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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Eigentümliche Wirkungen jener schon erwähnten merkwürdigen Erscheinung

Ja, weiter hatte Herr Tartarin an jenem Tage nichts gesprochen, aber der Unglückselige hatte schon zuviel gesagt.

Am nächsten Tage redete man in der ganzen Stadt von nichts anderm, als daß Herr Tartarin sich schon in allernächster Zeit auf die Reise begeben werde; er beabsichtige nach Algier zu gehen und dort Löwen zu jagen. Meine verehrten Leser wissen, daß es dem guten Manne auch nicht im Traume eingefallen war, irgend etwas derartiges zu sagen, daß an dem ganzen Gerücht auch nicht ein Sterbenswörtchen wahr sein konnte, aber das war nun wieder eine der Wirkungen jener schon früher erwähnten merkwürdigen Erscheinung.

Kurz und gut, in ganz Tarascon unterhielt man sich von der bevorstehenden Abreise, als sei sie eine längst beschlossene Sache.

Auf den Straßen, im Klub, bei Costecalde, überall steckten die Leute die Köpfe zusammen und tuschelten und machten dabei äußerst wichtige Mienen.

»Übrigens, Sie wissen doch schon das Neueste?« – »Übrigens, das weiß ich schon lange. Ja, Tartarin reist ab, nichts weniger.«

Es muß hier nämlich ausdrücklich bemerkt werden, daß die guten Tarasconesen die Gewohnheit hatten, jeden Satz mit »Übrigens« zu beginnen und mit »Nichts weniger« zu schließen. Sie sprachen natürlich auch diese Worte in ihrem breiten provençalischen Dialekt, daß sie sich anhörten »Übrigäns« und »Nichts wäniger«, was natürlich zum Wohlklang ungemein beitrug. An diesem Tage, wo alle sich so viel zu berichten hatten, klang das »Übrigäns« und »Nichts wäniger« so hell und laut, daß die Fensterscheiben fast klirrten.

Derjenige, der von allen in der Stadt am meisten erstaunt war, als er hörte, Tartarin beabsichtige nach Afrika abzureisen, war – Tartarin selbst. Aber man weiß ja doch, wie es mit der Eitelkeit bestellt ist und was sie alles zu vollbringen imstande ist.

Anstatt ein für allemal kurz und bündig zu erklären, daß es ihm gar nicht einfiele, abzureisen, ja, daß ihm überhaupt niemals der Gedanke gekommen wäre – statt dessen sagte der unglückselige, verblendete Tartarin, als man zum erstenmal mit ihm von seiner Abreise sprach, in geheimnisvollem Tone: »Haha – kann wohl sein – ich sage garnichts.«

Als man das zweitemal mit ihm über dasselbe Thema zu sprechen begann, hatte er sich schon mit der Idee vertrauter gemacht, und so antwortete er denn: »Es ist schon möglich.« Und beim drittenmal: »Jawohl, ich reise!«

Als er nun gar abends mit seinen Klubgenossen bei Costecalde saß, stieg ihm der reichlich genossene Punsch zu Kopfe, die vielen Beifallsbezeugungen, mit denen man ihm huldigte, die Lichter, die vielen aufgeregten Menschen, das alles verwirrte seine Sinne, der Jubel, mit dem die Ankündigung seiner bevorstehenden Abreise seitens der gesamten Einwohnerschaft aufgenommen war, berauschte ihn – und so erklärte denn der Bedauernswerte feierlich, daß er die Jagd auf Mützen schon längst satt bekommen habe und so bald als möglich ausziehen werde, die großen Löwen des Atlas zu jagen.

Mit lautem Hurrageschrei wurde diese Mitteilung aufgenommen. Nun wurde noch einmal Punsch gebraut, dann gab's ein Anstoßen, Händedrücken und Jubeln ohne Ende. Als Herr Tartarin nach Hause gegangen, brachte man ihm vor dem kleinen Hause des Baobab einen Fackelzug und Ständchen bis um Mitternacht.

Tartarin-Sancho war mit der ganzen Sache natürlich durchaus nicht einverstanden.

Schon der bloße Gedanke, nach Afrika zu reisen und auf die Löwenjagd zu gehen, hatte ihm einen furchtbaren Schreck eingejagt. Als er nun wieder daheim in seinen vier Pfählen war, machte er, während von draußen noch die Klänge von einem Ständchen ins Zimmer drangen, seinem Gegenpart Tartarin-Quixote eine außerordentlich heftige Szene. Er nannte ihn verrückt, verblendet, töricht, einen dreifachen Narren und setzte ihm lang und breit auseinander, welche Gefahren und Widerwärtigkeiten seiner auf der Expedition harrten – als da sind: Schiffbruch, Rheumatismus, heißes Fieber, Dyssenterie, schwarze Pest, Elefantiasis usw.

Vergebens schwor Tartarin-Quixote ihm hoch und heilig zu, daß er keinerlei Torheiten auf der Reise begehen werde, daß er sich vor jeder Krankheit in Acht nehmen wolle, daß er sich so sorgfältig ausrüsten werde, wie es nur irgend wünschenswert sei – es half alles nichts, Tartarin-Sancho wollte von nichts hören. Der Arme sah sich im Geiste schon zerrissen von den Löwen, verweht und erstickt im heißen Wüstensand, wie es dem seligen Kambyses ergangen, und der andere Tartarin konnte ihn nur mit Not und Mühe und dem Hinweise darauf beruhigen, daß es ja nicht sofort geschehen müsse, daß die Sache überhaupt nicht solche Eile habe, und daß sie schließlich doch noch nicht abgereist wären. Und darin hatte er doch auch vollständig recht. Zu einer Expedition, wie sie Tartarin vor hatte, zieht man doch nicht aus, ohne alle Sicherheitsmaßregeln getroffen zu haben. Zum Teufel auch, man bereitet sich doch hübsch vor und fliegt nicht davon wie ein Vogel.

Vor allen Dingen beschloß der Tarasconese, die Berichte der großen Afrikareisenden durchzulesen: die Werke von Mungo-Park, Caillé, Livingstone und Henri Duveyrier.

Bei dieser Gelegenheit wurde es ihm vollständig klar, daß auch diese mutigen und unerschrockenen Forscher nicht so mir nichts dir nichts bloß den Staub von ihren Füßen geschüttelt und sich auf die weiten Reisen begeben hatten, sondern daß sie sich systematisch daran gewöhnt hatten, Hunger, Durst, weite Märsche und Beschwerden aller Art zu ertragen.

Tartarin beschloß, es wie jene zu machen, und deshalb nährte er sich von nun an ausschließlich von einem wässerigen Brei, den er sich bereitete, indem er einige Brotschnitten in warmem Wasser aufweichte, etwas Knoblauch, ein wenig Thymian und ein paar Lorbeerblätter hinzutat. Es wurde ihm schwer, diese selbstauferlegte Mäßigkeitskur durchzuführen, und man kann sich vorstellen, welch grimmige Gesichter der arme Sancho dabei schnitt . . . Abgesehen von dieser Wassersuppenkur betrieb Herr Tartarin noch einiges andere, was ihm bei der beabsichtigten Reise von Nutzen sein konnte. So erweiterte er z. B., um sich an lange Fußtouren zu gewöhnen, seinen täglichen Spaziergang derartig, daß er von jetzt an nicht mehr einmal, sondern gleich sieben- bis achtmal hintereinander die Stadt der Länge nach durchwanderte, bald im langsamen Trab, bald wieder im Dauerlauf mit angelegten Ellbogen, wobei er nach Art der alten Völker ein paar Kiesel im Munde hielt.

Um sich an die nächtliche Kühle, an Tau und Nebel zu gewöhnen, ging er alle Abende in seinen Garten hinaus und stellte sich hinter seinen Baobab; regungslos, die Flinte im Arm, nach allen Seiten umherspähend, so stand er hier auf der Lauer, bereit, beim geringsten verdächtigen Geräusch Feuer zu geben.

Während der ganzen Zeit, in welcher die Menagerie Mitaines in Tarascon verweilte, konnten die Mützenjäger, die sich abends bei Costecalde zusammengefunden hatten und gemeinsam den Nachhauseweg antraten, beim Passieren des Schloßplatzes einen geheimnisvollen Mann im Dunkeln sehen, der langsam hinter der Bude auf- und abspazierte.

Dieser geheimnisvolle Mensch war Herr Tartarin, der sich beizeiten daran gewöhnen wollte, auch in dunkler Nacht das Brüllen des Löwen zu hören, ohne zu erzittern.

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