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Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon

Alphonse Daudet: Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
authorAlphonse Daudet
translatorA. Gerstmann
firstpub1872
year1913
publisherDer Gelbe Verlag Mundt und Blumtritt
addressDachau
titleDie wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon
pages5-216
created20061207
sendergerd.bouillon
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Die Karawane auf dem Marsche

In früher Morgenstunde des nächsten Tages brachen der unerschrockene Tartarin und der nicht minder heldenmütige Prinz Gregor mit einem Gefolge von einem halben Dutzend schwarzen Lastträgern von Milianah auf und stiegen in die Tiefebene des Cheliffstromes hinab, über eine kleine steile Anhöhe, die ganz mit Jasmin, Tujas, Johannisbrotbäumen und wilden Oliven bewachsen war, an zwei Reihen kleiner Gärten von Eingeborenen entlang und tausenden lustig rieselnder Quellen, die behaglich murmelnd von Fels zu Fels hüpften – es war wirklich eine paradiesisch schöne Gegend. Ebenso wie der große Tartarin hatte sich auch Prinz Gregor schwer bewaffnet, außerdem hatte er sich mit einem prächtigen und ganz einzigartigen Käppi ausstaffiert, das reich mit Goldschnüren geschmückt war und am Rande einen in Silber gestickten Kranz von Eichenblättern trug. So sahen Se. Hoheit wie ein mexikanischer General oder auch wie ein Bahnhofsvorstand aus den Donauländern aus.

Über dieses Käppi konnte sich der Tarasconese gar nicht genug verwundern, und er bat schüchtern um gefällige Aufklärung.

»Es ist dies eine ganz unentbehrliche Kopfbedeckung, wenn man in Afrika reisen will«, erwiderte der Prinz mit ernster Würde. Und nachdem er den Schirm mit dem Rockärmel geputzt hatte, daß er in der Sonne nur so glänzte, setzte er seinem gläubigen Begleiter lang und breit auseinander, welche wichtige Rolle dieses Käppi in unserem Verkehr mit den Arabern spiele, daß die Araber einzig und allein vor diesem Uniformstück Respekt hätten und daß demzufolge auch die Zivilverwaltung von Algerien sich genötigt gesehen habe, alle ihre Beamten, vom Straßenwärter bis zum ersten Bureauvorsteher, mit solchen Mützen zu uniformieren. Wenn man den Prinzen reden hörte, mußte man schließlich zu der Überzeugung kommen, daß es zur Verwaltung von Algerien gar nicht eines hellen und klugen Kopfes bedurfte – ja, daß ein Kopf überhaupt überflüssig war. Es genügte zu diesem Zwecke ein Käppi, ein schönes goldverbrämtes Käppi, das auf der Spitze einer Stange glänzt, wie weiland der Hut Geßlers.

Unter solchen höchst erbaulichen und lehrreichen Gesprächen setzte die Karawane ihren Marsch fort. Die Lastträger sprangen – barfuß, wie sie waren – von Stein zu Stein und lärmten und kreischten dabei wie die Affen. Die Waffen in den beiden Kisten rasselten und klirrten, die Flintenläufe blitzten in der Sonne. Die Eingeborenen, die dem Zuge begegneten, beugten sich bis zur Erde vor der wundertätigen Mütze.

Der Chef der arabischen Behörde ging gerade, um die frische Morgenluft zu genießen, mit seiner Gemahlin auf dem Wall von Milianah spazieren, als er den ungewohnten Lärm vernahm; sobald er nun auch noch die Waffen zwischen den Bäumen blitzen sah, glaubte er, einen Handstreich befürchten zu müssen, ließ die Zugbrücke aufziehen, den Generalmarsch schlagen und setzte die Stadt schleunigst in Belagerungszustand.

Das war ja ein recht hübscher Anfang für die Karawane. Unglücklicherweise sah die Sache, noch bevor der Tag zur Rüste ging, schon um vieles mißlicher aus. Von den Negern, welche das Gepäck trugen, bekam einer fürchterliche Leibschmerzen, da er das Heftpflaster aus der Reiseapotheke aufgegessen hatte; ein anderer hatte vom Kampferspiritus getrunken und fiel sinnlos berauscht am Wegrande nieder. Der dritte endlich, der das Reisealbum trug, ließ sich durch das goldglänzende Schloß verführen und flüchtete, in dem Glauben, alle Schätze Mekkas davonzutragen, mit seiner Beute, so schnell ihn seine Beine trugen, in den Zaccar. Das konnte nicht so fortgehen, es mußte eine Änderung getroffen werden. Die Karawane machte deshalb Halt, und man ließ sich im Schatten eines alten Feigenbaums zur Beratung nieder.

»Ich bin der Ansicht,« meinte der Prinz, indem er, aber ohne Erfolg, versuchte, eine Scheibe Pemmikan in einer Patentkasserole mit dreifachem Boden weich zu kochen, »ich bin der Ansicht, daß wir uns noch heute abend unserer schwarzen Lastträger entledigen. Es findet gerade ein arabischer Markt hier in nächster Nähe statt. Das Beste wäre, wir begeben uns dorthin und kaufen einige Burriquots.«

»Nein, nein – keine Burriquots!« unterbrach ihn der große Tartarin sehr lebhaft, dem die Erinnerung an Noiraud das Blut in den Kopf getrieben hatte.

Und er fuhr mit heuchlerischem Bedauern fort:

»Wie wollen Sie es über sich gewinnen, den kleinen Tieren unser ganzes Gepäck aufzubürden. Das können die Tierchen gar nicht ertragen.«

Der Prinz lächelte.

»Oh, darin irren Sie sich, mein verehrungswürdiger Freund! So schwach und gebrechlich der algerische Burriquot auch aussieht, so hat er doch ein sehr festes Rückgrat. Und er braucht es auch, um all das tragen zu können, was er tragen muß. Fragen sie nur einmal die Araber. Wissen Sie, wie sie unsere koloniale Organisation einteilen? Passen Sie auf! Am höchsten thront, so sagen sie, der Herr Gouverneur mit einem großen Stock, und mit diesem schlägt er den Generalstab. Der Generalstab schlägt, um sich zu rächen, den gemeinen Soldaten; der gemeine Soldat schlägt den Ansiedler, der Ansiedler prügelt den Araber, der Araber gibt die Schläge an den Neger weiter, der Neger schlägt auf den Juden, und der Jude prügelt den Burriquot. Der arme kleine Burriquot aber hat niemand, den er wiederschlagen kann, zieht das Rückgrat ein und erträgt alles mit Geduld. Da wird er wohl auch unsere Kisten noch tragen können. Meinen Sie nicht?«

»Das mag alles sein,« entgegnete Herr Tartarin, »ich bin aber der Ansicht, daß Esel dem Ansehen unserer Karawane nicht zustatten kommen würden. Ich dachte eher an etwas mehr Orientalisches . . . Wie wäre es z. B., wenn wir ein Kamel auftreiben könnten . . .«

»Nun, ganz wie Sie wünschen,« bemerkten Se. Hoheit, und der Zug schlug die Richtung nach dem arabischen Markte ein.

Der Markt wurde nur wenige Kilometer entfernt an den Ufern des Cheliff abgehalten. Fünf- bis sechstausend zerlumpte Araber hatten sich da eingefunden, die in der Sonnenglut durcheinanderwimmelten und lärmend miteinander feilschten, zwischen hohen irdenen Gefäßen mit schwarzen Oliven, Töpfen mit Honig, Gewürzsäcken und gewaltigen Haufen von Zigarren. Über großen Feuern brieten ganze Hammel am Spieße, und das Fett tropfte zischend und prasselnd in die Flammen; man sah Schlächtereien unter freiem Himmel, wo vollständig nackte Neger, die Füße im Blut und die Hände bluttriefend, mit kleinen Messern ein paar an Stäben hängende junge Ziegen zerstückelten. In einer Ecke hatte sich unter einem mit Flicken in tausenderlei Farben ausgebesserten Zelte ein maurischer Schreibkundiger niedergelassen; er hatte ein großes Buch vor sich und eine Brille auf der Nase. In der Nähe drängte sich eine sehr erregte und laut schreiende Menschenmenge; da war nämlich ein Roulettspiel errichtet auf einem umgestürzten Getreidemaß, und Kabylen schlitzten sich da den Bauch auf. Weiter unten erscholl wildes Getrampel und Gelächter, man hatte nämlich einen jüdischen Kaufmann entdeckt, der mit seiner Eselin in den Cheliff gestiegen war und nun mit dem Ertrinken kämpfte . . . Dazu Skorpionen, Hunde, Raben und besonders Fliegen! . . . Fliegen!

Aber was war das, es gab ja gar keine Kamele! Endlich, nach langem Suchen, entdeckte man eins, das M'zabiten los zu werden suchten. Es war das echte Kamel der Wüste, das Kamel, wie es im Buche steht, kahl, mit seinem traurigen Blicke, seinem langen Beduinenschädel und seinem Höcker, der aber von allzulangem Fasten schon ganz schlaff geworden war und melancholisch zur Seite hing.

Tartarin fand es so schön, daß er wünschte, die ganze Karawane sollte darauf reiten . . . Noch immer die Orientschwärmerei!

Das Tier kauerte sich nieder, und man schnallte die Gepäckstücke auf seinem Rücken fest. Der Prinz nahm auf dem Halse des Tieres Platz. Tartarin aber ließ sich, des majestätischen Eindrucks wegen, hinauf auf den Höcker zwischen zwei Kisten heben. Stolz und würdevoll grüßte er von da mit gnädiger Handbewegung alle Besucher des Marktes, die herbeigeeilt waren, dann gab er das Zeichen zum Aufbruch. Donnerwetter! Wenn die guten Leute in Tarascon ihn doch so hätten sehen können!

Das Kamel richtete sich auf, hob seine langen, knotigen Beine und setzte sich in Bewegung.

O Schrecken! Schon nach einigen Schritten wurde Tartarin bleich und fühlte, daß er unwohl wurde. Der heldenhafte Fez nahm der Reihe nach die alten bekannten Lagen ein, wie damals an Bord des »Zuaven«. Dieses verdammte Kamel schaukelte wie eine Fregatte.

»Prinz, Prinz,« murmelte Tartarin ganz leichenblaß und klammerte sich krampfhaft an das vertrocknete Fell des Höckers; »Prinz, um Gottes willen – steigen wir herunter! Ich fühle – ich fühle – Frankreich kann hier oben nicht mit Ehren bestehen, es wird sich übergeben müssen.«

Da war aber schwer zu helfen. Das Kamel war nun einmal im Schuß und konnte nicht mehr zum Stehen gebracht werden. Viertausend Araber liefen barfuß hinterdrein, gestikulierten, schrien, lachten wie die Besessenen und ließen sechshunderttausend weiße Zähne in der Sonne glänzen.

Der große Mann aus Tarascon mußte sich darein ergeben. Traurig sank er auf dem Höcker des Kamels zusammen. Der Fez befand sich bald in den sonderbarsten Lagen – und Frankreich mußte sich übergeben.

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