigtes Gehör wie ein sanfter Lufthauch.« Bereits war der Verskünstler aus dem Exil zurückgerufenHieron., Chron., (irrig) zum J. 332.; vielleicht ist sogar ein Stadtpräfekt von Rom desselben Namens, der in den Jahren 329 und 333 vorkömmt, keine andere Person. Man könnte diese ganze Angelegenheit übergehen, wenn sie nicht den persönlichen Geschmack des Kaisers offenbarte.

Mit dem Eintritt des Christentums in die antike Poesie war nicht so viel für dieselbe gewonnen, als man denken möchte. Die biblische Geschichte stand zur poetischen Behandlung in einem ganz andern Verhältnis als der antike Mythus; dieser in seiner freien Vielgestaltigkeit war mit der Poesie und durch sie zu einer fortlaufenden Offenbarung des Schönen geworden; die Ereignisse der Bibel dagegen wurden auf einmal der Poesie als etwas Festes und Fertiges überliefert, dessen episch-plastische Ausschmückung in dogmatischer Beziehung gefährlich gewesen wäre. Daher die Trockenheit der Evangelienharmonien in Versen, von derjenigen des Hispaniers Iuvencus (329) an. Das deklamatorische Element bietet keinen Ersatz und verrät nur allzusehr den rhetorischen Bildungsgang der damaligen christlichen Dichter. Der bedeutendste unter ihnen, Prudentius (um 400), ebenfalls ein Hispanier, hat gute, beinahe lyrische Stellen dieser Art und bewegt sich in seinen Märtyrergeschichten (Peristephanon) mit einer viel grössern epischen Freiheit, als rein biblische Stoffe gestatten würden; allein im ganzen bleibt der Eindruck seiner Gedichte doch einseitig ein rhetorischer. Einzelne vortreffliche Hymnen von ihm und seinem Zeitgenossen Ambrosius gelten immerhin mit Recht als die Grundlage aller christlichen Lyrik. Das Vorwalten des Akzentes über die Quantität, das hier zum erstenmal ganz ohne Rückhalt zutage tritt, ist ein zwar nur äusserlicher, aber doch merkwürdiger Übergang zur Poesie des Mittelalters, welche später auch dem erstarrten Latein eine neue, mittelalterliche Seele einzuhauchen vermochte.

Einstweilen jedoch herrschte die Rhetorik. In ihren Händen lag noch immer die ErziehungVgl. Westermann, Geschichte der Beredsamkeit. – Krause, Geschichte der Erziehung usw. bei den Griechen, Etruskern und Römern.. Von den sogenannten sieben freien Künsten Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie, welche einst die »Kreisbildung« der jungen Leute von Stande ausgemacht hatten, waren die drei ersten in dieser Stellung verblieben, während die vier andern durch Anhäufung des Stoffes zu besondern Fächern der Gelehrsamkeit geworden waren. An jene schloss sich in der Kaiserzeit an, was noch von Philosophie lebendig war, und auch die Praktikanten des Rechtes erkannten in den Rhetorenschulen die wesentlichste Gelegenheit zu ihrer Bildung. Von der Ausdehnung und Wichtigkeit dieses ganzen Treibens können wir uns nur schwer einen Begriff machen. Der leichte und reiche Ausdruck im täglichen Leben galt als unentbehrlich, und das erfolgreiche öffentliche Reden als der höchste TriumphSymmachus, Ep. I, 96: vetus sententia est artes honore nutriri; quis autem tam cumulatus honor quam palma dicendi?. Jede bedeutende Stadt des Reiches bemühte sich um den Besitz eines oder mehrerer tüchtigen Rhetoren; in Rom stritten Griechen und Einheimische um den Vorrang; in Gallien gab es zu Marseille, Narbonne, Toulouse, Bordeaux, Autun, Trier und Reims, in Spanien zu Cordova, in Afrika zu Karthago, Sicca, Madaura u. a. a. O. eigene Anstalten für diese Disziplinen; in Griechenland und Vorderasien waren vollends die »Sophisten« oft die wichtigsten Personen der Stadt, indem sie ausser ihrer pädagogischen Aufgabe bei jeder Gelegenheit als Anhänger einer bestimmten Philosophensekte, als Advokaten, als Redner über städtische Angelegenheiten öffentlich auftratenÜber die Sophisten der Kaiserzeit s. die eingehende Darstellung bei Rohde, Der griechische Roman, S. 288 ff.; ihre relative Verdunkelung im dritten und neuer Aufschwung im vierten Jahrh.: S. 358 ff. Wir verzichten auf weitere Entlehnungen, weil wir einen grossen Teil dieses Abschnittes unmittelbar herübernehmen müssten.. Nicht selten widmeten sich sehr reiche, freigebige Männer diesen Beschäftigungen und machten dann eine so grosse Figur, als es unter einer Regierung wie die der Römer irgend möglich war. Endlich entschliesst sich auch der Staat, die bisher den Städten und den Privatleuten überlassene höhere Erziehung als eine öffentliche Angelegenheit wenigstens hie und da zu unterstützen und je nach dem Rang der Städte mehr oder weniger Sophisten von sich aus zu besolden; nur mögen die von Hadrian und Antoninus Pius abwärts vorkommenden Verfügungen dieser Art schwerlich lange in gleichmässiger Kraft geblieben sein. Noch Constantin bestätigt den vom Staat angestellten Professoren und den ebenfalls sehr privilegierten Ärzten samt ihren Familien wenigstens die Immunität von lästigen Ämtern und Leistungen, namentlich dem gefürchteten Dekurionat und vom KriegsdienstCod. Theodos. XIII, 3, Gesetze d. J. 321, 326 und 333.. Er selbst war, wie unten gezeigt werden wird, ein eifriger Liebhaber der Redekunst, was auch von einer ganzen Anzahl seiner Vorgänger bis auf Numerian herunter gerühmt wird. Sein Geschmack dürfte aber in diesem Punkte kaum besser gewesen sein als in poetischen Dingen. Was seit Diocletian aus dem kaiserlichen Kabinette kam, Briefe, Edikte und Gesetze, alles trägt einen schiefen, bombastischen Charakter; die Kaiser aber pflegten ihre Geheimschreiber und manche andere wichtige Hofbeamte aus dem Rhetorenstande zu wählenPanegyr. IV (Eumen. pro schol. rest.), c. 5. – Panegyr. VII (Eumen. Constantino), c. 23. und müssen demnach seit einiger Zeit eher auf alle sonstigen Geschäftstalente als den Stil gesehen haben. Eumenius, der Sekretär des Chlorus, würde übrigens doch eine achtungswerte Ausnahme machen.

Hat nun das Altertum die Ausbildung der Rede und des Schreibens nicht überschätzt? Hätte es nicht besser getan, die Köpfe der Knaben und Jünglinge mit nützlichen Realien anzufüllen? Die Antwort ist, dass wir darüber gar nicht zu entscheiden berechtigt sind, solange uns selber im Reden und Schreiben die Formlosigkeit überall nachgeht, solange von hundert unserer Gebildeten vielleicht kaum einer von der wahren Kunst des Periodenbaues eine Ahnung besitzt. Die Rhetorik mit ihren Nebenwissenschaften war den Alten die unentbehrlichste Ergänzung ihres gesetzlich schönen und freien Daseins, ihrer Künste, ihrer Poesie. Unser jetziges Leben hat teilweise höhere Prinzipien und Ziele, aber es ist ungleich und disharmonisch; das Schönste und Zarteste wohnt darin neben derben Barbareien; unsere Vielgeschäftigkeit lässt uns nur nicht die Musse, daran Anstoss zu nehmen.

Ein Blick auf die geretteten Lehrbücher der spätern römischen RhetorikAntiqui rhetores Latini, ed. Capperonnerius, Argentorati 1756. genügt, um uns mit tiefer Beschämung zu erfüllen. Diese Schriften eines Rutilius Lupus, Aquila, Rufinianus, Fortunatianus, Rufinus u. a. sind zum Teil keine echt römischen Produktionen, sondern vielleicht nur kümmerliche Bearbeitung griechischer Vorbilder seit Gorgias und Aristoteles, allein sie beweisen doch, auf welchem Fusse man die Redekunst selbst in der spätesten Kaiserzeit zu halten suchte. Nicht nur jede Art von Satzfügung, von Redefiguren, von Konstruktionskünsten, die wir ohne die Alten gar nicht zu benennen wüssten und in unsern jetzigen Lehrbüchern kaum zum zehnten Teil gebrauchen, erhält in diesen Systemen Stelle und Namen, sondern es wird auch über die Gattungen des Redestils, über Bau und Ausführung der Reden umständlich gehandelt. Von der unendlichen Feinheit des Ohres in jenen Zeiten mag es zum Beispiel einen Begriff geben, dass die für uns unbemerkbaren metrischen Unterschiede der Worte (oder kurzen Wortfolgen) in umständlicher Theorie (bei Rufinus) auf die einzelnen Bestandteile der Sätze, Eingänge, Ausgänge usw. verteilt werden; es war eine wichtige Frage, in welchen Fällen ein Satz anapästisch, spondeisch usw. anfangen sollte. Die Kunst des Vortrages und des äussern Auftretens überhaupt (bei Fortunatianus) vollendet diese ganze Lehre und lässt abermals erkennen, dass all unser jetziges Reden blosser Naturalismus ist und nur durch zufällige Begabung, ja unbewusst die schöne Form erreicht. Jede Handbewegung, jedes Sinkenlassen und Überschlagen des Gewandes hatte sein Gesetz; wie der Bildhauer, so wusste auch der Redner recht gut, dass nie Arm und Fuss derselben Seite zugleich vorgestreckt werden dürfen, und dergleichen mehr. So allein war es möglich gewesen, die Redekunst zu einem Virtuosentum des ganzen geistigen und leiblichen Menschen zu steigern.

Die Schattenseite hievon war, wie bei jedem Virtuosentum, die allmähliche Gleichgültigkeit gegen den Inhalt und die in gleichem Masse steigende persönliche Eitelkeit. Die griechischen Sophisten der frühern Kaiserzeit, wie sie Philostratus schildert, produzieren sich mit ihren oben angeführten Themen (S. 310 f.) in einer oft eigentümlich prahlerischen Weise und lassen sich anstaunen wie gewisse Repräsentanten der heutigen Musik, deren Ansprüche den ihrigen auffallend ähnlich sehen. Wie inzwischen auch im Abendland die politische Beredsamkeit im Panegyricus aufging und die gerichtliche tiefer und tiefer sank, gehört nicht weiter hieher. Aus der diocletianischen und constantinischen Zeit besitzen wir an den oft angeführten Lobreden auf die Kaiser und Caesaren vielleicht das Beste; wogegen die schlechte Diktion der gleichzeitigen Edikte in Abrechnung kömmt. Bei den Christen war der Stil bisher eine Nebensache gewesenDie Art der Gelehrsamkeit einzelner christlicher Bischöfe s. bei Euseb., Hist. eccl. VII, 32 seq.; erst einige Jahrzehnte später beginnt die Reihe ihrer berühmten Kanzelredner, bei welchen der neue Inhalt endlich sich mit der überlieferten, aber umgestalteten Form ausgleicht. Ein merkwürdiger Zwiespalt hatte überwunden werden müssen, die Verehrung des klassischen Stiles und der Abscheu gegen die heidnischen Beziehungen, die Befreundung mit der biblischen Sprache und das Bewusstsein ihrer Unreinheit. Für Sanct Hieronymus bedurfte es eines schrecklichen Traumgesichts, in welchem ihn der Weltrichter verdammen wollte als einen Ciceronianus, non ChristianusS. Hieronymi Ep. 22 ad. Eustoch., c. 29. Vgl. Ep. 70..

Inzwischen blieb für die Heiden und auch für zahllose Christen die Rhetorik das ganze vierte Jahrhundert hindurch ein Lebensinteresse. Einzelne Lande, wie Gallien und Afrika, waren sich fortwährend besonderer Eigentümlichkeiten des Stiles nicht ohne Stolz bewusstSymmachi Ep. IX, 88., und die Rhetoren gehörten hier zu den angesehensten Männern. In den griechischen Gegenden des Reiches suchten die Sophisten um jeden Preis die Stelle zu behaupten, die sie in der Zeit der Antonine innegehabtEunapius hat das Bewusstsein, dass das Geschlecht der grossen Philosophen nur bis auf Septimius Severus reiche (vet. ed., p. 11), was ihn jedoch an der Vergötterung der Spätem nicht irre macht.. Da sie aber zugleich als neuplatonische Philosophen und Wundertäter wirkten, so hat ihr Geschichtschreiber Eunapius ihre rhetorische Tätigkeit weit weniger beachtet; höchstens charakterisiert er ihr äusseres Auftreten und bewundert ihre Prätensionen. Was sich auf Athen bezieht, wird im letzten Abschnitt berührt werden; hier ist nur auf die unhaltbare Konkurrenz des heidnischen Sophisten mit der christlichen Predigt hinzuweisen. Der Kampf war, einen Gegenstand der öffentlichen Teilnahme gegen den andern gehalten, auf die Länge ein gar zu ungleicher. Nicht jeder Rhetor aber mochte sich mit dem Trost begnügen, welchen ThemistiusThemistii Βασανιστής. vorschützt: »Die Rede des Philosophen taugt nicht weniger, auch wenn sie unter einer einsamen Platane vorgetragen wird und niemand zuhört als die Zikaden.«

Wenn nun auch fast in allen Hervorbringungen des vierten Jahrhunderts der Verfall sich verrät durch gesuchte und geschraubte Form, Häufung der Sentenzen, Missbrauch der Metaphern für das Einfache und Alltägliche, modernen Schwulst und künstliche altertümliche Trockenheit, so ruht doch noch ein eigentümlicher Abglanz der klassischen Zeit auf manchem dieser Schriftsteller. Sie offenbaren noch ein Bedürfnis nach künstlerischem Stil, das uns in der Regel fremd ist; dass es bewusst und absichtlich herauskömmt, ist Schuld der sinkenden Zeit, welche sich und ihre Bildung recht deutlich als eine sekundäre, abgeleitete empfand und die grossen Muster nur ängstlich und ungleich nachahmte. Man kann aber zum Beispiel Schriftsteller wie Libanius und Symmachus, die aus jedem Briefchen ein kleines Kunstwerk machen, unmöglich geringschätzen, auch wenn sie dabei mit zu grosser Wichtigkeit zu Werke gehen und ausser dem Adressaten noch deutlich auf ein lesendes Publikum rechnen, gerade wie einst Plinius und andere. Symmachus wusste übrigens, dass und weshalb die ciceronischen Zeiten für die Briefstellerei vorüber warenSymmachus, Ep. II, 35. Andere merkwürdige Stellen über die Epistolographie I, 45. IV, 28. V, 86. VII, 9..

Ist nun der formelle Verfall der Dichtung und Darstellung bei einem Volke immer auch ein nationaler Verfall? Sind jenes nicht Blüten, welche abgefallen sein müssen, bevor eine Frucht zu reifen vermag? Kann nicht das Wahre an die Stelle des Schönen, das Nützliche an die Stelle des Angenehmen treten?

Die Frage im allgemeinen mag unentschieden bleiben, und auf Alternativen wie die letztern lässt sie sich überhaupt nicht zurückführen. Das aber fühlt jeder, dem das klassische Altertum auch nur im Dämmerschein entgegengetreten, dass mit der Schönheit und mit der Freiheit auch das wahre antike Leben, der bessere Teil des nationalen Genius dahinging, und dass die rhetorisierende Orthodoxie, welche der griechischen Welt übrigblieb, nur als ein toter Niederschlag von dem einstigen wunderbaren Gesamtdasein gelten kann.

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.