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Die Zeit Constantins des Großen

Jacob Burckhardt: Die Zeit Constantins des Großen - Kapitel 17
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Zeit Constantins des Großen
authorJacob Burckhardt
firstpub1853
yearca. 1950
publisherVerlag Hallwag
addressBern
titleDie Zeit Constantins des Großen
created20040801
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Treten wir einen Augenblick aus diesem Nebel des Wahnes heraus, um zu fragen, wie weit der objektive Tatbestand bei den Erscheinungen möchte gegangen sein. Denn mit blossen Phantasiebildern hat man es nicht zu tun. – Bekanntlich sollen die Geisterbanner des jüngstvergangenen Jahrhunderts sich vorzüglich der Lanterna magica bedient haben, deren Bilder sich auf starken, zugleich narkotisch wirkenden Dämpfen reflektierten. Etwas Ähnliches ging auch bei den Beschwörern zur Zeit des Porphyrius vor; es ist ausdrücklich von einer Kunst die Rede, welche aus gewissen mit Feuer angemachten Dämpfen zur günstigen Stunde die Scheinbilder der Götter in der Luft erscheinen lässt. Iamblichus oder Abammon lässt auch bei dieser geringern Gattung von Beschwörung keinen Betrug gelten; eine wahre magische Wirkung finde wohl statt; allein er behauptet, Scheingestalten dieser Art, welche verschwinden müssen, sobald der Dampf sich zerteilt, würden von denjenigen Priestern, die jemals wahrhaft göttliche Gestalten gesehen, nur wenig geachtet; die Magie erreiche damit gleichsam nur eine äussere Hülle, ein Schattenbild der Gottheit. Es ist jedoch gar kein Zweifel, dass eigentlicher Betrug seit langer Zeit und massenhaft geübt wurde. Wir wollen noch nicht einmal unbedingt hieher rechnen die Benützung eines Kindes zum Schauen des Erscheinenden und zum Weissagen, weil denn doch Apuleius, den wir für keinen Betrüger halten, daran glaubte; er meint, dass vorzugsweise der kindliche und schlichte Geist durch Formeln und Räucherungen in einen halbbewussten Zustand versetzt (soporari) und dabei seiner wirklichen, nämlich göttlichen Natur genähert werden könne bis zur Weissagung der Zukunft; er zitiert Varro dafür, dass einst die Einwohner von Tralles den Ausgang des Mithridatischen Krieges sich hätten offenbaren lassen durch einen Knaben, der in einem Wassergefäss ein (wirklich hineingelegtes oder nur erscheinendes?) Merkursbild sah (puerum in aqua simulacrum Mercurii contemplantem) und dann in 160 Versen die Zukunft schilderteApuleius, De magia oratio, opera, ed. Bipont. vol. II, p. 47.. Allein zu Anfang des dritten Jahrhunderts hat der h. Hippolyt in seiner »Widerlegung der Ketzereien« eine ganze Anzahl von betrügerischen Täuschungen der Zauberer enthülltIm IV. Buch, Kap. 28–42. Leider sehr unordentlich erzählt und kritisch übel beschaffen bis zur Sinnlosigkeit an manchen Stellen.. Hier finden wir zunächst wiederum den dienenden Knaben, aber tief eingeschüchtert, wie später bei Cagliostro in Mitau, und phantastisch ausser sich gebracht, als unglückliches Opfer. Vor allem aber wird mit den Kunden wahrer Hohn getrieben; ihre Anfragen an die Götter, nach ihrer Meinung unsichtbar geschrieben, kann der Beschwörer durch chemische Mittel dennoch lesen und seine Antworten danach einrichten; wenn es aber zur Erscheinung des gewünschten Dämons kommen soll, dann wird offenbar darauf gerechnet, dass sie selber, im dunkeln Gemach »Lorbeer schwingend und laut schreiend« froh sein sollen, wenn nichts erscheint; Sichtbarkeit, heisst es dann, könne man vom Göttlichen nicht verlangen, genug, dass es anwesend sei. Der Knabe muss dann mitteilen, was die Dämonen sprechen, das heisst was ihm der Beschwörer durch einen kunstreichen Hohlstab einflüstert. Weihrauchkugeln, in welche explodierende oder blutrot leuchtende Stoffe eingeschlossen sind, Alaun, über welchem, sobald er flüssig wird, die Kohlen des Altars in Bewegung zu geraten scheinen, müssen der Täuschung weiter nachhelfen, und endlich hat man gegenüber von Wissbegierigen irgendeinen völlig undeutsamen Orakelspruch vorrätig. Mehreres von dem, was weiter erzählt wird, ist Sache nicht bloss von Beschwörern, sondern von gewöhnlichen Gauklern bis auf unsere Zeit geblieben: das Buntfärben der Eier von innen, das Hantieren mit Feuer, in welches man die Hand steckt, auf welchem man wandelt, ja welches man aus dem Munde speit; schon bedenklicher sind die Rezepte zum unmerklichen Ablösen der Siegel von Schriftstücken, deren Inhalt man kennen will, und zwischenhinein meldet sich wieder deutlich der eigentliche Beschwörer. Ziegen und Widder sinken durch geheime Mittel tot hin, ja Lämmer töten sich selbst (?); ein Haus (bestrichen mit dem Saft bestimmter Seetiere) steht scheinbar in Flammen; Donner wird künstlich hervorgebrachtLeider ist in der Handschrift das Rezept zu einem Erdbeben nicht vollständig erhalten.. An der Leber des Opfertieres erscheint eine Schrift (weil der Betrüger sie vorher mit einer scharfen Farbe verkehrt auf seine linke Hand geschrieben hat, auf welche die Leber zu liegen kommt). Ein auf der Erde liegender Schädel spricht und verschwindet dann, indem er bloss aus einer Haut mit Wachs modelliert ist, die schon unter der Wirkung einer genäherten Kohlenhitze zusammensinkt; das Sprechen freilich hat ein verborgener Gehilfe durch ein Rohr, das aus einem Kranichschlund bereitet war, besorgen müssen. Mondschein wird unbemerkt bereitgehalten, bis alle übrigen Lichter ausgelöscht sind; ein (verstecktes) Licht bescheint eine Wasserschale auf der Erde und diese reflektiert sich in einem Spiegel an der Decke; andere Male ist in der letztern ein Loch mit einem Tamburin ausgefüllt, und der Gehilfe im Obergemach leuchtet dazu, nachdem er auf ein gegebenes Zeichen eine Decke weggezogen; noch einfacher ist ein Licht in einem engen Gefässe, dessen Schein an der Decke wenigstens ein helles Rund hervorbringt. Den gestirnten Himmel bereitet man durch gummierte Fischschuppen (an der Decke), welche schon bei der mattesten Beleuchtung des Raumes einigen Flimmer von sich geben können. Nun kommen die wirklichen Göttererscheinungen, wobei der Beschwörer es sich bisweilen leicht machte, indem er auch hier auf Schrecken und Gehorsam der Kunden rechnen konnte. Er zeigte ihnen etwa im Dunkel einer mondlosen Nacht im Freien die über den Himmel fahrende Hekate, indem sein verborgener Gehilfe, sobald die Formel zu Ende gesprochen war, einen unglücklichen, mit brennendem Werg umwickelten Hühnergeier losliess; in dem Augenblick aber, da man etwas Feuriges durch die Luft schwirren sah, musste man das Gesicht verhüllen und lautlos sich auf den Boden drücken. Schon künstlicher wurde zum Beispiel die Erscheinung eines feurigen Asklepios hervorgebracht; an der Wand war ein solcher, vielleicht lebensgross in starkem Relief, modelliert und mit äusserst brennbaren Stoffen bestrichen, welche in dem Moment, da der Beschwörer seine Hexameter sprach, entzündet wurden und dann einige Augenblicke leuchteten. Umständlich und kostbar war es endlich, lebendig bewegte Götter nach Belieben erscheinen zu lassen. Hier half nur ein Untergemach, wo kostümierte Comparsen sich herumbewegten; im Obergemach schauten die Gläubigen in eine auf der Erde stehende Wasserschale, welche zwar von Stein war, aber einen gläsernen Boden hatte.

Es handelte sich also sehr oft nicht um ekstatische Verzückungen und Halluzinationen, sondern um wirkliche, objektiv vorhandene Vorgänge. Ob es ausser den Schwindlern etwa auch noch ernsthafte Theurgen gab, welche zwar die Mittel des Betruges, aber als eines »frommen«, anwandten, mag dahingestellt bleiben, und ebenso, ob Iamblichus (oder wer sonst die oben zitierte Schrift verfasste) Leute der letztern Gattung im Auge hatte.

Übrigens weiss er ausser den Geisterbannungen auch noch über andere Fragen aus dem Gebiet des Übernatürlichen Auskunft. Er erzählt zum Beispiel von den gottgesandten Träumen, sie kämen nicht im vollen Schlafe, sondern in halb oder ganz wachem Zustande höre der Mensch kurze geflüsterte«Worte »tue dies oder jenes«; er fühle sich von einem geistigen Wehen umfangen und erblicke dabei bisweilen ein reines und ruhiges Licht. Dagegen wird die weissagende Bedeutung der gewöhnlichen Träume nur sehr niedrig angeschlagen. Von einzelnen göttlich Inspirierten heisst es, sie lebten überhaupt ein göttliches, kein animalisches Leben mehr und fühlten deshalb weder Feuer noch Stichwunden, noch sonstige Martern; übrigens könne die göttliche Gegenwart auch bloss die Seele oder nur einzelne Teile des Leibes affizieren, so dass einige tanzen und singen, andere sich hoch aufrichten, in der Luft schweben, ja vom Feuer umwallt erscheinen, wobei sich göttliche Stimmen bald laut bald leise hören lassen. Viel niedriger steht die freiwillige magische Aufregung durch gewisse Räucherungen, Tränke oder Formeln u. dgl., so dass man im Wasser, in der reinen Nachtluft, in der Sonne, an gewissen Mauern, die mit geweihten Zeichen bedeckt sind, das Verborgene und Zukünftige erkennt. Es geht aber ein solcher Strom von Ahnung und Weissagung durch die ganze sichtbare Welt, das heisst das System will sich so wenig den einzelnen Volksaberglauben entgehen lassen, dass man auch aus Steinchen, Ruten, Hölzern, Korn usw., ja selbst aus den Reden der Verrückten die Zukunft herauslesen mag. Auch der Vögelflug wird von göttlichen Kräften geleitet zur Erzweckung von Zeichen, so dass selbst diese sprichwörtliche Freiheit sich zur Unfreiheit verkehrt. Auf die gewöhnliche Astrologie wird als auf einen zwecklosen Umweg, ja als auf einen Irrtum ziemlich geringschätzig herabgesehen, indem gar nicht die Konstellationen und Elemente das Schicksal entscheiden, sondern die Stimmung des Weltganzen in dem Augenblick, da die Seele in das Erdenleben niedersteigt. Dies hat jedoch die Astrologen nicht gehindert, mit dem System in Berührung zu treten, wie zum Beispiel Firmicus Maternus an vielen Stellen zeigt. – Ein Zug ist es (beiläufig bemerkt), der den ungriechischen, wahrhaft barbarischen Ursprung dieser Beschwörungstheorie klar beweist, nämlich das unverhohlene Wohlgefallen an dem Abracadabra fremder, namentlich orientalischer Anrufungen, die man zwar nicht aus Iamblichus, wohl aber anderswoher kennenlernt, und deren sich manche bis in die gegenwärtig kursierende Zauberliteratur fortgeerbt haben. Diese Fremdnamen haben das Vorrecht, nicht bloss weil sie die ältern, oder weil sie unübersetzbar sind, sondern weil sie eine »grosse Emphase« in sich haben, das heisst sehr eindringlich und bezeichnend lauten. Die neuerlich beklagte Kraftlosigkeit mancher Beschwörungen habe keinen andern Grund als den, dass man in griechischer Neuerungssucht an dem altehrwürdigen Ritual geändert habe. »Die Barbaren allein sind ernst von Sitten, beständig in ihren Gebetsformeln und deshalb auch gern erhörte Freunde der GötterSchon Aelian., Var. hist. II, 31 sagt mit Nachdruck: Μηδείς τω̃ν βαρβάρων άθεος. – Im Iuppiter Tragoedus des Lucian (c. 53) tröstet Hermes die Götter damit, dass wenigstens noch alle Barbaren an sie glaubten.

Dieses abgeschmackte System, vielleicht nur von wenigen buchstäblich angenommen, hat doch im ganzen die Philosophie des 4. Jahrhunderts mehr oder weniger beherrscht, und kein gebildeter Heide ist davon völlig unberührt geblieben. Aus dem Leben der Philosophen selbst, wie Eunapius sie schildert, strömt uns der Aberglaube wie ein grauer Qualm entgegen. Iamblichus lässt zum Beispiel seine Schüler in der Meinung, dass er beim Beten zehn Ellen hoch über der Erde schwebe und goldfarbig aussehe; in den warmen Bädern zu Gadara in Syrien ruft er aus den beiden Quellen die Genien Eros und Anteros hervor, die als Knaben, jener mit goldenem, dieser mit dunkelleuchtendem Haar zu grossem Staunen der Schüler und Gefährten erscheinen und sich an ihn anschmiegen, bis er sie wieder in die Quellen zurückschickt. Sein Schüler Aedesius, der die Hexameter vergessen hat, welche ihm ein Gott im Weihetraum vorgesagt, findet sie beim Erwachen in seine linke Hand geschrieben, die er deshalb selber anbetet. Die Philosophin Sosipatra von Ephesus wird von Kindheit an durch zwei Dämonen erzogen, die sich zuerst bei ihrem Vater in Gestalt von Feldarbeitern verdungen hatten; auch ihr ganzes späteres Leben ist durch und durch magisch und divinatorisch bedingt. Andere zum Teil sehr bunte Geschichten übergehen wir. Es versteht sich, dass diese Philosophen keinesweges unter sich einig waren, im Leben so wenig als in der Lehre. Innerhalb der neuplatonischen Schule selbst findet sich ein ziemlich frühes Beispiel boshaften Zaubers, welchen der Alexandriner Olympius dem grossen Plotinus anzutun sucht. In Gegenwart des Iamblichus und mehrerer andern zitiert ein Beschwörer den Apoll; aber Iamblichus beweist, dass die Erscheinung nichts anderes als die Scheingestalt (das είδωλον) eines neulich gefallenen Gladiators sei. Was der eine zustande bringt, erklärt in der Regel der andere für eine Kleinigkeit. Der Philosoph Maximus bringt es im Tempel der Hekate zu Ephesus in Gegenwart vieler so weit, dass das Bild lächelt und die Fackeln in dessen Händen sich von selbst entzünden; der Karier Eusebius aber findet, das sei gar nichts Besonderes. In der spätern Zeit, als das sinkende Heidentum alle seine Kräfte zusammennahm, mussten freilich die Misshelligkeiten etwas zurücktreten; es bildete sich jene grosse konfuse Mischung aus Philosophie, Magie und allen Mysterien, welche der Zeit Julians ihre Physiognomie verleiht. Je mehr sich unter Constantin und seinen Söhnen die Theurgie ins Geheimnis hatte zurückziehen müssenEunapius gibt an mehrern Stellen, namentlich im Leben des Aedesius, zu erkennen, wie sehr man sich zu Zeiten fürchtete und zu schweigen wusste., um so massloser machte sie sich jetzt für kurze Zeit geltend, nachdem sie den trefflichen, aber zum Unglück bestimmten Fürsten schon vom Jünglingsalter an mit ihrem Wahn umhüllt hatte. Sein Lehrer Aedesius hatte ihm gesagt: »Wenn du einst an den Mysterien teilnimmst, so wirst du dich schämen, überhaupt nur als Mensch geboren zu sein.« Man darf sich billig wundern, dass ein so für die Geisterwelt Eingenommener sich doch zu einem so bedeutenden Regenten und Krieger entwickeln konnte. – In dieser ganz späten Zeit gestaltete sich das zierliche Canopus an der ägyptischen Küste zu einer Art von Unterrichtsanstalt für alle MagieS. oben S. 217. Vgl. Rufin. II, 26. Eunap. in Aedesio, pag. 41 seq. (vet. ed. pag. 73 seq.)., zur »Quelle dämonischen Treibens«. Der Zulauf war ausserordentlich, besonders als einer der Söhne der Sosipatra, Antoninus, sich daselbst niederliess, der zwar selber keine Theurgie trieb, aber als Prophet und Ascet ein übermenschliches Ansehen genoss. Wer zu Fuss oder zu Schiff nach Canopus kam, um seine Andacht zu verrichten, sprach nachher in der Regel bei Antoninus vor und hörte seine Weissagungen. »Diese Tempel«, klagte er oft, »werden bald Gräber werden!« – was denn auch eintraf, als sie zu Klöstern umgebaut und mit Reliquien von Märtyrern versehen wurden. –

Eine merkwürdige Doppelwirkung musste aus diesem Treiben hervorgehen. Einerseits forderte das System sittlichen Wandel und Entsagung; andererseits war nichts mehr geeignet, die Reste wahrer heidnischer Sittlichkeit und Religiosität aufzuzehren als diese exklusive, nur auf Eingeweihte berechnete Beschwörungskunst, die den grossen Haufen hochmütig im Dunkel gehen liess und ihn vielleicht an seinen alten Göttern und Helden vollends irre machte. Denn während der Mythus geleugnet oder sinnbildlich ausgelegt wurde, nahm man die Götter selbst als Dämonen in Anspruch und ordnete auch die Heroen nach Belieben in das System ein. Als unter ConstantinEuseb., Vita Const. III, 57. eine Anzahl Tempel durchsucht und die goldenen und silbernen Bestandteile von den zusammengesetzten Götterbildern zum Einschmelzen weggenommen wurden, wunderten sich viele Heiden, dass im Innersten der Tempel und der Bilder selbst kein Dämon, kein weissagendes Wesen, ja nicht einmal ein schattengleich vorbeihuschendes Gespenst sich vorfand. Man hatte die menschlich schöne Kunstform des Gottes ganz von seinem Wesen als Dämon trennen gelernt. – Eine besondere Erwähnung verdient der seit dem dritten Jahrhundert sehr gesteigerte Kultus Achills in diesem dämonischen SinneS. oben S. 125. Philostrat., Vita Apollon. IV, 11. – Maxim. Tyr., Or. 9. – Zosim. IV, 18. V, 6. – Ein kolossales Beispiel des Dämonenglaubens, bei Dio Cass. LXXIX, 18: unter Elagabal erscheint ein Dämon in Gestalt Alexanders des Gr. an der Donau und reist von da mit einem Schwarm von 400 bacchantischen Dämonen (oder Menschen) über Byzanz nach Chalcedon, wo sie alle nach gewissen Opfern verschwinden.. Er erscheint den Anwohnern der Ebene von Troia – bezeichnend genug – nicht mehr als das Ideal von Heldenschönheit, sondern nur noch in schreckenerregender Gestalt.

 

Aus dem Bisherigen ergibt sich nun auch, was es mit dem spätheidnischen Monotheismus auf sich hat. Ganz gewiss gab es noch immer reine Seelen und scharfe Denker, die im Geist früherer, besserer Zeiten an der Einheit Gottes festhielten. Bei den meisten aber ist dieses Bewusstsein getrübt durch dämonische Zutaten. Man wird zum Beispiel das Heidentum eines Ammianus Marcellinus nicht gering achten können, da er einer der Bessern des vierten Jahrhunderts war und den philosophischen Beschwörern am Hofe seines Helden Julian in die Karten sah; aber wie bedingt ist sein Monotheismus! Die einzelnen Götter bleiben, wenn auch nicht direkt als Dämonen, so doch als fast persönlich gewordene Eigenschaften: Nemesis ist ein erhabenes Recht der handelnden Gottheit, heisst aber dabei Tochter des Iustitia; Themis ist das ewige Gesetz, muss aber doch persönlich gedacht den Auspizien vorstehen; Mercur heisst mundi velocior sensus, das heisst etwa das Bewegungsprinzip des Weltganzen; endlich leitet eben doch Fortuna die menschlichen Schicksale. Die höchste Gottheit muss bei den meisten dieser spätern Heiden ihre erste Eigenschaft, nämlich die Persönlichkeit, an die Untergötter und Dämonen abgeben, auf welche sich dann der Kultus fast ausschliesslich bezieht. Vielleicht am meisten Persönlichkeit behält sie bei den Sonnendienern, welche alle Götter auf die Sonne zurückführten und diese letztere als ein physisches und geistiges Prinzip alles Daseins betrachtenDieser Anschauungsweise hat Macrobius ein Denkmal gestiftet, Saturn. I, 17 ff. – Der christliche Firmicus, 14, legt der Sonne eine ergötzliche Rede an die Bekenner sämtlicher auf sie gedeuteten Mythen in den Mund: »Einige ersäufen mich im Nil, andere entmannen und beweinen mich, andere durchstossen meine zerfetzten Glieder mit sieben Speeren; wieder andere kochen mich im Topf, usw. ‹Betrauert den Liber!›, heisst es, ‹Betrauert die Proserpina! Betrauert den Atys! Betrauert den Osiris!› Wohl: nur dass es ohne Abbruch meiner Würde geschehe! Ihr sollt mich nicht durch alle Gräber schleifen! Zum Tageslicht hat mich Gott geschaffen, und das ist mir genug.«. Es scheint, dass Constantin diesem Glauben wenigstens äusserlich zugetan war, wenn er ihn auch in mithreischer Weise auffasste, wovon unten ein Mehreres. Seinem Vater Constantius Chlorus wird sehr ausdrücklich der Kultus des einen, wahren Gottes zugeschrieben – wenn nicht EusebVita Const. I, 17 und 27. auch hier wieder die Unwahrheit gesagt und einen gewöhnlichen Mithrasdienst zum reinen Monotheismus idealisiert hat. Es gab auch wohl hie und da, in dieser Zeit der Mischung aller Religionen, Übergänge aus dem Judentum in das Heidentum und Parsentum, wie zum Beispiel bei den kappadocischen Hypsistariern (das heisst: Verehrern eines höchsten Gottes) zu Anfang des vierten Jahrhunderts, welche eigentliche Monotheisten waren, bei ihrer bloss provinziellen Geltung jedoch hier nicht weiter in Betracht kommen dürfenVgl. Ullmann, Gregorius v. Nazianz, S. 558 ff. Die auf S. 562 behandelten syrischen Euphemiten sollen eine ganz heidnische, vielleicht von parsischer Seite angeregte Monotheistensekte gewesen sein, welche zwar mehrere Götter annahm, aber nur einen als Allherrscher mit Feuerdienst verehrte.. Endlich äussert sich stellenweise ein ganz wertloser Monotheismus, bei solchen, die gerne mit allen Winden segeln und jeden Anstoss vermeiden wollten, als Constantin durch sein Toleranzedikt alle Standpunkte verrückt hatte. Dieser Art ist das Gebet eines jener Panegyriker, welche oben charakterisiert wurdenPaneg. IX (Incerti ad Const. M. vom J. 313), cap. 26.. »Wir flehen zu dir«, ruft er aus, »höchster Urheber aller Dinge, dessen Namen so viele sind als du den Völkern Zungen gegeben hast, ohne dass wir wissen, welchen Namen dein eigner Wille verlangt! Es sei nun in dir eine göttliche Kraft und Intelligenz, durch welche du in die ganze Welt ergossen dich mit allen Elementen vermischest und ohne irgendeine Kraft von aussen dich selbst bewegest; oder du seiest eine Macht über allen Himmeln und schauest auf dieses dein Werk aus einer höhern Burg hernieder – wir bitten und flehen zu dir, dass du uns diesen Fürsten auf ewig erhaltest.« Man sieht, der Redner lässt die Wahl frei zwischen einem immanenten und einem ausserweltlichen Gott, und wenn er nachher diesem unbestimmten höchsten Wesen noch Allmacht und Allgüte zuschreibt, so hebt er dies doch gleich wieder auf durch die trotzige Schlussphrase: »Wenn du dem Verdienste seinen Lohn verweigerst, so hat entweder deine Macht oder deine Güte aufgehört.« Dieser gallische Rhetor vertritt eine gewiss sehr grosse Zahl von Unentschiedenen und Vorsichtigen, welche den Erfolg abwarten wollten.

 

Nachdem wir den philosophischen Dämonenglauben und seinen Einfluss auf den heidnischen Monotheismus betrachtet, wird es nötig sein, noch einen Blick auf diejenigen Superstitionen und magischen Begehungen der Übergangszeit zu werfen, welche mehr dem Populäraberglauben angehören. Eine scharfe Trennung ist, wie bemerkt, unmöglich.

Vieles von diesen Dingen ist die blosse Fortsetzung des früher Üblichen. So dauert zum Beispiel die etruskische Haruspicin noch immer fort, und zwar im erhöhten Glanze, nachdem sie bekanntlich im ersten Jahrhundert dem Aussterben nahe gewesen warTacit., Annal. XI, 15. Und zwar damals, »weil die fremden Superstitionen überwogen«.. Sie ist die offizielle Götterbefragung am kaiserlichen Hofe und geniesst ausserdem einer bedeutenden Privatpraxis wenigstens in ItalienDer Beweis z. B. in den spätern Verboten: Cod. Theodos. XI, 16, vom Jahr 319.. Im engern Sinne betrifft sie die Erforschung der Zukunft aus den Eingeweiden der Tiere und dem Vögelflug, das Erraten des göttlichen Willens aus dem Blitz, selbst das Herabziehen des BlitzesNoch gegen Alarich und seine Goten ins Werk gesetzt, Zosim. V, 41. – Ein interessanter Bescheid der Haruspices (nach dem J. 276), der sich mit einiger Gewaltsamkeit auf das Haus Habsburg deuten lässt, Hist. Aug., Florian., c. 2., die Regeln der Städtegründung und anderes mehr, aber sie hatte sich im Verlauf der Zeit mit dem übrigen Aberglauben, zumal chaldäisch-astrologischem, vermischt, und auch die Schriftsteller unterscheiden sie nicht immer gehörig von den übrigen Zweigen der Theurgie.

Auch die OrakelAnt. van Dale, De oraculis, Amstelod. 1683. Als Sammlung immer noch brauchbar; – für die Spätzeit eine erschöpfende Darstellung bei Wolf, De novissima oraculorum aetate., das heisst die von bestimmter heiliger Stätte ausgehenden Antworten auf Anfragen über die Zukunft, waren noch keinesweges verstummt, obwohl ihnen in den herumziehenden Beschwörern eine furchtbare Konkurrenz an die Seite getreten war. Die verschiedenen heidnischen Religionen im ganzen Reiche waren einig in der Annahme begnadigter Orte und Stellen, wo man den Willen der Götter deutlicher als sonst vernehmen konnte, und so gab es Orakeltempel, Orakelquellen, heilige Erdspalten, Grotten usw. in allen Provinzen, oft aus sehr alter, vorrömischer Zeit, mit allen möglichen Arten der Befragung und der Antwort. In dieses Gebiet gehört schon das oben erwähnte Übernachten in den Tempeln des Aesculap und Serapis, zur Erzweckung von HeilträumenDer Gott befahl oft keine medizinischen, sondern ganz abergläubische Wundermittel, wie aus einer griechischen Inschrift des Aesculapstempels auf der Tiberinsel in Rom erhellt, s. Gruter., Thes. inscr., p. 71., wobei sich oft eine sehr gebildete Gesellschaft zusammenfand. – Allerdings hatten die grossen, offiziellen, politischen Konsultationen aufgehört, oder die Fragenden hüllten sich ins tiefste Geheimnis und wandten sich dann lieber an Beschwörer; allein wenn auch keinem Croesus mehr in Hexametern geraten wurde, über den Halys zu gehen, so erhielten sich doch die namhaftem Orakel noch alle im Gang durch Pilger der verschiedensten Stände und Interessen, die ihre Gaben darbrachten; Pausanias besuchte die in Griechenland befindlichen der Reihe nach aus Frömmigkeit und KuriositätSein gutes Vertrauen, dass die Prophetie überhaupt noch nicht ausgestorben sei, X, 12.. In betreff Delphis reicht eine zwar spärliche, doch nie auf lange Zeit unterbrochene Reihe von Zeugnissen bis auf Constantin herab und knüpft später noch einmal an. Einzelne Erwähnungen der hellenischen und kleinasiatischen Orakel von Abae, Delos, Milet, Kolophon usw. gehen ebenfalls noch in ziemlich späte Zeit, und man darf sich nicht durch die Kirchenschriftsteller irre machen lassen, bei welchen es fast zum Dogma geworden ist, die Orakel seien seit Christi Geburt zum Schweigen gebracht. Am ehesten möchte dies noch von dem uralten Dodona gelten. Rom hatte und befragte noch zu Zeiten seine sibyllinischen Bücher, welche für die Schicksale des Staates im grossen das höchste Orakel waren; doch scheint sich gegen die letzte vorconstantinische Öffnung derselben, zur Zeit des Barbareneinfalls unter Aurelian, eine aufgeklärte oder andersgläubige Partei im Senat geregt zu habenHist. Aug., Aurel., c. 19 s. Die nächste Öffnung der Bücher, durch Maxentius, s. bei Zosim. II, 16. – Eine frühere, s. oben S. 180 Anm. 265.. Das beliebteste, auch von Kaisern befragte Privatorakel in der Nahe von Rom war dasjenige des herrlichen Fortunentempels von Praeneste, welcher von hoher Terrasse herab weit über die Gegend leuchtete. Neben den »praenestinischen Losen« behaupteten die sonst sehr angesehenen Schicksalstempel von Antium und Tibur nur einen untergeordneten Rang. In Oberitalien genoss noch die warme Quelle von Aponus unweit Padua einen grossen Kredit nicht nur um ihrer Heilkräfte, sondern auch um ihrer Orakel willenHist. Aug., Claud. Goth., c. 10, wo statt Apennino Aponino zu lesen ist. – Claudian., Eidyll. VI., die wenigstens dem Claudius Gothicus in virgilischen Hexametern erteilt wurden. Auch die Quelle des Clitumnus unweit Spoleto mit ihrer bis heute so wunderlieblichen Umgebung war ohne Zweifel noch immer eine geweihte Stätte dieser Art, wie zur ZeitPlin., Epist. VIII. 8. des jüngern Plinius; an dem einzigen erhaltenen von den vielen Tempeln und Kapellen, die einst den Ort schmückten, hat man in frühchristlicher Zeit christliche Embleme angebracht, wahrscheinlich nur, um die weissagenden Dämonen wegzubannen.

In Afrika stand bis auf die Zeit Diocletians die Himmlische Göttin zu Karthago in hohem divinatorischem Ansehen. Selbst Gallien ist nicht ganz ohne Orakel, wenigstens gibt die halbwarme Quelle beim Apollstempel zu AutunPanegyr. VII (Eumen. Constantino), cap. 21. Entscheide über Eid und Meineid.

Von den Orakeln der östlichen Gegenden des Reiches finden sich einzelne fortlaufende Nachrichten über den Aesculapstempel zu Aegae, den des sarpedonischen Apoll zu Seleucia und den Tempel von Mallos, alle drei in Cilicien, sowie über den Venustempel zu Paphos auf Cypern, das tempellose Orakel auf dem Berg Karmel und mehrere Heiligtümer Ägyptens. Von den grossen Tempeln des asiatischen Binnenlandes war vielleicht keiner ohne Ansprüche dieser ArtÜber den kastalischen Quell zu Daphne bei Antiochien, welcher besonders durch seine Orakel über die Schicksale des Thrones berühmt war, vgl. Ammian. Marc. XXII, 12. – Das spätere Aufhören der Orakel berührt u. a. Symmachus, Ep. IV, 33.; aus demjenigen zu Baalbek wurde noch zu Ende des vierten Jahrhunderts das Götterbild periodisch herausgetragen und weissagte (wie jener Apoll zu Hierapolis, S. 202) durch die Richtung, die es selber den Tragenden anwies; andere, gewöhnliche Bescheide erlangte man brieflich und durch Symbole. – Merkwürdig ist die emsige Götterbefragung der Palmyrener, welche sich an den sarpedonischen Apoll und an die Himmlische Aphrodite zu Aphaca wenden, um über die Dauer ihres Reiches Auskunft zu erhalten.

Zu einer zuverlässigen Statistik des Orakelwesens in der constantinischen Zeit wird man indes aus begreiflichen Ursachen nie mehr gelangen. Es ging damit parallel eine beständige, tägliche Befragung der Zukunft durch Beobachtung mancher ganz äusserlicher Zufälligkeiten, die der Aberglaube in das Gebiet der Omina gewiesen hatte. Das sehr beliebte Aufschlagen des Virgil ist eines von den geistreichern Mitteln dieser Art; eine Knechtschaft unter viel geschmackloserem Wahnglauben haben wir in der Einleitung bei Anlass des Septimius Severus kennengelernt (S. 26 f.), welcher ausser den Omina auch noch der Traumdeutung, der Astrologie, der Magie, den attischen Mysterien usw. huldigte. Zu der altrömischen Superstition hatte sich im Laufe der Zeit die der unterworfenen Völker und des Orientes gemischt; während man zu jeder Stunde durch Omina und Portenta sich erschrecken und bestimmen liess, befragte man das chaldäische oder ägyptische Stundenbüchlein für jeden Schritt, den man aus dem Hause tun wollte. Von Maximinus Daza erzählt Euseb, er habe ohne Weissagung und Orakel nichts mit den Fingern von der Stelle zu rücken gewagtEuseb., Hist. eccl. VIII, 14..

Hätte es aber nur dabei sein Bewenden gehabt! Teils um etwas Zukünftiges zu erfahren, teils um es magisch zu bewirken, griff der Römer der frühern Kaiserzeit nicht selten zu den abscheulichsten Mitteln, wobei in der Regel dieselben Chaldäer gebraucht wurden, die sonst aus den Sternen die Zukunft herauslasen. Oft waren schon die Zwecke verbrecherisch, die man erreichen wollte, und da fiel in betreff der Mittel vollends jede Bedenklichkeit weg. Als Germanicus mit tödlicher Magie umgeben und dadurch wirklich zu Tode geängstigt wurdeTacit., Ann. II, 69., kam es neben diesem grossen Frevel nicht in Betracht, dass vorher ohne Zweifel andere Mordtaten hatten stattfinden müssen, um dem Zauberer die nötigen Teile von Menschenkörpern zu schaffen. Aber auch wenn es keinen positiven Zauber, kein »Antun« galt, sondern blosse Erforschung der Zukunft oder Abwendung eines Unheils, waren doch oft die Begehungen von furchtbarer Art. Die Beschauung menschlicher Eingeweide hörte, solange es ein Heidentum gab, nie völlig auf; das Ansinnen eines freiwilligen Todes für den Kaiser Hadrian hat seinem Liebling Antinous das Leben gekostet; das Zerstückeln von Leichen zum Behuf magischen Zwanges, das Beschwören derselben zu einem Scheinleben, endlich die Beschwörung von Seelen waren noch immer allbekannte, keineswegs seltene Mittel der Divination – zahlreichen geringern Zaubers, namentlich der Liebestränke, gar nicht zu gedenken. Die allgemeine Angst vor Magiern muss wenigstens so stark verbreitet gewesen sein, dass man auch namhafte und hochgebildete Leute auf das gefährlichste durch Anklagen dieser Art verschreien konnteHauptaussagen hiefür in der Verteidigungsrede des Apuleius in eigener Sache, Opera, ed. Bipont., vol. II. Sogar dass er seine Gemahlin durch Magie gewonnen, muss er abweisen, l. c., p. 84. 93..

In welches Verhältnis traten nun diese magischen Übungen zu der neuen Richtung des dritten Jahrhunderts auf heidnische Religiosität und Moralität und zu der neuplatonischen Philosophie?

Was von den geheimen Wissenschaften nicht geradezu verbrecherisch und abscheulich war, dauerte ohne Anfechtung fort und wurde sogar offiziell unterstützt, wie denn der fromme Alexander Severus den Haruspices und Astrologen Staatsbesoldungen zuerkannte und sie zu Vorträgen über ihre Fächer verpflichtete. Was weiter ging und nur durch Verbrechen erkauft werden konnte, dessen enthielten sich wenigstens die meisten Kaiser, namentlich als das rastlose Kriegsleben dem Hofe einen kräftigern, gesundern Ton verliehen und Decius die Herstellung der alten Religion zum Staatsziel erhoben hatte. Noch der abergläubige Diocletian erscheint in dieser Beziehung, soviel bekannt ist, tadellos, während wir seine Mitregenten schon wieder in wüstes Unwesen versunken finden werden.

Was aber die Neuplatoniker betrifft, so berührte sich ihre Dämonenlehre allzu unmittelbar mit einzelnen Teilen der gewöhnlichen Zauberei, als dass nicht eine enge Komplizität hätte eintreten müssen; ja, ihre Geisterbannung überhaupt ist zum Teil ein Ausfluss des orientalischen und okzidentalischen Zauberglaubens im Volke.

Drittens gehen die Christen in ihrem teils judaisierenden, teils populären Dämonenglauben mit den Heiden parallel und zweifeln nicht im geringsten daran, dass es zahlreiche, stark auf das Menschenleben wirkende, durch Menschen zu bannende Mittelmächte gebe, die als gefallene Engel, oder als Giganten, das heisst als Söhne der Engel und der Töchter der Menschen gedacht werdenDie Stellen aus den Kirchenvätern gesammelt bei L. Usteri, Entwicklung des paulin. Lehrbegriffs, Anhang.. Allein diese Geister sind durchaus böse, dem Reiche Gottes und dem Heil der Menschen abgeneigt; manche halten sie für Urheber des Unheils in der Natur, zum Beispiel der Erdbeben und Seuchen, wie in der sittlichen Welt; ja, sie sind die Urheber des ganzen törichten und sündenreichen Heidentumes, wozu sie das Menschengeschlecht verführt haben, um es unrettbar in ihrer Gewalt zu behalten. – Diese Ansichten sind alt und zum Teil schon aus dem Judentum herübergenommen, bildeten sich aber später noch schärfer aus. Als Zeugen aus der Zeit kurz nach der grossen diocletianischen Verfolgung wollen wir LactantiusLactant., Divin. Institut. II, 14.5. hören: »Diese überirdischen und irdischen Dämonen wissen vieles Künftige, aber nicht alles; den eigentlichen Ratschluss Gottes wissen sie nicht. Sie sind's, die sich beschwören lassen durch Magier, auf deren Anrufung sie die Sinne des Menschen mit blendendem Gaukelwerk betrügen, so dass er nicht sieht, was ist, sondern zu sehen glaubt, was nicht ist . . . Sie bringen Krankheiten, Träume, Wahnsinn, um die Menschen immer mehr durch Schrecken an sich zu ketten . . . Man darf sie aber nicht etwa deshalb aus Furcht verehren, denn sie sind nur schädlich, solange man sie fürchtet; bei Nennung Gottes müssen sie fliehen, und der Fromme kann sie sogar zur Angabe ihres eigenen Namens zwingen . . . Sie haben die Menschen gelehrt, Bilder verstorbener Könige, Helden, Erfinder usw. zu machen und göttlich zu verehren; hinter den Namen derselben verbergen sie aber nur sich selber, wie hinter Masken. Die Magier freilich rufen den Dämon nicht bei diesem bloss vorgeschobenen Götternamen, sondern bei seinem wahren, überirdischen . . .« Weiterhin wird zugegeben, die Dämonen wohnten wirklich in den Tempeln und täten Wunder, alles, um die unglücklichen Menschen in ihrem Wahnglauben zu bestärken; ihr Vorauswissen der Zukunft, das sie als ursprünglich göttliche Geister in der Tat besässen, wendeten sie dazu an, in den Orakeln bisweilen die Wahrheit zu künden, damit es nachher das Ansehen gewinne, als hätten sie die Tatsachen selber vollzogen. – Aus derselben Zeit rühren auch die Äusserungen des ArnobiusAdvers, gent. I, p. 25. IV, p. 134. – Ähnliche sehr starke Stellen bei Tertullian., Apolog. 22. 23. – S. auch Euseb., Hist. eccl. VII, 10. her, welcher den ganzen objektiven Tatbestand der Zauberei in einem sehr weiten Umfange zugibt und zum Beispiel gerade darin einen Hauptunterschied zwischen Christus und den Magiern findet, dass jener seine Wunder durch die Kraft seines Namens, diese dagegen die ihrigen bloss durch Hilfe der Dämonen zustande gebracht hätten. Auf die Wunder des Simon Magus, namentlich auf seinen feurigen Wagen, wird als auf etwas Allbekanntes hingewiesen. Freilich könne man nicht wissen, ob nicht bei allen Berufungen und Bannungen immer nur einer und derselbe, nämlich Satan, erscheine.

Dieses musste vorausgeschickt werden, um das Mass des noch herrschenden allgemeinen Zauberwahns einigermassen zu bezeichnen. Vielleicht waren die Besten dieser Zeit nicht gänzlich darüber hinaus. Die Beispiele der einzelnen Zaubergattungen werden das Nähere ergeben.

Die neuplatonischen Beschwörer kannten, wie oben bemerkt, als eine eigene Kategorie die Bannung von Menschenseelen. Unabhängig von ihrem System und lange Zeit vor demselbenAls uralte griechische Übung schon im XI. Buche der Odyssee. kam dieselbe auch sonst häufig vor, weil von den Verstorbenen jederzeit mancherlei wichtige Auskunft erwartet und der Tote in mehrern alten Religionssystemen geradezu als Genius betrachtet wurde. In den zwei ersten Jahrhunderten ist oft von solchen, zum Teil unter schrecklichen Umständen vollzogenen Bannungen die Rede, wobei man bloss an die Canidia des Horaz und an Nero zu erinnern braucht. Das dritte Jahrhundert zeigt uns zunächst CaracallaDio Cass. LXXVII, 15., der sich in wahnsinnigem Fieber von seinem Vater Severus und seinem ermordeten Bruder Geta mit Schwertern verfolgt glaubt und nun eine Menge Seelen beschwört, um von ihnen die Art der Heilung zu erfragen; Commodus, auch Severus selbst erschienen auf den Ruf, aber den letztern begleitete ungerufen die Seele Getas, und der entsetzte Beschwörer vernahm keinen Trost, sondern nur wilde Drohungen. Von den spätern KaisernDass den Imperatoren Tacitus und Florian der Schatten ihrer Mutter erschien (Hist. Aug., Flor. 4), war nicht Folge einer Beschwörung. wird zwar nichts Ähnliches mehr berichtet, allein die Seelenbannung blieb im Gebrauche, und die christlichen Schriftsteller reden öfter davon mit Abscheu als von etwas Bestehendem, ja die Anklagen sowohl als die Verbote dieses Inhaltes reichen bis weit in die christliche Zeit hineinAmmian. Marc. XIX, 12. XXVI, 3. XXVIII, 1.. Nur sind sie in der spätern Zeit nicht immer auszuscheiden von den allgemeinen Anklagen und Verboten gegen das Verbrechen des sogenannten Veneficiums, welches ausser der Giftmischerei auch jede andere unerlaubte Wirkung durch äussere Mittel umfasst. Man rechnete dahin zum Beispiel die Zaubermittel, durch welche die Wagenführer des Zirkus sich den Sieg zu verschaffen meinten. Es gab in Rom noch immer »Lehrer der bösen Künste«, und wer ihnen nicht seinen eigenen Sohn in die Lehre geben mochte, versuchte es etwa mit einem besonders anstelligen Sklaven. Noch um die Mitte des vierten Jahrhunderts findet sich ein sardinischer Sklave, welcher sehr geübt war, »schadenbringende Seelchen hervorzulocken und Gespenstern Weissagungen abzunötigen«.

Allein der wahre Zauberer verstand es auch, einer Leiche für kurze Zeit das Leben wiederzugeben und sie zum Sprechen zu bringen. Griechenland hatte von alters her seine Totenorakel gehabt, allein in der spätern Zeit, von welcher hier die Rede ist, hat diese grauenvolle Kunst ihren Hauptanhalt unstreitig an Ägypten, und selbst wer nicht dorther stammte, nahm doch gerne beim Beschwören den ägyptischen Ton anSo in Lucians Philopseudes (Kap. 31) der Neupythagoreer Arignotos gegenüber dem Gespenst in Korinth, αιγυπτιάζων τη φωνή.. Apuleius im zweiten Buche der Metamorphosen verlegt eine solche Szene auf das Forum von Larissa in Thessalien, wo es sonst an einheimischen Zauberern nicht fehlte; gleichwohl muss ein Ägypter, Zachlas, in weissem Linnenkleid, mit geschorenem Haupte, auftreten, um durch dreimaliges Auflegen gewisser Kräuter auf Mund und Brust der Leiche und durch leises Gebet zur aufgehenden Sonne das Wunder zu vollbringen. Eine andere Geschichte dieser Art, ohne apuleischen Humor mit grellem ägyptischem Detail erzählt, findet sich bei HeliodorHeliodor., Aethiop. VI, 14.; hier beschwört eine Mutter ihren im Kampf getöteten Sohn, und die Leiche spricht Wahrheit, während es im obigen Falle zweifelhaft bleibt, ob der Zauberer nicht ein falsches, lügenhaftes Leben in den Körper gebannt hat. Der Autor, unter der Maske des weisen Priesters Kalasiris, missbilligt freilich dieses Leichenbeschwören und stellt auch bei einem andern AnlassAethiop. III, 16. 17; vgl. IX, 5. 7. 12. dieser niedrigen Mantik eine höhere, echt ägyptische Weisheit gegenüber, welche gen Himmel blicke, mit den Göttern umgehe usw.; allein dies sind Ausreden des vierten Jahrhunderts, als die Staatsgewalt in Sachen der Zauberei keinen Scherz mehr verstand, oder auch vielleicht Nachwirkungen der edlern, plotinisch-porphyrischen Schullehre, die sich von der operativen Magie mit Willen fern hielt. – Was soll man aber denken, wenn einzelne Beispiele der Leichenbeschwörung bei frommen christlichen Priestern vorkommen, und zwar nicht erst im Mittelalter, sondern im vierten und fünften Jahrhundert? Der heilige Spiridion (Spyridon), Bischof von Trimithunt auf CypernSocrates, Hist. eccles. I, 12. Sozomenus I, 11. Aus Rufin. I, 5., der später beim nicaenischen Konzil anwesend war, hatte eine Tochter Irene, welcher ein Bekannter einen wertvollen Gegenstand anvertraut hatte; sie starb darüber, und Spiridion, der den Schatz zurückgeben sollte und den Ort der Verwahrung nicht wusste, rief seine Tochter mit Namen, bis sie ihm aus dem Grabmal heraus die gewünschte Kunde gab. Ein späterer Erzähler beschönigt dies mit den Worten »er flehte, Gott möge ihm vor der Zeit die verheissene Auferstehung an einem Beispiel zeigen«, während es sich doch offenbar um einen Rest heidnischen Glaubens handelt. – Aus den letzten Jahren des weströmischen Reiches wird eine viel bedeutender motivierte LeichenbeschwörungEugippius, Vita S. Severini, cap. 16. berichtet, welche in dem Zusammenhange, dem sie angehört, einen grossen Eindruck macht. Der heilige Severin, in der tiefsten Not seiner Gemeinden an der Donau, ruft einen gestorbenen Presbyter zum augenblicklichen Erwachen und fragt ihn, ob er gestatte, dass sein Leben noch einmal von Gott verlangt werde; der Tote aber fleht, man möge ihn in der ewigen Ruhe lassen, und sinkt von neuem entseelt zurück. Hier liegt allerdings schon eine ganz andere psychologische Anschauung zugrunde, und zwar eine wesentlich christliche, auf welche wir nicht näher eingehen können.

Zum Schlusse muss des Missbrauches einzelner Teilte von Leichen als Mittel zu magischen Zwecken gedacht werden. Wir müssten tief in die Ursprünge aller Magie hinabsteigen, wenn wir die primitiven Formen dieses besondern Wahnglaubens ermitteln sollten; genug, dass von Menschenfleisch und Menschenknochen bei den verschiedensten Zaubergattungen die Rede ist, sowohl bei der blossen Erforschung der Zukunft als bei dem magischen Wirken auf andere. Ursprünglich mochte es auf den Schatten desjenigen abgesehen sein, von dessen Leiche die Stücke genommen waren, allein diese Beziehung macht sich später nicht mehr mit Deutlichkeit geltend; das Mittel ist ein allgemeines geworden, und es liesse sich von der griechischen Zeit abwärts ein langes Verzeichnis von einzelnen Beispielen seiner Anwendung zusammenstellen. Doch ein einziger sehr bezeichnender Fall kann uns die widerliche Wanderung durch dieses Gebiet der Nacht ersparen. Man erinnert sich der bekannten herodoteischen Erzählung vom Schatz des Rhampsinit und von der abgehauenen Hand des Diebes, wobei vielleicht schon eine magische Vorstellung vorauszusetzen ist: die rechte Hand ist nächst dem Schädel immer der begehrteste Teil der Leiche gewesen. Nun begibt es sich unter Constantin, und zwar wiederum in Ägypten, dem Vaterland alles wüsten Zaubers, dass eine abgehauene Hand zu magischen Künsten gebraucht werden sollSocrates, Hist. eccles. I, 27 s. – Sozomenus II, 23., und zwar ist es niemand anders als der grosse Athanasius von Alexandrien, welchem aufgebürdet wird, er habe einem Bischof der meletianischen Sekte aus der Thebais, namens Arsenius, zu jenem Zweck die Hand abhauen, ja ihn ermorden lassen. Auf der Synode zu Tyrus, angesichts der ersten Bischöfe des Reiches, wagen sich die ägyptischen Geistlichen, seine Gegner, nicht bloss mit der Anklage, sondern mit dem vorgeblichen corpus delicti hervor; eine wirkliche Hand – »ob von einem absichtlich Ermordeten oder sonst Gestorbenen, weiss Gott allein« – wird den heiligen Vätern unter die Augen gelegt. Athanasius macht die Anklage wohl glänzend zunichte, indem er den lebendigen, unverstümmelten Arsenius mitten in das Konzil hineinführt, allein, dass eine Behauptung wie jene, und zwar in einem solchen Kreise, gewagt werden durfte, spricht ganz unwiderleglich für die Allgemeinheit des Wahnes und für das häufige Vorkommen der Übung.

Von einem andern Prinzip geht die Beschauung menschlicher Eingeweide aus, welche schon in alten Zeiten und bei den verschiedensten VölkernStrabo III, 3 erzählt es z. B. von den Lusitaniern. namentlich an Kriegsgefangenen geübt wurde. Sie ist wesentlich divinatorischer Art, doch schliesst sich daran unvermeidlich auch eine operative Magie an oder wird von den Berichterstattern ohne weiteres vorausgesetzt, weil der populäre Glaube an den magischen Wert einzelner Leichenteile zu fest gewurzelt ist, um sich mit dem blossen Extispicium zu begnügen. Auch für die Fortdauer dieses Greuels reicht ein einziges Beispiel zum Beweise hin. Unter den fast durchgängig überaus abergläubischen Fürsten dieser Zeit wird Maxentius, der Sohn des Maximianus Herculius, insbesondere beschuldigt, schwangere Weiber, auch Kinder zum Zweck der Eingeweideschau aufgeschnitten und durch geheime Begehungen die Dämonen herbeigerufen zu haben. Obschon Eusebius dieses erzähltEuseb., Hist. eccl. VIII, 14 und Vita Const. I, 36., der vom Heidentum durchaus nicht immer die richtigsten Begriffe hat und auch nicht immer die Wahrheit sagen will, so lässt sich doch bei der bösartigen Roheit des Maxentius kein begründeter Zweifel gegen diese Aussage erheben. Es befremdet dann auch nicht mehr, was eine andere QuellePanegyr. IX, 16. meldet, dass er noch zwei Tage vor seinem Ende das blutbefleckte Palatium verliess und eine Privatwohnung bezog, weil ihm dort die Rachedämonen keinen Schlaf mehr gönnten. Ähnliches war ohne allen Zweifel das ganze dritte Jahrhundert hindurch häufig vorgekommen. – Übrigens ist mit diesen beiden Gattungen der magische Gebrauch der Menschenleiber keineswegs erschöpft; sympathetische Wirkungen wurden zum Beispiel auch mit dem Blute erzweckt, in welchem nach der herrschenden Ansicht die eigentliche Lebenskraft liegen sollte. Es wird eine Geschichte dieser Art schon von Marc Aurel berichtetHist. Aug., Marc. Aur., c. 19., die ebenso traurig als schmutzig wäre, wenn man sie für wahr halten müsste, und die selbst als Fabel einen übeln Schein auf die Zeit wirft, deren Gebildete daran glauben konnten.

In betreff dieses ganzen Zauberwesens wird nun die Geschichte ewig umsonst nach dem objektiven Tatbestande fragen. Heiden, Juden und Christen waren gleichmässig überzeugt, dass Geister und Tote beschworen werden könnten; es handelt sich auch nicht wie beim Hexenwesen der letzten Jahrhunderte um etwas gewaltsam in die Menschen Hineinverhörtes, sondern um hundert rücksichtslose, freie und deshalb sehr verschieden lautende Aussagen von zum Teil sehr besonnenen und sittlich ehrenwerten Schriftstellern. Wie vieles bewusster Betrug, wie vieles blosse pia fraus und wie vieles Selbsttäuschung und ekstatische Vision war, ist und bleibt ein Rätsel, wie bei den neuplatonischen Beschwörungen. Denn jedes Jahrhundert hat seine eigene Ansicht von dem Übersinnlichen in und ausser dem Menschen, in welche sich die Folgezeit nie ganz hineinversetzen kann.

Mit der bisherigen Darstellung des Heidentumes gedenken wir bloss die wesentlichen Richtungen des damaligen Glaubens bezeichnet zu haben. Wenn alle Spuren im einzelnen aufgeführt werden sollten, wenn alle abweichenden Auffassungen der Götterwelt überhaupt, wenn sogar aller einzelne Amulettdienst und Symboldienst hergezählt werden könnte, in einem Jahrhundert, da sich mancher mit der Anbetung eines einzigen Schlängleins als Agathodaemon begnügte und weiter an nichts glaubte – dann würden vielleicht die dreihundert Sekten, die der Philosoph Themistius kannte (S. 229), wenigstens hypothetisch nachzuweisen sein. Mit diesem »vielgötterischen Wahnsinn«Euseb., Vita Const. II, 45 η πολύθεος μανία. sollte nun das Christentum noch einmal in einen entscheidenden Kampf treten. Dieser hatte zum Glück auch eine literarische Seite. Die rationellen Verteidiger des Christentums in dieser Zeit der Krisis, der schon oft angeführte Arnobius und Lactantius, haben für uns einen noch höhern Wert durch ihre Darstellung des sinkenden Heidentums. Zwar stehen sie auf den Schultern ihrer Vorgänger, namentlich des Clemens von Alexandrien, allein sie bringen auch viel Neues, für das Jahrzehnt der Verfolgung und die damaligen Stimmungen wahrhaft Bezeichnendes. Das höchst achtungswerte Buch des Lactantius gibt sich als das Resultat tiefer und vielseitiger Studien zu erkennen; die Schrift des Arnobius ist als rasch hingeworfener Erguss des düstern, glühenden Unwillens eines Neubekehrten der unmittelbarste Zeuge des Momentes. Das durchgehende leidenschaftliche Missverständnis des Heidentums in betreff seines Ursprungs und seiner Entwickelungen stört den jetzigen Leser nicht mehr; er weiss, was von dem Euhemerismus dieser Kirchenschriftsteller zu halten ist, und nimmt die kostbaren Aufschlüsse aller Art, welche neben diesem Irrtum liegen, mit Begierde an.

Ziehen wir die letzten Resultate aus dem Bisherigen, so findet sich, dass nicht nur die Zersetzung des Heidentumes als solche dem Christentum im allgemeinen günstig war, sondern dass die einzelnen Symptome derselben mannigfach eine Vorahnung des Christentums, eine Annäherung an dasselbe enthielten. Vor allem war die Göttermischung an sich ganz geeignet, einer neuen Religion den Boden zu ebnen. Sie entnationalisierte das Göttliche und machte es universell; sie brach den Stolz des Griechen und Römers auf seinen alten einheimischen Kultus; das Vorurteil zugunsten alles Orientalischen musste nach langem Herumirren im bunten Gebiete des Wahnes am Ende auch zugunsten des Christentums durchschlagen. Sodann war der wesentliche Inhalt der spätheidnischen Anschauungen dem Christentum geradezu analog; der Zweck des Daseins wird nicht mehr auf das Erdenleben, seine Genüsse und Schicksale allein beschränkt, sondern auf ein Jenseits, ja auf eine Vereinigung mit der Gottheit ausgedehnt. Durch geheime Weihen hoffen die einen sich der Unsterblichkeit zu versichern; die andern wollen sich durch tiefe Versenkung in die höchsten Dinge oder auch durch magischen Zwang der Gottheit aufdringen; alle aber huldigen dem wesentlich neuen Begriff der bewussten Moralität, die sich sogar bis zur Kasteiung steigert und, wo sie nicht im Leben durchgeführt wird, doch wenigstens als theoretisches Ideal gilt. Die Spiegelung hievon findet sich wieder in dem philosophischen Wegschaffen und Umdeuten der griechischen Mythen, welche zu jenem Standpunkt nicht passten. Dem Monotheismus nähert sich das sinkende Heidentum wenigstens stellenweise durch merkwürdige Aufschwünge, mochten dieselben sich auch bald in den Netzen des Dämonenglaubens verfangen. Ob die Heiden sogar bis zu einem Bewusstsein der Sünde durchdrängen, mag sehr zweifelhaft bleiben; die Voraussetzungen dazu sind aber deutlich vorhanden in der neuplatonischen Lehre, welche das Eintreten der Seele ins irdische Leben als einen Fall, ihren Austritt als eine Art von Erlösung bezeichnet.

Das Christentum musste auf die Länge siegen, weil es alle diese Fragen, um deren Lösung sich jene gärende Zeit so sehr bemühte, ohne allen Vergleich einfacher und in einem grossartigen, einleuchtenden Zusammenhange beantwortete.

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