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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Die Europäer in Shanghai – Der Großhandel – Die Tataren – Ist Herr Tartarin etwa ein Lügner – Eine wunderbare Erscheinung

Einmal jedoch hätte Tartarin beinahe eine Reise machen müssen, und zwar eine wirklich große Reise.

Die drei Gebrüder Garcio-Camus, die aus Tarascon ausgewandert waren und sich in Schanghai niedergelassen hatten, boten ihm nämlich die Leitung eines ihrer Bureaus da hinten in Asien an. Da hätte er nun ein Leben in Aussicht gehabt, wie er es sich bisher so lange und so vergeblich ersehnt: wichtige Geschäfte und interessante Erlebnisse; das Kommando über ein ganzes Heer von Untergebenen, Verbindung mit Rußland, Persien, Kleinasien und endlich auch der Großhandel an sich.

Im Munde Tartarins erschien das Wort »Großhandel« schon von einer Wichtigkeit, einer Bedeutung. . . .

Jene Filiale des Hauses Garcio-Camus hatte außer diesen Vorzügen noch die Annehmlichkeit, daß sie von Zeit zu Zeit von wilden tatarischen Völkerstämmen überfallen wurde. Dann wurden schnell alle Türen verrammelt, alle Angestellten griffen zu den Waffen, man hißte die Konsulatsflagge, und dann gings piff, paff aus den Fenstern auf die Tataren.

Daß Tartarin-Quixote den ihm gemachten Vorschlag mit größtem Enthusiasmus annahm, braucht eigentlich nicht erst besonders erwähnt zu werden. Aber unglücklicherweise hörte Tartarin-Sancho die Sache mit anderen Ohren an; er machte ungezählte Einwürfe, ließ sich auch von allen Gegenreden nicht überzeugen, und weil er sich somit als der Stärkere gezeigt hatte, wurde aus der Sache nichts, und Tartarin blieb im Lande.

In der Stadt hatte diese Angelegenheit natürlich berechtigtes Aufsehen gemacht, und sie wurde überall eifrigst diskutiert. Wird er gehen? Wird er nicht gehen? Wir wollen wetten! Nein, wir wollen doch lieber nicht wetten! . . . Die Sache war ein wichtiges Ereignis geworden.

Schließlich reiste Tartarin, wie gesagt, nicht ab, aber sein Ruhm war nur noch gewachsen, denn schon das bloße Angebot war doch eine höchst ehrenvolle Auszeichnung, die auch von den Mitbürgern anerkannt wurde. Und ob einer nach Schanghai hatte gehen wollen oder ob er wirklich gegangen war, das ist doch schließlich ein und dasselbe – so sagten wenigstens die guten Tarasconesen.

Es war so lange, so viel und so oft über Tartarins beabsichtigte Reise gesprochen worden, daß sie schließlich etwas Legendäres bekam. Viele glaubten allen Ernstes, er wäre dort gewesen und sei erst jüngst zurückgekehrt, und wenn sich die Herren abends im Klub trafen, dann wurde Tartarin häufig um allerlei Auskünfte über das Leben in Schanghai gebeten, über die Sitten, über das Klima, den Opiumverbrauch und den Großhandel.

Tartarin, der durch vielerlei Lektüre auf diesem Gebiete sehr unterrichtet war, gab mit größter Zuvorkommenheit jede nur erwünschte Auskunft, und das Ende vom Liede war, daß der Biedermann selbst nicht mehr recht wußte, daß er nicht in Schanghai gewesen war. So erzählte er denn auch mehr als hundertmal den Angriff der Tataren: seine Geschichte schloß regelmäßig mit den Worten: »Und nun ließ ich alle meine Angestellten bewaffnen, hißte die Konsulatsflagge, und dann ging's piff, paff aus den Fenstern auf die Tataren.« Staunend hörte der Klub die Erzählung an, und jeden überlief es kalt bei der Schilderung des Kampfes.

Nun möchte wohl so mancher meiner Leser einwerfen: »Dann war ja dieser Herr Tartarin ein ganz abscheulicher Lügner.«

O nein! Tartarin war durchaus kein Lügner.

»Aber er mußte doch recht wohl wissen, daß er niemals nach Schanghai gereist war.«

Nun ja, das wußte er allerdings. Und dennoch . . .

Ich will das näher zu erklären versuchen.

Es ist wirklich an der Zeit, sich ein für allemal darüber zu verständigen, daß die Bewohner der nördlichen Länder denen der südlich gelegenen ganz mit Unrecht den Vorwurf machen, sie seien alle zusammen Lügner. Es gibt keine Lügner im Süden, weder in Marseille noch in Nimes, weder in Toulouse noch in Tarascon. Der Südländer lügt eben nicht, er – irrt sich nur; er ist stets in einer eigentümlichen Selbsttäuschung befangen. Er sagt nicht immer die Wahrheit, das ist richtig – aber er glaubt doch immer, daß er sie sagt.

Die Lüge des Südländers ist keine Lüge, wenigstens ist sie nicht das, was man für gewöhnlich mit diesem Worte bezeichnet, sondern sie ist eine ganz merkwürdige Erscheinung.

Ja, ein merkwürdiges Etwas! Und wer mich nicht ganz versteht oder wer sich von der Richtigkeit meiner Behauptung überzeugen will, der gehe einmal nach dem Süden. Er wird sein Wunder erleben. Er wird den Dämon dieses Landes kennen lernen, in dem die Sonne alle Gegenstände so eigentümlich beleuchtet, daß sie in ganz anderen Dimensionen erscheinen, als sie in Wirklichkeit haben. Die kleinen Hügel der Provence, die nicht höher sind als der Montmartre, werden ihm als riesig hohe Bergzüge erscheinen. Die Maison carrée in Nimes, die auf dem Nippestisch Platz zu haben scheint, kommt ihm so groß vor, wie Notre-Dame in Paris.

Der Beschauer wird auch entdecken, daß der einzige südländische Lügner, wenn überhaupt von einem solchen die Rede sein kann, die – Sonne ist. Alles, worauf ihre Strahlen fallen, verändert und vergrößert sie. Was war denn Sparta zur Zeit seines höchsten Glanzes und Ruhmes? Ein Marktflecken. Und was war Athen? Höchstens das, was man heute als kleines Landstädtchen bezeichnet. Und doch erscheinen sie uns in der griechischen Geschichte als Großstädte. Die Sonne hat's gemacht.

Wird es einem meiner Leser nun noch sonderbar erschienen, daß diese selbe Sonne des Südens, die ja auch Tarascon mit ihren Strahlen traf, einen Mann wie Bravida, den tapferen Kommandanten Bravida, der früher im Montierungsdepot Dienste getan hatte, so irre führen konnte, daß er eine Stockrübe für einen Baobab hielt?

Und so war es denn auch gekommen, daß Bravidas Freund, der einmal nach Schanghai hatte reisen sollen, sich einbildete, wirklich dort gewesen zu sein.

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