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Die Zeit Constantins des Großen

Jacob Burckhardt: Die Zeit Constantins des Großen - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Zeit Constantins des Großen
authorJacob Burckhardt
firstpub1853
yearca. 1950
publisherVerlag Hallwag
addressBern
titleDie Zeit Constantins des Großen
created20040801
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Doch die wirklichen Verhältnisse waren ernst und furchtbar. Alte Kulturvölker, welche nach einer glanzvollen Vergangenheit in die Hände fremder, etwa relativ barbarischer Eroberer gefallen sind und lange Jahrhunderte hindurch ungefragt von Hand zu Hand gehen, nehmen leicht ein Wesen an, welches dem ausländischen Beherrscher als verschlossene Bösartigkeit erscheint, mag es auch nur zum Teil diesen Namen verdienen. Den Anfang hiezu machte die persische Eroberung, welche die Ägypter nicht nur durch Unterwerfung und Druck an sich, sondern auch durch Missachtung ihrer alten Religion auf das schrecklichste, und zwar bleibend verbitterte. Der einfache Lichtkultus der Perser stiess sich an der massenhaften, halbtierischen Götterwelt ihrer neuen Untertanen; den einen war gerade alles dasjenige unrein, was den andern heilig schien. Daher jene nie endenden Empörungen, die mit Strömen Bluts nicht zu stillen waren. Die darauf folgenden griechischen Herrscher brachten keinen solchen Zwiespalt mit sich; ihr hellenischer Glaube suchte in dem Polytheismus Vorderasiens und Ägyptens nicht die Verschiedenheiten, sondern sehr geflissentlich die Verwandtschaften mit dem ihrigen. Für Alexander den Grossen ist Ammon gleich Zeus, den er überdies für seinen eigenen Erzeuger hält; und wenn der Grieche schon früher nicht daran zweifelte, dass sein Apoll mit dem ägyptischen Horus, sein Dionysos mit Osiris, seine Demeter mit Isis eins und dasselbe sei, so wird jetzt für den halben Olymp etwas Entsprechendes am Nil aufgefunden. Ptolemaeus, des Lagus Sohn, welcher bei der Teilung der grossen Erbschaft unter die Generale Ägypten für sich beiseite gebracht hatte, war nebst seinen nächsten Nachfolgern, die das neue Reich einrichtetenVgl. Droysen, Gesch. des Hellenismus, Bd. 2., überhaupt bemüht, den Ägyptern in gewissen Dingen entgegenzukommen. Die brutale persische Art, jeden Nationalcharakter ohne Not mit Füssen zu treten und es dann auf die verzweifeltsten Aufstände ankommen zu lassen, lag nicht in ihrem Interesse; dieses lief auf einen festgeschlossenen, wohlgeordneten Militär- und Beamtenstaat hinaus, mit so viel Druck, als eben nötig war, um alle Geldmittel des Landes in den Schatz des Königs zu leiten, wo trotz der dritthalbhunderttausend Soldaten und der viertausend Schiffe noch immer unglaubliche Summen liegen blieben. Daneben liess man dem Lande seine alte, ursprünglich agrarische Einteilung in Nomen; sogar sein Kastenwesen war gefahrlos, seit es keine einheimische Kriegerkaste mehr gab; die Priester und ihre Tempelherrschaften hegte und pflegte man sogar mit eigener feierlicher Teilnahme, aber nur, indem man sie zugleich beträchtliche Steuern zahlen liess. Ptolemaeus Euergetes baute noch den prachtvollen Tempel von Esne in einem Stil, der von dem altägyptischen kaum merklich abweicht; die Könige seines Geschlechtes liessen sich noch einbalsamieren, freilich auch neben, ja über Isis und Osiris als »erhaltende Götter« verehren. Dies war das deutlichste Symbol einer Amalgamierung, welche mehr und mehr dadurch erreicht wurde, dass die Griechen sich nicht mehr in Faktoreien einschlossen, sondern im Lande zerstreut mitten unter den Ägyptern lebten. Immerhin blieb die neue Weltstadt Alexandrien überwiegend griechisch; von hier strahlte das kosmopolitisch mitteilbar gewordene Griechentum, welches man den Hellenismus nennt, sein Licht am hellsten aus. Eine Zeitlang war keine Stadt in der Welt, die sich mit dieser hätte messen können an Pracht und an äusserlicher wie geistiger Regsamkeit, aber auch nirgends mochte ein gleiches Mass von Verdorbenheit beisammen sein wie hier, wo drei Völker (die Juden mitgerechnet), alle an ihrem altnationalen Wesen irre geworden, rein polizeilich gehütet werden mussten.

Als Augustus nach dem Siege von Actium das inzwischen etwas herabkommende Land übernahmVgl. Varges, De statu Aegypti provinciae Rom.. Göttinaen 1842., sollte es plötzlich nur noch in bezug auf Rom existieren dürfen, als einträgliche Domäne und als Kornkammer. Keine Provinz wurde so überwacht wie diese, sowohl wegen des gefährlichen Volksgeistes und bedenklicher Weissagungen als wegen der ausserordentlichen Wichtigkeit. Ohne kaiserliche Erlaubnis durfte kein römischer Senator noch Ritter die Gegend betreten; das Amt eines Präfekten von Ägypten war einer der höchsten Vertrauensposten, weil man nirgends so eifrig als hier Abfall und Usurpation zu verhindern suchte. Natürlich musste man ihm auch eine weite Vollmacht lassen; seine äussere Stellung sollte den Ägyptern noch das alte Königtum vergegenwärtigen, an welches wenigstens seine imposanten Amtsreisen erinnern konnten. Da sah man ihn mit grossem Gefolge, worunter auch Priester, auf einem jener schwimmenden vergoldeten Ziergebäude den Nil auf- und niederfahren, welche der Luxus der Ptolemäer in Gebrauch gesetzt hatte. Von ihm abwärts stuft sich dann regelmässig das Beamtensystem ab, ungefähr wie man es von den Ptolemäern übernommen; vom Volk ist am wenigsten die Rede, und man weiss nicht, ob es auch nur seine geringern Beamten selber wählen und zu irgendeinem andern Zweck, als um Huldigungen an die Kaiser zu beschliessen, sich örtlich versammeln durfte. Die Besatzungen, welche das Land gegen innere und äussere Feinde zu bewachen hatten, sind auch für das sparsame römische System gering; bald nach Augustus entsprachen den acht Millionen Einwohnern (worunter eine Million Juden) höchstens 20 000 Mann Truppen. Als einen der wichtigsten strategischen Punkte hatten die Römer, wie später die Araber, die Gegend des alten Memphis erkannt, wo der Nil sich zu teilen beginnt; eine Legion lag deshalb immer in Babylon, dem jetzigen Altkairo. In Friedenszeiten mussten die Soldaten an den Nilkanälen schaufeln, Sümpfe abgraben u. dgl.; Probus brauchte sie sogar bei der Errichtung von Tempeln und andern Prachtbauten. Das Land durfte nicht zuviel kosten, wenn es im erwünschten Masse nutzbar sein sollte. Rom sorgte dafür durch ungeheure Zumutungen; ein Fünfteil des sämtlichen Ertrages an Getreide (wie einst schon unter den Pharaonen) oder ein teilweises Äquivalent an Geld als Grundsteuer (wenn nicht vollends der Doppelzehnten und die Grundsteuer) mussten an den Staat abgeliefert werden. Auch die Tempelbesitzungen waren von dieser Leistung nicht frei. Zu den mehr als dritthalb Millionen Zentner Getreide, welche jährlich auf diese Art aus dem Lande gingen, kamen dann noch die Kopfsteuer und hohe Eingangs- und Ausgangszölle, welche jetzt mehr eintrugen als unter den Ptolemäern, weil sich allmählich die ganze römische Welt an gewisse indische, hauptsächlich durch Ägypten transportierte Waren gewöhnt hatte. Von den Mündungen des Nils aufwärts bis nach Oberägypten und ans Rote Meer werden die Zollkastelle erwähnt; die Verwalter waren selbst Ägypter, wahrscheinlich weil zu diesem gehässigen Geschäft niemand tauglicher war. Von den Bergwerken war vielleicht nur der geringste Teil nutzbar für den Staat; die kostbaren Mineralien Ägyptens, der Smaragd von Koptos, der rötliche Granit von Syene, der Porphyr des Claudianischen Berges, dienten dem Luxus der Kleidung und des Bauens; neben den Arabern, welche ein besonderes Geschick im Auffinden der Gänge hatten, arbeiteten hier Tausende von Verurteilten.

Was die Beschäftigung und den ökonomischen Zustand des Volkes betrifft, so wird man annehmen können, dass Ober- und Mittelägypten, so weit es der Nil bewässerte, fast ganz dem Landbau anheimgefallen waren, und dass die lebhafte Fabrikation von Geweben aller Art nebst Glas- und Töpferwaren sich auf Unterägypten beschränkte, wo das Nildelta mit seinen Seitengegenden überdies noch für den Landbau die grössten Hilfsmittel bot. Im obern Lande dürfen wir uns die grossen alten Städte schon ziemlich verlassen und auf ihre unzerstörbaren Tempel und Paläste reduziert vorstellenSchon Germanicus findet von Theben nur noch die magna vestigia. – Tac., Ann. II, 60. Iuvenal. XV, 6. Amrnian. Marc. XVII, 4.; wenigstens hatte die spätere Gründung Ptolemais (bei Girgeh) sie sämtlich überholt und war dem damaligen Memphis wenigstens gleichgekommen, was vielleicht nicht gar viel sagen will. Die Bevölkerung des untern Landes war, wie sich mit Sicherheit vermuten lässt, dem überwiegenden Teile nach ein im Taglohn arbeitendes, nichts besitzendes und sehr wenig bedürfendes Proletariat, dessen Geschäftigkeit, wenigstens in Alexandrien, noch Kaiser HadrianHist. Aug., Saturnin. 8. – In dem mareotischen Gau bei Alexandrien findet noch Socrates (Hist. eccl. I, 27) im fünften Jahrhundert »viele und volkreiche Dörfer mit prächtigen Kirchen«. mit Verwunderung rühmt: »Hier ist keiner müssig; die einen machen Glas, die andern Papier; wieder andere sind Weber; jedermann gehört zu irgendeinem Gewerbe und bekennt sich auch dazu; auch Podagrische und Blinde haben ihre Beschäftigung, und selbst solche, deren Hände lahm sind, liegen nicht müssig.« Ob damit eine sehr grosse Zerstückelung des Grundbesitzes oder im Gegenteil eine Vereinigung in ganz wenigen Händen verbunden war, ist nicht zu entscheiden, indem wir zum Beispiel nicht wissen, wie gross in Unterägypten die Tempelgüter und die kaiserlichen Domänen sein mochten; durch jene enorme Abgabe war übrigens auch der freie Grundbesitz faktisch unfrei geworden.

Daneben wird uns in der Umgebung des jetzigen Damiette ein Distrikt, die sogenannten Bukolien, geschildertDio Cass. 71, 4. Heliodor. I, 5 ff. 28 ff. II, 17 ff.; auch VI, 13. Der Romanschreiber, welcher Ägypten offenbar kannte, darf uns hier als Quelle dienen. Er schrieb wahrscheinlich im vierten Jahrhundert und benützt die Anschauungen dieser Zeit, obschon er seine Geschichte unter der Perserherrschaft spielen lässt. Schon aus viel früherer Zeit kennt man den »Sumpfkönig« Amyrtäos und das Wort des Thucydides (I, 110): μαχιμώτατοι εισι τω̃ν Αιγυπτίων οι έλειοι., wo sich eine alte, vielleicht seit vielen Jahrhunderten vernachlässigte Bevölkerung zu einer Art von Räubervolk ausgebildet hatte. Das Kaisertum liess sich in Italien selber bisweilen die Räuberbanden nahezu über den Kopf wachsen; unter den Augen des gewaltigen Septimius SeverusDio Cass. 76, 10. Die Frechheit syrischer Räuber ebendas. 75, 2. Ein syrischer Raubdistrikt um Apamea, Ammian. Marc. XXVIII, 2. und seiner siegreichen Armee durfte der geniale Bulla Felix mit einer Bande von 600 Mann während zweier Jahre die ganze Via Appia brandschatzen; ein paar Jahrzehnte später wird ganz beiläufigHist. Aug., Proculus 12. – über die Kostoboken in Hellas Pausan. X, 34, 2. an der genuesischen Riviera, bei Albenga, ein vornehmes, reiches Räubergeschlecht erwähnt, welches in eigenen Geschäften 2000 bewaffnete Sklaven aufstellen konnte. Von Isaurien und dem Zustand, welchen man dort duldete, ist bereits die Rede gewesen. Mit den ägyptischen Bukolen aber wurde schon Marc Aurel gezwungen, Krieg zu führen. »Sie standen auf«, sagt Dio, »und rissen auch die übrigen Ägypter zum Abfall fort; es führte sie ein Priester [und] Isidorus. Zuerst hatten sie einen römischen Hauptmann überlistet, indem sie ihm, als Weiber verkleidet, sich näherten, als wollten sie ihm Gold geben zur Freilassung ihrer Männer; darauf ermordeten sie ihn und seinen Begleiter, schworen über den Eingeweiden des letztern einen Bund und assen dann dieselben . . . In offener Schlacht überwanden sie die Römer und würden auch bald Alexandrien eingenommen haben, hätte nicht Avidius Cassius, der aus Syrien gegen sie heranzog, sie dadurch gebändigt, dass er ihre Eintracht aufzulösen und sie zu trennen wusste, denn einen Kampf gegen die ganze wahnsinnige Masse durfte man nicht wagen.«

Es waren vielleicht kaum ein paar Tausende eigentlicher Bukolen, und man könnte sie, wo es sich um Geschichte des Römischen Reiches handelt, wohl übergehen, wenn in diesen Dingen die Zahl entschiede. Dergleichen alte, unterdrückte, in neuer Barbarisierung begriffene Bevölkerungen würden wir im ganzen Reiche noch manche kennen, wenn die Provinzialgeschichte nicht so stumm wäre. – Der Name Bukolen, Rinderhirten, lässt einen Rest der alten Kaste dieses Namens vermuten; allein sie hatten wahrscheinlich mit keinen Rindern mehr zu tun, ausgenommen etwa mit den geraubten. Einer der mittlern Arme des Nils, unweit vom Meer, nährte durch seinen Überschuss einen grossen See, dessen sumpfiges Röhricht rings am Ufer der Wohnsitz, wenigstens der Schlupfwinkel dieser Parias war, vielleicht der ungesundeste Fleck von Ägypten, den ihnen schon deshalb kaum jemand streitig machte. Hier lebten sie teils auf Barken, teils auf Inselchen in Hütten; die kleinen Kinder banden sie an Riemen, welche nur so lang waren, dass sie nicht ins Wasser fallen konnten. Das Schilf war mit Wegen für ihre eigentümlichen Kanots durchschnitten, wo sich ausser ihnen niemand zurechtfand. Auch von Räuberdörfern ist die Rede, womit jedoch eben jene Ansiedelungen am See gemeint sein können. Zu diesen Bukolen zog sich nun alles, was mit der bürgerlichen Ordnung überworfen war; welche Sitten sich da ausbildeten, lehrt die Geschichte ihrer Empörung unter Marc Aurel; schon das Aussehen der Leute mit ihrem vorn bis auf die Augen, hinten lang herabhängenden Haar war fürchterlichAuf Analogien in den Zuständen des modernen Indiens darf hier bloss hingedeutet werden.. – Welche Kontraste waren hier auf einem Raum von wenigen Tagereisen beisammen! Das reiche industrielle Alexandrien, der Räuberstaat im Sumpfe, und westlich am mareotischen See die letzten jüdischen, in der nahen nitrischen Wüste aber die ersten christlichen Einsiedler. – Die Bukolen selber wollten in der Folge vom Christentum nichts wissen; noch gegen Ende des vierten Jahrhunderts war unter diesen »wilden Barbaren« kein einziger ChristHieronym., Vita S. Hilarion. 43..

Doch es ist Zeit, auf den Charakter und die besondern Schicksale der Ägypter in der spätern römischen Zeit zu kommen.

»Der Ägypter schämt sich«, sagt AmmianAmmian. Marc. XXII, 16; vgl. XXVIII, 5 und XXI, 6., »wenn er nicht an seinem dürren, braunen Leib Striemen über Striemen aufzuweisen hat, die ihm wegen Verweigerung von Abgaben zuteil geworden. Man hat noch keine physische Qual zu erfinden vermocht, die einen recht verhärteten ägyptischen Räuber dahin gebracht hätte, seinen Namen zu bekennen.« – Dies war die Stimmung der untern Klassen gegen die Behörde. Bei jedem allgemeinen Unglück, gleichviel ob Krieg oder Misswachs, ging die erste Anklage gegen die Regierung; die Gesinnung der Massen war permanent aufrührerisch und wäre es auch gegen bessere Herrscher gewesen. In gewöhnlichen Zeiten offenbarte sich dies durch eine giftige Spottsucht, welche zwischen den kriechendsten Schmeicheleien hervorbrechend keine Grenzen kannte. Eine ehrbare römische MatroneSeneca, Consol. ad Helv. 17. – Diese Spottsucht ist auch der stets wiederkehrende Klagepunkt in der 32. Rede des Dio Chrysostomus, die den Zustand Alexandriens im ersten Jahrhundert n. Chr. behandelt., welche als Gemahlin eines Präfekten in Ägypten wohnen musste, erschien dreizehn Jahre lang nicht öffentlich und liess keinen Ägypter ins Haus, um wenigstens ignoriert zu werden; wer sich aber nicht auf diese Weise schützen konnte, musste sich die schändlichsten Reden und Spottlieder gefallen lassen; »DingeHerodian. IV, 9., die den Alexandrinern selbst sehr hübsch vorkommen mochten, dem Betreffenden aber kränkend«. Bei Caracalla gerieten sie damit bekanntlich an den Unrechten; er entschädigte sich durch ein seit Jahren prämeditiertes Gemetzel vieler Tausende. Augustus und NeroSueton., Aug. 97. Nero 20. waren klüger verfahren, sie hatten das Gespötte der Alexandriner überhört und sich an ihrem Talent des Schmeichelns und Applaudierens ergötzt.

Aber nicht nur nach oben, sondern auch unter sich zeigten die Ägypter ein Bedürfnis nach Zank und Streit, namentlich eine betrügerische Prozeßsucht ohnegleichen. Da sah man diese sonst düstern Menschen (moestiores) in wilder Schmähung, in glühendem Zorn aufflammen, und wäre es auch nur gewesen, weil man einen Gruss nicht erwidert, in den Bädern nicht Platz gemachtHist. Aug., XXX Tyr. 22. Firmus 3 f. Saturninus 7 f., oder sonst irgendwie die bösartige Eitelkeit verletzt hatte. Da der geringste Lärm für Tausende gleichmässig verbitterter Menschen zum Signal des Ausbruches ihrer innern Gärung dienen konnte, so war immer eine allgemeine Gefahr bei diesen Händeln, und der Oberbeamte, welcher die Ruhe und den Gehorsam Ägyptens auf sich genommen hatte, konnte damit auch eine ganz unmenschliche Repression wenigstens beim Kaiser rechtfertigen. – Man wusste, es wurde nicht eher ruhig, bis Blut geflossen warSocrates, Hist. eccl VII, 13.. Es charakterisiert namentlich Alexandrien, dass hier früher als irgendwo im Reiche, ja vielleicht schon zur Ptolemäerzeit, die Parteinahme für die Wagenlenker des HippodromsPhilostratus, Vita Apollon. V, 26. regelmässig zu Mord und Totschlag führte.

Eines ist es vorzüglich, was solche uralte, missverstandene und misshandelte Nationen zu einer wahnsinnigen Anstrengung entflammen kann: ihre alte Religion, welche, obwohl entartet und jeder sittlichen Belebung fremd, doch wesentlich die Stelle des verlorenen nationalen Bandes vertritt. So ist den Ägyptern ihr Heidentum, später selbst ihr Christentum der Kanal geworden, in welchen sich die unbestimmte verhaltene Wut ergoss. Das Bedürfnis fanatischen Taumels war vorhanden; über den zufälligen Gegenstand verfügten Zeit und Schicksal. Das heidnische Rom hütete sich, in diesen Dingen Anstoss zu geben; die Kaiser machten Weihen und Opfer mit, wenn sie das Land besuchten; in den Bildwerken treten sie durchaus als altägyptische Könige auf, mit den Beischriften »der Ewiglebende, der Isis-geliebte, der Phtha-geliebte«; Tempel wurden von ihnen oder als Gelübde für sie erbaut, andere vollendetDer Gebrauch der Hieroglyphen ist bis auf Caracalla erweislich; ihr Verständnis war noch im ganzen fünften Jahrhundert nicht erloschen. – Vgl. die Einleitung zum betreffenden Abschnitt in Boeckhs Corpus inscr. Graec. III, fasc. II.. Aber innerhalb Ägyptens selbst war hinlänglicher Anlass zum religiösen Hader gegeben durch die Eifersucht von Tempel zu Tempel, welche sich besonders in abweichender Parteinahme für die heiligen Tiere aussprach. Juvenal und Plutarch haben uns Genrebilder dieses Inhalts hinterlassen, welche man mit ungeteiltem Ergötzen lesen würde, wenn nicht der Schattenumriss des ältesten Kulturvolkes der Erde doch immer etwas Ehrwürdiges hätte, das man ungern völlig in den Staub getreten siehtIuv., Sat. XV. – Vgl. Plutarch, De Iside et Os. 72. – Hieronym., Adv. Iovinian. II, 7. – Die beiden hier vorkommenden Tiere gehören laut Strabo XVII, 1 noch immer zu den im ganzen Lande verehrten, nicht zu den heiligen Distriktstieren.. In der einen Stadt hat die Orthodoxie nichts dagegen, wenn man dasselbe Tier verspeist, welches in der andern angebetet wird; in Cynopolis (Hundestadt) wird ein Stör geschlachtet, was die von Oxyrynchus (Störstadt) alsobald durch Opferung und Verspeisung eines Hundes vergelten; darob entsteht zwischen beiden Orten blutiger Krieg, den die Römer durch Strafen stillen. So Plutarch; bei dem von Juvenal geschilderten schändlichen Überfall der Tentyriten gegen das in trunkenem Festjubel sorglose Ombos kömmt es nicht bloss zu den scheusslichen Verstümmelungen und Tötungen, man teilt sich auch in die Stücke eines zerschnittenen Leichnams, wie die Bukolen in jenem oben erzählten FalleVgl. die Exzesse der Juden in Ägypten und Cyrenaica unter Hadrian, Dio Cass. LXVIII, 32.. – Leicht konnte sich da die Sage bilden, einst habe ein alter König weislich den verschiedenen Orten verschiedene Tierkulte anbefohlen, weil ohne die daraus entstandene ewige Zwietracht das grosse unruhige Ägyptervolk gar nicht zu bändigen gewesen wäre. – Wir werden in der Übersicht des Heidentums auf diese gewaltige Religion, ihre Priester und Zauberer und ihr stolzes Verhältnis zum griechisch-römischen Heidentum zurückkommen müssen. Die noch immer am Leben befindliche und noch später bekanntlich im sogenannten Koptischen fortdauernde ägyptische SpracheSie war sonst noch die vorherrschende Landessprache. Vgl. Apostelgesch. XXI, vs. 37 f. Auch Ägypter von Stande beschränkten sich darauf und brauchten zum Umgang mit Griechen Dolmetscher. So z. B. S. Antonius, dessen Bibelkunde überdies auf ein hohes Alter der ägyptischen Bibelübersetzung schliessen lässt. Vgl. Athanas., Vita S. Anton., col. 473 s. war damals nicht mehr die wesentliche Trägerin dieser Religion. Menschen aus allen Gegenden des Reiches unterwarfen sich eifrig dem Modeaberglauben. Das überwiegend griechische Alexandrien besass vollends in seinen Fabriken und an seinem Hafen einen so fanatischen Pöbel als er sich irgend am Nil finden mochte, was besonders die Christen schwer zu empfinden hatten. Um ein volles Jahr kam man hier der Verfolgung des Decius zuvor (251)Euseb., Hist. eccl. VI, 41., indem ein Wahrsager das Volk mit wilden Improvisationen aufgeregt hatte. Auch hier tritt die ausgebildete Henkersphantasie zutage, wie sie gedrückten Völkern eigen ist; man sticht die Verfolgten mit spitzigem Rohr ins Gesicht und in die Augen, schleift sie auf dem Pflaster, schlägt ihnen alle Zähne aus, bricht ihnen die Glieder einzeln, und dergleichen mehr, der gerichtlichen Folter nicht zu gedenkenWie noch in der christlichen Zeit, im Jahr 415, die Philosophin Hypatia mit Scherben gesteinigt und die Leiche in Stücke zerrissen wurde, erzählt umständlich Socrates, Hist. eccl. VII, 15..

Den Römern war der ganze Charakter dieses Volkes schon in geselliger Beziehung zuwider; wo man im weiten Römischen Reiche mit reisenden Ägyptern zu tun bekamEunap., Vitae philos., sub Aedesio., konnte man auf irgendeine grobe Unschicklichkeit rechnen, »weil sie von Hause aus so erzogen waren«. Vor öffentlichen Personen, und mochte es auch der Kaiser sein, war ihr freches Schreien und Kreischen unleidlich. Um so weniger wurden Umstände gemacht, wenn es galt, Ägypten durch Strafen zur Besinnung zu bringen. Zu dem allgemeinen Reichsunglück, welches seit Mitte des dritten Jahrhunderts in Gestalt von Krieg und Pest die Erde entvölkerte, sollte für dieses Land noch besonderes Unheil kommen.

Unter Gallienus (254–268) begab es sich, dass der Sklave eines alexandrinischen BeamtenHist. Aug., XXX Tyr. 22, und Gallien. 4. Die Motive bleiben doch meist dunkel. auf militärische Weise mit Ruten gestrichen wurde, weil er (ohne Zweifel mit ägyptischem Hohn) gesagt hatte, seine Sandalen taugten mehr als die der Soldaten. Der Pöbel nahm Partei, und es sammelten sich dichte Massen vor der Residenz des Präfekten Aemilian, ohne dass man anfangs gewusst hätte, wem es eigentlich galt. Bald folgten Steine, Schwerter wurden gezückt, Wut und Lärm stiegen grenzenlos; entweder war nun der Präfekt das Opfer des Pöbels, oder (wenn er mit grösster Mühe Meister wurde) er hatte Absetzung und Strafe zu erwarten. In dieser Not erhob er sich zum Kaiser, wie es scheint auf Verlangen der Truppen, welche den indolenten Gallienus hassten und gegen die das Land bedrängenden Barbaren einer Anführung bedurften, die von kleinlicher Verantwortlichkeit frei sein musste. Er durchzog Ägypten, drängte die eingefallenen Völker zurück und behielt das Getreide im Lande; man durfte eine Rettung hoffen, wie der Okzident sie damals durch Postumus und seine Nachfolger fand. Aber als Aemilian bereits eine Expedition über das Rote Meer rüstete, gab ihn Ägypten dem von Gallienus gesandten General Theodotus preis, der ihn gefangen seinem Herrn schickte. Vielleicht wurde er an derselben Stelle im tullianischen Kerker zu Rom erdrosselt, wo einst Jugurtha den Hungertod starb.

Ob das Land noch insbesondere der Rache des Gallienus unterlag, ist nicht bekannt. Jedenfalls hätte es diesem nicht viel geholfen, denn bald nachher geht ihm Ägypten abermals verloren (261)Manso, Leben Constantins, S. 468, glaubt Aemilians Aufstand erst in das Jahr 263 versetzen zu müssen, und zitiert dazu, offenbar aus Versehen, Hist. Aug., Gallien., c. 9. Aus c. 4 ibid. liesse sich im Gegenteil schliessen, dass das Ereignis vor 259, d. h. vor die Erhebung des Postumus zu setzen sei., einstweilen nur für kurze Zeit, allein unter Umständen der entsetzlichsten Art, die wir freilich nur ahnen können. Ein Jahr über ist Macrian Herr des Orientes; was für Kämpfe damals in Alexandrien wüteten und zwischen wem, ist unbekannt; nachher aber schildert der Bischof Dionysius die Stadt, wie sie unkenntlich geworden durch all die Greuel, wie die grosse Hauptstrasse, vielleicht jene von dreissig Stadien Länge, so öde liegt als die Wüste des Sinai, wie in den stille gewordenen Häfen der Stadt das Wasser von Blut gerötet ist, und der nahe Nilkanal voll Leichen schwimmtBei Euseb., Hist. eccl. VII, 21 und 23. Valesius bezog diese Schilderung auf die Ereignisse zur Zeit Aemilians..

Nochmals wird Gallienus Meister, aber unter seinen Nachfolgern Claudius Gothicus und Aurelian lässt die grosse Königin von Palmyra, die Enkelin der Ptolemäer, Ägypten, wenigstens Alexandrien zweimal für sich erobernZosim. I, 44.. Da zeigt sich (ähnlich wie damals in mehrern Provinzen) die letzte nationale Regung von grösserm Maßstabe bei dem sonst unkriegerischen, gealterten Volke; heftig nimmt man Partei für und gegen Zenobia; Volksheere verstärken (so scheint es) die beiderseitigen Truppen. Die Palmyrener bleiben Sieger; allein nicht lange hernach stürzt ihr eigenes Reich durch den grossen Feldzug Aurelians (273). Jetzt konnte die bisherige palmyrenische, römerfeindliche Partei unter den Ägyptern nichts als harte Strafe erwarten; vermutlich durch ihre Verzweiflung erhob sich ein reicher in Ägypten angesessener Seleucier, Firmus, zum Kaiser. Der einzige ReferentHist. Aug., Firmus 2 seq. u. Aurelian. 32., den wir hierüber besitzen, verspricht zwar, die drei Firmus, welche damals in Afrika figurierten, nicht miteinander zu verwechseln; er schildert aber denjenigen, um welchen es sich hier handelt, den Usurpator von Ägypten, mit so fabelhaft auseinanderlaufenden Umrissen, dass man dieselben doch auf mehr als einen Menschen glaubt verteilen zu sollen. Sein Firmus reitet auf Straussen, kann aber auch einen ganzen Strauss und das Fleisch von Nilpferden verdauen, seiner Bekanntschaft mit den Krokodilen zu geschweigen; selbst einen Amboss lässt er sich auf den Leib legen und darauf mit Hämmern schlagen. Ebenderselbe ist der Freund und Genosse Zenobiens und einer der grössten Kaufleute und Fabrikanten von Ägypten. Mit dem Ertrag seiner Papierfabriken allein rühmte er sich ein Heer unterhalten zu können; er stand in grossen Lieferungskontrakten mit den Arabern sowie mit den Blemmyern, welche den Handel nach dem Roten Meere und dem innern Afrika vermittelten; häufig gingen seine Schiffe nach Indien. Mochte überall sonst der Kaiserpurpur von Offizieren, Provinzialadligen und Abenteurern aller Art umgeschlagen werden – für Ägypten ist es ganz bezeichnend, dass auch der Grosshändler den Versuch wagt, nachdem der unaufhörliche Krieg ihn ohnedies mit Ruin bedroht hat.

Aurelian aber wollte rasch mit dem »Throndieb« fertig werden; er siegte in einer Schlacht und belagerte ihn dann zu AlexandrienMatter, Hist. de l'ecole d'Alexandrie I, p. 300.. Hier scheint sich Firmus mit seiner Partei noch ziemlich lange in dem Bereich der alten Königsburg, Bruchion, gehalten zu haben; wenigstens fand es Aurelian, nachdem er ihn in seine Hände bekommen und getötet, für angemessen, jenes ganze herrliche StadtquartierStrabo XVII, 1. schleifen zu lassen. Da sank in Schutt der Palast der Ptolemäer, ihre prächtige Gruft, das Museion, an welches sich alle geistigen Erinnerungen des spätem Griechentums knüpften, und die Riesensäulen der Propyläen, über welchen sich noch ein hoher Kuppelbau erhoben hatte – der verwüsteten Theater, Hallen, Gärten usw. nicht zu gedenken. War es Rache, oder folgte der Sieger bloss strategischen Gründen? Man vergesse nicht, dass gewisse Gegenden des Reiches verhungern konnten, wenn das empörte Ägypten, wie noch unter Firmus geschah, die Ausfuhr zurückhielt. Immer bleibt es aber ein trauriges Zeichen für Herrscher und Beherrschte, wenn solche Opfer gebracht werden müssen, um einer Stadt die Fähigkeit der Empörung und Verteidigung zu benehmen.

Bei den Ägyptern wirkte dergleichen überdies nur wie ein Reiz mehr. Unter Probus (276–282) oder schon vorher kam einer der tüchtigsten Generale, der Gallier Saturninus, in das Land, den die frechen Alexandriner sogleich als Kaiser begrüssten. Entsetzt floh Saturnin vor dieser Zumutung nach Palästina; da er aber die grosse Seele des ProbusHist. Aug., Saturnin. 11. nicht kannte, hielt er sich bei weiterem Nachdenken doch für verloren und nahm den purpurnen Peplos eines Aphroditenbildes jammernd um sich, während ihn die Seinigen adorierten. Sein Trost war: ich werde wenigstens nicht einzig umkommen. Probus musste ein Heer senden; gegen seinen Willen wurde der unglückliche gefangene Usurpator erwürgt. Später musste Probus nochmals in Ägypten Krieg führen lassen, weil der schon längst gefährliche nubische Stamm der Blemmyer einen Teil des obern Landes, namentlich das schon erwähnte Ptolemais am Nil, eingenommen hatte, und zwar mit Konnivenz der unheilbar aufrührerischen Einwohner. Diese Blemmyer, ein hageres, braunes, flüchtiges WüstenvolkAvienus, Orbis terr. descr., vs. 329. – Gibbon, Kap. 13 taxiert die Schwierigkeit eines Kampfes gegen solche Völker, denen man nie mit einer grossen Armee folgen kann, zu gering. – Vgl. Preuss, S. 72., hatten den Transport von den Hafenstädten des Roten Meeres nach dem Nil in ihre Hände bekommen; sie zu unterwerfen oder zu vertilgen war von jeher gleich untunlich gewesen, und so musste man von Zeit zu Zeit mit ihnen abrechnen. Auch diesmal wurden die römischen Generale Meister, gewiss nicht ohne Anwendung harter Strafen. – Aber unter Diocletian fällt ganz Ägypten von neuem ab, und zwar für eine Reihe von Jahren, indes die Kaiser von dem kaum gebändigten Gallien aus zugleich Britannien wieder erobern, einen Usurpator in Karthago bekämpfen, die Einfälle maurischer Völker zurückweisen und sonst fast überall an den Grenzen Krieg führen mussten. Während die Blemmyer sich abermals Oberägyptens bemächtigten, erhob sich (286) in Alexandria ein sonst ganz unbekannter Mensch, L. Elpidius AchilleusWahrscheinlich ein Nationalägypter; sein Name erinnert an den berüchtigten Minister der letzten Ptolemäer, an den 311 erwählten Patriarchen von Alexandrien, und andere dieses Namens., zum Augustus. Erst nach zehn Jahren (296) war Diocletian imstande, auch hier einzuschreiten. Durch Palästina zog er nach Ägypten, mit ihmNach den Titeln im Edikt des Galerius (bei Euseb., H. E. VIII, 17) scheint auch dieser dabei gewesen zu sein. der 22jährige Constantin, dessen grosse, majestätische Gestalt in den Augen der Menschen den Imperator verdunkelte. Abermals eine lange, achtmonatige Belagerung von Alexandrien, nebst Zerstörung der Aquädukte und, nach der Tötung des Achilleus, eine abermalige, schreckliche Züchtigung. Die Hauptstadt wird dem vermutlich höchst erbitterten Heere zur Plünderung überlassen, der Anhang des Thronräubers geächtet und eine Menge Menschen hingerichtet. Als Diocletian eintritt, meldet die Sage, gebot er zu morden, bis das Blut seinem Ross an die Knie reichen würde; aber nicht weit vom Tor glitt das Tier auf den Leichen aus und wurde am Knie blutig, worauf dem Mordbefehl sogleich Einhalt getan wurdeMalalas, l. XII, ed. Bonn. p. 309.. Ein ehernes Pferd bezeichnete noch lange die Stelle. In Mittelägypten wurde die Stadt Busiris gänzlich zerstört. Nicht besser ging es den Oberägyptern; hier hatte der reiche Stapelplatz Koptos, wo die Blemmyer sich vorzüglich mochten festgesetzt haben, dasselbe Schicksal wie BusirisEuseb., Chron. und Zonaras XII, 31 nehmen für die Katastrophe dieser beiden Städte einen frühern Zug des Kaisers nach Ägypten an, ersterer zum Jahr 294 (d. h. nach unserer Rechnung 291).. Bei diesem Anlass aber traf Diocletian (wie Eutrop sagt, sein christlicher Bearbeiter Orosius dagegen verschweigt) auch viele umsichtige Anordnungen, die nachher eine bleibende Geltung behielten. Er schaffte, ohne Zweifel aus guten Gründen, die alte Bezirkseinteilung und die von Augustus herstammende Einrichtung des Landes ab und teilte dasselbe in drei Provinzen, entsprechend der Organisation der übrigen ReichsgebietePreuss, a. a. O., S. 73.. Für die Sicherheit des Handelsverkehrs wurde dadurch gesorgt, dass er, den Blemmyern gegenüber, einen andern afrikanischen Stamm von der grossen Oase her, die Nobaten, in den bleibenden Sold des Reiches nahm und ihnen ein bisheriges, wenig einträgliches Stück römischen Gebietes oberhalb Syene abtrat, wo sie fortan als Grenzhüter wohnen solltenProcop., Bell. Pers. I, 15.. Es war nicht seine Schuld, dass dergleichen Auskunftsmittel bei der Erschöpfung der Heere und der Kassen zur Notwendigkeit geworden waren, und dass man den Nobaten und den Blemmyern gleichwohl noch eine Art von Tribut bezahlen musste. Ganz diocletianisch ist aber die Art und Weise, wie man sie in Eid und Pflicht nahm; auf der Grenzinsel Philae, welche übrigens neue, starke Befestigungen erhielt, wurden Tempel und Altäre für gemeinschaftliche Sacra zwischen ihnen und den Römern neu erbaut oder doch die vorhandenen neu geweiht und mit beiderseitigen Priesterschaften bestellt. Die beiden Wüstenvölker waren ägyptischen Glaubens, die Blemmyer mit besonderer Neigung zu Menschenopfern; sie erhielten oder behielten jetzt auch das Recht, zu gewissen heiligen Zeiten das Isisbild von Philae in ihr Land abzuholen und es dort eine bestimmte Zeit zu behalten. Noch schildert uns eine InschriftBoeckh, Corp, inscr. Gr., l. c., nr. 4943. den feierlich auf dem Nil sich bewegenden Barkentempel mit dem Bild der Göttin.

Auch eine neue Stadt tauchte seitdem in Oberägypten, nahe bei dem zerstörten Koptos, auf: Maximianupolis, welche der Kaiser nach dem Namen seines ältesten Mitregenten benannte. Vielleicht war es ein blosser Garnisonsort, vielleicht liegt darunter das alte, nur umgetaufte ApollinopolisVgl. Böcking, Notitia imperii I, p. 320..

Selbst das tief in Jammer versenkte Alexandrien erhielt wenigstens einigen Trost; Diocletian wies der Stadt wieder bestimmte Kornverteilungen zu, eine Gnade, welche längst sehr viele auch ausseritalische Städte genossen. Dafür rechneten fortan die Alexandriner die JahreVgl. L'art de vérifier les dates, Einleitung. nach seiner Regierungszeit; dafür errichtete ihm der Präfekt Pompeius im Jahre 302 die mit Unrecht nach seinem eigenen Namen benannte Säule, welche noch die Weiheinschrift trägt: dem heiligsten Autokrator, dem StadtgeniusBoeckh, Corp, inscr. Gr., l. c., nr. 4681. Man wird Πολιου̃χος kaum anders übersetzen können. Alexandreias, dem unbesiegten Diocletian. Von einem ältern Prachtbau entnommen oder für einen unvollendeten bestimmt, ragt der riesige Monolith noch jetzt aus den kaum mehr kenntlichen Resten des Serapeums empor.

Endlich meldet eine späteSuidas, sub v. Diocletianus, nebst mehrern Spätern. – Es ist, wie Gibbon bemerkt, die älteste vorhandene Erwähnung der Alchymie. und teilweise entstellte Notiz, Diocletian habe damals die Schriften der alten Ägypter über die Hervorbringung von Gold und Silber zusammensuchen und verbrennen lassen, damit die Ägypter nicht mehr aus dieser Quelle Reichtümer schöpfen und in dem daher entstandenen Übermut sich gegen Rom empören möchten. Man hat dagegen sehr einleuchtend bemerkt, dass Diocletian die Bücher wohl zu seinem eigenen und des Reiches Gebrauch würde behalten haben, wenn er an die Möglichkeit der Alchymie geglaubt hätte. Aber aus lauter wohlgemeinter Aufklärung, wie Gibbon annimmt, ging sein Schritt doch auch schwerlich hervor. Vielleicht hing die ägyptische Goldmacherei mit anderm scheusslichem Aberglauben zusammen, welchem der in seiner Art fromme Fürst damit begegnen wollte.

Mit Diocletian hören nun die Empörungen Ägyptens plötzlich für eine geraume Zeit auf. Hatte seine Weisheit etwa in der Tat dem Lande wesentlich zu helfen, den Charakter der Einwohner zu bessern oder wenigstens sie auf die Dauer einzuschüchtern vermocht? Genügten die neuen allgemeinen Reichseinrichtungen, um ihnen die Empörung zu verleiden und unmöglich zu machen? Die wahrscheinlichste Erklärung wurde schon früher angedeutet: Zunächst hinderte allerdings die Teilung der Herrschergewalt das Aufkommen eingeborner und lokaler Usurpatoren in den Provinzen; seit Constantin aber fand die ägyptische Leidenschaft in den kirchlichen Streitigkeiten einen Tummelplatz, der den sinkenden Kräften der unglücklichen Nation allmählich angemessener war als das verzweifelte Ankämpfen gegen römische Beamte und Armeen. Der meletianische und der arianische Streit beginnen diese lange Reihe theologischer Aufregungen, sobald das Christentum proklamiert ist; aber auch die Heiden wehren sich hier wie nirgends im Reiche für ihre Religion durch blutige AufständeSocrates, Hist. eccl. III, 2. V, 16. Sozom. V, 10..

In einer Beziehung war Ägypten, wie ganz Afrika, der sicherste Besitz des damaligen Römischen Reiches: abgesehen von einer Anzahl halbwilder Nationen, deren Einfalle man bei einiger Aufmerksamkeit leicht zurückweisen konnte, hatte es die Wüste in seinem Rücken. Während die Rhein-, Donau- und Euphratgrenze von starken, feindlichen Nationen bedroht war, genügten hier verhältnismässig geringe, passend verteilte GarnisonenIhre Aufstellung in der spätem Zeit gibt die Notitia imp. Rom. I, cap. 25. 28. II, cap. 23. 24. 29. 30.. Denn das konnte in jener Zeit noch niemand ahnen, dass einst von Arabien aus ein religiöser und erobernder Fanatismus den ganzen Süden und Osten des Römerreiches in seinem unwiderstehlichen Siegeslauf vor sich aufrollen und sich assimilieren würdeOder ahnte es dennoch, wenn auch dunkel, jener späte, unter dem Namen des Apuleius gehende Heide mit seiner Weissagung, dass Scythen oder Inder oder nähere Barbaren Ägypten bewohnen werden? Apul., De natura deorum, ed. Bipont. vol. II, p. 307 s. – Seine hohe Meinung von Ägypten ist, dasselbe sei imago coeli, translatio aut descensio omnium quae gubernantur atque exercentur in coelo – ja: totius mundi templum.. – Die Nordküste von Afrika war im dritten Jahrhundert gewiss ungleich bevölkerter, als sie seitdem je wieder gewesen ist. Die Monumente Algeriens, die grosse Zahl der später nachweisbaren Bischofssitze, die beträchtliche geistige Bewegung und die derselben entsprechende Stellung in der spätrömischen Literatur lassen auf einen Zustand schliessen, den man nicht nach der verhältnismässigen Armut an äussern Ereignissen beurteilen darf. Vor allem war das von Caesar hergestellte Karthago durch seine Lage eine der ersten Städte des ReichesAuson., Ordo nob. urb. Neben Rom und Konstantinopel: tertia dici fastidit. geworden, allerdings auch eine der gefährlichsten. Die verworfenen SittenSalvian., l. c. lib. VII et VIII. Noch zur christlichen Zeit blieb ein geheimnisvoller Kultus eines daemon coelestis übrig, und zwar bei den Christen selbst., welche die Stadt später auch zum Capua der tapfern Vandalen machten, mögen ganz ausser Berechnung bleiben; der schon von der Dido gestiftete Tempel der Himmlischen Göttin, der »Astroarche«, war dem Reiche fatal, weniger durch die gefälligen Hierodulen als durch die aufreizenden Orakel, die er spendeteVgl. Hist. Aug., Macrin. 3. Pertinax 4., und durch die Unterstützung, die er mehr als einer Usurpation verlieh. Der Purpurmantel, welcher über das löwenthronende, Blitz und Scepter haltende Bild herunterhing, hat mehr als eines Gegenkaisers Schultern bedeckt. – Auch jetzt wieder, beim Auftreten Diocletians, stellt sich ihm in Afrika ein gewisser Julian entgegen, von dessen Herkommen und weiterm Schicksal man gar nichts weissDie einzige Erwähnung in Aurel. Vict., Caes., und (anders) in der Epit. – Ausserdem eine verdächtige Münze., er müsste denn die sogenannten Quinquegentianer oder Fünfvölker angeführt haben, gegen welche Maximian zu Felde ziehen müsste, und von welchen wir nicht viel mehr wissen. Sie waren ohne Zweifel MauretanierMansos Beweis, a. a. O., S. 325 ff. Mit der libyschen Pentapolis haben sie nichts zu tun., das heisst aus der westlichen Hälfte von Nordafrika, wo der Atlas wie heutigen Tages eine Reihe kleiner Völker beherbergen müsste, welchen angriffsweise schwer beizukommen war; eine ernstliche Okkupation hatte man von ihrer Seite nicht zu befürchten, wenn die römischen Beamten nicht mit Willen ihre Pflicht versäumtenS. Ammian. Marc. XXVII, 9 und bes. XXVIII, 6.. Maximian nahm sich erst nach einer Reihe von Jahren die Musse zu diesem Kriege (297), woraus wir schliessen dürfen, dass die Gefahr keine der dringendsten war und dass die Kornlieferungen nach Italien nicht unterbrochen worden waren. Bei dem bis ins vorhergehende Jahr andauernden Abfall Ägyptens hätte das Reich des afrikanischen Getreides weniger als je entraten können.

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