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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Die beiden Tartarins
Merkwürdiges Zwiegespräch zwischen Tartarin-Quixote und Tartarin-Sancho

Wie war es eigentlich zugegangen, daß bei solcher Sucht nach Abenteuern, bei solchem Verlangen nach mächtigen Erregungen, bei solcher Lust zum Reisen, zum Jagen, zum Herumstreifen Tartarin von Tarascon noch niemals aus Tarascon herausgekommen war?

Denn das ist eine nachgewiesene Tatsache – bis zu seinem fünfundvierzigsten Lebensjahre hatte der mutige Tarasconese auch nicht eine einzige Nacht außerhalb seiner Geburts- und Heimatsstätte zugebracht. Er hatte nicht einmal jene berühmte Reise nach Marseille gemacht, zu der jeder Südfranzose sich gewissermaßen verpflichtet fühlt, sobald er großjährig geworden ist.

Es wäre doch zum mindesten zu erwarten gewesen, daß er schon einmal in seinem Leben in Beaucaire war, denn Beaucaire ist ganz dicht bei Tarascon – man braucht nur über die Brücke zu gehen. Aber der Teufel soll einer Brücke trauen! Jene nach Beaucaire wurde schon einigemal durch Orkane fast zerstört, auch ist sie so lang, und so gebrechlich, die Rhone ist so tief an dieser Stelle – nun – es ist also leicht zu begreifen . . .

Tartarin war nun einmal ein Freund des Festlandes.

Ferner muß noch eine besondere Eigentümlichkeit bei unserem Helden erwähnt werden: es machten sich bei ihm stets zwei einander ganz entgegengesetzte Triebe geltend. »Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust«, sagte einmal ein Dichter. Das war so recht der Fall bei unserem lieben Tartarin.

Der große Tarasconese trug, das werden meine Leser sicher schon längst gemerkt haben, die Seele Don Quixotes in sich. Er hatte dieselben ritterlichen Neigungen, dasselbe heldenhafte Ideal, dieselbe außerordentliche, fast komische Begeisterung für das Romantische, Grandiose und Ungewöhnliche wie jener irrende Ritter. Unglücklicherweise besaß er aber nicht auch den Körper des berühmten Hidalgo, nicht dieses lange, knochige, skelettartige Gestell, das man kaum noch als Körper bezeichnen kann, und das so wenig beeinflußt wurde von den Bedürfnissen des alltäglichen Lebens, daß es an einer Handvoll Reis auf vierundzwanzig Stunden genug hatte, und daß es zwanzig Nächte lang den Küraß angeschnallt behielt.

Ganz im Gegenteil hierzu war der Körper Tartarins der Körper eines echten Biedermanns, sehr dick, sehr breit, sehr empfindlich für äußere Einflüsse, sehr verweichlicht und verwöhnt, ein Körper, der an gut bürgerliche Kost gewöhnt war, wie an alle Behaglichkeiten des eigenen Herdes; mit einem Worte, der kurze und dicke Leib des unsterblichen Sancho Pansa.

Don Quixote und Sancho Pansa in einer Person! Man kann sich leicht denken, was das für eine Wirtschaft werden mußte, welche Seelenkämpfe, welche Selbstvorwürfe es da gab.

Oh, da hätten Lucien oder Saint-Evremond eine schöne Gelegenheit gehabt, einen ihrer reizenden Dialoge zu schreiben – einen Dialog zwischen den beiden Tartarins, zwischen Tartarin-Quixote und Tartarin-Sancho.

Tartarin-Quixote begeisterte sich an den Erzählungen von Gustav Aimard und rief: »Ich reise!«

Tartarin-Sancho jedoch dachte nur daran, daß man sich auf Reisen sehr leicht erkältet und sagte deshalb: »Ich bleibe!«

Tartarin-Quixote, feurig:

»Bedecke dich mit Ruhm, Tartarin!«

Tartarin-Sancho, sehr bedächtig:

»Tartarin, bedecke dich lieber mit Flanell.«

Tartarin-Quixote, immer enthusiastischer:

»O die prächtigen Doppelflinten! Die Dolche, die Lassos, die Mokassins!«

Tartarin-Sancho, immer bedächtiger:

»O die warmen Unterjacken! Die feinen Pulswärmer! Die schönen Ohrenklappen!«

Tartarin-Quixote, außer sich vor Begeisterung:

»Eine Axt! Man bringe mir eine Axt!«

Tartarin-Sancho, klingelt nach der Köchin:

»Jeannette, bringen Sie meine Schokolade!«

Schließlich war dann immer Jeanette erschienen, hatte die gewünschte Schokolade gebracht – ah, die war so hübsch heiß, sah so appetitlich aus und duftete so lieblich – und auch einige Aniskuchen. Damit stopfte dann Tartarin-Sancho dem Tartarin-Quixote den Mund.

Und so war es gekommen, daß Tartarin von Tarascon noch niemals Tarascon verlassen hatte.

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