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Die Zeit Constantins des Großen

Jacob Burckhardt: Die Zeit Constantins des Großen - Kapitel 18
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Zeit Constantins des Großen
authorJacob Burckhardt
firstpub1853
yearca. 1950
publisherVerlag Hallwag
addressBern
titleDie Zeit Constantins des Großen
created20040801
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Siebenter Abschnitt

Alterung des antiken Lebens und seiner Kultur

Wenn irgendwo sich die Lebenskrisis der alten Welt deutlich offenbart, so ist es in der Abenddämmerung des Heidentums, die wir mit ihren wahren Farben darzustellen versucht haben. Es fragte sich nun, ob nicht das Christentum die Bestimmung haben sollte, die Nationalitäten zu erfrischen und auch dem Staatswesen einen neuen Halt zu geben; ob es nicht die schon im dritten Jahrhundert übliche Klage der HeidenArnob., Adv. gentes I. – Tertullian an vielen Stellen. widerlegen sollte, dass kein Segen mehr auf dem Menschengeschlecht ruhe, seitdem diese Religion im Fortschreiten begriffen sei. Denn mit der grössten Bestimmtheit wurde behauptet: seit dem Christentum hätten die Götter die Lenkung der Menschenschicksale aufgegeben, sie seien ausgewandert (exterminatos) aus der elenden Welt, wo nun lauter Pestilenz, Krieg, Hunger, Dürre, Heuschrecken, Hagel usw. regierten, während die Barbaren von allen Seiten das Reich angriffen. Die christlichen Apologeten müssen sich umständlich zur Widerlegung dieser Ansicht herbeilassen: »Wie wenig ehrenvoll«, hiess es, »wäre ein solcher kindischer Zorn für euere Heidengötter! Und warum geben sie denn nicht euch Gesundheit und Glück, um uns Christen allein zu züchtigen? Die Natur hat sich nicht verändert; Sonne und Mond scheinen wie sonst, die Saaten grünen, die Bäume blühen, Öl und Wein werden gekeltert, das bürgerliche Leben geht seinen Gang wie von jeher; Kriege aber hat es zu allen Zeiten seit Ninus von Assyrien gegeben, und seit Christus haben sie sogar eher abgenommen. Die jetzigen unleugbaren Übel sind eben notwendige Weltprozesse, durch welche die irdischen Dinge sich zu verjüngen suchen (rerum innovatio).«

Diese Hoffnung aber war, so wie der Autor sie verstand, eine eitle. Sehen wir einstweilen ab von der einseitigen Richtung, welche das Christentum nahm, sobald es Staatsreligion wurde, und welche durchaus nicht geeignet war, dem Reich neue Kräfte zuzuführen. Darin liegt eben das grosse Vorrecht derjenigen Religion, deren Reich nicht von dieser Welt ist, dass sie sich gar nicht die Aufgabe setzt, irgendein bestimmtes Staatswesen, eine bestimmte Kultur zu leiten und zu garantieren, wie die Religionen des Heidentums getan hatten, dass sie vielmehr imstande ist, die verschiedenen Völker und Jahrhunderte, Staaten und Bildungsstufen miteinander zu versöhnen und zu vermitteln. So konnte das Christentum auch dem gealterten Römerreich keine zweite Jugend mehr schenken, wohl aber die germanischen Eroberer so weit vorbereiten, dass sie die Bildung desselben nicht völlig mit Füssen traten. Anderthalb Jahrhunderte später, als es sich auf den catalaunischen Gefilden darum handelte, ob der Hunne das Leichentuch über das okzidentalische Leben ziehen dürfe wie in der Folge der Mongole über das asiatische, trug diese Befreundung schon ihre Früchte; Römer und Westgoten hielten zusammen und wehrten den Angriff gemeinsam ab.

Von der Alterung und Verkommenheit der römischen Zustände überhaupt, woran das Christentum keine Schuld trägt, ist die ganze Geschichte dieser Zeit ein sprechendes Zeugnis, und auch in der vorliegenden Darstellung wurde auf jedem Blatte darauf hingewiesen. Es ist aber hier die beste Stelle dazu, einige bezeichnende Züge aus diesem Greisenleben der antiken Welt zusammenzutragen. Auch die historische Stellung des Christentums kann hiedurch noch weiter verdeutlicht werden.

Klagen über die schlechten Zeiten sind vorhanden aus allen Jahrhunderten, welche eine Literatur hinterlassen haben. Im Römischen Reich aber wird der Verfall auf eine Weise eingestanden, welche gar keinen Zweifel übrig lässt. Das Gefühl, dass alles, was jetzt geschehe, klein sei im Verhältnis zu einer immer glanzvoller ausgemalten Vorzeit, wächst gleichzeitig mit der äusserlichen Kolossalität des Römischen Reiches und seiner Interessen, und selbst wer die Grösse der Vorzeit misslaunig bestreitet, tut es nur, um die Gegenwart noch tiefer herabzusetzen. Wenn SenecaQuaest. natur. III, praef. Er braucht das Wort latrocinia. – Die Klagen über den Verfall der einzelnen Sphären des geistigen Lebens seit der Kaiserzeit würden hier einen beträchtlichen Raum einnehmen. Was der ältere und der jüngere Plinius, Petronius u. a. über Kunst und Literatur sagen, ist schon oft zitiert worden. Plinius d. J. gibt Ep. VI, 21 wenigstens zu, dass die Natur noch nicht erschlafft sei, und dass sie noch immer begabte Menschen hervorbringe. Vgl. auch III, 21 und das Proömium des Florus, welcher das Greisenalter der römischen Welt zugibt, aber bei Trajan von Wiederverjüngung spricht. in seiner philosophischen Polemik gegen die Geschichte den Philipp und den Alexander von Macedonien als Strauchdiebe behandelt, so fügt er doch bei: wir sehen diese Dinge für gross an, weil wir selber so klein sind. Ein viel stärkeres, obschon stillschweigendes Zeugnis liegt darin, dass alle Philosophen und Rhetoren – und auch die Dichter, wenn sie nicht betteln gehen – dass also die ganze freie Literatur des zweiten, dritten und vierten Jahrhunderts ohne Not von keinem Menschen und keinem Gegenstande spricht, der über das Ende der römischen Republik herabreicht. Es sieht aus, als hätte man sich das Wort darauf gegeben. Die griechischen Sophisten wählen für ihre Schulexerzitien vorzugsweise Situationen aus der Blütezeit des Griechentums, aus den Perserkriegen, dem Peloponnesischen Kriege, etwa noch aus dem Leben Alexanders des Grossen. Sie lassen Xenophon reden, der an Sokrates' Stelle zu sterben verlangt, oder Solon, der dem Pisistratus gegenüber auf Abschaffung der Gesetze anträgt, oder Demosthenes, der den Athenern rät, auf die Flotte zu fliehen, und dergleichen mehrPhilostratus in den Vitis sophistarum gibt viele Beispiele an, s. z. B. II, 9.. Dio Chrysostomus (unter Trajan) glaubt sich irgendwo förmlich rechtfertigen zu müssen, nachdem er in einer Rede Ereignisse aus der Kaiserzeit, »moderne, ruhmlose Dinge«Νεωτέρων τε και αδόξων, Dio Chrys., Orat. XXI, p. 271. Einen derartigen Wink gewährt auch die Erzählung bei Dio Cassius LXVI, 25 über die Schauspiele bei der Einweihung des Kolosseums und der Titusthermen; die Seeschlachten auf den Bassins stellten nicht etwa römische Siege, sondern die Kämpfe zwischen Korcyräern, Syrakusiern und Athenern aus der Zeit des Peloponnesischen Krieges dar., erzählt hat; er meint, sein Gegner verachte ihn als einen Schwätzer, weil er nicht nach üblicher Art von Cyrus oder Alcibiades spreche. Die dem Quintilian zugeschriebenen Deklamationen behandeln entweder ebenfalls längst vergangene Dinge oder erdichtete Rechtsfälle, die in keine bestimmte Zeit gehören. Die naheliegende Annahme, dass die Regierung etwa die Besprechung der Kaiserzeit unliebsam aufgenommen und unterdrückt haben möchte, wäre durchaus irrig. Eine Aufsicht dieser Art über die Literatur und die Schule lag gar nicht in der Art des römischen Imperiums, welches sich überhaupt nicht damit abgab, geistige Richtungen zu dirigieren und zu beaufsichtigen. Gerade die damals beliebtesten Gegenstände für die Redeübungen würden nach unserm Maßstab anstössig und gefährlich scheinen; in dem Rom Domitians klagt JuvenalSat. VII, vs. 151. – Welche Anzüglichkeiten auf dem Theater vorkamen, s. bei Philostrat., Vita Apollon. VII, 5. über die tödliche Langeweile des Rhetors, welcher zum hundertsten Male es mit anhören muss, »wenn die zahlreiche Klasse grausame Tyrannen tötet«. Die Geschichten von Brutus, von Harmodius und Aristogiton waren also ein sprichwörtlich beliebtes Thema, während die merkwürdigsten Dinge der Kaiserzeit, die man noch dazu panegyristisch hätte behandeln können, wie zum Beispiel der Jüdische Krieg, die Taten Trajans, die Herrschaft der Antonine, freiwillig gar nicht berührt wurden und somit ausschliesslich den offiziellen Lobrednern überlassen blieben.

Aber nicht bloss die Redner, auch die eigentümliche Gattung von lateinischen und griechischen Sammlern, welche man bisweilen unter dem Namen der Grammatiker mitbegreift, gehen nicht leicht über die Zeit der Republik herunter. Aulus Gellius zum Beispiel tut es nur, wenn er von der Bildung seiner Zeit und von seinen eigenen Studien spricht; Aelian in seinen »Bunten Geschichten« fast nirgends; Alciphron verlegt seine Briefe (siehe bes. II, 3) in die früheste macedonische Zeit; Athenaeus in seiner grossen Enzyklopädie des antiken Lebensgenusses geht der Kaiserzeit sehr absichtlich aus dem Wege, und noch zwei Jahrhunderte später gibt Macrobius in seinen Saturnalien als letzte Notiz eine Sammlung von Anekdoten und Witzworten des Augustus, eine kurze beiläufige Erwähnung Trajans abgerechnet. Philologen vom Fache, welche mit der betreffenden Literatur näher vertraut sind als der Verfasser, würden diese Beobachtung wahrscheinlich in einem viel weitern Umfang bestätigen können.

Diese Zeit, die man verneinte und ignorierte, von welcher man sich beständig nach frühern Jahrhunderten zurückwandte, bekam dann plötzlich einen neuen Inhalt durch das Christentum. Eine schon lange vorbereitete christliche Literatur brach jetzt wie ein Strom in das leere Bette des Jahrhunderts ein und überwog binnen kurzer Frist an Masse alles, was aus der heidnischen Schriftwelt erhalten ist.

Doch Rom als Sitz und Inbegriff der Weltherrschaft sollte ewig sein; die Roma aeterna ist auf Denkmälern und Münzen der allgemeine Trost besonders während der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts. Den Christen, solange sie in Rom das personifizierte Heidentum, das Babylon der Offenbarung sahen und hassten, war dieser Gedanke eine Torheit; es handelte sich ja, wie ArnobiusArnob., Adv. gentes VII, Ende. offen sagt, um diejenige »zum Verderb des Menschengeschlechtes geschaffene Stadt, um deren Herrschaft willen der ganze Erdkreis unverdientermassen unterjocht worden war«. So durfte freilich nur ein Afrikaner sprechen; auch unterschied man schon zur heidnischen Zeit zwischen Rom und dem Reiche und betete für dessen Wohl wie für das der heidnischen Kaiser und der ArmeenSo während der Verfolgung des Decius, vgl. bei Ruinart, Acta martyrum sincera, die Disputatio S. Achatii. – Ebenda, unter Valerian, die Erzählung vom Bischof Dionysius von Alexandrien. – Die Stellen aus den christlichen Apologeten, welche sehr nachdrücklich in diesem Sinne reden, s. bei Lasaulx, Der Untergang des Hellenismus, S. 12 ff.. Später, unter den christlichen Kaisern, war man mit der Weltherrschaft Roms völlig ausgesöhnt; PrudentiusPrudent., Peristeph., hymn. II, str. 105 seq. findet darin das höchste geschichtliche Werk der Vorsehung: »Siehe, das ganze Geschlecht der Sterblichen ist unter die Herrschaft des Romulus gekommen, die verschiedensten Sitten und Denkweisen haben sich verschmolzen; so war es vorherbestimmt, damit die Würde des Christennamens, soweit die Erde reicht, alles mit einem Band umschliesse.« Das Rührendste dieser Art ist aber der Gesang eines spätern Heiden (um 417), des Claudius Rutilius NumatianusCl. Rutil. Numat., Iter in Gall. I, vs. 47 seq. Ganz prophetisch lautet vs. 133: porrige victuras Romana in saecula leges ., welcher das tief erschütterte Rom wie eine gebeugte Mutter tröstet und ihm aus seiner welthistorischen Grösse eine neue Hoffnung auf ewige Dauer herleitet.

Wie weit die Staatseinrichtungen und der äussere Zustand solche Hoffnungen rechtfertigten, ist durch blosse Schlüsse nicht unbedingt zu ermitteln. Eine Regierung, wie die römische war, kann sich trotz zunehmender Erstarrung unendlich lange halten, wie das Byzantinische Reich bewiesen hat. Wäre die Stadt Rom so uneinnehmbar fest und so zur Verteidigung geschaffen gewesen, wie später Konstantinopel, so hätte auch das abendländische Reich viel länger dauern und verlorene Provinzen von der geretteten Hauptstadt aus mehr als einmal zurückerobern können. Der Staat kann sogar die Nationalität überleben, so gut als diese den Staat. Es soll also mit dem Begriff der Alterung nicht die Unmöglichkeit des Weiterlebens, sondern nur das allmähliche Versiegen derjenigen Lebensquellen bezeichnet werden, die einst der Nation ihr edleres geistiges und leibliches Gepräge verliehen.

Schon von der Erdbeschaffenheit könnten wir anheben. Es kam den Leuten im Römischen Reiche vor, als begännen die Flüsse seichter zu werden und die Berge niedriger; auf dem Meere sah man den Aetna nicht mehr aus so weiter Ferne wie früher, und von Parnass und Olymp verlautete dasselbe. Emsigere Naturbeobachter meinten sogar, der Kosmos sei überhaupt im Niedergang begriffenSo Aelian., VIII, 11, zur Zeit Hadrians..

Beginnen wir jedoch nur mit dem physischen Menschen, so ist in dieser Zeit eine Ausartung der Rasse, wenigstens in den höhern Ständen, unleugbar. Das Urteil ist hier nicht auf Aussagen der Schriftsteller beschränkt, welche hie und da schon frühe etwas der Art andeutenNach den sehr merkwürdigen Äusserungen bei Dio Chrysost., Orat. XXI, p. 269 seq. hätte man eine Abnahme der männlichen, aber eine Zunahme der weiblichen Schönheit bemerkt., sondern die Kunst leistet den unwiderleglichen Beweis in unzähligen Denkmälern, und zwar auch in solchen, die keine Entschuldigung durch Ungeschicklichkeit des Künstlers zulassen. In den meisten Bildnissen dieser Zeit herrscht teils eine natürliche Hässlichkeit, teils etwas Krankhaftes, Skrophulöses, Aufgedunsenes oder Eingefallenes vor. Grabmonumente, Münzen, Mosaiken, Böden von Trinkgläsern – alles stimmt hierin überein. Die Mitregenten Diocletians und die nächsten Nachfolger mit ihren zum Teil wahrhaft abschreckenden Zügen mögen als Illyrier keine Durchschnittsform darbieten. Constantin, dessen Äusseres wir aus Statuen und Münzen genau kennen, zeigt zwar im ganzen eine gesunde regelmässige Bildung, aber etwas wie einen Ausdruck von Tücke, und doch sind Panegyriker und Kirchenschriftsteller voll einstimmigen Entzückens über seine Schönheit, was nicht blosse Schmeichelei, sondern ein Zeugnis für den niedrigen Maßstab des Urteils ist. In den Physiognomien seiner Söhne bemerkt man eine wesentlich neue Gattung von Ausdruck, die nachher häufig wiederkehrt; es zeigt sich das, was im schlimmen Sinne das Pfäffische heisst; Constantin II. hat dabei die nicht ganz angenehme rundliche Kopfbildung seines Vaters, Constans und Constantius eine mehr in die Länge gezogene. Viel entscheidender als diese Illyriotengesichter, ja vielleicht mehr als die Bildnisse überhaupt, sprechen die eigentlichen Idealfiguren der betreffenden Zeit, in welchen die Künstler das allgemein Gültige niederlegen wollen, die Verschlechterung des damaligen Menschentypus aus. Der Constantinsbogen beim Kolosseum ist allerdings ein Werk der Hast und Eile, und dies erklärt und entschuldigt hinlänglich die grosse Roheit der plastischen Ausführung, nicht aber die Hässlichkeit der Gestalten und die Verkümmerung der Züge. Wohl gibt es Zeiten, in welchen die Kunst sich etwas darauf einbildet, ihr Ziel einseitig im Charakteristischen statt im Schönen zu suchen, und jenes sogar bis ins Hässliche zu steigern, ohne dass die den Künstler umgebende Welt daran schuld wäre. Allein hier ist von einer solchen Vorliebe für den Charakter nicht die Rede, sondern ganz einfach von der Unfähigkeit, an den klassischen Schönheitsidealen auch nur oberflächlich festzuhalten, während die Aussenwelt keine Beziehung mehr zu denselben hat. Im fünften Jahrhundert geben dann die Mosaiken einen fortlaufenden Maßstab für dieselbe Wahrnehmung. Und zwar will die Kunst hier noch nicht den Ausdruck der Heiligkeit in der ascetischen Abmagerung und Morosität suchen wie später die byzantinischen Mosaicisten; ihre Gestalten sind noch nicht eigentlich verschrumpft – aber in der Regel von hässlichen, unregelmässigen Gesichtszügen. Selbst sehr ausgezeichnete Arbeiten, in welchen alles übrige, Gewandung, Bewegung, Verteilung im Raum usw., so gut ist, als man es irgend von der theodosischen Zeit verlangen kann, wie zum Beispiel die zwölf Apostel im orthodoxen Baptisterium zu Ravenna, machen doch in diesem Punkte durchaus keine Ausnahme.

Der Menschenschlag im Römischen Reiche war von vorneherein ausserordentlich verschieden je nach den einzelnen Gegenden und je nach den Schicksalen derselben; manche Bevölkerungen darf man sich blühend, andere verkümmert vorstellen. Allein die Durchschnittsform, welche in der bildenden Kunst auftritt, ist in dieser Zeit doch wohl im ganzen diejenige Italiens. Wann und durch welches Ereignis hat sich nun hier und vielleicht im ganzen Reiche der äussere Mensch zu seinem Nachteil verändert?

Die Antwort liegt nahe. Zwei sehr furchtbare Pestilenzen, unter Marc Aurel (167) und dann wieder seit Gallus (252) hatten die Bevölkerung des Reiches unheilbar erschüttert; die letztgenannte PestS. die Stellen bei Clinton, Fasti Rom., ad a. 252. soll sogar fünfzehn Jahre gedauert, keine Gegend des Reiches verschont und manche Städte völlig verödet haben. Rechnet man hinzu die unaufhörlichen Kriege, sowohl um den Thron im Innern als gegen die Barbaren nach aussen, so ergibt sich als notwendige Folge das Brachliegen aller Pflanzungen und somit eine Hungersnot, welche der Krankheit unaufhörlich neue Gewalt verleihen musste. Von den höhern Ständen aber mag Sorge und Gram nicht mehr gewichen sein. Die Ansiedelungen von Barbaren taten dann noch das übrige, um den Typus des Menschengeschlechtes im Reiche gänzlich umzugestalten, und dies dann wohl eher in günstigem Sinne.

Nun stirbt in Unglückszeiten jener Art nicht bloss physisch ein altes Geschlecht aus; alte Sitten und Bräuche, nationale Anschauungen, geistige Bestrebungen aller Art gehen mit demselben unter. Dies ist nicht so zu verstehen, als müsste auch die Moralität gesunken sein; eher liesse sich ein Steigen derselben in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts beweisen. Von dem Kaiserthron (siehe den ersten Abschnitt) wird man es kaum leugnen können; die Zeit der Caracalla und Maximine ist vorbei; Carinus geht unter, weil er eine verspätete Anomalie in seinem Jahrzehnt ist. Bei den spätern sogenannten Scheusalen, wie Maxentius, hat Ausschweifung und Missetat etwas Kleinbürgerliches im Vergleich mit den früheren. Die Sittenpolizei erscheint im ZunehmenMan sehe, was Aurel. Vict., Caes. 28 von Philipp dem Araber erzählt, und die Erklärer dazu., und mit ihr wohl auch die äussere Sitte; noch Diocletian ist emsig bemüht, die verwilderten Matrimonialverhältnisse zu säubernGesetze von den J. 287 und 295, Cod. Gregor. V, 1. und dem wirren Durcheinanderheiraten in demselben Hause und in den nächsten Graden zu begegnen. Des grossen und massenhaften Skandals wird auffallend weniger. Dass Constantins Privatleben insbesondere von dergleichen so gut wie völlig frei gewesen, hat man mit Recht aus dem Schweigen der ihm abgeneigten Schriftsteller geschlossen. Die Regierung lässt sich mehr und mehr auf Massregeln der allgemeinen Humanität ein und erkennt die Pflicht einer durchgehenden Sorge für die Untertanen an, während sie freilich zu derselben Zeit einen gewaltigen Druck ausüben muss und sich auch in den Mitteln zum Bessern, wie zum Beispiel in dem Maximum der Lebensmittel, und in den ganz barbarischen Kriminalstrafen mannigfach vergreift. – Analogien dieser gesteigerten Moralität in der spätheidnischen Religion, in dem ascetischen Idealismus der Philosophen wurden bereits nachgewiesen, es musste aber hier der ganzen Sache noch einmal gedacht werden. Denn vielleicht war diese Umkehr zur Besonnenheit und Mässigung gerade auch ein Symptom der Alterung, von welcher hier die Rede ist; um so weniger konnte sie die abgelebte alte Welt noch einmal verjüngen.

Nachdem wir die Abnahme des physisch schönen Menschen konstatiert, schreiten wir weiter zur Betrachtung seiner äussern Umgebung, und zwar zunächst der Kleidung. Hier spricht die bildende Kunst nicht den damaligen Tatbestand aus, weil sie in der Regel die Gewandung der blühenden, längstvergangenen Kunstepochen festhält, diese aber von allem Anfang an eine ideale gewesen ist; so stellt zum Beispiel selbst der Panathenäenzug am Parthenon nicht die wirkliche Tracht der Athener zur Zeit des Phidias dar, sondern nur die ins Schöne vereinfachten Elemente derselben. Wenn nun in den römischen Bildwerken der constantinischen Zeit noch immer Toga und Tunica, nebst der Chlamys bei nackten Figuren, vorherrschen, so darf man daraus vollends nicht auf eine Durchschnittstracht schliessen. Viel richtiger führen uns hier die schriftlichen Aussagen, und diese geben Kunde von einer überladenen, ausgearteten Tracht, welche wohl ein römischer Rococo heissen könnte, wenn man uns diesen profanen Ausdruck gestatten will.

Statt einen Abschnitt aus den vorhandenen Geschichten des Kostüms herzusetzen, begnügen wir uns mit einigen Andeutungen. Es gibt ein GedichtBei Wernsdorf, Poetae Lat. min., vol. III. aus der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts, von Arborius, dem Oheim Ausons, »An eine allzusehr geputzte Nymphe«, worin ein gallisches Mädchen beschrieben wird. Ihr Haar ist mit Bändern durchflochten und in eine grosse Spirale (in multiplicem orbem) toupiert; oben darauf sitzt noch eine Haube von Goldstoff; das Halsband scheint rot, etwa von Korallen, gewesen zu sein; das Kleid reicht hoch bis an den Hals herauf und ist mit Binden wie mit einer Schnürbrust umgeben. Überhaupt hatten die anliegenden Kleider, zumal die ÄrmelS. Hieronym., Ep. 38 ad Marcellam, und Ep. 130., sehr überhand genommen. Die genannten Haartouren waren schon seit Jahrhunderten in der Regel aufgesetzt und sind selbst an einzelnen Marmorbüsten zum Abnehmen beim Wechsel der Mode eingerichtet. Früher als Arborius klagt Arnobius über die Binden, wahrscheinlich von Goldstoff, womit viele Damen sich die Stirn verdeckten, sowie über ihre nach Mannesart gebrannten Haare. Ganz widerwärtig ist vollends die Art des Schminkens, welche dem Gesicht nicht bloss eine andere Farbe, sondern selbst eine andere Form gab. Die rote wie die weisse Schminke nämlich wurden so stark aufgetragen, dass die Frauen aussahen »wie Götzenbilder«, und dass jede Träne, welche über die Wange floss, eine Furche zurückliess. So spottet wenigstens Sanct Hieronymus, welcher aus seiner frühern Zeit hierüber Bescheid wissen musste. Eine Hauptveränderung, die vielleicht gerade in diese Zeit fällt, ist das Aufkommen gemodelter und geblümter Stoffe gegenüber den einfarbigen, welche die allein würdige Bekleidung des Menschen sind, weil sie allein die Massen und die Falten, also mittelbar die Form, Haltung und Bewegung des Leibes selber ungestört bemerken lassen. Constantin erhielt von fremden Gesandten »mit Gold und Blumen gewirkte barbarische Gewänder« geschenktEuseb., Vita Const. IV, 7. – Die Zelte des palmyrenischen Fürsten Herodes mit eingestickten Figuren Hist. Aug., XXX Tyr. 15 (16) noch als etwas wesentlich Persisches erwähnt. – Bunte Kleider mit Tierfiguren bereits als Mode um die Mitte des vierten Jahrh., vgl. Ammian. Marc. XIV, 6. – Figuriert gestickte oder gewirkte Kleider bei Claudian., Epigr. 20–23. – In Prob, et Olybr. cos. 224. – In VI. cos. Honor. 166 seq. – Rapt. Proserp. I, 245. II, 44. – Laud. Stil. II, 230. 249. 340. 385.; bald hernach erscheint dergleichen als übliches Prachtkleid in den Mosaikbildern der Kirchen, und es dauert nicht lange, so werden in Priestergewänder und Altardecken ganze Geschichten eingestickt. Es hat aber das Fremde, Barbarische überhaupt in der spätrömischen Mode ein offenkundiges Vorrecht, schon weil es teuer und schwer zu haben ist. Muss sich doch unter Theodosius dem Grossen der berühmte Symmachus eine prächtige ausländische Staatskutsche verbitten, wodurch der Kaiser die Ausfahrten des Stadtpräfekten zu verherrlichen glaubteSymmachi Ep. X, 24. Er meint, man liebe in Rom seit Camills Zeiten solche externa miracula nicht, und stellt also doch ausnahmsweise der alten Hauptstadt ein Zeugnis bessern Geschmackes aus. – Phrygische und keltische Wagen als Modeartikel schon im zweiten Jahrh. bei Philostr., Vitae soph. I, 25..

Diese Barbarisierung dehnte sich indes viel weiter als nur auf die Kleidung aus. Das Aufkommen germanischer, besonders gotischer und fränkischer Offiziere im Heer und bei Hofe, der Einfluss orientalischer Etikette und Sitten musste der ganzen äussern Form des Lebens allmählich ein unrömisches Gepräge verleihen. Ganz unantik ist vor allem jene Zerteilung der Gesellschaft nach Stand und Rang, welche durch Verleihung von Titeln bewerkstelligt wurde; nichts widersprach stärker dem Begriff des Bürgertums, mit welchem die klassische Welt sich aufgenährt hatte. Auch das Christentum, welches mit seiner gewaltigen Flamme so viele Elemente der antiken Bildung aufzehrte, trug einstweilen mittelbar zur BarbarisierungDas Wort βαρβαρου̃σθαι bei Zosimus I, 58 und II, 7 scheint bloss die wirkliche Unterwerfung der Reichslande durch barbarische Völker zu bezeichnen, hat aber von früher her auch eine ethische Bedeutung. bei, wie dies bei einem Blick auf Kunst und Literatur dieser Zeit deutlich zu machen sein wird.

Die Kunst im höchsten Sinne des Wortes war einst der Lebensatem des griechischen Volkes gewesen. Keine andere Nation hätte es wagen dürfen, ihre Zeitrechnung nach der Entwicklung des Schönen durch Dichter und Künstler zu datieren, wie dies zum Beispiel in der Marmorchronik von Paros geschehen ist. Mit den siegreichen Waffen Alexanders und seiner Diadochen zog in der Folge die griechische Kunst durch den Orient und verdrängte nach Kräften die alten nationalen Formen, mit einziger Ausnahme der Bauten und Bildwerke Ägyptens von Alexandrien aufwärts. Die Römer nahmen sie ebenfalls bereitwillig in ihren Dienst, nicht bloss als Luxusgegenstand, sondern weil sie dem Bedürfnis des Schönen entsprach, das in ihnen selbst lebte, dessen tätige Entfaltung aber durch das Vorherrschen des Kriegerischen und Politischen gehemmt wurde. Auf das grossartigste half sie nun mit, der religiösen und nationalen Herrlichkeit Roms den edelsten Ausdruck zu verleihen, wenn auch nicht ohne Einbusse ihres innern Organismus. Von Rom aus nahm endlich der ganze Okzident diese romanisierte Kunst wie ein Gesetz des Siegers an und sprach sie nach wie seine Sprache. Wo Kolonien italischer Abstammung sich im Westen erhielten, mag sie wohl auch zum Bedürfnis geworden sein.

Eine Stellung wie bei den Griechen der Blütezeit erreichte freilich die Kunst in dieser Zeit der Römerherrschaft nicht wieder. Man hört nicht mehr davon, dass die Lästerung des Schönen als Blasphemie galt, wie damals, als der Dichter Stesichoros erblindete, weil er die Helena, das Urbild aller Schönheit, getadelt hatteHesych. Miles., bei Müller, Fragm. hist. Gr. IV, p. 174.. Lucian, der weder Götter noch Menschen schont, darf jetzt auch über die alten Ideale aller Schönheit spotten, während anderweitig sein Kunstgeschmack so unzweifelhaft bewährt ist. Jene meisterhafte Reihe von Totengesprächen, in welchen er seinem Hohn unter der Maske des Cynikers Menippos die Zügel schiessen lässt, enthält auch eine SzeneLucian., Dial. mortuor. XVIII., wo Hermes in der Unterwelt dem Menippos die Skelette der berühmten Schönheiten der alten Zeiten vorweist, des Narciss, des Nireus usw. »Aber ich sehe ja nichts als Schädel und Knochen? Zeige mir doch Helena.« – »Dieser Schädel hier ist Helena.« – »Also deshalb die Flotte von tausend Schiffen, der Tod so Unzähliger, die Zerstörung der Städte?« – »O Menipp«, erwidert Hermes, »du hast das Weib nicht lebend gesehen!« – Doch ist in dieser frühern Kaiserzeit, welche von den damaligen Ästhetikern, von Petronius und dem altern Plinius, als Epoche des Kunstverfalls mit verhältnismässigem Rechte angeklagt wird, wenigstens in Italien das Verlangen nach künstlerischer Umgebung des Daseins noch unglaublich stark. Pompei allein deutet, nach Goethes Ausdruck, »auf eine Kunst- und Bilderlust eines ganzen Volkes, von der jetzo der eifrigste Liebhaber weder Begriff, noch Gefühl, noch Bedürfnis hat«. Trägt man diesen Maßstab auf das damalige Rom über, so findet sich ein Ergebnis, welches schwindeln macht.

Im dritten Jahrhundert fand die Kunst allerdings einen gefährlichen materiellen Feind an der Zerrüttung des Reiches durch Pest, Krieg und Verarmung. Da die Kaiser namentlich seit Aurelian wieder sehr viel bauen liessenVgl. Malalas, lib. XII passim. und ohne Zweifel auch die übrigen Künste verhältnismässig in Anspruch nahmen, so könnte sich diese Einbusse wieder etwas ausgeglichen haben, wenn nicht der zunehmende Druck auf die Reichen und Besitzenden immerhin einen dauernden Verlust mit sich geführt hätte.

Nimmt man nun an, dass die Natur doch immerfort ein reiches Mass von Begabung austeilte, woran sich auch mitten im Zerfall aller Formen oft nicht zweifeln lässt, so fragt es sich weiter, woher die falschen Richtungen kamen, in welchen sich die Talente verloren. Woher ferner jene Anonymität, welche fast die ganze Kunst des dritten und vierten Jahrhunderts mit so tödlichem Schweigen deckt?

Es ist eine Tatsache, dass ungefähr seit der Mitte des zweiten Jahrhunderts die bisher noch immer lebendige Reproduktion des Schönen stillesteht und zu einer bloss äusserlichen Wiederholung wird; dass von da an innerliche Verarmung und scheinbarer Überreichtum der Formen Hand in Hand gehen.

Die tiefste Ursache dieser Erscheinung wird man wohl nie ergründen oder in Worte fassen können. Hatte das ausgebildete griechische Formensystem sechshundert Jahre lang sich unter den verschiedensten Bedingungen behauptet und immer wieder Blüten getrieben, weshalb sollte es gerade von den Antoninen abwärts seine Macht, seine Treibkraft verlieren? Warum nicht fortdauern bis ins vierte Jahrhundert? Es lässt sich vielleicht aus einer allgemein philosophischen Betrachtung der Zeiten auch hierauf aprioristisch antworten; wir wollen uns aber gerne bescheiden, die notwendige Lebensdauer einer geistigen Macht dieses Ranges nicht absolut berechnen zu können.

Die Nebenursachen jener Erscheinung sind desto klarer: die Veränderungen im Stoff und in den Aufgaben und Gegenständen der Kunst, das heisst mittelbar die veränderte Gesinnung der Besteller. Verfolgen wir zunächst die Schicksale der Architektur. Die Hauptstadt ist hier für alle Entartung massgebend. Rom besass in seinem Travertin und Peperin ein ernstes, gewaltiges Material für monumentale Bauten. Als man aber, besonders seit Augustus, den Marmor aus Carrara und aus Afrika nicht mehr entbehren wollte, wegen seiner Bildsamkeit und seiner leuchtenden Schönheit, da gewöhnte sich der Sinn des Römers daran, den nunmehr aus Ziegelplatten gebildeten Kern des Gebäudes und die darum gelegte Marmorbekleidung als zwei geschiedene Dinge zu betrachten. Letztere musste auf die Länge als eine willkürlich wandelbare Hülle, als eine Dekoration erscheinen. Doch zwang der weisse Marmor den Künstler fortwährend, die Formen möglichst edel zu bilden. Als aber die Vergötterung des möglichst teuern und fremdartigen Materials mehr und mehr einriss, als im ganzen Orient so wie in Afrika nach kostbaren BaustoffenKlassische Stelle bei Statius, Silvae I, 5, vs. 34 ff., Porphyr, Iaspis, Agat und Marmor aller Farben gesucht wurde, als die damals sehr massive VergoldungAurelians Widerwille dagegen: s. oben S. 67 f.; Constantin vergoldete, was frühere Kaiser gebaut, u. a. die Säulen am Circus maximus. Panegyr. X, 35. in sinnlosem Mass überhandnahm, da musste die Kunst und der Künstler zurücktreten. Stoff und Farbe ziehen das grösste Interesse an sich; die schönsten Profile und Zieraten werden daneben übersehen; zudem gebeut die ausserordentliche Härte mancher dieser Steine dem Meissel Einschränkung. Der Lieferant und der Polierer werden unter solchen Umständen wichtigere Personen als der Zeichner. Wo aber der weisse Marmor oder ein anderer einfacher Stoff seine Stelle behauptete, musste er nun wetteifern durch Häufung der Glieder und Vervielfachung der Ornamente, da man für das Einfache überhaupt verdorben war. Der Eindruck ist oft über die Massen kleinlich und verwirrend, weil aller äusserliche architektonische Reichtum, einmal als leitendes Prinzip aufgefasst, rasch alle Schranken überschreitet und auch Bauteile und Stellen verziert, die dessen um ihrer Funktion willen eigentlich nicht fähig sind. Wir wollen die Bauten dieses Stiles, von welchen die palmyrenischen und der Diocletianspalast zu Salona (Spalatro) sprichwörtlich geworden sind, hier nicht wieder aufzählen. Soweit sie nicht in Anordnung und Proportionen an die bessere Zeit erinnern, gehören sie der Ausartung und ersetzen das Verlorene nicht einmal durch den perspektivischen Reiz, welchen zum Beispiel der entartete moderne Stil unter den Händen eines Bernini entwickelt. Dieser weiss den Blick zu sammeln: dort ist lauter Unruhe und Zerstreuung; Bernini verachtet das Detail und arbeitet stets auf das Ganze hin: dort wollen die gehäuften Einzelformen als solche etwas bedeuten.

Gereichte nun der Luxus in dem bezeichneten Sinne der schönen Bauform notwendig zum Untergang, so trug selbst ein höherer Fortschritt zum Neuen nicht weniger dazu bei, das von den Griechen ererbte Bausystem definitiv zu zersprengen. Wir meinen die neue Aufgabe grosser, vorzüglich gewölbter Binnenräume. In der bessern Kaiserzeit hatte man zum Beispiel beim Thermenbau die Säulen und ihr Gebälk mit der Kuppel, dem Tonnengewölbe und Kreuzgewölbe so verbunden, dass sie gleichsam als ein eigener Organismus daran vorbeigehen. Eine Rücksicht dieser Art konnte auf die Länge nicht fortdauern, namentlich als mit der christlichen Zeit jene Aufgaben sich auf einmal ausserordentlich häuften und zugleich die Tendenz auf möglichste Prachtentwicklung jede andere Erwägung schweigen hiess. Die christliche Basilika, das erste grosse Vorbild aller rein perspektivisch gedachten BinnenräumeAls Basiliken, wenigstens als Langbauten, werden u. a. geschildert: die alte Sophienkirche, S. Agathonicus, S. Isaacius in Konstantinopel. Anonym. Banduri, p. 65., lud Bogen und grosse schwere Obermauern auf ihre Säulenreihen; die Kuppelkirche mit untern und obern Galerien oder Nebenkapellen ringsumDer Dom von Antiochien: Euseb., Vita Const. III, 50. Die Apostelkirche zu Konstantinopel IV, 58; wahrscheinlich ein griech. Kreuz mit Kuppel (vgl. Anonym. Banduri, p. 32). Die Grabkirche zu Jerusalem III, 25–40. Socrates I, 9. – Der Hochbau τὸ υψου̃ν, als wesentliche Rücksicht: Euseb., V. C. I, 42. II, 45. verneinte vollends den Begriff des Gebälkes und brauchte die Säule fast nur um ihrer angenehmen Wirkung willen. Es dauert dann tief in das Mittelalter hinein, bis die christliche Baukunst die mit zunehmendem Missverständnis wiederholten, zuletzt kaum mehr kenntlichen antiken Einzelformen mit einem neuen, ihrem Prinzip angemessenen Gewand vertauscht.

Endlich war die christliche Architektur von vornherein genötigt, mit der kirchlichen Tendenz auf eine ungünstige Weise zu teilen. Letztere möchte gern das ganze Gebäude, ja jeden Stein zum Symbol ihrer Macht und ihres Sieges machen; daher das Vorwiegen teils der glänzendsten LuxuszierartenS. die obigen Stellen. Die Apostelkirche »von bunten Steinen blitzend, vom Boden bis zum Dach . . . Die (gewölbte?) Decke mit feinen Kassetten überzogen und ganz mit Gold bedeckt . . . Die äussere Bedeckung von vergoldetem Erz, weithin blendend . . . Der Oberbau rings mit netzförmigen Verzierungen von Erz und Gold . . .«. Das Gebäude stand frei in einem grossen Hofe, ringsum Hallen, kaiserliche Säle, Bäder, Herbergen, Wächterwohnungen usw., teils der bildlichen Darstellungen im Innern wie an den Fassaden. Neben einer Mosaikverschwendung, welche alle Räume und Flächen mit biblischen Figuren und Geschichten in den starken ungebrochenen Farben der Glaspaste überzog, konnte keine rein architektonische Gliederung mehr gedeihen, und so schrumpfen Gebälk und Konsolen zu schwachen Riemchen zusammen oder werden gar nur noch durch ein Mosaikornament angedeutet.

Die Architektur erhielt sich dabei allerdings den Sinn für grossartig angeordnete, phantasievoll aufgebaute Binnenräume und für eine grosse mechanische Virtuosität. Der letztern verdanken es dann wieder einige Künstler der byzantinischen Zeit, wenn sie aus der oben berührten Anonymität heraustreten durften.

Der Verfall der Plastik und Malerei geht mit demjenigen der Baukunst aus denselben oder ähnlichen Ursachen hervor, wozu noch besondere Umstände kommen. Auch hier hat zunächst der Luxus des Materials gewiss verderblich gewirkt. Als es einmal Sitte war, die Statuen aus drei-, ja viererlei oft sehr schwierigen Steinarten zusammenzusetzen – von den vielen aus Gold und Silber gefertigtenHist. Aug., Claud. Goth. 2 (3). Heliogabal. 2. Tacit. 9.– Goldene und silberne Statuen noch von Constantin zu Rom errichtet, Aurel. Vict., Caes. 40. Vgl. Anonym. Banduri, p. 14. zu schweigen –, so musste der Stil dies auf die Länge übel empfinden, weil er durchaus die Hauptsache zu sein verlangt, wenn er gedeihen soll. Man sieht in der Vatikanischen Galerie unter anderm die kolossalen Porphyrsärge der Helena und der Constantia (Mutter und Tochter Constantins), den einen mit Reiterzügen, den andern mit weinbereitenden Genien sehr mittelmässigen Stiles. Die blosse Restauration des erstern unter Pius VI. soll fünfundzwanzig Menschen neun Jahre hindurch in Anspruch genommen habenS. den offiziellen Katalog des Museo Pio-Clementino, Roma 1844, p. 199., wonach man die Mühe der ursprünglichen Verfertigung berechnen mag. Von irgendeinem unmittelbaren Zuge künstlerischer Genialität ist bei diesem unglaublich harten und spröden Steine nicht die Rede; es handelt sich um eine Sklavenarbeit nach einem vorliegenden Modell. Ganz auf analoge Weise musste das Mosaik die Malerei verderben. Solange es nur die Fussböden in Anspruch nahm, so konnte es als eine Äusserung überfliessender Kunstliebhaberei gelten, welche keinen Fleck, auf den das Auge fällt, unveredelt lassen wollte, obschon auch immer etwas Barbarisches dabei ist, auf Kompositionen wie die pompejanische sogenannte Alexanderschlacht herumzuwandeln. Seit Plinius aber war das Mosaik an Wände und Gewölbe emporgestiegenPlin., Hist. nat. XXXVI, 25. – Statius l. c. – Hist. Aug., Pescenn. 6. Caracalla 9 (wahrscheinlich auf Mosaiken zu beziehen). XXX Tyr. 24 (25). – Symmachus, Ep. VI, 49. VIII, 42. – Wonach ein Irrtum zu verbessern ist, welcher durch meine Schuld in die zweite Aufl. von Kuglers Geschichte der Malerei, Bd. I, S. 24 Anm. eingeführt worden.; in den Thermen, wo der gewöhnlichen Malerei von Seite der Feuchtigkeit Gefahr drohte, hatte diese Veränderung vieles für sich, in andern Gebäuden dagegen entzog sie dem Künstler ohne Not jedes eigenhändige Mitarbeiten an seiner Schöpfung und entmutigte ihn, weil der Beschauer zuerst an die Kostbarkeit und Pracht, dann an den Gegenstand und zuletzt oder auch gar nicht an die Darstellung dachte. Mit der Einführung des Christentums aber wurde das Mosaik, wo nur irgend die Mittel ausreichten, der erste Schmuck aller Wände und Gewölbe der Kirchen.

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