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Die Zeit Constantins des Großen

Jacob Burckhardt: Die Zeit Constantins des Großen - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Zeit Constantins des Großen
authorJacob Burckhardt
firstpub1853
yearca. 1950
publisherVerlag Hallwag
addressBern
titleDie Zeit Constantins des Großen
created20040801
sendergerd.bouillon
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Bei der Aufnahme vorderasiatischer Gottheiten hatte es sich schlechthin um eine neue Superstition und um eine Erweiterung des Götterdienstes gehandelt; ein neues Bildungselement kam mit diesem Kultus nicht nach Rom. Ganz anders imposant treten die Götter Ägyptens in der grossen Mischung auf. Es begleitete sie die uralte Ehrfurcht des Griechen vor der ägyptischen Priesterweisheit, in welcher man Theologie, Astronomie, Naturbeobachtung, Heilkunde und Mantik gleichmässig vollendet zu finden hoffte. Hier handelte es sich nicht um rasende Verschnittene, sondern um eine Priesterkaste, welche einst die Pharaonen und ihr Volk beherrscht und die grössten Denkmäler hinterlassen hatte.

Diese Kaste erscheint allerdings schon bedeutend herabgekommen zur Zeit der Ptolemäer, und ihre Tempelgüter werden ohne Widerstand zur Tragung der Staatslasten herbeigezogen (s. oben S. 152). Das alte Vorurteil zugunsten ihrer geheimen Weisheit ist geschwunden, seitdem auf der Düne des Delta die Stadt Alexanders sich erhoben hat, wo griechische Gelehrte und griechisch gebildete Ägypter die grösste Werkstätte des damals modernen kritischen Sammelns, Forschens und Wissens aufschlagen. Der macedonische König, seine Beamten und Soldaten werden nicht mehr von den Tempeln aus gelenkt, und seitdem lohnt es sich auch nicht mehr der Mühe, das grosse alte System priesterlichen Wissens aufrechtzuhalten. Strabo, bei Anlass seines Besuches zu Heliopolis in UnterägyptenStrabo l. XVII., erzählt: »Wir sahen auch grosse Häuser, in welchen die Priester wohnten, einst Philosophen und Astronomen; aber Korporation und Tradition sind dahin, wenigstens liess sich kein Vorsteher dieser Art sehen, sondern nur Opferer und Kustoden, welche den Fremden die Sehenswürdigkeiten des Tempels erklärten.« Man zeigte u. a. die Stelle, wo einst Plato dreizehn Jahre gewohnt haben sollte, ohne den Priestern das Wesentliche ihrer Geheimnisse abgewinnen zu können; jetzt dagegen würde derjenige unter gebildeten Leuten ausgelacht, welcher von diesen Dingen Aufhebens machen wollte. Allein von der Seite des Aberglaubens erobert Ägypten bald den Einfluss wieder, den es von Seiten des Wissens eingebüsst hat.

Fürs erste ist die alte Religion noch im Lande selbst ausserordentlich stark befestigt (S. 160 ff.). Sie verdankte dies teils dem angeborenen Trotze des Ägypters, der seine Nationalität auf keine Weise besser gegen die fremden Herrscher wahren konnte, teils ihrem althergebrachten Organismus. Kein Volk der alten Welt hatte sein ganzes Leben so völlig von heiligen Lehren und Vorschriften abhängig gemacht wie das ägyptische. Die besten Kräfte der Nation sind hier seit Jahrtausenden darauf gewandt worden, das Verhältnis zum Überirdischen durch Symbole zu verherrlichen; Tempelbau, Feste, Opfer und Begräbnis nehmen einen Raum ein, neben welchem das bürgerliche Leben, der Ackerbau und der Handel nur eine untergeordnete Geltung können behauptet haben. Ein solcher Zustand, der nie gründlich abgeschafft oder durch etwas wesentlich Neues verdrängt worden war, musste noch auf das stärkste nachwirken. Noch standen die meisten Tempel unberührt; was Kambyses und die Perser zerstört hatten, davon hielt ein leidenschaftlicher Abscheu das Andenken selbst in der römischen Zeit frisch. Die Priester, welche noch die Paläste bei und an den Tempeln inne hatten, taten ohne Zweifel das Mögliche, um die Orakel und Opfer in Glanz und Ehren zu halten und die Prozessionen durch die weiten Hallen und Hofräume, durch die Alleen von Sphinxen und Widdern mit alter Pracht zu feiern. Wenn wir annehmen dürften, dass die ganze Hierarchie noch in demselben Umfang fortgedauert habe, wie sie unter den Ptolemäern nachzuweisen istFür das Folgende s. Boeckh, Corpus inscr. Graec. III, fasc. II, Einleitung., so würde dies ein Heer von geweihten Personen ausmachen. Zwar hatte man dieser gefährlichen Macht die Spitze abgebrochen; die Ptolemäer hatten den Oberpriester ihrer eigenen vergöttlichten Person mit dem Oberpriester von ganz Ägypten identifiziert und ihm seinen Sitz in Alexandrien angewiesen; auch die Römer wussten sich zu helfen, wenigstens unter Hadrian versah diese Stelle eines »Oberpriesters von Alexandrien und ganz Ägypten« ein Römer, L. I. Vestinus, der zugleich Vorsteher des Museions von Alexandrien warWomit Strabo XVII, 1 zu vergleichen.. Aber die Masse der Priester bestand ohne Zweifel fortwährend aus Ägyptern; da war der Prophetes, welcher Orakel spendete oder gewisse besonders heilige Opfergebräuche vollzog; die Hierostolen, welche die Garderobe der Götterbilder besorgten; die Pterophoren, welche Flügel auf den Köpfen trugen; die Hierogrammateis, welche einst alle heilige Weisheit verwalteten, jetzt aber schon zu Traumdeutern degradiert sein mochten; die Horoskopen oder Sterndeuter; die Pastophoren, welche in den Prozessionen die Gehäuse mit den Götterbildern trugen; die Sänger, die Stempeler der Opfertiere; die Hüter der heiligen Tiere; die verschiedenen Rangklassen der Einbalsamierer und Grabwärter; endlich zahlreiche Tempelsklaven, welche teils wie Mönche in freiwilliger Klausur lebten, teils als Terminierbettler herumgingen. Um die Serapistempel, namentlich den bei Memphis herum, lagen schon seit dem zweiten Jahrhundert v. Chr. die Zellen jener »Eingeschlossenen«, welche durch lebenslangen Kerker in der Nähe des Gottes »rein« zu werden hofften; offenbar das nahe und unleugbare Vorbild der christlichen reclusi; sie erhielten ihre Nahrung nur durch das Fensterchen und starben in diesen LöchernWeingarten, Der Ursprung des Mönchtums, S. 30 ff., nach Brunet de Presle und Letronne.. – Vollständig oder unvollständig erhalten, hatte diese ganze grosse Schar nur das eine Interesse: den ägyptischen Aberglauben mit allen Kräften aufrecht zu halten und auch den Römern soviel als möglich zu imponieren.

Neben einer grossen Anzahl mehr oder weniger lokal gedachter Götter hatten überall die allgemeinen ägyptischen Gottheiten Isis, Osiris, Anubis ihre Tempel. In Alexandrien und mehrern andern Städten kam hinzu der aus Sinope geholte, vorgeblich mit Osiris als Totengott verwandte Serapis, dessen Tempel als eines der Wunder der antiken Baukunst galt und von Anbauten umgeben war, welche seit dem Untergang des Museions unter Aurelian die noch immer höchst wichtigen wissenschaftlichen Anstalten, unter anderm die eine grosse Bibliothek, enthielten. Es ist der Mühe wert, die Aussage RufinsHist. eccl. II, 23 seq. – Ammian. XXII, 16. – Avieni Orbis descr., vs. 374., so fabelhaft und undeutlich sie klingt, in betreff dieses ausserordentlichen Gebäudes anzuhören, weil sich hier klarer als sonst erkennen lässt, wie sehr sich der Hellenismus in dieser Heimat alles Aberglaubens der nationalen Denkweise zu fügen wusste. Das Serapeion, auf hundertstufigem Untersatz hoch über die Stadt emporragend, scheint ein riesiger Gewölbebau gewesen zu sein, der auf allen vier Seiten mit Kammern, Treppen und geheimen Gängen, oben sogar mit Priesterwohnungen und jenen Zellen für Büsser umgeben war; dann lief ein vierfacher Portikus entweder um das Gebäude selbst oder erst um einen Hofraum herum. An dem ganzen Tempel war das prachtvollste Material, auch Gold und Elfenbein nicht gespart. In der grossen mittlern Halle stand das Bild des Gottes, überaus kolossal, so dass es mit den ausgestreckten Händen die beiden Seitenmauern berührteOder hätte berühren können; bei dem sonst als Zeus stilisierten Serapis wären ausgestreckte Arme zu auffallend.; es war nach Art der Chryselephantinstatuen aus verschiedenen Metallen über einen hölzernen Kern zusammengesetzt, die nackten Teile von irgendeiner wahrscheinlich geheiligten Holzart. Die Wände waren mit Erz bekleidet, hinter welchem die alexandrinische Phantasie eine zweite Bekleidung von Silber und eine dritte, innerste, von Goldblech vermutete. Der ganze grosse Raum war dunkel und also auf künstliche Beleuchtung berechnet; nur an dem Festtag, da man das Bild des Sonnengottes auf Besuch zu Serapis brachte, wurde in einem bestimmten Augenblick eine kleine Öffnung gegen Osten aufgedeckt, durch welche plötzlich der glühende Sonnenschein auf die Lippen des Serapisbildes fiel, und dies nannte man den Sonnenkuss. Andere optische und mechanische Künste, wozu der Tempel wie ein Theater eingerichtet gewesen sein muss, werden nicht näher bezeichnet, oder sie sind von durchaus märchenhafter Art, wie die Geschichte von dem Magnet in der Decke, welcher das aus dünnem Eisenblech gefertigte Sonnenbild in der Luft schwebend erhielt, was später bekanntlich auch vom Sarge Mohammeds berichtet wird. Der Tempel war sonst noch, wie die Serapistempel überhaupt, berühmt für die sogenannte Inkubation; Kranke nämlich schliefen daselbst oder schickten andere zum Schlafen hin, um in gottgesandtem TraumTacit., Hist. IV, 81. das Mittel der Genesung zu erfahren; eine Methode, welche die Griechen in ihren Asklepiostempeln ebenfalls anwandten und welche Anlass gab, die beiden Götter geradezu miteinander zu identifizieren. – Übrigens war in der ganzen Stadt jede Wand, jeder Türpfosten mit einem Symbol des grossen Gottes bezeichnet, wozu noch zahllose Tempel, Kapellchen und Bilder aller übrigen Gottheiten auf allen Gassen kamenStrabo XVII, 1: die Stadt ist voll von geweihten Stellen und von Tempeln. Rufin. l. c.. Jene Einrichtung auf betrügerische Phantasmagorie u. dgl. glaubte man freilich auch in andern Tempeln zu finden oder voraussetzen zu dürfen; so war in dem Tempel eines Gottes, der in dem lateinischen Bericht als Saturn bezeichnet wirdAuch Eutychius Alex. p. 435 ed. Oxon. kennt einen Saturnstempel mit einem grossen ehernen Bilde; es könnte aber hier wie bei Rufin doch wieder Serapis gemeint sein, welcher öfter mit Saturn identifiziert wird., das grosse Bild an die Wand angelehnt und innen hohl, so dass ein Priester hineinsteigen und durch den offenen Mund reden konnte; die Tempelleuchter hatte man zu plötzlichem Erlöschen präpariert. Doch war vielleicht gar manches dieser Art kein absichtlicher Betrug, sondern eine von jedermann zugestandene und gekannte Maschinerie zum Behuf der grossen symbolischen Feiern, an welchen das alte Ägypten von jeher reich war; wer dabei den einfältigen Fanatismus hatte, durchaus an Wunder zu glauben, dem widersprachen natürlich die Priester nicht. Wir werden dieselben allerdings mit Theurgie und Geisterbannung beschäftigt finden, allein sie stehen selber mitten in dem Wahne, wenigstens nicht ganz als Betrüger ausserhalb desselben. Denn der Aberglaube war hier die eigentliche Lebensluft geworden; noch ganz spät treibt die ägyptische Götterfamilie neue Schösslinge, wie zum Beispiel Serapis selbst und der hässliche Canopus, welcher in der gleichnamigen Deltastadt als ein Krug mit menschlichem Kopf und Extremitäten verehrt wurde. Zu Strabos Zeit war Canopus mit seinen Wirtshäusern der Lieblingsausflug der Alexandriner gewesen; der Nilkanal, auf welchem man hinausfuhr, war Tag und Nacht belebt durch Barken voller Weiber und Männer, welche zum Flötenspiel tanzten und sich aller Ausgelassenheit ergabenNoch Ammian. XXII, 16 rühmt die fröhlichen Wirtshäuser und die milde Luft. Hadrian in seiner Villa bei Tibur hatte sich unter andern Herrlichkeiten der alten Welt auch ein Canopus im Kleinen hinbauen lassen.. Damals war noch ein Serapistempel, wo man ebenfalls Kurträume hatte, das Hauptgebäude der Stadt; später tritt das Heiligtum des Canopus selbst in den Vordergrund und wird im vierten Jahrhundert eine hohe Schule aller ZaubereiRufin., Hist. eccl. II, 26..

Von der Fortdauer und Rivalität der TierkulteDie verschiedenen Erklärungen stellt zusammen Plutarch., De Iside et Osiride 72. ist schon im vierten Abschnitt die Rede gewesen. Jeder Nomos oder Distrikt verehrte sein besonderes Tier, das Schaf, den Wolf, den Pavian, den Adler, den Löwen, den Bock, die Spitzmaus usw. Allgemeine Verehrung genossen vor allem die beiden berühmten Stiere: der Mnevis, welcher beim Tempel von Heliopolis in einer Kapelle noch zu Strabos Zeit unterhalten wurde, und der Apis, in welchem die Seele des Osiris fortleben sollte, zu Memphis. Es gab nicht zu jeder Zeit einen schwarzen Stier mit weissem Stirnfleck und mondförmigem Seitenfleck; im vierten Jahrhundert musste einst lange darnach gesucht werdenAmmian. XXII, 14, vgl. Hist. Aug., Hadrian., c. 11.. Fand man ihn, so wurde er in ehrfurchtsvoller Prozession, samt der Kuh, die ihn geboren, nach Memphis geführt, wo ihn hundert Priester in Empfang nahmen und in den Tempel brachten, der ihm zum Stalle dienen sollte. Hier und in dem davor liegenden Hof beschauten ihn die Fremden und fanden in jeder seiner Bewegungen eine Vorbedeutung. Als er einst dem Germanicus nicht aus der Hand fressen wollte, ahnte den Leuten nichts Gutes. – In Arsinoë gab es noch immer Priester, welche die dort göttlich verehrten Krokodile zu zähmen, wenigstens zu füttern verstanden. – Unter den zahllosen göttlich verehrten Naturwesen durfte endlich das mächtigste, dem ganz Ägypten sein Dasein verdankte, nicht fehlen; der Nil hatte sein eigenes Priesterkollegium von Eunuchen, welche ihn mit Opfern »bewirteten und wohlleben liessen«, damit er es dem Lande wieder vergelte. Constantin, der sie laut EusebVita Const. IV, 25, vgl. mit Liban., Pro templis, p. 182. abgeschafft haben soll, blieb bei der blossen Absicht stehen, wenigstens sind sie nachher noch lange vorhanden. Was er tun konnte, beschränkte sich vielleicht auf die Übertragung des Nilmessers von Serapeum in eine christliche Kirche.

Von den übrigen ägyptischen Priestern, wie sie bis zur Zeit Trajans waren, schildert PlutarchPlutarch., De Iside et Osiride, passim. mit etwas zu viel Ehrfurcht die Isispriester und deutet ihre Bräuche und Zeremonien nach Kräften sinnbildlich aus. Ihre Abzeichen waren vorzüglich das weisse Linnenkleid und das geschorene Haupt; sie lebten mit einer gewissen Abstinenz und mieden manche Speisen, um nicht fett zu werden, und sonst noch aus allen möglichen symbolischen Gründen; selbst das Meer und das Salz scheuten sie. Ihrem Kultus fehlt bei all der ewig wiederkehrenden Trauer doch völlig die erhabene Würde; ein wildes Klaggeheul, bacchantische Gebärden vertreten dessen Stelle; hier wird ein Esel vom Fels herabgestürzt, dort ein vergoldeter Ochse in einem schwarzen Mantel herumgeführt; ein eigentümliches Lärminstrument, das Sistrum, soll mit seinem Getöse den schlimmen Typhon (das zerstörende Prinzip) abhalten. Manches in diesem Kultus trägt den Stempel später müssiger Erfindung oder Ausdeutung; das Isisbild wird in verschiedenen Farben, bald dunkel, bald hell bekleidet, um Tag, Nacht, Feuer, Wasser, Leben und Tod zu versinnlichen; die Räucherungen sind nach Tageszeiten verschieden, des Morgens Harz, um die Dünste der Nacht zu verscheuchen, des Mittags Myrrhen, des Nachts das aus sechzehn Ingredienzen während beständigen Betens bereitete Kyphi, welches auch in trinkbarer Gestalt dargestellt wurde; ein Specificum, dessen Bestandteile sich alle sinnbildlich auslegen liessen, dessen Wirkung aber narkotisch gewesen sein muss.

Plutarch, der seinen Gegenstand durchaus mit Ernst behandelt, gibt doch zu verstehen, dass auch unter den Ägyptern Menschen vorhanden waren, welchen des Aberglaubens und besonders des Tierkultus zu viel wurde. »Während die Schwachen und Einfältigen«, sagt er, »in eine ganz unbedingte Superstition verfallen, müssen kühnere und trotzigere Menschen auf gottesleugnerische, wilde Gedanken geraten.« – Es wird nun zu erörtern sein, wie vieles von dieser Religion das blühende und später das sinkende Rom sich aneignete und in welchem Sinne.

Abgesehen von der bloss künstlerischen Aneignung, welche namentlich zur Zeit Hadrians eine ganze Anzahl ägyptischer Figuren und Dekorationsformen nach Rom brachte, ist es fast ausschliesslich der Kreis der Isis, welcher seit Jahrhunderten in der griechischen und römischen Religion Aufnahme gefunden hatte.

Isis – die Erde, und zwar das gesegnete Ägypten selber, und Osiris – der befruchtende Nilstrom, sind beide schon von den Ägyptern selbst als allgemeinere Symbole alles Lebens gefasst und so zum Eintritt in den Götterkult anderer Völker ausgerüstet worden. Eine Nebenbedeutung, welche das Götterpaar vielleicht von semitischer Seite erhielt, nämlich als Mond und Sonne, tritt schon zur Zeit Herodots fast in den Hintergrund; die Griechen vereinigen sich, in Isis die Demeter, in Osiris den Dionysos zu erkennen, ohne deshalb die Eigenschaft der Isis als Mondgöttin gänzlich aufzugeben; ja, sie erhält der Reihe nach Anteil an den Geschäften der verschiedensten göttlichen WesenVgl. Pauly, Realencyclop. der class. A. W., Artikel Isis, von Georgii., als Göttin der Unterwelt, der Träume, der Entbindung, sogar als Meerbeherrscherin. Seitdem Ägypten durch Alexanders Eroberung in den grossen Umfang griechisch-orientalischen Lebens aufgenommen worden, verbreitet sich der Isisdienst noch weiter in der ganzen griechischen WeltWie sich Isiskultus in die Nähe des delphischen Tempels drängte (nach Tithorea), erzählt Pausan. X, 32., und geht endlich auch auf Rom über, wo er seit Sulla, und zwar die ersten hundert Jahre nicht ohne starken öffentlichen Widerstand, auftritt. Isis bei den Römern ist begleitet einerseits wohl von ihrem Gemahl Osiris, doch viel häufiger von Serapis, als dem Osiris der Unterwelt; von dem hundsköpfigen Anubis (einem Bastard des Osiris, der als Bote zwischen den Göttern und der Unterwelt mit Hermes identifiziert wird); endlich von Horus, gräzisiert Harpokrates, welchen die Isis erst nach dem Tode des Osiris geboren. – Mit der mythologischen Urbedeutung dieser Wesen würde man indes, auch wenn sie unbestritten wäre, nicht ausreichen zur Ermittelung desjenigen Sinnes, welchen die Römer damit verknüpften. Serapis wird neben seiner Bedeutung als Heilgott auch ein SonnengottZahlreiche Inschriften, u. a. bei Orelli I, cap. IV, § 32., wie eine ganze Anzahl von Fremdgöttern und selbst von heimischen in diese Bedeutung ausmünden müssen; wiederum benimmt ihm dies keinesweges die Herrschaft über die Seelen in Leben und Tod. In ähnlicher Weise werden Isis und die übrigen einerseits zu Göttern des Heiles im weitern, der Heilung im engern Sinne umgedeutet, ohne deshalb die Beziehung zur Unterwelt zu verlieren. Auf diesem Stadium ist Isis schwer zu scheiden von der dreigestaltigen Unterweltsgöttin Hekate, welche am Himmel als Luna, auf Erden als Diana, in der Unterwelt als Proserpina herrscht. Bei den Elegiendichtern ist sie dagegen die gefürchtete, oft gesühnte Herrin über Liebessachen. Je mehr Lebensbeziehungen ihrer Herrschaft untertan werden, desto weniger wird es möglich, ihr Wesen, wie es die Spätrömer auffassten, unter eine gemeinschaftliche Definition zu bringen; findet man sie doch nach den verschiedensten Metamorphosen sogar als Fortuna, als Tyche wiederWomit der Schutz, welchen Isis ihrem Geweihten gegen die als Zufall gedachte Fortuna gewährt (Apul., Metam. XI), keinesweges im Widerspruche steht., der rein philosophischen Ausdeutung gar nicht zu gedenken, welche zuletzt in ihr die grosse Allgottheit entdeckte. Auch die Gestalt der Göttin hatte sich längst romanisiert und den bekannten ägyptischen Kopfschmuck abgelegt; das Kostüm der Priesterin scheint dasjenige der alten Göttin verdrängt zu haben; ein Mantel mit Fransen, unter den Brüsten mit der Tunika eigentümlich zusammengeknüpft, und in der Hand das Sistrum – dies sind in Gemälden und Bilderwerken jetzt die bleibenden Kennzeichen.

Der Isisdienst verbreitete sich mit den römischen Waffen bis an die Grenzen des Reiches, in den Niederlanden wie in der Schweiz und in Süddeutschland; er durchdrang auch das Privatleben viel gründlicher und auch früher als der Kultus der grossen semitischen Göttin. Kaiserliche Gunst genoss er erst seit Vespasian, der schon in Alexandrien dem Serapis ausdrückliche Andacht erwies; sein Sohn Domitian baute dann in Rom ein Isium und Serapium, nachdem die beiden Gottheiten sich bisher wenigstens innerhalb der Stadtmauern mit Winkeltempeln begnügt hatten. Später gab es in Rom sogar mehrere nicht unbedeutende Heiligtümer der Göttin. In dem zu Pompei aufgefundenen, sechzehn Jahre vor der Verschüttung bereits restaurierten Isistempel gibt eine geheime Treppe und eine leere Vertiefung hinter dem Piedestal, welches die Bilder trug, sowie ein kleines Nebengebäude mit Souterrain einigen Anlass zu Vermutungen; allein zu grossen und blendenden Phantasmagorien findet man weder den Raum noch die Anstalten genügend, was indes die Phantasie der Archäologen und Dichter nicht gehindert hat, über dieses ziemlich geringe Gebäude bunte Gedanken zutage zu fördern. Die Isispriester, in den grössern Städten zu zahlreichen Kollegien vereinigt (als Pastophoren usw.), genossen noch im ersten Jahrhundert durchgängig einen schlechten Ruf, u. a. als Gelegenheitsmacher bei Liebschaften, zu deren Schutz sich Isis und ihre Tempel, wie oben bemerkt, ebenfalls hatten hergeben müssen. Mit der tiefsten Verachtung behandelt JuvenalIuvenal., Sat. VI, 522. den geschorenen Schwarm im Linnenkleid, welcher sich mit priesterlichem Klaggeheul in das Gemach der vornehmen römischen Dame drängt, das die Eunuchen der grossen Syrischen Göttin soeben verlassen haben. Die letztern bettelten bloss, der im Anubiskostüm auftretende Anführer der Isispriester dagegen darf obendrein drohen und Bussen auflegen für gewisse angenehme Sünden; und gälte es auch ein Bad in der Tiber mitten im Winter – er wird Gehorsam finden, denn die Dame hat einen festen Glauben und meint selber im Schlaf der Isis Stimme zu hören. – Vom zweiten Jahrhundert an erhält dann der Isisdienst wie derjenige der Magna Mater einen höhern Ton und wahrscheinlich auch grössere Würde durch die Teilnahme der Kaiser und der höhern StändeHist. Aug., Commodus 9. Pescennius 6. Carac. 9.. Der Unterschied im Vergleich mit der frühern Übung war so gross, dass die Ansicht entstehen konnte, erst Commodus oder Caracalla hätten diesen Kultus nach Rom gebracht. Bei den grossen Prozessionen gibt es fortan Pausae, das heisst Halteplätze, vielleicht mit besonderer baulicher Ausschmückung. Commodus liess einen solchen Festzug in einer Halle seiner Gärten in Mosaik darstellen. Er selber, als Priester geschoren, pflegte bei solchen Anlässen das Bild des Anubis zu tragen und mit dessen Schnauze die nebenan gehenden Isispriester arg auf den Kopf zu treffen. Bei weitem die umständlichste Schilderung einer Isisprozession jedoch, welche für die Opferzüge dieser Zeit überhaupt zum Maßstab dienen kann, gibt Apuleius im letzten Buch seiner Metamorphosen. Die Szene ist in das ausgelassene Korinth verlegt. Der Zug beginnt im heitersten Carnevalsstil, mit den bunten Masken von Soldaten, Jägern, Gladiatoren, prächtig frisierten Frauenzimmern, Magistratspersonen, Philosophen (mit Mantel, Stab, Pantoffeln und Bocksbart), Vogelstellern und Fischern; dann folgt ein zahmer Bär als alte Dame verkleidet auf einem Tragstuhl, ein Affe als Ganymed mit einer Mütze und orangefarbenem Kleidchen, in der Hand einen goldenen Becher, sogar ein Esel, mit angesetzten Flügeln zum Pegasus travestiert, und nebenher laufend ein gebrechliches Männchen als Bellerophon. Nun erst eröffnet sich die eigentliche Pompa; weissgekleidete, bekränzte Frauen, die Toilettedienerinnen der Isis, streuen Blumen und Wohlgerüche und gestikulieren mit Spiegeln und Kämmen; eine ganze Schar beiderlei Geschlechtes folgt mit Lampen, Fackeln und Kerzen, wie zur Huldigung an die Gestirngottheiten; darauf Saitenspieler, Pfeifer und ein weissgekleideter Sängerchor; dann die Flötenspieler des Serapis, eine rituelle Tempelmelodie blasend, nebenein Herolde, um Platz zu schaffen. Sodann kommen die Eingeweihten jedes Standes und Alters, in weissem Linnenkleid, die Frauen mit gesalbtem Haar und durchsichtigem Schleier, die Männer glatt geschoren; die Sistren, die sie rauschend schwingen, sind je nach dem Vermögen von Silber und selbst von Gold. Jetzt erst erscheinen die Priester selbst mit den geheimnisvollen Symbolen der Göttin: Lampe, Altärchen, Palmzweig, Schlangenstab, offner Hand und mehrern Gefässen von besonderer Form; andere tragen die eigentlichen Götter, das Bild des Anubis mit halb schwarzem, halb goldenem Hundskopf, eine aufrecht stehende Kuh, eine mystische Kiste; endlich folgt der Oberpriester, die goldene Urne mit Schlangenhenkeln, welche die Göttin selber darstellte, an die Brust drückend. In dieser Ordnung bewegt sich der Zug aus der Stadt Korinth, wohin der Romanschreiber seine Szene verlegt, ans Meer hinab. Hier wird das bunt mit Hieroglyphen bemalte »Isisschiff« unter vielen Zeremonien mit Wohlgerüchen und Weihgeschenken gefüllt und angesichts der am Strand aufgestellten Heiligtümer den Wellen übergeben; die Inschrift seines Segels »für glückliche Schiffahrt im neuen Jahre« und das anderweitig bekannte Datum des überall von den Römern gefeierten navigium Isidis, der fünfte März, geben die Erklärung des ganzen Festes, welches die Eröffnung des während des Winters geschlossenen Meeres verherrlichen sollteMan fuhr auch wohl das Schiff auf einem Wagen durch die Stadt. Der Festzug dieses carrus navalis (Schiffwagen) ist sehr wahrscheinlich die Grundform des neuern Carnevals, welcher allerdings der Fasten wegen nicht auf dem 5. März bleiben konnte, sondern ein bewegliches Fest wurde.. Denn gerade in dieser ihrer spätesten, nichtägyptischen Eigenschaft als Herrscherin der See geniesst Isis am Mittelmeer ausdrückliche Verehrung, und die Korinther an ihren beiden schiffreichen Golfen mussten ihr besonders ergeben sein. Die Prozession kehrt in den Tempel zurück, vor dessen Pforte ein Priester von einer hohen Kanzel herab einen Glückwunsch oder Segen spricht über den Kaiser, den Senat, die Ritter, das römische Volk, die Schiffahrt und das ganze Reich; er schliesst mit der Formel λαοι̃ς άφεσις, welche mit dem ite, missa est! des christlichen Gottesdienstes gleichbedeutend ist. Bei dieser ganzen Feier unterscheiden sich die fröhliche und andächtige Menge und die Eingeweihten der Mysterien, von welchen im folgenden Abschnitt die Rede sein wird.

Was bei diesem und andern Anlässen von heiligen Schriftzeichen, teils hieroglyphischer, teils sonstiger geheimer Art erzählt wird, kann in der Tatsache richtig sein; aber der römische, griechische, gallische Isispriester, der diese Schriften verwahrte und vielleicht nachmalen und ablesen konnte, verstand doch sicherlich nichts davon. Ja, weit entfernt, irgendeine tiefsinnige Wissenschaft aus dem priesterlichen Ägypten zu entlehnen, dessen starke Seite ohnedies nicht mehr die Lehre war, nahm Rom selbst die vielgenannten Götter ohne alle theologische Treue in willkürlich verändertem Sinne auf. In betreff der Isis wurde dies bereits bemerkt; ein anderes sprechendes Beispiel ist die Gestalt des Harpokrates, dessen Gebärde (mit dem Finger nach dem Munde) den von Isis Gesäugten andeuten soll; in der trefflichen kapitolinischen Statue aus hadrianischer Zeit findet man nun statt des ägyptischen Götzen einen jungen Amorin, der mit dem Finger auf den Lippen Stille gebietet, als deus silentii. Dagegen musste Anubis, obwohl man ihn für identisch mit Hermes hielt, seinen Hundskopf beibehalten, der sich dann über einem menschlichen Körper mit römischer Draperie sonderbar widerlich ausnimmt.

Einen Inbegriff der Symbole dieses ganzen Kreises gewähren die hie und da vorkommenden bronzenen Hände, welche als Ex-voto's von Wöchnerinnen an die geburtshelfende Isis erkannt worden sindU. a. bei Montfaucon, Ant. expl. II, p. 330, kleine Ausgabe p. 78.. Die Finger in schwörender Haltung, die innere wie die äussere Fläche der Hand sind völlig bedeckt mit Attributen, Mysteriengeräten und Brustbildchen der Gottheiten Isis, Serapis, Osiris und Anubis, nur dass letztere als Dionysos und Hermes dargestellt sind. Die Aufzählung jener Symbole gehört nicht hieher; vielleicht entsprachen sie ebensovielen Anrufungen in der Not.

 

Mit den bisher genannten Fremdgottheiten ist die Mischung der Kulte noch lange nicht erschöpft; manches, was dahin gehört, wird passender erst im folgenden Abschnitt beiläufig behandelt werden. Bisher war nur von den offiziell anerkannten und allgemein verbreiteten sacra peregrina die Rede; dem einzelnen Andächtigen blieb es unbenommen, nach Wunsch die Bilder und Symbole aus allen Landen und Religionen massenweise um sich zu häufen. Wie verschieden und dabei wie bezeichnend war hierin die Subjektivität der beiden ungleichen Vettern, Elagabal und Alexander Severus! Ersterer trägt seine semitischen Götzen, die Palladien Roms und die Steine des Orest aus dem Dianentempel von Laodicea mechanisch auf einen Haufen zusammen; wie der schwarze Stein von Emesa mit dem Bilde der Urania von Karthago vermählt wird, so heiratet der kaiserliche Priester selbst die oberste Vestalin; ja, er soll die Absicht ausgesprochen haben, sein Zentralheiligtum auch zum Vereinigungspunkt für den Gottesdienst der Samaritaner, der Juden und der Christen zu machen. Alle Götter sollten seines grossen Gottes Diener sein, alle Mysterien sich in dem Priestertum desselben konzentrieren. Alexander Severus dagegen feiert von allen Religionen die Stifter als Ideale der Menschheit und stellt ihre Bilder in seiner Hauskapelle zusammen, wo nun Abraham und Christus Platz fanden neben Orpheus als vorgeblichem Gründer der hellenischen Mysterien und Apollonius von Tyana als neuphilosophischem Wundertäter; auch die besten unter den frühern KaisernWozu als Parallele Hist. Aug., Tacit. c. 9 zu vergleichen ist: divorum templum fieri iussit, in quo essent statuae principum bonorum etc. Besonders die Statuen Marc Aurels standen noch zur Zeit des Diocletian in vielen Häusern unter den dii penates: Hist. Aug., Marc. Aur., c. 18, 5. waren daselbst aufgestellt, wie er ihnen denn noch ausserdem auf dem Forum des Nerva kolossale Statuen setzte; eine zweite Kapelle enthielt die Statuen Virgils, Ciceros, Achills und anderer grosser Männer; der edle unglückliche Fürst sucht sich aus dem Besten, was er kennt, einen neuen Olymp zusammen. Was aber im Kaiserpalast zu Rom im Grossen geschah, wiederholte sich gewiss mannigfach im Kleinen. Manche der Edelsten hätten gerne dem Christentum die ihnen zugänglichen Seiten abgewonnen; noch begieriger aber mochte der gemeine Aberglaube zu den christlichen Mysterien aufblicken, mit welchen es ja eine besondere Bewandtnis haben musste, weil sie ihren Bekennern eine so merkwürdige Haltung im Leben und im Sterben mitteilten. Es ist schwer, sich dieses aus Abscheu und Lüsternheit gemischte Gefühl mancher Heiden lebendig vorzustellen, und eine unmittelbare Kunde davon ist kaum vorhanden, wenn man nicht die Geschichte vom samaritanischen Zauberer SimonNebst den Andeutungen, welche Euseb., Hist. eccl. II, 1 dazu gibt. Die Sekte Simons existiert unter Constantin noch und drängt sich »wie Pest und Aussatz« in die Kirche ein. dahin rechnen will. Von der philosophischen Annäherung der beiden Religionen wird im folgenden die Rede sein.

 

Wenn nun einmal die Scheu vor den Fremdgöttern völlig verschwunden war, wenn man namentlich in dem orientalischen Kultus den übermächtigen Reiz des Geheimnisvollen fand, so war überhaupt nicht mehr vorauszusagen, wo diese Aneignung des Fremden innehalten werdeRom als templum mundi totius bei Ammian. XVII, 4. – Vgl. S. 171, Anm. 253, wo Ägypten denselben Anspruch erhebt.. Schon drangen mit der neuplatonischen Philosophie und mit dem Manichäismus nicht bloss persische, sondern selbst indische Religionsprinzipien in die römische Welt ein; was sich irgendein geheimnisvolles Ansehen geben und auf eine Affinität mit dem römischen Götterwesen Anspruch machen konnte, war der Aufnahme sicher.

Es sind gerade aus dieser spätem römischen Zeit zahlreiche Inschriften vorhanden, welche »allen Göttern und Göttinnen«, »allen Himmlischen«, »der Versammlung der Götter« usw. gewidmet sind. Ohne Zweifel gedachte man dabei auch der fremden Götter, deren keiner beleidigt werden sollte. Oft übertrug man auch die Attribute einer ganzen Anzahl einheimischer und fremder Gottheiten auf eine Gestalt, die man als Deus Pantheus, als »allgöttlicher Gott«, bezeichnet wurde. So kommt Silvanus Pantheus, Liber Pantheus vor; an Bildern der Fortuna sieht man ausser dem ihr zukommenden Ruder und Füllhorn auch den Brustharnisch der Minerva, den Lotos der Isis, den Donnerkeil des Juppiter, das Hirschfell des Bacchus, den Hahn des Aesculap usw. Es ist dies vielleicht nur ein kompendiöser Ausdruck für die ganze Götterschar und muss somit wohl unterschieden werden von dem philosophischen Monotheismus, welcher (vgl. unten) eine wirkliche Identität sämtlicher Götter in einem höchsten Wesen anerkannte.

Es gibt eine bekannte Aussage des Philosophen ThemistiusSocrates, Hist. eccl. IV, 32. aus einer beträchtlich spätern Zeit, da der Kaiser Valens als Arianer die rechtgläubigen Christen auf das bitterste verfolgte. »Es dürfe«, meinte der Philosoph, »die Glaubenszwietracht unter den Christen nicht befremden; sie komme gar nicht in Betracht neben der Masse und der Konfusion der verschiedenen heidnischen Glaubensansichten. Denn da gebe es über dreihundert Sekten, sintemal die Gottheit auf verschiedene Weise verherrlicht sein wolle und nur um so viel grössern Respekt geniesse, je weniger ihre Erkenntnis gleichmässig jedermanns Sache sei.« – Die angegebene Zahl möchte wohl hoch genommen sein, auch schliessen sich diese heidnischen Sekten, Dogmata, in der Regel nicht aus wie die christlichen, so dass man mehrern zugleich angehören konnte. Allein schon dreihundert verschiedene Arten der Götterverehrung, selbst wenn sie sich nicht widersprachen, zeugen von einer Zersplitterung des Heidentums, welche durch die blossen Fremdgötter nicht hervorgebracht worden wäre. Wir werden nun zu zeigen haben, wie nicht bloss durch die Gegenstände, sondern vorzüglich durch die innern Prinzipien des Kultus eine unendliche Mannigfaltigkeit in die verfallende heidnische Religion hineinkommen musste, während zugleich grosse durchgehende Tendenzen auf Vereinfachung hindrängen.

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