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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Mitaines Menagerie – Ein Löwe aus dem Atlas in Tarascon – Ein schreckliches und dabei großartiges Zusammentreffen

Nachdem wir nun Herrn Tartarin von Tarascon in seinem Privatleben geschildert haben, bevor die Göttin des Ruhmes seine Stirne mit dem Weihekusse berührt und ihm den unvergänglichen Ehrenkranz aufs Haupt gedrückt hat, – jetzt, nachdem der geneigte Leser das Leben des Helden in seiner bescheidenen Umgebung kennen gelernt hat, mit allen seinen Freuden und Schmerzen, seinen Träumen, Hoffnungen und Wünschen, wollen wir zur Schilderung der glanzvollsten Momente seines Lebens eilen, und so berichten wir denn jenes eigentümliche Ereignis, welches den Anlaß gab, daß er sich aufschwang zu niegeahnter Größe und Höhe.

Eines schönen Abends waren mehrere Bewohner der lieben Stadt Tarascon im Laden des Waffenschmiedes Costecalde beisammen. Herr Tartarin zeigte eben einigen Freunden, die sich dafür interessierten, ein Hinterladergewehr, das damals noch etwas Neues war; er setzte ihnen lang und breit die Vorzüge dieser Waffe im Hinblick auf die der bisher üblichen Systeme auseinander, als plötzlich die Türe aufgerissen wurde, und ein Mützenjäger in den Laden stürmte, als sei der höllische Feind ihm auf den Fersen.

»Ein Löwe! Ein Löwe!« schrie er.

Furchtbarer Schreck und höchstes Entsetzen malte sich sofort in aller Zügen. Tartarin ließ die Waffe aus der Hand fallen, Costecalde schloß eiligst die Ladentüre. Man drängt sich um den Jäger, man befragt, man bittet, man beschwört ihn und erfährt endlich den Zusammenhang:

Der Tierbändiger Mitaine war mit seiner Menagerie vom Jahrmarkt zu Beaucaire nach Tarascon gekommen, um einige Tage in dieser Stadt zu bleiben; er hatte seine Bude auf dem Schloßplatz aufgeschlagen und seine Käfige aufgestellt, die mehrere Schlangen, Krokodile, und auch einen prächtigen Löwen aus dem Atlasgebirge beherbergten.

Ein Löwe aus dem Atlas in Tarascon! So etwas war ja seit Menschengedenken nicht dagewesen. Die biederen Mützenjäger sahen, als sie diese Kunde vernahmen, noch einmal so kühn und stolz wie sonst darein; ihre männlich schönen Gesichter strahlten ordentlich vor Genugtuung und Befriedigung, denn das Ereignis ging sie, als die Männer von der Gilde, doch am meisten an. In allen Ecken des Costecaldeschen Ladens wurden schweigend Händedrücke ausgetauscht – jeder verstand den andern. Die Bewegung war so groß, sie war über alle so unerwartet und mächtig gekommen, daß niemand sich fand, der ihr mit Worten hätte Ausdruck geben können.

Selbst Tartarin nicht. Bleich und zitternd vor Aufregung stand er jetzt, das Hinterladergewehr krampfhaft mit den Händen umschließend, kerzengerade vor dem Ladentisch und starrte träumerisch vor sich hin. Ein Löwe aus dem Atlas! Da, ganz dicht bei ihm, in zwei Schritten zu erreichen! Ein Löwe – das will sagen, das gewaltigste und mächtigste Tier, das auf Erden wandelt; der König der Tiere, das Bild seiner Träume, das erste in der Wirklichkeit erscheinende von jenen Geschöpfen, mit denen bisher nur seine Phantasie alles ringsumher bevölkert hatte – das war nun vorhanden.

Ein Löwe, heilige Götter!

Und noch dazu einer aus dem Atlas!!! Das war mehr, als der gute Tartarin sich jemals hatte träumen lassen.

Das Blut schoß ihm plötzlich zu Kopfe. Seine Augen flammten, sein ganzes Gesicht glühte. Er warf mit einer entschiedenen Bewegung das Hinterladergewehr um die Achsel, wandte sich zu dem tapferen Kommandanten Bravida, der früher im Montierungsdepot Dienste getan hatte, und rief ihm mit Donnerstimme zu:

»Vorwärts, Kommandant! Wir wollen ihn sehen!«

»Heda, mein Gewehr! Sie nehmen ja mein neues Hinterladergewehr mit!« rief der stets vorsichtige und kluge Costecalde dem Forteilenden nach. Tartarin jedoch war schon auf der anderen Seite der Straße und hinter ihm marschierten alle Mützenjäger, die stolzen und zuversichtlichen Blicke auf den Führer gerichtet.

Als sie auf dem Platze anlangten, wo die Menagerie etabliert war, fanden sie schon eine große Zuschauermenge versammelt. Die Tarasconesen sind von Hause aus ein mutiger und tüchtiger Menschenschlag; nun hatten sie aber seit langer Zeit kein einigermaßen interessantes und die Nerven erregendes Schauspiel gehabt. So hatten sie denn mit lobenswertem Eifer die neue Gelegenheit benutzt, waren in Scharen zu Mitaines Menagerie gewandert und hatten die Bude denn auch recht ansehnlich gefüllt.

Die dicke Madame Mitaine konnte damit wohl zufrieden sein. Im Kostüm einer Kabylin, die Arme bis zum Ellenbogen nackt, eiserne Armbänder um den Unterarm, eine Peitsche in der einen, ein schon gerupftes, aber noch lebendes Huhn in der andern Hand haltend, so stand die ehrenwerte Dame am Eingang ihrer Bude und machte den tarasconischen Herrschaften die Honneurs, und da sie ebenfalls »Doppelmuskeln« hatte, wie man bald herausfand, so konnte es ihr ja nicht fehlen. Sie persönlich hatte einen fast ebenso großen Erfolg zu verzeichnen wie die ihrer Pflege anvertrauten Bestien.

Tartarin, der nun mit der Flinte auf der Schulter eintrat, jagte allen Anwesenden einen panischen Schrecken ein.

Alle diese guten Tarasconesen, die so ruhig und gemütlich vor den Käfigen auf und ab spazierten, ohne Waffen, ohne Mißtrauen, ja ohne jede Ahnung einer vorhandenen Gefahr, mußten natürlich in Angst versetzt werden, als sie ihren großen und berühmten Tartarin plötzlich in vollster Kriegsausrüstung in die Bude treten sahen.

Grund zu Besorgnissen war entschieden vorhanden, wenn sogar dieser Held alle Sicherheitsmaßregeln getroffen hatte. So war denn im Nu die Szene eine andere geworden. Der Raum vor den Käfigen war leer, die Kinder schrieen, die Damen drängten nach dem Ausgange. Der Apotheker Bezuquet behauptete, er wolle nur schnell auch sein Gewehr holen, und so kam er als einer der ersten aus der Menagerie.

Die ruhige, sichere, selbstbewußte Haltung Tartarins ließ jedoch bald auch bei anderen wieder den Mut neu erwachen. Stolz, mit gehobenem Haupte, so schritt der unerschrockene Tarasconese durch die Bude. Bei dem Bassin, in dem sich die Krokodile befanden, ging er vorbei, ohne nur einen Moment stehen zu bleiben; ebenso schritt er an der Kiste mit den Schlangen vorüber – der einen, welche eben das Huhn hinunterwürgte, warf er nur einen verächtlichen Blick zu. Nun kam er endlich an den Löwenkäfig, und hier machte er denn auch Halt.

Ein furchtbarer und doch großartiger Anblick! Der Löwe von Tarascon und der Löwe aus dem Atlas – hier standen sie einander gegenüber.

Auf der einen Seite, nämlich außerhalb des Eisengitters, stand Tartarin. Er hatte den Oberkörper ein wenig nach vorn gebeugt und stützte sich auf sein Gewehr. Auf der andern Seite stand der Löwe, wirklich ein sehr schönes Exemplar. Die Tatzen waren in dem Stroh versteckt, das ihm im Käfig als Lager diente; den ungeheuern Kopf mit der gelben Mähne hatte er auf die Vorderpranken gesenkt; er blinzelte mit den Augen.

So standen sich die beiden ruhig, Aug' in Auge, gegenüber. Weiß der Himmel, wie es nun gekommen ist – entweder verdarb der Anblick des Gewehres dem Löwen die gute Laune, oder er witterte in seinem Gegenüber einen Erzfeind seiner Rasse, genug – das mächtige Tier, das alle andern Tarasconesen bisher nur mit dem Ausdruck souveräner Verachtung angeblickt und ihnen zeitweilig ins Gesicht gegähnt hatte, machte plötzlich eine Bewegung, als gerate es in Wut. Zuerst hob es die Nüstern, schnaubte und streckte die Vorderpranken noch weiter nach vorn; dann erhob es sich mit einem Male zu seiner ganzen Höhe, richtete den Kopf auf, schüttelte die Mähne, öffnete den gewaltigen Rachen und stieß ein furchtbares Gebrüll aus, das ganz ausschließlich an Tartarin gerichtet zu sein schien. Ein entsetzliches Angst- und Jammergeschrei war die Antwort. Tarascon war in Not. Alles drängte nach den Türen, alle suchten Rettung in wildester Flucht – Frauen, Kinder, Lastträger, Mützenjäger, sogar der tapfere Kommandant Bravida. Nur Herr Tartarin rührte sich nicht von der Stelle. Er stand fest und unerschütterlich vor dem Käfig – in seinen Augen leuchtete es wundersam, und er machte das finstere Gesicht, das die ganze Stadt kannte. Als bald darauf einige Mützenjäger ihre Fassung einigermaßen wieder gewonnen hatten und, sicher gemacht durch seine Ruhe und im Vertrauen auf die Haltbarkeit der eisernen Käfigstäbe, sich ihrem Herrn und Meister näherten, da hörten sie, wie er murmelte, indem er unverwandt den Löwen anblickte:

»Das wäre einmal eine Jagd! Ja, das lohnte sich!«

Und weiter sprach Herr Tartarin an jenem Tage nichts.

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