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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Sie!

Diesen verschiedenen Talenten hatte Tartarin es also zu verdanken, daß er in Tarascon eine so hervorragende gesellschaftliche Stellung einnahm.

Es ist wirklich bewundernswert, wie der gute Mann die ganze Stadt für sich einzunehmen gewußt hatte.

Die Militärmacht von Tarascon hatte Tartarin auf seiner Seite. Der tapfere Kommandant Bravida, der früher im Montierungsdepot Dienste getan hatte, sagte von ihm: »Er ist ein Karnickel!« Und der Kommandant mußte sich doch darauf verstehen, sintemal ihm in seiner früheren Stellung doch derartiges genug unter die Hände gekommen war.

Die Beamtenwelt war für Tartarin. Zwei- oder gar dreimal hatte der alte Präsident Ladeveze in öffentlicher Sitzung erklärt: »Er ist ein Charakter!«

Das Volk endlich war ebenfalls für Tartarin. Seine Gestalt, sein Gang, sein ganzes Wesen, sein sicheres, zuversichtliches, unerschrockenes und unerschütterliches Wesen, sein Ruf als Held, zu dem er gekommen war, er wußte eigentlich selbst nicht wie, die Tatsache, daß er einigemal den kleinen Schuhputzern, die vor seinem Hause ihr Geschäft etabliert hatten, einige Geldstücke geschenkt und sie gemütlich am Ohr gezaust hatte – das alles machte ihn zum Beherrscher der Stadt und Umgebung, zum König auf den Gassen von Tarascon. Wenn Tartarin am Sonntagabend von der Jagd heimkehrte, die durchlöcherte Mütze auf dem Gewehrlaufe, gut eingehüllt in seine baumwollenen Jacken und Westen, dann verbeugten sich die auf den Quais der Rhone herumbummelnden Lastträger respektvollst. Dabei blickten sie auf die mächtig gewölbten, riesenhaften Muskeln ihrer eigenen Oberarme; dann aber warfen sie einen Seitenblick auf jenen und flüsterten einander voll Bewunderung zu:

»Der da ist aber erst stark! Der hat Doppelmuskeln!«

Doppelmuskeln! Man denke!

Ja, darauf versteht man sich eben nur in Tarascon.

Doch trotz alledem, trotz seiner vielseitigem Talente, trotz seiner Doppelmuskeln, trotz seiner Popularität und der gar nicht genug hochzuschätzenden Gunst des tapferen Kommandanten Bravida, der früher im Montierungsdepot Dienste getan hatte, war Tartarin nicht glücklich. Das Leben in der kleinen Stadt genügte ihm durchaus nicht, die Luft daselbst erschien ihm drückend, und oft glaubte er ersticken zu müssen. Der große Mann von Tarascon langweilte sich in ebendiesem Tarascon. Und wenn man nur einigermaßen billig urteilt, wird man zugeben müssen, daß für eine so heroische Natur wie die seinige, für seine nach Abenteuern dürstende Seele, die nur von großen Schlachten träumte, von Ritten in den Pampas, von gefährlichen Jagden, von Wüstenstürmen, von Orkanen und Typhons – daß es einem solchen Menschen wirklich schwer werden mußte, sich damit zu begnügen, an jedem Sonntage auf die Mützenjagd zu gehen und im übrigen beim Waffenschmied Costecalde dem Jagdgerichte zu präsidieren. Armer, großer Mann! Auf die Dauer mußte ihn diese Beschäftigung mit kleinlichen Dingen ja vollständig aufreiben.

Vergeblich waren alle seine Versuche, sich in das Getriebe der großen und wilden Welt hinein zu versetzen, wenn auch nur mit Hilfe der eigenen Phantasie, und das engumgrenzte Gebiet seiner Heimat dabei zu vergessen; vergeblich schaffte er sich den schon erwähnten Baobab an, vergeblich umgab er sich mit vielen anderen Erzeugnissen der üppigen afrikanischen Vegetation, vergebens häufte er Waffen auf Waffen, tat er neue malayische Krise zu den alten schon vorhandenen; vergebens war es auch, daß er sich in die Lektüre romantischer Erzählungen vertiefte oder daß er versuchte, sich gleich dem unsterblichen Don Quixote durch die Stärke seiner Einbildungskraft der ihn umgebenden schalen Wirklichkeit zu entziehen, die ihn wie mit Geierkrallen gepackt hatte und fest hielt. Gerade das, was dazu dienen sollte, seine Sucht nach Abenteuern zu stillen, fachte sie immer von neuem und immer noch heftiger an. Beim Beschauen seiner Waffensammlung geriet er in einen Zustand von Erregung und Heftigkeit, der manchmal besorgniserregend wurde. Seine Gewehre, seine Bogen, seine Lassos, sie alle schienen ihm unaufhörlich zuzurufen: »Auf zum Kampf! Zum Kampf!« Wenn der Wind in den Zweigen seines Baobab spielte und es leise rauschte, dann flüsterte ihm eine geheimnisvolle Stimme von großen Reisen zu und gab ihm schlimme Ratschläge. Dazu kam noch die stete Lektüre der Werke von Gustav Aimard, Fenimore Cooper . . .

Oh, mehr als einmal ist es an schwülen Sommernachmittagen passiert, daß Tartarin, wenn er so recht lange in seinem Privatzeughaus gesessen und gelesen hatte, plötzlich aufsprang, das Buch auf den Boden warf und laut brüllend und schreiend irgend eine Waffe von der Wand riß und damit wild herumfuchtelte.

Der arme Mensch hatte dann eben auf Augenblicke vergessen, daß er sich in dem friedlichen Tarascon befand, daß er eine seidene Mütze auf dem Kopfe trug und ihm die Kleider bequem und angenehm auf dem Leibe saßen. Das, was er gelesen hatte, glaubte er in Wirklichkeit zu erleben; der Ton seiner eigenen Stimme brachte ihn in immer noch größere Erregung. So schwang er denn einen Speer oder einen Tomahawk über dem Kopfe und schrie:

»So, jetzt sollen sie nur kommen!«

»Sie«? Wer sind »sie«?

Ja, das hätte Tartarin so ganz genau selbst nicht sagen können. »Sie« – damit waren einfach alle Angreifer, alle Gegner gemeint, alles, was haut, sticht, beißt, was skalpiert, ein Kriegsgeschrei ausstößt – kurz, was sich als Gegner der Zivilisation zu erkennen gibt. »Sie« – das waren die Sioux-Indianer, die ihre Siegestänze um den Marterpfahl ausführen, an den das unglückliche Bleichgesicht gebunden ist.

»Sie« – das waren die grauen Bären des Felsengebirges, die schwerfällig einhertappen und sich die Seiten mit den Zungen lecken, die noch ganz rot sind vom frisch genossenen Blut.

»Sie« – das waren auch die Beduinenstämme der Wüste, die malayischen Seeräuber, die Banditen aus den Abruzzen. »Sie«, das waren mit einem Worte »sie«, das heißt: Kampf, Reisen, Abenteuer, Ruhm und so weiter, usw. Aber ach! Der unerschrockene Tarasconese mochte »sie« noch so laut herbeirufen, er mochte »sie« schmähen so viel er wollte – »sie« wollten niemals kommen. Zum Teufel auch! Was hätten sie denn wohl in Tarascon anfangen sollen?

Tartarin aber gab dennoch die Hoffnung nicht auf, den so lange und so innig Herbeigesehnten einmal persönlich gegenüberzustehen. Ganz besonders erwartete er »sie« zu treffen, wenn er sich des Abends nach seinem Klub begab.

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